Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCXLII): Differenzierung

26 08 2016
Gernulf Olzheimer

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Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Wenn Rrt eines an sich schätzte, dann sein schnelles Urteil. Stürmte ein Nashorn auf ihn zu, so wusste er instinktiv, das Tier will nicht spielen. Es sucht auch gerade kein neues Weideland. Die rasche Entscheidung hatte Rrt mehr als einmal sein Leben gerettet, und bevor sich die Prophezeiung selbst erfüllen konnte, stand sein Weltbild fest. Die vom anderen Ende der Felswand waren doof. Wer kein Bärenfell trägt, auch. Und alle mit weniger als zehn Kindern sowieso. Ja, es lief bei ihm. Und dann kam die Differenzierung.

Nicht. Weil das differenzierte Denken, sprich: die Erkenntnis, dass die Welt nicht die Konsistenz jenes Modders hat, der gegen die Schädelinnenseite suppt. Richtig ist, das Hominidenhirn war anfangs nicht zur Synapsenfeinarbeit in der Lage, muss sich aber im Zeitalter der elektrischen Zahnbürste an die Realität anpassen, um dem evolutionären Druck dauerhaft standzuhalten. Denn die unterscheidende Verarbeitung erschwert den Verarbeitungsvorgang, erleichtert dafür jedoch den Umgang mit den Dingen, die sich um den Bekloppten herum als eigenständige Welt bewegen. Wie schwer das ist, zeigt sich vor allem im Verhalten gegenüber der so gut wie nie vollständig zu kontrollierenden Instanz. Dem eigenen Ich nämlich.

Wie sich der gemeine Knallfrosch seine meist karg entwickelte Perspektive zurechtschwiemelt, nutzt er vor allem Vorurteile, Halbwissen und wenig reflektierte Inhalte über sich selbst. Natürlich leben auf der anderen Straßenseite Ladendiebe, es gibt sie aber auch auf der eigenen, und beide nehmen sich nichts. Das Märchen vom Mann, der Jahrzehnte gearbeitet hat und endlich ein enormes Erbe hinter sich ließ, hat sich noch nicht erledigt, wenigstens nicht als Märchen. Dass wir besser Fußball spielen und Kuchen backen als die anderen, das muss der Einwanderer erst mal zur Kenntnis nehmen, und wenn es schon nicht stimmt, so taugt es wenigstens als verbales Gerümpel auf einem Stückchen Pappe. Man trägt seine Meinung ja gerne vor sich her. Die Differenzierung sägt derlei Monstranzen den Stiel ab. Ihr Nachteil ist, sie macht pure Meinung – für die es nicht sehr viel braucht, die ab Werk verteilte Grütze reicht vollkommen aus – und felsenfesten Glauben als ebendiese kenntlich, trennt sie von der Tatsache und hegt sie ein, wo der Realitätsallergiker alle paar Tage zum Füttern vorbeikommt. Natürlich kann sie selbst für Meinung sorgen, kontaminiert mit Fakten, Erfahrung und vernünftigem Schluss, spätestens der einsetzende Kopfschmerz macht die Eigenleistung deutlich, die das Kompetenzimitat zu erbringen hat.

Mit etwas Gewöhnung kann der Beknackte der denkenden Tätigkeit etwas Positives abgewinnen, ja sie zum Aufstieg einsetzen, sozial sowie für das eigene Seelenheil. Für die normale Mützenstütze ist es wohl schon differenziert genug, wenn er nur den Kretern die Lüge unterstellt, dann aber zum Ausgleich allen. Wer sich eine soziale Identität leistet, dabei aber die Welt weiterhin als Fremdes wahrnimmt, macht sich nicht die Arbeit, aus dem Brei Strukturen herauszuarbeiten. Sie könnten sich als Schlüssel zur Bildung erweisen, und wer sich die erstmal eingerissen hat, kommt mit seiner gewohnten Sphäre am Ende gar nicht mehr klar. Einfacher sind die vorgefrästen Eindrücke, die als Schubladen so praktisch wie ausziehbar jeden Mist aufnehmen, der der Aufklärung im Weg liegt. Und das wirkt, die Revolte gegen die Zivilisation macht sie wieder zu glücklichen Primaten, die ihr Selbstkonzept stabilisiert vorfinden: Alles deutsch! Nirgends Neger! Hurra!

