Nix da

15 12 2016

„… eine Selbstverpflichtung gefordert habe, in den sozialen Medien gegen gefälschte Nachrichten vorzugehen. Meldungen aus den Krisengebieten seien mit besonderer Vorsicht…“

„… nicht mit den Informationen der Behörden übereinstimmten. Cyrenius sei nach einer Quelle als Pfleger der Provinz bestellt, habe aber nach Nachrichten der US-Administration keine…“

„… es dem UN-Mandat widerspreche, Schwangere in Sammelstellen auf dem Staatsgebiet des jüdischen Landes zu verbringen. Internationale Beobachter hätten jedoch keinen Beleg für eine…“

„… nicht nach ethnischen Gesichtspunkten gesammelt worden seien. Aussagen, dass einzelne Internierte nach ihrer Zugehörigkeit zum Hause oder Geschlechte Davids in die Lager des jüdischen Landes zur Feststellung ihres Aufenthaltsstatus verbracht worden seien, könnten nicht mit der jeweiligen…“

„… einen Nachweis für die Eheschließung nicht beibringen könne, weshalb eine Pressemeldung sich mutmaßlich als nicht hinreichende…“

„… die Nachrichtenlage nur berücksichtigen könne, dass die amtlichen Statistiken über die örtliche Wohnungssituation für die…“

„… keine Anzeige einer Ordnungswidrigkeit der lokalen Aufsichtsbehörde vorliege. Der Aufenthalt von Ochs und Eseln sei aus hygienischen Gründen in den für die geburtsmedizinischen…“

„… es sich bei den Personen um Migranten oder Ortsfremde gehandelt haben könne, die nicht in der offiziellen Statistik der…“

„… müsse ein amtliches Traudokument der Verwaltung in dreifacher Ausfertigung (beglaubigte Kopien) eingehändigt werden, um eine nach der Gesetzesvorlage korrekte Genehmigung einer nicht am Wohnort mit Zuziehung von Amtspersonen genehmigte Niederkunft in einer gesetzlich…“

„… im Geburtsregister nachgetragen werden müsse. Das Melderegister könne eine offizielle Freigabe jedoch erst mit dem Ablauf des…“

„… das Verfahren erleichtert habe, indem der Kindsvater sowohl vor als auch nach er Geburt die Anerkennung des Kindes als sein eigenes…“

„… die Herberge aus einer Einraumwohnung bestanden haben solle. Dies entspreche nach den Vorschriften der Hartz-Gesetzgebung zwar dem geltenden Prinzip des Forderns, fördere wegen der anstehenden Vergrößerung der Bedarfsgemeinschaft jedoch noch keinen Mehrbedarf für die…“

„… dass Babyfotos der Personen während des Geburtsvorganges als nicht mit dem…“

„… man einen Mehrbedarf für Stillende nur dann anerkennen könne, wenn die Vaterschaft des Kindsvaters auch mit rechtsstaatlichen Mitteln… “

„… dem Vater eine Mitschuld geben könne. Die sozialrechtliche Rechtsprechung betrachte Frauen generell als krank, so sie sich als Schwangere auch innerhalb ihres Mutterschutzes um andere als sozialrechtliche Belange…“

„… nicht berichten könne, da ARD und ZDF über die Feiertage keine Korrespondenten in den…“

„… die verkehrsrechtlichen Belange der Polizei vertrete. Eine noch nicht identifizierte Gruppe mit eigenen Mitteln erleuchteter Personen habe auf dem Feld eine als Kundgebung nicht angemeldete…“

„… seine Frau nicht rechtzeitig gewarnt habe vor den Spätfolgen der Kindsgeburt. Er sei deshalb in einem minderschweren Fall wegen seiner nur in geringerem Maße…“

„… dass die internationalen Netze von der Berichterstattung ausgeschlossen worden wären, um nicht Konflikte zwischen den…“

„… Beamte zu Schaden gekommen seien. Die wegen ihrer fehlenden Landeerlaubnis mit einem Platzverweis bedachten Personenmenge, die nach vorläufiger Messung der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt zehntausend Trilliarden Billionen Quellen gehabt habe, sei wegen ihrer nicht behördlich genehmigten Landeerlaubnis zu einer für drei Wochen geltenden…“

„… das Kind in einer Krippe niedergelegt haben solle. Die sozialpädagogische Eingreiftruppe sehe dies als schwere Verletzung des…“

„… die Entziehung des Kindes ohne Eintrag ins Melderegister nicht als eine…“

„… drei Sozialarbeiter zum Brennpunkt gesandt haben solle, die sich jedoch verdächtig gemacht habe dürften, als sie mit gefälschten Königswürden und…“

„… den Medien keine Quellen für eine Herkunft der Heerscharen vorlägen, ob diese eventuell aus dem Personal des…“

„… einen der drei Sozialpädagogen identifiziert habe, da er mit Betäubungsmitteln und…“

„… die Hirten einen individuellen Anspruch auf ethnische Ausgrenzung stellen müssten, der jedoch wegen einer ethnischen Ausgrenzung, die unter Umständen auch ohne belastbare Zeugen als Ausgrenzung im Sinne von wenig mehr als einer einfachen Religionszugehörigkeit in einem…“

„… die Einreise in die Vereinigten Arabischen Emirate nach Einbehaltung der Pässe zuzumuten sei. Wer sich dann als Islamist zeige und für die Widerstandsbewegung rekrutieren lasse, sei es nicht wert, in Deutschland oder Europa in den…“

„… als international relevantes Vergehen werte. Zwar sei ein Aufenthalt in Ägypten wegen des allgemein als hoch eingestuften Risikos einer Vernichtung wegen der Religionszugehörigkeit nicht als wichtiges…“

„… die Nationalität der betreffenden Personen nicht genannt werden müsse. Die Medien seien in der Aufsicht ihrer Übernahme verantwortungsvoller Posten so ausgelastet, dass sie auf das christliche Abendland keinen…“





So ziemlich am Ende

21 12 2015

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

wieder einmal haben wir gemeinsam einen Jahrkreis zu Ende gebracht. Es war ein seltsames Jahr, nicht zu sagen: es war kein gutes. Der Abschiede waren genug, die Stimmung ist etwas gedämpft. Der bewegende Augenblick, als wir uns vor wenigen Tagen am Grabe des verehrten Doktor Conradi versammelten, der nach kurzer Krankheit von uns gegangen ist, hatte nun auch nicht lange angehalten, schon vor der Kapelle war Hildegard wieder in Hochform und hatte eigentlich an allem etwas auszusetzen. Der Sarg war ihr zu schlicht und der Kranz zu pompös, die Orgel zu laut – der gute Conradi hatte sich eigens etwas sehr Kompliziertes von Franck gewünscht, wohl auch, um bis ganz zuletzt jemanden auf einer Holzbank sitzend zur Verzweiflung zu treiben – sowie das Wetter ganz unmöglich für so eine Feier, das habe der alte Geschichtslehrer mit Absicht so eingefädelt, und überhaupt wisse sie nicht, was sie dort solle, sie habe ihr Abitur ganz woanders abgelegt. Tante Elsbeth, schon hoch in den Neunzigern und als die bekannt, die den späteren Pädagogen mit den Neutra der u-Deklination gepiesackt hatte, hört nicht mehr so gut, doch sie spricht zum Ausgleich deutlicher. Da es just auf die Festtage zugehe, so die alte Dame auf ihren Stock und meinen Neffen Kester gestützt, könne man doch sicher die Geschenke umtauschen. Sie nämlich wünsche sich vom Knochenmann den Doktor Conradi zurück und biete ihm dafür Hildegard als vollwertigen Ersatz. Es stockte der Trauergesellschaft der Atem, wenn auch aus mehr als einem Grund. Reinmar, mit dem ich seit Schultagen eine Freundschaft pflege, hatte das für sehr gut befunden; sobald Hildegard da angekommen wäre, wo wir alle dereinst hin müssten, würde er sich nicht mehr freiwillig bei uns blicken lassen.

