Der Messias

14 02 2017

06:00 – Aus dem Innenhof erklingt weihevoll Ludwig van Beethovens Ode an die Freude, intoniert von den Berliner Philharmonikern sowie dem Wiener Singverein unter der Leitung von Sir Simon Rattle. Der designierte SPD-Vorsitzende hebt die Gardine mit der Linken beiseite, während er mit der anderen Hand dem Ensemble huldvoll winkt. Martin Schulz ist wach und kann nun sein Tagwerk beginnen.

06:05 – Die ersten Berichterstatter sind auf der Straße zu sehen. Abhängig von der Krawattenfarbe des ehemaligen Parlamentspräsidenten sollen bis spätestens halb elf die internationalen Börsenkurse feststehen. Da keine Informationen nach außen dringen, einigt sich der Aktienmarkt auf einen sehr stabilen Tag, der vor allem die deutsche Wirtschaft sehr positiv für die SPD einnimmt.

06:21 – Schulz bricht das Brot, dankt und gießt sich noch einen zweiten Kaffee ein. Nebenbei kürzt er seine Nasenhaare, liest sieben Tageszeitungen parallel und hört einen Radiokommentar zur weltpolitischen Lage. „Wer weise ist“, spricht er zu seinem Weib, „der hört zu und bessert sich; wer verständig ist, der lässt sich raten.“ Das auf dem gegenüberliegenden Balkon installierte Richtmikrofon der Christdemokraten fängt die Worte des großen Vorsitzenden auf und befördert sie sogleich in die Wahlkampfzentrale, wo ein Team aus erstrangigen Krypto-, Sozio- und Politologen sie mit Quantencomputern analysiert.

06:54 – Schulz verlässt das Haus. Er winkt ein Taxi heran, dessen Fahrer vor zwanzig Jahren aus dem Irak nach Deutschland eingewandert war, um dereinst den Kanzlerkandidaten ins Büro zu fahren. Vor lauter Rührung bekennt der Chauffeur seine Sünden, konvertiert spontan zum Protestantismus und kauft auf Schulz’ Geheiß in einem kleinen Tabakladen auf dem Weg ein Rubbellos. Mit dem Gewinn von 50.000 Euro unterstützt er den Bau von Brunnen und Mädchenschulen, die wegen der Einstufung Afghanistans als sicheres Herkunftsland jetzt vermehrt von den Taliban bombardiert werden.

07:22 – Der Ortstermin auf Schloss Bellevue, das Schulz für den kommenden Bundespräsidenten Steinmeier sozialdemokratisch einsegnen soll, muss verschoben werden: die Lutherbrücke ist wegen eines Fahrbahnschadens beidseitig gesperrt. Der kommende Kanzler zahlt den Taxilenker an der Anne-Frank-Schule aus, schreitet ans Ufer und geht über die Spree.

07:49 – Der Hausmeister des Präsidentenschlosses öffnet die Pforten. Schulz erkennt sofort, dass dies ein Mann ist, der hart arbeitet. Er verspricht ihm, dass sich in seinem Leben nichts ändern wird. Der ehemalige Handwerker schleicht weinend in den Geräteschuppen, um sich an seinen Hosenträgern zu erhängen.

08:10 – Rasch hat Schulz ein paar SPD-Broschüren ausgelegt, den Mindestlohn beschworen und mehr Gerechtigkeit gefordert. Durch Handauflegen erweckt er eine vertrocknete Topfpflanze wieder zum Leben. Aus dem Hintergrund ist leise ein zehntausendstimmiger Engelschor zu hören.

08:55 – Kurz vor dem Kanzleramt erblickt Schulz unter einer Brücke einen Hohlraum, in welchem lagen viele Kranke, Blinde, Lahme, Verdorrte, die warteten, wann sich das Wasser bewegte. Der neue Prophet der Mitte aber packt einen am Kragen. „Steh auf und wandle“, raunzt er ihn an, „und such Dir einen Job, in dem Du hart arbeiten kannst, weil wir sonst kein Geld haben für einen Wehretat, der den Aktionären hilft, ihr Geld hart für sich arbeiten zu lassen!“ Zehn bis zwölf Jünger winden sich in Ekstase auf dem Kiesweg und verkünden neue Spitzenwerte für die SPD.

09:12 – Die Rentnergruppe aus Würselen will sich unbedingt von Schulz segnen lassen. In Streit um den Platz in der ersten Reihe beginnen erst verbale Auseinandersetzungen, bis Handgreiflichkeiten einsetzen. Der Heilsbringer aus Brüssel betrachtet die Situation aufmerksam.

09:26 – Erste Senioren sind zu Boden gegangen, es wird langsam kritisch. Schulz erläutert der Menge, dass es auf jede gesellschaftliche Gruppe ankommt, die für die gerechte Verteilung der Mittel ihre Stimme erhebt und gegen die Ungerechtigkeit der bisherigen Regierung vorgeht. Ein seit zehn Jahren erwerbsloser Zwangsrentner wirft einen Schuh, der den Retter des Sozialismus nur um Haaresbreite verfehlt. Von oben ertönt die Stimme Helmut Schmidts, der verkündet, dies sei sein lieber Sohn, an dem er Wohlgefallen habe.

09:57 – Schulz setzt seinen Weg mit der U-Bahn fort. Beim Betreten des Bahnsteigs wird er von einem Nichtsesshaften gefragt, ob er mal eine Mark habe. Der designierte Friedensnobelpreisträger macht den Bürger ohne Mandat darauf aufmerksam, dass es inzwischen eine friedensstiftende Währung für hart arbeitenden Europäerinnen und Europäer gibt, die auch weiterhin den Frieden sichere und die Aussicht, dafür hart zu arbeiten.

10:23 – Kaum am Ziel angekommen, da schart sich um den Visionär aus dem Rheinland schon die Menge der Gläubigen. Schulz habe verwahrloste Schulen angeprangert, nun sei er in der Pflicht, den Zustand zu ändern. Per Geistheilung materialisiert der Rasputin des Sozialstaats Landesmittel, die eine Sanierung des Leni-Riefenstahl-Gymnasiums in Bad Senkelteich ermöglichen. Verzückte Schüler streuen Palmwedel auf seinen Weg.

11:04 – Die letzten Wahlumfragen bestätigen, dass die Union keine Chance mehr hat, als Juniorpartner in einer erneuten Koalition mit der Schulz-SPD die Bundesregierung zu stellen. Der Kandidat bleibt jedoch vorerst bescheiden. In einem telefonischen Interview mit der New York Times gibt er zu verstehen, dass er vorerst nur die Führung über die freie Welt anstrebt.

11:33 – Das Büro meldet eine weitere Einladung zu einer Talkshow an. Schulz darf einen Teil der Fragen selbst formulieren. Um die hart arbeitende Mitte zu erreichen, dreht sich das Gespräch nun um Fußball, Alkohol, Verwaltungsrecht und die hart arbeitende Mitte.

