Lauch

2 02 2021

„Wobei ich auch immer wieder festgestellt habe, dass sie total humorlos sind.“ „Vor allem haben sie absolut keine Ahnung, wie man über sich selbst lacht.“ „Doch, ab und zu macht das mal einer.“ „Also Sie meinen professionelle Kabarettisten?“ „Das ist dann nur eine einstudierte Rolle.“ „Also Nestbeschmutzung als Geschäftsmodell.“ „Typisch deutsch halt.“

„Man darf das eigentlich gar nicht sagen, sonst wird man gleich als Rassist bezeichnet.“ „Dass man die Mehrheit hier rassistisch findet?“ „Als Mehrheit darf man das sowieso nicht sagen.“ „Das liegt aber auch an dieser deutschen Eigenschaft, dass man natürlich kein Rassist ist, aber alle anderen sind natürlich Rassisten, weil sie einen als Rassisten bezeichnen, sobald sich einer von ihnen als Rassist outet.“ „Das liegt vermutlich daran, dass sie sich immer als ganzes Volk angegriffen fühlen, wenn ihnen einer Nationalismus vorwirft.“ „Manche reagieren dann sogar gewalttätig.“ „Das erkennt man aber daran, dass es Einzelfälle sind.“ „Können die sich denn in der Öffentlichkeit nicht irgendwie anders artikulieren?“ „Was artikulieren?“ „Dass sie als Mehrheit unterdrückt werden.“ „Naja, in der Öffentlichkeit darf man das jedenfalls nicht mehr sagen, sonst wird man gleich unterdrückt.“ „Klar, dann bleibt einem natürlich nur noch Gewalt.“

„Lassen Sie uns bei diesem Thema bleiben: ist es denn gerechtfertigt, dass Deutsche sich zur Wehr setzen, wenn sie sich durch die gesellschaftlichen Verhältnisse angegriffen fühlen?“ „Das Problem ist, Deutsche setzen sich gleich zur Reichswehr.“ „Die wollen ja gar nicht über Diskriminierung sprechen, schon gar nicht vorurteilsfrei.“ „Meinen Sie, die müssten sonst zugeben, zu Recht diskriminiert zu werden?“ „Sie müssten zugeben, dass sie das nur für die eigene Opferrolle behaupten.“ „Das ist eine schwere Anschuldigung!“ „Das fällt aber auch auf fruchtbaren Boden.“ „Wenn ich mir vorstelle, dass man mit solchen Rechtfertigungsmodellen schnell eine enorme Gefolgschaft in den sozialen Medien generieren kann, dann ist das schon plausibel.“ „Sie unterstellen den Deutschen ein gezieltes Vorgehen, das sich…“ „Es sind ja auch nicht alle dumm.“ „Und diese Mechanismen sind seit vielen Jahren produktiv.“ „Da ist vieles historisch bedingt, von den großen Einwanderungswellen unter Friedrich dem Großen angefangen.“ „Und dann haben diese Osteuropäer den deutschen Bergarbeiter ja fast verdrängt.“ „Das sind nationale Traumen.“ „Mag ja alles sein, aber sie haben seit Jahrhunderten immer wieder die Chance gehabt, sich in eine stark von Einwanderung Technologie- und Kulturtransfer geprägte Gesellschaft zu integrieren.“ „Hm, ja.“

„Hätten wir nicht einen von denen fragen sollen, die sich diskriminiert fühlen?“ „Auf der anderen Seite, haben Sie Lust, sich dieses ewige Gejammer anzuhören, dass Deutscher sein inzwischen wie eine Straftat behandelt wird?“ „Das kennt man auch aus ihren Zeitungen.“ „Und sie werden auch in manche Sendungen eingeladen, wo sie immer wieder diese alten Geschichten erzählen.“ „Also wenn man etwas als Geschäftsmodell bezeichnen sollte, dann ja wohl das!“ „Sich diskriminiert fühlen und dafür noch Startgeld kassieren!“ „Widerlich!“ „Dafür habe ich echt kein Verständnis mehr.“ „Wobei wir jetzt genau genommen nicht sehr fair sind, in einer solche Debatte sollte man auch Betroffene zu Wort kommen lassen.“ „Um sich mit Geschichten aus dem Paulanergarten zu langweilen?“ „Anekdotische Relevanz ist eben meist aus einer gewissen Hysterie gespeist.“ „Verstehe, bedauerliche Einzelfälle.“

„Meinen Sie denn, dass der Eindruck, durch Sprache diskriminiert zu werden, auch die Realität widerspiegelt?“ „Wenn wir alles verbieten würden, wodurch sich andere angegriffen fühlen könnten, dann hätten wir gar keine Meinungsfreiheit mehr.“ „Das muss der Diskurs schon aushalten, dass man auch mal Einzelmeinungen toleriert.“ „Und das mit dem Humor ist ja auch kein Einzelfall.“ „Wir reden hier jetzt nicht von Beleidigungen oder verbaler Gewalt, aber wenn man die als Kartoffel…“ „Ja, das Argument kennen wir – die Kartoffel kommt ursprünglich aus Südamerika, das stellt die Identität der Deutschen in Frage.“ „Aber die fühlen sich ja schon angegriffen, wenn sie als Lauch bezeichnet werden.“ „Lauch?“ „Das habe ich jetzt nur für ganz bestimmte Gruppen in Erinnerung.“ „Nach dem Verständnis dieser Deutschen darf aber auch nur ein Deutscher entscheiden, ob irgendetwas objektiv als Beleidigung gemeint ist.“ „Der Diskurs muss also auch aushalten, was manche nicht hören können?“ „Das würde ich dann aber nicht mehr als objektiv bezeichnen.“ „Also wenn ich jetzt einen Deutschen als Bleichgesicht anspreche, dann hat der doch aus sozialgeschichtlicher oder kulturgeschichtlicher Sicht auch immer die Chance, das positiv bewerten zu können.“ „Das sind eben die Erfahrungen, die zum Teil über Generationen…“ „Und weil diese Scheißkartoffel im Geschichtsunterricht gepennt hat, soll ich jetzt Rücksicht nehmen!?“

„Wo sehen Sie denn Wege aus dieser Krise?“ „Wieso Krise?“ „Ich bin gegen Diskriminierung, aber irgendwann muss auch mal gut sein.“ „So sehe ich das auch.“ „Ich sehe das pragmatisch, wenn die den Eindruck haben, sie könnten hier nicht mehr leben, wir hindern sie nicht am Auswandern.“ „Da der Deutsche ja alles besser kann und sich fürs Fernsehen beim Auswandern filmen lässt, ist doch alles gut, oder?“ „Liebe Zuschauer, das war unsere heutige Talkrunde Deutschland direkt live aus Studio C, morgen erwartet Sie an dieser Stelle Markus Willberg mit Zur Sache. Wir wünschen Ihnen eine geruhsame Nacht.“





Echte Männer

27 01 2021

Der Auslieferungsfahrer schwitzte. Der Karton war ziemlich groß, ziemlich schwer und dazu noch mit den scharfkantigen Packbändern versehen, an denen man sich sofort die Finger aufriss, wenn das Paket zu rutschen begann. Und es rutschte sofort. „Halb so wild“, erklärte Siebels. „Wir sind versichert. Sie werden gleich sehen, warum.“

Zwei andere Posten Stückgut lagen schon auf dem Wägelchen, das in den Hof rollte. „Drehen wir im Freien?“ Der TV-Produzent nickte. „In dieser Atmosphäre finden die Zuschauer das interessanter, und wir können mit der Drohne auch hervorragende Aufnahmen von oben machen.“ Im Garageneingang standen ein Rollschrank mit allerlei Werkzeug und ein Kosmetikkoffer. „Der Visagist sollte wissen, was er da tut.“ Siebels warf seinen Becher in den Müllsack neben dem Eingang. „Obwohl es bei der Knalltüte auch keinen Unterschied mehr macht, was man ihm ins Gesicht schmiert.“ Der Maskenbildner werkelte an Michi Wunder herum, seiner Ansicht nach einer der größten Schlagersänger überhaupt. „Ich will die Augenbrauen breiter“, pöbelte der Musikant, „und schmier mir hier nicht die Hose voll!“ „Das lässt er sich gefallen?“ Siebels zog die Augenbrauen hoch. „Der Visagist? Aber ja doch.“ Ein Helfer reichte ihm neuen Automatenkaffee. „Er sieht ja später zu, wie es ausgeht.“

