Im Land der untergehenden Sonne

14 03 2011

„Schrecklich, wenn man das alles gewusst hätte!“ „Wollen Sie mir ernsthaft verkaufen, Sie seien sich nicht im Klaren darüber, was hier alles droht?“ „Aber das konnte doch keiner vorhersehen – der Mensch ist nun mal in seiner Einsichtsfähigkeit viel zu beschränkt, das zu begreifen.“ „Ja, das wollen sie einem dann immer verkaufen, wenn sie nicht mehr weiterkommen mit ihrem Gewäsch. Alles bloß billige Sonntagsrhetorik, aber das hilft uns auch nicht mehr weiter. Jetzt muss man handeln. Wenn das überhaupt noch geht.“ „Was wollen Sie denn machen? Fukushima ist doch kein Spielplatz, das ist eine gigantische Katastrophe!“ „Wer redet von Japan? Ich rede von Deutschland!“

„Sie meinen doch wohl nicht etwa, man könne die japanischen Verhältnisse auf Deutschland übertragen?“ „Warum nicht? Glauben Sie, nur die japanischen Energiekonzerne arbeiten schlampig? Dank unserer Kanzlerinnendarstellerin wissen wir doch jetzt auch, dass unsere asiatischen Freunde zwar ein hoch technisiertes Land sind wie wir, aber dass in hoch technisierten Ländern die Reaktoren in die Luft fliegen, dass gibt’s natürlich nur in Japan.“ „Sie können ein Erdbebengebiet wie den Pazifik nicht mit Europa vergleichen.“ „Weshalb hat dann die Kanzlerin noch einen weiteren Sicherheitscheck angeordnet, dessen Ergebnisse im Ministerium längst vorliegen? Alles ist sicher, aber man weiß nie, ob sicher ist sicher auch sicher ist – also wird alles noch einmal überprüft, ob es auch so sicher ist, dass man es gar nicht hätte überprüfen müssen.“ „Doppelt hält eben besser.“ „Das wussten sicher auch die Kernkraftwerksbetreiber, die sich ihre angeblichen Nachrüstungen zwar vom Steuerzahler erstatten lassen, aber aus technischen Gründen noch mit den Sicherheitsmaßnahmen warten.“

„Vertrauen Sie doch erst einmal darauf, dass die Politik die richtigen Schlüsse zieht. Die wissen schon, was da zu tun ist.“ „Deshalb hat man die Vergrößerung von Flutbehältern oder die redundanten Sicherheitssysteme auf die lange Bank geschoben.“ „Warum hat man das denn so lange verzögert?“ „Weil die Reaktoren im wahrsten Sinne des Wortes Auslaufmodelle sind, die Sie heute nie mehr durch den TÜV bekämen. Sie lassen auch nicht Ihr Auto frisch lackieren und fahren es danach gleich in die Schrottpresse.“ „Und wozu braucht man größere Flutbehälter?“ „Um das zu verhindern, was in Fukushima als technisch unmöglich beschrieben wurde.“ „Sicher wäre es das ohne Erdbeben sogar gewesen.“ „Alles, was technisch unmöglich ist, wird als technisch unmöglich bezeichnet, weil es höchstens einmal in einer Million Jahre zu passieren hat. Wann war noch mal Tschernobyl?“

„Aber Tschernobyl war doch auch etwas völlig anderes. Die Sowjets hatten kaum geeignete Mittel, um sichere Reaktoren zu bauen, und sie konnten auch die Katastrophe nicht in den Griff kriegen.“ „Wenn das ein Argument für die sicheren Reaktoren in Japan sein sollte, dann habe ich es nicht verstanden.“ „Wir haben doch hier in Deutschland eine total andere Gefahrenlage.“ „Das stimmt, seit Schäuble kräht jeder Innenminister nach der Vorratsdatenspeicherung, um Flugzeugabstürze auf Atomkraftwerke zu verhindern.“ „Ich dachte, die seien sowieso verboten?“ „Warum lässt Röttgen die weitere Vorsorge gegen derartige Risiken, der sich längst im Atomgesetz befand, eigens streichen? Weil Schutz vor Nuklearkatastrophen Geld kostet, das man den Betreibern lieber schenkt.“ „Sie meinen, er habe das Volk heimlich hinters Licht geführt?“ „Heimlich? Nein.“ „Wie soll denn die deutsche Politik reagieren? Wir können ja schlecht innerhalb einer Stunde die Kernkraftwerke herunterfahren. Dazu besteht meines Wissens auch kein Anlass, oder erwarten Sie einen Tsunami in der Mosel?“ „Mit etwas Überblick wüssten Sie, dass die Kernschmelze nicht durch ein Beben ausgelöst wurde, sondern durch den Ausfall mehrerer Kühlsysteme. Und jetzt überlegen Sie sich, warum Röttgen es den Energiekonzernen leichterdings erlaubt hat, gesetzliche Sicherheitsvorkehrungen einfach zu umgehen, wenn sie zu viel kosten.“