11:35 – Gerade noch rechtzeitig ist Schulz im Willy-Brandt-Haus eingetroffen. Ein Maskenbildner, eine Stylistin, ein Psychologe und ein Therapeut machen den Überflieger der neuen Hoffnung in Deutschland fit für eine Aufzeichnung, die in den nationalen Boulevardmagazinen gezeigt werden soll: Martin Schmidt sitzt in der Mitte und arbeitet hart. Die Herausforderung ist immens, ja übermenschlich, doch das Team leistet einen Schwur, hart daran zu arbeiten.

11:36 – Drei Sekunden Videomaterial halten für die Nachwelt fest: Martin Schmidt arbeitet hart, für wen auch immer.

11:37 – Eine empörte Besucherin der Parteizentrale will den Kanzlerkandidaten sprechen, der ihr trotz des Aufstiegsversprechens, eines mit Auszeichnung absolvierten Studiums, einer Promotion summa cum laude, mehrerer Fortbildungen und eines Bildungsgutscheins zur Förderung mangelhaft qualifizierter Arbeitskräfte, die älter als dreißig sind und ihre Erwerbsbiografie durch Schwangerschaft sowie den mutmaßlich vorsätzlichen Unfalltod des Ehegatten sozialschädlich beeinflusst haben, wegen einer nicht zugestellten Vorladung des Jobcenters die vollständige Kürzung der Kosten der Unterkunft sowie der Regelsätze für die Bedarfsgemeinschaft streichen will. „Der Herr aber sprach zu dem Satan“, deklamiert Schulz, „wo kommst du her? der Satan antwortete dem Herrn und sprach: ich habe das Land umher durchzogen.“ Sofort ist die Bürgerin exorziert; sie schmeißt ihm ihr Parteibuch vor die Füße und verschwindet.

12:02 – Bei einem Arbeitsfrühstück im Borchardt, zu dem Milchkalbentrecôte an Auberginenkaviar gereicht wird, serviert die Fachkraft körperwarmen Riesling. Der Messias von Mitte verwandelt den Inhalt der Karaffe durch andächtiges Handauflegen wieder in Wasser.

12:19 – Zwischen Salat und Ananaskaltschale staucht Schulz die israelische Staatsführung am Telefon derart zusammen, dass Premier Netanjahu verspricht, bis Sonnenuntergang die Gründung eines autonomen Palästinenserstaates von der UNO zu erbitten.

12:21 – Steve Bannon meldet sich via Twitter. Er weiß nicht, wie er nach diesen außenpolitischen Schlägen mit Trump verfahren soll. „Setze Gottlose über ihn“, gibt Schulz zurück, „und der Satan müsse stehen zu seiner Rechten.“

13:07 – Der wartenden Menge vor dem Restaurant verkündet Schulz, man hätte den Mindestlohn mit der Einführung der Agenda 2010 verbinden sollen. Die Segensrufe der offensichtlich hart arbeitenden Mitte nehmen kein Ende, da sie nicht hart arbeiten und daher viel Zeit für öffentliche Kundgebungen haben. Außerdem sind sie Angestellte des SPD-Landesverbandes.

13:28 – Im improvisierten Interview mit dem Feministischen Radiokollektiv Berlin fordert der Heiland der irgendwie Roten, unsere Frauen in Ruhe zu lassen. Auf die Nachfrage, in welchem Besitzverhältnis sich welche Frauen befänden, gibt Schulz zu wissen, weder Nationalität noch Glaube, geschweige denn Religion oder das Bestehen eines harten Arbeitsverhältnisses sei für ausschlaggebend, es gehe ihm nur um unsere Frauen. Die zufällig anwesende Justiziarin der SPD stellt klar, dass Vergewaltigungsdelikte durch Asylanten nicht viel häufiger begangen würden. Der Kandidat wird in der Zwischenzeit schon von seinen Frauen mit Blumen beworfen.

13:59 – Die hart arbeitende Mitte hat in einer Mitteilung mitgeteilt, dass sie die Bankenrettung nicht toleriert und Steuerflucht ins Ausland für eine juristisch unbedingt zu erfolgende Straftat erachtet. Der Befreier der hart arbeitenden Mitte nimmt die Botschaft zur Kenntnis. Mehr kann man von ihm nicht erwarten, er muss ja den ganzen Tag lang hart für die Mitte arbeiten, damit ihn die hart arbeitende Mitte auch als hart für die Mitte Arbeitenden Arbeiter wahrnimmt, der hart für die Mitte arbeitet.

14:04 – Um die transatlantische Wertegemeinschaft zu stützen, verkündet der hart für die Mitte arbeitende Kandidat die sofort nach der Wahl zu erarbeitende Gesetzesvorlage, nach der die Gleichheit von Mann und Frau auch gesetzlich als Gesetz gesetzlich Gesetzeskraft haben soll. Alle Zuwiderhandlungen werde Schulz mit mehr Zeit für noch mehr Gerechtigkeit bekämpfe, wenn nicht begegnen.

14:05 – Nach Auskunft identitärer Kreise hat sich Höcke eine Kugel durch den Kopf gejagt, nachdem er den Hoffnungsträger Schulz als das Licht der sozialistisch-nationalen Erneuerung bezeichnet hat.

14:34 – Die Kaffeerunde im SPD-Hauptquartier ist so fidel wie selten. Schulz und Oppermann, Gabriel und Steinmeier liegen sich in prustendem Gelächter in den Armen. Das Volk redet wieder einmal Scheiße. Zum Glück braucht vorerst keiner auf das Geseier zu hören. Gut, dass außer dem künftigen Bundespräsidenten keiner politisch für die Agenda verantwortlich gemacht werden kann.

15:19 – Der Besuch beim Reiterverein Wublitz geht gründlich in die Hose. Erneut versucht der Erlöser, über die Wogen zu schreiten, doch der aufgestaute Seitenarm der Havel teilt sich, als Schulz die Wasser betritt. Nie war es ihm peinlicher, noch nicht Parteichef zu sein anstelle des Parteichefs.

15:56 – Auf der Wahlpressekonferenz gibt Schulz zu Protokoll, dass sicher viele Wählerinnen geneigt seien, nicht mehr SPD zu wählen. „Von den Jungfrauen aber habe ich kein Gebot des Herrn“, erklärt der Sozialistenführer, „ich sage aber meine Meinung, als der ich Barmherzigkeit erlangt habe von dem Herrn, treu zu sein.“ Die Kampagne wird sich demnach eher auf die hart arbeitende Mitte konzentrieren.

16:02 – Das Statistikteam hat ein deutliches Loch in der hart arbeitenden Mitte entdeckt, und zwar die hart arbeitende Mitte, die weiblich ist, aber gar nicht erst hart arbeiten kann, da sie weiblich ist und trotzdem sozialpolitisch vom Parteiprogramm der SPD überzeugt zu werden wünscht. Schulz knallt die Tür hinter sich zu.

