Deutsche im Urlaub

31 07 2016

Hurra! das Volk bricht los und stürmt die Fremden,
die zwar im Ausland liegen, aber endlich
mit Sonne, Strand und kauderwelschverständlich
Kulisse sind für Ärmelkrempelhemden.

Hier ist man gern gesehen wie Vandalen,
die ihre Mordlust nur aus Zeitnot zügeln,
denn zwischendurch muss man die Hemden bügeln,
sonst passt ja nichts zu Socken und Sandalen.

Sie wollen von den Weinen und den Mosten,
von allerbesten Früchten prächtig naschen
was nur hineinpasst in die Leinentaschen,
vorausgesetzt, es wird sie das nichts kosten.

Das zieht durchs Land wie in enthemmter Sause.
Es ist ja schön, was ihm den Bauch erheitert,
woran beständig ihm sein Frohsinn scheitert,
weiß er genau: gut ist es nur zu Hause.





Vergebliche Liebesmüh

3 07 2013

Sie war kaum fünf Minuten zu Hause, als ich an ihrer Tür geklingelt hatte. „Die Fahrt ging ganz gut“, berichtete Anne, „aber bis man aus dem Flughafen raus ist – erst wartet man aufs Gepäck, dann kommt man nicht aus dem Parkhaus, und bis man endlich auf der Autobahn ist, hat man die ganze Erholung schon wieder vergessen.“ Man sah ihr die schrecklichen Strapazen an, wie sie dastand, sonnengebräunt und mit einer echt vergoldeten Brille im Haar.

„Die habe ich mir gleich am ersten Abend geholt, weil ich meine in der Kanzlei vergessen hatte.“ Ich stemmte den ersten Koffer die enge Wendeltreppe hinauf, bugsierte das Ding durch die Schlafzimmertür und wuchtete schätzungsweise die Ausrüstung einer kompletten Polarexpedition aufs Bett. Auf dem Schreibtisch lag eine Sonnenbrille. „Das ist nicht die richtige“, informierte sie mich. „Die sieht zwar auch so aus, aber da ist nicht die, die so aussieht, wie die aussieht, die ich mir jetzt gekauft habe. Weil, die sieht anders aus.“ An sich war ich bloß gekommen, um Anne den Schlüssel auszuhändigen, ihr schonend beizubringen, dass die Zimmerpflanzen ihre Abwesenheit unbeschadet überstanden hatten (ihre Anwesenheit ist für sie weitaus gefährlicher) und vielleicht einen Espresso aus der von mir nachgefüllten Maschine zu trinken, daher ließ ich mich nicht auf eine Diskussion über Accessoires ein. Doch ihr Blick war ungewohnt und sie schien zerstreut; ich beschloss, wachsam zu bleiben. „Man isst da ja ganz ausgezeichnet“, plapperte sie weiter, „also im Hotel war es so lala, aber die hatten am Strand ein entzückendes Bistro, die hatten Jägerschnitzel, und weißt Du was, es gab Donnerstags immer Zwiebelrostbraten und dann die rote Grütze, die schmeckte wie zu Hause, die von KaufDas, nur noch süßer.“ Ich seufzte. Dazu fliegt man auf die Balearen.

„Und Cocktails hatten die! Antonio hat nämlich immer…“ Der Luftzug hinter meinem Rücken ließ nur die Erklärung zu, dass Anne zusammenzuckte. „Es ist nämlich, Du musst ja wissen, das war gar nicht in dem Hotel, und er war eigentlich auch so gut wie nie, und Du weißt ja, dass ich sonst nur sehr selten, aber bitte sag das nicht Max!“ Sie sah mich flehend an. Würde Hülsenbeck, dieser Kotzbrocken von einem Idioten, es erfahren, er ginge in die Luft. Keine schlechte Idee. „Ich habe mich vor vier Wochen von ihm getrennt, aber diesmal endgültig! Er darf mich nicht einmal mehr anrufen!“ „Und wer ist dann bitte Antonio?“ Sie fiel kraftlos in einen Sessel. „Er ist eigentlich Spanier.“ „Das grenzt fast an ein Wunder“, gab ich trocken zurück. „Aber nicht so, wie Du denkst!“ Anne war empört, offenbar dachte sie, ich würde denken, was sie dachte, dass ich denken würde. „Alles völlig harmlos, auch die Bootstour und wie wir beide bei diesem Diavortrag waren.“ Ich schwieg. „Er lernt gerade Deutsch“, beharrte sie. „Wenn man als Kellner arbeitet, muss man doch Deutsch können.“ Ich nickte beflissen.

