Hitler-TV

18 01 2022

„Blitzkrieg machen Sie mal in je zwei Folgen von Donnerstag bis Samstag. Als Event-Dreiteiler. Den Einmarsch der Alliierten senden wir aber am Stück, und verkaufen Sie bloß keine Werbung. Da schaltet unsere Zielgruppe eh ab.

Man muss ja sein Publikum im Auge behalten, sonst kriegt man das nie finanziert. Stalingrad ist gerade noch so an der Grenze, wenn Sie da zu früh sagen, dass die Planung schon scheiße war, dann sind Sie die Zuschauer sofort los. Kann man nicht machen. Das hat nichts mit historischer Bildung zu tun, Gott bewahre – denen können Sie erzählen, dass der Führer bei der Erledigung der Tschechei mit kleinen grünen Männchen gekämpft hat, das interessiert keine Sau – sondern ausschließlich mit dem Zeug, das die anderen Sender rausgehauen haben. Jahrzehntelang. Das prägt sich ein. Wenn Sie das nutzen wollen, viel Spaß in der Kurve.

Das sind schöne Aufnahmen, haben Sie davon auch längere Sequenzen? Natürlich kann man das immer wieder neu zusammenschneiden, aber davon wird eben die Geschichte nicht besser. Blondi ist nun mal ein schönes Motiv, da schaut man gern hin, aber immer diese Schnipsel – lassen Sie sich da mal etwas einfallen, und dann machen wir eine eigene Sendung, okay?

Deshalb ja Hitler-TV, da weiß man sofort, was einen erwartet. Markenkern und so. Und man kann das politisch verstehen, muss es aber nicht. Da sind wir in jeder Hinsicht offen. Man muss ja auch mal in die Zukunft denken, da keiner weiß, wie sich die Parteienkonstellationen hier in Deutschland verschieben werden. Am Ende kommt die große Erinnerungswende, dann muss man den Führer gar nicht mehr als das Böse betrachten, und wir können dann mit einem sehr differenzierten und nach allen Seiten hin relativistisch abgepufferten Programm unsere Jobs behalten. Oder überleben.

Natürlich kann man eine differenzierte Sicht auf die Dinge bieten, wieso? Schauen Sie mal, wir sind uns der gesellschaftlichen Verantwortung durchaus bewusst. Wir zeigen eine kritische Einordnung der Schulmedizin, auf der anderen Seite aber auch die Impfaktionen der SS. Daraus kann sich dann jeder Interessierte sei eigenes Weltbild zusammenbauen, mit dem er gut lebt. Vor Eigenverantwortung kann man sich nicht schützen, und das gilt nicht nur im historischen Kontext. Dafür leben wir ja derzeit in einer pluralistischen, toleranten Gesellschaft.

Übrigens ist dieses Konzept sehr entlastend für die internationalen Beziehungen. Das hören wir von den ausländischen Partnern immer wieder. Wenn Sie die Nachgeburten, ich meine: Nachgeborene fragen, die haben bei der Schuldfrage eine klare Linie. Das war alles Hitler. Und zum Schluss, so ab 1939, war das alles so kompliziert, da hat auch der Führer nicht mehr den Durchblick gehabt, darum musste man ihn auch mit wesentlichen Nachrichten von der Front verschonen. Wenn man der größte Feldherr aller Zeiten ist, kann das schon mal sehr kritisch werden, aber auf der anderen Seite weiß man dann auch, dass Hitler vom Krieg gar nichts mitbekommen hat. Er musste ja ständig Pläne von der architektonischen Umgestaltung der neuen Welthauptstadt Germania entwerfen. Wie kann man bei dem Arbeitspensum einen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion führen? Genau. Und mit dem Argument sind wir sehr erfolgreich, wenn wir den Russen erklären wollen, dass Hitler gar nicht so schlimm war. Er hat ja quasi nur die Befehle der Industrie ausgeführt, und das machen so gut wie alle kriegführenden Nationen. Hitler war eigentlich ein klassisches Opfer. Da trifft es sich auch klasse, wenn man ihn heute in dieser Opferrolle kennen lernt oder auch interpretiert.

Ja, wir nehmen das über die Reichsflugscheibe ins Feiertagsprogramm, aber nur sehr spät abends. Das ist ja nüchtern gar nicht zu ertragen, und wenn Sie das auf den Nachmittag schieben, kriegen wir wieder Beschwerden von Wissenschaftlern. Aber Sie recherchieren das bitte ordentlich durch, ich habe keine Lust, dass wir wieder irgendwelche Bilder aus Norwegen zeigen und dann behaupten, das sei Neuschwabenland, verstanden?

Dass wir hin und wieder auch abseitige Themen integrieren, heißt noch nicht, dass wir beliebigen Verschwörungserzählungen Raum geben. Wenn wir die Untersuchung von Hitlers Schädel in Moskau in einem liebevoll gestalteten Mehrteiler zeigen, dann heißt das nicht, dass wir auch behaupten würden, er sei nach Argentinien geflohen. Wobei der Film schon ein paar Jahre alt ist, deshalb könnte man den durchaus auch im Nachtprogramm bringen.

Lesen Sie das mal auf den großen Stapel, ich sehe mir das nachher an. Wir kriegen ja eine Menge Fremdproduktionen rein, nicht nur diese älteren Filme, zum Teil ganz interessante Sachen. Das ist eine gewisse Erleichterung für unsere Arbeit, dass wir nicht immer nur dieselben Beiträge in Dauerschleife zeigen müssen, aber wir müssen da genau unterscheiden, was unseren Ansprüchen an Qualität und Zuverlässigkeit genügt. Antisemitische Hetze können wir selbstverständlich nicht dulden, das würde die finanziellen Mittel unseres Senders übersteigen. So eine Rechtsabteilung kostet auch. Aber man kann ja auch mal kontroverse Fragen aufgreifen, ob zum Beispiel Mikrowellenangriffe auf deutsches Erbgut real existieren oder ob ein Chemtrail-Angriff durch eine Geheimregierung rein technisch möglich wäre. Wir lassen das aber immer vorher juristisch absegnen, sonst wirft man uns am Ende noch vor, wir gehören zur Lügenpresse. Und seien wir mal ehrlich, könnte sich Springer das angesichts seiner aktuellen Auflagen leisten?“





Kanzlermaterial

15 12 2021

„Das ist nicht Ihr Ernst!“ Siebels stöhnte. „Ziehen Sie das an“, presste er zwischen den Lippen hervor, „wir sind in zwei Minuten auf dem Studiogelände.“ Ich wusste nicht, wann ich mich je zuvor in einer Limousine in einen Anzug gezwängt hatte, noch dazu auf der Rückbank und bei deutlich überhöhter Geschwindigkeit.

„Niemand wird Sie erkennen“, hickste der TV-Produzent, denn wir jagten über Kopfsteinpflaster. „Sie tun einfach, was Sie in den Anweisungen für Berufspolitiker gelesen haben, dann kann uns gar nichts passieren.“ Ich versuchte irgendwie, am Reißverschluss der Hose zu ziehen. „Und für wen werden sie mich halten?“ Siebels zuckte die Schultern. „Vermutlich für einen Staatssekretär, eventuell auch für einen Minister – das Kabinett ist so neu, die haben sich bestimmt noch nicht alle Namen gemerkt.“ Da öffnete sich auch schon das Rolltor, der Wagen glitt mit scharfem Schwung hinein, um dann abrupt in die andere Richtung abzubiegen. Siebels hielt sich am Griff über der Tür fest. „Die Krawatte sitzt“, lobte er. „Beckmann, wir werden an der 3 erwartet.“ So war es auch, an der Halle stand ein Pulk mit Mikrofonen und Kameras. Der Fahrer ließ das Auto ausrollen. Jetzt galt es.