Gänzlich ungewohnt trat Herr Wunder in einer Art Blaumann mit Glitzer in den Hof und sah dabei aus, als hätte sich Elvis in eine Klempnerei verirrt. „Wir drehen!“ Schon griff er nach einem der drei Umschläge – Gold, Silber oder Platin – die auf dem Tischchen vor ihm lagen. „Verstehe“, murmelte ich, „deshalb auch die drei Pakete.“ „Wir haben jetzt erst mal eine Viertelstunde Pause“, flüsterte Siebels zurück. „Setzen Sie sich auf den Hocker, es wird ein bisschen dauern.“ Tatsächlich mühte sich die geschniegelte Trällerfigur mit manikürten Nägeln an der Pappe ab, bis nach gut zwanzig Minuten der Regieassistent verstohlen einen Schraubendreher in die Luft hielt. „Sehr gut“, grinste Siebels. „Genug Material für eine Folge mit Outtakes, zwei bis drei Trailer und Bonusmaterial für registrierte User.“

Mich interessierte mehr, wie er es selbst an den entlegensten Orten der Welt schaffte, nach Plastik schmeckenden Kaffee in Pappbechern zu besorgen, aber da hatte Michi den Karton schon geöffnet. Das ungünstige Verhältnis von Geschicklichkeit zu Schwerkraft ließ die weiß lackierten Bretter auf den mit Steinplatten ausgelegten Boden des Innenhofes purzeln. Ein lautstarker Fluch beendete die Szene. „Danke“, näselte der Aufnahmeleiter. „Fünf Minuten.“ Unser Wunderknabe war den Tränen nah. „Es wird noch besser“, erklärte Siebels. „Sie haben das Konzept der Sendung, und glauben Sie mir, es wird sehr gut.“

Zehn Minuten und eine schnelle Schminkeinheit später war alles wieder bereit. Siebels verfolgte den Ablaufplan auf seinem gewohnten Klemmbrett und blickte aufreizend desinteressiert, während unser Schlagerstar ein halbes Dutzend Regalbretter, die Seitenteile und diverse Schrauben sortierte, sie sich in der Verpackung befunden hatten. „Ich kenne das nur zu gut“, befand ich, aber der Fernsehmacher ließ mir keine Gelegenheit für Selbstmitleid. „Er wusste, dass er sich auf ein richtiges Abenteuer einlässt, und das hat er jetzt davon.“ Noch verstand ich nicht, aber Siebels klärte mich auf. „Das Format heißt Echte Männer, und genau darum geht es auch.“ Michi fielen gerade drei Böden nacheinander zusammen, da er sie an ein schräg gestelltes Brett angelehnt hatte. „Wir haben jede Menge Material, mit etwas Glück reicht es für einen Jahresrückblick. In diesen Zeiten ist man immer froh für etwas Ablenkung.“

Unser Showstar hatte gerade eben die Tüte mit den Schrauben entdeckt. Diese sahen auf den ersten Blick alle gleich aus, es handelte sich allerdings um doch recht unterschiedliche Objekte, wie er der Aufbauanleitung hätte entnehmen können, wenn er sie denn gelesen hätte. „Tragisch“, kicherte der Aufnahmeleiter. Dabei hatte er gerade den besten Augenblick zu drehen verpasst, als Michi den Hammer in den Spanplattenhaufen schleuderte. „Es spricht ja auch so für sich“, meinte Siebels. „Die Story passt einfach: ein Aufziehaffe scheitert an einem billigen Bücherregal. Dem nehme ich doch alles ab.“ Da hatte unser Hauptdarsteller auch schon angefangen, auf die Bretter zu schimpfen. „Mir war jetzt nicht klar, dass die Bundeskanzlerin befohlen hatte, schwedische Regale so zu designen, dass man sie als weißer Mann ohne Migrationshintergrund nur aufbauen kann, wenn ein mit jüdischem Geld nach Deutschland geschleuster Flüchtling zur Hilfe kommt und einem dann den Job wegnimmt.“ Der Aufnahmeleiter drehte sich eine Zigarette; dies hier würde bestimmt länger dauern.

Wir ließen ihn wüten. „Lassen Sie sich nicht beeindrucken“, sagte er und nippte am Kaffee, „für Geld machen Leute wie der alles, weil sie ohnehin keinen Ruf mehr zu verlieren haben. Wir achten in der Vertragsgestaltung nur darauf, dass er hinterher die Klappe hält.“ Der Auslieferungsfahrer hatte unterdessen Teppich in Studio 5 verlegt, bevor zwei Möbelpacker eine Sitzgruppe mit Schrankwand und diverse Leuchten aufgebaut haben. „Vorsicht mit den Kabeln“, warnte die Regieassistentin. „Der Staubsauger ist da.“ Siebels nickte befriedigt. „Sehr gut, dann haben wir heute zwei Folgen im Kasten.“ Die Lichtprobe lief, der Visagist trug seine Koffer rein. „Noch zehn Minuten“, rief die Assistentin. „Friedrich Merz ist fast fertig.“





Rechenschieber

14 01 2021

„… habe die ARD beschlossen, während des Lockdowns drei Stunden täglich Lernformate im Fernsehen anzubieten, die für alle Schülerinnen und Schüler der Klassenstufen…“

„… nicht mit der Kultusministerkonferenz abgestimmt worden sei, so dass sich teilweise eine Redundanz zu den Lehrplänen der Fächer Deutsch, Gemeinschaftskunde und Physik in Hessen und dem Saarland, in Mathematik und Biologie unter besonderer Berücksichtigung der Untersekunda in Baden-Württemberg sowie in Englisch und…“

„… habe Scheuer gegen die TV-Übertragungen entschieden protestiert. Deutsche Schulen seien erst seit etwa zwanzig Jahren an das Interwebnetz angeschlossen, die verfrühte Informationsdominanz durch das lineare Fernsehen könne schnell alle Fortschritte des Netzkompetenzaufbauprogramms der Bundesregierung im Keim…“

„… werde der Bayerische Rundfunk die von der ARD und ihren Spartenkanälen angebotenen Lerninhalte nicht mittragen. Ein für alle Klassen verpflichtender katholischer Religionsunterricht müsse in ausreichendem Maße berücksichtigt werden, um die sittliche Verrohung durch den außerschulischen Unterricht möglichst…“

„… auch Sendungen des BBC in den täglichen Lehrplan aufnehmen wolle. Nach Ansicht der Kultusminister könne man so das Fach Englisch komplett einsparen und habe mehr Freiräume, die Schüler durch praxisnahe Inhalte wie Latein und…“

„… befürchte Buhrow den Rückgang von Werbeeinnahmen. Es sei allerdings möglich, die pädagogischen Formate durch beliebte Sendungen wie Sturm der Liebe aufzulockern, um eine nachhaltige Zuschauerbindung bereits jetzt zu…“

„… bestehe der Plan der von Merkel dirigierten Systemmedien darin, das Jungvolk moralisch zu versiffen. Die Häufung der Beiträge im Fach Kunst über jüdische oder homosexuelle Maler sei der Versuch der von Bill Gates gesteuerten Kanzlerin, eine ganze Generation zum Hass auf die deutsche Kultur zu erziehen. Gauland werde dem nicht ohne eine Klage vor dem…“

„… aus Kostengründen alte Sendungen aus dem Schulfunk der dritten Programme wiederholen wolle. Thüringen und Sachsen hätten jedoch empört gegen eine neuerliche Vernachlässigung ihrer Bundesländer gefordert, den Rundfunkbeitrag nicht mehr an die…“

