Abstauber

11 03 2010

Das melodiöse Schnarren der Türklingel riss mich aus der Versenkung. Eben noch in den Untiefen einer Rede zum 75. Gründungsjubiläum der Hörnsbütteler Farbenzwerge e. V. gefangen und mit den schlimmen Folgen der Spirochätose von 1963 konfrontiert, schon hatte mich der Alltag wieder. Es schnarrte nochmals. Hildegard hatte es sicherlich gehört, außerdem war sie, bügelnd zwar, so doch um die halbe Wegstrecke dichter an der Wohnungstür.

„Flitsch“, ließ mich Hildegard wissen, „Flitsch ist vor der Tür.“ Mein Herz setzte fast aus. „Udo Flitsch? Der schlimmste Vertreter südlich des…“ „Reg Dich nicht auf.“ Sie wusste, dass sie sich nur etwas einredete – es klingelte inzwischen im Zwanzig-Sekunden-Abstand – und dass Flitsch, der vor Jahren mit Zeitschriften, Versicherungen und Topfreinigern angefangen hatte, inzwischen über Strom- und Telefongesellschaften, Bestattungs- und Krebsvorsorge sowie Buchgemeinschaften und mundgemalte, fußgeknüpfte, nasengetöpferte Wurzel-, Zahn- und Schweineborstenbürsten in die letzte Bastion des Grauens abgestiegen war: er verkaufte Staubsauger und deren Zubehör. Böse Zungen behaupteten, er schlösse Wetten ab, wer aus purer Verzweiflung wie viele Staubsaugerbeutel kaufe, um Ruhe zu haben von seiner nervtötenden Hausiererei. „Ich schicke ihn weg“, beschloss Hildegard. „Und ich werde ihn auch…“ „Nichts dergleichen“, schnitt ich ihr das Wort ab. Sie blickte mich irritiert an. Ob sie wusste, was sich just hinter meiner Stirn entspann?

Schwungvoll riss ich die Tür auf. Flitsch zuckte merklich zusammen. „Guten äääh… Tag, mein Name ist…“ „Flitsch, Udo Flitsch“, buchstabierte ich präzise und trug ihn in das Formular auf meinem Klemmbrett ein. „Wie fanden Sie diese Wohnung? Mehrere Antworten sind möglich: das Namensschild gelesen – im Adressbuch gesucht – Hausbewohner befragt – durch Zufall entdeckt.“ Er wirkte plötzlich sehr verunsichert. „Sagen Sie, was wird das hier?“ „Sie unterhalten sich mit mir: sehr gerne – gerne – ganz gern – geht so – ungern – sehr ungern.“ Sekunden des Schweigens. „Bitte“, tadelte ich den Mann mit dem Koffer, „wollen Sie oder wollen Sie nicht? Ich habe meine Zeit ja auch nicht gestohlen, also bringen wir’s doch jetzt hinter uns!“ Flitsch zauderte. „Ich verstehe nicht, was das soll.“ Ich ließ das Brett sinken. „Jetzt machen Sie aber mal einen Punkt – wollen Sie etwas von mir oder will ich etwas von Ihnen?“

Offenbar wuchs dem Vertreter die Situation über den Kopf. Mich ließ das kalt. Hatte ich mir das ausgedacht? Na also.