Kaum hatte Beckmann die Tür geöffnet, hatte ich schon das erste Diktiergerät unter der Nase. Ein junger Mann streckte mir den Arm gefährlich nahe; ein Schritt, und er wäre nach vorne gefallen. „Was können Sie uns zur aktuellen Situation sagen?“ In den Gesichtern der anderen Reporter war deutlich die Verärgerung zu lesen, dass ausgerechnet er die wichtigste Frage zu stellen gewagte hatte. Ich zog die Hände aus den Hosentaschen, vollführte eine beschwichtigende Geste und atmete hörbar ein. Der Geräuschpegel schien sich daran nicht zu stören; es klickte und schnaufte verbissen weiter. „Zunächst ist die Bundesregierung in engem Kontakt mit allen Experten“, begann ich. „Dabei wird es für uns keine roten Linien geben, da wir die Folgen einer solchen Lage wie der gegenwärtigen, in der wir uns jetzt befinden, auch in ihren Auswirkungen für uns und unsere internationalen Partner analysieren – wir machen uns zu jeder Entwicklung ein genaues Bild, aber ich wiederhole nochmals: wir schließen keine notwendige Reaktion auf die Ereignisse aus.“ Ich wippte ein wenig auf den Zehenspitzen, denn es war um diese Tageszeit empfindlich kalt. Siebels sah nervös zu mir herüber. Noch waren wir nicht aus dem Schneider.

„Hüppelspeck“, rief eine Journalistin, „Bad Gnirbtzschener Bote!“ Sie fuchtelte aufgeregt mit dem Kugelschreiber, obwohl ihre Assistentin das Mikrofon hielt. „Welche Maßnahmen sind aus Ihrer Sicht jetzt notwendig?“ Ich warf einen kurzen Blick zu Siebels und räusperte mich. „Vor allem werden wir schnell und entschlossen handeln“, verkündete ich. „Die Lage erlaubt keinen weiteren Aufschub, und ich sage dazu, dass wir über die Parteigrenzen hinweg uns darauf verständigt haben, Lösungen zu finden, die verfassungskonform sind – die Kritik einzelner Teile der Opposition ist nicht konstruktiv und wird uns als Bundesregierung nicht abhalten, einen wirklichen Fortschritt ins Auge zu fassen, den die Bürgerinnen und Bürger in dieser Stunde von uns erwarten können.“ „Was heißt das konkret?“ Ich musste mich nicht umdrehen, um zu wissen, dass Siebels in diesem Moment zusammengefahren war. Aber gut, sie wollte es wirklich wissen, also würde sie auch eine Antwort bekommen. „Ich will den Beratungen in den Gremien zu dieser Stunde nicht vorgreifen“, führte ich ungerührt aus, „das würde eventuell zu vorschnellen Erwartungen an die Beschlussebene führen, die unsere Lage nicht verbessern.“ Sie nickte. Ein offenes Wort kann doch Wunder wirken.

Sicher hatte Siebels mit dem Finger auf einen der frierenden Korrespondenten haben, denn er fiel mir umgehend ins Wort. „Können wir zur Stunde einen Kursturz an der Börse ausschließen?“ Na gut, mein Junge, dachte ich mir. Du wolltest es ja nicht anders. „Können Sie zur Stunde einen Anstieg der Aktien ausschließen?“ Die anderen wussten nicht, warum sie lachten, aber sie lachten. Vielleicht war es doch keine so schlechte Idee, dieses Training mit dem Produzenten, der vor lauter Talkshows kaum noch vernünftige Sachen machen konnte. „Noch drei Fragen“, tönte es aus dem Hintergrund. Ich atmete auf. „Welche Belastungen werden jetzt auf die Bürger zukommen?“ Ich zog die Stirn in Falten. Zwar unbeabsichtigt, aber es passierte einfach. Pass auf, Freundchen. „Wir haben immer gesagt, dass es die notwendigen Veränderungen geben muss, und wir haben von den Bürgerinnen und Bürgern eine hohe Zustimmung zu den Transformationen in allen Lebensbereichen erhalten, mit denen wir uns nun vor den Krisen schützen, einerseits, andererseits vor den Folgen, die wir zu gewärtigen hätten, wenn wir uns eben nicht für die Zukunft wappnen würden. Das möchte ich an dieser Stelle noch einmal in aller Deutlichkeit zum Ausdruck bringen, weil es der Auftrag ist, den ich persönlich mit meinem Amt in der Bundesregierung verbinde.“

Die Standheizung war ausgefallen. Hektisch knetete Siebels seine klammen Finger und wühlte in den Manteltaschen. „Es lief aber doch ganz gut“, zwängte er zwischen seinen klappernden Zähnen hervor. Der Wagen fuhr langsam an. „Also ich habe ja schon viele gesehen“, sagte Beckmann, „Sie sind ein echtes Naturtalent.“ Siebels nickte, vielleicht sah es auch nur so aus. Schon waren wir wieder auf dem Weg in die Produktionsfirma. „Man muss sich immer etwas einfallen lassen“, keuchte er. „Die politische Klasse verlangt das einfach.“





Mief

17 11 2021

„Gucken Sie mal eben nach, ob der noch lebt, und wenn er noch nicht tot ist, dann fragen Sie mal, ob er auftreten kann. Aha. Seit wann? Dann hat sich das wohl erledigt. Müssen wir die nächste Sendung mit Gottschalk irgendwie anders hinkriegen.

Sie wundern sich vielleicht, wo wir den ganzen alten Kram her haben, wir wundern uns, dass das jetzt erst wieder jemand haben will. Die Schlager aus den letzten zwanzig Jahren, das macht doch Zahnschmerzen, wenn man nur daran denkt. Die aus den Siebzigern, die wollen die Leute hören. Die meisten sind inzwischen ja längst in den Siebzigern, Gottschalk auch, da fällt das dann nicht so auf, und die ganzen Hupfdohlen sowieso. Vermutlich eine Art Regression, dass die Leute sich wieder jung vorkommen wollen. Innere Konflikte, Klimawandel oder Alte-weiße-Männer-Mimimi, keine Ahnung. Wir beraten ja nur, aber wir haben hier Dutzende von Anfragen, ob wir die Uhr nicht zurückdrehen können, bis wohin und für wie lange. Geld spielt da offenbar keine Rolle.

Hier, dieser andere Typ, der mal die Sendung mit dem Dings gemacht hat, tritt der noch auf? Aha. Und nach so einem Schlaganfall kann man nicht mehr moderieren? Ich meine ja nur. Wie gesagt, an der Gage soll’s nicht scheitern, aber der kann nicht mehr sprechen? Nee, kann man nicht machen. Das gibt nur negative Vibes. Dann lieber noch mal den Eumel, der bei der Rateshow immer so genuschelt hat, den konnte auch keiner ausstehen, aber der ist wenigstens noch nicht tot. Oder sieht nicht tot aus, so genau kommt es ja heute nicht mehr darauf an. Die Leichen werden halt auch immer jünger.

Wenn wir Schäuble da reinrollen, wäre das okay? Der verbreitet zuverlässig schlechte Laune, man erinnert sich sofort an die CDU-Spendenaffäre, das wäre eine großartige Besetzung. Rufen Sie den ruhig mal an, für Geld macht der alles. Vielleicht kriegen wir den sogar für eine Ratesendung, zehn braune Briefumschläge, und er muss rauskriegen, welcher in seinem Schreibtisch gelegen hat. Das ist super, schreiben Sie das mal gleich auf. Wir warten noch ein paar Jahre, bis Spahn und seine Pappnasen in der Versenkung verschwunden sind, und dann machen wir mit dem eine Rateshow – ‚Wer wird Millionär‘. Doofe Frage, Spahn natürlich.

Im Grunde könnte man heute schon die Fragen schreiben, vielleicht erinnert sich in dreißig Jahren keine Sau mehr an diese Arschgeigen, weil sie irgendwann in den Klimawirren gewaltig aufs Dach gekriegt haben. Wenn wir diesen Carpendale jetzt aus dem Verkehr ziehen könnten, hätten wir auch gleich den passenden Sänger. Der macht immer mal wieder eine Abschiedstour, dann gibt es Abschied vom Abschied, dann Abschied vom Abschied vom Abschied, und so weiter, und wenn wir den auf die Schnelle ausstopfen oder einfrieren, dann läuft die Sache. Den Schmodder können Sie auch noch in fünfzig Jahren singen, das fällt nicht auf.