„… dass die politische Gliederung Deutschlands in sechzehn Bundesländer zwar wichtig sei, im Lehrplan der Klassenstufe 5 jedoch zwingend die Größe der Regenwälder sowie die Nebenflüsse des Amazonas und der…“

„… kritisiere die Kultusministerkonferenz vor allem die mangelnde inhaltliche Tiefe der Beiträge. Ein Film über die moderne Großstadt als Wohn- und Naturraum müsse unbedingt einen Exkurs über die Notwendigkeit ständiger Mietsteigerungen beinhalten, da sonst falsche Vorstellungen vom Sinn des Schulunterrichts bei den…“

„… es allerdings nicht mehr möglich sei, die mathematisch-naturwissenschaftlichen Sendungen von 1970 zu wiederholen, da der zur Durchführung der Übungsaufgaben erforderliche Rechenschieber nur noch in wenigen Haushalten im…“

„… nur wissenschaftliche Einzelmeinungen abbilde. Der Verband Kritischer Eltern wolle nicht hinnehmen, dass die Evolutionstheorie als absolute Wahrheit dargestellt werde, ebenso fordere die Bundessprecherin eine Wahlfreiheit, ob die Erde als Scheibe oder…“

„… den Geschichtsunterricht bewusst entstellt habe, um alle Deutschen in den Schuldkult zu treiben, der nur in der ewigen Befriedigung gieriger Juden enden könne. Höcke werde sich vor dem…“

„… es mehr Kontrollen über den Lernerfolg geben müsse. Söder mahne an, dass für die frei verfügbaren Lerninhalte keine Erfolgskontrolle und eine kommentierte Lehrerausgabe der Filme im Netz zu finden sei. So könne sich jeder Schüler eine freie Meinung bilden, was nicht im Sinne des…“

„… die Beiträge deutlich straffen und mit erhöhter Geschwindigkeit abspielen müsse. Die Kultusminister würden befürchten, dass sich die Verkürzung der Schulzeit auf maximal zwölf Jahre sonst nicht abbilden lasse, was zu einer drohenden Untauglichkeit der Schüler für das Arbeitsleben…“

„… bedürfe es lediglich eines Fernsehers oder eines digitalen Endgerätes, um den Sendungen zu folgen. Es sei für Heil nicht Aufgabe des Staates, sozial schwachen Familien diese Technik über den ALG-II-Regelsatz zu finanzieren, außerdem liege es natürlich im Ermessen jedes einzelnen Bürgers, ob er sich Kinder anschaffe oder weiterhin als…“

„… die Filme über den Reichstagsbrand, den Polenfeldzug sowie die Judenverfolgung und den Holocaust als sehr gute Aufbereitung des Materials für die gymnasiale Mittelstufe bezeichnet habe. Es sei jedoch erforderlich, so Seehofer, dass nach jedem dieser Clips ein Warnhinweis vor der Antifa, die sogar Autofenster zerstören würden, um ihre menschenverachtenden und…“

„… scharfe Kritik an den Aussagen der ARD geübt habe, dass die Kinder die Lerninhalte von den Eltern begleitet anschauen sollten. Dies könne auf Dauer aber dazu führen, dass ihre wirtschaftliche Leistung durch die ständige Betreuung ihrer…“

„… beides verbinden wolle. Die Kultusminister hätten angeregt, alle Schüler im privaten Rahmen zu versammeln, um den Schulfunk zu sehen. Eltern seien damit wieder arbeitsfähig und hätten keine Infektionen im schulischen Rahmen mehr zu…“





Versatzstücke

17 12 2020

„An Ihrer Stelle hätte ich das anders gesagt, aber ich bin ja nicht Sie.“ „Danke!“ Hans Fritz, derzeit der größte Charakterdarsteller der vergangenen zehn Jahre, schritt wieder von der Freitreppe am städtischen Schwimmbad herunter. „Nehmen wir“, knurrte Siebels. „Wer weiß, wozu es gut ist.“

Inzwischen hatte Fritz die Krawatte gewechselt, einen hellen Sommermantel übergestreift und sich in einen silbernen Sportwagen am Fuß der Treppe gesetzt. „Und bitte!“ Der Schauspieler riss hastig die Fahrertür auf, stieg aus und rannte die Straße entlang, bevor er sich an den Kopf fasste und zum Auto zurücklief. „Das Licht“, fluchte es hinter uns. „Jut, machen wa noch een.“ Siebels nippte an seinem Automatenkaffee. „Wir machen die Szene dann auch noch mal ohne Mantel.“ Der Regisseur wollte etwas einwenden, nickte aber ergeben. So schnell würde er keinen ganzen Drehtag mehr mit Hans Fritz und Linda Borowki bekommen.

Die Nachwuchsdiva hatte durchaus einen Ruf zu verteidigen. Ihre Schuhe waren nicht im für sie passenden Schwarzton. Sie schrie den Mitarbeiter aus der Garderobe an. Der Regieassistent tupfte sich den Schweiß ab. „Sie soll gleich die Szene im Fahrstuhl machen“, stöhnte er, „da sieht man die verdammten Schuhe sowieso nicht.“ „Kamera III läuft.“ „Es handelt sich um eine Deckenkamera“, informierte mich Siebels. „Wir haben nur einen normalen Fahrstuhl auftreiben können, also haben wir ein Weitwinkelobjektiv in die Kabinendecke eingebaut und machen eine kurze Einstellung während der Fahrt und eine, in der ein Komparse mit einer Menge Aktenordnern einsteigt.“ Borowki spielte die Anwältin eines Großkonzerns, die auf eigene Faust einen Insiderhandel aufdeckt. „Geben Sie der Dame irgendwelche Schuhe“, flüsterte der Produzent. „Ich kann dieses hysterische Gefasel nicht mehr hören.“

Unterdessen zwängte Fritz sich in einen zu engen Lederkombi – oder er hatte zwischen Casting und Dreh ein bisschen zugenommen – und setzte sich eine dunkle Sonnenbrille auf. „Wo ist das verdammte Motorrad!?“ Ich blickte Siebels an. „Ich will Ihnen ja keinen Vorwurf machen, aber offenbar hat keiner an dieses Motorrad gedacht.“ Er warf den Becher mit geübtem Schwung in den Papierkorb. „Wenn Sie das Buch gelesen hätten“, antwortete er ruhig, „dann wüssten Sie, dass man ihm gerade das Motorrad gestohlen hat.“ „Und bitte!“ „Wo ist das verdammte Motorrad!?“ Fritz schien der Hals zu platzen. „Wo ist das verdammte Motorrad!?“ „Er ist ein richtiger Profi“, erklärte die graue Eminenz der deutschen Fernsehunterhaltung. „Andere würde so eine Szene uninspiriert wegspielen, er aber steigert sich regelrecht in seinen Text rein.“ Johnny, der Altrocker, schmiss wutentbrannt seine Handschuhe aufs Pflaster. Der Regisseur strahlte.

Anders bei Linda Borowki, die zu langsam auf den Fahrstuhl zuging. Es fehlte ihr an Nervosität, sie sollte in wenigen Minuten ihr Unternehmen in Gefahr vorfinden. „Glatte Fehlbesetzung“, meinte ich, doch auch das sah Siebels anders. „Haben Sie innerhalb der letzten Jahre…“ Ich schüttelte bereits den Kopf, doch wollte ich den TV-Produzenten nicht unterbrechen. „… irgendwelche Serien gesehen, die sich durch besondere Originalität ausgezeichnet hätten?“ Mein Schweigen schien Schuldeingeständnis zu sein. „Die ganze Wirkung beruht auf Dialogen, die sich selbst für witzig halten. Und genau da müssen wir als Produzenten nun ansetzen.“ Ich schaute ihn an; keine Spur von Ironie, also musste ich fürchten, er meinte es am Ende ernst. „Dialoge“, erläuterte Siebels, „bestehen immer aus denselben Versatzstücken, manchmal mehr, meist wenig passgenau.“ Ich erinnerte mich einiger Krimis im Sonntagsprogramm und nickte betroffen. „Lassen Sie den Humor beiseite“, bemerkte er mit einem müden Unterton. „Den werden Sie hier eh kaum finden. Es geht ohnehin nur um den Teil, den die Regie nicht im Griff hat, weil er sie intellektuell überfordert.“ Ich verstand nicht, aber da kam schon die nächste Szene.