„So, dann haben wir jetzt einige Fragen zum Themenbereich Arbeit. Ist das Ihr Hauptberuf?“ Flitsch schwitzte. „Aha, Sie wissen es nicht – kein Problem, an Ihrer Stelle wäre ich mir da auch nicht gerade sicher.“ Jetzt begann er zu murren. „Das muss ich mir ja wohl nicht gefallen lassen!“ Ich schaute hektisch in den Fragebogen und suchte den korrekten Anschluss. „Ah ja, hier: üben Sie Ihren Beruf gerne aus?“ „Was hat das denn damit zu tun?“ „Nun, Sie sind ja offensichtlich mit dem Kundenkontakt ziemlich überfordert. Da darf man doch mal nachfragen?“ „Ich verbitte mir diese Unterstellungen“, fauchte der Saugerlieferant. Über den Rand meiner Brille hinweg betrachtete ich seinen Scheitel. „Wenn Sie diesen Job nur gegen Ihren Willen machen, warum machen Sie ihn dann überhaupt? Am Geld wird’s ja wohl nicht liegen, hm? Was verdient man denn so als Vertreter?“ „Das geht Sie einen feuchten Dreck an“, blaffte Flitsch. „Ach Gottchen“, antwortete ich, und Mitleid schwang in meiner Stimme, „so wenig? Haben Sie schon einmal einen Berufswechsel erwogen? Hm?“ „Sagen Sie mal, warum stellen Sie mir eigentlich diese unsinnigen Fragen?“ Ganz entgeistert sah ich von meinem Schreibbrettchen auf. „Also bitte – so geht das doch nun wirklich nicht.“ Flitsch kapierte nicht. „Wenn ich Ihnen das jetzt erzähle, dann sind Ihre Antworten ja nicht mehr unvoreingenommen und würden den ganzen Verlauf dieser Befragung stören. Ihnen ist ja wohl klar, dass damit auch die Repräsentativität gefährdet wäre?“ Er schnappte nach Luft wie ein gestrandeter Karpfen. „Nur mal aus Interesse: Reden Sie eigentlich gerne mit mir?“

Vermutlich nestelte er nur an seinem Kragen, weil die Luft hier im Obergeschoss schnell warm wurde. Ich blätterte entspannt in den Papieren und brachte den Kugelschreiber in Anschlag. „Der nächste Teil geht auch sehr schnell, Sie brauchen einfach immer nur Ja oder Nein zu sagen. Leiden Sie oder ein Mitglied Ihrer Familie unter folgenden Krankheiten: Durchschlafstörungen – Zahnweh – Grübelzwang – Nachtschweiß – Harthörigkeit – Blähungen – eingewachsene Fußnägel?“ Mit einem Ruck lüpfte er seinen Musterkoffer und wandte sich zur Treppe. „Das würde ich mir noch mal gut überlegen“, sagte ich scharf, „ich werde mich bei Ihrem Unternehmen über Sie beschweren, sie hätten sich geweigert, mir Ihren Puck 2000 mit Saugkraftdröselflansch und Parkettschrubber zu demonstrieren!“ Tatsächlich stellte Flitsch das Bürstensortiment wieder ab. „Wissen Sie, mit Ihnen macht das wirklich keinen Spaß“, knurrte ich. „Und jetzt lassen Sie uns diesen Krempel zu Ende bringen, ich habe heute noch Besseres zu tun!“

Keine Viertelstunde später betrat ich in die Küche. Hildegard legte Bügelwäsche zusammen. „Fertig“, konstatierte ich. „Sehr gut“, lobte sie, „nur eins ist Dir nicht in den Sinn gekommen.“ Sie lächelte. „Du hättest ihn reinbitten sollen. Es muss dringend mal wieder durchgesaugt werden.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (XLVII): Vertreter

5 03 2010
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Nicht immer und überall, denn das ist einerseits eine Frage historischer Einordnung, andererseits stark davon abhängig, in welcher Region man seine Klappe aufreißt, kurz: nicht immer und überall beginnt der Tag mit einer Schusswunde, und ganz davon abgesehen sollte man vorher ausdiskutieren, wer die Knarre hat und wer beschossen wird. Manchmal muss man sich einfach bescheiden und lebt friedlich wohl besser, manchmal begreift man instinktiv, dass das, was einem da gegenübersteht, als Mensch zu dumm sein und als Schwein zu große Ohren haben könnte. Eine gefährliche Spezies verlangt nach harter Bestrafung, weil sie sonst vermutlich irgendwann die Weltherrschaft übernimmt: Vertreter.