Er hatte ihr neben einigen preiswerten Urlaubssouvenirs aus Leder, Messingdraht und Taiwan auch das Bild eines kleinen Mädchens mitgegeben. Sie hieß Maria, war seine Nichte, eine Waise in der Obhut hartherziger Ordensschwestern, die sie den ganzen Tag in einem Institut in der Nähe einer Stadt, deren Namen man nicht aussprechen konnte, einsperrten. Nur für sie kellnerte Antonio, eigentlich ein gelernter Taxifahrer, da er sein Diplom als Tanzlehrer für einen Bootsführerschein verkauft hatte, und Anne hatte ihn großzügig unterstützt, meist in Form von Wein, Eintrittskarten, Hummer oder kostspieliger Kleidung, für die er dann ja kein Geld mehr auszugeben brauchte, so dass ihm für das kleine Waisenkind wieder genug zur Verfügung stand. Sie sah herzig aus. Das Bild steckte an genau der Stelle, wo sich sonst Annes Kreditkarte befunden hätte. „Das ist nicht wahr“, hauchte sie. „Sag, dass das nicht wahr ist!“ „Das träumst Du sicherlich gerade“, antwortete ich pflichtgemäß, fing sie auf und drapierte sie auf der Matratze. „Das kann nicht wahr sein“, wimmerte sie, „und dann habe ich ihm auch noch gesagt, dass ich nächstes Jahr wiederkomme!“ Sie war am Boden zerstört. „Er hat mir sogar seine Nummer gegeben.“ Sie zeigte auf das Zettelchen im Scheinfach. Die deutsche Vorwahl hatte sie nicht misstrauisch gemacht. So weit war es gediehen.

Fredi Grumpeter, Seniorchef der Dorfmetzgerei Bad Schnörringen, war außerordentlich hilfsbereit und erbot sich, sofort Nachforschungen anzustellen, ob er in den vergangenen zwei Wochen vielleicht aus Versehen auf Ibiza gewesen sei.

„Lass uns nachdenken.“ Ich schloss die Augen. „Du wirst die Kreditkarte sofort sperren lassen, dann sprichst Du mit Staatsanwalt Husenkirchen, dass er den Schmierlappen zur internationalen Fahndung ausschreibt, und dann…“ „Ich will ihn nie wieder sehen“, schrie sie. „Dieses miese Schwein! Und ich wollte ihm auch noch…“ Das Telefon. Ich hastete die Treppe hinunter. Eine heisere Stimme meldete sich. „Hallo? Isse Frau da?“ „Nicht für Sie“, sprach ich. „Sie rufen hier besser nicht mehr an.“ Was für ein Chaos. Lippenstift, Würfelzucker mit Sternzeichen, Erfrischungstücher, eine vertrocknete Kastanie, Pflasterstreifen, noch ein vertrocknete Kastanie, ein ebenfalls vertrockneter Kugelschreiber, eine Kreditkarte. Was man so in einer Handtasche findet. Anne schniefte. „Nächstes Jahr“, beschloss sie, „bleiben wir zu Hause.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CXV): Camping

5 08 2011
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Was hat sich der Hominide da eingehandelt, als er vom Baum gekrochen kam. Nieselregen, Wind, Mammutgestampf, unangenehme Gerüche, mehr noch: seinesgleichen in erhöhter Stückzahl, wie sie nur in der Ebene auftreten können, ein penetrantes Horrorszenario in Vollendung. Der Trottel auf der Erdkruste lernt wenig und langsam, doch ahnt er rasch, dass nur der Rückzug ihn vor traumatischen Erlebnissen retten kann. Ab in die Höhle, Spuren verwischen, Tür zu. Wer nach Ernährung fragt, nach Bespaßung oder körperlicher Gewalt, der wird eiskalt abgewiesen. Sein Heim ist dem Beknackten sein Schloss. Es müssen tief greifende Störungen sein, die ihn Jahr für Jahr zum Camping treiben.