Doktor Klengel war nicht minder erschüttert. Er hat sich zurückgezogen und seine hausärztliche Praxis einer jungen Kollegin übergeben. Hildegard mokiert sich über sie und hat schon angekündigt, diese Praxis nicht mehr zu betreten. „Das ist keine Ärztin“, verkündete sie, „die war doch eben noch eine Medizinstudentin!“ Auf die Frage, wie sie selbst ihr Staatsexamen überlebt hat, verweigert sie hartnäckig die Antwort.

Dass auch Horst Breschke nebst Gattin unter den Gästen waren, hatte mich zunächst überrascht, Frau Breschke erklärte mir den Grund für die Einladung. Die Herren hatten sich vor Jahren in einem Sparklub für Beamten des höheren Dienstes angefreundet, wo sie als Oberamts- beziehungsweise -studienräte die ordentliche Dosierung von Zahnpasta aus der Tube diskutierten und leere Toilettenpapierrollen als Kaminanzünder ausprobierten. Der rüstige Pensionär fragte auch gleich, ob ich ihm einen Nachruf auf den Freund für das monatliche Magazin des Klubs verfassen wolle.

Sie hatte den Geschichtslehrer zwar erst spät kennen gelernt, dennoch war Anne zugegen. Die Welt ist bekanntlich klein, und so erfuhr ich zu diesem Anlass, dass ihre Perle Sofia Asgatowna auch bei Conradis geputzt hatte. Max Hülsenbeck hatte sie diesmal nicht im Schlepptau, und sie wird ihn auch nie wieder mitnehmen. Er hat sich heimlich, still und leise verkrümelt, bei der Staatsanwaltschaft kennt man ihn nicht mehr – Husenkirchen weiß etwas, sagt aber nichts, das ist immer noch besser als andersherum – und seine ehemalige Wohnung ist längst neu vermietet. Das hat auch sein Gutes, denn seit längerer Zeit konnte ich keinen Schokoladenvorrat mehr anlegen, ohne zu sehen, wie Anne regelmäßig spätabends darin einfällt. Ich hatte schon erwogen, die Pralinen gleich bei ihr zu deponieren und die therapeutischen Gespräche telefonisch zu erledigen, aber sie ließ sich nie darauf ein. Im nächsten Jahr wird sie sich selbstständig machen und eine eigene Kanzlei gründen. Wer noch keine Kakaoaktien besitzt, sollte jetzt sein Depot großzügig aufpolstern.

Mandy Schwidarski von Trends & Friends ist in Schwierigkeiten geraten. Ob Travel-Experte Maxim oder der Kollege Minnichkeit ihr noch länger die Treue halten? Beiden ist sie inzwischen je drei Monatsgehälter schuldig, ich bekomme noch eine hübsche Summe für eine Titelgeschichte, und ihre Telefonnummer wird inzwischen von einer etwas desinteressierten Automatenstimme beantwortet.

Mit Siebels, der grauen Eminenz der deutschen Fernsehlandschaft, hatte ich schon lange kein Wort mehr gesprochen. Er rief mich vor ein paar Tagen an und teilte mir mit, dass er wie gewöhnlich noch einmal dreizehn Folgen einer TV-Schmonzette abreißen würde – Nonnen in der Karibik, dazu ein Krankenhaus, in dem gleichzeitig eine jugendliche Reporterin sitzt, die die große Liebe sucht und dazu nach Bad Sülze zieht – um die Reste aus dem Gebührentopf durch den Ausguss zu jagen. Er hat sich vor längerer Zeit das Rauchen abgewöhnt und wird nun langsam zum Hypochonder. Vielleicht umgibt er sich ja deshalb seit Jahren mit TV-Ärzten.

Sigune, die ich gerne ebenso wenig gesehen und gehört hätte, beschäftigt sich inzwischen mit den Unterschieden zwischen Vollmond- und Neumondwasser. Vermutlich hat das eine total andere Dinge im Gedächtnis als das andere, ich kann mich nur gerade nicht erinnern, welches. Sie hat es mir in einem länglichen, wirren Vortrag erklärt, ich aber war bereits nach der Hälfte vollständig paralysiert und fragte mich, wie ich der Lage möglichst ungesehen würde entfliehen können. Eine gefühlte Stunde später – die Nachbarin hatte mich schon über die Vorteile der Planetentonschalen für eine natürliche Verdauung aufgeklärt – klingelte unvermittelt ihr Telefon und erlöste mich aus einer Muskelstarre, von der ich mich erst Tage später wieder erholen sollte. Vielleicht hätte ich Sigune fragen wollen, ob eine tibetische Teppichfliese dabei hilfreich gewesen wäre. Man weiß ja nie.

Dies ist in knappen Worten die Stimmung, in der wir am Weihnachtstag nun in kleiner Runde in Bücklers Landgasthof das Fest feiern werden bei Ente und Hecht. Einige Flaschen vom 1995-er Wupperburger Brüllaffen und 1993-er Gurbesheimer Knarrtreppchen sind dabei, Bruno, Fürst Bückler und seine rechte Hand Petermann haben schon Einzelheiten durchblicken lassen, Hansi weiht nach Jahren ein neues Service ein, und da er zum Geburtstag seiner Cousine Sofia Asgatowna gekommen ist, wird auch Gennadi Jefimowitsch sich nützlich machen. Als langjähriger Pâtissier eines französischen Hotels wird er die Küche auf die eine oder andere neue Idee bringen.

Mein Großneffe Kester trägt seit wenigen Wochen den Doktorgrad und hat mir genau erklärt, warum ich das nicht verstehe. Er hält Gluonen für berechenbar wegen einer Antisymmetrielücke, die in der Wellenfunktion der Baryonen auftritt. Damit könnten in drei bis siebzehn Generationen Grundannahmen der Stringtheorie experimentell überprüfbar sein. Ein beruhigendes Gefühl, wenn man immer etwas zu tun hat. Mein Patenkind Maja ist mit dem Studium ausgelastet und sucht nach einer Eingebung, um den Satz von Kronecker-Weber auf beliebige Zahlkörper zu verallgemeinern. Da sage noch jemand, mit Mathematik könne man im täglichen Leben nichts anfangen.

Eine gute Nachricht immerhin habe ich auch fürs kommende Jahr, denn der allgemein geschätzte Freund und Kollege Gernulf Olzheimer, der mich am Freitag zu vertreten pflegt, hat nach einer längeren wie lauten Wutrede auf das deutsche Gesundheitssystem, bei der er einen schweren Kristallascher durch die gläserne Terrassentür des Friedhofscafés schmiss – ich vergaß zu erwähnen, dass auch er dem alten Conradi das letzte Geleit gegeben hatte – angekündigt, auch weiterhin regelmäßig und pünktlich seine Kommentare bei mir abzuliefern. Außerdem habe ich immer einen vernünftigen Cognac vorrätig.

Die Schachpartie am dritten Festtag steht fest, ich habe ein ganzes Jahr lang geübt, ein Gambit abzulehnen. Möglicherweise ist das lehrreich, nicht nur fürs Schachspiel. Der mir seit Kindertagen vertraute Freund wird jedenfalls schweigen, und das ist auch gut so.

Nun habe ich fast alles verraten, abgesehen von den Präsenten, daher hier noch einmal vor Zeugen: dieses Jahr schenken wir uns nichts. (Das Muranoschälchen für Anne und die Uhr für Hildegard tun hier nichts zur Sache.) Es war ein seltsames Jahr, nicht zu sagen: es war ein anstrengendes. Wie in den Jahren zuvor werde ich mich ein bisschen zurückziehen, und am Montag, den 4. Januar 2016, geht es weiter.

