Bitte rechts freundlich

7 06 2018

„Also dann über Mieten. Da schlage ich einen Kardinal vor, im Angebot ist dieser Typ aus Köln, den kriegen Sie im Doppelpack mit Spahn, der redet sowieso über jedes Thema, und wenn ihm die Themen ausgehen, redet er weiter, und dann noch einen von der AfD.

Wollten Sie nichts über Wohnungsnot machen wegen der Zuwanderung? Ach so, Sie machen jetzt problemorientierte Kommunikation. Nicht mal mit einem Ex-Rechten? Frauke Petry? Islamismus-Experte? Meinen Sie denn, dass die Leute dabei einschalten? Sie wollen eine Sendung, die die Zuschauer interessiert? Ja, aber das ist noch nicht gleich die Einschaltquote. Sie können eine gute und vernünftige Diskussion über das Thema Mieten zeigen, aber das wird doch nach fünf Minuten auch langweilig. Da entsteht nichts.

Wir können ja erst mal mit den anderen weitermachen. Für die Montagsschiene haben wir noch Sportler, die sind immer gut bei sozialen Themen, dieser Fußballer da ist Ausländer und kommt aus Berlin, Brennpunkt, wenn Sie wissen, was ich meine, und Sie wollten doch irgendwas über Facharbeitermangel machen? Arbeitsmarkt? Passt doch prima, wir haben Scheuer und diese andere Schauspielerin, wie heißt sie noch, der kann dann den Part über misslungene Integration und schnelle Abschiebung übernehmen. Sie müssen in der Sendung schon herausarbeiten, dass der Mangel an Facharbeitern daran liegt, dass wir ungebremste Zuwanderung und… –

Jetzt verstehen Sie mich aber auch mal. Wir haben so viele große Fernsehtalente, gut, der eine oder andere Rohrkrepierer ist auch dabei, die CSU braucht halt die Kohle, und wir garantieren Ihnen eine einwandfreie Produktion. Die Sendung steht in einem Durchlauf, das kann man im Halbschlaf wegmoderieren, wenn da doch mal der eine oder andere intellektuelle Tiefgang drin sein sollte, das versendet sich, und vor allem mit den Themen machen Sie Quote. Das zählt doch. Zählt nicht? Also für uns zählt das.

Nächsten Mittwoch wollten Sie die Folge über mangelnde Schulbildung machen. Da laden Sie sich einen Imam ein, der das deutsche Schulsystem in den Gebetsteppich einwickeln will, dazu eine Nachwuchsschauspielerin, mittwochs sagt Sahra Wagenknecht auch immer so merkwürdige Sachen, vielleicht können wir Bosbach noch exhumieren, auf jeden Fall eine gute Mischung. Explosiv. Macht mindestens zehn Prozent mehr. Sie müssen dann aber schon noch so einen migrationspolitischen Drall reinkriegen, klar. Sie können da nicht einfach einen vom Finanzausschuss hinsetzen, der sagt: wir haben leider keine Mittel, um die Schulen zu renovieren, das mit den Wasserhähnen ging schon vierzig Jahre lang gut, das muss auch die nächsten siebzig Jahre halten, Sie brauchen da Widerspruch, einen, der das Thema wieder interessant macht. Mit einem Bildungsexperten, der Ihnen erklärt, dass das alles von homöopathischer Handystrahlung kommt, kriegen Sie nichts gerissen.

Ich mache Ihnen mal ein Angebot. Spahn und noch eine Schlagersängerin, dazu einen Bischof, Gauland und… –

Doch, probieren Sie das aus. Machen Sie ein ganz einfaches Thema, ‚Ist Deutschland noch zu retten?‘ oder so, und dann schauen Sie mal zu, in welche Richtung sich das Thema entwickelt. Sie müssen den Zuschauer auch mal da abholen, wo Sie ihn in den letzten zehn Jahren hingebracht haben. Sie haben doch mit Ihrem Programm auch eine inhaltliche Verantwortung. Erst anfixen und dann im Regen stehen lassen, das geht gar nicht. Die sind in der Lage und schalten zu den Privaten um. Und da wartet dann Strunz.

Wollen Sie jetzt, oder wollen Sie nicht? Es ist doch letztlich alles eine Frage des Preises. Und die AfD ist nicht mal billiger als andere, die haben auch Kredite zu bedienen. Manche auch anderes. Jedenfalls liefern wir Ihnen eine Sendung, die Sie bedenkenlos ausstrahlen können. Sie wollen doch an der politischen Meinungsbildung in diesem Land gestaltend teilnehmen, oder? Na sehen Sie, dann ist das doch das beste Mittel dazu.

Dann nehmen Sie eben nicht Spahn, wir haben auch noch Lindner, der ist nicht ganz so billig, kostet aber weniger. Da fällt der Ministerbonus weg, und dann haben wir ihn auch nicht mehr so oft im Einsatz. Dazu Höcke und ein Anschlagsopfer vom Breitscheidplatz, und das Thema können Sie frei wählen. Mir würde spontan etwas einfallen wie ‚Dauerthema Islam – Wie sehr dominiert die linke Mainstreamkultur die schweigende Mehrheit?‘. Oder ‚Messermänner, Ehrenmorde Veggie-Day – Ist Deutschland schon eine salafistische Republik?‘. Das zieht. Davon sprechen die Leute am nächsten Tag. Nicht nur im Rundfunkrat.

