Ende der Sprechstunde

10 02 2015

„Zugegeben, er ist ziemlich voluminös, aber ich konnte einfach nicht anders.“ Anne sah ein bisschen verliebt aus. „Ich habe sowieso jeden Donnerstag die Mädels hier, und dann sitzen wir zusammen und – ach was, ich wollte endlich die erste sein, die einen hat. Außerdem war es echt Zeit. Und er ist doch auch ein Schmuckstück, oder?“ Womit sie recht hatte. Die Fernseher heutzutage sehen aber auch gut aus.

„Wenn die ablauf ist Wählen, dann Klick-klick und die Zeit hatten gesetzt.“ „Lass den Quatsch“, fauchte sie und riss mir die Bedienungsanleitung aus der Hand. „Ich mache das nur noch nach der englischen Ausführung, die ist meist noch von Hand übersetzt, und äääh…“ Vermutlich mit der linken Hand, denn auch die half Anne nicht weiter. „Vielleicht schließen wir die Kiste erst einmal an“, riet ich, „dann sehen wir weiter.“ Das funktionierte auch, vielmehr hätte es funktionieren können, hätte sich nicht der Fernseher in die Sache eingeschaltet. „Betätige Sendersuchlauf“, ließ sich eine seltsam sonore Frauenstimme vernehmen. „Geben Sie Ihre Favoritenkanäle ein, ich werde sie abspeichern.“

„Sprachsteuerung“, sagte Anne entgeistert. „Das Ding hat tatsächlich Sprachsteuerung?“ „Das Modell wird ausschließlich wegen dieser Eigenschaft beworben.“ Sie blickte mich verwirrt an. „Geben Sie Ihre Favoritenkanäle ein, ich werde sie abspeichern.“ „Wo drücke ich da jetzt drauf?“ Ich nahm ihr die Fernbedienung aus der Hand. „Überhaupt nicht, das Gerät versteht Dich. Du musst nur die Sender nennen, die es einspeichern soll.“ Anne runzelte die Stirn „Aber wenn ich jetzt irgendeinen Unterschichtendreck…“ „RTL ist gespeichert auf Programm 1“, schnarrte der Fernseher. Anne rollte die Augen. „Das darf doch alles nicht wahr sein!“ „Man kann die Programme auch von Hand sortieren“, las ich vor. „Beziehungsweise: Dem ablauf ist absondert, falls du plus und Minus dlücken die Taste und Aus.“

Wenige Stunden später hatten wir es geschafft, sämtliche verfügbaren Programme von einer alphabetischen in eine wie zufällig geordnete Liste und wieder zur alphabetischen zurück zu sortieren. Anne sank erschöpft auf die Couch nieder. „Im Kühlschrank ist Bier“, informierte sie mich, „und ich brauche jetzt irgendwas zur Unterhaltung.“ Wie von Zauberhand schaltete sich der Fernseher an. Ein leicht korpulenter Mann mit deutlichem Hang zu Hysterie und österreichischer Aussprache verkündete, dass es wieder Zeit für die schönste volkstümliche Musik sei. Eine Horde debil vor sich hin schunkelnder Drogenkonsumenten in billigem Trachtenimitat pflichtete ihm unter rhythmischen Schwankungen bei. Anne sah den Fernseher an wie ein besonders ekelhaftes Insekt, das in einem Feinschmeckerrestaurant über den Teller krabbelt. „Umschalten“, keuchte sie. „Sofort umschalten! Sofort!“

Möglicherweise hatten wir uns verschätzt. Der Flimmerkasten antwortete mit einem ungewohnt schnippischen Unterton. „Das dürfte genau das richtige Programm für Sie sein.“ Sie wollte gerade antworten, da fuhr der Fernseher fort. „Sie sind schließlich die richtige Zielgruppe: weiblich, unverheiratet, Körpergewicht von mindestens…“ „Sag dem Kasten, er soll still sein!“ Anne war außer sich. „Sie sieht diesen Volksmusikschrott ja nicht alleine“, brachte ich mich in Erinnerung. „Und ich persönlich bevorzuge …“ „Karnevalssendungen“, beschied der Apparat. „Statistisch gesehen gucken drei Viertel Ihrer sozialen Gruppe gerne die Prunksitzung.“ „Meine soziale Gruppe“, äffte ich, „Brillenträger über zwanzig, wie? Das will also ein Klumpen aus Lötzinn und Software beurteilen, wie!?“ „Auch technische Geräte haben Gefühle“, schmollte es. Mit etwas Glück würde dieses Ding jetzt die vorlaute Klappe halten.