Allen Leserinnen und Lesern, die dies Blog fast oder fast ganz immer und regelmäßiger als unregelmäßig oder doch nur manchmal oder aus Versehen gelesen, kommentiert oder weiterempfohlen haben, danke ich für ihre Treue und Aufmerksamkeit und wünsche, je nach Gusto, ein fröhliches, turbulentes, besinnliches, heiteres, genüssliches, entspanntes, friedvolles und ansonsten schönes Weihnachtsfest, einen guten Rutsch und ein gesundes, glückliches Neues Jahr.

Beste Grüße und Aufwiederlesen

bee





Von Herzen

20 12 2015

Man soll ja, was man selbst, auch schenken,
und wenn man opfert, was man liebt,
wird der Beschenkte also denken,
dass man sein Herz ihm selber gibt.

Ich gab Paulinen, jenem Mädchen,
das wie kein Ding das Grüne hasst,
das grünste Schürzchen, das im Städtchen
man sah, und das zu Grün nur passt.

Ein grünes Häubchen, fein aus Seide,
nicht einmal edel, eher schlicht,
es geht so hübsch zum grünen Kleide,
und grüner nur ist ihr Gesicht.

Pauline wird es nicht vergessen.
Sie weint, bis ihr das Blut gerinnt.
Daran mag jeder wohl ermessen,
wie herzlich meine Gaben sind.





Am Weihnachtsbaume die Lichter brennen

16 12 2015

„Und dann habe ich hier eine Reihe aufgestellt.“ Die mit Leitungswasser gefüllten Senfgläser gaben der adventlich geschmückten Stube einen ganz eigenen Reiz. Breschke wiegte sich stolz in der Hüfte. Keiner Feuersbrunst würde sein Haus zum Opfer fallen.

„Man muss nämlich sofort etwas zum Löschen griffbereit haben“, belehrte mich der Hausherr. „Wenn Sie erst in die Küche laufen müssen, ist es meistens schon zu spät.“ Neben dem Bäumchen auf dem Papppodest, letzteres in ein rotgoldenes Geschenkpapier geklebt, stand ordentlich ein Zinkeimer mit zehn Litern Wasser. „Der ist aber nur für die großen Brände, man muss ja nicht gleich an das Schlimmste denken.“ Ich hatte trotzdem den Verdacht, der alte Herr würde den Eimer nicht in die Höhe heben können, wenn es denn wirklich einmal brannte. Aber vielleicht täuschte ich mich auch, denn Horst Breschke hatte für diese Weihnachten die Sicherheitsbestimmungen klar verschärft. „Nur noch Wachskerzen“, verkündete er im Brustton der Überzeugung. „Dieses künstliche Zeugs kommt mir nicht mehr ins Haus.“

So unberechtigt war seine Sorge nicht. Die drei Lichterketten, die Breschkes im vergangenen Jahr in ihr schmuckes Bäumchen gewickelt hatten, sahen zwar in der orientalisch-bunten Verpackung noch einigermaßen vertrauenerweckend aus, doch schwand der Eindruck zusehends, als das leichte Flirren, das die winzigen, aber erstaunlich hellen Lämpchen beständig von sich gaben, sich zu einem unrhythmischen Blinken ausweitete. Wie nun die Dame des Hauses eines ihrer bronzenen Engelchen an den Zweig vor der stotternden Birne hängen wollte, zuckte sie empfindlich getroffen zurück; der zu erwartende Kurzschluss, der ein elektrisches System hätte sichernd abschalten müssen, er trat indes nicht ein. So merkte sie erst einige Minuten später wieder auf, als brenzliger Geruch die Stube durchzog. Das Wollfädchen, daran der Bronzeengel hing, kokelte schon munter vor sich hin und hätte um ein Haar Feuer gefangen an der viel zu heißen Lampe, die laut Schachtel Füer dem christ Baumm geeignet war, auch Ganz tagen leuchtende an, und obwohl sich Produkt und Beschreibung wie ein Weltfrieden versprechender ost-östlicher Divan lasen, wäre die ganze Sache fast in einer Katastrophe geendet. Breschkes Tochter hatte die Leuchtapparaturen aus zweifelhafter Quelle irgendwo im zolltechnischen Niemandsland zwischen Frankfurt und Singapur erstanden, ohne Preis oder Prüfsiegel. Mehr musste man im Prinzip nicht wissen.

„Wir haben sie entstaubt, und jetzt hängen sie wieder.“ Der pensionierte Finanzbeamte zupfte die bleiernen Kerzenhalter zurecht. Stilisierte Glocken beschwerten die kleinem Metallkelche, die die Zweige bedenklich nach unten zogen. „Deshalb brauchen wir auch die Löschvorrichtungen, denn man muss ja gerüstet sein.“ Wenigstens saßen die roten Stearinkerzen fest in den Halterungen; sie stammten aus dem Supermarkt, waren noch keine zehn Jahre alt und aus hiesiger Produktion. Man muss ja irgendwo mit den Sicherheitsmaßnahmen anfangen. „Stecken Sie schon mal die obere Reihe ein“, bat Breschke mich, „ich hole eben schnell die Übertöpfe.“

Tatsächlich hatte er ein halbes Dutzend Töpfe, in denen sonst Alpenveilchen auf ihren jähen Tod warteten, mit Wasser gefüllt. „Nehmen Sie mir mal das Tablett ab“, ächzte er. Ich stelle sie dann auf das Rauchtischen. Dabei handelte es sich um ein nierenförmiges Möbel, so hässlich wie halbhoch, das in der Ecke zwischen Sofa und Wand klemmte und sich ansonsten nicht blicken ließ. Hier aber sollten es eine tragende Rolle übernehmen. „Ich würde die ganzen Töpfe erst mal auf den…“ Doch ich kam gar nicht zu Wort. „Hier hat man sie besser zur Hand“, befand Horst Breschke. „Meine Frau sitzt meist am Tisch, oder sie liest da drüben im Sessel, aber hier habe ich nun mal den besten Zugriff. Wenn es wirklich einmal brennen sollte, kann man sich keine Verzögerung erlauben.“

Die anderen Gemüsegläser – Breschkes mussten sich wochenlang von Rotkohl ernährt haben – standen sorgsam aufgereiht an der Fußleiste. Zur Probe beugte ich mich nach unten, erwischte gerade eben ein Glas mit der Hand, bevor ich fast das Gleichgewicht verlor. Aber im Ernstfall würde das sicherlich viel schneller gehen.

Da passierte es. Knapp unter der Spitze bekam eine Kerze jäh Schlagseite, kippte gefährlich und tropfte ihre flüssige Last nach unten auf die Wachsdecke. Wie vom Blitz getroffen sprang Breschke auf, hievte den Blecheimer mit zitternden Fingern aus der Ecke und packe mit der flachen Hand auf den Boden des blechernen Kübels. „Jetzt warten Sie doch“, rief ich, „die Kerze kann man doch mit dem…“ Doch es war zu spät. Schnaufend stieß Breschke das Gefäß hoch, verhakte sich mit dem Pantoffel in der Teppichkante – das Zimmer schien den Brandschutzrichtlinien nicht ganz zu entsprechen – und landete nach einer Halbdrehung rücklings im Sessel, der nach hinten kippte. Ein gutes Dutzend Senfgläser polterte klirrend auf ihn herunter.