16:51 – Die Deutsche Bischofskonferenz ist daran interessiert, den Gedenktag für Sankt Martin zwar parteipolitisch nicht einseitig auszurichten, ihn aber mit humanitärem Gedankengut zu befüllen, wenn dies nicht zu auffällig repräsentiert wird. Den jetzigen SPD-Kanidaten könne man gut mit dieser Rolle betrauen, so der Vorstand; eine deutliche sozialere Ausrichtung werde sich wohl im Laufe der Jahrzehnte entwickeln.

18:09 – Schulz ballert sich im Sturz die dritte Flasche Bourbon in die Rübe. Da die Mikrofone abgestellt und die Reporter ferngehalten werden, gelangen weder seine Forderungen nach sofortiger Rückabwicklung der Agenda 2010, von CETA und TTIP oder die SPD-gestützten Sicherheitsgesetze an die Öffentlichkeit. Auch unschöne Interna über die Waffenverkäufe der amtierenden Bundesregierung bleiben verborgen. Keiner interessiert sich für das Privatleben diverser Minister. Die Sicherheitsleute ziehen Schulz routinemäßig die Schuhe aus, lagern ihn auf die Matratze, ziehen die Vorhänge vor die Fenster, legen eine Krawatte über die Stuhllehne und verlassen den Raum. Morgen ist auch noch ein Tag.





Wir schaffen das

6 02 2017

„Aber wie wollen Sie die Parteibasis dazu bringen, mit dieser Chaotentruppe zu koalieren?“ „Gut, die sind wirklich recht weltfremd.“ „Und sie labern ständig über Befindlichkeiten, anstatt sich mal mit der staatsrechtlichen Realität zu befassen.“ „Und ihr Spitzenpersonal sind echt…“ „Ja, jetzt wissen wir’s ja. Aber das werden die Grünen schlucken müssen, wenn sie mit der CDU koalieren wollen.“

„Man müsste überhaupt viel realistischer sein.“ „Glauben Sie etwa, Merkel würde einen Grünen als Innenminister zulassen?“ „Würden denn die Grünen einen Innenminister von Merkel akzeptieren?“ „Solange er nicht die Bevölkerung verunsichert?“ „Die Grünen sind inzwischen ja sogar offen für Abschiebungen nach Afghanistan.“ „Die sind noch ganz woanders offen, wenn Sie mich fragen.“ „Nun seien Sie mal konstruktiv!“ „Die wollten doch sonst immer Integration.“ „Kriegen sie doch. Zumindest der rechtskonservative Flügel…“ „Steinbach? die ist doch weg?“ „… der Grünen könnte sich in die Union integrieren.“ „Und das klappt?“ „Warum denn nicht?“ „Auf der anderen Seite könnten die Grünen dann nicht mehr so mit Menschenrechten herummachen.“ „Dafür wählen sie dann rechte Menschen.“ „Auch wieder wahr.“

„Haben die denn schon gesagt, wie sie die abgelehnten Asylbewerber abschieben wollen?“ „Sie setzen auf freiwillige Rückkehrer.“ „Das ist ja ein total ausgeklügeltes Konzept.“ „Das wäre nicht mal der SPD eingefallen.“ „Und wie wollen sie das durchsetzen?“ „Ich schätze mal mit freiwilligem Zwang.“ „Also man bevormundet die Antragsteller, enthält Ihnen Rechte vor, erklärt die Missachtung von verfassungsmäßig garantierten Rechten aus nationalem Interesse und gießt das in ein Gesetz?“ „Bevormundung durch einen paternalistischen Maßnahmenkatalog, das würde ich ja noch unterschreiben, aber das andere?“ „Ohne die Hartz-Reformen hätten sie bis heute nie in einer Bundesregierung gesessen.“

„Ein Hauptproblem dürfte der Waffenhandel sein.“ „Richtig, Gabriel ist auch seit Jahren schwer depressiv wegen der Umsatzsteigerungen.“ „Als Grüne würde ich auf Biowaffen umsteigen.“ „Sehr witzig.“ „Man muss da mit der richtigen Motivation rangehen. Immer alles kritisieren ist auch nicht so toll.“ „Zum Beispiel mehr Arbeitsplätze in der Waffenindustrie?“ „Munitionsrecycling, Roboter mit Streumunition aus deutscher Forschung und Entwicklung – und wenn man die als Dual-Use-Produkte möglicherweise in der Dritten Welt noch in der Landwirtschaft einsetzen könnte, dann haben wir doch letztlich alle was davon.“ „Verstehe, wir machen mehr Umsatz und können davon dann mehr Flüchtlinge aufnehmen, die wegen der zusätzlichen Kriege nach Europa kommen.“ „Was gleichzeitig wieder mehr Wirtschaftswachstum bedeutet.“ „Super!“ „Der Friedensnobelpreis dürfte damit nur noch eine Frage der Zeit sein.“ „Das nenne ich mal Motivation!“ „Wir schaffen das!“ „Klasse!“

„Nun mal nicht so schnell.“ „Haben Sie wieder eine unentschlossene Zielgruppe entdeckt?“ „Die Hessen.“ „Ach nee!“ „Meint die Schröder, das sei nicht gerecht gegenüber denen, die sich den Dienstporsche fürs Kindermädchen von der Partei bezahlen lassen?“ „Seit wann kümmert sich die CDU um das intellektuelle Prekariat?“ „Was hat die AfD mit der Schröder zu tun?“ „Inhaltlich sehe ich da eine Menge Überschneidungen.“ „Ethisch auch.“ „Die Union kommt nicht mehr nach.“ „Weil jetzt Kretschmann und Palmer Bouffier rechts überholen?“ „Da kann er mal sehen, wie das ist, wenn man immer nur die Argumentation feindlicher Parteien übernimmt.“

„Aber ein paar Mentalitätsunterschiede müssen sicher schon noch bereinigt werden.“ „Wie kriegt man das denn in der Landwirtschaft hin?“ „Die werden sich sicher einigen, sobald sie das mit der Kernkraft und den erneuerbaren Energien in den Griff gekriegt haben.“ „Das ist dann gleich nach der Entscheidung, ob wir den Schwerlastverkehr noch mehr auf die Straße verlagern oder doch wieder die Schiene nehmen.“ „Ich bin sehr zuversichtlich, dass sich die beiden auf einen gemeinsamen Nenner einigen werden.“ „Nämlich?“ „Dass Machterhalt jede inhaltliche Verbiegung rechtfertigt.“