Kommissar Klöpper schmiss seinen Mantel auf einen Stuhl und drehte sich um. „Der Fall ist klar“, deklamierte er. „Machen Sie Feierabend, ich schreibe schon mal den Bericht.“ „Cut“, schrie es aus der Kulisse, und: „Danke, gestorben.“ „Für die durchschnittliche Produktion reicht das“, sagte Siebels. „Der erste Verdächtige im Krimi ist ja eh nie der Täter, und der Zuschauer weiß das. Wir lassen den Mann als Kommissar Klöpper, als Sonderermittler Habicht oder den Bullen von Bad Gnirbtzschen im halben Halbprofil filmen, dann können wir ihn in dreizehn Serien einsetzen, ohne dass er auffällt, und die Szene passt in jeden Film.“

Der Aktenschlepper hatte den Fahrstuhl wieder verlassen, jetzt stand Linda Borowki allein in der Kabine. „Draufhalten“, sagte Siebels. „Sie wird ja schon ein bisschen unruhig, wollen wir mal sehen, wann sie die Nerven verliert.“ Das ging erstaunlich schnell, und innerhalb von zwei Minuten zeigte die Darstellerin einen erstaunlich lebensechten Anfall von Klaustrophobie, bei dem sie den Fahrstuhl von innen in seine Bestandteile zu zerlegen versuchte. „Ich frage mich gerade, ob das nicht ein bisschen zu echt ist.“ Siebels zog die Stirn in Falten. „Und Sie hielten sie für eine Fehlbesetzung?“ Unterdessen lief die Kamera weiter. Die Anwältin tobte und schrie. „Manchmal“, überlegte er, „da entsteht aus der Arbeit etwas ganz Neues, das erst im Schnitt seine Qualitäten entfaltet. Man kann ganz neue Szenen daraus erarbeiten, vielleicht sogar einen ganz neuen Film.“ Siebels winkte dem Regisseur. „Wir lange haben Sie denn heute noch Zeit?“





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXXXI): Tierdokumentationen

11 09 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es war ja nicht alles schlecht. Das Buntkehlchen zwitscherte morgens durch den kleinen Wald, der Erdpuschler warnte mit Gejiekel und Gefiep vor der Säbelzahnziege, anmutig düngte das gemeine Reh den Boden. Ab und zu schmeckte das Buntkehlchen als Beilage zum Fruchtmus, ab und zu regulierte die Säbelzahnziege den Bestand an Hominiden in der Siedlung am Rand der Savanne. Die Berichte von Einhörnern waren möglicherweise übertrieben, vor allem die hinreißenden Malereien späterer Generationen, nachdem die Art wegevolutioniert worden war. Dann baute der Mensch Kathedralen und Fabriken, planierte die Vegetation für mehr Parkplätze und stellte bekümmert fest, dass er die Erinnerung an früher langsam verlor. Nichts half. Erst die Erfindung des Fernsehens brachte Rettung, wenn welches Medium sollte sich sonst eignen für die gemeine Tierdoku?

Wir werden alle zu tränendrüsigen Deppen, die sich vor dem Brüllgerät scharen, wenn Eich- und Streifenhorn putziglich ihr Nüsslein knabbern, die Katz ihr Kindchenschema in die Kamera drückt und der Eisbär, kurz vor der Ausrottung zugunsten des deutschen Menschenrechts auf einen Diesel-SUV, glücklicherweise in Gefangenschaft seinen Hering wegmüffelt. Überhaupt pelzig, drall, schnuckelig oder wild, gefährlich und trotzdem populär – kein Zuschauer hat Bock auf die Klapperschlangen-und-Giftfrösche-Show – schon tritt die gewünschte Serotoninauskippung im Betrachter ein, mit der die beiden gewünschten Effekte kommen. Zum einen ist jedes Tier lieb.

Wer sich schon einmal die Mückenstiche einer lauen Sommernacht blutig gekratzt hat, darf gerne die alternative Wahrnehmung bemühen. Auch die Besiedelung eines Bordeauxschwenkers mit der szenetypischen Fruchtfliege, die aus den Resten der Radieschen im Küchenkübel entstammt, trägt nicht zur Akzeptanz des Geziefers bei. Nachbars Mieze ist so lange süß, bis sie vor versammelter Meute einen Singvogel in seine anatomischen Einzelteile zerlegt. Der Quotendackel, der für treue Augen und phlegmatischen Move dem Flachdachscheitelbürger ans Herz wuchert, erledigt mit dem Hamster zwei Türen weiter auf dem heimischen Rasen dasselbe Gemetzel: Leben und sterben lassen. Das mählich von Internetvideos aufgeweichte Resthirn sieht eine Katze mit einem Dutzend Küken und wundert sich, warum hier kein Splatterzeugs abläuft. Vermutlich hatte Muschi zwischendurch Streicheleinheiten, was direkt zur nächsten Baustelle führt.

Tiere werden grundsätzlich vermenschlicht. Da guckt die Großkatze noch mal über den eigenen Nachwuchs, und schon haut es die Jungen des vorherigen Abteilungsleiters weg. Es dient natürlich nur der Arterhaltung durch genetische Dominanz, wird aber trotzdem selten gezeigt. Ebenso wird die schnuckelige Anhänglichkeit der Heuler als Image des Säuglings verkauft, der ohne industriell-militärischen Komplex in Ruhe durch die Nordsee paddelt, aus dramaturgischen Gründen aber die Medienpräsenz vorzieht. Kein Hirnzellensolist ist in der Lage, sich die Notwendigkeit einer Aufzucht zu wünschen, für die Heimtiere aber haben wir die erforderliche Nähe bereits hergestellt, um die Biester zu funktionalisieren – immer schön, wenn das Frettchen im Bettchen pennt, der Hase im Drahtknast an Unterforderung wegsackt und die Schildkröte ihre letzten hundert Jahre in gepflegter Ignoranz verbringt. Die uns eingeschwiemelte Vorstellung kriegen wir nicht mehr raus. Auch nicht, wenn man die Viecher im Zoo filmt, satt und sauber und verdächtig kritiklos, bevor man sie wie unsere Senioren in die Endablagerung schickt. Sehr viel lustiger wäre es, alle Scheuerstellen im Ansatz zu zeigen, wie wir mit anderen Spezies umgehen.

Abgesehen vom üblichen Sozialporno könnte eine Dauerserie durch die Kanäle suppen, die Tierrechte thematisiert, das Artensterben (gerne ohne die sonore Erzählerstimme, die das Abnippeln des Klappschenkelwalrosses lakonisch weglabert), vor allem die Massentierhaltung, mit der sich die Hominiden schon das Grab geschaufelt haben. Wir waren ja bei den Menschenrechten, und keiner Sau kann man klarmachen, warum man Quokkas oder Faultiere nicht einfach ausblenden darf. Man darf das natürlich. Aber nur aus Gründen.

Wir selbst sind die Antwort. Sinnvoller wäre es, die Dummklumpen unserer eigenen Spezies in der Fülle ihrer tierischen Beklopptheit zu zeigen, ein Minderheitenprogramm zwar, aber sehenswert, wie wir bei Aufzucht und Hege des Nachwuchses aus reiner Eigensucht kläglich versagen, auf kleine bunte Bildschirme glotzen, während wir uns die Birne mit allerlei Lösungsmitteln zuziehen, über betonierte Pisten durch die weggeklappten Wälder heizen, das planetare Klima aufschaukeln und die anderen Arten ausradieren. Der entscheidende Störfaktor sind wir, die aus dem Ruder gelaufene Laune der Natur, die als erste Besiedelung ihr komplettes Habitat in die Tonne treten kann und das auch lustvoll tut. Immerhin, wir haben dabei eine nostalgische Liebe zur Kreatur entwickelt. Denn wo hat es der Eisbär so schön wie im Zoo?





