Pinkeltaste

11 07 2018

„Fünfundneunzig auf zweiundachtzig. Schon schön, was Ihre Potenzprothese so an Bohrung mal Hub hat. Sie sind verheiratet? Geschieden. Hätte man bei dieser Fahrzeugklasse ja rausfinden können, dass Sie sich keinen Therapeuten leisten können.

Vor zwei Jahren haben Sie angegeben, dass Sie nicht den Maserati, sondern den SUV nehmen, um die Tochter Ihrer Teilzeitbettdekoration zur Kita zu fahren, weil der Seitenaufprallschutz auf hundert Metern Wegstrecke besser wäre. Merken Sie schon, oder? Gut. Das gibt ordentlich Minuspunkte. Hallo!? Feinstaub! Sie wollen mir doch jetzt nicht weismachen, dass Sie die paar Schritte zur Kita nicht mit dem Fahrrad zurücklegen können? Haben Sie sich mal überlegt, dass Sie die Erde nur von Ihren Kindern geborgt haben? Ah, verstehe. Mit einem dicken Bankkonto lässt sich die Scheiße in der Gated Community viel besser verkraften. Das nenne ich mal einen nachhaltigen Lebensentwurf. Gut, dass Ihr Tochter das noch nicht kapieren muss.

Fleisch essen Sie auch? Immer die guten Fertigschnitzel von Feinkost Schnuckiputz? Das Wertvollste an den Lappen ist ja die Verpackung. Naturbelassene Folie aus handgeschöpftem PVC. Das können Sie noch in fünfhundert Jahren aus dem Meer ziehen, wenn Sie da zufällig noch Wasser finden sollten. Minuspunkte. Sie haben sich diesem Test gestellt, also kriegen Sie auch das Ergebnis.

Natürlich haben Sie sich diesem Test gestellt. Wer ein neues Auto kaufen will, wer eine neue Heizung für sein Eigenheim braucht und keine emissionsneutrale Lösung wählt, wie sie die Branche dank der Subventionen inzwischen quasi zum Selbstkostenpreis anbietet, der muss halt blechen. Wo ist Ihr Problem? Ihre Lebensgefährtin ist nicht besonders hell in der Birne, also warum sollten wir uns da etwas vormachen. Sie schaffen das schon ganz gut alleine. Jetzt hat sie sich in den Kopf gesetzt, nach Mallorca zu fliegen. Seit gut zehn Jahren Biosphärenreservat der EU. Wenn Sie mich fragen, die Alte ist behämmert. Da muss man einfach nur mal gegenrechen, dann ist das Thema aber so was von erledigt.

Jedes Jahr ein neues Smartphone. Sie lassen sich die Dinger von Paketo schicken. Lebensmittel übrigens auch, was hatten wir da? Avocados. Spargel. Gut, das war letztes Jahr zu Weihnachten, und der war natürlich mit Wasser aus den Anden angebaut. Nur die Luftfracht aus Chile stand nicht im Prospekt. Sie bevorzugen seit einigen Wochen Ananas? Ja, das passt. Pinkeltaste? Seit wann kriegt man Bonuspunkte für eine Pinkeltaste? Wissen Sie eigentlich, wie oft und wie lange Sie pinkeln müssten, um einen Flugkilometer nach Mallorca zu rechtfertigen? Oder einmal mit dem SUV zum Bäcker, damit die Brötchen noch warm zu Hause ankommen.

Ich weiß es auch nicht. Vielleicht stellen Sie für ein paar Jahrhunderte das Ausatmen ein, dann könnten wir uns über Ihren Antrag noch mal unterhalten. Gucken Sie mich nicht so an, ich habe das Gesetz nicht gemacht. Größere Eingriffe in die Biodiversität, Flugreisen, wasserwirtschaftlich relevante Baumaßnahmen, das muss jetzt eben alles mal ordentlich begründet werden, sonst machen wir den Planeten noch schneller kaputt. Wobei, da packt mich tatsächlich mal die Neugier. Wozu um alles in der Welt braucht man im Garten einen Heizpilz? Zum Grillen im Winter? Ja, das klingt logisch. Und Ihre Gartenmöbel aus Tropenholz, die sind sicher auch nur ironisch gemeint? Also angeschafft ist angeschafft, das ist wie in Flensburg. So schnell kriegen Sie die Punkte nicht weg.

Nein, ich will nicht über Energiesparleuchten mit Ihnen reden. Die Dinger sparen zwar Energie, wenn auch wenig, aber irgendwer muss die ja auch produzieren. Ja, das ist auf demselben Planeten. Die Erkenntnis kommt für viele etwas überraschend, weil man ja meist glaubt, die wachsen im Baumarkt nach. So wie die Ananas in der Dose. Und Ihnen ist auch klar, was die Leuchten für eine Toxizität haben, wenn sie mal verbraucht sind. Austauschen hilft nur bedingt, Sie müssen die schon bis zum bitteren Ende weiter benutzen. Und dann haben Sie immer noch etwas davon.

Bio-Schokolade? Ja, kann man machen. Wir sind hier keine Moralapostel. Wir interessieren uns für Ihre Öko-Bilanz, und zwar nur für die. Was Kinderarbeit angeht, hat die Politik schon eine sehr klare Vorstellung, die sie nicht in die Tat umsetzt.

Also wenn Sie schon einen Zweitwohnsitz haben, warum nehmen Sie den nicht als Feriendomizil? Ah, verstehe. In den Kühlschrank passt nicht genug Champagner. Und nein, ich weiß gerade nicht, wie man dafür die Kompensationen berechnet. Wahrscheinlich irgendwo im Bereich von Hundesteuer. Keine Ahnung. Und nein, es würde nicht helfen, wenn Sie regional erzeugten Champagner kaufen. Oder regional erzeugte Flaschen. Oder regional erzeugte Kühlschränke.