Der Witz ist ja, selbst dieser ganze Retrokram ist nicht neu. Alles schon mal da gewesen, und viel schlimmer als jetzt. Vor hundert Jahren, da mussten Sie sich nur irgendwo auf eine Bühne stellen und greinen: ‚Unter dem Kaiser hätte es das aber nicht gegeben!‘ Wenn Sie Nazi sind, erzählen Sie halt irgendwas mit dem Führer, DDR kommt im Osten auch gut an, ansonsten war früher grundsätzlich alles besser. Wahrscheinlich war vor fünfzig Jahren das Internet schneller oder im Sommer war es nicht so warm, aber es gab noch die D-Mark, die Mauer und die Sowjetunion, Sendeschluss im Fernsehen und zwei Sorten Brause und Magnetseife und ein Sandmännchen Ost und ein Sandmännchen West, und heute kann man mit dem Frauenbild der Fünfziger noch locker Karriere in der deutschen Bundespolitik machen. Das ist wie Toast Hawaii, irgendwann kommt alles wieder. War damals schon scheiße, aber jetzt will das keiner zugeben.

Schreiben Sie mal auf: Rechercheprojekt über ersten Jahre nach Merkel. Was haben die Leute da gedacht, gesehen, gehört, Mode, Musik, Zeitgeist, der ganze Mief halt, den wir in den nächsten zehn bis dreißig Jahren verdrängen. So als Zeitkapsel. Das könnte man jetzt schon als Sendereihe planen, mit O-Tönen und Kommentaren, und wenn wir Glück haben, können wir dann die Originale mit ihren Kommentaren von heute, also dann: von damals, konfrontieren. Gut, ist jetzt auch irgendwie dialektisch, aber ich glaube nicht, dass in dreißig Jahren noch irgendwer diesen Ansatz intellektuell nachvollziehen kann, also hoffen wir mal, dass es dann noch irgendwie witzig ist.

Andererseits könnte man das psychoanalytisch aufarbeiten und den ganzen Knalltüten eintrichtern, die unbedingt ihr Deutsches Reich ohne Ausländer wiederhaben wollen und diskriminierende Namen für Schokoladenküsse und Paprikaschnitzel, weil das immer schon so war. Wir müssten mal über eine Einrichtungssendung nachdenken, in der wir die Wohnungen von diesen Leuten mit dem Sperrmüll ihrer Großeltern vollschaufeln, mit Nierentischen, Räuchermännchen, Musiktruhen, mit Tütenlampen und Cocktailsesseln und diesem ganzen kulturellen Rückwärtsgang, der irgendwo in den embryonalen Nullpunkt will, wo es keine Verantwortung gibt, der optimale Safe Space für alle, die die Nase voll haben vom Erwachsensein. Ich glaube, wir haben hier ein gutes Konzept, arbeiten Sie das bitte mal aus, wir bräuchten sechs Sendungen, Moderation, Einspieler, thematische Schwerpunkte, und eine Kulisse, voll Retro-Style. So, und ich will jetzt für die nächsten beiden Stunden bitte nicht gestört werden, gleich kommt Friedrich Merz.“





Unkonventionell. Direkt. Spontan

4 08 2021

„… keine Möglichkeit sehe, an einer Diskussion im deutschen Fernsehen teilzunehmen. Laschet habe zur Rettung der Nation so viel zu tun, dass er seine Zeit nicht mit…“

„… Unterstützung von Haseloff bekommen habe, der die Medienhetze der linksversifften SPD-Republik beklage und die sofortige Absetzung der stalinistischen Kräfte in dem…“

„… einen Kompromiss in der Gestaltung des Programmplatzes angeboten hätte. Die gerade erst gegründete Produktionsgesellschaft Opus Dei TV könne erbauliche, national motivierende und antikommunistische Kommunikationsbeiträge von bis zu drei Minuten Länge zur Verfügung stellen, die segensreich und informativ für die…“

„… es sich bei ProSieben nicht um einen öffentlich-rechtlichen Kanal handle, der für die Diskussion um eine Abschaffung des staatlichen Rundfunkbeitrags überhaupt nicht in…“

„… da das Format keinen journalistischen Mehrwert biete, wenn der Unionskandidat gemeinsam mit den anderen Bewerbern von einem oder mehreren Journalisten befragt werde. Laschet habe so keinen ausreichenden Raum, seine bisher noch nicht auseichend bekannten politischen Ideen für ein Innovationsjahrzehnt zu…“

„… eine Beschwerde beim Deutschen Presserat ins Leere gelaufen sei. Anders als von Ziemiak in den Medien des Springer-Konzerns dargestellt sei es eben nicht üblich, sowohl die Fragen als auch die Zwischenbemerkungen von Moderatoren in einem Interview vorab von einer Beraterfirma zu…“

„… dass ProSieben sehr wohl die Spitzenkandidaten einzeln in einer eigenen Sendung präsentieren wolle. Da Laschet seine Teilnahme postwendend bekannt gegeben habe, könne man nicht davon ausgehen, dass er dieses nach reiflicher Überlegung und …“

„… nur dann teilnehmen werde, wenn die Ausstrahlung in Ostdeutschland nicht stattfinde. Die Bundestagsfraktion hoffe auf die ungebrochene Zustimmung zur AfD, die keine Gefährdung für eine Koalition mit der…“

„… das Sendungsmotto Unkonventionell. Direkt. Spontan bei den anderen Kandidaten auf Zustimmung gestoßen sei. Dies lasse darauf schließen, dass die Produktion in Kooperation mit den Feindmächten ausgeheckt und über einen der staatlichen Kontrolle entzogenen Kanal an die…“

„… habe ein weiteres Sondierungsgespräch mit dem Wahlkampfteam nicht den gewünschten Durchbruch erzielt. Die CDU halte die vom Sender präferierte Beschränkung auf inhaltliche Fragen für eine linksextremistisch motivierte…“

„… nur zustimmen werde, wenn für die Sendung mit dem CDU-Kandidaten der Titel in Ohne Kohleabbau haben wir keinen Strom mehr. Land der Küchenbauer. Noch irgendwas über Alkohol, Pädophilie oder Borderline, aber Baerbock ist schuld geändert werde, um die Wähler vom…“

„… und durchgestochen habe, dass Laschet in einem Wahlwerbespot nicht sein typisch vulgär-enthemmtes Lachen zeigen dürfe. Sein Team zur Begrenzung der größten Schadwirkung sei bereits gewarnt worden, dass man den Kandidaten mit den Klängen einer Totenmesse triggern würde, um ihn zu einem reflexartigen…“

„… werde das Interview sicher aufgezeichnet, was dem Sender eine Menge Möglichkeiten für nachträgliche Manipulationen biete. Die CDU habe sich stets für eine vollkommene Kontrolle der Medien ausgesprochen, was für diese Situation einen unerlässlichen…“

„… es nicht möglich sei, die Kamera bei den Antworten von Laschet mit halber Geschwindigkeit laufen zu lassen. Wenn der Kandidat überlegen müsse, habe er vor der Sendung noch lange…“

„… dass Fragen aus dem Studiopublikum nur nach vorheriger Klärung durch eine Kommission möglich seien. Laschet werde sich nicht auf billige Provokationen aus einem Volk, das in der Mehrheit nicht Mitglieder der CDU, von RWE, einem Autokonzern oder nordrhein-westfälischen…“

„… erhebliche Kieferverletzungen und einen Trümmerbruch des Nasenbeins davongetragen habe. Merz sei unangemeldet auf das Studiogelände gekommen, habe seine Hilfe bei der Beseitigung von Rechts- und Sozialstaat angeboten und die dritte Sendung unter MERZ. JETZT REDE ICH. UND WENN MIR IRGENDEIN VERKACKTER HUNGERLEIDER DER STEUERN ZAHLT DAZWISCHENQUAKT SPUCKT IHR MINDERLEISTER ALLE BLUT bei der Aufnahmeleitung angekündigt. Es sei zu einem Missverständnis mit zwei Securitymitarbeiterinnen gekommen, worauf eine Handgreiflichkeit zu einer schnell eskalierenden…“

