Gernulf Olzheimer kommentiert (CXLVII): Schulbücher

20 04 2012
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es begann mit Nggr, der wie immer die Flossen nicht stillhalten konnte und sie in den nassen Sand klatschte. Wenige Jahrtausende später hatte der elaborierte Hominide Keilschrift, Gänsekiel und Wiegedruck hinter sich und rüstete mit CTP und Druck nach Gefühl und Wellenschlag auf im Kampf gegen das Vorurteil, seine Bildungslücken für sich behalten zu wollen. So warf man Einmaleins, alle verfügbaren Eselsbrücken und die geronnene Beschränktheit halbwegs unterrichteter Verleger in einen Topf und ließ die Schlacke aufs Papier kleckern. Heraus kam das, was Generationen von Kindern die Erziehung zur Hölle machte: das Schulbuch.

Das Schulbuch ist nur seiner Zeit verpflichtet. Alles, was dem Abstand zwischen Denkhorizont und Scheuklappen einer Ära ausmacht, wird gnadenlos eingeebnet. Es geht um Volksbildung, die Erbsensuppe der Pädagogik – das Quantitative zählt mehr als die Qualität. Zwar hat man sich aus wirtschaftlichen Gründen von den gebündelten Vorurteilen der vergangenen Epochen gelöst – Propaganda gegen die Welschen käme nicht gut an kurz vor einem EU-Gipfel – aber noch immer atmet das Lehrbuch den abgestandenen Muff abgetretener Generationen.

Rein äußerlich zeigt sich der Anachronismus darin, dass aus Kostengründen die Anstalten das pädagogische Material aus der Mottenkiste auftragen, wie andere Leute die kurzen Hosen an ihre Enkel vererben; man ist nicht grundsätzlich nackt in dem Zeug, aber es riecht unangenehm, fällt an den entscheidenden Stellen auseinander und ist ungefähr so modisch wie Wilhelms Kadettenwichs. Es gehört scheinbar zum guten Ton der höheren Lehranstalt, dass in ihren Gilbkonvoluten des frühen dritten Jahrtausends Leningrad schon zur Sowjetunion gehört, aber die Zahl der US-Staaten noch schwankt. Einzig Bismarck kam schon vor. Hätte er sich besser in der Uckermark verkrochen.

Das Schulbuch sieht aus, wie es riecht. Sperrig verklöppelter Bleiwüstensatz bricht saisonal jäh auf in netzhautgefährdende Grafik – als ob das weiße Rauschen durch peppig angeordnete Kästen mit progressiv abgerundeten Ecken den Lernerfolg in schwindelnde Höhe geriete, höher noch als jene mit sinnlosen Torten- und Balkendiagrammen zugeschaufelten Seiten, auf denen mit Hilfe von Giraffen in Pink und Braungrüngrau der Säugetierbestand von Deutsch-Südwest ins Wachkoma symbolisiert wird. Der Bekloppte, der den Anblick ohne Magenbluten übersteht, ist für die Flipchart-Orgien im Mittelstandsmeeting gerüstet und hat eine Karriere oberhalb der Kiellinie vor sich.

Falls er sich nie mit den Auswirkungen einer Lehrplankonferenz auf die verbalen Absonderungen des Volkes plagen musste, vulgo: das Sprachbuch. Erfordern denn die Sprachsituationen, fragt beispielsweise der bayerische Kultuskasper in schriftlichem Benehmen, jeweils zwingend eine bestimmte sprachliche Form? Wird das Erzählen als Grundlage zwischenmenschlicher Kommunikation angemessen dargestellt? Wer bajuwarische Politiker im Zustand der Gnade (unterhalb der zulässigen Betriebstemperatur von drei Halben, aber genug in der Birne, um die Sülzwarenfabrikation am Laufen zu halten) trifft, kann sich anhören, was aus der Fibelstunde übriggeblieben ist. Die im Freistaat gepriesene Lebensbewältigung, Wertorientierung und Persönlichkeitsentwicklung jedenfalls sind es nicht.