„Guter Preis“, meinte Frau Breschke. „Zwanzig Euro pro Lichterkette, das nenne ich einen guten Preis, und die haben ein TÜV-Siegel. Nehmen Sie noch ein paar von den Zimtsternen mit, aber wo wir schon einmal dabei sind: ob Sie mir den Kübel eben mit Sand füllen, unten im Keller? Man weiß ja nie.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCXIV): Der Weihnachtsmarkt

4 12 2015
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

So viele verhaltensoriginelle Wesen gehen ihrer Beschäftigung als Vollzeitdeppen nach, so viele penetrante Hohlmurmeln machen einander und leider auch uns das Leben schwer. Und das nicht nur zur Weihnachtszeit – aber da nun nicht minder. Gibt es denn eine Entschuldigung für den Drang nach Sturm und Trank, wie er sich jahreszeitlich stets dann entlädt, wenn die Dunkelheit gnädig die seltsam schwankenden Gestalten schluckt? Als Allzweckwaffe kann wohl nur die Tradition gelten, höchstens die saisonale Bündelung der Symptome, wie sie zum Glücke nur einmal auftritt, und zwar genau dann, wenn sich die Sache zum Ende neigt. Der Weihnachtsmarkt duldet keinen Aufschub.

Schließlich tentakelt die unschuldigen Opfer schon weit vorher der olfaktorische Haken an, die Wehrlosigkeit und den depressiven Grundzustand frivol ausnutzend, da die Kälte von jenem Gemisch aus gasförmigem Zucker und atmosphärischem Fett penetriert wird. Schmalzgebackene Schwarte von Zimtwurst trifft auf Lebkuchenpunschbraten, leise Kopfnoten von Reifenabrieb und Holzwolle wabern seicht in gegrillte Fruchtsuppendünste, Honig und Karamellschweiß. Das Grillrostinferno offenbart dem unbedarften Konsumenten ein Sperrfeuer aus Schokolade und Speck, Kanonaden von Kardamom und Vanille, bis die Magenschleimhaut sich bebend ergibt. Noch eine Thüringer mit Käsespieß, noch ein Eimer kandiertes Konfekt, schon sieht der Gebeutelte sich konfrontiert mit einer Portion Crêpe in Marmeladenplempe, deren Kaloriengehalt die gröbsten Wirkungen der letzten Missernte im Sahel spontan zu lindern geeignet wäre. Von Vorglühwein und einer Portion Spanferkel auf Toast entspannt wagt sich der Besucher an die nächste Bude, wo Printen und Bier etwaige Stimmungsabschwünge einebnen, bevor der Kau- und Schlingprozess im Reich der vegetativen Reflexe ausklingt.

Die äußeren Reize tun ein Übriges, die bereits kräftig angeheiterten Querkämmer zu enthemmt bis durchgebraten anmutender Dämlichkeit zu treiben. Wie in der Schülerdisko orgelt die akustische Schräge quer durch alle verfügbaren Dimensionen, und auf ähnlichem Niveau verfängt die Lightshow, jene aus ein paar grellbunt verschwiemelten Leuchtmitteln mit und ohne Blink-Blink hergerichtete Zufallsinstallation, die auch gestandene Phlegmatiker zu spontanen Ausbrüchen ad hoc erworbener Epilepsie triggert. Da schon seelisch stabile Typen – buddhistische Mönche während der Selbstfindungsphase, Heilige im Endstadium oder Mitglieder des Xavier-Naidoo-Fanklubs Bad Bramstedt, komplett schmerzfrei – in seltsam arhythmische Zuckungen übergehen, die sich auch nicht durch sanfte Massage der Schwarte beheben lassen, so ist hier Vorsicht geboten. Der handelsübliche Weihnachtsmarktbesucher hält nur wenige Humpen lang durch, bis er sich schreiend ergibt und sein Frühableben in Aussicht stellt, wenn er nicht schleunigst aus dem Blitzgewitter fliehen kann. Mit der ortsüblichen Mixtur von billigem Rotwein, Zimt sowie Speck-Konservierungsstoff-Tierimitat in der Plauze lehnt sich der Flaumeier zurück gegen die Wand und lauscht dem Kreiseln der Mageninnenwände, bis seine Peristaltik ihm brüllend den Weg zur nächsten Abfallsammelstation befiehlt.

Allein, da kommt er nie an. Nicht wenig vom Charme des winterlichen Budenzaubers wächst daran, wie die Besucher sich formschön und elegant des sauren Gewölles entledigen, das ehedem Äpfel, Nüss’ und Mandelkern war, jetzt aber als Upcycling fürs innerstädtische Vogelfutter der Gemeinde eine Menge bares Geld erspart. Πάντα ῥεῖ sagt der Grieche. Wie begonnen, so geronnen.

In Wahrheit können weder das ostinate Gedudel baufälliger Weihnachtsfolklore aus schrammelnden Kleinstlautsprechern noch der strenge Geruch der knietiefen Brockensammlung, der das nächtliche Pflaster bis zum Morgengrauen verseift, davon noch ablenken, dass es sich um eine gezielte Aktion handelt. Was von außen wie ein ganz normaler Auffüllplatz für Freakshowkandidaten anmutet, die sich turnusgemäß ins Rudelkoma bembeln, ist eine Maßnahme zur Wahrung der inneren Sicherheit. Tausende Arbeitnehmer, die sich die erforderliche Elastizität im Bewegungsapparat antrinken und den gewünschten Appetit erzeugen, der zur optimalen Durchführung einer betrieblichen Jahresendfeier unabdingbar scheint, landen nach erfolgreichem Vollzug – einschließlich unsittlichen Anträgen, sinnlosem Gelalle vor versammelter Belegschaft sowie Frustsuff anlässlich einer ausbleibenden Beförderung im bevorstehenden Geschäftsjahr – wieder auf dem Areal zwischen Fußgängerzone, Markt und Parkplatz, das noch immer mit höhnisch flimmernder Reklame Alkoholika und Feststoffe anpreist. Ein letzter Trunk vor dem Filmriss, eine Schinkenknacker mit lappigem Brötchen, schon ist der posttraumatische Bürger wie geblitzdingst. Wo etwas rauskam, wird auch wieder etwas reingehen. Irgendwann später jedenfalls. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.





Es musste so kommen

23 12 2014

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

ja, es sieht etwas chaotisch aus, aber das kam so: Als Hildegard, und eigentlich war auch das nicht geplant, weil sie über die Festtage immer wegfährt, sie wollte wie gesagt Geschenkpapier mitbringen, Band hatte ich noch, und deshalb war das im Arbeitszimmer neben dem Schreibtisch, aber alles noch nicht eingepackt, und – nein, ich muss anders beginnen. Ich müsste überhaupt einmal beginnen, am besten ganz von vorne.

Mit den Geschenken, und eigentlich mit der Sitte des Schenkens. Weil wir inzwischen dazu übergegangen sind, einander mit großen, größeren, immer größeren Päckchen und Paketen und Kisten und Kästen zu überhäufen, die längst nicht mehr unter einen handelsüblichen Weihnachtsbaum passen. Was andererseits auch den handelsüblichen Weihnachtsbaum, nachfragebedingt sowie am Zeitgeist orientiert, wieder ein Stückchen größer macht, so dass inzwischen auch XXXXXL-Pakete darunter Platz haben, was die XXXXL-Päckchen eben zu klein aussehen lässt, mit dem Ergebnis, dass… – Was rede ich hier überhaupt, wir kennen das doch alle. Alle Jahre wieder. Bald werden wir alle in größere Häuser umziehen müssen, weil wir den Platz für die größeren Bäume brauchen, unter denen dann die größeren Pakete liegen können, die wir uns aber nicht mehr leisten können, da wir jetzt ja in größeren Häusern leben müssen.

Weihnachten ist, sehen wir der Sache ins Auge, vor allem ein betriebswirtschaftliches Problem.