Gut, das wäre dann hier einmal und da einmal, und da bekomme ich noch eine Unterschrift für den Datenschutz. Das sind dann drei Wochen Radtour durch die Eifel mit dem Wurfzelt. Drei Personen. Für Ihre Enkel. Also, falls Sie mal Enkel haben sollten.“

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Brrmmm-Brrmmm

14 08 2017

„Das ist da aber nur für den Tundra GLS und die Sondermodelle mit Sportfahrwerk. Der Rest ist im Stadtverkehr vorbildlich, im Stau hört man den kaum, und wenn Sie den Savanna XL mit Benziner bestellen, der ist fast noch besser, wenn er nicht zufällig schlechter ausfällt.

Sie können gerne mal reinhören, wie laut die Dinger im Stand sind, wir haben hier jede Menge auf dem Parkplatz stehen. Da können Sie dann gerne mal eine Probefahrt machen, natürlich nur bei Schrittgeschwindigkeit – regen Sie sich ruhig auf, aber das schreibt die Straßenverkehrsordnung vor, und wir haben nicht vor, aus Sicherheitsgründen unser Personal zu gefährden. In Deutschland gehen wir mit dem Thema sehr sensibel um.

Also der Tundra GLS ist bei 50 Kilometern pro Stunde – und innerhalb geschlossener Ortschaften bewegen sich unsere Kunden auch nur mit dem Tempo, das wissen wir ganz genau, wir haben da nämlich zweimal nachgefragt in den letzten Jahren – bei 50 wie gesagt ist der gar nicht so laut. Der Eingriff in die Klappensteuerung und das mit den Rohren, die mehr oder weniger Störschall filtern, das kommt ja erst, wenn der Wagen schneller fährt. Aber das ist dann eben außerhalb geschlossener Ortschaften, und da frage ich Sie direkt mal: muss man in seiner Freizeit direkt an der Autobahn stehen und sich über die Geräusche aufregen? Das macht hohen Blutdruck, da atmen Sie am Ende noch zu viel Feinstaub ein, und niemandem ist damit geholfen. Außerdem stehen da eh schon die Lärmschutzwände, also können wir uns das auch sparen.

Klar, es gibt auch Grundstücke, die direkt an der Straße liegen, teilweise liegen die direkt an der Autobahn. Also wenn der Makler in der Anzeige etwas von optimaler Verkehrsanbindung schreibt, dann wollen Sie die Wohnung, und wenn auf der Straße aus Versehen Autos fahren, dann ist es Ihnen auch wieder nicht recht? Wie fliegen Sie eigentlich ohne Flugzeug? Und haben Sie keine Kinder, die mal auf den Spielplatz gehen? Reden Sie sich nur raus, das wird alles gegen Sie verwendet!

Jedenfalls ist das technisch gar nicht anders möglich, wenn Sie mit einem Auto, jedenfalls mit einem Kraftfahrzeug mit Verbrennungsmotor, wenn Sie da schnell fahren wollen, dann müssen Sie eine gewisse Geräuschentwicklung einfach mit in Kauf nehmen. Und die ist nicht vollständig unerwünscht, die ist im Zuge unserer Mobilitätsgesellschaft zu einem unverzichtbaren Teil öffentlicher Sicherheit geworden. Stellen Sie sich mal jemanden vor, der auf der Straße – da wird nicht nur gewohnt, da bewegen sich Menschen teilweise auch außerhalb der Fahrgastzelle – einem Auto begegnet. Als kleines Kind, als alleinerziehende Mutter über 30, das sind so Zielgruppen, die wir unter unseren Kunden eher selten antreffen, die wollen doch eine möglichst frühzeitige und sicherheitsspezifische Warnung haben, oder? Da hilft ihnen der sonore Sound eines Zwölfzylinders, den ignorieren Sie nicht. Kann sein, dass die Fahrweise auch innerhalb geschlossener Ortschaften das akustische Bild der Straßen prägt, aber zumindest weiß man: wenn da was bollert, dann ist es ein Auto. Ich möchte mir nicht vorstellen, wie die Unfallzahlen in einer vollständig auf Elektromobilität umgestellten Stadt aussehen.

Und dann natürlich das Fahrgefühl, das ist ja nicht nur das Lederlenkrad oder die elektronische Fahrdynamikregelung. Sie wollen auch dieses auditive Erlebnis, das mit Ihrem Auto kommt, dieses Brrmmm-Brrmmm, das ist wie ein Erkennungsmerkmal von Marke und Fabrikat, und das macht doch das Fahren erst zum Fahren, oder? Das geht bis zum Schallschwingungserlebnis, wenn Sie die Tür zuschlagen, da trennt sich Pappe von männlichem Stahl!

Das kann man auch regeln, wir hatten für den neuen Pampa Gran Tour ein ausgeklügeltes System mit Motoraufhängungsvarianten und zuschaltbaren Krümmern im Ansaugtrakt geplant, aber das Ding reagierte völlig falsch. An der Ampel macht das Teil einen Lärm wie eine Klimaanlage in Kabul, und auf der Schnellstraße müssen Sie alle paar Sekunden nachgucken, ob der Motor noch läuft. Schrecklich, sage ich Ihnen. Unsere Testfahrer hatten traumatische Erlebnisse, manche meinten, sie säßen auf dem Fahrrad. Das kann empfindliche Lücken in die Kundenbindung reißen, und wer erklärt dann dem Dobrindt, wo die Arbeitsplätze hin sind?