Denn das Lesebuch ist standesgemäß mit alten Socken aus Großvaters Schrank vollgestopft. Der Behördenapparat schwiemelt sich seins von lebensrelevantem Innenwert, doch schon die Eunuchen im Verlagswesen bedienen sich lieber an den abgehangenen Kadavern der gemeinfreien Klassik. Die Lehrschrift fördert auf arteigen ganzheitliche Weise den gesunden Schulschlaf und zementiert die kognitive Dissonanz, dass Lesen die intellektuelle Basisausstattung in diesem Zustand förderte. Offensichtlich haben es nur hunderte von Pädagogenjahrgängen wirklich begriffen: das Schulbuch ist die Waffe des Lehrkörpers, wenn die Insassen der Indoktrinationsfarmen die Pauker selbst noch nicht als hinreichenden Grund sehen sollten, ihre Bildung für überflüssig zu halten. Hauptsache, es ist kein nackter Hominide in Frontalansicht abgebildet.

Dass das Totholzmedium längst nicht mehr gegenwartskompatibel ist, stört keinen. Verwandten die Verlage die Hälfte ihrer anlasslosen Kreativität, mit der sie digitale Medien als Erfindung des Satans unter kommunistischer Supervision beplärren, zur Etablierung neuer Lernmaterialien, eine neue Stufe der Brechreizentschleunigung wäre erreicht. Doch es gibt Lichtblicke. Hin und wieder schwappt eine Welle neoliberale Produktionsethik in die Bücher, die aus hastig zusammengeworrenen Resten auf den Markt suppen, schleichen sich köstliche Fehler. Prag als Hauptstadt der Schweiz, Chlorknallgas im Chemie-Erstkontakt, der Popocatépetl in Kanada. Aber wir können nicht die ganze Wikipedia ausdrucken.





Staatsbürgerkunde

2 11 2011

„Selbstverständlich haben die Kultusminister dafür Sorge zu tragen, dass die Kinder in den Schulen zu rechtschaffenen Untertanen des deutschen Staates erzogen werden. Wir sind uns klar darüber, dass sie so früh wie möglich begreifen sollen, was dieser Staat ist. Deshalb haben wir den Lehrplan erweitert. Um die Rechtssicherheit zu gewährleisten, nicht wahr? Die Rechtssicherheit, dass die Kultusminister im Auftrag der Verlage Überwachungssoftware installieren dürfen, um digitale Vervielfältigungen von Schulbüchern auf Schulcomputern auszuspähen – sie dürfen für die Gebühren, die sie auf ihre Geräte ohnehin zahlen, keine Gegenleistung erwarten. Das widerspräche ja auch dem gesunden Menschenverstand, mehr noch: der Rechtsordnung. Deshalb haben wir uns etwas anderes einfallen lassen. Wir sind ja lernfähig.

Wir sind uns bewusst, dass wir gegen den Klassenstandpunkt dieser Pseudoelite und ihrer Stasimethoden nicht mehr anders angehen können. Wir haben begriffen, dass der führenden Rolle des Kapitalismus nicht mit guten Worten zu begegnen sein wird. Wenn uns weiterhin geboten ist, Selbstverpflichtungen abzugeben, die dem Grundgesetz widersprechen, dann werden wir uns zur Wehr setzen. Mit pädagogischen Mitteln.

Im Fach Staatsbürgerkunde lernen die Kinder, dass die Verfassung nichts wert ist, solange sie von Politikern gebrochen wird; dass sie sowieso nichts wert ist, solange sie überhaupt von Politikern gebrochen oder missachtet werden kann, die man danach nicht mit dem Gewehrkolben vom Hof prügelt. Sie lernen, dass der Staat mit seinen Bürgern Dinge tun darf, die der Bürger nicht tun dürfte. Schon gar nicht mit dem Staat.

Sie lernen, dass den Verlagen und anderen Industriezweigen der Staat gehört. Sie lernen, dass die Industrie soziale Verantwortung vor allem so definiert, dass ein paar asoziale Arschlöcher höhere Boni bekommen. Sie lernen, dass man seine eigene Unfähigkeit vor allem durch illegale Geschäfte wieder ausbügelt – und dass der Staat kriecherisch dabei hilft, wo er nur kann. Man weiß ja nie, wie es sich einmal auszahlt.

