Schöner Shoppen

3 09 2009

Ausgerechnet heute musste mir das passieren, wo sowieso wenig Zeit blieb. Kurbel hin, Passiermühle hin, Kartoffelteig hin – Knockout für die Gnocchi. Die Aussicht, ein ganzes Pfund Kartoffeln mit der Gabel auf dem Teller zu zermusen, hob meine Stimmung nur unwesentlich. Ich erledigte die Arbeit, quetschte mir nur zweimal den Daumen und beschloss dann, eine neue Lotte in die Küchenflotte zu integrieren. Haushaltswaren Birnstiel & Söhne gibt es schon lange nicht mehr, nur noch ein schwacher Abglanz alter Herrlichkeit ist in der Abteilung des City-Kaufhauses zu finden. Ich hin.

Das Heer des elektrischen Küchenschamotts gleich großräumig umsegelnd landete ich an der Küste des Kleingeräts an. Töpfe, Pfannen und Salatschleudern buhlten um Aufmerksamkeit, hie und da ragte ein einsamer Messerblock aus den Niederungen des Schneidwerkzeugs. Menschenleer schien die ganze Abteilung, doch plötzlich lugte eine hoch aufgeschossene, dürre Gestalt zwischen Sauteusen und Kasserollen hervor. „Suchen Sie etwas Bestimmtes?“ Ihr Blick irritierte mich. Diese Verkäuferin schien mit beiden Augen gleichzeitig an mir vorbei zu schielen. „Ich möchte“, sprach ich zu ihrem linken Auge, „ein Passiergerät.“ Sie wackelte ein wenig mit dem Kopf, so dass ich wohl in ihr Gesichtsfeld gerückt sein musste. „Was ist das denn?“ „Eine Passiermühle“, gab ich mit gereiztem Unterton zurück, „Flotte Lotte, Passevite, Passetout, eine Gemüsemühle. Oben Kurbel, unten Sieb.“ Leer blickte sie um mich herum. Ob ich ein Opfer der Lichtstrahlenbiegung war und sie bereits so um mich herumschielte, dass sie mich gar nicht mehr wahrnahm? Sie griff aufs Geratewohl in die Stellage und zeigte mir einen Schlitzwender.

„Wenn ich mich vorstellen darf, Süßschwager mein Name. Ich bin hier der Personalchef.“ Das kleine Männchen mit der großen Brille schaute freundlich zu mir herauf. „Sie haben sicher schon unser neues Marketing-Konzept bemerkt?“ Welches neue Konzept? „Nun, wir setzen unser Personal nach wissenschaftlichen Kriterien ein. Streng an neuesten psychologischen Erkenntnissen orientiert. Fühlen Sie sich gut beraten?“ „Wenn Ihr Konzept darin besteht“, sagte ich mokant, „dass Ihr Personal vollkommen ahnungslos ist, dann scheint Ihr Plan aufzugehen.“ „Aber nein“, beschwichtigte der Personaler, „das ist es ja gar nicht. Frau Hülzke hilft nur aus, sie ist sonst in der Parfümerieabteilung.“ Aber was war es dann? „Sieht sie nicht wie die ideale Verkäuferin aus?“

Hinter uns räumte eine dickliche Matrone die Regale mit einem Parmesanreiben-Sonderangebot voll. Sie stapfte wie ein Matrose auf schwerer See durch die Gänge und wälzte sich hinter die Kasse. Was hatte das alles zu bedeuten? „Die University of South Australia hat jüngst eine Studie veröffentlicht, der zufolge hübsche Verkäuferinnen den Umsatz gefährden. Also haben wir das Personal entsprechend umstrukturiert.“ „Sie meinen also ernsthaft, dass die attraktiven Damen in Ihrem Küchenkram von den chromblitzenden Pfannen ablenken?“ „Nicht ablenken“, korrigierte mich Süßschwager, „nicht das Sortiment ist der springende Punkt. Es sind die Kundinnen.“ Die Kundinnen? „Jawohl, die Kundinnen. Es ist jetzt wissenschaftlich erwiesen, dass zu schöne Verkäuferinnen, insbesondere solche, die zu gut aussehen, in anderen Frauen das Gefühl der Konkurrenz erwecken. Das ist eine biologische Tatsache! Die Kaufbereitschaft sinkt erheblich, und das ist völlig unabhängig von der Ware, die wir anbieten.“ „Und deshalb haben Sie jetzt die Haushaltswaren nur noch mit Schreckschrauben besetzt?“ „Genau. Wir haben bei den frauenaffinen Sortimenten begonnen. Haushaltswaren, Kosmetik und Damenoberbekleidung. Auch Spielwaren ist gerade bei der Umstellung. An den Kindermoden knobeln wir noch.“

Jetzt fiel mir auch auf, dass Isabella gar nicht mehr hier war. Das schwarzäugige Halbblut mit den schwer bezähmbaren Locken hatte doch den einen oder anderen Lichtblick geboten zwischen Schaumkellen und Schneebesen. „Wir haben alles versucht“, jammerte Süßschwager, „Frau Regazzoni hat sich zum Schluss nur noch von Schmierkäse und Schokolade ernährt, um wenigstens Pickel im Gesicht zu bekommen. Aber es war alles umsonst.“ Sie würden doch diese Schönheit nicht herausgetan haben aus dem Geschäft? Immerhin hatte ich bei ihr regelmäßig Teigschaber, Servierpfännchen und zuletzt einen Keramikwetzstab erworben, von den unzähligen Backpinseln ganz zu schweigen. Sie hatte mein Selbstbewusstsein nicht im Geringsten geschmälert. Keine konnte wie sie einen Pürierstab in Packpapier wickeln. „Natürlich konnten wir keine entlassen. Schauen Sie doch mal ins Untergeschoss. Da finden Sie alle wieder.“

Und wirklich, da waren sie. Die elegante Frau Kinkelskirch mit dem hüftbetonten Gang und Irene Wemser, deren erotisierendes Lispeln zuvor die Spielwarenabteilung verzaubert hatte. Hinter der Kasse aber thronte Isabella und warf einen verführerischen Blick zu mir herüber. So also funktionierte heute Marketing – wissenschaftlich fundierte Verkaufspsychologie war der Schlüssel zum unternehmerischen Erfolg. Nur damit war der Einzelhandel in diesem Land noch vor dem Untergang zu bewahren. Aber so weit ich auch schaute, kein Passiergerät. Nichts. Allerdings war damit auch nicht zu rechnen gewesen, hier unter den schönen Damen beim Autozubehör.