Übrigens verfolgen wir nur die offizielle Politik der Bundesregierung, und unsere Kanzlerin ist nun mal Physikerin. Der können Sie nichts vormachen, die weiß nun mal, wie physikalische Prozesse eben so ablaufen. Uran strahlt? Haste nich gesehn! Aus der Braunkohle kommt Kohlendioxid? Wer hätte das gedacht! Ein Explosionsmotor funktioniert mit Explosionen, schon mal gehört? Die Kanzlerin hat das offensichtlich zur Kenntnis genommen und allem Anschein nach hat sie es auch verstanden. Der muss man das nicht erklären, die versteht das von sich aus. Das liegt bei ihr an der Geschichte. Die war mal real-sozial-istisch, sozial ist weg, und mit dem Rest kommt man ganz gut klar. Also wir als Industrie, und das zählt doch, oder?“





Hitzschlag

6 06 2017

„Sie müssen doch auch mal das Positive sehen! Wenn es wirklich Erderwärmung gibt, dann kann man das bestimmt irgendwie wirtschaftlich nutzen, oder? Das heißt mehr Arbeitsplätze, mehr Stimmen bei der Bundestagswahl, so muss das laufen!

Hören Sie mal, wir sind hier in der CDU, da ist Regierungsverantwortung, oder wenigstens ist hier wichtig, dass wir regieren. Da können wir uns nicht ständig von irgendwelchen Kanzlerinnen erpressen lassen, sonst läuft hier bald gar nicht nichts mehr. Also jammern Sie nicht, machen Sie mal lieber ein paar Vorschläge, wie man die ganze globale Sache hier irgendwie vermarkten könnte. Das mit der Temperaturerhöhung ist ja schon ein guter Anfang, aber so nützt uns das noch nichts.

Sie meinen touristisch? Klingt gut. Safari in der Lüneburger Heide! Da könnte man das ganze Zeugs nachzüchten, das vom Artensterben bedroht ist, und dann können Sie vor Ort Elefanten abknallen! Da steigen Sie in den Münchener Hauptbahnhof ein und sind im Grunde genommen gleich in Afrika. Hübsche Hotelanlage dazu, Pool, ein paar Neger als Zimmermädchen, fertig ist die Laube. Nein, doch das nicht – ich bitte Sie, nur weil wir da ein ordentliches Schwimmbad reinbauen, muss man das nicht gleich mit Sonnenkraft beheizen. Das ist irgendwie blöd, da könnten wir gleich ein veganes Frühstücksbüfett anbieten. Sehen Sie lieber die Standortvorteile, wenn wir ausländische Touristen nach Deutschland locken. Wir haben hier Sonne, die Bimbos saufen ab und gehen uns mit ihrem ewigen Gejammer nicht mehr auf die Nerven – Win-Win, Kollege! Dann können wir endlich mit der Scheißentwicklungshilfe für die Hungerleider Schluss machen und haben mehr Biodiesel für uns. Das werden noch Zeiten!

Das mit der Wissenschaftlichkeit, das ist doch auch wieder so ein Totschlagargument. Wenn etwas nicht wissenschaftlich begründbar ist, dann sollen die Leute nicht daran glauben? Ist doch Unfug! Das sagen Sie mal der Kirche, da haben Sie aber sofort ein Verfahren am Hals! Meine Güte, wem sagen Sie das – die sind ja nicht besser. Also als Union sind wir natürlich der kirchlichen Tradition verpflichtet, aber diese Drecksäcke kommen einem ja immer gleich noch mit Christentum! Schöpfung bewahren, wenn ich diese Kommunistenscheiße schon höre! Die sollte man alle ins Arbeitslager stecken, da können sie in Ruhe beten, dass sie irgendwann wieder rauskommen! Wir lassen uns jedenfalls nicht länger von dieser Windkraftlobby moralisch erpressen. Oder von den Solaranlagenbauern. Das sind lauter polnische Juden, die die deutsche Wirtschaft zerstören wollen, haben Sie das nicht gewusst? Also ich glaube auch nicht daran, das sagt nur die Steinbach, und die ist halt Mitglied in unserem Arbeitskreis.

À propos Schöpfung, wir müssten wir dann mal nachdenken über neue Fischfangmöglichkeiten. Wenn es bald in der Nordsee Thunfisch gibt, sind wir auf die teuren Importe nicht mehr angewiesen. Das macht natürlich auch mit den Handelswegen eine Menge aus, dass wir dann die Bundeswehr nicht mehr zur Sicherung der Rohstofftransporte brauchen. Die Rüstungsgüter können wir dann in Saudi-Arabien loswerden und in Israel, bisher mussten wir uns immer entscheiden, aber das ist ja nun vorbei. Sie finden das unmoralisch? Wie lange sind Sie schon in der Partei, wenn ich mal fragen darf?

Wir haben dann auch ganz neue Rohstoffe im Auge, das kann ich Ihnen flüstern. Wenn die Tundra auftaut, dann kommt da Methan raus, dafür müssten Sie eine Milliarde Kühe auswringen. Man müsste Finnland irgendwie luftdicht verschweißen, was weiß ich – da oben leben sowieso nur Säufer und Rentiere, die kriegen das wahrscheinlich gar nicht mit, dann reißen wir den Energiemarkt so richtig auf und verkaufen denen ihre eigene Scheiße als biologisch-dynamische Stromzukunft! Mann, das sind vielleicht Perspektiven!

Gut, Schleswig-Holstein können wir in die Tonne treten. Schade um Sylt. Niedersachsen sowieso. Hamburg dann wahrscheinlich auch. Mit dem Rest muss man dann mal sehen, wir haben da nicht so wirklich Ahnung, aber unsere Aktionäre sitzen zum größten Teil in den USA. Denen ist das wumpe, ob Europa absäuft. Und wir, also Sie und ich, ich meine, was soll uns groß passieren? Sie sind siebzig, ich bin auch fast siebzig, bis der Planet die Grätsche macht, sind wir beide hoffentlich tot. Ach was, auf Ihrem Grab würde sowieso keiner die Blumen gießen. Sie sind genauso ein Arschloch wie ich. Nur, einer von und hat einen Maserati in der Garage und neunzig Millionen in Panama, und Sie sind es nicht.