Nein, das ist unappetitlich. Da machen wir nicht mit. Ich meine, hier wird Deutschland wirklich gefährdet. Nicht nur in finanzieller Hinsicht, hier geht es auch um ein Stück nationaler Ehre, wenn Sie wissen, was ich meine. Und da werden Sie außer den üblichen Verdächtigen auch keinen finden, der sich äußern will. Das wird für alle Beteiligten unangenehm, und ich wüsste auch nicht, wie wir das Ding nennen sollten. ‚Deutschland am Scheideweg‘ oder ‚Wie lange haben wir uns selbst in die Tasche gelogen?‘ Das muss eine andere Produktionsfirma für Sie übernehmen. Wir machen das nicht. Doping im Fußball – ohne uns!“

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Unter deutschen Dächern

11 04 2018

„Nachbarn, eins, die erste.“ Die Klappe klappte. Der Mikrofongalgen zitterte vor dem blassblauen Morgenhimmel, Siebels wippte in den Knien. „Ton läuft!“ „Und ab“, kratzte die TV-Legende, die graue Eminenz des deutschen Unterhaltungsprogramms, worauf sich alles in Bewegung setzte.

„Der Verfremdungseffekt“, erklärte Siebels und ließ den Zahnstocher vom linken zum rechten Mundwinkel wandern, „liegt ja im sozialen Sujet, und das wollen wir deutlich herausarbeiten.“ Ich begriff; zumindest hatte ich den Eindruck, etwas begriffen zu haben. „Sie wollen die Handlung auch zeigen, aber die eigentliche Bedeutung hat der Gang der Handlung.“ Er runzelte nur eben die Stirn. „Sie mögen sich mit Brecht auskennen, aber nicht mit seinen Voraussetzungen. Stellen Sie sich am besten da hinten hin, da sehen Sie gut.“ Nicht, dass er verärgert gewesen wäre. Aber er war noch eine kleine Spur kaltschnäuziger als sonst.

Zwei neugierige Mieter hatten den Bürgersteig vor der Wohnhauskolonne betreten, ein mittelalter, leicht verschlafener Herr in Sportkleidung, eine dickliche, in einen Wollmantel gehüllte Matrone mit fettig blondiertem Haar. „Weinsteins?“ Sie musste einen Moment überlegen. „Ja, das ist eine nette Familie. Er ist, glaube ich, Installateur, und sie ist zu Hause. Aber die Kinder, immer adrett und sauber, sehr angenehm.“ „Die haben kein Auto“, blubberte der unrasierte Mann in der Fußballkluft dazwischen. „Normalerweise wäscht man hier in der Siedlung am Samstag sein Auto. Die haben aber kein Auto.“ „Aber nett“, ließ sich die Blondierte wieder vernehmen, „vor allem die Kinder sind ja immer sehr nett angezogen, die Tochter hat so ein rotes Kostüm, ich glaube, es ist eine Schuluniform, aber sehr nett.“

Der mittelältere Mieter war schon zum Büdchen gezogen, das gleich öffnen musste – sicher war es die Bierflasche, die er umtauschen musste – da wandte sich die Dame an Siebels. „Die geht immer erst nach acht aus dem Haus“, zischte sie. „Die denkt wohl, wir merken das nicht, aber Holzauge!“ Sie klopfte sich geräuschvoll auf die umfangreiche Brust. „Der ist auch nur Klempner, da verdient man nicht genug, um seinen Kindern elegante Kleidung zu kaufen. Aber ich will nichts gesagt haben!“ Wie zur Abwehr hob sie die Hände. Das hatte die beiden älteren Anwohnerinnen im Hintergrund nicht gestört, bereits Aufmerksamkeit heischend in die Kamera zu winken, als müssten sie einem Unfall die passende Note verleihen. Aber vielleicht war es auch genau das.

„Sie haben den ersten Durchgang gesehen“, flüsterte Siebels, „weiter geht’s.“ „Neger“, keifte die eine, worauf die andere zusammengezuckt war. „Wir haben ja nichts gegen Neger – also im Prinzip, es muss ja jeder selbst wissen. Aber dass die hier in unserem Viertel wohnen, das ist schon schlimm. Es gibt doch so viele, die sind negerfeindlich – wenn jetzt ein Anschlag auf unsere Siedlung ausgeübt wird, dann heißt es doch gleich…“ „Vor allem“, fiel ihr die erste ins Wort, „wer kommt dann für die Schäden auf?“

Auch hier herrschte Einigkeit, dass es an den wesentlichen integrativen Maßnahmen mangelte. Man wusch seinen Wagen am Wochenende. Auf dem Balkon war augenscheinlich mehrmals eine größere Menge Wäsche getrocknet worden. „Das macht man doch nicht!“ „Aber Sie haben doch da auch einen…“ Das Gespräch war rasch beendet; es war wohl nicht nur das Gespräch am Ende.