Was die Witterung angeht, kann man gleich draußen bleiben; mühelos fräst sich die Bodennässe durch die Zeltplane, in spielerischer Leichtigkeit lässt eine seichte Brise den aufgespannten Vorbau eines Liegemobils zu Fetzen zerknattern. Das nordeuropäische Sommerimitat lässt die vitalen Kräfte des Bekloppten schwinden, ehe noch sich die beabsichtigte Erholung einstellt. Erholung? Selbstverständlich, nicht zur Ertüchtigung für die kriegerischen Bedürfnisse seiner Patriarchen haut sich das Schimmelhirn Tag und Nacht im Modder um die Ohren, sondern zur Erholung von urbanem Luxus – Fließwasser, Heizung, Türschlösser – und auf dem Weg zurück zur Natur, wo sich Käfer und Made Gute Nacht sagen.

Der Vollkontakt mit den Elementen spielt eine tragende Rolle; Wasser, Luft und Erde erledigen die klimatischen Bedingungen mühelos, um das Feuer kümmert sich der grillende Nachbar auf dem Standplatz, denn die Hölle, weiß Sartre, das sind die anderen. Und sie wissen mit dem Feuer umzugehen, wenngleich nicht mit Schweinenieren, altem Frittieröl und Brennspiritus. Rauchzeichen dienten seit den mythischen Urgründen der Verständigung, inzwischen dienen sie den Nappeln der Freiluftszene zur Demarkationslinie aus schwefligem Aerosol. Schwade um Schwade blakt der Qualm vom billigen Druckgussrost in die geschundene Atmosphäre, dass die Riechzellen vage an Stierbrandopfer denken, alttestamentarische Strafen assoziieren und die Klappaxt aus dem Kofferraum zerren – hier trifft sich quer über alle zivilisatorischen Schranken der gute alte Zwang, jede noch so geringe Kränkung mit brutaler Gewalt zu beantworten, das Patentrezept zur Auslöschung des Menschengeschlechts.

Doch nicht nur der Feinstaub schwillt im Äther, auch die Schallwelle raspelt an den Synapsen. In voller Lautstärke röhrt Volks- und Deppenklang aus der tragbaren Dröhnschüssel, Mutterlaut sägt die Luft, kreischend kraucht die Brut durch die welke Vegetation – wes Trommelfell sich nicht ächzend nach innen beult, des geht der Mund über, und das nicht von eitel Wohllaut. Fort ist die zaghafte Völkerverständigung, dahin die Aussicht auf Friede und Eintracht zwischen Generationen. Denn das entsteht, wenn der Doofe in die Pampa rumpelt, um seiner Lärmentfaltung freien Lauf zu lassen, wie es im heimischen Plattenbau zu Frontzahnausfall und schweren Haltungsschäden führte.

Weil der zivilisatorische Träumer dumm ist, dümmer jedenfalls als der Beipackzettel zu seiner Existenz. Ruhe und Frieden sucht er, Ruhe von den Mehlmützen seiner Nachbarschaft, Frieden von den Querkämmern seiner näheren Umgebung, die ihm permanenten Juckreiz in die Augen schwiemeln. Insgeheim wünscht er sich nichts, als Freiheit und Wohlgefühl ohne Ehegespons und Nachfahren zu genießen, ledig leidiger Pflichten, im Gnadenstand der Bedürfnislosigkeit. Aber Pustekuchen. Sand scheuert ihm auf diversen Schleimhäuten, der mürrische Blockwart guckt dreimal täglich, ob er die Karte auch richtig abgestempelt hat, die Dusche für drei Dutzend unangenehme Körpergerüche ist halb antiquiert und halb verstopft, die Anrainer im minimalen Weichbild zwei Kotzbrocken, der ganze Rotz so teuer wie anderthalb mal so lange Hotel mit Vollpension, das Wetter eine Melange aus Tiefdruck und Klimakatastrophe. Die Art von Weltuntergang, die sie uns immer erzählt haben. Dann bis nächsten Sommer, Leute.