Terrorismus? Das halte ich jetzt aber für sehr weit hergeholt. Die ganze Menschheit in Geiselhaft nehmen für niedere Beweggründe, ideologische Verblendung und – wie jetzt, Sie vertreten ernsthaft die Ansicht, es gibt gar keinen Klimawandel? das sollen alles bloß Messfehler sein? Sind Sie noch ganz richtig im Kopf, Kollege? Nee, bedaure. Bleiben Sie mal in Ihrer Parallelwelt, mit Ihnen will die CDU nichts zu tun haben. Noch nicht.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCXVI): Möchtegernökos

18 12 2015
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Großen Vorsitzenden der richtigen Partei ausging, dass alle Welt sich schnellstens einen Distinktionsgewinn suchte, und jedermann ging, so er nicht gerade SUV fuhr oder in die Karibik flog, auf dass er sich ein Renommiergewissen um den Hals hinge, und siehe, es war gut so.

Glückselig wie jüngst bekehrte Konvertiten, die eine satanistisch-stalinistisch geprägte Jugend in Stumpfsinn und Nöten verbracht haben, jetzt aber das Angesicht der heiligen Kuh erblickten und jene in paradiesischem Licht mit sich umhertragen, so lächeln sie einen nieder. Freuet Euch, schwiemeln sie jedem ins Ohr, der sich nicht rechtzeitig vor einen einfahrenden Zug schmeißt, freuet Euch, wir möchten Euch auf den Sack gehen jetzt und immerdar. Mit der Sensibilität eines nordkoreanischen Nachrichtensprechers schlagen sie Widerhaken in die Schwarte, bevor sie zum Sermon ansetzen. Hat man zunächst noch die Abwehrschirme auf Standby geschaltet, weil die Horde der Protzbrocken wie tausend andere von ihrem Veganertum berichten, so ist es im nächsten Augenblick schon zu spät. Ja, sie haben auch keinen Fernseher mehr, ja, sie lassen jetzt immer das Auto stehen und fahren die zwei Minuten bis zum Office gerne mal auf dem Liegerad. Sie trinken nur noch europäische Weine und fair gehandelten Kaffee, den sie von Hand aufbrühen, jawollja, und dazu gibt’s ganz viel Schokolade, aber nur die ohne Kinderarbeit.

Die Möchtegernökos haben inzwischen eine Art missionarische Kampfsportreligion gegründet, bei der Bonuspunkte einsammelt, wer möglichst oft und penetrant seinen Mitmenschen auf die Plomben geht. Als Monstranz des doppelplusguten Lebens trägt der Hohlschwätzer den Jutebeutel vor sich her, jenen erhabenen Fetzen des Doppelstandards, der aus demselben Textilgulag stammt, in dem von Pflanzenvernichtungsmitteln benebelte Frauen zum Hungerlohn Designerfummel zusammenklöppeln. Aber die Demos liegen halt immer so ungünstig, und man muss ja noch gegen Atomkraft auf die Straße.

Von tatsächlichem Umweltschutz im Alltag verstehen diese verseiften Weichstapler meist nicht die Bohne. Die Pinkeltaste gehört zum guten Ton auf dem WG-Klo, ansonsten waschen sie gerne ihre Terpentinquasten im Waschbecken aus und kippen die Kippen in die Kanalisation. Nein, sie sind strikt gegen Kaffee in Aluhütchen, wickeln aber jeden Quadratzentimeter Industriekäse in Metallfolie, statt ihn im Mehrzweckgefäß zwischenzulagern. Wenn Mammi zu Besuch kommt, wienern sie die Küchenspüle mit Zellstoff von der Rolle, bevor sie das Ding trocken fönen. Nicht zu erwähnen, dass der selbst ernannte Naturbursche seine Nestwärme mit einer ungeregelt rußenden Holzabfallheizung erzeugt oder, wenn die Kohle anderswo lagert, auf Bioethanol umsteigt. Aber dafür muss ja keiner die Wälder umklappen, wenigstens nicht in Europa.

Ansonsten fliegen sie alle weiterhin fröhlich in die Karibik, gerne auch zweimal im Jahr, um die Tourismusbranche in den Entwicklungsländern zu stärken, sie brettern alle drei Tage zum Biobauern auf dem platten Land, um sich die alten Obstsorten direkt vom Erzeuger zu kaufen, und sie kaufen Flugmango und mit bestem Andengletscherwasser gezogenen Spargel (erntefrisch aus dem TK-Sortiment) nur dann, wenn sie repressionsfrei und ohne Kunstdünger produziert worden sind. Klar, sie verzehrten auch argentinisches Rind, aber das war schon tot und musste schnellstens verstoffwechselt werden, sonst wäre ja alles voll umsonst gewesen. Ab und an, wenn sie sich auf einem kurzen Ausflug in die gewissenlose Welt der Turbokapitalisten wieder Karmapunkte reinpfeifen wollen, dann rüsten sie ihren SUV auf Biodiesel um und erlösen mit ihren Palmölpanzern jede Menge Säuglinge in einem Land voller Kuffnucken, dermaleinst als Jugendliche auf dem Mittelmeer abzusaufen. So viel Güte!

Der kleine Umweltschützer weiß, wie er sich zum Heiland der Schranzen hochrutscht. Eine fein laminierte Spendenquittung in der Jackentasche hilft der Mutti mit dem wirr bebatikten Leinensack auf die Bettkante, denn darauf kommt es an: die repressionsfreie Vermehrung der Suppenkasper in natürlichem Habitat. Der Umwelt ist es ja wumpe, ob sich mehr oder weniger geistig zermarmelte Primaten in ihr herumtreiben; sie hat Kopffüßler, Knochenfische und Dinosaurier ertragen, mit den Säugern ist sie noch nicht ganz fertig, und sollte das diesmal mit den Menschen schief gehen – keine hunderttausend Jahre, dann ist dieser ganze Schmadder vergessen.