Schon das aufreizende Schnarren der Türklingel klingt bei ihnen die entscheidende Spur nerviger als bei harmlosen Sektenmissionaren, die einem ein Viertelpfund Armageddon mit Schleifchen ans Ohr quaken wollen; kaum hat man den in braungraue Polyesteranzugfolie eingeschweißten Beknackten an der Außenseite der Schwelle entdeckt, könnte es Zeit sein, sich dem traumlosen Tiefschlaf, einer Runde Apnoeseilspringen oder einer mehrstündigen Meditation über einen zünftigen Kōan aus der Knochenbrecherklasse hinzugeben, denn sinnvolle Äußerungen sind vorerst nicht zu erwarten. Das Gesichtsschnitzel mit der Kunstlederaktentasche holt mal eben die aktuelle Halbjahreskollektion an Brechtüten, Schnirkelschneckensammeltassen und Staubsaugerfilterhalterersatzhandgriffen raus, um das aus seiner Perspektive arg- und wehrlose Opfer ins Koma zu seiern. Mit Erfolg. Drei Viertel der unvorbereiteten Bürger erliegen der Laberzirrhose und unterschreiben im Halbschlaf einen Sieben-Jahres-Vertrag, der sie verpflichtet, jeden Tag eine fabrikneue Basstuba mit Zubehör abzunehmen, Tragetasche, Polkanoten und Schrotflinte gegen lärmempfindliche Etagennachbarn. Die Branche der mittelgebirgischen Basstubadengelkleinklitschen ist gerettet, der jeweilige Seelsorger jault Jeremiaden und verflucht den Tag, an dem der Vertreter sich in den Landstrich geschlichen hat. Der Krieg beginnt.

Denn es ist egal, ob Blas-, Saug- oder Schranz-und-Häckselvorrichtung, der Propagandist vor der Haustür kommt in Kurzwaren, aber nie in Frieden. Er hat sich vorgenommen, seine Kasperade mit größtem Krach zu veranstalten, damit der Blutzeuge des Staubsaugerbeutels elend vor dem Auftragsformular einknickt und seine Sippe für einen hingeschwiemelten Schriftzug verscheuert. Gibt der an sich geistig gesunde Nichtschwimmer vor dem Kauf eines Taucheranzugs auf, dann lohnt sich das Dasein einer Koordinationsbrezel mit Musterköfferchen, denn die Resterampe im Hintergrund rückt die Provision raus. Sein Dasein beschränkt sich, Darmbakterien, Stoppschildern und Großkalibermunition vergleichbar, auf einen einzigen Zweck, und man muss ihn in keinem der Fälle unbedingt produktiv nennen.

Sollte nicht der personifizierte Staubsauger vor der Tür lungern, sondern ein Laberlurch im DDR-Gedächtnis-Jeansanzug, der sozial auffällige Fragen stellt: ob man etwa gegen entlassene Strafgefangene eingestellt sei, so empfiehlt sich unverzügliches Umschwenken auf eine andere körperliche Haltung. Einerseits kann man gegen den Drücker, der einem Klatschblatt und Primatenpostillen unterzujubeln versucht, mit einer leichten juristischen Finte vorgehen, indem zugibt, als hochgradig Bekloppter unterschriebe man sowieso jeden Scheißdreck, der Amtsrichter möllerte Vertragswerk hernach stets genussvoll in den Reißwolf; andererseits empfiehlt es sich, zuzugeben, seit der langen Haftstrafe, als man einen Teppichbodenverkäufer im Treppenhaus derart brutal zerschlagen hatte, dass die Behörden die Identität des Opfers nur noch aufgrund der miserablen Qualität seiner Schnürsenkel haben eruieren können, sei einem so gut wie nichts mehr fremd, und der Bewährungshelfer habe gerade noch Mut gemacht: wenn nun kein Vertreter mehr auftauche, der einen in Blutrausch versetze, sei eine günstige Sozialprognose anzunehmen.

Der Schlag trifft einen immer dann, wenn man sich samstags nach einem längeren Mahl in die Ruhephase zurückziehen will, um des Privaten sich zu befleißigen. Die Galle quatscht schaumförmig zu den Ohren heraus, wenn man bereits derart im Privaten sich befindet, dass die Arschkrampen einem am Telefon auflauern und dieselbe Scheiße in akustischer Form hochkochen. Den Hörer ans Ohr gepresst lauscht man zitternd dem tollen neuen Gartenzwerg-Sonderangebot, das das Callcenter im Fettdruck vorquäkt. Das soll Begehrlichkeiten erzeugen, und es weckt wirklich Wünsche, vor allem denjenigen, dem beteiligen Trötenkönig auf fernmündlichem Weg Blümchenmuster in den Neocortex zu fräsen oder anderweitig zu mittelalterlichen Strafen zurückzukehren.