„Nein“, erläuterte der burschikos gekleidete Jungspund, „sie passen nicht in diese Gemeinschaft. Wir haben nichts gegen sie, aber ihr Verhalten ist integrationsunfähig.“ Er sah den Kameramann provozierend an. Der blickte über den Rand seiner Brille zurück, bis unser Nachwuchsnazi begriff: die Kamera lief. Unter wüsten Verschwörungen ließ er die Szenerie zurück. „Wie gesagt“, dozierte Siebels, „wir verfremden. Es muss dazu aber klar sein, dass es für den Zuschauer auch erkennbar bleibt.“ Eine resolute Endvierzigerin mit Einkaufstasche hatte sich in den Vordergrund gedrängt, wahrscheinlich war ein Filmteam in dieser Gegend die Ausnahme und weckte ein enormes Mitteilungsbedürfnis. „Die haben diesen großen schwarzen Wagen da an der Straßenecke.“ Sie konnte sich gar nicht beruhigen. „Und das von Sozialhilfe – das weiß doch jeder, dass da keiner arbeitet!“ Jedenfalls hatte sie nie einen gesehen, der früh das Haus verlassen hat. „Sie führt erst mittags die Kampfhunde aus. Dass man das nicht verbietet!“ „Die mittags auszuführen?“ Siebels hatte sie irritiert. „Hunde? Das müssen wir von unseren Steuern bezahlen!“ „Und Sie gehen einkaufen, weil sie ansonsten berufstätig sind?“ Da mopste sie sich. „Rausschmeißen“, schrie sie noch, „diese Schmarotzer sollte man an der Grenze schon rausschmeißen.“

„Danke“, rief der Tonmann. „Sehr gut“, sagte Siebels mit tiefer Zufriedenheit. „Das reicht für heute auch aus.“ „Sie wollten doch einen Film drehen über diese Familie?“ Er schmunzelte. „Ja, auch das. Aber wie gesagt, mir reicht eine gewisse Verfremdung nicht aus.“ Er schritt auf den Eingang zu, riss den Namen vom Klingelschild und steckte das kleine Stück Folie in seine Rocktasche. „Seit Monaten schon ohne Mieter“, kommentierte er trocken. „Wer würde schon gerne hier leben – in dieser Nachbarschaft?“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDVIII): Irgendwas mit Hitler

6 04 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

In Mosambik kann man abends die Glotze anknipsen und bekommt eine astreine Telenovela. In Litauen wird’s nicht anders sein, es hängt halt vom Anbieter ab. Auch in Österreich besteht noch Hoffnung, beschränkt, aber Hoffnung. In der BRD hockt man vor der Mattscheibe und drischt sich unmittelbar die schönsten Bilder aus dem Bunker in die Birne. Ohne Gnade wird jede Sendelücke mit dem Bettnässer aus Braunau verfüllt. Ob als Sand- oder Gasmännchen, Architekt und Kanzelredner, bis zum weißen Rauschen in der Rinde wird der Deutsche zu einer seltenen Form von Selbstverletzung angehalten, sieben Tage in der Woche, ständig, es gibt ja genügend Sender für den ganzen Müll. Wenn gar nichts mehr geht, geht immer noch irgendwas mit Hitler.

Vermutlich werden um den Gruselclown mit der Zahnbürste im Gesicht ganze Kulturlandschaften in die Geschichte gefräst. Anders ist nicht zu erklären, dass der Diktator sich zum Protagonisten eines ganzen Genres gemausert hat – die Wunderwaffe aus Archivdreck und pseudomoralischem Klarlack über den dialektischen Rissen treibt noch immer die Deppen auf die Couch. Religion und Sport müssen schweigen, wo das Geschwiemel über den Gröfaz jede Dino-Doku plättet. Sie haben die Zuschauer im Blitzkrieg um Marktanteile erobert, jetzt bauen sie eine Festung gegen den angeblich linken Zeitgeist, der sich auch nur noch mit Adolf abgibt, aber von der Unterseite.

Da Hollywood vor dem schreienden Scheitel nicht Halt macht, wurden wir langsam, dafür umso nachhaltiger konditioniert, auf die Wiederkehr des Braunen zu achten in vielerlei Gestalt. Manche Apokalypse des miserablen Geschmacks hätte man durch frühzeitiges Wegbomben noch verhindern können, doch die Brut hat im kortikalen Flokati die ersten Muster eingescheuert. Ein Volk, ein Reich, ein Guckreiz für die Schimmelhirne, die ihre tägliche Gleichschaltung nicht einmal merken.

Dabei ist die Sache doch ein ganz hübscher Wirtschaftsfaktor geworden, dem die Nation blendende Umsätze verdankt, immer neu verpackter Braunbrei in der alten Geschmacksrichtung für nachwachsende Generationen, deren Rezeptoren immer weiter gerundet werden, abgestumpft, ausgelaugt, so dass nur höhere Dosen helfen, mehr Brei, mehr Hitler in allen Variationen. Aus jedem Buch ein neuer Film, aus jedem Film ein neues Buch, das dann, ganz im Sinne einer historisch-unkritischen Aufarbeitung, wieder neu analysiert und eingeordnet und diesmal aber wirklich ganz und gar abschließend beschieden, wie der Führer seinen Pudding aß. Gäbe es für die Abhandlungen über bayerischen Brückenbau, die Schwanzlurche auf der Nordhalbkugel und die Geschichte der deutschen Damenmoden kein Marktpotenzial, mit Hitler und… wächst zack! dem Ding ein Barscheck aus den Rippen, Stoff für drei neue Folgen auf dem Spezialsender oder mindestens eine spektakuläre Headline in der Zeitung mit den dicken Buchstaben.