„Bliebe noch Seehofer.“ „Kann ich Ihren Plan für die Waffenexporte noch mal sehen?“ „Das ist möglicherweise der Knackpunkt, wenn die CSU aus der Regierung aussteigt.“ „Wie bitte!?“ „Haben Sie das etwa nicht auf dem Radar?“ „Wie könnten denn die Grünen ohne die CSU in die Regierung kommen?“ „Eben weil die CSU weg ist.“ „Und die ist weg, weil die Grünen an der Regierung sind.“ „Mensch, großartig!“ „Das ist ja klasse!“ „Also ich versteh’s noch nicht.“ „Was hat die CSU gemacht, als sie im Bund in der Opposition saß?“ „Gegen die Regierung gestänkert?“ „Das machen sie auch, wenn sie gerade an der Regierung sind.“ „Stimmt auch wieder.“ „Sie haben massiv zugelegt und sind in Bayern unschlagbar geworden.“ „Und das macht Seehofer jetzt auch?“ „Wenn er wirklich eingesehen hat, dass Söder und Scheuer und dieser ganze Rest aus fünftklassigen Kläffern die Partei zermarmelt, dann muss er etwas unternehmen.“ „Also hofft er inständig, dass die Grünen eine Koalition mit der CDU hinkriegen, weil er dann nicht mehr regieren muss.“ „Großartig!“ „Jetzt verstehe ich auch den grenzenlosen Optimismus der Kanzlerin. Das ist ja tatsächlich eine historische Chance für Deutschland als moderne EU-Führungskraft.“ „Jetzt weiß ich auch, weshalb sie das damals gesagt hat.“ „Was gesagt hat?“ „Wir schaffen das.“





Geprüfte Sicherheit

23 01 2017

„Naja, alle wegsperren geht auch nicht.“ „Wieso denn nicht?“ „Irgendwas mit Grundgesetz oder so.“ „Moment!“ „Können Sie vergessen. Das schlachtet die Opposition aus.“ „Wieso?“ „Wir sind eben im Wahlkampf.“

„Überlegen Sie mal, gerade im Wahlkampf kann man den Leuten doch den letzten Mist auftischen.“ „Kann man, aber darf man das auch?“ „Sollte man nicht?“ „Also ich würde…“ „Wir müssen das eher lösungsorientiert diskutieren.“ „Wie soll denn das gehen?“ „Er meint wahrscheinlich, dass wir für die Probleme…“ „Welche Probleme?“ „Wenn wir im Wahlkampf zugeben, dass es Probleme gibt, dann können wir uns den ganzen Wahlkampf schenken.“ „Eigentlich auch eine gute Idee.“ „Moment!“ „Dass wir für die Probleme der Zukunft, wollte ich sagen, dass wir da Lösungen haben.“ „Wie soll das denn gehen?“ „Der Wähler fühlt sich da bestimmt nicht so sicher.“ „Es ist halt Wahlkampf, da muss man dem Wähler auch ein bisschen Angst machen.“ „Sie haben mal Versicherungen verkauft, oder?“ „Merkt man das immer noch?“ „Wahrscheinlich denkt er, der Wähler würde den Zusammenhang zwischen Problem und Lösung sofort erkennen.“ „Tut er doch auch.“ „Wieso?“ „Wenn nicht, wäre er ja Politiker.“

„Also wenn wir alle Asylanten…“ „Sie meinen damit doch nicht die Asylberechtigten?“ „Wo ist da der Unterschied? und zu wem?“ „Die Bewerber, die könnte man doch alle in eine zentrale Sammelstelle in…“ „Das hört sich so nach Müll an.“ „Würde aber mindestens zehn Prozentpunkte von den Nazis bringen.“ „Moment!“ „Na gut, zwei. Anderthalb.“ „Wozu wollen Sie die sammeln?“ „Wenn man jetzt alle Asylbewerber…“ „Was machen Sie mit den Flüchtlingen?“ „Das versteht der Wähler doch gar nicht. Für den sind das alles islamistische Mörder.“ „Das meinen Sie nicht ernst.“ „Natürlich nicht, aber es ist Wahlkampf.“ „Also wenn wir alle von denen in, ich sage jetzt mal: Stuttgart internieren, dann ist die Sache doch klar.“ „Eigentlich…“ „Können Sie vergessen. Das schlachtet die Opposition aus.“ „Wieso?“ „Irgendwas mit Grundgesetz oder so.“ „Dabei hätte es Vorteile, weil wir keine so hohe Verbrechensrate mehr im Rest der Bundesrepublik haben, weil es da weniger von diesen dummen Arschlöchern gibt.“ „Moment!“ „Wie reden Sie denn über Kriegsflüchtlinge?“ „Ich meinte Nazis, die deren Heime anzünden.“ „Ach so.“ „Aber das ist doch eigentlich ganz okay.“ „Logistisch macht das total Sinn.“ „Und wenn es nicht klappt, können wir immer noch sagen: die Landesregierung von Baden-Württemberg hat Mist gebaut, wir sind nicht daran schuld.“

„Könnten wir den Vorschlag mit exterritorialen Asylzentren vielleicht aufgreifen?“ „Wie kommen Sie denn jetzt darauf?“ „Naja, wenn wir die Dinger in Afrika aufbauen, dann können wir als deutscher Staat doch definitiv nichts mehr falsch machen.“

„Und wenn wir jetzt einfach bloß sagen: liebe Bürgerinnen, liebe Bürger, wir tun was?“ „Was denn?“ „Naja, man kann doch nicht alles gleich den Betroffenen verraten, sonst wissen die doch, wie die Geheimdienste ermitteln.“ „Mit anderen Worten, ein Teil unserer Methoden würden die Bevölkerung verunsichern.“ „Ja, aber legal gemeint.“ „Wenn es legal ist, wer sollte sich denn verunsichert fühlen?“ „Die Bürger.“ „Moment!“ „Wieso sollten Bürger sich verunsichert fühlen von der Legalität?“ „Naja, überlegen Sie mal: bei Ihnen wird eingebrochen, dann sagt Ihnen die Polizei, tut uns leid, wir haben den Täter, aber wir können ihn nicht ins Gefängnis stecken, weil das Recht nun mal so ist.“ „Und das verunsichert die Bürger?“ „Zumindest die, die als Betroffene brutale Strafmaßnahmen nicht generell ablehnen würden.“

„Passkontrolle für Neger.“ „Nafris.“ „Moment!“ „Also Ausländer.“ „Und ausländisches Aussehen als Gefährdungsgrund.“ „Dann müsste man schon den Verdacht, ausländisch auszusehen, als…“ „Können Sie vergessen. Das schlachtet die Opposition aus.“ „Wieso?“ „Wir sind eben im Wahlkampf.“ „Und das Grundgesetz?“ „Käme auf den Zeitpunkt an, vielleicht haben die Rechten da schon wieder auf uns aufgeholt.“ „Aber wir müssen doch irgendein Konzept entwickeln können, das mittelfristig für nachweisbare Fahndungserfolge sorgt, sonst glaubt uns der Bürger nicht mehr, dass wir die Lage noch überblicken.“ „Obergrenze?“ „Es kommen doch immer weniger, die Debatte ist völlig umsonst.“ „Außerdem ist da noch was mit dem Grundgesetz.“ „Wieso?“ „Das gilt für alle Parteien.“ „Aber doch nur außerhalb des Wahlkampfes, oder?“