Gernulf Olzheimer kommentiert (XLIX): Urlaubsreisende

19 03 2010
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Urlaubszeit. Die eine Hälfte der Ausreißer übt auf dem Hautkrebszuchtgelände den Totstellreflex, während die andere hektisch nach Gelegenheiten sucht, sich beim Freeclimbing am griechischen Bambusgerüst die Gräten zu brechen oder in der Braunalgenpopulation des kenianischen Pools ein unterhaltsames Potpourri exotischer Dermatosen zuzulegen. Folkloristische Verarbeitungsformen toter Tiere kitzeln zunächst den Eingang des Verdauungstraktes, später dessen Ausgang. Mit Hilfe digitalen Spielzeugs macht der Bekloppte das Ferienerlebnis dauerhaft haltbar, um sich auch zehn Jahr später noch an die lustigen handtellergroßen Achtbeiner auf den Liegestühlen zu erinnern und schmunzelnd der landestypischen Empörung zu gedenken, als er, der Pauschaleuropäer, sich nach zwei Litern Flüssigkeitsverzehr auf dem Innenhof der Kultstätte direkt neben dem Götzenstandbild erleichterte.

Wäre nur alles so nachgerade friedlich; denn offensichtlich steigt die Mehrzahl der Urlauber aus dem Kessel der deutlich zu heiß Gebadeten und praktiziert in den schönsten Wochen des Jahres eine intellektuelle Raumkrümmung, die ihresgleichen sucht. Es beginnt mit der Wahl des Quartiers, das laut Prospekt durch hervorragende Anbindung an die jüngst achtspurig ausgebaute Schnellstraße gewinnt, was sich per Satellitenbild auch unschwer verifizieren lässt: die frisch überdachte Baustelle am Rande des Betonmonsters verfügt über eine eigenständige Zufahrt nebst Parkplatz für eine fünfstellige Anzahl von Spähpanzern und gleißt durch die Abwesenheit von Lärmschutzwänden und ähnlichen Zeichen zivilisatorischer Denkprozesse. Dass das Adjektiv strandnah kein leeres Versprechen ist, versteht sich von selbst – immer vorausgesetzt, dass man unter Nähe die Wegstrecke versteht, die ein austrainierter 100-Meter-Läufer nach vier Stunden bewältigt hätte, störte ihn nicht die Grenze zum theokratischen Terrorstaat, die ungefähr in der Mitte verläuft. Man hätte es vorher wissen können.

Genau das aber ist das eigentliche Elixier des Urlaubers: Stress. Gerichtsnotorisch sind die Hirn- und Faustverrenkungen, mit denen der im zivilen Leben hündisch zahme Bescheuerte den Räubern und Dieben aller Herren Länder seine Harke zeigen will. Da plärrt der Nichtfrühstücker, der selbst am Nachmittag nur Brühmaschinenkaffee schlürft, vom Liftboy bis zum Manager die komplette Herberge zusammen, um sich über den Mangel an Teebeuteln zu beschweren. Da schreit der Hirnverdübelte, dass die in der Werbung sich hübsch ausnehmende Baumblüte nicht ganzjährig vor dem Fenster in der fünften Etage sich abkaspert, damit er sie gnädig zur Kenntnis nehmen könnte. Da spielen kleine Kreaturen in Perth den Parvenü, um nicht merken zu lassen, dass sie in Peine bloß Piefkes sind.