Manches aus diesem Mustopf wird gar als investigativer Journalismus verkauft, der muffelnde Unterton fix sandgestrahlt und überlackiert, schon steht das komplette Elaborat als stundenlanger Dokuseifenschaum der Schmodderanstalten im Nachmittagsprogramm. Wer dann Zeit hat, sich den Krempel in die Hirnrinde zu drücken, hat diese nicht ohne Grund. Einher geht mit der intellektuell eher schlicht möblierten Dachkammer auch eine Nähe zu zerfahrenem Synapsengebrauch: hätte der Führer Fisch gefressen, vielleicht wäre der Russe an der Elbe stehen geblieben. Der arische Aluhut, das ist mal sicher, wusste immer schon, dass wir in Stalingrad eigentlich gewonnen haben. Aber das darf man ja nicht mehr sagen.

Zumindest nicht in diesem, unserem Lande. In anderen Staaten geht man mit dem Nazi noch scheulos um: sie zeigen, dass es Arschlöcher waren, Schicklgruber inklusive, und pusten sie nicht auf zu Dämonen, die vom Himmel fielen, uns alle in den Untergang gezwungen haben, unter denen nicht alles schlecht war und die wir demnächst dringend wieder brauchen. Zum Aufräumen. Kein lähmender Bannstrahl trifft das Publikum. Es herrscht kein Bildverbot, davon abgesehen wird keine aus reinem Riefenstahl geschmiedete Farbkulisse hinter der Ostfront vorbeigezogen, keine Aufmarschmusik schmettert sich das Zäpfchen wund – diese wohlige Angst, dass das, was wir alle so gern wieder hätten, tatsächlich noch mal alle Maschinen auf Todestrieb umstellen könnte, diese Gänsehautkrankheit kennt nur der Deutsche, der sich höchstens noch dagegen wehrt, dass man seine Hitlerverehrung gleich als nationalsozialistisch auslegt. Er will die intimen Momente, die alltäglichen, in denen er Krieg und KZ ausblenden kann, ewigen UFA-Eintopfsonntag, menschelnden Kitsch im Säurebad. Karies aus der Tube. Der nette Drecksack von nebenan. Man sollte mal etwas machen, um ihm als Individuum näher zu kommen. Vielleicht ein Tagebuch.





Im Fokus

5 02 2018

„… zu unserer heutigen…“ „Sie haben ja wieder den Mainstream eingeladen, aber die schweigende Mehrheit hat auch ein Recht!“ „Und deshalb sind wir für eine Obergrenze, die…“ „Meine Damen, meine Herren, unsere Frage heute: macht uns die Landwirtschaft krank?“

„Zunächst mal muss man sagen, dass diese ganzen Pflanzenschutzmittel gar nicht die Pflanzen schützen, sondern in erster Linie nötig sind, um die Aussaat von genetisch veränderten Arten…“ „Und die haben in Deutschland nichts zu suchen!“ „Da sind aber auch deutsche Firmen daran beteiligt.“ „Deshalb müssen wir den Export stärken, damit wir den Fachkräftemangel abstellen können.“ „Aber auch andere Pestizide sind gefährlich für die Verbraucher, das müssen wir abstellen.“ „Ich möchte die jedenfalls nicht in meiner Nachbarschaft haben.“ „Es zwingt sie auch keiner.“ „Doch, die fallen in Horden ein in Deutschland und machen hier alles kaputt und werden vom Staat bezahlt, damit wir bald kein rein deutsches Erbgut mehr im Land haben.“ „Also wenn man die Wirtschaft fragen würde, oder die Börse, das ist auch ein ganz erheblicher Teil, wo wir als Staat für die Steuern arbeiten, da muss das Geld, und da kommt es doch her.“ „Sie sind ja wieder vollkommen am Thema orientiert.“ „Sie bezeichnen mich und meine Partei als Nationalsozialisten, aber wir fordern einfach nur eine erbgesunde deutsche Tomate, das wird man doch sagen dürfen in Ihrem linken Hetzsender!“

„Deshalb kann uns mehr Europa helfen, nicht weniger Europa.“ „Aber auch da gilt, dass eine Obergrenze sich an der Aufnahmefähigkeit unserer Wirtschaft orientieren muss.“ „Das ist schon von der Verfassung her sehr…“ „Wir brauchen einen atmenden Deckel, notfalls auf dem Grundgesetz.“ „Lassen Sie uns den zweiten Punkt beleuchten, der gerade durch die Regierungsbildung wieder in den Fokus gerückt ist: Massentierhaltung.“ „Das ist mit emotionalen Dingen wie Wissenschaft nicht zu beantworten, hier muss auch die Wirtschaft ein Wort mitreden dürfen, denn die ist schließlich in einem Land, in dem Steuerzahler leben.“ „Ich will das auch nicht in meiner Nachbarschaft.“ „Dann müssen Sie mithelfen, das in Europa zu…“ „Ich will nicht, dass es einem deutschen Huhn schlechter geht als einem arbeitsscheuen Islamfaschisten, der nur nach Europa gekommen ist, um die deutsche Frau zu vergewaltigen!“ „Wir müssen überall da eine Obergrenze anbringen, wo sie zur Erhaltung der deutschen Leitkultur dient.“ „Wo sehen Sie denn in der Geschichte Massentierhaltung als ein schützenswertes Kulturgut?“ „Wir haben einen Leberkäs und eine Weißwurst, und was meinen Sie, wo die Wirtschaft ihr Fleisch einkauft?“