Das fing damit an, dass Hildegard eben nur eine Sorte Geschenkpapier mitbrachte, ein durchaus sehr hübsches Muster mit roten Sternen auf goldenem Grund, dickes, voluminiertes Papier, das man knifft und klebt und zum Halten bringt, ohne sich die Finger daran aufzureißen, kurzum, das Verpacken würde dieses Jahr wirklich eine Freude sein. So dachte ich, und damit nahm die Sache ihren Lauf. Es waren auch die passenden Anhänger vorhanden, für jeden einen, um noch einen herzlichen Wunsch an den jeweils Beschenkten mitzuschicken, aber dafür muss man eben aufpassen und die Pakete nach dem Packen auch in der richtigen Reihenfolge verstauen, vorsortieren, ordnen, wenn man nicht, ich gebe es zu, zur komplizierteren, da einfacheren Lösung greift: ein Geschenk, beispielsweise graue Wollsocken im Doppelpack, liebevoll einschlagen, zukleben, mit Band und Schleife versehen, um eine traditionelle Verschnürung vorzutäuschen, den Anhänger zwecks eindeutiger Zuordnung an das Ding pfriemeln, dann das nächste Zeugs verpacken. Irgendwann verspürt man den Wunsch, das komplette Christfest einzutüten, um es en gros aus dem Fenster zu schmeißen, aber je nach Größe der Familie und Anzahl der Beschenkten ist es mit zwei oder drei Anfällen erledigt.

Dann aber nahm das Schicksal seinen Lauf. Hildegard, die das Konvolut vor dem Schreibtisch sah, montierte von links nach rechts die ihrer Ansicht nach passenden Anhänger an die Präsente. (Logisches Denken ist ihre Stärke, es sei denn, sie entscheidet sich unterwegs anders.) Und so fuhr sie getreu sämtliche Geschenke aus und gab sie ab, während ich je zwölf Flaschen 1995-er Wupperburger Brüllaffen und 1993-er Gurbesheimer Knarrtreppchen – die geneigte Leserin, der aufmerksame Leser wird beide als exzellente Tröpfchen kennen, weil sie schon öfters eine Rolle in meinem Salon gespielt haben – einlud und in den heimischen Keller spedierte. Ich also kam zurück, Senf hatte ich keinen dabei, dafür war auch noch nicht Heiliger Abend, und stellte fest, dass die Bescherung bereits stattgefunden hatte. Jeder hatte seine Gabe erhalten. Meinte Hildegard.

Die Bückler-Brüder, Küchenchef Bruno, den sie voller Respekt Fürst Bückler zu nennen pflegen, und sein Bruder Hansi, bedankten sich mit milder Ironie, da ich sie mit einer Nudelmaschine bedacht hatte. Endlich, teilte mir Bruno mit, würde er sich an komplizierte Gerichte wie Maultaschen wagen können, ohne dem Küchenjungen das äußerst gefährliche Wellholz erklären zu müssen. Aus dem Hintergrund hörte ich Petermann feixen, Entremetier und des Meisters rechte Hand, wie er sich zu Ostern ein Küchenmesser wünschte. Ich hatte den Schaden, der Spott folgte, und doch glaubte ich noch an einen dummen Zufall. Wie ich mich getäuscht haben sollte.

Denn kaum hatte ich die Tischreservierung bestätigt und eingehängt, da klingelte es schon wieder. Siebels, die graue Eminenz unter den TV-Produzenten, meldete sich vom Flughafen, da er zwischen den Jahren wieder einmal schnell dreizehn Folgen Traumklinik im Ozean oder ähnlichen Schrott abdrehte, um die Gebühren des laufenden Jahres zu verballern. Er war sehr angetan von seinem Geschenk, bedauerte aber, es aus Sicherheitsgründen hier deponieren zu müssen. Ob ich das nicht bedacht hätte. Ich war verwirrt. Bis mir auffiel, dass er das Schweizer Armeemesser bekommen hatte. Es passte, und das war noch das einzig Gute an der Sache.

Schon stichelte Hildegard. Dass ich auch keine individuellen Weihnachtsgeschenke zu machen bereit wäre, dass bei mir immer alles gleich aussähe und über einen Kamm geschoren würde. Kurz bevor ich dem Kristallaschenbecher ausweichen konnte, hatte ich noch gefragt, wer denn auf die Idee mit der einheitlichen Sorte Geschenkpapier gekommen war, aber da war die Sache schon so gut wie gelaufen. Sie hatte sich auf meinen Fehler mit den nicht genau gekennzeichneten Geschenken kapriziert, mir eine quasi sozialistisch anmutende Gleichmacherei unterstellt – „Rote Sterne! Du wirf mir noch einmal schlechten Geschmack vor, rote Sterne! Zu Weihnachten!“ – und schon nach einer Viertelstunde jede weitere Diskussion abgelehnt.

Was allerdings noch lange nicht meine Rettung war. Mandy Schwidarski, die noch immer höchst erfolgreich ihre Agentur Trends & Friends durch die Wogen der öffentlichen Aufmerksamkeit fuhr, teilte mir per SMS mit, dass sie sich schon immer einen Motorradkalender gewünscht hatte. Dass sie ohne die ansonsten typischen leicht bekleideten Damen, im Fachjargon als Fahrerzubehör bekannt, auskommen musste, monierte sie nicht. Ich hätte es wissen können.

Wir gut, dass ich mein inzwischen nicht mehr so halbwüchsiges Patenkind Maja mit regelmäßigen Zuwendungen bedenke und im Dezember die Zahlung leicht anpasse. Sie hat das Studium der Mathematik aufgenommen und bekommt wie zuvor mein Großneffe Kester, der gerade in theoretischer Physik promoviert wird, ihr Geschenk in guter Dosierung. So wird die Dankbarkeit auch nicht auf den Weihnachtstag beschränkt.

Sofia Asgatowna, Annes Perle, bekommt gleichfalls ihr Geschenk. Sie putzt zwar nicht bei mir, sorgt aber für Ruhe bei der Freundin und hat sich dafür eine Flasche vom guten, ja sehr guten Champagner verdient, den auch Staatsanwalt Husenkirchen nebst Gattin und Tante Elsbeth am letzten Adventssonntag erhalten. Da ist Ordnung.

Aber Anne, ach! fühlt sich schon wieder tödlich beleidigt. Ihr in hübsches Halbleinen gebundenes Handbuch des Königsgambit empfand sie als böse, ja bitterböse Geste, da sie sich mit dem Schach so gar nicht auskenne und diese Anspielungen auf ihren Beruf – sie ist nun mal Juristin, wenngleich eine sehr gute – strengstens verbitte. Ich habe es versucht. Ich habe alles versucht. Es half nichts, sie wird mich nicht mehr kennen. Sie fährt mit Hülsenbeck in den Weihnachtsurlaub, dieses Jahr in die Seealpen, und wird nicht vor dem zweiten Festtag mitten in der Nacht heulend vor meiner Tür stehen. Die Schokolade liegt schon bereit.

Trends & Friends rief noch einmal zurück, diesmal war es Minnichkeit, der sich brav, aber etwas verklemmt für die Heine-Gesamtausgabe bedankte (und fragte, wie lange er zum Lesen bräuchte). Ich habe keine Hoffnung, dass er sie je aus der Verpackung nimmt, und ich bereue, dass ich nicht die Lenin-Ausgabe in Kunstleder zum Bruchteil des Preises gekauft habe. Nicht gelesen ist nicht gelesen, und nur das Ergebnis variiert. Vielleicht ist das bei Heine sogar schlimmer.

Zwischendurch klingelte Sigune, die leicht unzurechnungsfähige Nachbarin. Sie musste wohl zwischen der Sprechstunde mit den Topfpflanzen und Feng-Shui-Möbelrücken eine freie Minute gefunden haben, jedenfalls freute sie sich über die exotischen Räucherutensilien. Dass es sich bei den chinesischen Pfeffern, Sumach und spreizender Melde nicht um Lufterfrischer handelte, kam gar nicht erst zur Sprache. Es würde in den nächsten Wochen nach kokelndem Kurkuma riechen. Was sollte ich nur tun.