„Es spricht also alles dafür, dass die Regierung die Atomkraft in Deutschland nicht im Griff hat.“ „Es spricht einiges dafür, dass diese Regierung nichts mehr im Griff hat. Diese Krückentechnologie ist nur ein Anlass, die eigene Unfähigkeit zu zeigen. Hauptsache, sie klammern sich an die Macht.“ „Halten Sie es für Realitätsverlust?“ „Nein, für planmäßige Vernebelungstaktik, mit etwas Schadensbegrenzungsrhetorik politische Handlungsfähigkeit vorzutäuschen, weil ein paar Landtagswahlen ins Haus stehen.“ „Warum müssen Sie auch gleich eine Grundsatzdebatte vom Zaun brechen!“ „Wenn nicht jetzt, wann dann? Wenn nichts passiert, ist Atomkraft sicher und sauber und preiswert, eine Diskussion findet nicht statt. Wenn aber tatsächlich ein Zwischenfall kommt, plärrt die Atomlobby unisono: ‚Die haben ja bloß darauf gewartet!‘ Ich möchte es einmal erleben, dass bei Sozial- oder Einwanderungspolitik diese Blase nicht bei jeder Boulevard-Schlagzeile sofort eine Generalabrechnung mit dem Grundgesetz fordert. Im Übrigen halte ich es schon nicht für blanken Zynismus, wenn diese Partei jegliche Kritik am Verfassungsbruch als plumpes Wahlkampfmanöver bezeichnet. Das ist neokonservativer Konsens, dass man die Interessen der Wirtschaft auch da verteidigt, wo man selbst dafür büßt.“

„Vielleicht sollten Sie sich erst einmal abregen und nicht bei jeder Politikeräußerung in die Luft gehen.“ „Auf welche soll ich warten? Auf das offene Eingeständnis, dass diese korrupte Truppe sich von einer Umfrage zur nächsten eine Laufzeitverlängerung erschwindelt, während Deutschland für ihre Ideologie zum Land der untergehenden Sonne wird? Wollen wir aus Sicherheitsgründen darauf warten, bis sie die Verfassung in der Asse beerdigen?“ „Röttgen hat doch…“ „Röttgen reicht der Kanzlerin längst nicht mehr aus, sie muss unbedingt noch ihren eigenen Super-GAU produzieren. Nach menschlichem Ermessen, sagt sie, liegen wir also in Gottes Hand? Im Iran würde man einen Kernphysiker nach derlei für unzurechnungsfähig erklären.“ „Wenn Sie eine Debatte über Reaktorsicherheit führen wollen, dann ist es jedenfalls nicht legitim, dafür auf dem Rücken der Opfer…“ „Haben Sie Anstand und Moral auf Lager? Das hat bei Guttenbergs vorgeschobenen Soldaten auch bestens funktioniert. Warum sollten Westerwelle und Röttgen weniger Opportunismus an den Tag legen? Einen Haufen, der aus Angst vor den Lobbyisten panisch seine Sprechblasensammlung neu sortiert, statt überhaupt den Regierungsgeschäften nachzugehen.“ „Sie haben es doch selbst gesagt, Merkel will jetzt die Kernkraftwerke noch einmal prüfen lassen.“ „Sie glauben wohl auch an den Weihnachtsmann, wenn man’s Ihnen nur dreimal sagt. Merkel tut gar nichts und lässt auch nichts tun. Sie lässt höchstens in den nächsten drei Tagen prüfen, ob sie sich einen atomaren Gutti erlauben kann – allerdings hat sie den auch zu lange laufen lassen vor der finalen Abschaltung.“ „Und das reicht Ihnen für eine Wahlkampfinszenierung? Sie unterschätzen die baden-württembergischen Wähler.“ „Eine Regierung mag beunruhigt sein, wenn sich die Bürger selbstständig zu informieren wissen, aber sie bekommt panische Angst, wenn sich die Menschen untereinander austauschen – und sie reagiert mit Brutalität, sobald sie den ersten Verein gründen. Das vor allem haben die Bürger in Baden-Württemberg gelernt, und sie wissen eine Kanzlerin richtig einzuschätzen, die nur aus Opportunismus in die Politik gegangen, weil sie es aus ihrer bis heute bevorzugten Staatsform nicht anders kannte: wenn man an der Macht ist, kommt man an Bananen.“





Schicht im Schacht

10 08 2009

Berlin war nicht zu beneiden. Der Augusthimmel drückte seine übergroße Staublast hinab in die Straßenschluchten. Träg dümpelte die Spree zwischen Ost und West. Das versprochene Tief drehte unentschlossen über der See, Gewitter waren seit Tagen angekündigt und wollten einfach nicht losbrechen. Es war unerträglich heiß und drückend. Einen klaren Gedanken konnte schon lange keiner mehr fassen.