„… die Absage des Kanzlerkandidaten erneut bekräftigt habe. Eine Livesendung werde in dieser Phase linksextremistisch motivierter Propaganda gegen die Innovation eines völkisch-christlichen nur ausgenutzt, um durch satanistische Botschaften die Rettung der Kohleindustrie vor den…“

„… die Fragen stellen werde, während die für Antworten vorgesehenen Zeiten vom Geräusch eines Heißluftgebläses ausgefüllt würden. Damit sei der Sender zufrieden, da er eine objektive und…“

„… sich auf die erste Sendung des Formats sehr freue, in dem sie durch mimische Kommentare die Inhalte ihres Parteivorsitzenden begleiten werde, um danach eine politische Einschätzung für die Wähler abzugeben. Angela Merkel habe mit viel Interesse die neue und unkonventionelle…“





Strahlenatome

28 04 2021

„Halten Sie Ihren Ausweis bereit.“ Siebels schmiss den Plastikbecher in den Papierkorb vor dem Eingang und klingelte an der Pforte. Ein Surren kündigte den Türöffner an. Wir betraten die Anstalt und gingen auf die Pförtnerloge zu. Der Mann mit der Schirmmütze winkte uns mit einer müden Handbewegung durch. Das also war es.

Ich sah mich um. „Das hatte ich mir ganz anders vorgestellt“, bekannte ich. „Vermutlich mit vielen schweren Türen und vergitterten Fenstern“, knurrte der Fernsehmacher. „Sie verwechseln es mit einem Gefängnis, aber da sitzen ausschließlich geistig gesunde Menschen.“ Er hatte ja recht. In dieser geschlossenen Abteilung bewahrte man die schweren Fälle auf. Vollkommen friedlich saßen zwei Männer in der Sonne, während eine Frau an der Mauer entlang spazierte. Unvermittelt stand die Leiterin vor uns. „Sie sind pünktlich“, stellte sie fest. „Das weiß ich zu schätzen, wir haben hier alle Hände voll zu tun mit unseren Patienten.“

Sie führte uns nach unten in den Innenhof, der auf dem Niveau des Kellergeschosses angelegt war. „Seien Sie bitte vorsichtig“, riet sie. „Man sieht ihnen nicht unbedingt an, ob sie gerade einen Schub haben.“ Jetzt fiel uns auf, dass einer der Insassen eine Taucherbrille trug. „Herr Kistner“, mahnte die Ärztin, „Sie haben schon wieder Ihren Mundschutz nicht korrekt angelegt.“ Der Angesprochene sprang auf. „Sie haben die Strahlung angestellt“, schrie er. „Da kommen Strahlenatome aus der Maske, die für die Fernsteuerung programmiert sind.“ „Einer unserer leichten Fälle“, bestätigte die Leiterin. Ich stutzte. „Es gibt hier keine großen Überraschungen, bei ihm wissen wir immer, was er sagt.“ „Sie will mich fernsteuern“, kreischte Kistner. „Dafür zahlt der Stromminister von China hundert Milliarden pro Atom!“ „Gut“, meinte Siebels. „Ich weiß noch nicht, ob wir damit arbeiten können, aber ich kann mir wenigstens schon mal einen Eindruck über Ihre Einrichtung verschaffen.“

Während die Leiterin den immer noch tobenden Kistner zu beruhigen versuchte, gingen wir in den Hofgarten hinein. „Würden Sie mir vielleicht auch verraten, was wir hier gerade suchen?“ „Nur die Ruhe“, antwortete Siebels. „Wir sind ja gerade erst angekommen.“ Und er ging weiter, bis er an der Mauer angelangt war. Die Frau hatte sich auf eine Bank gesetzt und blickte in den Himmel. „Es gibt im Augenblick nur Tarnflugzeuge“, sagte sie. „Die anderen hat Merkel verbieten lassen, weil sonst die Verträge mit dem Islam ungültig sind.“ „Sehr gut“, frohlockte Siebels. „Sehr gut, damit können wir arbeiten. Kommen Sie, es lohnt sich.“ Die Leiterin hatte noch immer genug mit dem schreienden Mann zu tun, ich setzte mich auf die Bank gegenüber. „Die Wolken werden jetzt einzeln ionisiert durch Geschwindigkeitsaufladung“, sagte die Patientin. „Dann können die Chemtrails von alleine bis nach Afrika ziehen.“ „Interessant“, meinte Siebels. „Sie glauben mir nicht“, argwöhnte sie. „Dabei haben Sie sich damit vorher noch nie beschäftigt und wissen wahrscheinlich auch nicht, dass es diese Megasäuren nur gibt, weil Merkel sie im Islam hat entwickeln lassen.“ Siebels räusperte sich. „Was ich noch nicht ganz verstehe, wenn es nur noch diese unsichtbaren Flugzeuge gibt, warum hat man sie nicht schon viel früher eingesetzt? Dann wäre doch der Plan nie rausgekommen.“ Sie sagte nichts. Die Leiterin kam herüber. „Regen Sie Frau Trischke bitte nicht zu sehr auf.“ Siebels musterte die Dame. Sie dachte offenbar gerade angestrengt nach. „Das Geld musste ja erst gestohlen werden“, gab sie zurück. „Dazu haben sie Corona erfunden, Merkel und die Islamiker, und dann werden von denen, die im Krankenhaus sind, die Wohnungen durchsucht und das Geld gestohlen, und jetzt gibt es allein in Berlin hunderttausend unsichtbare Flugzeuge.“ „Es reicht jetzt“, drängte die Leiterin. „Sie ist sonst den ganzen Abend wieder so unruhig.“

Siebels ging noch ein bisschen durch den Garten und sah sich den Springbrunnen in der Mitte an, der leise vor sich hin plätscherte. „Jetzt sagen Sie mir bitte, was Sie hier suchen.“ „Experten“, sagte er. „Keine Talkshow ohne Experten, das wissen Sie dich genau so gut wie ich – nur, dass wir das ein neu interpretieren werden.“ Ich war verwirrt. „Sie wollen diese Wahnsinnigen allen Ernstes in ein Fernsehstudio mit Politikern und Wissenschaftlern setzen?“ Siebels nickte. „Als Betroffene.“ Ich verstand überhaupt nichts mehr. „Schauen Sie“, sprach er. „In einer Sendung über Rassismus fällt den Produzenten nichts Besseres ein, als einen Nazi in die Diskussionsrunde zu setzen. Geht es um den Pflegenotstand, holen sie eine Aktionärsarschgeige, die gerade als Gesundheitsminister versagt. Wir werden in den kommenden Wochen noch genug Formate haben, in denen die explodierenden Zahlen der dritten, fünften, dreizehnten Welle durchgekaut werden.“ „Und Sie wollen jetzt…“ Er nickte. „Wir setzen Frau Trischke ins Studio und lassen sie in aller Ruhe ihren hirnverbrannten Blödsinn reden. Viel hirnverbrannter als ein CDU-Kanzlerkandidat kann man nicht sein, und vielleicht öffnet genau das den Zuschauern die Augen.“

Er besprach noch etwas mit der Leiterin, machte sich eine kleine Notiz und blickte dann auf die Uhr. Dann verabschiedete er sich und ging wieder herauf ins Erdgeschoss. Siebels machte einen durchaus zufriedenen Eindruck. „Einen Abend pro Woche“, verkündete er. „Dafür bekommen wir sie auch exklusiv.“ Und er lief auf den Eingangsbereich zu, wo der Pförtner zwei Finger an den Rand seiner Schirmmütze legte und uns müde zulächelte. Was hatte er nicht alles schon gesehen.