Sie lernen, dass Überwachung etwas Schönes ist und Freiheit ein unnötiger Zustand, der nur zu Demokratie und ähnlichen Fehlentwicklungen führt. Sie lernen, dass es vollkommen egal ist, welche Partei gerade eine Regierung stellt, denn korrupte Schweine, die sich zum Handlanger anderer korrupter Schweine machen, finden sich in jeder Partei, und sie arbeiten gerne zusammen.

Sie lernen, dass Denunziantentum für den Bürger eine befriedigende Pflicht zu sein hat, ganz wie in den schönsten Tagen deutscher Geschichte.

Sie lernen, dass alle Kinder in diesem Land etwas eint: man darf auf ihnen herumtrampeln. Es sei denn, ihre Eltern haben zufällig Vermögen. Oder hochrangige Ämter. Oder Aktienbesitz Oder Adelstitel. Sie lernen, dass man nicht früh genug kriminalisiert und ausgegrenzt werden kann. Wenn sie dann auf die schiefe Bahn geraten, weil es ihnen egal ist, was die da oben von ihnen halten, dann werden sie sehr viel besser mit der Verachtung der Öffentlichkeit leben.

Sie lernen, dass Generalverdacht etwas ganz Normales ist – man braucht überhaupt keinen Grund, jemanden zu verdächtigen, man nimmt einfach an, dass schon genug Menschen Dinge tun, die einem gerade nicht in den Kram passen. Da lernt man etwas fürs Leben, denn draußen sind Polizei und Staatsanwaltschaften genau so zugange.

Sie lernen, dass diese Art Exekutive nur aus dem populistischen Getöse einiger Deppen besteht, die nicht einmal so hinreichend logisch denken können, dass sie erkennen würden, wie die hier aufgeblasenen Straftaten offenbar auf das Konto von Erwachsenen gehen, Lehrern, Schulleitern, und dass nur die Schüler dafür büßen werden, wenn man ihnen die Rechner konfisziert oder sie vom Internet abklemmt – der Schulbusfahrer fährt über die rote Ampel, deshalb kommen die Schüler in Arrest. Eine sehr gute Voraussetzung, um die Haftung für die Finanzkrise zu verstehen.

Sie lernen, dass Datenschutz ein hübsches Dekorationsobjekt ist, für das man Beauftragte bestellt, Gesetze verabschiedet und eine peinliche Ministerette losjagt, damit man Häuser, die sich jeder so viel angucken kann, wie er lustig ist, im Internet nur durch eine Pixelmauer sieht – und dass ansonsten Schutz vertraulicher Angelegenheiten eine Sache von Regierungen ist, die Waffen an faschistoide Regimes und die Wasserversorgung an Zocker verschachern.

Sie lernen, dass Bildung den Handlagern der Industrie vollkommen gleichgültig ist – es sei denn, sie sind im Wahlkampf, dann wird irgendeine machthungrige Wanze jedes Blag in den Arm nehmen, von Chancengleichheit schwatzen und so tun, als käme es auf den allgemeinen Wohlstand an, um den Kapitalmarkt zu mästen. Sie lernen, dass Bildung ohnehin eine Frage der Finanzierung ist, wie Arbeit oder Gesundheit. Man kümmert sich nicht darum, Staatsziele zu erreichen, die der Gesellschaft nützen, de in einem Amtseid zwingend als Ziele dieses Gemeinwesens festgeschrieben sind und die in jeder Sonntagsrede wie Glockengeläut klingen – die Hauptsache ist, dass jemand daran verdienen kann, durch Lizenzen oder Patente, und wer sich dagegen stellt, wird als Staatsfeind beschimpft, kriminalisiert und nicht selten durch den Presseschlamm gezogen.

Sie lernen, dass das sogenannte geistige Eigentum eine Waffe ist, mit der man jeden noch so abwegigen Anspruch durchdrücken kann, es sei denn, man ist selbst Urheber. Solche Leute haben natürlich keine Ansprüche zu stellen. Die können froh sein, wenn sie die Verwertungsindustrie reich machen dürfen. Sie lernen, dass man mutmaßliche Urheberrechtsverletzungen wie Terrorismus bekriegen darf – es sei denn, man heißt Kauder oder Koch-Mehrin, Guttenberg oder Chatzimarkakis, dann ist die kriminelle Energie sicherlich durch den Einsatz für Volk und Vaterland entschuldigt.