„Haben wir die Kostenfrage schon in Betracht gezogen?“ „Ja.“ „Tolle Antwort.“ „Moment!“ „Wir haben das schon durchgerechnet, und nein, es darf nicht mehr kosten als bisher.“ „Wir haben da aus dem letzten Brainstorming noch so einen Plan in der Schublade.“ „Das mit dem Personal?“ „Nee, das schmeißen Sie mal lieber ganz schnell weg.“ „Aber das ist doch genau der…“ „Bevor Sie jetzt mit der verfassungskonformen Lösung aller Probleme um die Ecke kommen: nein.“ „Die Wähler sind aber der Ansicht, dass das genau die…“ „Wenn mich die Ansicht des Wählers interessiert, spucke ich Nüsse in seinen Käfig, klar!?“ „Was erlauben Sie sich!“ „Haben wir da Probleme mit dem Innenminister?“ „Der ist auf mehr Ebenen überfordert, als er es intellektuell mitkriegen könnte.“ „Super. Gut, dann schreiben Sie mal: Punkt vier, wir werden dieses Land durch die Ausweitung der Videoüberwachung nach Möglichkeit noch viel sicherer machen. Damit Deutschland Deutschland bleibt.“





Irgendwas mit Zukunft

10 01 2017

„Aber wir müssten doch schon irgendwie auf die aktuelle Situation eingehen.“ „Das kann dann aber auch irritierend sein, weil der Wähler will ja auch die kontinuierliche Präsenz im Politischen.“ „Also ich…“ „Das muss man verbinden, wozu bezahle ich Sie denn eigentlich!?“

„Wir brauchen diesmal wirklich einen guten Slogan.“ „Damit steht und fällt die Wahl.“ „Also fallen können wir auch ohne.“ „Aber es muss auch irgendwie zum Ausdruck kommen, dass es diesmal außerordentlich ernst ist.“ „Das wäre ein Zeichen, dass wir endlich mal eine Richtungsentscheidung haben.“ „Es ist Ihre Wahl.“ „Hä?“ „Als Slogan.“ „Ach so.“ „Oder syntaktisch auflösen, so wie Weil es Ihre Wahl ist.“ „Kann man nicht machen.“ „Total daneben.“ „Wir hätten damit eine…“ „Man kann den Wählern doch nicht einfach vormachen, dass sie eine Wahl hätten!“ „Meine Güte, wo leben Sie denn?“ „Wir wollen diese verdammte Koalition endlich wegkriegen, das ist doch zu verstehen?“ „Wir kriegen die eh wieder nach der Wahl!“ „Und wir können auch nicht dem Wähler ankündigen, dass wir diesmal mehr wollen als unsere Wiederwahl.“ „Das sagen wir ihm doch jedes Mal?“ „Aber so deutlich muss man doch auch wieder nicht werden!“

„Und das mit der Demokratie?“ „Sicher. Wir sind das Volk.“ „Also ich…“ „Man darf sich doch an diese Entwicklung nicht einfach so anbiedern.“ „Stellen Sie sich mal vor, Sie wollen den Wählern erklären, dass Sie für Wirtschaftswachstum sind.“ „Das ist doch gut, oder?“ „Wenn Sie zufällig einen Konzern in der Garage haben, der den Mitarbeitern künstlich den Mindestlohn drückt, dann ist das gut für die Wirtschaft.“ „Äääh… Gemeinsam neue Erfolge erreichen?“ „Weil die alten uns gerade mal nicht einfallen.“ „Fällt Ihnen noch was ein zum Thema Aufschwung?“ „Rentensicherheit.“ „Hä?“ „Ich mag Rentensicherheit.“

„Und wie wär’s mit Damit Deutschland wieder…“ „Make Deutschland great again?“ „Ich meine ja nur, dass man die deutschen Werte irgendwie…“ „Welche Werte denn bitte?“ „Und wieso: wieder?“ „Was zahlt Ihnen die Petry für diesen faschistoiden Scheißdreck?“ „Also ich…“ „Und dann verkaufen wir’s völkisch, ja!?“ „Aber ich wollte doch nur…“ „Das ist doch jetzt mal ein sehr ergebnisoffener Vorschlag, finde ich.“ „Was haben Sie denn geraucht?“ „Wir können eine inhaltlich so offene Fragestellung wie die nach den deutschen Werten nicht einfach so außer Acht lassen.“ „Also in der Richtung: Deutschland muss wieder sauber werden?“ „Das haben Sie gesagt.“ „Entschuldigung, aber das ist doch Quatsch!“ „Fällt Ihnen etwas Besseres ein?“ „Das ist vollkommen hirnverbrannter Populismus!“ „Eben, aber wenn wir das nutzen, ist das doch besser als bei der AfD?“

„Hier, so: Deutschland der Möglichkeiten.“ „Klingt wie ein Handytarif.“ „Eher wie ein Schnellrestaurant.“ „Ist eh dasselbe.“ „Aber da haben wir auch wieder eine Perspektive auf Bürgerbeteiligung.“ „Wenn ich mir noch eine Legislatur lang anhören soll, was die bei der CSU nicht wegtherapiert kriegen, dann können die sich ihre Möglichkeiten in den…“ „Schon gut.“ „Aber es muss doch irgendwie aktivierend wirken.“ „Wie Hartz IV?“ „Wie kommen Sie jetzt in diesem Zusammenhang auf Hartz IV?“ „Es beschreibt ja schon das Verhältnis des Politikers zum Bürger.“ „Vor allem das Menschenbild.“ „Und natürlich die Erfolgsaussichten.“ „Und wenn wir irgendwas mit Zukunft machen?“ „Mein Gott, wollen Sie die Leute auch noch verängstigen!?“

„Und wenn wir Unser Deutschland irgendwie…“ „Ausländer raus?“ „Klingt wie eine Wurstreklame.“ „Was haben denn Ausländer mit Wurst zu tun?“ „Jetzt stellen Sie sich nicht dümmer an, als Sie sind!“ „Das klingt total ausschließend.“ „Irgendwie käme das bei einem Teil der Wähler gut an.“ „Wegen der Wurst?“ „Wegen der Ausländer.“