Schon ist der geistige Grobmotoriker von der eigenen Unfähigkeit beleidigt, prallt fortwährend gegen kognitive Wände und kann sich nur noch auf Krücken fortbewegen. Eine ist die Vereinfachung der Dinge ins Wunschdenken, eine andere die Vergröberung der eigenen Meinung, bis sie in die Äußerungen einer ideologischen Führung passt, wie sie Autoritäten absondern, um möglichst viel Kalottenhohlraum unter einen Hut zu kriegen. Gern genommen sind Ablenkung und Rabulistik, die Selbstentäußerung bis zur Aufgabe der eigenen sozialen Rolle als kollektivistischer Papagei in der frisch gefeudelten Echokammer. Für einen Zoo dumm Geborener reicht das prima aus. Wer jedoch seinen fragwürdigen Instinkt bemüht, um in einer offenen Gesellschaft zu navigieren, als billige Sockenpuppe, evangelikaler Salafist irgendeiner nationalen Idee oder Weltuntergangsprophet, will nur seine Umgebung so, wie sie schon immer noch nie war. Affektiv Affektierte bohnern sich ihre Rutschbahn zurück in die Steinzeit, gepflastert mit hysterischen Ängsten, dass irgendwann ein Nashorn sich anders verhielte, weil es evolutionär gelernt haben könnte, dass nicht die Stärkeren mit der mangelnden Impulskontrolle sich durchsetzen, sondern die sinnvoll Entwickelten. Sogar ohne eine elektrische Zahnbürste.





Gernulf Olzheimer kommentiert (XLIV): Halbwissen

12 02 2010
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Nicht alle Menschen können schwimmen und nicht allen gereicht diese Unkenntnis zum Nachteil – wenngleich es wesentlich wahrscheinlicher ist, während einer Überschwemmung sein Leben zu lassen, als durch Unfähigkeit zur topologischen Kombinatorik den Löffel abzugeben. Der Mensch sortiert, schließlich hatte die Evolution Beiwerk wie Rechtswissenschaft, Pädagogik und Philosophie noch nicht im Pflichtenheft, und tatsächlich ist mancher, der heute einen Aushilfsjob als unterste Schublade abgekriegt hat, glücklicher dran, wenn er dem Lochfraß im Schädelrund freien Lauf lässt. Es ist möglich, der kognitiven Durchschnittsbegabung im Limboschritt zu entwischen, und es macht den also gearteten Hominiden nicht einmal unglücklich, solange er Gas und Bremse grob unterscheiden, den Glasgegenstand um das Bier herum ohne großen Blutverlust öffnen und sein Erbgut weiterreichen kann. Eine friedliche Koexistenz in den wenigen Augenblicken, in denen man diese Primaten mit Personalpapieren nicht mehr ausblenden kann, wäre möglich, hätten sie nicht einen folgenschweren Fehler begangen. Sie wollten dazugehören. Sie haben es versucht. An uns bleibt es hängen.

Eins nur ist noch gefährlicher als Unwissen – das Halbwissen, der Todfeind von Aufklärung und Geist. Wer immer sich dem Thema Zivilisation von der Unterseite her nähert, versteht schlagartig, dass zahlreiche Kulturtechniken kognitives Vermögen erfordern; ebenso schlagartig geht diese Erkenntnis jedoch auch wieder verloren, und mit nassforscher Treuherzigkeit hebeln die Nachtjacken, deren genetische Dropouts gabelähnliche Gegenstände zum Irrwitz werden lassen, forstwirtschaftliches Großgerät durch die unschuldigen Koordinaten der Existenz. Den alltäglichen Kleinkram, Kochen, Kindererziehung, Schusswaffengebrauch, lernen sie aus dem Nachmittagsprogramm im Unterschichten-TV, weil Blanchieren und Ballern ja so leicht ausschauen, wenn die Onkels mit dem anwesenden IQ das erledigen. Aber ach, mundus vult decipi, und da haben wir den Salat: es scheitert an Feinheiten.