Immerhin ließ sich das Programm umschalten. Ein amerikanischer Action-Krimi näherte sich dem unvermeidlichen Höhepunkt. Super Special Agent Wu knackte kurz vor der Explosion der Galaxie die Zeitbombe am Steuerungsmechanismus eines Teilchenbeschleunigers, obwohl er nicht mehr als eine abgebrochene Büroklammer in der Tasche seines feuerfesten Taucheranzugs gefunden hatte. Noch drei Sekunden, noch zwei, noch – „Seitenbacher provoziert“, jodelte die Glotze, „Seitenbacher bauscht auf!“ „Umschalten“, schrie Anne, „sofort umschalten! Ich will diesen ganzen Mist nicht mehr sehen!“

„Das könnte Ihnen so passen.“ Der Fernseher wurde patzig. „Den Film wollen Sie sehen, aber die Werbung, die den Sender finanziert, die wollen Sie nicht anschauen?“ „Schalt um“, befahl Anne. „Das wollen wir doch mal sehen“, höhnte die Flachmattscheibe. „Sie haben hier gar nichts zu melden, klar? Ich bin der Fernseher, und Sie sind lediglich…“ „Schnauze jetzt“, brüllte Anne und packte das Ding mit beiden Händen.

„Ich kann es mir wirklich nicht erklären“, stammelte der Techniker. „Wenn man ihn schräg hält, hört man, wie einzelne Bauteile im Inneren herabrieseln – sicherlich ein Transportschaden.“ „Sicherlich“, bestätigte Anne. Er kratzte sich am Kopf. „Und es ist schon der zehnte diese Woche. Manchmal frage ich mich, ob diese modernen Apparate wirklich so gut sind, wie die Hersteller sich das denken.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (XCI): Kabelsalat

4 02 2011
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Der Blick in die Inneneinrichterzeitschrift zeigt, dass sich seit dem Paläolithikum nicht erregend viel verändert hat: der durchschnittliche Trottel haust in einer Höhle, deren wandnaher Bodenbereich bis knapp unters Knie mit Gerümpel zugeschüttet ist, um mehrmals benutzbare Gegenstände griffbereit zu bewahren. Selten drillt er Löcher in den Fels, um im Wohnraum Humpen freischwingend zu lagern, eher folgt er dem Trend zu Kisten, Kasten, Schrank und Lade, packt sein Gelump ein und entzieht es dem Blick von Nachbarn und Postboten, schützt es vor Erosion und vor der Gefahr, die von ihm selbst ausgeht, wenn er schlaftrunken quer durch die Bude torkelt und alles zertritt, was vernünftigerweise nie auf dem Parkett lagern sollte, Kristallglas, Mehltüte und das Kontinuum Haustier, Futter, Haustierfutter. Zu groß wäre wohl die Wahrscheinlichkeit, dass der Hausherr sich fußläufig im Zeug verheddert. Es soll Ordnung sein, Zucht und eine klare Struktur. Bis auf den verdammten Kabelsalat.

Mit der Erfindung elektrischer Haushaltsgeräte zog die Zivilisationspest ein, Stecker, Schnüre, Litze, Draht – zur Herstellung eines unentwirrbar verknoteten Knäuels reicht es aus, ein einzelnes Stromkabel länger als eine Minute unbeaufsichtigt zwischen Wandsteckdose und Endgerät liegen zu lassen. Das Ergebnis ist der Endzustand der idealen Entropie, nur noch n-dimensional darstellbar und chaotischer als der Inhalt einer Damenhandtasche. Bereits das Zusammentreffen zweier Stehlampen und eines Radiators in einer Verteilerdose übersteigt die logischen Fähigkeiten des menschlichen Auges. Das Schicksal Laokoons und seiner Söhne lässt sich nur unter Berücksichtigung bösartiger Staubsauger korrekt deuten, die paradiesische Schlange selbst ist ein deutliches Zeichen, wohin das Kabel eines Elektromähers die Menschheit zu bringen vermag. Das Zeug vermehrt sich ungeschlechtlich, wild, wirr und neigt zu Mutationen, deren Formreichtum auch abgebrühten Forschern den Angstschweiß in die Halsfalten treibt.