„Mal abgesehen von der Fleischproduktion, wir sind in Deutschland noch nicht so weit in der Bio-Landwirtschaft, wie wir das noch vor Jahrzehnten sein wollten.“ „Ihre Zwangsislamisierung durch Kantinenessen ohne Schwein haben Sie ja schon zur Genüge im Staatspropagandafunk gebracht, die schweigende Mehrheit lässt sich das aber nicht mehr länger gefallen!“ „Wir brauchen hier mehr Europa, das ist Ihnen doch auch klar.“ „Das sind die Kulturbereicherer, die uns mit veganen Rezepten aus dem vorderen Orient beglücken wollen.“ „Das wird von den Deutschen ganz gut angenommen, die Wirtschaft hat jedenfalls…“ „Ich will das aber nicht in meiner Nachbarschaft!“ „Jetzt bleiben Sie mal auf dem Teppich!“ „Als Deutsche können wir uns das nicht leisten, wir holen uns doch jede Menge Antisemiten ins Land.“ „Sie widersprechen mir gar nicht, auch das lässt sich ganz verfassungskonform mit einer Obergrenze regeln.“

„Bleiben wir doch noch mal einen Augenblick in Europa.“ „Eben, wir brauchen viel mehr…“ „Wie sieht’s mit der Umsetzung von EU-Richtlinien aus?“ „Deutschland darf sich keine weiteren Strafen leisten, wir setzen das konsequent um, da es in der Bundesrepublik keine rechtsfreien Räume geben darf.“ „Dann sollten Sie aber auch Verordnungen umsetzen, die auf eine artgerechte Haltung in allen Betrieben bestehen.“ „Wir haben nie bestritten, dass wir eine Obergrenze auch mit viel Augenmaß und Verständnis gegenüber den Betroffenen…“ „Solange ein antisemitischer Asylant einschließlich Familiennachzug mehr Raum zur Verfügung hat auf deutschem Boden als ein von Ökofaschisten zum Nationalsymbol erklärtes Huhn, werden wir diese Regierung jagen!“

„Die Exporte beispielsweise nach Afrika…“ „Wir können uns nicht immer über Obergrenzen unterhalten, jedenfalls nicht außerhalb unserer Wirtschaft.“ „Genau, und mehr Europa heißt nicht automatisch mehr Entwicklungshilfe.“ „Wir haben aber den Markt für Geflügelzucht in Afrika schon komplett zerstört.“ „Mit weniger Europa lässt sich das jedenfalls nicht beheben.“ „Was würden Sie denn tun, wenn man Ihre Volkswirtschaft gezielt an der Wurzel zerstört? Das sind doch die Ursachen für die Flucht übers Mittelmeer!“ „Die Neger sollen gefälligst zu Hause bleiben und ihr Land wieder aufbauen, das haben wir doch nach dem Krieg auch gekonnt!“ „Aber wir führen den Krieg gegen die afrikanischen Volkswirtschaften!“ „Sagen Sie Ihren Nafris, die sollen einmal pro Woche in die vegane Kantine gehen, damit ist jedes Problem gelöst!“ „Als rohstoffarmes Land muss sich Deutschland gegen Wirtschaftspartner wehren, die einseitig nur auf Exporte setzen.“ „Das ist jedenfalls nicht meine Nachbarschaft!“ „Meine Damen und Herren, macht uns die Landwirtschaft krank? Vielen Dank fürs Zuschauen, morgen Abend sehen Sie die…“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXXXIX): Das Kulturmagazin

6 10 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Uh, wie furchtbar. Hui, wie dolle. Sieht aus wie Zoo, ist aber keiner, und ausschalten kann man es auch. Könnte man, wenn man denn wollte, aber wer sich freiwillig und meist zu später Sendezeit die Kinderstunde für Erwachsene antut – oder für die, die sich unbedingt als solche benehmen müssen – gehört zu denen, die es nicht besser verdienen. Die Besserverdiener versüßen sich den fortgeschrittenen Abend im Schlummer, beim Fußball, im Rausch, nur der verbissene Spätaufsteher, die angewachsene Oberstudienratshose, der nullogame Troglodyt mit der Hegel-Gesamtausgabe in der Schrankwand, sie alle weinen still in die Fernbedienung hinein, wenn die Trottellaterne mittelalterliches Personal in moderaten Hipsterlook näht und vor die Kamera schubst, um des Deutschen Spießers Wunderhorn zu füllen mit Dichterwort und Korkenknall. Es ist wieder Zeit fürs Kulturmagazin.