Banale Grande

1 03 2021

„… plane die Mittelstandsvereinigung der CDU die Fusionierung der Sendeanstalten ARD und ZDF. Ziel der Maßnahmen sei ein demokratisches Medium, wie es nur aus einer Hand für die…“

„… dass es viele redundante Strukturen in den Landesanstalten gebe. So wolle die Autorengruppe aus Medienfachleuten und CDU-Hinterbänklern durch die Abschaffung der Funkhäuser einen großen Beitrag zur tatsächlichen Einheit der Bundesrepublik leisten und werde damit den Erfolg einer unionsgeführten Regierung nochmals…“

„… keine Nähe zu rechtskonservativen Parteien herstelle. Nur weil die Mittelstandsvereinigung der Union genau wie die AfD ein von Steuergeldern finanziertes Fernsehen, dessen Anspruch es sei, Deutschland vor den Augen der Weltöffentlichkeit in den Dreck zu ziehen, konsequent ablehne, sei man noch lange keine rechtskonservative oder…“

„… eine Abschaffung des BR weder jetzt noch zu einem späteren Zeitpunkt zur Debatte stehe. Söder habe den Vorsitzenden als Riesenstaatsmann Linnemann tituliert und werde ihn genau wie bisher vollständig ignorieren, da er keine Einmischung in innerbayerisch…“

„… werde der Vorschlag der Autorengruppe die regionale Vielfalt in den deutschen Medien eher noch verstärken. Es stehe den Zeitungsverlagen beispielsweise frei, länderspezifische Angebote im Internet zu publizieren und damit eine subjektiv auftretende Lücke wieder zu…“

„… sich Linnemann gegen die seiner Meinung nach linksextremistische Kritik an den Plänen der MIT verwahre. Er werde von den Medien immer nur dass zitiert, wenn er Inhalte vertrete, die sich im Nachhinein als untauglich oder…“

„… werfe der CDU-Club den Sendern zu große Staatsnähe vor. Eine einzige Anstalt könne sich viel besser auf Ihre Hauptaufgabe einer unabhängigen Berichterstattung konzentrieren, statt in vielen untereinander vernetzten Landesbehörden die…“

„… müsse auch das Unterhaltungsprogramm in den GEZ-Medien deutlich zurückgefahren werden. Die Zukunft gehöre vor allem der politischen Bildung, die nur durch tägliche Vorträge führender Mitglieder z.B. der Union über die wichtigsten Themen der…“

„… verstehe die ARD sich inzwischen als Servicesender militanter Chaoten, die deutschen Omas das Motorradfahren im eigenen Hühnerstall verbieten wollten. Die Mittelstandsvereinigung werde mit diesem Kreuzzug gegen die nationale Leitkultur ein für allemal…“

„… könne man auf diese Weise die Anzahl der Sender halbieren, die durch ihre linksextremistische Hetzpropaganda unter dem Deckmantel eines politisch unabhängigen Journalismus Maßnahmen wie ein Lobbyregister oder einen gesetzlich verordneten Generalverdacht gegen Polizisten und Angehörige der…“

„… dass die CDU-Vereinigung den Sendern eine zu große Staatsferne ankreide. Nur durch die Konzentration in einem Medienamt sei die korrekte Berichterstattung aller von einer unionsgeführten Regierung ausgegebenen Denkanstöße für…“

„… auch auf gute Traditionen im deutschen Fernsehen zurückblicke. Man werde mit einer stündlich wiederkehrenden Nachrichtensendung mit dem Arbeitstitel Aktuelle Kamera alle Bedürfnisse der Union nach Information für das deutsche Publikum…“

„… den Fachkräftemangel in der Pflege durch den Abbau überflüssiger Arbeitsplätze oder die Umwandlung in Selbstständigenverhältnisse sehr schnell und effizient beheben werde. So könne die Mittelstandsvereinigung durch die Gleichschaltung ineffizienter Strukturen einen guten Weg im…“

„… habe sich Linnemann beschwert, dass die Staatsfunkmedien seine Thesen sofort auf allen Sendern wiedergegeben hätten, statt ihn und die CDU vorher um Erlaubnis zu…“

„… Schwierigkeiten sehe, dass Unionspolitiker das Niveau ihrer Nebeneinkünfte halten könnten. Mit der Konzentration auf nur noch einen Sender, der maximal sechs Stunden Talkshow im Programm führe, werde es einen gnadenlosen Kampf ums…“

„… die Ausgabenseite deutlich herunterfahren werde. Vorbild für neue Nachrichtenformate könnte beispielsweise der in der Volksrepublik Korea seit vielen Jahrzehnten ohne Kritik von Zuschauern und Regierung laufende…“

„… es überhaupt keinen Grund gebe, die Mittelstandsvereinigung für ihren Vorschlag zur Fusionierung zweier öffentlich-rechtlicher Anstalten zu kritisieren. Zwar habe der gesamte Prozess nichts mit dem Mittelstand zu tun, auf der anderen Seite besitze der CDU-Verband auch weder in wirtschaftlichen noch auf staatsrechtlichem…“

„… dass auf Jahre hinaus keine Änderung der finanziellen Ausstattung möglich sei, da viele Mitarbeiter auch bei Kündigung noch erhebliche Rentenansprüche besäßen. Die Union sei in diesem Punkt offen, die Regierungsverantwortung für zwei bis drei Legislaturen an die SPD abzugeben, um das Thema nicht selbst im…“

„… sich seit drei Tagen in der Gewalt der Helene Fischer Ultras befinde. Sollte die Mittelstandsvereinigung der Union nicht sofort die Fortführung der Weihnachtsshows im deutschen Fernsehen verkünden, werde man nach Linnemanns Ohren, einem kleinen Finger und dem Blinddarm auch seinen…“





Lauch

2 02 2021

„Wobei ich auch immer wieder festgestellt habe, dass sie total humorlos sind.“ „Vor allem haben sie absolut keine Ahnung, wie man über sich selbst lacht.“ „Doch, ab und zu macht das mal einer.“ „Also Sie meinen professionelle Kabarettisten?“ „Das ist dann nur eine einstudierte Rolle.“ „Also Nestbeschmutzung als Geschäftsmodell.“ „Typisch deutsch halt.“

„Man darf das eigentlich gar nicht sagen, sonst wird man gleich als Rassist bezeichnet.“ „Dass man die Mehrheit hier rassistisch findet?“ „Als Mehrheit darf man das sowieso nicht sagen.“ „Das liegt aber auch an dieser deutschen Eigenschaft, dass man natürlich kein Rassist ist, aber alle anderen sind natürlich Rassisten, weil sie einen als Rassisten bezeichnen, sobald sich einer von ihnen als Rassist outet.“ „Das liegt vermutlich daran, dass sie sich immer als ganzes Volk angegriffen fühlen, wenn ihnen einer Nationalismus vorwirft.“ „Manche reagieren dann sogar gewalttätig.“ „Das erkennt man aber daran, dass es Einzelfälle sind.“ „Können die sich denn in der Öffentlichkeit nicht irgendwie anders artikulieren?“ „Was artikulieren?“ „Dass sie als Mehrheit unterdrückt werden.“ „Naja, in der Öffentlichkeit darf man das jedenfalls nicht mehr sagen, sonst wird man gleich unterdrückt.“ „Klar, dann bleibt einem natürlich nur noch Gewalt.“