Denn der Wahnsinn fängt hier ja erst an. Mit dem Beginn der Unterhaltungselektronik, die mit Radio und Glotze, Plattenspieler, DAT, Equalizer und Subwoofer in die Behausung brandet, potenziert sich der Gestrüppanfall schwunghaft. Jeder Vollschrott ist mit jeweils dingsundumzig anderen Gerätschaften verdrillt, verdrahtet, verbunden, wird angesteuert und per Kupferbändsel oder optischer Leitung, an Bananen- und Klinken- und Koaxialkabeln, SCART und XLR und Schuko, per Seilzug und Semaphor an Baugruppen geflanscht, hunderte Kabelmeter in stilisierter Kugelgestalt – mit der Anschaffung des Computers, der die heimische Telekommunikation mitversorgt, hat das Kabel die Herrschaft über diesen Planeten erlangt und holt zum letzten, tückischen Schlag aus: dem Kabelgate eines technischen Störfalls.

Zieht das bedrohlich angewachsene Bündel unter dem Schreibtisch auch derart viel Staub an, dass sich die Erdrotation in dieser Gegend merklich verringert, sind auch die seltsamen Nager in den unteren Schichten der Lautsprecherelektrifizierung etwas störend, wenn sie nachts akzentfreies Babylonisch wispern, ein unidentifizierter Wackler oder Strippendefekt birgt das nackte Grauen. Nur mit Mühe gelingt es dem Bekloppten, den selbst verursachten Spaghettoiden so zu dechiffrieren, dass die Zuleitungen zum Tuner klar von der Aufhängung der Deckenlampe zu unterscheiden sind – ein unbedachtes Rütteln an der Cinchbuchse, ein zu scharfer Blickkontakt mit dem Hohlstecker an der linken Ventilatorseite, und der Zinnober kann en bloc auf den Schrott, weil die Lebenszeit nicht mehr reichen wird, die USB-Kabellage wieder aus ihrer niedermolekularen Verzahnung mit dem TOSLINK-Würfelsteck-Ensemble zu lösen. Die Entsorgung samt Neuaufbau käme jedenfalls viel preiswerter, und zur seelischen Entlastung der Nachfahren wäre es ohnehin besser, die ganzen Leitungen an den Maschinen festzuschweißen, unter Putz zu verbergen und die Schächte mit Beton zu verschwiemeln, um hysterischen Ausbrüchen ein für allemal zuvorzukommen. Intelligenzbestien, die Ihr den Schamott hämisch in Kabelbinder pfriemelt und nur einen plastikummantelten Zopf am Boden entlangführt, bösartig mit Schellen verschraubt und hinter unauffälligen Kästen verborgen, Ihr werdet in konzentrischen Kreisen die Auslegeware vom Estrich lutschen, satanische Flüche jodeln und die eigenen Eingeweide zu den Ohren herausziehen, sobald nur ein Kanal des 7.1-Soundsystems in müdem Röcheln verebbt und einen Kabelbaum der späten Erkenntnis samt Schlange hinterlässt.

Das Chaos soll ein Ende haben. Alles ist nun mobil, drahtlos, alles funkt und piepst und lässt sich in immer kleineren und flacheren Plastebömmeln durch die Gegend schleppen, Telefone und Rechner und Radios, die per WLAN rhythmisches Geblök anbieten, aber: braucht dieses Telefon keine Basis? Ist dieses Netbook ohne Netzteil lebensfähig? Auch der autonomste USB-Bilderrahmen will am Kabel hängen, und es ist schlimm, dass Alexander nie vorbeikommt. Er hätte diesen gordischen Knoten beseitigt. So oder so.