Der Beknackte aber lässt überall raushängen, dass er im Grunde viel zu fein ist für Fünf-Sterne-Bruchbuden und sich daheim gar nie zwischen Whirlpool, Wellnesskeller und Wäschereiservice entscheiden kann; dass er zum Nachtmahl nichts anderes akzeptiert als internationale Cuisine auf höherem Niveau; dass er Toilettenpapier nur mit handgeknickten Ecken kennt. Er ist das Fleisch gewordene Vorurteil, dass man als Dummbratze europider Provenienz schon unangenehm auffällt, wenn man seine Anwesenheit nicht als Versehen betrachtet. Demut, Laissez-faire, im Zweifel: guter Geschmack ist der Freizeitnervensäge so fremd wie der Stock im Arsch festgewachsen, das verkrümmte Rückgrat der Gesellschaft buckelt nur zu Hause, wo er einträchtig mit Moralnazis, Spaßvollbremsern und Lenkradbeißern aus dem Bildungsbiedertum das Abendland vor den großen Verheerungen des drohenden Fortschritts rettet. Nickelige Nölsusen gehen inzwischen so weit, das Offensichtliche als persönliche Beleidigung zu werten: dass im Urlaubsland die Eingeborenen noch frei laufen und ohne Vorwarnung sichtbar sind, dass das Meer sich bewegt, dass sich die klimatischen Bedingungen nicht mit der Fernbedienung regeln lassen. Irgendeine blöde Begründung schwiemelt sich der Unterliga-Tourist zurecht, für Richter und Reisebüros spannend wie ein leerer Pappkarton, um aus dem verspäteten Sonnenuntergang post festum die Erstattung des Reisepreises rauszuleiern. Was wäre der distinguierten Schicht nicht daran gelegen, diese Halbfettbrezeln auf der Hirnkirmes billig zu entsorgen oder sie wenigstens im öligen Sand eines Bettenbunkers zum Sonnenstich heranreifen zu lassen und mit industriell konfektioniertem Zucker-Alkohol-Surrogat die letzten Synapsen auf Error 99 zu schalten, damit man nicht durch das Sein an sich die Furcht vor dem Furor teutonicus triggert. Man kann dem Trottelgeschwader nur entgehen, wenn man taktisch ungünstige Ziele weiträumig umreist: Spannbetonabsteigen in weitgehend kulturbefreitem Umfeld, das ohne Kenntnisse der Landessprache betreten werden kann, wo man nicht als Fremder auffällt, weil alle mehr oder weniger fremd sind – touristisches Herzland, wo man den Bekloppten als Laune der Natur und wirtschaftlich nützlichen Idioten ansieht. Was er ja auch ist. Höchstens.





Killerspiele

21 05 2009

„Schreibfehler? Nein, wieso? Ach, das meinen Sie. Das ist schon richtig so. Gun Tours. Mit G. Gustav. Genau. Mit Fun hat das schon zu tun, ja. Wir setzen da die Akzente ein wenig anders.

Also diese Erlebnisreisen, Abenteuerurlaub und so, das hatten wir ja alles schon. Wollen die Leute nicht mehr. Wir hatten auch schon mit solchen Sachen herumexperimentiert. Luxuskreuzfahrt mit garantierter Geiselnahme durch täuschend echte Piraten, Original-Entführung in den Dschungel von hochprima Rebellen-Darstellern, das lief anfangs auch richtig gut. Aber damit können Sie heute kein Huhn mehr hinter dem Ofen hervorlocken. Das ist nicht authentisch genug. Die Leute wollen es echt.

Das kam damals mit der sanften Welle. Sanfter Tourismus, wenn Sie sich erinnern. Alles sanft, keine Konflikte, keine unschönen Bilder nachher im Album, alles immer nur schön. Der Deutsche an sich, der blendet ja gerne mal die Konflikte aus, und damit er das besser kann, fährt er nach Afrika. Da kann er dann schön am Hotelpool liegen, all inclusive natürlich, und macht mal einen Ausflug an den Privatstrand. Den Afrikaner, den sieht er nicht. Ein paar von denen servieren ihm die Cocktails am Liegestuhl, und wenn Folkloreabend ist, kriegt er die als Bongoneger zu sehen in Baströckchen aus buntem Plastik. Aber das langt dann auch. Mehr will er nicht. Dass da ein paar Kilometer weiter die Leute an AIDS krepieren, weil die Pharmakonzerne noch nicht genügend Dividende gemacht haben, das interessiert den gar nicht. Das ist doch kein Urlaub für echte Männer! Das geht ja gar nicht mehr!

Also das Authentische kriegen Sie eben nur direkt in den Krisengebieten. Darfur, Tibet, was Sie wollen. Oder Irak. Afghanistan ist uns jetzt noch zu kostspielig, aber wir arbeiten daran.

Wissen Sie eigentlich, wie viele aktive Schützen es in Deutschland gibt? Ja Gott, die haben es halt auch nicht leicht. Immer dieser öffentliche Druck, Waffen kontrollieren, Waffen einschließen, Waffen abgeben, das machen die doch auf die Dauer nicht mit. Das ist doch sozialer Sprengstoff! Wie wollen Sie das alles deckeln? Und alle in die Bürgerwehr stecken und die Straßenzäune verteidigen lassen, wissen Sie: so groß ist Bayern auch wieder nicht.