Gerade plante ich einen längeren Aufenthalt am Südpol, da meldete sich Jonas. Er, der unter allen Umständen jung bleiben wollte, meckerte recht deutlich über meine Idee, ihm eine gebundene Gesamtausgabe des Teckelzüchter-Almanachs (1997 ff.) zu schenken. Ob ich noch alle Tassen im Schrank hätte. Und überhaupt. Gut, dass Herr Breschke mit begeistertem Lob die Situation wieder rettete. Bismarck, der vierbeinige Freund des pensionierten Finanzbeamten, hatte die Leckerchen erst gar nicht anrühren wollen, doch Horst Breschke probierte eins und fand sie sehr schmackhaft. Seine Frau ebenso. (Seine Frau die Süßigkeit, damit hier keine Missverständnisse auftreten.) Gut so, die Mangobonbons waren nicht für sie bestimmt gewesen, aber immerhin hatte Breschkes Tochter sie auf einem Landausflug in Tunesien besorgt. Zollfrei.

Doktor Klengel bedankte sich für die Krawatte. Es klang wie ein auf den Anrufbeantworter gesprochener Formbrief.

Die Szene des Abends jedoch lieferte – als ob ich es noch betonen müsste – Hildegard. Als Lehrerin benötigt sie natürlich ab und zu eine Gedächtnisstütze, sie verfügt über einen dieser Ringbuchkalender, die man jährlich mit neuen Blättern befüllt, um sie in der Handtasche mit sich zu führen. Vermutlich war es das karierte Papier. Hätte ich sie je in einem unvorsichtigen Moment geheiratet, dies wäre die Scheidung gewesen. Was für ein Donnerwetter. Wenigstens war ich sie danach los, denn sie setzte sich sofort in den Wagen und fuhr. Es musste so kommen, und dass es so kam, macht die Sache nicht angenehmer.

Aber auch nicht unangenehmer. Reinmar, der beste Freund, der aus Kindertagen, der auch wieder für eine Partie Schach vorbeischauen wird, für einen Abend, an dem keine zehn Worte gesprochen werden müssen, fand die asiatischen Heilsteine sehr schön. Er meinte, er würde sie wohl in seinem Garten als Schmuck auf den Beeten einsetzen. Oder im Aquarium. Oder in einer Blumenschale. Ein gutes Geschenk erreicht immer den Menschen, dem es gilt.

Nur mein Kollege Gernulf Olzheimer, mein störrischer Gefährte, der noch immer Äxte sammelt und mit knirschender Feder seine Tiraden schreibt, der wollte nichts. Wir schenken uns nichts, und das gilt in jeder Hinsicht. Er bleibt mir ein weiteres Jahr verbunden. Das ist mir Geschenk genug.

Erschöpft sinke ich zurück. Was für ein Jahr, was für Sitten. Hätte ich das vorher gewusst ich hätte… – nein, ich hätte es nicht anders gemacht. Nichts davon. Sonst kann man das gar nicht machen. Und so soll es auch bleiben. Weshalb ich kurz Luft holen will, um ab Montag, den 5. Januar 2015, einen neuen Jahrgang zu beginnen.

Allen Leserinnen und Lesern, die dies Blog fast oder fast ganz immer und regelmäßiger als unregelmäßig oder doch nur manchmal oder aus Versehen gelesen, kommentiert oder weiterempfohlen haben, danke ich für ihre Treue und Aufmerksamkeit und wünsche, je nach Gusto, ein fröhliches, turbulentes, besinnliches, heiteres, genüssliches, entspanntes, friedvolles und ansonsten schönes Weihnachtsfest, einen guten Rutsch und ein gesundes, glückliches Neues Jahr.

Beste Grüße und Aufwiederlesen

bee





Naturbelassene Schönheit

17 12 2014

„Wir nehmen den da. Nein, nicht den. Den da hinten. Genau den.“ Der Händler griff ein bisschen missmutig in die Schar der Weihnachtsbäume, als hätte Hildegard gerade versucht, ihm den Star des Sortiments, die einzige nicht verkäufliche Tanne zu entreißen. Sie war groß, sogar für die ansonsten doch eher schlank und dafür kurz bis mickerig und irgendwie gedrungen und eher klein gewachsenen Bäumchen, insgesamt zwei bis drei Köpfe größer als die anderen. „Wir stellen das Ding dies Jahr auch nicht aufs Podest“, befand die Gefährtin, „das haben wir ja bei Breschkes gesehen. Am besten ist immer noch die Natur, vollkommen unberührt. Also naturbelassene Schönheit.“

Das Manöver mit dem Netzschlauch hatte das Feiertagsgehölz halbwegs unbeschadet überstanden, doch schon das Verlasten auf den Dachgepäckträger brachte Hildegard in Rage. „Hier sollten Schlaufen sein“, nörgelte sie. „Warum sind denn hier keine Schlaufen?“ Meinen Vorschlag, nächstes Jahr einen Baum mit Schlaufen im Stadtwald zu suchen, an Ort und Stelle selbst zu schlagen und dann nach Hause zu transportieren, ignorierte sie schlicht. Den Hinweis, dass es sich bei diesem Gepäckträger um den eigenen handelte, der zufällig auf ihrem Wagen angebracht war, nahm sie auch nicht zur Kenntnis. Sie ließ mich nur wissen, dass sie nun schnellstens nach Hause wollte.

Eine Viertelstunde später standen wir vor dem Haus, das mir seltsam bekannt vorkam. Richtig, schoss es mir durch den Kopf, hier wohnte ja ich. „Ein bisschen schneller“, befahl Hildegard, „ich will heute noch fertig werden mit dem Baum.“ Ich seufzte. Warum musste ich auch ins Dachgeschoss ziehen, wenn sie einen Tannenbaum dorthin haben wollte. Einen großen Tannenbaum. Einen großen, stark pieksenden Tannenbaum, der aus reiner Bosheit schon jetzt zu nadeln begann.

„Etwas weiter rechts“, kommandierte sie. „Nein, so viel nicht – nur etwas.“ Das Gewächs ragte mir ins Gesicht. Hildegard stampfte ungeduldig mit dem Fuß auf. „Jetzt stell Dich doch nicht so an!“ Gut, dass ich den Baum sah und nicht sie. „Du musst ihn auf der Treppe ein bisschen drehen.“ „Also die Spitze nach unten“, knurrte ich. Sie verstand es nicht. „Natürlich nicht, wozu kaufe ich eine schlanke, gerade gewachsene Tanne – um ihr dann diese harmonisch gewachsene Spitze abzukneifen?“ Ich hätte wetten mögen, dass dieser Frage ein rhetorischer Unterton innewohnte.

Noch vor Einbruch der Dunkelheit hatten wir das Dachgeschoss erreicht. Der Baum stand vor der Tür und ich vor dem Baum. „Ins Wohnzimmer“, überlegte Hildegard, „oder stellen wir ihn erstmal ins Arbeitszimmer?“ Meine Idee, ihn vom Balkon wieder in den Innenhof zu befördern, weil er sich an der nächtlichen Winterluft länger frisch halten würde, perlte an ihr ab. Oder ich hatte es eine Spur zu leise gesagt. Immerhin durfte ich meine eigene Wohnung aufschließen, was nicht so ganz einfach war. Ich stand ja, wie gesagt, hinter dem Baum.