Schräglich behoste Herren und Damen mit asymmetrischen Frisurversuchen sind schon immer über die Mattscheibe geturnt, und mit etwas Glück haben sie keine Spuren im Neocortex hinterlassen, wenn der Guckreiz sich verflüchtigte. Wie aus einem Guss verquickt dieses Modell hysterischen Nachwuchs und historische Ansprüche zu pauschal penetranter Individualität, denn Kultur, zumal die massenmedial breitgequarkte, darf alles sein, nur nie Mainstream. Was an Mittelstrahl das bürgerliche Feuilleton durchplüscht, ist für die Experten nur ein Betäubungsmittel, das die letzten Reste kritischer Praxis verödet. Mokiert die halbstaatlich bestallte Redaktöse sich angesichts einer Mozart-Oper, die wie selbstverständlich im KZ inszeniert wird, dann brezelt der Gaffenstall sich frohlockend eine Provokationsvorlage aus dem Stoff, wissend, dass zwischen die Neuentdeckung venezolanischer Epik und eine Poetikvorlesung maximal ein Pils passt, denn nüchtern ist diese Mische nicht zu ertragen.

Gäbe es eine Messgröße für Selbstverliebtheit, sie läge in dieser Sendung begründet. Man kann die Protagonisten scheint’s schlecht bezahlen, denn im Entgelt inbegriffen sind offenbar bunte Pillen und das Versprechen, einmal in der Woche durch die Wohnküchen wehrloser Verbraucher zu stelzen. Sie verklappen freiwillig neorealistische Novellen und den neudeutschen Film in ihren Schimmelhirnen, unerschrocken bis schmerzresistent, letzteres wohl ein Einstellungskriterium, indem sie das Klischee der verhassten Deutschstunde auf links krempeln: das, liebe Kinder, wollte der Dichter Euch nämlich mit dem Gesabber sagen, und wir sind befugt, unser geistiges Geröll über Euch auszukippen, ungefragt und deshalb richtig.

Ab und zu schleichen sich Kulturschaffende ins Studio. Hier wird ein bekannter Komponist zur Menschenrechtslage in den Seealpen befragt, dort eine Stararchitektin zum Biopicfimmel. Für ihr Entkommen ist in der Regel gesorgt.

Schlimm, aber unausweichlich und nahezu konstituierend für das Kerngenre der intellektuellen Bespaßung ist der erhobene Zeigefinger, die Moralerektion als Monstranz des missionierenden Besserwissers im Feldzug der Verdeppten. Die Welt des Geschmacksdiktators besteht zu vier Dritteln aus Problemen, die er nicht wird lösen können, Umweltkatastrophen in Afrika, der mähliche Tod des Kastenfroschs, ein schleichender Niedergang des Schamanismus in entlegenster Gegend von Hinterasien, und alles das wird mit Sonetten und Mambo bekämpft, Nasenflötenmusik und Theater in der Badewanne als postmoderner Thespiskarre, jedoch vermutlich nur, damit ein mies bezahlter Redakteur mitsamt zweier Kabelträger sich in der kirgisischen Steppe zwei Dutzend hauptberuflicher Freizeittänzer widmen und eine Stunde Material über sie kurbeln kann, der dann als Drei-Minuten-Terrine in die Haushalte schwappt, befremdliche Bilder aus einer wirren Welt, in der man zum Glück nicht auch noch leben muss, aber schön hüpfen tun die Wilden, das ist doch auch schon etwas. So berichtet die Sendung mit dem Graus je um je von Mode aus der Altkleidersammlung, gerne auch als Buch, Film oder Podiumsdiskussion, bis sie sich dem eigentlichen Zweck des Bildschirmflirrens hingibt, dem Marketing.

Hat die Absatzförderung schon mit Verve die Talkshows okkupiert und in ein unliterarisches Terzett neuronal überforderter Klosteinverkoster verwandelt, wie sie alle das letzte Druckerzeugnis, die letzte Leinwandarbeit, die grassierende Tour durch deutsche Gaue zum letzten Tonträger ohne Sinn und Verstand mit Hosianna vollloben, so schwiemelt sich die Produktplatzierung auch hier ins Format hinein, wo unverbindliche Larmoyanz für scheinbare Objektivität sorgt, den Daumen stets überm Preisschild, weil ja die gesellschaftliche Relevanz zählt. Dafür also hat man die Werbung unterbrochen. Aber Dranbleiben lohnt sich, denn alles geht irgendwann einmal vorbei. Vielleicht kommt ja hinterher ein vernünftiger Western.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXXXI): Frühstücksfernsehen

4 08 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Dass pünktlich mit der Sichtbarkeit der Sonne vom Bergfried herab die Fanfare quäkte, hatte seine Gründe. Hin und wieder war ein Herold beim bis dato üblichen Verfahren, den auf der Lanze montierten Hahn durch den Laden zu stecken und damit den Tagesanbruch zu signalisieren, aus Versehen mit harten Gegenständen sowie der Lanze kollidiert und gleich ins allgemein Organische übergegangen. Das Metaphorische, ja: Mechanische aber blieb, der Schmerzreiz in Kopfhöhe, als liefe der Trailer zum Jüngsten Tag gerade an. Mit mehr Schmackes hatte nie Dämmerung sich erhoben über den Finsternissen, seitdem die Säbelzahnziegen ihr dusseliges Geblöke an der Höhlenpforte aufgegeben haben, teils aus Folgenlosigkeit, teils, weil sie ausstarben. Das Leben blieb gleichbleibend hart. Bis das Frühstücksfernsehen erfunden wurde.