Es bleibt zu hoffen, dass weniger Zahnbürsten und Hundezeitschriften, Kaffeemaschinenentkalker und Stützstrümpfe das Sortiment der Vertreterbande ausmachen. Eine Basstuba eignet sich nämlich viel eher dazu, den Behämmerten zu zeigen, dass sie sich besser eine Lebensversicherung hätten aufschwatzen lassen sollen. Wozu, fragt man, gibt es schließlich Vertreter.





Das Schwarze Loch

27 08 2009

„Das hängt irgendwie mit den Vakuumlösungen der Feldgleichungen zusammen oder so.“ Kester zeigte mir höchst komplizierte Formeln, die ich nicht verstand – aber ich studierte ja im Gegensatz zu ihm auch nicht Physik, sondern borgte ihm nur meinen Akkuschrauber aus. Trotzdem hörte ich dem jüngsten Enkel von Tante Elsbeth geduldig zu, wie er vom Skalarprodukt des Tangentialraums erzählte und mir den Ereignishorizont der Schwarzschild-Metrik erklärte; es reicht ja, wenn einer in der Familie die Weltformel entdeckt.

Kaum war Kester fort, klingelte das Telefon. Horst Kümselkorn, Versicherungsvertreter und eine Nervensäge vor dem Herrn. „Ja guten Tach, wir haben uns ja lange nich gesprochen, waswas?“, schwabberte er los. Ich teilte ihm mit, es knapp überlebt zu haben. Doch das hielt ihn nicht zurück, gleich mit der Tür ins Haus zu fallen. „Also weil Sie ja in den letzten zehn Jahren gar keinen Schadenfall hatten, und da dachte ich, dass Sie eine Hausratversicherung…“ „Habe ich“, teilte ich ihm mit, „Danke der Nachfrage, kein Bedarf. Auf Wiederhören.“ Doch Kümselkorn ließ nicht locker. „Nein, kann nicht sein. Ich sehe hier nur Glasbruch, Hochwasser, Sturmschaden, Herzinfarkt…“ Kurz spielte ich mit dem Gedanken, ob Schnappatmung und Gebäudehaftpflicht preislich ähnlich lägen, doch dann machte ich die Schotten dicht. „Kümselkorn, ich habe eine Hausratversicherung. Seit zweiundzwanzig Jahren. Schönen Tag noch.“ „Nein, hammse nich“, widersprach umgehend der Telefonhausierer, „ich seh hier nix, kann gar nich sein!“ Doch ich hatte bereits eingehängt.

Da fiel mir das Papier auf. Es musste Kester aus der Mappe gerutscht sein. Mehrfach umgeschlagen schimmerte etwas Dunkles von der Innenseite. Ich entfaltete den Bogen und blickte in eine kreisrunde, tiefschwarze Fläche hinein, die sich vor meinen Augen zu bewegen schien. Wie eine weiche, gallertartige Masse waberte es hin und her. Es lauert etwas in diesem Rund. Mir wurde schwindelig. Wer weiß, wie lange ich so gestanden und in die Tiefe gestarrt hätte, wenn nicht das melodiöse Schnarren der Türglocke mich aufgeweckt hätte – Sigune, die leicht verschattete Nachbarin, bestand darauf, mir ein Ei zurückzugeben, mit dem ich ihr tags zuvor ausgeholfen hatte. Da polterte es auch schon dumpf und das kleine, verschwitzte Männchen tobte die Treppe empor. „Dass ich Sie doch noch treffe“, keuchte Kümselkorn, „das sind nämlich Top-Konditionen! Lassen Sie mich mal nur eben kurz.“