Der Fuß, frisch abgesägt oder eben auch nicht, hatte auf dem Treppenabsatz einen kleinen Flecken hinterlassen. „Das kriegt man ganz einfach mit – Vorsicht!“ Instinktiv riss ich die Tanne an mich. Hildegard schüttelte sich, die Tanne auch. Doch nur sie verlor dabei eine Menge Nadeln. „Du wärest fast an die Lampe gestoßen“, sagte sie voller Sorge. Scherben im Flur, das hatte mir noch gefehlt. Allein ich musste sie falsch verstanden haben. „Die Spitze“, flehte Hildegard, „pass auf die Spitze auf!“ Ich hielt den Baum schräg. Wie mit einer Rakete, vielmehr: einem festlich begrünten Rammbock voraus stapfte ich ins Wohnzimmer. An der Tür hielt ich an. „Es passt nicht“, stellte ich fest. Der Baum war zu hoch, genauer: er war sehr viel zu hoch. Immer vorausgesetzt, Hildegard hatte sich nicht längst für Schräglagerung entschieden.

Wer sie kennt, hätte es nicht befremdlich gefunden, dass sie mir das Ding energisch aus den Armen wand und damit resolut ins Zimmer ging. „Pass auf“, warnte ich, denn schon hinterließ das Bäumchen eine beträchtliche Nadelspur auf dem Teppich. Eine abrupte Drehung, Hildegard in zentraler Position, der Baum als Ausleger, ein Mittelast in zentrifugaler Stellung, und das Nadelbett ergänzten zartblaue Splitter. „Das Murano-Schälchen“, heulte ich auf. Zwei hatte sie schon zerstört, beide auf ihre Art unwiederbringlich und ein geliebtes Souvenir aus der Lagunenstadt. „Was lässt Du das auch auf dem Flügel stehen“, gab sie indigniert zurück. „Außerdem war das nicht ich, sondern der Baum.“

Genau einen Quadratmeter hatte ich frei für den Weihnachtsbaum. Sie nahm Maß. Traute ihren Augen nicht. Lief rot an vor unbändigem Zorn. „Die Spitze!“ „Wir können ihn natürlich auch unten ein bisschen kürzen“, tröstete ich sie. „Den halben Meter sieht man nicht.“ Wobei das Ding parterre bereits derart genadelt hatte, dass man ein weiteres Tiefgeschoss nach dem Sägen würde entfernen müssen, und noch eins, und noch eins, und noch eins. Bei Breschkes sah so ein kleines, preiswertes Bäumlein preziös aus. Breschkes besaßen allerdings ein schmuckes Podest. „Man könnte“, überlegte ich, „die Spitze eine kleine Idee kappen.“

Der Transport ging relativ schnell. Hildegard zog die Balkontür mit einem Ruck wieder zu. Der Baum stand wieder im Grünen. Kein Wunder, beim Aufprall hatte er sich auch einer größeren Menge an Nadeln entledigt. Nur noch edler, schlanker Wuchs blieb dem Weihnachtsschmuck. Wenn man ihn so von oben sah, er war wirklich eine naturbelassene Schönheit.





Bis zum Äußersten

10 12 2014

Sie war ein wenig dürr und eher klein geraten. Außerdem schien sie nicht ganz standfest. Aber Herr Breschke hatte sich sofort in sie verliebt. „So ein wunderbares Exemplar“, schwärmte er. „Und er hat sie mir zum Sonderpreis gelassen, weil er Platz für die Nordmanntannen brauchte. Glück muss man haben!“

Das Bäumchen stand auf einem kleinen Podest, genauer gesagt: einem leicht zum Wackeln zu bringenden, da leeren Pappkarton, den Frau Breschke mit rotgoldenem Papier beklebt hatte. „Es sieht wirklich festlich aus“, stellte der Hausherr fest. „Weihnachtliche Farben, das passt auch so schön zur Adventsschale, und dazu haben wir in diesem Jahr auch das hübsche Gesteck von Doktor Klengel geschenkt bekommen.“ Ich musterte die Wohnung mit zusammengekniffenen Augen. Alles leuchtete, glitzerte und verbreitete eine penetrante Stimmung, die sofort dazu animierte, ins Freie zu entfliehen. „Großartig“, pflichtete ich bei, „wirklich wundervoll. Und dabei haben Sie noch nicht einmal den Baum geschmückt.“

Bismarck schaute aufmerksam zu, wie Horst Breschke den Kasten die Kellertreppe herauftrug. Er lief seinem Herrn nur einmal kurz zwischen die Beine – der touchierte mit dem Ellenbogen auch nur eben das Adventsgesteck, das auch prompt ein wenig zu rieseln begann, allerdings nur in die ohnehin saugbedürftige Perserbrücke. „Er ist ja immer so aufgeregt“, beruhigte er mich. „Es ist ja wegen – also, ich meine, ich kann Ihnen das – aber Sie dürfen auch nicht lachen!“ Ich runzelte die Stirn. „Der Baum, richtig?“ Breschke nickte verschämt. „Man kann einen Dackel nicht täuschen, wissen Sie? Er sieht sofort, dass es ein Baum ist, ganz egal, was wir da reinhängen.“ Ich hatte den Deckel der Schmuckschatulle schon leicht gelupft. „Schmücken Sie“, riet ich. „Schmücken Sie bis zum Äußersten. Geben Sie nicht auf, es ist genug von allem da.“

Fuder von Lametta quollen aus einer Papiertüte. Die Silberstreifen waren teils silbern und teils nicht, manche breit, manche weniger, manche nicht mehr eindeutig als Lametta zu identifizieren. „Früher war ja mehr“, seufzte Breschke. „Aber wir haben auch schon seit Jahren keins mehr gekauft, und die ganzen Reste reichen kaum noch für einen Baum. Deshalb haben wir auch nur noch einen kleinen.“ Die Flitterfäden hingen wirr herunter. Er war hier und da ein Nest in den Baum. Die Äste schaukelten bedächtig. An der linken Seite neigte sich eine große Gabelung. Der pensionierte Finanzbeamte hängte zum Ausgleich rechts auch noch ein paar Stanniolsträhnen hin. „Für die Symmetrie“, ließ er mich wissen. „Das muss doch ebenmäßig und harmonisch und – halt, das sind die großen Kerzen!“

Schon hatte er mir die Glühlämpchen aus der Hand genommen. Immerhin waren es nach diversen Explosionen und Experimenten im häuslichen Hochspannungsbereich nur noch zwei Dutzend weiße Elektrofunzeln, die an einer Strippe um den Baum gewunden werden konnten. Kein in kursiven Hieroglyphen verfasster Warnhinweis informierte den Benutzer, vor Inbetriebnahme der Lichter ein Testament abzufassen und das Weite zu suchen. Das Ding stammte also nicht von Breschkes Tochter, die es auf einem andalusischen Markt durchreisenden Kasachen abgekauft hatte, sondern ganz normal aus dem Kaufhaus. „Meine Frau besteht darauf.“ Fast wirkte er geknickt, dass sie so offensichtlich am Leben hing, aber immerhin ersparte dies alle Jahre wieder eine längere Diskussion. Breschke fummelte das Kabel durch den Baum. „Da oben“, keuchte er, „und hier – aber nicht rechts, hören Sie?“ Ich zog, aber das Material erwies sich als Draht und somit nicht endlos dehnbar, nicht einmal ein bisschen dehnbar, denn es handelte sich ja schließlich um Draht. „Hier unten oder da oben.“ Ich stellte ihn vor die Entscheidung. Allerdings war die Kette da auch schon zu Ende. Rechts hingen gleich zwei Äste ziemlich tief, was an den etwas gebündelt auftretenden Lichterkettenlichtern liegen mochte. „Warten Sie“, tröstete er, „wenn die Kugeln erst einmal im Baum hängen, wirkt das gleich viel ausgeglichener.“

Richtig, die Kugeln. Bismarck hatte die ganze Zeit in halb ängstlicher Spannung auf dem Sessel gelegen und war nur aus den Augenwinkeln dem Treiben in der Zimmerecke gefolgt. „Wenn sie vor den Lichtern hängen“, erklärte Herr Breschke, „dann scheinen sie besonders schön. Also die Kugeln, nicht die Lichter, obwohl die ja…“ Die Äste schaukelten behäbig unter der Last des ganzen Behangs. An der rechten Seite zog eine Kugel samt Kerzen den Baum in die Schräge. Gegenüber wirkte das Lametta der Fliehkraft entgegen. Bismarck hob den Kopf, hüpfte vom Sessel und trottete zum Tännchens. Andächtig setzte er sich zu Füßen des geschmückten Nadelgehölzes, stumm und in höchster Erwartung, was nun kommen möge. Ich verkniff mir jede Bemerkung, und ob Horst Breschke etwas auf der Zunge gelegen hat, wer weiß das noch.