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXVIII): Ekelwerbung

12 06 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Keiner weiß wirklich, wie es angefangen hat, es liegt jedoch nahe, dass der römische Statthalter Marcus Tullius Stultus vor dem Gastmahl einen seiner etatmäßigen Sänger auftreten ließ, der beim Aperitif mit Lerchenzungen und Otternasen mäßig klampfte und alsbald ausrief: „Fußgeruch!“ Schnell und unbürokratisch war die Stimmung im Eimer, der Präfekt sparte gebratenen Fasan, allerlei Obst, Wein und Zuckerzeug. Immer wieder schön, wie es ihm gelang, die Gesellschaft aufzulockern und im Gespräch zu bleiben. Leider geriet sein Beispiel in den kommenden Jahrhunderten nicht hinreichend in Vergessenheit, denn bis heute müssen wir es leiden, wie noch das deutsche Farbfernsehen in epischer Breite und täglich zur schönsten Sendezeit seinen wehrlosen Zuschauern in den Neocortex ballert, und das in Gestalt der Ekelwerbung.

Zur schönsten Sendezeit, das heißt: im Alltag meist kurz vor oder im Zieleinlauf der abendlichen Nahrungsaufnahme, wenn die Studierenden bereits das Bewusstsein erlangt haben und Senioren noch nicht sediert sind, die familienfreundliche Stunde, die nach Erwerbsarbeit und Sozialkontakten ganz der Entspannung dienen soll. „Ich bin Entwicklerin in einem großen Unternehmen für Hundeleinen“, jodelt’s da aus der Glotze, „deshalb kenne ich mich mit hartem Stuhlgang aus!“ Nach dreißig quälenden Sekunden beendet die Darmleuchterin ihr Gewürge und leitet ansatzlos in den nächsten Spot über, der in barocker Plastizität von Diarrhö singt, als gäbe es damit einen Krieg zu gewinnen. Spätestens nach der zweiten Einheit an Verkaufsförderung von Bauchheilmitteln kommt dem wehrlosen Zuseher die ganze Plempe mit Hochdruck aus allen anderen Körperöffnungen entgegen, spätestens bei der bunten Reizdarm-Reklame fliegt der Flimmerkasten mit Fahrtwind durch die ungeöffnete Scheibe und touchiert final die Straßenoberfläche.

Früher meuchelten Hüfthalter noch diskret die Damen, heute setzen sich völlig verseifte Mimen vor die Kamera und spielen jugendlich bewegte Pärchen, die einander bei einem guten Rotwein die Vorzüge einer Zahnpasta preisen, weil das Zeug die Blutung oberhalb der Beißer wegschwiemelt. Wer herausfindet, welche Gesellschaft das abbilden soll, ist herzlich eingeladen, sich bis zum Ableben in deren Obhut zu begeben und möglichst nie mehr in die zivilisierte Welt zurückzukehren, um mit derlei Geschmacksverkalkung eine ganze Nation in die kollektive Übelkeit zu treiben. Drüben in der Küche schält vermutlich das Gespons Kartoffeln und salzt bedächtig nach, während adoleszente Gutausseher, die wir selbst gerne sein wollen – zumindest ist es das Ziel der Filmchenfuzzis, uns eben dieses in die Birne zu pfriemeln – die unerträgliche Seichtigkeit des Neins zum Nagelpilz zelebrieren. Nagelpilz, wer ist nicht im Thema, wenn sich hippe Typen um Lifestyle-Themen wie Enddarmausstülpungen oder entzündete Haut dank bakterieller Superinfektion unterhalten, auf dass sich alles am Ende easypeasy im Arm liegt. Vermutlich bricht sich das brüllend über die Schulter, aber wir wischen’s ja nicht weg.

Ja, tröpfelt’s aus dem Kanal, die Vorderseite ist auch schon dran. Allerlei Zeug zum Naturheilen in Pille-Palle-Form gegen permanente Entwässerung im fortgeschrittenen Mannesalter dräut uns, und jetzt wird auch klar, was die Propagangster wollen: die komplette Aufmerksamkeit der von Enkeltrick und Apothekenpostillen umzingelten Generation, die sich mit Baldrian, Knoblauch und Kürbiskernen gegen irreversible Alterungserscheinungen mästet, vorsichtshalber den Gegenwert einer Mahlzeit in Form von Nahrungsergänzungsmitteln in die Diät einpreist und jede Kasperade sofort kauft, weil die Nachbarn es sicher auch tun. Steht der Quark erst einmal gut sichtbar bis prominent in der Drogerie, hebelt ihn sich der eine oder andere Ruheständler für teuer Geld in den Wagen, ob es hilft oder nicht.

Früher fielen den Benutzern der falschen Paste wenigstens noch Zähne aus, dass eine griechische Tragödie nichts dagegen war. Üble Schmutzränder krusteten sich an der Keramik entlang. Vorläufiger Endpunkt des Grauens war die Katastrophe namens Gefrierbrand, die dem Kurzgebratenen unmittelbar vor dem Besuch des Vorgesetzten dräute. Alles vom Tisch, Körperscham und Psychohygiene, es geht munter zurück in die infantile Phase der schwindenden Scham, mit der die Demenz sich anschleicht – wer sonst, wenn nicht Herrschaften im kaufkräftigen Ruhestand, ist hier gemeint, der sich vor lauter sickerndem Sekret und nässenden Ausfallerscheinungen nicht angesprochen fühlte? Noch hat man uns diverse Hygieneartikel nicht im lebensechten Gebrauch gezeigt. Unerschlossen ist das Würgegefühl beim Einsatz diverser federnder Zahnbürsten. Aber sollte sich die Check-24-Familie jemals zum Thema Verstopfung äußern, brennt die Mattscheibe. Versprochen.





Schwarzer Kanal

8 06 2020

„Wir könnten diese eine da aus Berlin einladen.“ „Die Journalistin?“ „Sie meinen die Ärztin.“ „Weiß ich nicht, aber die ist Ausländerin.“ „Ich dachte, die ist deutsch?“ „Wenn Sie die Farbige da meinen, die kann doch nicht deutsch sein.“ „Wozu soll die denn kommen?“ „Naja, Rassismus halt.“

„Dann lade ich aber keine Ärztin ein.“ „Meinen Sie, als Ärztin ist man keinem Rassismus ausgesetzt in Deutschland?“ „Ärzte machen hier gerade nur Corona.“ „Ich dachte, für Corona holen wir nur die Wirtschaft und ab und zu einen Schauspieler?“ „Wenn wir die jetzt einladen, dann wollen doch alle, dass die auch irgendwas zu Corona sagt.“ „Die Diskussion kann man doch auf Rassismus…“ „Ich meine, die will dann wieder eingeladen werden, das geht doch nicht!“ „Und diese Journalistin?“ „Wir haben schon einen Journalisten in der Sendung.“ „Muss der denn eingeladen werden?“ „Der ist so gut wie immer da.“ „Wenn wir den rausnehmen, dann kommt er so schnell nicht wieder.“

„Dann hätten wir noch den Sänger, der ist ja in letzter Zeit auch ganz bekannt.“ „Das ist aber kein Ausländer.“ „Muss ja auch nicht.“ „Wenn er aber Ausländer wäre, dann könnte er besser vergleichen, wo jetzt mehr Rassismus ist.“ „Ja, das klingt okay.“ „Dann laden Sie den mal ein.“ „So war das aber nicht gemeint!“ „Ich meine, so als Künstler ist das auch eher zu emotional besetzt, der steigert sich in eine unwissenschaftliche Definition von Rassismus rein, die wir hier nicht senden können.“ „Gucken Sie mal nach, ob Sie einen farbigen Soziologen im Telefonbuch haben.“ „Da ist einer aus Hamburg, aber das ist ein Psychologe.“ „Einen Versuch wäre es wert.“ „Schmidt, der ist seit dem…“ „Nee, das klingt scheiße.“ „Zu deutsch.“ „Wenn er Ausländer wäre, ginge es.“ „Als Österreicher?“ „Ich will hier keinen Stress mit dem Chefredakteur kriegen.“