„Lassen Sie uns bei diesem Thema bleiben: ist es denn gerechtfertigt, dass Deutsche sich zur Wehr setzen, wenn sie sich durch die gesellschaftlichen Verhältnisse angegriffen fühlen?“ „Das Problem ist, Deutsche setzen sich gleich zur Reichswehr.“ „Die wollen ja gar nicht über Diskriminierung sprechen, schon gar nicht vorurteilsfrei.“ „Meinen Sie, die müssten sonst zugeben, zu Recht diskriminiert zu werden?“ „Sie müssten zugeben, dass sie das nur für die eigene Opferrolle behaupten.“ „Das ist eine schwere Anschuldigung!“ „Das fällt aber auch auf fruchtbaren Boden.“ „Wenn ich mir vorstelle, dass man mit solchen Rechtfertigungsmodellen schnell eine enorme Gefolgschaft in den sozialen Medien generieren kann, dann ist das schon plausibel.“ „Sie unterstellen den Deutschen ein gezieltes Vorgehen, das sich…“ „Es sind ja auch nicht alle dumm.“ „Und diese Mechanismen sind seit vielen Jahren produktiv.“ „Da ist vieles historisch bedingt, von den großen Einwanderungswellen unter Friedrich dem Großen angefangen.“ „Und dann haben diese Osteuropäer den deutschen Bergarbeiter ja fast verdrängt.“ „Das sind nationale Traumen.“ „Mag ja alles sein, aber sie haben seit Jahrhunderten immer wieder die Chance gehabt, sich in eine stark von Einwanderung Technologie- und Kulturtransfer geprägte Gesellschaft zu integrieren.“ „Hm, ja.“

„Hätten wir nicht einen von denen fragen sollen, die sich diskriminiert fühlen?“ „Auf der anderen Seite, haben Sie Lust, sich dieses ewige Gejammer anzuhören, dass Deutscher sein inzwischen wie eine Straftat behandelt wird?“ „Das kennt man auch aus ihren Zeitungen.“ „Und sie werden auch in manche Sendungen eingeladen, wo sie immer wieder diese alten Geschichten erzählen.“ „Also wenn man etwas als Geschäftsmodell bezeichnen sollte, dann ja wohl das!“ „Sich diskriminiert fühlen und dafür noch Startgeld kassieren!“ „Widerlich!“ „Dafür habe ich echt kein Verständnis mehr.“ „Wobei wir jetzt genau genommen nicht sehr fair sind, in einer solche Debatte sollte man auch Betroffene zu Wort kommen lassen.“ „Um sich mit Geschichten aus dem Paulanergarten zu langweilen?“ „Anekdotische Relevanz ist eben meist aus einer gewissen Hysterie gespeist.“ „Verstehe, bedauerliche Einzelfälle.“

„Meinen Sie denn, dass der Eindruck, durch Sprache diskriminiert zu werden, auch die Realität widerspiegelt?“ „Wenn wir alles verbieten würden, wodurch sich andere angegriffen fühlen könnten, dann hätten wir gar keine Meinungsfreiheit mehr.“ „Das muss der Diskurs schon aushalten, dass man auch mal Einzelmeinungen toleriert.“ „Und das mit dem Humor ist ja auch kein Einzelfall.“ „Wir reden hier jetzt nicht von Beleidigungen oder verbaler Gewalt, aber wenn man die als Kartoffel…“ „Ja, das Argument kennen wir – die Kartoffel kommt ursprünglich aus Südamerika, das stellt die Identität der Deutschen in Frage.“ „Aber die fühlen sich ja schon angegriffen, wenn sie als Lauch bezeichnet werden.“ „Lauch?“ „Das habe ich jetzt nur für ganz bestimmte Gruppen in Erinnerung.“ „Nach dem Verständnis dieser Deutschen darf aber auch nur ein Deutscher entscheiden, ob irgendetwas objektiv als Beleidigung gemeint ist.“ „Der Diskurs muss also auch aushalten, was manche nicht hören können?“ „Das würde ich dann aber nicht mehr als objektiv bezeichnen.“ „Also wenn ich jetzt einen Deutschen als Bleichgesicht anspreche, dann hat der doch aus sozialgeschichtlicher oder kulturgeschichtlicher Sicht auch immer die Chance, das positiv bewerten zu können.“ „Das sind eben die Erfahrungen, die zum Teil über Generationen…“ „Und weil diese Scheißkartoffel im Geschichtsunterricht gepennt hat, soll ich jetzt Rücksicht nehmen!?“

„Wo sehen Sie denn Wege aus dieser Krise?“ „Wieso Krise?“ „Ich bin gegen Diskriminierung, aber irgendwann muss auch mal gut sein.“ „So sehe ich das auch.“ „Ich sehe das pragmatisch, wenn die den Eindruck haben, sie könnten hier nicht mehr leben, wir hindern sie nicht am Auswandern.“ „Da der Deutsche ja alles besser kann und sich fürs Fernsehen beim Auswandern filmen lässt, ist doch alles gut, oder?“ „Liebe Zuschauer, das war unsere heutige Talkrunde Deutschland direkt live aus Studio C, morgen erwartet Sie an dieser Stelle Markus Willberg mit Zur Sache. Wir wünschen Ihnen eine geruhsame Nacht.“





Echte Männer

27 01 2021

Der Auslieferungsfahrer schwitzte. Der Karton war ziemlich groß, ziemlich schwer und dazu noch mit den scharfkantigen Packbändern versehen, an denen man sich sofort die Finger aufriss, wenn das Paket zu rutschen begann. Und es rutschte sofort. „Halb so wild“, erklärte Siebels. „Wir sind versichert. Sie werden gleich sehen, warum.“

Zwei andere Posten Stückgut lagen schon auf dem Wägelchen, das in den Hof rollte. „Drehen wir im Freien?“ Der TV-Produzent nickte. „In dieser Atmosphäre finden die Zuschauer das interessanter, und wir können mit der Drohne auch hervorragende Aufnahmen von oben machen.“ Im Garageneingang standen ein Rollschrank mit allerlei Werkzeug und ein Kosmetikkoffer. „Der Visagist sollte wissen, was er da tut.“ Siebels warf seinen Becher in den Müllsack neben dem Eingang. „Obwohl es bei der Knalltüte auch keinen Unterschied mehr macht, was man ihm ins Gesicht schmiert.“ Der Maskenbildner werkelte an Michi Wunder herum, seiner Ansicht nach einer der größten Schlagersänger überhaupt. „Ich will die Augenbrauen breiter“, pöbelte der Musikant, „und schmier mir hier nicht die Hose voll!“ „Das lässt er sich gefallen?“ Siebels zog die Augenbrauen hoch. „Der Visagist? Aber ja doch.“ Ein Helfer reichte ihm neuen Automatenkaffee. „Er sieht ja später zu, wie es ausgeht.“

Gänzlich ungewohnt trat Herr Wunder in einer Art Blaumann mit Glitzer in den Hof und sah dabei aus, als hätte sich Elvis in eine Klempnerei verirrt. „Wir drehen!“ Schon griff er nach einem der drei Umschläge – Gold, Silber oder Platin – die auf dem Tischchen vor ihm lagen. „Verstehe“, murmelte ich, „deshalb auch die drei Pakete.“ „Wir haben jetzt erst mal eine Viertelstunde Pause“, flüsterte Siebels zurück. „Setzen Sie sich auf den Hocker, es wird ein bisschen dauern.“ Tatsächlich mühte sich die geschniegelte Trällerfigur mit manikürten Nägeln an der Pappe ab, bis nach gut zwanzig Minuten der Regieassistent verstohlen einen Schraubendreher in die Luft hielt. „Sehr gut“, grinste Siebels. „Genug Material für eine Folge mit Outtakes, zwei bis drei Trailer und Bonusmaterial für registrierte User.“

Mich interessierte mehr, wie er es selbst an den entlegensten Orten der Welt schaffte, nach Plastik schmeckenden Kaffee in Pappbechern zu besorgen, aber da hatte Michi den Karton schon geöffnet. Das ungünstige Verhältnis von Geschicklichkeit zu Schwerkraft ließ die weiß lackierten Bretter auf den mit Steinplatten ausgelegten Boden des Innenhofes purzeln. Ein lautstarker Fluch beendete die Szene. „Danke“, näselte der Aufnahmeleiter. „Fünf Minuten.“ Unser Wunderknabe war den Tränen nah. „Es wird noch besser“, erklärte Siebels. „Sie haben das Konzept der Sendung, und glauben Sie mir, es wird sehr gut.“