Sie lernen, dass es in diesem Land Verbindungen gibt, die einerseits gegen jede Wirklichkeit resistent sind, die sich durch keine noch so klare Sicht auf die Dinge beeindrucken lassen – dass aber dieselben Leute nicht einfach ignorant sind, geistig minderbemittelt oder ideologisch verblendet, sondern einfach kriminelle Elemente, Schmarotzer, eine parasitäre Schicht, die wissentlich das Recht mit Füßen tritt, wissentlich, denn sonst würden sie sich nicht allergrößte Mühe geben, es so gut vor der Öffentlichkeit zu verbergen und Himmel und Hölle in Bewegung zu setzen, dass es Lobbyverbände, Tarnorganisationen, Kommissionen, Initiativen und ähnliche Zirkel gibt, die einem den ganzen Dreck im Fernsehen schön lügen, bis die Butter von der Stulle suppt. Sie sehen es, wenn Sie eine Wahl abwarten; wer da in den Parlamenten für einen Verband gehetzt und gelogen und verleumdet und den Bürgern Sand in die Augen gestreut hat, wusste genau, was er tat, denn er wurde dafür geschult und bezahlt.

Sie lernen, dass es in diesem Land doch noch so etwas wie ein Widerstandsrecht gibt, das für diese Bundesrepublik zur Leitkultur zählt. Was für die Repräsentanten durchaus unangenehm werden kann. Sie lernen Staatsbürgerkunde. Und das ist, angesichts dieses Staates, nicht das Schlechteste.“





Die Summe der Teile

8 07 2009

„Du hast was getan!?“ Der junge Mann packte das Mädchen an den Schultern und schüttelte sie durch. „Ich liebe sie! Und Du wirst uns nicht auseinander bringen!“ Er stieß sie von sich weg. Mit Schwung warf sie sich in die Couch. „Klappe!“ „Gestorben!“ Und damit war die Szene im Kasten. Siebels kam aus dem Fundus und bemerkte, dass ich schon da war. Freundlich grüßend hob der Produzent seine Hand und wechselte ein Wort mit dem Regisseur, bevor er sich neben mich setzte.

„Und, wie fanden Sie den Pilotfilm?“ Ich war verwirrt gewesen, denn die DVD zeigte nicht weniger als 489 einzelne Szenen, mitunter wenige Sekunden lange Schnitte. Einige Cuts waren sogar nur durch minimale Änderungen zu unterscheiden; einmal warf Chantal den Müll aus dem Fenster und einmal sich selbst an die Brust des männlichen Hauptdarstellers. „Genau das ist unsere Strategie“, nickte der Macher, „um der Realität ins Auge zu sehen. Wir machen es besser.“ Dabei wusste ich ja, dass ein Film eigentlich erst am Schneidetisch entsteht – das Rohmaterial ist meist nicht mehr als Anregung durch den Regisseur, der sich einbildet, ein Drehbuch habe ihn dazu angeregt.

Aber Siebels widersprach mir. „Sie täuschen sich. Wir haben nicht die Verpackung neu erfunden, sondern das Produkt. Das, was die Zeitungen falsch machen und wofür sie die Verantwortung an die ach so dummen Leser weiterreichen. Im Gegensatz zu ihnen stellen wir uns der Debatte und geben dem Kunden eine Alternative. Wir handeln.“ Wie sollte das nun funktionieren? „Indem wir das Internet so nutzen, wie es gedacht war. Als mehrschichtiges Medium, das Feedback und Metakommunikation erlaubt. Das, was keine Zeitung kann.“ „Aber das ist doch nicht viel mehr als Video-on-Demand – man gibt den Zuschauern Puzzleteilchen und lässt sie damit die Realität nachspielen?“ Siebels sah mich über den Rand seiner Brille hinweg an. „Sie täuschen sich, ich sagte es bereits. Sie spielen nicht eine Realität – sie erschaffen ihre Realität. Jede Szene ist ein Teil ihrer Wirklichkeit, so oder so. Wir lassen sie vor dem Film einen Fragebogen ausfüllen und der Server kombiniert ihre Vorstellungen zum Produkt. Chacun à son goût. Jeder bekommt das, was er präferiert. Das Ende des medialen Diktats.“