„Die Frage ist doch erst mal, wie definieren wir Rassismus?“ „Das sollen doch die Farbigen für uns machen.“ „Wer macht denn hier das Programm, die Gäste oder wir?“ „Wir sind doch nicht der schwarze Kanal!“ „Ich möchte sowieso mal wissen, was die in der Sendung sagen wollen.“ „Dass es Rassismus in Deutschland gibt.“ „Das können wir doch im Spätprogramm immer noch machen.“ „Als Feature ist das auch leichter zu verarbeiten.“ „Und wenn es richtig spät kommt, guckt keine Sau zu.“ „Dann haben wir wieder das Problem, dass uns jeder vorwirft, nichts gegen Rassismus zu tun.“ „Doch, wir haben mindestens ein Dutzend Features über Rassismus.“ „Kann man neu zusammenschneiden, das merkt auch keiner.“ „Da könnte man doch den Soziologen reinsetzen, der kommentiert das.“ „Der ist Psychologe.“ „Meinen Sie, irgendjemand kapiert den Unterschied?“ „Ist halt ein Schwarzer.“ „Aber er vertritt dann nur die wissenschaftliche Definition und verzerrt die objektive Sicht auf das Material.“

„Insgesamt fehlt mir das kritische Element.“ „In den anderen Sendungen ging es zum Beispiel um Ausländer, da hatten wir diesen Nazi, der die halbe Sendezeit über gelogen hat.“ „Genau, so hatten wir die Chance zur dialektischen Diskussion.“ „Es gab doch mal diesen Ex-Muslim, der alle Muslime als Terroristen bezeichnet hat.“ „Genau, das bräuchten wir.“ „Einen Ex-Schwarzen?“ „Hähähä!“ „Es gibt doch Rechte, die alle Ausländer grundsätzlich aus Deutschland rausschmeißen wollen.“ „Und wenn wir nun einen deutschen Schwarzen einladen?“ „Einen schwarzen Deutschen meinen Sie.“ „Das ist doch dasselbe!“ „Für Rechte schon.“ „Dann haben wir wenigstens eine Chance auf eine Diskussion, die wir sonst im Alltag nicht führen.“ „Als Weiße sowieso nicht.“

„Wir könnten doch trotzdem diesen Sänger und vielleicht noch einen Fußballspieler einladen.“ „Das halte ich nicht für zielführend.“ „Vermutlich meint ein Teil des Publikums dann, dass die ja eigentlich alles geschafft haben.“ „Trotz ihrer Hautfarbe.“ „Sie meinen positive Diskriminierung?“ „Das wäre dann ja letztlich wieder Rassismus gegen Weiße.“ „Für die Diskussion wäre das gut.“ „Wir müssen nur sehen, dass wir da niemanden einladen, der noch mal wiederkommen soll.“ „Keine Sorge, von denen kommt keiner.“ „Zumindest nicht freiwillig.“

„Man könnte ja trotzdem mal einen schwarzen Polizisten einladen, der kann über institutionellen Rassismus mitreden.“ „Ich kenne da diesen einen Schauspieler, der…“ „Ja, der spielt aber nur einen schwarzen Polizisten.“ „Er ist aber ein Schwarzer, der einen Polizisten spielt.“ „Hätte er Polizist werden wollen, wäre es möglicherweise gar nicht erst geworden.“ „Vielleicht ist er deshalb ja gleich Schauspieler geworden?“ „Das führt doch zu nichts!“ „Warum kann die Redaktion nicht einmal eine schwarze Quotenfrau raussuchen!?“ „Die sind alle mit Behindertenbonus versehen.“ „Ach so.“ „Es bieten sich doch immer so viele an.“ „Da wäre ich vorsichtig, vielleicht wollen die nur mal ins Fernsehen.“ „Dann riskieren wir, dass die unschöne Sachen sagen.“ „Genau.“ „Was aber viel schlimmer wäre, die wollen dann jedes Mal eingeladen werden.“ „Sie meinen immer, wenn irgendwo ein Zwischenfall mit Ausländerfeindlichkeit in den Medien ist?“ „Wenn es sich um Deutsche handelt, ist es ja keine Ausländerfeindlichkeit.“ „Okay, dann muss man sie auch nicht einladen.“ „Also diese Dominanz von Farbigen kann sich auf den Sender auch negativ auswirken.“ „Sage ich ja, Rassismus gegen Weiße.“ „Wir können uns doch nicht ewig dieses Gejammer anhören, dass es in Deutschland Rassismus gibt!“ „Eben, woanders ist es noch viel schlimmer.“ „Ich bin jetzt die Faxen leid.“ „Haben Sie die Nummer von dem Arzt?“ „Corona?“ „Ja.“ „Okay.“ „Meine Herren, die Sendung steht.“





Fakten

5 05 2020

„Andererseits müsste man mal wieder was über die Wirtschaft bringen.“ „Oder soziale Themen.“ „Es wird ja auch nichts mehr über die Klimakatastrophe berichtet.“ „Jedenfalls müsste man mal sehen, ob die Autobauer sich jetzt endlich am Riemen reißen und die Verbrenner ausmustern.“ „Und die nächste Sendung?“ „Lindner hat angerufen, er will dreißig Minuten lang Wissenschaftler anpöbeln.“ „Na, dann machen wir’s halt so.“

„Nein, ich finde wirklich, dass man die sozialen Themen nicht aussparen darf.“ „Man muss doch an die Kinder denken!“ „Sehr richtig!“ „Haben wir da nicht diesen Bildungsforscher, der überall WLAN-Strahlung fürchtet?“ „Dann machen wir das mit dem.“ „Der kann erklären, dass ein Kind im Grunde nach acht Stunden in der eigenen Wohnung rein rechnerisch tot ist.“ „Warum überleben Kinder ein ganzes Wochenende zu Hause?“ „Verwirren Sie uns jetzt nicht mit Tatsachen, das sind Fakten.“ „Dass man den Kindern den wichtigen Austausch mit ihrer Altersgruppe vorenthält, sollte man da auch einfließen lassen.“ „Vor allem das Abitur!“ „Ist das denn jetzt wirklich so wichtig?“ „Unsere Kinder werden von linken Extremisten und Grünen gefährdet!“ „Okay, das muss man dann aber auch mit den richtigen Leuten diskutieren.“ „Hat denn Lindner Kinder?“ „Seit wann muss der irgendwas verstehen, um im Fernsehen zu reden?“

„Besteht denn die Gefahr, dass wir erneuerbare Energien aus dem Blick verlieren?“ „Man anders gefragt, könnte es nicht irgendwann so kommen, dass diese linksextremistische Regierung alles mit Windkraftwerken vollstellt, weil wir das gar nicht mitkriegen?“ „Die stehen ja gar nicht von einem Tag auf den anderen.“ „Und es gibt auch gar nicht genug Leute, die die aufstellen könnten.“ „Dann könnte man zumindest eine Sendung über Energie machen.“ „Weil bei uns die Lichter ausgehen, wenn die Wirtschaft nicht schnell genug wieder öffnet.“ „Das verstehe ich nicht.“ „Wieso, was ist denn daran nicht zu verstehen?“ „Es gibt doch keinerlei Einschränkungen für die Windenergiebranche, und die Arbeitskräfte waren auch schon vorher nicht zu bekommen.“ „Ja, das ist aber eine ganz andere Diskussion.“ „Das dürfen Sie jetzt nicht alles in einen ideologischen Topf schmeißen.“ „Aber wenn wir befürchten, dass die Lichter bei uns ausgehen, dann brauchen wir doch mehr Windkraft und nicht weniger.“ „Ich finde auch, wir machen das mit dem Abitur.“ „Ganz Ihrer Meinung, Herr Kollege.“