Schon hatte sich der Aufdränger an mir vorbei in die Wohnung gequetscht und beäugte nun die Küche, wo er seine braunlederne Aktentasche auf die Schleiflackanrichte setzte. „Ja also die Hausrat, da können wir ja gleich…“ „Herr Kümselkorn“, unterbrach ich ihn mit einiger Schärfe, „ich habe eine Hausratversicherung, wie Sie inzwischen wissen, und ersuche Sie nun, schleunigst zu gehen. Guten Tag!“ „Aber nicht bei uns!“ „Stimmt auch wieder. Adieu, zur Tür geht’s immer Nase nach.“ Und ich baute mich drohend vor ihm auf. „Passt es Ihnen denn jetzt etwa nicht?“ Offenbar arbeitete sein Gehirn mechanisch; ich meinte, ein leises Knacksen in seinem Kopf zu vernehmen. „Es ist Geschäftszeit“, sagte ich ruhig, aber deutlich, „und Sie befinden sich in meinen Geschäftsräumen. Wenn Sie dann bitte jetzt…“ „Wissense was, ich komme am Wochenende“, schwafelte Kümselkorn unbekümmert, „dann könnense so ganz in Ruhe…“

Unterdessen hatte er bereits das Wohnzimmer betreten. Sämtliche Einwände von meiner Seite prallten an ihm ab wie ein Gummiball von einer Hauswand. „Wenn Sie jetzt nämlich wechseln würden, dann können Sie… öm-teröm-töm-töm… also das wären im Quartal… äääh…“ Er suchte den Taschenrechner; zwecks dessen wieselte er wieder in die Küche zurück, apportierte die Tasche und lief damit gleich bis ans Hoffenster zurück, wo er die Nase an die Scheibe presste. „Hach, schön isses hier“, juchzte er und öffnete das Fenster. Ein kräftiger Sommerwind fegte den kompletten Tisch leer. „Kümselkorn“, fauchte ich, „ich will Sie hier nicht mehr sehen!“ „Kommt Ihnen mein Besuch etwa momentan nicht gelegen? Dann könnten wir… ich muss mal morgen…“ Er stellte die Tasche neben das vom Winde Verwehte und fingerte seinen Kalender aus der Rocktasche. „Herr Kümselkorn, ich erwarte gerade einen Rückruf von Partner Partner Friends & Partner. Zum Mitmeißeln: Raus!“ „Ich kann Ihnen ohne Wohnungsbesichtigung gar kein individuelles Angebot…“ Kümselkorn hielt ein und stutzte. Wo war die Aktentasche? Gerade hatte sie noch neben ihm auf dem Boden gestanden.

Schon lief der Propagandist ins Arbeitszimmer. Ob ich nicht gleich eine neue Rechtsschutz-Police abschließen sollte, um diesen Quälgeist mit Hilfe seiner eigenen Waffen aus dem Verkehr zu ziehen? Er stolperte über einen Bücherstapel und hielt sich an der Schreibtischkante fest. Bleistifte, eine Lupe und der große Kristallascher flogen durch die Luft; letzterer traf Kümselkorn an der Schläfe. Er rappelte sich hoch. „Ich brauche ein Pflaster“, stammelte er, „ich hatte doch in der Tasche…“

Wo blieb er bloß? Längst war der Schreibtisch wieder aufgeräumt, der Aschenbecher hatte den Sturz und die Kollision mit Kümselkorns Schädel unbeschadet überstanden. Doch der Insekuranzler hatte das Wohnzimmer noch nicht verlassen. Ich folgte ihm in den Raum. Wen ich nicht fand, war Kümselkorn.

Das Zimmer war leer. Am Boden gähnte das Dunkel. Panik befiel mich. Mit fliegenden Fingern knickte ich den Bogen zusammen und trug ihn mit spitzen Fingern zum Schreibtisch. Ein Griff zur Schere, längs und quer, und das Papier lag in Schnipseln vor mir, die ich zur Sicherheit mit der Reißschiene in den Kristallaschenbecher fegte. Ein Handgriff, und das Feuerzeug flammte auf. Zitternd setzte ich mich auf den Boden und betrachtete, wie die Fetzen langsam in Rauch aufgingen. Ich tastete in der Schreibtischschublade nach dem silbernen Fläschchen, drehte am Schraubverschluss und nahm einen großen Schluck. Würde das meinen Ereignishorizont wieder gerade rücken? Besser, ich fragte Kester nicht danach.