„Diese Nationalschiene ist doch auch nicht wirklich zielführend.“ „Also ich…“ „Das haben Sie letztes Mal auch schon gesagt, und dann ging alles schief.“ „Wir können mehr.“ „Schon wieder eine schlecht versteckte Drohung.“ „Wieso versteckt?“ „Dann frage ich mich, was haben wir denn bisher nicht gekonnt? und warum?“ „Meine Güte, können Sie eigentlich gar nichts anderes als meckern?“ „Wenn wir mit Deutschland in Europa einen Perspektivwechsel?“ „Gibt es das auch in Asien?“ „Lässt aber den Dom in Kölle.“ „Hä?“ „Also ich…“ „Es ist völlig egal, ob wir eine Perspektive in Europa haben oder nicht, aber man wird uns wieder um die Ohren hauen, dass wir mit irrelevanten Aussagen die Wähler belästigen.“ „Dann eben Für Deutschland in einem starken Europa.“ „Und Frau und Karneval.“ „Verdammt, ich will diesen ganzen…“ „Für ein starkes Deutschland.“ „Erst wollen Sie Europa, dann wollen Sie es kaputtkriegen – was denn jetzt?“ „Erfolgreich.“ „Das ist auch wieder interpretationsabhängig.“ „Ein möglichst…“ „Nein! Einfach nur: nein!“ „… demokratisches und…“ „Oder Für ein Deutschland, dass…“ „Verdammt noch mal, ich will jetzt endlich einen Slogan haben! Liefern Sie jetzt den verdammten Slogan!“ „Für Deutschland.“ „Hä!?“ „Hm.“ „Also ich…“ „Für Deutschland. Hm-hm.“ „Ist das…“ „Nee, machen wir. Läuft.“





Im Untergrund

2 01 2017

„Oaarrr, das ist ja duster hier! Hallo, macht da mal einer Licht, oder soll ich selbst an die Wand treten!? Du da, ja! glotz nicht so blöd, sonst ist hier gleich wieder Silvester, aber Oho de Cologne, klaro? Hast Du Dreck in den, nein, ich meine, sind Sie, ich wollte, Frau äääh… Mutti!?

Das kann ich doch nicht wissen, wir haben gestern… heute, das muss heute gewesen sein, und wir sind da an der Siegessäule irgendwie vom Weg abgekommen, da hatten wir noch eine Flasche pro Mann, und dann sind wir in den Westen, hat aber auch nichts mehr genützt, und dann muss ich mir den Kopf gestoßen haben, und jetzt bin ich wo? Ja, dass das hier ’ne Tiefgarage ist, das weiß ich selber, oder halten Sie mich für Dobrindt? Ach so, das ist gar nicht Bahnhof Zoo? Bundeskanzleramt!? Ach du liebes Lottchen…

Nee, bleiben Sie mal ruhig stehen, Sie werden ja auch gefeiert haben, wo waren Sie denn? Hier!? das kann ich mir ja gar nicht vorstellen, die von den anderen Parteien haben doch gesagt, die macht auch zwischen den Jahren Deutschland kaputt, da kann die doch nicht – also können Sie doch nicht im Kanzleramt sitzen, da wird doch Deutschland nicht, obwohl, eigentlich doch, aber da ist ja der Dicke auch nicht ganz unbeteiligt, und der Depp da aus Bayern, also der andere, und ich glaube, ich muss mal eben – Rollmops? Wenn Sie welche da haben, dann nehme ich auch einen, danke.

Wo wir jetzt schon mal hier sitzen, wollen Sie das denn noch mal vier Jahre lang machen? so wie bisher? Nee, machen Sie das nicht. Also machen ja, aber nicht so, weil eben anders, und dann – der Dicke? Sie regen sich nicht auf? Das hätte ich mir ja denken können, aber dass Sie sich aufregen, nur weil sich die anderen aufregen, wenn der Dicke wieder Heißluft absondert: nicht machen. Vize hin, Vize her, das ist auch nur so ein Minister, wissen Sie, und Minister sind für ihre Dienststelle wie Hautausschlag. An schlechten Tagen stört es, aber irgendwann ist es garantiert weg. Ja, das kann auch der SPD passieren. Falls sie den Dicken nicht auch irgendwann wegkriegt.

Machen Sie doch mal vier Jahre lang richtig Politik. Das kennen die Leute noch gar nicht. Bloß Probleme wegmoderieren, gemeinsame Lösungen finden und so einen Kram. Machen Sie mal richtig Politik, statt nur auf die Umfragen zu gucken. Die paar Wadenpinkler aus der Jungen Union, die sind doch schnell wieder weg. Schmeißen Sie ein paar von diesen fossilen Resten raus, Schäuble oder die Truppenursel, und wenn die nicht spuren, sehen Sie mal im Kompromatköfferchen nach. Oder glauben Sie, nur Schäuble hätte etwas in der Schublade?

Wagen Sie mal etwas, und wenn’s nur mehr Demokratie ist. Wenn Sie jetzt wieder nur – heilige Scheiße, jetzt gucken Sie mich nicht so dämlich an! Kriegen Sie endlich mal die Finger auseinander, immer dies Machtorigami, kann ich gar nicht mehr sehen! Schon besser, Faust auch mal richtig ballen, und jetzt nach rechts – überhaupt, mal nach rechts die Fäuste ballen, da hockt doch der ganze Sott in der Union. Von der Wichtigkeit nationaler Kultur blubbern, aber allen anderen Menschen unterstellen, nur wegen der Kohle ihre Heimat im Stich zu lassen und nach Deutschland zu kommen. Lächerlich!

Ja, ich nehme noch einen. Haben Sie eventuell ein Gürkchen im Glas?

Dann müssen Sie eben mal ein paar Luschen vors Knie treten. Digitalisierung, bedingungsloses Grundeinkommen, den Investmentbanken und den Energiekonzernen mit Anlauf eine reinhauen, wieso soll das alles nicht gehen? Weil die anderen das schon machen, richtig? Dann geht’s denen ja sicher bald gut, und in spätestens zwanzig Jahren werden wir das alles als alternativlos betrachten und uns an Sie als Kanzlerin erinnern, die bis zuletzt jede Art von Bewegung verhindert hat, vor allem nach vorn. Weil Sie das den Luschen nicht zutrauen? Vielleicht trauen die es bloß Ihnen nicht zu? und wollen jetzt auch nur noch mal vier Jahre lang zugucken, wie Sie die allgemeine Lethargie dirigieren?

Dann tun Sie mal was gegen Korruption, hauen Sie TTIP und CETA in die Tonne, die Maut und die Autobahnprivatisierung gleich hinterher, nehmen Sie Geld in die Hand für Schulen und Brücken und Deutschkurse, zeigen Sie den Rüstungskonzernen die Wirksamkeit des Insolvenzrechts, reformieren Sie die Rente, und bitte sorgen Sie endlich dafür, dass Steuerhinterziehung nicht mehr als Mogelei bezeichnet wird und die Straftäter vor dem Prozess öffentlich am Pranger stehen, drei Tage lang. Und wenn es einem nicht passt, dann drücken Sie ihn eine Karte in die Hand: ICH KANZLERIN, DU NIX!