Ja, es gibt Hilfe gegen das Gute, man wird sie los. Überall, auch im schmucken Stadtwäldchen, gibt es noch einen kleinen Platz, wo man das verbuddeln kann, sogar grundwasserneutral und im Einklang mit Fauna und Flora. Wenn man nur den Jutebeutel separat im Sondermüll entsorgt.





Grüne Gefahr

21 06 2011

„… wetterte Bahnchef Grube, die Ökodiktatur der Landesregierung zeitige verheerende Ergebnisse für die gesamte Entwicklung in Europa. Während unter Hitler wenigstens die Autobahnen gebaut wurden, seien die Grünen nicht einmal in der Lage, den Bahnverkehr zu…“

„… Schützenhilfe von den AKW-Betreibern, die zudem eine Schadensersatzklage gegen die Sonne planten, da nach dem Verursacherprinzip nur sie zur Verantwortung zu ziehen sei für die Pläne einer Energiewende, an deren Ziel die komplette Auslöschung der umweltfreundlichen…“

„… allerdings gegen seine früheren Äußerungen verteidigt. Söder hatte den Atomausstieg zwar als eine Gefahr für die innere Sicherheit und als Terroranschlag auf die deutsche Energiewirtschaft bezeichnet, dies hätte aber natürlich nur für den Ausstieg unter Rot-Grün Geltung gehabt, da die Unionsparteien viel schneller…“

„… der Boom der regenerativen Energien in Deutschland zwar viele Arbeitsplätze schaffen könnte, wodurch allerdings unzählige gut dotierte, nicht mit produktiver Tätigkeit kontaminierter Stellen in Zeitarbeitsverwaltung, Arbeitsvermittlung und christlichen Gewerkschaften nicht mehr…“

„… Rösler sich zur geplanten Steuersenkung für Besserverdienende gar nicht erst…“

„… sich gerade im bürgerlichen Umfeld zusehends Kräfte fänden, die Umweltschutz und Bewahrung der Schöpfung für eine konservative Idee hielten. Bosbach zeigte sich überaus besorgt und empfahl präventiv, alle Killerspiele zu…“

„… das Dosenpfand zwar nicht ganz so tief in die Stabilität der EU eingegriffen habe wie die aktuelle Finanzkrise, aus Sicht der CSU jedoch ein erheblicher Rückschritt in der Selbstverwirklichung jedes bayerischen Alkoholikers…“

„… sich nicht davon täuschen lassen, dass schon Kinder oft Fahrräder und andere nicht motorisierte Verkehrsmittel benutzten oder, man müsse den Tatsachen nun mal ins Auge sehen, sich außerhalb der Behausungen fußläufig fortbewegten, doch könne auch dieser Trend, aus Deutschland eine Nation von Autohassern zu machen, nur als Einschüchterungsversuch der Veganer und anderer Wehrkraftzersetzer gewertet…“

„… als Recht eines freien Mannes bezeichnet, in einem deutschen Gehölz seine ausgedienten Küchengeräte zu entsorgen, ohne sich an rabiate Grundwasservorschriften halten zu müssen. Friedrich nannte die Grünen in diesem Zusammenhang eine von George Orwells Geist durchseuchte Law-and-Order-Vereinigung, die ohne einen Funken wahrer Barmherzigkeit…“

„… weil die Verteidigungsbereitschaft eines Volkes erst rücksichtsloseste Entschlossenheit zum Ausdruck bringe. Niebel wies darauf hin, dass in der guten, alten Zeit, in der man noch den Rhein zum Klo umfunktioniert und den Wald eingesäuert habe, die Bundeswehr in Treue fest zu…“

„… keine Auswirkungen auf den Strompreis; die Sprecher der Energiekonzerne waren sich darin einig, dass den Umweltschutzverbänden allein anzulasten sein werde, wenn fossile Brennstoffe und Uran irgendwann zur Neige…“

„… durchaus keine Notwendigkeit, dass eine Ökodiktatur überhaupt diktatorische Züge tragen müsse, um sie als solche zu bezeichnen. Röttgen hob hervor, dass beispielsweise auch die Christlich-Demokratische Union weder demokratisch noch…“

„… sei es mehr als bedenklich, dass die Grünen mit ihren politischen Ideen auch noch die Mehrheit der Bevölkerung repräsentiere. Westerwelle lehnte dies entschieden ab und betonte, nur eine von sehr viel mehr als einem Prozent der Wähler getragene Partei dürfe sich als demokratisch legitimierte…“

„… dass Özdemir nach Friedrichs Meinung auch ganz persönlich für die Einführung der Energiesparleuchten im Westen verantwortlich sei; ein abendländisches Kulturgut wie die Glühlampe, die nicht in der islamischen Tradition belegt sei, könne nicht einfach durch einen anatolischen Migranten und sein poststalinistische Bombenwerfertruppe aus der deutschen…“

„… dass gerade der Rückhalt der Grünen in der Bevölkerung ein durchaus bedenkliches Zeichen sei. Kauder meinte, gerade in Nordkorea sei eine so blinde Gefolgschaft zu sehen, die das Land ja auch folgerichtig in eine wirtschaftliche Misere…“

„… es als verlogen bezeichnete, dass nun nicht Fleischverzehr und Flugreisen automatisch mit langjährigen Haftstrafen belegt würden, wie man es von einer kommunistischen Sturmtruppe erwarten könne – Lindner lehnte die Diskussion über die ökologische Umgestaltung schon deshalb ab, weil dadurch Bevölkerungsgruppen zu Wohlstand kämen, deren Bestimmung es doch sei, als Prekariat die Renditen der…“