Zehn Minuten und eine schnelle Schminkeinheit später war alles wieder bereit. Siebels verfolgte den Ablaufplan auf seinem gewohnten Klemmbrett und blickte aufreizend desinteressiert, während unser Schlagerstar ein halbes Dutzend Regalbretter, die Seitenteile und diverse Schrauben sortierte, sie sich in der Verpackung befunden hatten. „Ich kenne das nur zu gut“, befand ich, aber der Fernsehmacher ließ mir keine Gelegenheit für Selbstmitleid. „Er wusste, dass er sich auf ein richtiges Abenteuer einlässt, und das hat er jetzt davon.“ Noch verstand ich nicht, aber Siebels klärte mich auf. „Das Format heißt Echte Männer, und genau darum geht es auch.“ Michi fielen gerade drei Böden nacheinander zusammen, da er sie an ein schräg gestelltes Brett angelehnt hatte. „Wir haben jede Menge Material, mit etwas Glück reicht es für einen Jahresrückblick. In diesen Zeiten ist man immer froh für etwas Ablenkung.“

Unser Showstar hatte gerade eben die Tüte mit den Schrauben entdeckt. Diese sahen auf den ersten Blick alle gleich aus, es handelte sich allerdings um doch recht unterschiedliche Objekte, wie er der Aufbauanleitung hätte entnehmen können, wenn er sie denn gelesen hätte. „Tragisch“, kicherte der Aufnahmeleiter. Dabei hatte er gerade den besten Augenblick zu drehen verpasst, als Michi den Hammer in den Spanplattenhaufen schleuderte. „Es spricht ja auch so für sich“, meinte Siebels. „Die Story passt einfach: ein Aufziehaffe scheitert an einem billigen Bücherregal. Dem nehme ich doch alles ab.“ Da hatte unser Hauptdarsteller auch schon angefangen, auf die Bretter zu schimpfen. „Mir war jetzt nicht klar, dass die Bundeskanzlerin befohlen hatte, schwedische Regale so zu designen, dass man sie als weißer Mann ohne Migrationshintergrund nur aufbauen kann, wenn ein mit jüdischem Geld nach Deutschland geschleuster Flüchtling zur Hilfe kommt und einem dann den Job wegnimmt.“ Der Aufnahmeleiter drehte sich eine Zigarette; dies hier würde bestimmt länger dauern.

Wir ließen ihn wüten. „Lassen Sie sich nicht beeindrucken“, sagte er und nippte am Kaffee, „für Geld machen Leute wie der alles, weil sie ohnehin keinen Ruf mehr zu verlieren haben. Wir achten in der Vertragsgestaltung nur darauf, dass er hinterher die Klappe hält.“ Der Auslieferungsfahrer hatte unterdessen Teppich in Studio 5 verlegt, bevor zwei Möbelpacker eine Sitzgruppe mit Schrankwand und diverse Leuchten aufgebaut haben. „Vorsicht mit den Kabeln“, warnte die Regieassistentin. „Der Staubsauger ist da.“ Siebels nickte befriedigt. „Sehr gut, dann haben wir heute zwei Folgen im Kasten.“ Die Lichtprobe lief, der Visagist trug seine Koffer rein. „Noch zehn Minuten“, rief die Assistentin. „Friedrich Merz ist fast fertig.“





Rechenschieber

14 01 2021

„… habe die ARD beschlossen, während des Lockdowns drei Stunden täglich Lernformate im Fernsehen anzubieten, die für alle Schülerinnen und Schüler der Klassenstufen…“

„… nicht mit der Kultusministerkonferenz abgestimmt worden sei, so dass sich teilweise eine Redundanz zu den Lehrplänen der Fächer Deutsch, Gemeinschaftskunde und Physik in Hessen und dem Saarland, in Mathematik und Biologie unter besonderer Berücksichtigung der Untersekunda in Baden-Württemberg sowie in Englisch und…“

„… habe Scheuer gegen die TV-Übertragungen entschieden protestiert. Deutsche Schulen seien erst seit etwa zwanzig Jahren an das Interwebnetz angeschlossen, die verfrühte Informationsdominanz durch das lineare Fernsehen könne schnell alle Fortschritte des Netzkompetenzaufbauprogramms der Bundesregierung im Keim…“

„… werde der Bayerische Rundfunk die von der ARD und ihren Spartenkanälen angebotenen Lerninhalte nicht mittragen. Ein für alle Klassen verpflichtender katholischer Religionsunterricht müsse in ausreichendem Maße berücksichtigt werden, um die sittliche Verrohung durch den außerschulischen Unterricht möglichst…“

„… auch Sendungen des BBC in den täglichen Lehrplan aufnehmen wolle. Nach Ansicht der Kultusminister könne man so das Fach Englisch komplett einsparen und habe mehr Freiräume, die Schüler durch praxisnahe Inhalte wie Latein und…“

„… befürchte Buhrow den Rückgang von Werbeeinnahmen. Es sei allerdings möglich, die pädagogischen Formate durch beliebte Sendungen wie Sturm der Liebe aufzulockern, um eine nachhaltige Zuschauerbindung bereits jetzt zu…“

„… bestehe der Plan der von Merkel dirigierten Systemmedien darin, das Jungvolk moralisch zu versiffen. Die Häufung der Beiträge im Fach Kunst über jüdische oder homosexuelle Maler sei der Versuch der von Bill Gates gesteuerten Kanzlerin, eine ganze Generation zum Hass auf die deutsche Kultur zu erziehen. Gauland werde dem nicht ohne eine Klage vor dem…“

„… aus Kostengründen alte Sendungen aus dem Schulfunk der dritten Programme wiederholen wolle. Thüringen und Sachsen hätten jedoch empört gegen eine neuerliche Vernachlässigung ihrer Bundesländer gefordert, den Rundfunkbeitrag nicht mehr an die…“

„… dass die politische Gliederung Deutschlands in sechzehn Bundesländer zwar wichtig sei, im Lehrplan der Klassenstufe 5 jedoch zwingend die Größe der Regenwälder sowie die Nebenflüsse des Amazonas und der…“

„… kritisiere die Kultusministerkonferenz vor allem die mangelnde inhaltliche Tiefe der Beiträge. Ein Film über die moderne Großstadt als Wohn- und Naturraum müsse unbedingt einen Exkurs über die Notwendigkeit ständiger Mietsteigerungen beinhalten, da sonst falsche Vorstellungen vom Sinn des Schulunterrichts bei den…“

„… es allerdings nicht mehr möglich sei, die mathematisch-naturwissenschaftlichen Sendungen von 1970 zu wiederholen, da der zur Durchführung der Übungsaufgaben erforderliche Rechenschieber nur noch in wenigen Haushalten im…“

„… nur wissenschaftliche Einzelmeinungen abbilde. Der Verband Kritischer Eltern wolle nicht hinnehmen, dass die Evolutionstheorie als absolute Wahrheit dargestellt werde, ebenso fordere die Bundessprecherin eine Wahlfreiheit, ob die Erde als Scheibe oder…“

„… den Geschichtsunterricht bewusst entstellt habe, um alle Deutschen in den Schuldkult zu treiben, der nur in der ewigen Befriedigung gieriger Juden enden könne. Höcke werde sich vor dem…“

„… es mehr Kontrollen über den Lernerfolg geben müsse. Söder mahne an, dass für die frei verfügbaren Lerninhalte keine Erfolgskontrolle und eine kommentierte Lehrerausgabe der Filme im Netz zu finden sei. So könne sich jeder Schüler eine freie Meinung bilden, was nicht im Sinne des…“

„… die Beiträge deutlich straffen und mit erhöhter Geschwindigkeit abspielen müsse. Die Kultusminister würden befürchten, dass sich die Verkürzung der Schulzeit auf maximal zwölf Jahre sonst nicht abbilden lasse, was zu einer drohenden Untauglichkeit der Schüler für das Arbeitsleben…“

„… bedürfe es lediglich eines Fernsehers oder eines digitalen Endgerätes, um den Sendungen zu folgen. Es sei für Heil nicht Aufgabe des Staates, sozial schwachen Familien diese Technik über den ALG-II-Regelsatz zu finanzieren, außerdem liege es natürlich im Ermessen jedes einzelnen Bürgers, ob er sich Kinder anschaffe oder weiterhin als…“