Rücksichtnahme, du liebe Güte… wenn auf mich immer jeder Rücksicht nehmen würde, das hier wäre ein Paradies auf Erden. Hat denn außer Bertelsmann und Springer irgendjemand schon mal auf Sie Rücksicht genommen? eben, nicht mal die. So viel braucht’s doch gar nicht. Und wenn Sie sich einmal Mühe geben würden, ordentliche Gesetze vorzulegen, die nicht für jeden Kleinscheiß nach Karlsruhe müssen, dann könnte das sogar hinhauen. Also geben Sie sich einen Ruck, und dann schaffen wir das auch. Ich bin mir scher, wir schaffen das. Und das nächste Mal fragen Sie die Deutschen einfach, ob sie alle solche Waschlappen sind, dass sie sich nicht mal eine Aufgabe zutrauen, gegen die die Einheit ein Kindergeburtstag war. So macht man das. So und nicht anders.

Klar, das bleibt unter uns. Hier ist es auch schön warm. Schauen wir mal. Hauptsache, Sie teilen sich den Fisch gut ein. Man kann nie wissen!“





Postpraktisch

13 12 2016

„… habe die CDU nur noch wenige Chancen, eine rot-rot-grüne Bundesregierung zu verhindern, weshalb sie Möglichkeiten auslote, eine neue Auflage der Koalition ohne Angela Merkel zu…“

„… müsse die Union den rechtskonservativen Kräften auch entgegenkommen, indem sie eine Überprüfung der weiteren Zusammenarbeit mit der Antifa…“

„… erwarte die Junge Union ein klares Bekenntnis zu den Rentnern, die als wichtigste Wählergruppe unabhängig von der Parteiführung…“

„… fühle sich die CDU von Merkel inzwischen massiv provoziert. Insbesondere der rechte Flügel könne nicht hinnehmen, dass die Kanzlerin nun tatsächlich aktiv Handlungen vornehme, die auch so geplant worden seien. Dies widerspreche jeder bisher abgesprochenen…“

„… ein Burka-Verbot wegen fehlender Burkas für Deutschland keine Relevanz besitze. Die Junge Union verlange dennoch von der Kanzlerin, ein Verbot von Schlümpfen, Einhörnern und…“

„… bekomme Merkel die Gelegenheit, den Bundesinnenminister so zu disziplinieren, dass er nicht mehr mit ihr konform gehe, sondern zuerst die Interessen der Partei…“

„… ein Verbot des politischen Islam in Deutschland durchgesetzt werden müsse. Die JU wolle dies auch über Parteigrenzen hinweg im…“

„… dass die Partei die Eigenständigkeit der Kanzlerin betone. Eine Kandidatin, die sich ihre Ansichten von außen vorschreiben lassen, könne von der Union nicht als…“

„… eine Verschärfung des Asylrechts sofort stattfinden müsse, damit rechts der Union stehende Kräfte keine Möglichkeit mehr hätten, um mit der Verfassung zu vereinbarende Forderungen…“

„… habe Merkel nach Auffassung der Partei viel zu stark die Inhalte der Sozialdemokratie übernommen und damit dem Profil der Union geschadet. Sie solle nun zum Ausgleich Inhalt der AfD in ihre…“

„… schrecke die Union nicht mehr vor der Legalisierung von Transgender-Toiletten zurück, wenn dies ein Weg sei, die Kanzlerin zur Aufgabe zu…“

„… solange Merkel der CDU die Bundesregierung sichere. Eigenständige Politik dürfe deshalb nicht auf Kosten von…“

„… dürfe die Kanzlerin in bestimmten Einzelfällen ihre Willkommenskultur weiterhin praktizieren, wenn die Partei diese in Hinsicht auf rechtsnationale Kräfte…“

„… ob in der Frage der doppelten Staatsbürgerschaft von Merkel nur eine Wende, eine Wende von der Wende oder sogar die…“

„… müsse es eine Obergrenze geben. Erst eine Wahl nach Merkel dürfe über vierzig Prozent…“

„… dass die Partei ihrer designierten Kanzlerkandidatin unfaire Methoden wie eine gezielte Ausgrenzung vorwerfe. Sie könne dies nur mit Ausgrenzung der Kanzlerkandidatin…“

„… die Union als Gegenleistung zustimmen werde, wenn sie dafür eine Steuersenkung für Besserverdienende…“

„… zahlreiche Gründe gefunden habe, warum sie als Kanzlerkandidatin nicht mehr in die CDU passe. Die Junge Union habe aus Pietät jedoch nicht gefragt, ob Merkel selbst sich Gedanken gemacht hätte über eine Eignung als…“

„… erste Stimmen laut geworden seien, Merkel aus der CDU auszuschließen. Dies sei auch der politischen Säuberung der Partei vom sozialistisch inspirierten Personenkult der ehemaligen…“

„… sei es für die Junge Union nicht hinnehmbar, wenn die Kanzlerin nach alter Gewohnheit vier Jahre veranschlagt habe, um die Grünen für die kommenden Legislaturperioden…“

„… unter Umständen gegen eigene Interessen handeln würde. Die CDU sehe aber in einer postpraktischen Vorgehensweise auch gute…“

„… es langfristig besser wäre, die CDU von Seehofer erledigen zu lassen, statt Merkel selbst in die…“

„… nicht ausgeschlossen werden könne, dass die Kanzlerin ihrerseits aus der Partei…“

„… eine gemeinsame Integration der CDU und Merkel in die CSU eventuell für das Wahlergebnis einen positiven…“

„… erkenne die Partei in einem Anfall von Selbstkritik auch eigene Fehler. Die Union sei durch den nunmehr sechzehnjährigen Vorsitz von Merkel inzwischen so selbstbewusst und modern geworden, dass sie nicht mehr zum Profil des…“

„… nicht von Tendenzen der Selbstauflösung sprechen wolle, nur weil Angela Merkel plötzlich angedeutet habe, 2017 nicht mehr als…“

„… zur Konsolidierung der Wahlergebnisse die Integration auch die CDU/CSU mit oder ohne die Kanzlerin in eine…“

„… bisher keinen anderen Kanzlerkandidaten gefunden habe, der ausschließlich den Weisungen der Partei…“

„… einen Krisenparteitag einberufen wolle, um die Abspaltung von der Jungen Union auch ohne vorherige Aussprache vollziehen zu können. Die Regierungsbeteiligung der CDU sei durch Merkels überraschenden Wechsel zur SPD auf ein Minimum…“





Schwerfigur

1 12 2016

„Das heißt, wir können sie schlagen?“ „Logo.“ „Die ist doch total am Ende.“ „Und wieso haben wir erst einundzwanzig Prozent?“ „Das ist das Übergewicht der Union, diesmal werden sie es nicht verkraften.“ „Und dann kommen wir endlich in die Regierung.“ „Wo sind wir denn jetzt?“