Lifestyle-Sektor? Wenn Sie wollen, können Sie auch Los Angeles buchen oder die Bronx. Täglich drei Schusswaffeneinsätze garantiert, sonst Geld zurück. Aber wir haben noch nie gezahlt.

Das ist eine Frage der Definition. Ich jedenfalls habe kein Problem mit der Bundeswehr. Mal davon abgesehen, dass Sie da inzwischen einen Antrag mit drei Durchschlägen einreichen können, bevor der erste Schuss fällt. Disziplin, ja, Demokratie, innere Führung – aber Action? Gibt’s nicht mehr. Die Truppe übt sich in Konfliktverwaltung. Mehr ist das nicht. Wenn Sie da frisch aus dem Schützenverein kommen, Gewehr im Anschlag, immer Munition im Nachtschränkchen, die lachen Sie doch aus. Die nehmen Sie gar nicht. Viel zu undiszipliniert. Da werden Sie nichts. Keine Chance.

Im Gegensatz zur Bundesregierung reden wir aber nicht nur darüber, wir lösen das Problem aktiv. Als Reiseveranstalter führen wir keinen Wahlkampf – eine Lüge, eine Schutzbehauptung, und schon haben wir die ganzen Verbraucherschützer am Hals. Das ist kein Spaß, das kann ich Ihnen flüstern!

Wir setzen ja auch auf Aufklärung. Eignungstest ist bei uns Vorschrift, bevor Sie die Reise antreten dürfen. Da fliegen ja schon die meisten raus, bevor Sie durchgeladen haben. Killerspiele? Können Sie vergessen. Völliger Blödsinn. Haben wir immer wieder. Haben mal einen Ego-Shooter gezockt und wissen gar nicht, wie man mit Großkalibermunition umgeht. Das lernen Sie nicht am Computer. Das kriegen Sie nur in einem anständigen deutschen Schützenverein beigebracht.

Unser Renner aktuell ist das Westjordanland. Sehr angenehm gelegen, Reizklima, Sie sind in wenigen Stunden am Mittelmeer, die Verpflegung beruht natürlich immer auf Eigeninitiative. Auf welcher Seite Sie da kämpfen? Wissen Sie, da mischen wir uns nicht ein. Das entscheiden Sie je nach Situation. Sie sehen doch selbst, von welcher Seite die Kugeln kommen. In den völkerrechtlichen Status redet Ihnen sowieso niemand rein. Eben, Freischärler sind eine schöne deutsche Tradition.

Psychopathen? Gut, manchmal ist der Übergang wirklich sehr schwer auszumachen. Nehmen Sie diesen alten Mann da, diesen Zucht-und-Ordnungs-Fetischisten, der plötzlich durchdreht und drei Nachbarn mit dem Knüppel platt macht. Das wäre so zu sagen in etwa unsere Kernzielgruppe. Der Bundesinnenminister? Nicht, dass ich wüsste. Der macht ja auch ganz selten Urlaub. Immer im Dienst.

Gut, manchmal muss man schon nachhelfen. Als Inszenierung würde ich das jetzt aber nicht gleich bezeichnen. Wir pflegen unsere Kontakte zu den Freiheitskämpfern – Terroristen, sagten Sie? Das ist immer eine Frage des Standpunktes. Für die Taliban sind die Amerikaner die Terroristen.

Unsere Auslastung? Fabelhaft, wir haben keinen Anlass zum Klagen. Besser als Bundeswehr und Blauhelme zusammen. Unsere Rückführungsquote liegt bei knapp zehn Prozent. Nein, nicht die, die wieder nach Hause kommen. Die anderen eben. Ja, machen wir alles. Das ganze Programm. Was Sie wollen, wir arbeiten da mit kompetenten Partnern. Deshalb schließen Sie auch vor Reiseantritt gleich eine Bestattungsvorsorge ab. Alles automatisch.

Na, neugierig geworden? Was darf’s denn sein? Einmal Sri Lanka? Gute Wahl! Na, dann viel Spaß an Himmelfahrt!“