Der Konsument kollidiert versehentlich mit dem Bedienelement und wird ad hoc von Grinsefratzen umjodelt, wie Affen auf Saccharin die Mattscheibe von innen ausbeulende Knallfrösche, die um Aufmerksamkeit betteln und dazu nur ein einziges Mittel kennen: Lautstärke. Eine Butterfahrt der Geschmacklosigkeiten schunkelt schmerzbefreit über den Schirm, stopft dem wehrlosen Volk Finger in sämtliche Gesichtsöffnungen und zieht es auf ein Niveau hinunter, auf dem sonst nur Schlager und Aufsichtsratssitzungen überleben können. Genau die richtige Stimmung für ein Inferno.

Das just von der Herrenausstatter-Resterampe gescheuchte Moderationsvieh wirkt denn auch wie ein zu enger Schuh, der durch zwanghaftes Ruckeln in die einzig halbwegs erträgliche Position gebracht werden soll. Wer auch immer dieses Regiekonzept in der Mappe für ernsthafte Vorschläge abgelegt hat, sein entspanntes Verhältnis zum Ritalin hätte die Produktionsfirma frühzeitig warnen müssen. Größere Differenzen zwischen Wirklichkeit und Wirkung kriegen nur esoterisch vollverschwiemelte Kanäle und am Rand der Umnachtung dümpelnde Shoppingsender hin, wenngleich mit einer erheblich geringeren Breite des Angebots, jenem Kaleidoskop aus Boulevard, Sport, Politik, Kitsch und Service, wobei die letztere Rubrik juristische Haushaltstipps und praktische Hinweise zur Börsenanalyse mit den saisonal bedeutenswerten Kinderkrankheiten in den Thermomix stopft. Das Ergebnis ist entsprechend, mit Abstrichen verwertbar, aber nutzlos.

Überall, wo TV-Macher den ihrem Medium eingemeißelten Mainstreamhumor an überwiegend noch schwer somnolente Zielpersonen bringen wollen, ploppt der fröhliche Wahnsinn aus dem Hinterkopf auf: mach es platt, Baby. Die unerträgliche Seichtigkeit des Schleims schwappt auch hier aus dem Gerät, vermutlich aus der für Vorabendserien konstruierten Schmalzaustrittsdüse, die auch hier in einer schwer erträglichen Duftnote von Karneval und Zwangsstörung aufgepappt wirkt. Wie sehnlich wünscht man sich als unbewaffneter Kontrahent des noch jungen Tages eine Mistgabel, um das aufgeputschte Geballer zwischen Newsflash und Wetterbericht zum Erliegen zu bringen. Die Sensation und die heitere Dramatisierung der daraus folgenden Spannungszustände widmet sich in heiterer Art dem Versuch, die Banalität real erfahrbar zu machen. Was an Mittelmäßigkeit aus dem Redaktionsfilter dringt, es wird sorgfältig und bis in die letzten Winkel der Gemeinplätze bunt bemalt, glatt lackiert, hastig geschmirgelt.

Vor allem ist das Frühstücksfernsehen, wie es in fragwürdiger Analogie zur Nahrungsaufnahme die Contentbulimie in eine halbstündige Rotation zwingt, eine fettbasierte Häppchenüberfütterung mit Fakten, Fakten, Fakten und allem, was als halbwegs beweisbare Äußerung durchgeht. Hektisch getaktete Eigenwerbung zwischen Kino und Human Interest sorgt wie periodisches Sodbrennen als Marker, das versendet sich nicht – einmal gesehen, setzt die Peristaltik zielsicher wieder ein, aber sorgt das für den Griff zur abschaltenden Macht? Der auf leichte Bekömmlichkeit getrimmte Seim, Bluthochdruck, Euro-Krise, Helene Fischer und der Präsident der Herzen, er sickert planvoll in die Synapsenlücken ein, verklebt der brägenbewölkten Guckeria schon nach zwei Durchläufen das Dialektikmodul und planiert die Einflugschneise für die eigentliche Thematik: das Elend der Welt zu erkennen aus publizistischer Sicht, wie es sich Tag für Tag nur marginal ändert, damit die restliche Medienmeute beim entnervten Abschalten wenigstens weiß, worauf sie ihre Konditionierung gründen soll. Bis zu den Spätnachrichten.

Besser für die Seele der Zuschauer wäre es, man ließe Clowns Nachrichten vorlesen, Popsänger die Börsenkurse verkünden und den Rechtsanwalt, den sich der Sender hält, Sonnenbrillen testen, während der Rest Marmelade kocht. Alle halbe Stunde präsentiert ein elektrisches Garagentor das Programm. Vielleicht käme das wieder in den Nachrichten, quasi auf einer Metaebene, und dann wären alle harmlosen Menschen verstört, aber nachhaltig wach. Auch nicht schlecht.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXXV): Die Talkshow-Demokratie

