Gernulf Olzheimer kommentiert (XXXVIII): Klassentreffen

18 12 2009
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Der Mensch wird, in Ketten geboren oder wenigstens in Familienverhältnissen, die nicht sehr viel mehr Hoffnung erzeugen, irgendwann den grandiosen Moment verspüren, in dem er seine Reise ins Licht antritt. Schulschluss. Freiheit. Keine Turnstunde mehr, keine Klassenarbeiten, vor allem: endlich nicht mehr diese Schicksalsgemeinschaft aus Gesichtsübungsfeldern und Körpergeruch, die einem jeden Tag die Frage ins Hirn zwingt, warum vorsätzliche Raumkrümmung keine Straftat ist. Endlich die ganze Brut mit einem Knopfdruck entsorgt, auf Nimmerwiedersehen abgehakt, das Leben beginnt und die gesammelten Hohlkörper bleiben da, wo sie auf dem Feldweg festgewachsen sind. Das Leben ist eine Herausforderung, und es riecht nach Abenteuer. Beispielsweise dann, wenn der Postbote nach gefühlten achtzig Jahren eine grellbunt aufgemotzte Drucksache in den Briefschlitz stopft, die mit drittklassigem Gereime zur Wiedervorlage des Honkrudels auffordert. Die reitenden Leichen kehren zurück, und sie haben das Klassentreffen im Gepäck.

Klassentreffen, das ist der Augenblick, wo man sich entscheidet, widerliche Infektionskrankheiten als Teil des Daseins ganz einfach anzunehmen, wenn man dafür das Haus nicht verlassen kann – oder aber robuste Stabilisierungsmaßnahmen zu erproben, um durch teilnehmende Beobachtung zu erforschen, ob die Unterseite des Durchschnitts inzwischen gelernt hat, sich zwei Atemzüge lang im aufrechten Gang zu bewegen. Man kann ihnen auf Dauer nicht ausweichen, das Gezücht wächst irgendwann unter der Tür durch – und irgendwann findet man sich in einem aufreizend überflüssig dekorierten Festsaal, umgeben von Halb- und Volleulen, die alle direkt aus der Schule mit der großen Uhr hereingekrochen sein müssen.

Zunächst sortiert der prüfende Blick die anwesenden Beknackten in mehrere Kategorien, deren größte die Insassen des Bildungsbiedertums darstellen: Schubladendenker aus der Klemmklasse mit deutlicher Haftkraft an der Talsohle des Elans. Sind sie über längere Zeit hinweg gröberen Schmerzreizen ausgesetzt, so geben sie die ersten deutlichen Lebenszeichen von sich, meistens Schnappatmung, Jasagen und Nacherzählen doofer Häschenwitze aus dem Erdmittelalter. Rücksicht ist hier fehl am Platze, das Ableben dieser Langweiler ist weder an Hautfarbe noch Reaktionszeit sichtbar, da beides bereits kurz nach Einsetzen der Pubertät den Attributen fortgeschrittener Verwesung ähnelt.

Das andere Extrem, die als verhaltensindividuell ins Langzeitgedächtnis eingeeiterten Rambazamba-Maulwürfe, haben sich an der fortschreitenden Realität meist inzwischen deutlich abgeschliffen. Damals noch Lederjackenträger, Kloraucher und Frauenaufreißer, sind sie inzwischen zu Helden ohne Geschäftsbereich mutiert, können sich nicht einmal Bausparverträge wie die Schnarchsäcke leisten und brechen sich inzwischen die Finger in der Nase ab, um ihr spannendes Leben als Teilzeit-Pokerprofis und Gesichtsmarodeure vollinhaltlich auf die Reihe zu kriegen. Zwischenzeitlich hat kurz der Bildungsnachschub zum Dr. Arbeitslos geführt, bis kurzfristig der alte Rebellengeist sich wieder aus den Knopflöchern durchwurmte und den Typen für alles außer Tiernahrung ungeeignet erscheinen ließ, mehreren Personalchefs wenigstens.

Zwischen Ökofuzzis und Denkamöben fallen vor allem die Unauffälligen auf, die seinerzeit im Höchstfall tangential an einem vorbei existiert haben und allenfalls Laut gaben, um vor der ersten Stunde Mathe, Latein und Deutsch abzupinnen. Unangenehmerweise machen sie hier auf klebrige Kumpeligkeit, waren schon immer die besten Freunde und sonnen sich im Glanze niemals da gewesener Freundschaften; im Grunde hat man die ganzen Jammerlappen, die jetzt Reklame für Apathie und Torschlusspanik laufen, schon immer mit Vollignoranz bedacht und wundert sich, dass sie trotz ihrer Attitüde als glücklich-scheißerfolgreiche Selbstbelüger um Anerkennung betteln und nicht einmal davor zurückschrecken, Telefonnummern zuzustecken, als wären sie auf dem Ball der einsamen Herzen in die Resterunde katapultiert worden. So viel Flauenpower zu entkommen ist mühselig, verbessert aber die Überlebenschancen. Denn es ist verhältnismäßig egal, was das Schicksal in seiner breiten Auswahl an Schlägen für einen bereithält, diesen Bevölkerungsausschnitt mit dem IQ eines mittelgroßen Rasenstücks braucht keiner, der einmal den Weg ins Freie gefunden hat, schon gar nicht im engeren Freundeskreis.

Inzwischen jubelt es einem sogar das Internet schon unter: eine Verbrecherkartei, in der man sich registriert, um spätestens zum Silbernen Abitur in die Sammelstelle für angehende Karnevalsprinzen zurückgestopft zu werden, der man einst mit fliegenden Fahnen entkommen war. Mutmaßlich ist dies die Geschäftsidee bekennender Realsadisten – sie haben es nicht geschafft, also sollen wir in derselben Grütze verdümpeln. Dann doch lieber die schmerzfreie Variante. So eine Briefdrucksache ist schnell in den Container geschoben. Und die Bescheuerten bleiben unter sich.





Nationaler Gedächtnisschwund

4 07 2009

Das hält der Deutsche doch für wahr:
dass früher alles besser war.
Zumindest war’s nicht schlechter.
Und war es schlecht, war’s nicht so wild,
wie’s manchen heutzutage gilt.
Nur etwas ungerechter.

Dass Adolf und die braunen Horden,
Millionen Menschen zu ermorden,
das Land in Trümmer senkten –
das war gewiss ein Missgeschick.
Jedoch wie gut, dass sie zum Glück
uns Autobahnen schenkten.

Wie Ulbrichts rot lackierte Räte
sie sperrten hinter Stacheldrähte
und Mauern in die Falle –
das war vielleicht nicht gerade schön.
Man muss das auch historisch sehn,
denn Arbeit gab’s für alle.

Sie lernten nichts. Dann spielten sie
ein bisschen mit Demokratie
und fanden sich zu hässlich.
Der Deutsche, so er lange lebt,
bewältigt nichts, was er vergräbt.
Er wird auch schnell vergesslich.