„Aber wir haben immer noch das von Laschet.“ „Was denn noch?“ „Die psychische Belastung von Arbeitnehmern?“ „Er hatte Arbeitslose gemeint.“ „Wie kommt er denn auf einmal zu Arbeitslosen?“ „Hallo, es ist vielleicht Wahlkampf!?“ „Man ist sich ja inzwischen sicher, dass Arbeitslosigkeit die psychische Gesundheit massiv gefährdet.“ „Darum ist er auch so ein großer Fan der Hartz-Verwahrung, richtig?“ „Es ging hier um Arbeitnehmer!“ „Ah, und ich hatte mich schon gewundert, dass er das Argument vorher noch nie gebracht hatte.“ „Man muss sich ja nur mal ansehen, was Homeoffice mit den ganz normalen Leuten macht.“ „Und dass die psychosoziale Belastung bei Callcenterkräften und Pflegern und Fleischzerlegern und Spargelstechern und…“ „Sie müssen nicht in den Berufen arbeiten.“ „Laschet hat das auch nicht gemacht, und sehen Sie mal, was aus dem heute geworden ist.“

„Aber das mit den Küchenbauern müsste man auch mal hinterfragen.“ „Hatten Sie nicht bei einem Betrieb angefragt?“ „Die sind stocksauer.“ „Aber die Läden sind doch wieder offen?“ „Ja eben, jetzt müssen sie die Personalkapazitäten wieder voll hochfahren, können die bestellten Küchen nicht ausliefern, weil die Handwerker keine Wohnungen betreten dürfen, und deshalb können sie keine Rechnungen stellen.“ „Das erfordert natürlich eine sofortige Diskussion.“ „Eben. Wir haben mit Laschet gesprochen, er wird Vorauskasse für alle Handwerksleistungen fordern, damit die Betriebe nicht vom Staat gerettet werden müssen.“ „Das ist doch total behämmert!“ „Deshalb war er ja von dem Vorschlag sofort überzeugt.“ „Alternativ kann man auch mal überlegen, ob man nicht Handwerker wieder in die Privatwohnungen lässt.“ „Warum nicht, die Kunden müssen nur einen Mundschutz tragen.“ „Warum die Kunden?“ „Weil das die Wirtschaft vor Verlust ihrer Arbeitskräfte schützt.“

„Wir haben da noch einen Fernsehkoch auf der Liste und einen Kabarettisten.“ „Keine Frau?“ „Das würde nicht passen, wir müssen ja noch was mit Autos machen.“ „Aha.“ „Und Fußball?“ „Stimmt, das müssten wir auch noch machen.“ „Vielleicht einen Psychologen befragen, der uns bescheinigt, dass ohne Bundesliga schwerste traumatische Störungen zu erwarten sind.“ „Die dann auch wieder die Arbeitsleistung verringern kann.“ „Und Suchterkrankungen.“ „Wahrscheinlich wird die Kauflaune dadurch auch gedrückt.“ „Womit wir wieder bei den Autos sind.“ „Schlimm!“ „Aber da hätte ich einen, der bestätigt Ihnen alles.“ „Ist der Virologe?“ „Gegen Aufpreis bestimmt.“ „Dann laden Sie den Mann mal ein.“ „Dann müssen wir ja in der Sendung gar nicht mehr über soziale Themen sprechen.“ „Auto ist doch Gesellschaft genug.“ „Und den Kabarettisten?“ „Übernächste Woche soll irgendwas mit Statik kommen.“ „Nee, Statistik.“ „Sag ich doch.“ „Na, dann passt das ja wieder.“ „Okay, noch irgendwelche Fragen?“ „Und wie nennen wir das?“ „‚Corona – Müssen wir jetzt alle sterben?‘ wäre doch…“ „Ja, klingt gut.“ „Gut, dann rufe ich mal im Sender an. Wir machen eine ganz normale Talkshow, wie jeden Montag.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (DVI): True Crime

20 03 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Das waren noch Zeiten, in denen man mit Uga samt Sippe am Lagerfeuer hockte und den ganz alten Schauergeschichten lauschte, die man längst auswendig kannte und schon deshalb für wahr hielt, weil sie sich jedes Mal ein wenig veränderten. Das wurde nie langweilig, und irgendwo steckte sicher ein Tatsachenkern in den Gruselmärchen, die von der Säbelzahnziege handelte und den Nachbarn, die sich immer ein Körbchen Buntbeeren ausliehen, bis sie plötzlich mit der Machete die ganze Mischpoke zu Blutsuppe verarbeiteten. Schlimm. Was man als klassischen Moralroman noch unter die Leute hat jubeln können – Verbrecher aus mangelnder sozialer Distanz – wird heutzutage sperrig bis unerwünscht. Viele Fachleute, Psychologen und Psychiater, Physiker, nicht zuletzt auch Polizisten mischen sich in das Geschäft ein, das von Rechts wegen nur am Freitag nach acht die Experten zu interessieren hatte. Es geht nicht um untaugliche Versuche in Verbindung mit Barbara Salesch, es geht um Deppen im Gleis, sprich: True Crime.

Durch die traditionelle Komplettüberfütterung mit Kriminalfilmen haben wir das Grundrauschen im Angstzentrum: das Böse ist immer und überall. Man kann quasi keinen Schritt aus der Wohnung tun, wenigstens nicht ohne schwere Artillerie in der Schlafanzughose, denn wir sind umzingelt von den Schwerstkriminellen, die uns eins über die Rübe geben wollen. Rechte Demagogen machen sich die Besorgnis der Bumsbirnen ohnehin zunutze, indem sie von Einbruch und Vergewaltigung an jeder Ecke schwafeln, auch wenn keine Kriminalstatistik das je hergäbe. Aber die Gänsehaut sitzt, und wo es sich nicht mehr um fulminante Fiktion handelt, die in exklusiven Milieus stattfindet – die Drogenszene in Chefetagen oder hinter dem Bahnhof, Kollisionen zwischen Politik Geld und Schmierinfektionen der moralischen Art, wahnhaft halluzinierte Sekten, mafiöse Ausländer, you name it – kommt die reale Gefahr in Gestalt des Nachbarn, von dem wir nur wissen werden, dass er immer so freundlich gegrüßt hat. Sie ist auf unserer Fußmatte angekommen, die Untat. Jetzt hilft nur noch Panik. Und Fernsehen.

Was wäre besser als der gute, alte Sozialporno, ein voyeuristisches Format für alle Fälle. Neben all den schönen Klischees, die das Filmchen breittritt, der chirurgisch präzisen Trennung zwischen dem stets guten, edlen und im akzeptierten Mainstream lebenden Opfer sowie dem devianten Killer aus den klassischen Motiven, wildert es im Lustgarten der moralischen Erregung: wie gut, sagt da der innere Pharisäer, dass ich nicht so ein verpfuschtes Leben habe mit Depressionen, Arbeitslosigkeit oder einem Elternhaus, das abgesehen von abstehenden Ohren nicht viel zu vererben hatte. Alles das wird zur Freude des Publikums durchdekliniert bis zum finalen Erbrechen des Wiedergekäuten, dass Delinquenz nur eine Frage der Lebensschuld ist, gut erkennbar an abgenagten Fingernägeln oder dem falschen Pass.

Dass auch hier die Ermittlungsarbeit mitnichten realistisch dargestellt wird – geschenkt, man kennt es aus dem durchschnittlichen 90-Minuten-Krimi am Sonntag, in dem DNA-Spuren in erzählten zwei Stunden ausgewertet und mit ominöserweise immer schon vorhandenen Datenbanken vergleichen werden können, in denen jeder Taschendieb aus Taka-Tuka-Land steht, obwohl er noch nie in der EU gewesen ist. Einen Film, der zu gut achtzig Minuten aus Papierkram und Dienstbesprechungen besteht, will eh keiner sehen.