„Nein, wirklich.“ „Sie müssen auch mal sehen, dass die SPD die Rolle der CDU komplett ersetzen kann, wenn sie will.“ „Ich weiß aber noch gar nicht, ob wir das…“ „Egal, im Wahlkampf müssen wir das wenigstens versprechen.“ „Hallo!?“ „Er ist mal wieder auf dem moralischen Trip.“ „Typisch linker Flügel.“ „Aber echt!“ „Nein, ich…“ „Wenn Sie sich die Partei seit gut zwanzig Jahren ansehen, dann wissen Sie auch, dass wir das eigentlich schon fast erreicht haben.“ „Sogar besser!“ „Richtig, die SPD ist die bessere CDU!“ „Eben.“ „Und das kommt, weil die CDU die SPD eben auch komplett ersetzt hat.“ „Entschuldigen Sie mal, das ist doch komplett aus der Luft…“ „Mensch, jetzt begreifen Sie es endlich – wenn die Grünen weiter nach rechts rücken, dann müssen sie irgendwann zwangsläufig wieder bei der SPD landen!“

„Das sind doch alles total verrückte Theorien, das können Sie überhaupt nicht…“ „Auf jeden Fall müssten wir mit den Linken reden, damit wir eine Koalition hinkriegen.“ „Auf der anderen Seite könnten wir auch abwarten, bis sie uns konstruktive Kollisions…“ „Hä!?“ „Koalitionsangebote, wollte ich sagen – bis die Koalitionsangebote machen.“ „Sie sitzen immer noch auf dem hohen Ross. Kommen Sie da runter, dann können wir reden.“ „Er hört sich schon an wie die Linken!“ „Armer Kerl.“ „Das kommt davon, wenn man ständig im Kanzleramt abhängt.“ „Wir müssen den Linken nur sagen, dass sie mitregieren dürfen, dann ist alles in Butter.“ „Und der Koalitionsvertrag?“ „Die werden schon nicht so anders sein als die Grünen. Lass sie an die Regierung, dann haben sie sich erledigt.“ „Hat doch Merkel mit der FDP auch so gemacht.“ „Und mit uns.“ „Jetzt werden Sie mal nicht witzig, das zieht bei uns gar nicht.“ „Also wir sagen den Linken, sie dürfen gerne mitregieren, nur eben unter der Voraussetzung, dass sie alle ihre Versprechen brechen muss?“ „Ja.“ „Alle Vorschläge, alle Ideen, alle Reformansätze?“ „Klar.“ „Wozu frage ich das eigentlich?“ „Eben, das würde ich auch gerne mal wissen. Sie haben es doch offensichtlich kapiert.“

„Und was ist mit unserem Wahlprogramm?“ „Wir wollten eigentlich weitermachen wie bisher.“ „Sonst nichts?“ „Mensch, wenn wir Merkel mit einer Sache schlagen können, dann mit Kontinuität. Die hat bei ihr noch nie versagt.“ „Und bei der SPD wissen die Leute seit zwanzig Jahren auch, was sie erwartet.“ „Ich hatte es schon mal gesagt, ich mag Ihren sarkastischen Unterton so gar nicht.“

„Dann sollten wir wenigstens vorab klären, wer sich als Kanzlerkandidat in den Wahlkampf gegen die Schwerfigur Merkel begibt.“ „Schulz?“ „Das ist doch ein Bauernopfer!“ „Sagen Sie das nicht, über den ist so gut wie nichts bekannt.“ „Wenigstens nicht aus der Bundespolitik.“ „Und das wird für die Kanzlerin hochgefährlich!“ „Genau, die weiß dann gar nicht, gegen welchen Gegner sie antreten soll.“ „Und schon macht sie entscheidende Fehler.“ „Das klingt ja alles vollkommen schlüssig.“ „Ja, nicht wahr?“ „Ich hatte Ihnen schon mal gesagt: keinen Sarkasmus!“ „Bis jetzt haben wir doch gar nichts in der Hand gegen einen Wahlsieg der Union.“ „Aber das muss doch gar nicht heißen, dass die noch mal gewinnt.“ „Vielleicht hat ja Seehofer auch einfach keine Lust mehr, sich das noch weiter anzutun.“ „Dann kann sie nur mit uns regieren.“ „Wer sagt das?“ „Erwarten Sie etwa, dass die CDU mit den Linken gemeinsame Sache macht!?“ „Gleich will er uns noch erzählen, die Linken würden das nur tun, um endlich an die Macht zu kommen!“ „Hähähä!“ „Er verwechselt die wohl mit den Grünen, wie?“

„Wie haben Sie sich das eigentlich vorgestellt, das mit der CDU?“ „Naja, die verliert, und dann werden wir…“ „Nein, mit der SPD als neue CDU. Wie wollen Sie das machen?“ „Wir könnten noch ein bisschen weiter nach rechts rücken. Also ein Ohr haben für die Sorgen und Nöte der Menschen, die es nicht so haben mit der Demokratie.“ „Weil wir es auch nicht so haben mit der Demokratie. Schon klar.“ „Das eröffnet uns aber langfristig auch neue Spielräume für Koalitionen.“ „Mit der CSU?“ „Das habe ich jetzt nicht sagen wollen, aber es gibt in der SPD ja auch noch andere Kräfte.“ „Leider.“ „Ich hatte Ihnen schon mehrmals…“ „Jaja.“

„Dann lassen Sie uns die Ärmel aufkrempeln und den Wahlsieg vorbereiten.“ „Gute Idee!“ „Welchen Wahlsieg?“ „Die Kanzlerin ist nach Ansicht ihrer Partei die beste Antwort auf die drohende Politik eines rot-rot-grünen Bündnisses, das die CDU unbedingt verhindern muss.“ „Und wann kommt das mit dem Wahlsieg?“ „Sie wird ja auch als Stabilitätsfaktor gesehen in Europa.“ „Als Retterin der freien Welt!“ „Allerdings!“ „Das ist beachtlich!“ „Hallo? Wahlsieg!?“ „Glauben Sie das etwa?“ „Darauf kommt es doch gar nicht an.“ „Das stimmt, und deshalb glaube ich das erst recht nicht. Die Merkel hat fertig!“ „Und deshalb glaube ich zum Beispiel ganz fest daran, dass wir mit der richtigen Idee, dem richtigen Kandidaten, einem guten Wahlprogramm, einen politischen Neustart in Deutschland hinkriegen.“ „Auf jeden Fall!“ „Na logo!“ „Aber wir haben doch nicht einmal ein Jahr bis zur Wahl. Wie wollen Sie das denn schaffen?“ „Hä!?“ „Wie bitte?“ „Entschuldigen Sie mal – wer redet denn von 2017?“