„… müsse man mit aller Entschiedenheit das linkssozialistische Ungeziefer ausmerzen, das dafür verantwortlich sei, die Erderwärmung zum Thema von Bundestagsdebatten gemacht zu haben. Friedrich sprach sich für eine Reinerhaltung der deutschen Politik und die…“

„… forderte Axel E. Fischer höhere Leitzinsen fürs Energiesparen in der…“

„… nahm die Kanzlerin den Rücktritt des ehemaligen Innenministers sichtlich mit großer Freude zur Kenntnis. Beobachter hatten festgestellt, Merkels Annäherung an die Bündnisgrünen sei nun so weit vorangeschritten, dass klare Konturen sichtbar seien. An der geplanten Ökodiktatur interessiere sie weniger das ökologische Moment als vielmehr die Aussicht auf…“





Im Land der untergehenden Sonne

14 03 2011

„Schrecklich, wenn man das alles gewusst hätte!“ „Wollen Sie mir ernsthaft verkaufen, Sie seien sich nicht im Klaren darüber, was hier alles droht?“ „Aber das konnte doch keiner vorhersehen – der Mensch ist nun mal in seiner Einsichtsfähigkeit viel zu beschränkt, das zu begreifen.“ „Ja, das wollen sie einem dann immer verkaufen, wenn sie nicht mehr weiterkommen mit ihrem Gewäsch. Alles bloß billige Sonntagsrhetorik, aber das hilft uns auch nicht mehr weiter. Jetzt muss man handeln. Wenn das überhaupt noch geht.“ „Was wollen Sie denn machen? Fukushima ist doch kein Spielplatz, das ist eine gigantische Katastrophe!“ „Wer redet von Japan? Ich rede von Deutschland!“

„Sie meinen doch wohl nicht etwa, man könne die japanischen Verhältnisse auf Deutschland übertragen?“ „Warum nicht? Glauben Sie, nur die japanischen Energiekonzerne arbeiten schlampig? Dank unserer Kanzlerinnendarstellerin wissen wir doch jetzt auch, dass unsere asiatischen Freunde zwar ein hoch technisiertes Land sind wie wir, aber dass in hoch technisierten Ländern die Reaktoren in die Luft fliegen, dass gibt’s natürlich nur in Japan.“ „Sie können ein Erdbebengebiet wie den Pazifik nicht mit Europa vergleichen.“ „Weshalb hat dann die Kanzlerin noch einen weiteren Sicherheitscheck angeordnet, dessen Ergebnisse im Ministerium längst vorliegen? Alles ist sicher, aber man weiß nie, ob sicher ist sicher auch sicher ist – also wird alles noch einmal überprüft, ob es auch so sicher ist, dass man es gar nicht hätte überprüfen müssen.“ „Doppelt hält eben besser.“ „Das wussten sicher auch die Kernkraftwerksbetreiber, die sich ihre angeblichen Nachrüstungen zwar vom Steuerzahler erstatten lassen, aber aus technischen Gründen noch mit den Sicherheitsmaßnahmen warten.“

„Vertrauen Sie doch erst einmal darauf, dass die Politik die richtigen Schlüsse zieht. Die wissen schon, was da zu tun ist.“ „Deshalb hat man die Vergrößerung von Flutbehältern oder die redundanten Sicherheitssysteme auf die lange Bank geschoben.“ „Warum hat man das denn so lange verzögert?“ „Weil die Reaktoren im wahrsten Sinne des Wortes Auslaufmodelle sind, die Sie heute nie mehr durch den TÜV bekämen. Sie lassen auch nicht Ihr Auto frisch lackieren und fahren es danach gleich in die Schrottpresse.“ „Und wozu braucht man größere Flutbehälter?“ „Um das zu verhindern, was in Fukushima als technisch unmöglich beschrieben wurde.“ „Sicher wäre es das ohne Erdbeben sogar gewesen.“ „Alles, was technisch unmöglich ist, wird als technisch unmöglich bezeichnet, weil es höchstens einmal in einer Million Jahre zu passieren hat. Wann war noch mal Tschernobyl?“

„Aber Tschernobyl war doch auch etwas völlig anderes. Die Sowjets hatten kaum geeignete Mittel, um sichere Reaktoren zu bauen, und sie konnten auch die Katastrophe nicht in den Griff kriegen.“ „Wenn das ein Argument für die sicheren Reaktoren in Japan sein sollte, dann habe ich es nicht verstanden.“ „Wir haben doch hier in Deutschland eine total andere Gefahrenlage.“ „Das stimmt, seit Schäuble kräht jeder Innenminister nach der Vorratsdatenspeicherung, um Flugzeugabstürze auf Atomkraftwerke zu verhindern.“ „Ich dachte, die seien sowieso verboten?“ „Warum lässt Röttgen die weitere Vorsorge gegen derartige Risiken, der sich längst im Atomgesetz befand, eigens streichen? Weil Schutz vor Nuklearkatastrophen Geld kostet, das man den Betreibern lieber schenkt.“ „Sie meinen, er habe das Volk heimlich hinters Licht geführt?“ „Heimlich? Nein.“ „Wie soll denn die deutsche Politik reagieren? Wir können ja schlecht innerhalb einer Stunde die Kernkraftwerke herunterfahren. Dazu besteht meines Wissens auch kein Anlass, oder erwarten Sie einen Tsunami in der Mosel?“ „Mit etwas Überblick wüssten Sie, dass die Kernschmelze nicht durch ein Beben ausgelöst wurde, sondern durch den Ausfall mehrerer Kühlsysteme. Und jetzt überlegen Sie sich, warum Röttgen es den Energiekonzernen leichterdings erlaubt hat, gesetzliche Sicherheitsvorkehrungen einfach zu umgehen, wenn sie zu viel kosten.“