Konstituierend für die ganze Gattung ist der kontrafaktische Schock, der brutalstmöglich blutige Bilder in die Netzhaut schwiemeln will, damit die Schlotterspirale nie durchbrochen wird, schon gar nicht von analytisch denkenden Störenfrieden mit kriminalistischer Sachkenntnis. Schneller, höher, noch mehr Opfer, sonst ballert der Serienkiller vom Konkurrenzkanal die Quote ins Jenseits. Die als Feigenblatt vorgeschobene Generalprävention ist öffentliche Erregung, die nichts als ein Ärgernis hinterlässt. Das Genre liefert die billige Vorlage für die jäh aufschwappenden Killerspieldebatten nach Terror aus dem braunblauen Sumpf, rassistische Hetzattacken auf der Basis wirrer Korrelationen, die schon ein irgendwie verdächtiger Name herstellen kann, und es verwickelt sich in seinem eigenen Anspruch. Es will die Perspektive des Opfers herstellen – erkenntnistheoretisches Kunststück bei einer getöteten Person, aber sei’s drum – und dient durch enthemmtes Mitraten doch lediglich seiner entgrenzten Entwürdigung, indem es sein Umfeld zum Hinterbliebenenschütteln nutzt und für die Spanner an der Glotze herauspräpariert, pietätlos und durchinszeniert wie eine Scripted-Reality-Show von und für Minderbemittelte. Die Lust an der Sensation badet in der eigenen Jauche, um ein Rechtfertigungsmuster für eine sekundäre Störung der Totenruhe zu stricken: wenn sie es nicht tun, tut es eben ein anderer. So schlagen Psychopathen zu, nur nicht mit dem Produktionsbudget, sondern mit der stumpfen Seite der Axt. Dann haben wenigstens die Lämmer ihre Ruhe.





Arztromane

26 02 2020

Siebels sackte kurz nach vorne, fing sich aber und saß dann wieder kerzengerade auf dem Holzbrett, das als Bank an die Stationswand genagelt worden war. „Echtzeit“, murmelte er. „Aber das Konzept ist nun mal gut, und wir ziehen das jetzt auch durch. Gnadenlos.“

Schwester Petra schob den Wagen in Richtung Westflur. Das Kamerateam zog mit, schon mehr aus Gewohnheit als in wirklichem Interesse mit der Tätigkeit der stellvertretenden Stationsleiterin. Ich blickte in meinen Plastikbecher. Dieser lauwarme Automatenkaffee, von dem der große TV-Producer locker einen Liter pro Nacht in sich hineinschütten konnte, wurde und wurde nicht weniger. Aus einem mir nicht erklärlichen Grund kühlte sich das Zeug auch nicht ab. Vielleicht waren wir hier in einem Bereich, in dem die Entropie ausgeschaltet war oder wo die Relativitätstheorie keine Gültigkeit hatte. Ich wusste es nicht und wollte es gar nicht wissen. Ich wollte nur endlich begreifen, warum ich damals zugesagt hatte, mit Siebels beim Dreh einer seiner Serien zuzusehen. „Krankenhaus“, hatte er gesagt. „Wir machen etwas total Neues. Revolutionär auf dem deutschen Fernsehmarkt. Sie werden es nicht für möglich gehalten haben.“

Im Glaskasten gegenüber sah man den Pfleger akribisch Medikamente in eine Liste eintragen. „Das würde natürlich viel schneller gehen, wenn man es nicht handschriftlich erledigen müsste, aber Vorschrift ist nun mal Vorschrift.“ Ich hatte ihm die Tüte mit den Pfefferminzbonbons rübergeschoben, er hatte zufällig den Aktendeckel offen gelassen. „Wenn es der Versuch sein sollte, jemanden an der Schrift zu erkennen, ab drei Zeilen sind Sie ohne jede Chance.“ Zimmer 602 bekam heute jedenfalls eine Thrombosespritze. Bisher war Siebels für die zwölf Staffeln von Klinik in der Südsee und die großen Weihnachts-Specials mit Rudolf Bumsbäumer als Professor Paul Schneckenschmidt in der Kardiologen-Serie Doktor der Herzen verantwortlich gewesen. Dreh stets in den Weihnachtstagen, tropische Kulisse, Luxus und Alkohol inklusive, der geübte Nichttrinker hatte mit den Stars und Sternchen leichtes Spiel. Jetzt also dies. „Achtung“, zischte der Maestro unvermittelt. „Oberarzt auf sechs Uhr!“

Doktor Wilcke sah man die Doppelschicht auch schon auf mehrere Meter an. „Es ist momentan bei uns recht ruhig“, sagte er mit glasigen Augen. „Wir hatten gestern einen Herzstillstand und zwei nicht so richtig erfolgreich verlaufene Thoraxeingriffe, Schwester Olga desinfiziert gerade die Zimmer, und jetzt kam noch eine verpfuschte Schönheits-OP dazwischen. Rückflug aus Bulgarien. Geplatzte Silikonhupen.“ Der Mikrofonmann verzog keine Miene. Doktor Wilcke schloss kurz die Augen. „Es muss ja irgendwie weitergehen, nicht wahr?“

„Gut, haben wir“, murmelte der Kameramann. Siebels nickte. War das etwa ein Anflug von Kichern in seinem Gesicht? „Immerhin“, sagte er maliziös, „immerhin müssen wir uns hier nicht an ein Drehbuch halten.“ Schwester Petra ging auf quietschenden Gummisohlen wieder in den Ostflur zurück. Plötzlich zerriss ein schriller Pfiff in der Glaskanzel die schläfrige Stille. „622“, rief der Pfleger. Wie elektrisiert rannten die Schwester und der Oberarzt zu dem roten Blinklicht am Ende des Korridors. „Lungenentzündung“, erklärte der Pfleger. „Wenigstens war das gestern der letzte differentialdiagnostische Sachstand, wenn ich das entziffern kann, was der Kollege notiert hat.“

Ich hatte den restlichen Kaffee heimlich in den Kübel mit den plastiniert aussehenden Ficusästen entsorgt und suchte nun irgendeine Möglichkeit, auch den Plastikbecher in ein nicht für Bio- oder Krankenhausmüll reserviertes Depot zu schmeißen. „Die Dokumentation ist schon wichtig“, erklärte der Pfleger. „Wir haben nur nie Gewissheit, dass sie auch irgendeiner liest. Stellen Sie sich vor, es käme zu Unregelmäßigkeiten. Der Pneumothorax aus 614 ist letal. Ein Beinbruch überlebt die Nachtschicht nicht. Doktor Wilcke zeichnet den ganzen Scheiß ab, weil er ins Bett muss.“ Mich fröstelte. „Es ist wie Überwachungskameras. Das spart jede Menge Polizistengehälter, verspricht aber nur die schnelle Aufklärung von Verbrechen, die man vorher hätte verhindern können – und auch das ist Selbstbetrug, denn wer gibt hinterher schon durch Ermittlungen zu, dass er vorher jahrelang und aus Gier versagt hat.“ Siebels nickte. „Das ist der Punkt.“ Er zog ein Streichholz aus der Manteltasche und schob es sich zwischen die Zähne. „Genau deshalb stopfen wir den Leuten mit schmalzig verfilmten Arztromanen die Augen zu, damit sie nicht nachdenken über das Gesundheitssystem, in dem Ärzte und Pfleger auf Verschleiß gefahren werden.“ Der Kameramann schwenkte zu Schwester Petra. „Hypovolämischer Schock“, sagte sie knapp. „Herr Doktor Wilcke ist noch an der Dokumentation, bitte warten Sie mit dem nächsten Notfall noch eine Viertelstunde.“

Meine Zunge fühle sich trocken an. Der Pfleger schrieb Nachrichten mit der Kollegin aus der Säuglingsstation. Der Tontechniker schien sich mit einer spontanen Depression anzufreunden. Doktor Wilcke ließ eine Packung filterlose Zigaretten in die Kitteltasche gleiten und nickte in die Runde. „Ja“, grummelte Siebels, „gut. Gut, gut.“ Ich fühlte nach Kleingeld in meiner Hosentasche, als er sich plötzlich zu mir wandte. „Wenn Sie in den nächsten drei Tagen nichts vorhaben, wir drehen in der Mordkommission.“