Unterdessen hatte sich Chantal in die Kantine begeben und war durch Sabrina ersetzt worden. „Ich liebe sie“, röhrte der Junge, „und Du wirst uns nicht auseinander bringen!“ Sabrina flog aufs Sofa, wurde leicht abgepudert und ging wieder in ihre Ausgangsposition; das Licht hatte nicht gestimmt. „Aber das ist doch völlig unmöglich! Sie drehen hier eine Seifenserie ab, Zeugs mit simpler Story, und erwarten doch wohl von ihrem Publikum nicht, dass es über die Anschlussfehler lacht? Der Knabe hier legt erst die eine und dann die andere Dame auf den Rücken – was halten Sie von Logik, Siebels? Major Strasser verliert seine Schulterstücke, und Ihnen fallen solche Böcke nicht auf?“ Siebels war verärgert. „Denken Sie doch mal nach, bevor Sie reden! Er steht eben zwischen zwei Frauen. Das Ergebnis ist austauschbar, die Handlung ist egal. Der Gang der Handlung, das zählt. Haben Sie nie eine Zeile Brecht gelesen?“

Episches Theater im Vorabendprogramm. Ich begriff. „Nein, eben nicht“, stöhnte der Programm-Erfinder, „wir müssen eben die Zielgruppe direkt fragen, was sie erwartet – ihre Wirklichkeit besteht aus mehr als Fakten. Sie besteht aus Attitüden. Die Zeitungen glauben, man könne den Leser durch auktoriale Auswahl steuern; das geht in die Hose, denn sie leugnen, dass jedes Medium einen Markt hat. Alle halten ihr Blättchen für die einzige Zeitung auf Erden und denken, ein Erdbeben, das nicht auf ihrer Titelseite steht, habe gar nicht stattgefunden. Jeder schreibt es, das Ergebnis ist dasselbe. Aber die Haltung – man kann sich ja nur blamieren, wenn man in diesem Einheitsbrei mitschwimmt. Bis man eben absäuft.“ Mokant wies ich Siebels auf BILD, Blick und Krone hin. Doch das ließ ihn kalt. „Kakerlaken sind eben widerstandsfähiger als Rehe. Und Augenhöhe mit den Konsumenten heißt nicht zwangsläufig, freiwillig im Dreck zu liegen.“

Der Matte Painter spielte die Innenstadt von Erlangen ein. Das Rathaus, die Beton gewordene Kathedrale des schlechten Geschmacks, flirrte digital durch die Schaufenster eines Cafés. Köln folgte, Dresden und Potsdam und Bremerhaven. Der Protagonist warf wütend eine Tasse auf den Boden. Konstanz, Kiel, Kassel, ein ganzer Kasten Geschirr ging zu Bruch. „Die regionalen Aspekte werden ja auch vernachlässigt“, erläuterte Siebels, „natürlich sehen Sie die Sache mit ganz anderen Augen, wenn es in der Nachbarschaft spielt. Noch so ein Punkt, bei dem die Printmedien patzen. Wir machen das besser.“ „Und was bringt Ihnen das ein außer einem Riesenaufwand an Zeit und Kosten?“ Er lächelte nachsichtig. „Wir produzieren anders. Zielorientierter. Wir beteiligen die Schauspieler am Erfolg. Wer zum besten Darsteller des Monats gewählt wird, erhält einen Bonus. Das motiviert. Hier gibt es keine Fixkosten-Kalkulation, wo das Volk nach Jahrzehnten jede Woche vor der Glotze hockt und Mutter Beimer eine Embolie wünscht, um die alte Tante nicht mehr sehen zu müssen.“

Aber vielleicht hatte er Recht. Vielleicht hatten andere Medien zu wenig die Bodenhaftung gesucht. Der Jungspund war schon wieder im Dialog: „Ey, Panne oder was!? Isch mach Disch Messer!“