„Es spricht also alles dafür, dass die Regierung die Atomkraft in Deutschland nicht im Griff hat.“ „Es spricht einiges dafür, dass diese Regierung nichts mehr im Griff hat. Diese Krückentechnologie ist nur ein Anlass, die eigene Unfähigkeit zu zeigen. Hauptsache, sie klammern sich an die Macht.“ „Halten Sie es für Realitätsverlust?“ „Nein, für planmäßige Vernebelungstaktik, mit etwas Schadensbegrenzungsrhetorik politische Handlungsfähigkeit vorzutäuschen, weil ein paar Landtagswahlen ins Haus stehen.“ „Warum müssen Sie auch gleich eine Grundsatzdebatte vom Zaun brechen!“ „Wenn nicht jetzt, wann dann? Wenn nichts passiert, ist Atomkraft sicher und sauber und preiswert, eine Diskussion findet nicht statt. Wenn aber tatsächlich ein Zwischenfall kommt, plärrt die Atomlobby unisono: ‚Die haben ja bloß darauf gewartet!‘ Ich möchte es einmal erleben, dass bei Sozial- oder Einwanderungspolitik diese Blase nicht bei jeder Boulevard-Schlagzeile sofort eine Generalabrechnung mit dem Grundgesetz fordert. Im Übrigen halte ich es schon nicht für blanken Zynismus, wenn diese Partei jegliche Kritik am Verfassungsbruch als plumpes Wahlkampfmanöver bezeichnet. Das ist neokonservativer Konsens, dass man die Interessen der Wirtschaft auch da verteidigt, wo man selbst dafür büßt.“

„Vielleicht sollten Sie sich erst einmal abregen und nicht bei jeder Politikeräußerung in die Luft gehen.“ „Auf welche soll ich warten? Auf das offene Eingeständnis, dass diese korrupte Truppe sich von einer Umfrage zur nächsten eine Laufzeitverlängerung erschwindelt, während Deutschland für ihre Ideologie zum Land der untergehenden Sonne wird? Wollen wir aus Sicherheitsgründen darauf warten, bis sie die Verfassung in der Asse beerdigen?“ „Röttgen hat doch…“ „Röttgen reicht der Kanzlerin längst nicht mehr aus, sie muss unbedingt noch ihren eigenen Super-GAU produzieren. Nach menschlichem Ermessen, sagt sie, liegen wir also in Gottes Hand? Im Iran würde man einen Kernphysiker nach derlei für unzurechnungsfähig erklären.“ „Wenn Sie eine Debatte über Reaktorsicherheit führen wollen, dann ist es jedenfalls nicht legitim, dafür auf dem Rücken der Opfer…“ „Haben Sie Anstand und Moral auf Lager? Das hat bei Guttenbergs vorgeschobenen Soldaten auch bestens funktioniert. Warum sollten Westerwelle und Röttgen weniger Opportunismus an den Tag legen? Einen Haufen, der aus Angst vor den Lobbyisten panisch seine Sprechblasensammlung neu sortiert, statt überhaupt den Regierungsgeschäften nachzugehen.“ „Sie haben es doch selbst gesagt, Merkel will jetzt die Kernkraftwerke noch einmal prüfen lassen.“ „Sie glauben wohl auch an den Weihnachtsmann, wenn man’s Ihnen nur dreimal sagt. Merkel tut gar nichts und lässt auch nichts tun. Sie lässt höchstens in den nächsten drei Tagen prüfen, ob sie sich einen atomaren Gutti erlauben kann – allerdings hat sie den auch zu lange laufen lassen vor der finalen Abschaltung.“ „Und das reicht Ihnen für eine Wahlkampfinszenierung? Sie unterschätzen die baden-württembergischen Wähler.“ „Eine Regierung mag beunruhigt sein, wenn sich die Bürger selbstständig zu informieren wissen, aber sie bekommt panische Angst, wenn sich die Menschen untereinander austauschen – und sie reagiert mit Brutalität, sobald sie den ersten Verein gründen. Das vor allem haben die Bürger in Baden-Württemberg gelernt, und sie wissen eine Kanzlerin richtig einzuschätzen, die nur aus Opportunismus in die Politik gegangen, weil sie es aus ihrer bis heute bevorzugten Staatsform nicht anders kannte: wenn man an der Macht ist, kommt man an Bananen.“





Gipfel-Sturm

9 03 2011

„Köstlich! Ich könnte mich in die Ecke werfen, das ist einfach göttlich!“ „Merkel?“ „Viel besser!“ „Karneval ist doch vorbei?“ „Ach was, Karneval – diese Nummer mit dem Biosprit. Großartig!“ „Was ist daran bitte großartig?“ „Das ist Hollywood. Was für eine wunderbare Inszenierung – endlich einmal zusehen, wie diese Regierung in Zeitlupe vor die Wand fährt.“

„Haben Sie überhaupt ein Auto?“ „Ist das denn wichtig? Schließlich muss ich ja auch keinen Atomstrom verbrauchen, um dies Geschacher mitzufinanzieren.“ „Immerhin nimmt sich die Bundesregierung der Sache an – das ist doch ein Beweis für das Interesse der Politik:“ „Sie meinen wohl: für ihre Interessen? Ein Benzingipfel, das ist doch wahrhaft lächerlich.“ „Aber Röttgen tut doch wenigstens etwas.“ „Wenn Sie darunter Dackelblick und sinnloses Gefasel verstehen, dann könnten Sie Recht haben.“ „Macht er denn nichts?“ „Die Frage ist, warum er jetzt mit dem Brimborium anfängt. Seit Jahren zanken sich die Spritproduzenten und die Autokonzerne um E10, und was passiert?“ „Sogar Brüderle hat sich eingeschaltet.“ „Stellen Sie einen Kanister Ethanol auf den Mars und Brüderle meldet sich für die bemannte Raumfahrt. Röttgen macht das, was er immer macht, wenn er was macht, wo er sagt, dass er was macht. Nämlich erst mal gar nichts.“ „Immer?“ „Wenigstens hat er die Laufzeitverlängerung für die Atombranche auch schon durch plötzliche Abwesenheit ermöglicht.“