Der Kandidat war der erste Patient, der leichte Symptome eines Sonnenstichs zeigte. Knapp drei Dutzend Unentwegte hatten sich durch die Schwüle gekämpft, waren nach Charlottenburg gekommen, um Frank-Walter Steinmeier bei einem seiner frühen Wahlkampfauftritte zu sehen und harrten nun in der Hitze. Der Außenminister ging gefasst auf die Bühne, trat vor das bereits offene Mikrofon und starrte abwesend in die recht überschaubare Menschenmenge. „Wer bin ich“, murmelte er, „und was mache ich hier eigentlich?“

Während die rasch hinzugezogenen Neurologen Entwarnung gaben und eine milde Stressreaktion diagnostizierten, hatte Angela Merkel einen viel schlimmeren Hieb abbekommen. Sie musste einen Filmriss erlitten haben. Als das Expertengremium sie mit letzten Erkenntnissen aus der Schachtanlage Asse konfrontierte, setzte ihr Erinnerungsvermögen vollständig aus. Sie besann sich gerade noch darauf, dass sie die Kanzlerin war und eine Vergangenheit als FDJ-Propagandistin hinter sich hatte.

Natürlich kümmerte man sich zunächst um die wichtigsten Fragen; der Wahlkampf um die bruchlose Kontinuität der Parteilinie hatte höhere Priorität als Regierungs- und Parlamentsarbeit. Unermüdlich beobachteten die Ärzte die Kanzlerin, um in ihre geistige Verdunkelung vorzudringen. Hatte sie angesichts der Lage – mehr als das Doppelte der bisher dokumentierten Menge an Plutonium war im Forschungsbergwerk bei Wolfenbüttel gelagert worden – den Überblick verloren? Die öffentliche Stellungnahme zum Atommüllskandal stand auf Messers Schneide. Würde man Merkel auf die Presse loslassen können, ohne dass jemand Verdacht schöpfte? Der Chefarzt empfahl kalte Kompressen und Eisbeutel.

Nachdem man der CDU-Anführerin eine grobe Zusammenfassung der wichtigsten Fakten gegeben hatte – inzwischen hatte sie begriffen, dass Niedersachsen zu den deutschen Bundesländern gehört – geleitete man sie vor die Reporter. Es sollte eine schwere Prüfung werden, denn gleich zu Beginn wurde Merkel mit einem Schreiben des Bundesamtes für Strahlenschutz konfrontiert, aus dem eindeutig hervorging, dass der Salzschacht im Absaufen begriffen sei. „Dafür bin ich gar nicht zuständig“, plapperte der Sprechblasenautomat, „das ist Sache des Bundesumweltministeriums.“ Der Brief sagte eindeutig aus, dass die gemessene Strahlenbelastung erheblich über den zulässigen Grenzwerten liege. „Das muss der Umweltminister wissen!“ Der Zufluss an Salzlauge auf 10 Kubikmeter pro Tag gefährdete die Sicherheit erheblich, eine Katastrophe war zu erwarten. Käme das radioaktiv verseuchte Wasser an die Oberfläche, so würde der Dosisgrenzwert um ein Hundertfaches überschritten. Eine tickende Zeitbombe. „Ich bin aber nicht die Umweltministerin!“

Es hatte alles keinen Sinn. Man führte Merkel in einen abgedunkelten Raum und bettete sie auf eine Liege. Der Chefarzt maß Puls und Blutdruck, beäugte die Pupillen der Christdemokratin und nahm ihr ein bisschen Blut ab. Dann versuchte man es mit einer Schocktherapie. Der Psychiater hielt ihr Bilder vor: Helmut Kohl, der Mauerfall, Aufnahmen des Bundesumweltministeriums von 1996. Keine Reaktion. Nichts. Alles weg, ordnungsgemäß entsorgt, den Langzeitspeicher sauber geschreddert, alle Hirnzellen geleert und nass durchgewischt. Schicht im Schacht.

In der Zwischenzeit hatte der Ministerdarsteller im Wirtschaftsressort alle Hände voll zu tun, um die hitzebedingten Aussetzer von Guido Westerwelle in den Griff zu bekommen – und umgekehrt. Während der eine neoliberale Anzugträger vollmundig Steuersenkungen in nie geahnter Höhe ankündigte, betonte der andere, diese seien ausdrücklich nur für Spitzenverdiener vorgesehen. Ab und zu vertauschten sie ihre Rollen. Ein kaltes Sitzbad half, die beiden wieder unter Kontrolle zu kriegen.

War die Kanzlerin nachts noch von Fieber geschüttelt worden, so erholte sie sich am frühen Vormittag des kommenden Tages binnen Stunden. Der Genuss von viel ungesüßtem Tee und die aktuellen Wahlprognosen der SPD brachten sie nach und nach wieder auf die Beine. Die Mediziner waren sichtlich zufrieden mit ihr. „Machen Sie einfach weiter wie bisher“, riet der Chefarzt, „lassen Sie sich nichts anmerken. Bis jetzt weiß keiner, dass Sie einen Blackout hatten. Wenn wir alle dichthalten, wird es nie jemand erfahren.“ Und so schritt Angela Merkel im Kanzleramt vor die wartenden Greenpeace-Delegation. Sie klopfte kurz ans Mikrofon und gab ihre Regierungserklärung zu dem seit 1967 als undicht bekannten Salzschacht ab. „Liebe Bundesbürgerinnen und Bundesbürger. Der Aufschwung ist da. Wir können im nächsten Jahr die Vollbeschäftigung schaffen.“