„… die Filme über den Reichstagsbrand, den Polenfeldzug sowie die Judenverfolgung und den Holocaust als sehr gute Aufbereitung des Materials für die gymnasiale Mittelstufe bezeichnet habe. Es sei jedoch erforderlich, so Seehofer, dass nach jedem dieser Clips ein Warnhinweis vor der Antifa, die sogar Autofenster zerstören würden, um ihre menschenverachtenden und…“

„… scharfe Kritik an den Aussagen der ARD geübt habe, dass die Kinder die Lerninhalte von den Eltern begleitet anschauen sollten. Dies könne auf Dauer aber dazu führen, dass ihre wirtschaftliche Leistung durch die ständige Betreuung ihrer…“

„… beides verbinden wolle. Die Kultusminister hätten angeregt, alle Schüler im privaten Rahmen zu versammeln, um den Schulfunk zu sehen. Eltern seien damit wieder arbeitsfähig und hätten keine Infektionen im schulischen Rahmen mehr zu…“





Versatzstücke

17 12 2020

„An Ihrer Stelle hätte ich das anders gesagt, aber ich bin ja nicht Sie.“ „Danke!“ Hans Fritz, derzeit der größte Charakterdarsteller der vergangenen zehn Jahre, schritt wieder von der Freitreppe am städtischen Schwimmbad herunter. „Nehmen wir“, knurrte Siebels. „Wer weiß, wozu es gut ist.“

Inzwischen hatte Fritz die Krawatte gewechselt, einen hellen Sommermantel übergestreift und sich in einen silbernen Sportwagen am Fuß der Treppe gesetzt. „Und bitte!“ Der Schauspieler riss hastig die Fahrertür auf, stieg aus und rannte die Straße entlang, bevor er sich an den Kopf fasste und zum Auto zurücklief. „Das Licht“, fluchte es hinter uns. „Jut, machen wa noch een.“ Siebels nippte an seinem Automatenkaffee. „Wir machen die Szene dann auch noch mal ohne Mantel.“ Der Regisseur wollte etwas einwenden, nickte aber ergeben. So schnell würde er keinen ganzen Drehtag mehr mit Hans Fritz und Linda Borowki bekommen.

Die Nachwuchsdiva hatte durchaus einen Ruf zu verteidigen. Ihre Schuhe waren nicht im für sie passenden Schwarzton. Sie schrie den Mitarbeiter aus der Garderobe an. Der Regieassistent tupfte sich den Schweiß ab. „Sie soll gleich die Szene im Fahrstuhl machen“, stöhnte er, „da sieht man die verdammten Schuhe sowieso nicht.“ „Kamera III läuft.“ „Es handelt sich um eine Deckenkamera“, informierte mich Siebels. „Wir haben nur einen normalen Fahrstuhl auftreiben können, also haben wir ein Weitwinkelobjektiv in die Kabinendecke eingebaut und machen eine kurze Einstellung während der Fahrt und eine, in der ein Komparse mit einer Menge Aktenordnern einsteigt.“ Borowki spielte die Anwältin eines Großkonzerns, die auf eigene Faust einen Insiderhandel aufdeckt. „Geben Sie der Dame irgendwelche Schuhe“, flüsterte der Produzent. „Ich kann dieses hysterische Gefasel nicht mehr hören.“

Unterdessen zwängte Fritz sich in einen zu engen Lederkombi – oder er hatte zwischen Casting und Dreh ein bisschen zugenommen – und setzte sich eine dunkle Sonnenbrille auf. „Wo ist das verdammte Motorrad!?“ Ich blickte Siebels an. „Ich will Ihnen ja keinen Vorwurf machen, aber offenbar hat keiner an dieses Motorrad gedacht.“ Er warf den Becher mit geübtem Schwung in den Papierkorb. „Wenn Sie das Buch gelesen hätten“, antwortete er ruhig, „dann wüssten Sie, dass man ihm gerade das Motorrad gestohlen hat.“ „Und bitte!“ „Wo ist das verdammte Motorrad!?“ Fritz schien der Hals zu platzen. „Wo ist das verdammte Motorrad!?“ „Er ist ein richtiger Profi“, erklärte die graue Eminenz der deutschen Fernsehunterhaltung. „Andere würde so eine Szene uninspiriert wegspielen, er aber steigert sich regelrecht in seinen Text rein.“ Johnny, der Altrocker, schmiss wutentbrannt seine Handschuhe aufs Pflaster. Der Regisseur strahlte.

Anders bei Linda Borowki, die zu langsam auf den Fahrstuhl zuging. Es fehlte ihr an Nervosität, sie sollte in wenigen Minuten ihr Unternehmen in Gefahr vorfinden. „Glatte Fehlbesetzung“, meinte ich, doch auch das sah Siebels anders. „Haben Sie innerhalb der letzten Jahre…“ Ich schüttelte bereits den Kopf, doch wollte ich den TV-Produzenten nicht unterbrechen. „… irgendwelche Serien gesehen, die sich durch besondere Originalität ausgezeichnet hätten?“ Mein Schweigen schien Schuldeingeständnis zu sein. „Die ganze Wirkung beruht auf Dialogen, die sich selbst für witzig halten. Und genau da müssen wir als Produzenten nun ansetzen.“ Ich schaute ihn an; keine Spur von Ironie, also musste ich fürchten, er meinte es am Ende ernst. „Dialoge“, erläuterte Siebels, „bestehen immer aus denselben Versatzstücken, manchmal mehr, meist wenig passgenau.“ Ich erinnerte mich einiger Krimis im Sonntagsprogramm und nickte betroffen. „Lassen Sie den Humor beiseite“, bemerkte er mit einem müden Unterton. „Den werden Sie hier eh kaum finden. Es geht ohnehin nur um den Teil, den die Regie nicht im Griff hat, weil er sie intellektuell überfordert.“ Ich verstand nicht, aber da kam schon die nächste Szene.

Kommissar Klöpper schmiss seinen Mantel auf einen Stuhl und drehte sich um. „Der Fall ist klar“, deklamierte er. „Machen Sie Feierabend, ich schreibe schon mal den Bericht.“ „Cut“, schrie es aus der Kulisse, und: „Danke, gestorben.“ „Für die durchschnittliche Produktion reicht das“, sagte Siebels. „Der erste Verdächtige im Krimi ist ja eh nie der Täter, und der Zuschauer weiß das. Wir lassen den Mann als Kommissar Klöpper, als Sonderermittler Habicht oder den Bullen von Bad Gnirbtzschen im halben Halbprofil filmen, dann können wir ihn in dreizehn Serien einsetzen, ohne dass er auffällt, und die Szene passt in jeden Film.“

Der Aktenschlepper hatte den Fahrstuhl wieder verlassen, jetzt stand Linda Borowki allein in der Kabine. „Draufhalten“, sagte Siebels. „Sie wird ja schon ein bisschen unruhig, wollen wir mal sehen, wann sie die Nerven verliert.“ Das ging erstaunlich schnell, und innerhalb von zwei Minuten zeigte die Darstellerin einen erstaunlich lebensechten Anfall von Klaustrophobie, bei dem sie den Fahrstuhl von innen in seine Bestandteile zu zerlegen versuchte. „Ich frage mich gerade, ob das nicht ein bisschen zu echt ist.“ Siebels zog die Stirn in Falten. „Und Sie hielten sie für eine Fehlbesetzung?“ Unterdessen lief die Kamera weiter. Die Anwältin tobte und schrie. „Manchmal“, überlegte er, „da entsteht aus der Arbeit etwas ganz Neues, das erst im Schnitt seine Qualitäten entfaltet. Man kann ganz neue Szenen daraus erarbeiten, vielleicht sogar einen ganz neuen Film.“ Siebels winkte dem Regisseur. „Wir lange haben Sie denn heute noch Zeit?“