Im Kleinen ist es noch amüsant, wenn etwa das Personal aus der Riege mit Optimierungsbedarf die Mär vom eisenhaltigen Spinat für bare Münze hält, Arbeitgeberbeiträge als Geschenk der Brotherren preist oder Kolonien als Absatzgebiete fordert; man sieht’s mit leichter Heiterkeit, bevor man zu den wichtigeren Dingen übergeht. Unschön wird es, ginge der Bekloppte dazu über, seinen Nachwuchs mit Nitrit zu stopfen und ihm volkswirtschaftliche Knalldeppereien einzuflößen.

Denn der intellektuell seitlich leicht eingedellte Torfschädel ist nur unterwegs, um sich selbst und anderen maximalen Schaden zuzufügen. Er reibt die Brandwunden, die er sich aus reiner Dusseligkeit zugefügt hat, nach jahrhundertealten Hausrezepten mit absurden Substanzen ein, stellt die Finanzen komplett auf Flaschenpfand um und sucht die ganz große Blamage, wenn er bei der Zehn-Euro-Frage elend abschrammt. Dabei hält er sich selbst noch für einen Experten, der die aus kurzen Wachphasen in der Klippschule memorierten Grundregeln spielend aufsagen kann – keinen gelben Schnee essen, den Tankfüllstand nicht mit dem Streichholz kontrollieren, Steuersenkungsversprechen penetrant salbadernder Nervensägen für glaubwürdig halten – und bei günstigen Umgebungsvariablen bisweilen auch befolgt. Halbwissen reicht, der Rest ist Kür.

Aber es bleibt nicht dabei. Wird das Halbwissen erst aus der Perspektive des Beharrens betrachtet (der Halbwisser weiß ja zu wenig, als dass er auch noch sein Halbwissen kapierte), so entdeckt der partiell Beknackte vermeintliche Vorzüge seines halbgaren Hirnlottos: Vorteile durch Vorurteile. Was er als Instant-Intelligenz der beliebig griffbereiten Tüte entnimmt, muss wahr sein – folgerichtig fasst er sich Herz und Meinung vor, um mitzupaddeln im Tümpel der Halbschwimmer. Er fühlt sich im Recht und spürt, wie die sozialen Integration ihn am Stammtisch ereilt und die Lektüre gewisser schimpansenkompatibler Postillen erleichtert, die das Werk an den Teilverblödeten zu vollenden sich anschicken mit Papstpropaganda, Untertanengetön und Tittenbildern. Ist er dort angekommen, wo er erst nach längeren Qualifizierungsmaßnahmen geistig wieder auf dem Niveau wäre, um als Materialreserve für einen Zimmerbrand zu arbeiten, schlägt er selbst hartgesottene Abergläubige, Esoteriker und anderweitig verspulte humanoide Chromosomensätze. Was analytisch funktioniert, spielt er analytisch kaputt; seine Herangehensweise an logische Operationen ist ein vollwertiges Äquivalent zum Hirntod. Wo er hindenkt, hilft keine Hoffnung mehr. Und man kann nur rätseln, wann er sich beim Versuch, durch Null zu teilen, in die Luft sprengt. Darwin setzt sich wahrscheinlich durch, früher oder später, wenngleich auf entnervend langfristige Art. Bis dahin tröstet uns nur der Anblick von Elektrozaunpinklern, die die Bremsen ihres Kraftfahrzeugs gerne in Eigenregie heile schwiemeln. Man gönnt sich ja sonst nichts.