9 06 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es wird eine Wette zwischen fünf Freunden gewesen sein, die schon zuvor komplett schmerzfrei waren. Sie hockten im Kreis, keiften einander ohne Punkt und Komma an und ersonnen peinlich bis dümmlich wirkende Injurien frühinfantiler Höhe, um sich im Gezänk der Stände wenigstens pro forma Vorteile zu erschleichen. Einer von ihnen tut ab und zu vernünftig, ein zweiter wird später als Rumpelstilzchen mythologisch verklärt. Andere lallen ein Ostinato dümmlicher Fettreste herunter. Zuschauer gibt es, sie hocken hinter einer Wand und klatschen nach jeweils drei Minuten, weil man ihnen Bananen über den Rand schmeißt. Sie nehmen sich der drängenden Fragen ihrer Zeit an: Krieg oder Frieden? und: wen interessiert das? Das Publikum seinerseits begann Steine über die Mauer zu werfen, weil ihnen das unsägliche Geschrei auf die Plomben ging. Der Geist der Tragödie gebar Schlafstörungen, die Demokratie und die Talkshow.

Da eins nicht ohne das andere mehr denkbar ist, hat sich heute der Parlamentarismus mit dem an sich gesitteten Disput aus den Kreis der Gewählten bewegt. Mag die Verlagerung einst unter dem Vorzeichen der Popularisierung geschehen sein, die dem Volk etwas wie Scheinpartizipation zu geben gewillt war, sie hat nichts erreicht, unter dem Gesichtspunkt der politischen Aufklärung noch viel weniger. Denn die windschiefe Projektion einer Zusammenkunft der Klügsten zeigt lediglich Lumpen beim Hadern mit der eigenen Borniertheit. Beide, die Quasselveranstaltung mit abgekartet und abgehangen riechenden Killerphrasen und Scheinargumenten, die von drittklassigem Personal zur besten Sendezeit verbraten wird, um möglichst viel Kohle in private Hosentaschen zu pfropfen, und das Fernsehformat, sind letztlich nicht mehr als kommunikative Hüllen, aus denen sich mit etwas Glück ein rhetorisches Talent über den Bodenstaub erhebt, um das ritualisierte Brimborium mit der Brechstange zu öffnen.

Schon die Auswahl der Themen hegt den Geist der freien Meinung sorgsam in einem rostigen Käfig ein, durch dessen Gitter man das Gehampel der zusammengecasteten Kampfhähne sieht, spontan wie die Kontinentaldrift, überflüssig wie eine Wurzelentzündung. Mit der Beschränkung von Form und Inhalt auf eine nie da gewesene Lautheit macht sich der Klamauk mit dem Untergang der Demokratie gemein, wie er billig geskriptet den Betrieb über die Rampe schiebt. Ein hektisch aus Versatzstücken geschwiemeltes Infotainment in niedermolekularer Bauweise leitet über in die Sphären der Halbwahrheit, die Halbbildung fordert und fördert – Mimesis für den Mistgabelmob, der seinesgleichen sucht und tragischerweise auch findet, wo die Wirklichkeit verendet.

Die kontroverse Debatte wird mit glitschiger Rhetorik an den Parlamenten vorbeigelotst, die ihrerseits nicht viel mehr sind als das Sprechzimmer vor den Ausschüssen: ein falsches Bild von öffentlicher Sachwaltung entsteht, wie man auch den Akten lesenden Kommissar nicht ertrüge, der einen ganzen Krimi lang ballistische Berichte oder Abhandlungen über postmortalen Mageninhalt läse. Mehrfach kippt das Konzept, zuletzt in der dümmlichen Hoffnung, der Pöbel würde die schale Inszenierung willig schlucken, nicht aber den Auftrieb der Sündenböcke, die bunt getanzten Klischees und den lauernden Populismus, wie er sich zum Gesellschaftsbild emporarbeitet, um die Differenzierungen aus der Hirnrinde zu bügeln. Nicht die kompetenten Personen, sondern die wenigen talentierten Polarisierer werden im Ringelpiez durch die Talkshows gereicht, eine Rotte Flüstertüten im Dauereinsatz, sekundiert von Steuerhinterziehern, Koksern, Sprechblasebälgern, Schwerversprechern, Handpuppen und ähnlichen Treuepunktsammlern einschließlich der obligaten Frau in Burka, ohne die keine Polemik über EU-Milchquoten mehr möglich ist. Welche Rolle aber haben die Marionettenspieler, die Schmiere sitzen in diesem Kinderquatsch für Beknackte mit der Aufmerksamkeitsspanne von in Schnaps sozialisierten Goldfischen? Und warum haben sie der Salonfähigkeit für Extremisten nichts mehr entgegenzusetzen?

Sie verfolgen dieselben Ziele. In einer hohlen Form scheppert es lauter, sie haben alle immer wieder dasselbe so nie gesagt, sagen aber, dass man das ja mal sagen müsse, weil man das ja gar nicht sagen dürfe, und das dürfe man ja wohl noch sagen. Eine Riege von Sagengestalten tingelt trotzig mit verbalem Gerümpel im Gepäck von einem Flohmarkt der Eitelkeiten zum anderen, voller Sendungsbewusstsein, immer dicht an der intellektuellen Nahtoderfahrung, manche auch nur dicht, manche nicht ganz dicht, alle etabliert und deshalb erklärte Feinde des Establishment, weil sie genau das schon immer tun wollten, was sie ihnen vorwerfen. Sie machen es für Geld. Was hätten sie sonst auch zu bieten.