„Sind Sie denn der Meinung, dass dieser Gipfel etwas nützte?“ „Abgesehen vom Stromausfall, weil sie die Generatoren mit E10 betanken, hatten wir köstliche Unterhaltung. wie sie dastehen und sich gegenseitig die Schuld in die Schuhe schieben.“ „Hätten nicht die Sprithersteller bessere Werbung machen können?“ „Für einen Sprit, der ihnen von der Politik aufgedrängt wurde, sollen sie sich auch noch vorschreiben lassen, wie Werbung auszusehen hat? Bekommen wir demnächst auch noch eine Verpackungsdesignvorschrift für Energiesparlampen?“ „Immerhin hat diese ganze Branche inklusive der Landwirte doch enorme Subventionen eingestrichen, sollten sie sich nicht ein bisschen kooperativer zeigen?“ „Wenn es auf Kooperationsbereitschaft ankäme, wüsste ich gerne, warum die Kernkraftwerksbetreiber trotz der Milliardengeschenke die minimalen Steuern auf den Verbraucher abwälzen.“ „Das haben die Mineralölkonzerne mit den Strafzahlungen doch auch vor.“ „Ich kann mich trotzdem nicht erinnern, Röttgen deshalb in tiefen Sorgenfalten gesehen zu haben.“ „Vielleicht schiebt er es auf die EU-Richtlinie?“ „In der stand sicherlich, dass man den Verbraucher nicht besser informieren darf als bei anderen Steuerverschwendungsplänen?“ „Die Politik hat eben manchmal den besseren Überblick als die Wirtschaft.“ „Warum empfehlen ihnen die Experten von Guidos Werbepartei nicht Boni, Einführungsrabatte und Gewinnspiele? Weiß die Wirtschaft etwa besser, wie zielgruppenorientiertes Marketing funktioniert? Oder sind der FDP 6,25% auch schon wieder zu hoch?“ „Andererseits, es gibt nun mal diese gesetzliche Vorgabe, und da kann der Röttgen doch durchaus mit Recht…“ „… erzählen, was die Neoliberallalas in solchen Situationen immer erzählen: damit der Markt ohne störende Einflüsse der Politik alles selbst regeln kann, muss die Politik unbedingt in den Markt eingreifen. Die Spritbranche hätte sich Banken kaufen sollen.“ „Nach marktwirtschaftlichen Gesetzen stimmt es doch aber; wenn nicht genug E10 gekauft wird, dann verteuert es sich.“ „Und unter sozialer Marktwirtschaft verstehen Sie, dass die Regierung den schwer gebeutelten Autoherstellern noch mal Zucker in den Arsch bläst, damit sie nicht aus lauter Not ihr Geld mit Arbeit an alternativen Antrieben verdienen muss?“

„Irgendjemand muss jetzt klären, wie dieses Dilemma zu beheben ist.“ „Ach ja? Und dazu setzen wir uns mit dem Bauernverband an einen Tisch? Warum nicht gleich mit den Anonymen Alkoholikern, schließlich vergasen wir doch gerade ihren Schnaps?“ „Werden Sie nicht albern, das sollte man schließlich von den richtigen Experten klären lassen.“ „Wenn es Experten gäbe, die die entsprechenden Fragen beantworten könnten – beispielsweise die vollständige Kohlendioxidbilanz einschließlich Herstellung oder den Anteil von Bioethanol-Produktionsflächen an den bisherigen Nahrungsmitteläckern – dann gäbe es diese Antworten wohl längst. Eine Expertenkommission, die sich gegenseitig ihre Inkompetenz attestiert, wo hatten wir das zuletzt gesehen?“ „Stuttgart?“ „Dann war Röttgens Gipfel das S21 des Straßenverkehrs.“

„Was hat der fesche Norbert denn dem Mob entgegenzusetzen?“ „Das bewährte CDU-Motto: Augen zu, weiter so. Irgendeinem wird man die Schuld schon in die Schuhe schieben können.“ „Und wenn man alles rückgängig macht?“ „Dann müsste Merkels Strahlemännchen wohl oder übel kurz vor den nächsten Landtagswahlen gestehen, dass er sich mit dem Hammer kämmt. Das wird den Grünen helfen.“ „Was haben die mit Biosprit zu tun?“ „Die warnen vor Ressourcenverschwendung, Umweltschäden und Hunger. Wir importieren demnächst Gemüse aus Chile, weil wir nur noch Kraftstoffrüben anbauen.“ „Dass da die Klimamutti einfach so mitmacht?“ „Unter dem Deckmäntelchen des Klimaschutzes werden eben jede Menge sinnloser Geschäfte eingefädelt. Hat beim Dosenpfand prima geklappt.“ „Erwarten Sie Konsequenzen?“ „Nicht doch! Jeder kann mal einen Fehler machen, oder? Außerdem waren wir mit ihm bisher ganz zufrieden. Und er wurde nicht als Mineralölexperte engagiert, sondern als Bundesumweltminister. Wahrscheinlich ist das alles eine Hetzkampagne der kommunistischen Autoverweigerer. Er hat eben ein bisschen Gipfel-Sturm abgekriegt.“

„Sollten Sie Recht haben, dann regiert diese Kanzlerin mal wieder exakt am Problem vorbei.“ „Aber sie verteilt die Probleme wenigstens sehr gut auf die einzelnen Ressorts, das müssen Sie ihr doch lassen.“ „Dann sollte man auf ihren Kronprinzen nichts mehr geben?“ „Oh doch, für den bekommen Sie noch eine Menge.“ „Politisches Kapital?“ „Das nicht. Eher Flaschen-Pfand.“