Was dann geschah, dauerte nur einen unendlich langen Augenblick. Wie in Zeitlupe ging ein Stoß durch die Tanne, vielmehr ein Nachgeben, mit dem die ganze Masse an Glaskugeln, Lametta und Lichterkette nebst Strohsternen, Messingengelchen und Schokoladenplätzchen von hinten Schlagseite bekam und in einer Sekunde erst rauschend, dann mit einem hässlichen Geschepper in die Weihnachtsstube hineinkippte, Stanniolpartikel wie eine Schneekanone in den Raum hineinschießend und Doktor Klengels Gesteck mit den Scherben der splitternden Kugeln unter sich begrabend. Der laut triumphierende Verkündigungsengel landete genau auf Breschkes Brust. Auf dem eben noch vollgenadelten Perser knirschten die Scherben. Ein Jaulen aus der Küche verriet uns, dass Bismarck mit dem Schrecken davongekommen war. Ich wischte mir die Überreste des Tännchens aus dem Haar. „Sehen Sie es positiv“, ermunterte ich Breschke. „Dieses Jahr wird er den Baum in Ruhe lassen. Ich bin mir da ganz sicher.“





Zum guten Schluss nach gutem Brauch

20 12 2013

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

wie gut, dass ich gerade nicht Bundeskanzler bin. Einerseits – nein, das muss wirklich nicht sein. Und andererseits, sollte mir vielleicht irgendein Missgeschick passieren, dann erschiene hier eine alte Grußbotschaft, und noch schlimmer wäre es, das fiele niemandem mehr auf.

Wie gut, dass ich gerade nicht Bundespräsident bin. Einerseits sondert der jetzige regelmäßig betuliches Zeugs ab, was ja seine hauptsächliche Aufgabe ist, grüßt dabei nicht unmotiviert von Afrika und seiner Frau oder fuchtelt herum vor der Fichte, hinter die er uns ansonsten führt. Und andererseits hält sich meine Lust in Grenzen, anderen Leuten beim Regieren zuzusehen und ihnen die Hausaufgaben unterschreiben zu müssen. Es gibt Angenehmeres.

Beispielsweise Weihnachten. Auch in diesem Jahr hat uns die Konsumgüterindustrie wieder den Wunsch ans Herz gelegt, fleißig einzukaufen, und so retten wir brav und folgsam Arbeitsplätze, wenngleich größtenteils in China, sofern es sich nicht um Aufsichtsratsvorsitzende und Vorstände handelt. Und Paketpacker im Versandbunker. Und Auslieferungsfahrer. Die können sich zwar keine neuen elektronischen Spielzeuge zum Fest der Liebe leisten, aber das bedeutet ja auch nur, dass die Wirtschaft theoretisch gesehen durchaus noch Wachstumspotenzial hätte. Und darauf kommt es schließlich an.

Im neuen Ministerium für digitalen Straßenbau grübeln vielleicht gerade ein paar Referatsleiter über der Frage, woran man ausländische Rentiere erkennt, weil die ja in absehbarer Zeit mautpflichtig sein werden. Das Problem sind sicher die deutschen Rentiere, denen man zuerst eine Plakette anpappen müsste. Deutsche Rentiere. Ein Fall für den Landwirtschaftsminister, der vermutlich alles registriert und überwacht, was nicht rechtzeitig wegläuft. Oder er kümmert sich gerade um den Krümmungsgrad des EU-Christbaums. Irgendwas muss man tun. Diese vier Jahre können sich sonst ganz schön ziehen.

Ich für meinen Teil bin ja schon zufrieden, wenn die Weihnachtsgans in diesem Jahr nicht aus dem Ofen wiehert. Wobei die Zusammenlegung von Verbraucherschutz- und Justizministerium in diesem Fall sogar einmal sinnvoll wäre. Sollte dies mit demselben Aufwand geschehen wie seinerzeit die Regulierung von Telefonwarteschleifen, wir wären vermutlich innerhalb weniger Monate im Paradies. Oder innerhalb einiger Jahre. Oder später. Oder wahrscheinlich gar nicht, aber der Weg dahin wird ganz nett gewesen sein.

Just habe ich den Versuch unternommen, meine Bekanntschaften mit Ministerposten zu versorgen. Man soll das nicht tun, ich weiß, denn man achtet ja schon wieder viel zu viel auf die angeblich so wichtigen Fachkompetenzen. Als ob ein Arzt einen guten Gesundheitsminister abgäbe. Der letzte Versuch war wohl eher humoristisch gemeint. Das würde Doktor Klengel auch noch hinkriegen, und da er die meisten Leiden mit Aspirin, Sitzbädern und Placebos vertreibt, ist auch die Seite der Kosteneinsparung bei ihm berücksichtigt.

Für den Wirtschaftsminister würde ich ohne Frage Herrn Breschke nominieren. Der Mann ist wirklich produktiv, es kommt zwar nichts Nennenswertes heraus, aber der Mann entfaltet ein fabelhaftes Getöse dabei. Dessen ungeachtet war er vor seiner Pensionierung Finanzbeamter mit Leib und Seele, weiß auch ein gutes Stückchen zu sparen, und doch, die sinn- und ziellose Entfaltung von Aufwand liegt ihm im Blut. Ein Superministerium wäre sicherlich ganz nach seinem Geschmack.

Dass Anne für das Justizwesen geeignet sei, halte ich für ein nicht bestätigtes Gerücht; sie wäre eine herausragende Verteidigungsministerin. Zwar ist sie nicht siebenfache Mutter (nichts läge ihr ferner), aber sie verbringt ihr Tagewerk damit, wüste Drohungen in Heißluft zu verwandeln und ist bei bewaffneten Konflikten sicher einschüchternd genug, dass sich potenzielle Gegner nicht mit einer ganzen Armee ihresgleichen anlegen wollen. Dazu wäre sie die erste kompetente Frau auf diesem Sessel. Es sei denn, Hildegard würde sich dafür interessieren. Dann könnten wir auch gleich auf die Bundeswehr verzichten, sie wütet etwaige Feinde im Alleingang weg. Allerdings würde sie sich berufsbedingt besser als Bildungsministerin machen, und sie wäre vermutlich die erste, die Kinderallergie als anerkannte Berufskrankheit für Pädagogen durchsetzen würde.

(Ich stehe gerade unter Beobachtung für meine frauenfeindlichen Äußerungen, also sage ich nicht, dass ich Sigune, die ihre Blumentöpfe nach Feng Shui ausrichtet und die Topfblumen mit linksdrehend gerührtem Informationswasser aus Vollmondabfüllung gießt, als Gedönsministerin für erste Wahl halte. Zumindest dann, wenn man das Gedönsministerium in der Qualität erhalten will, wie wir es von der letzten Sprechpuppe her gewohnt waren.)

Die Bückler-Brüder besetzt man am besten mit Innen und Außen. Ein cholerischer Erbsenzähler und ein schwatzhafter Tausendsassa. Wenn ich auch mit den Jahren merke, wie sie einander ähneln und der eine mehr und mehr vom anderen hat, dass sie sicher irgendwann die Plätze tauschen könnten. Nur bei Siebels bin ich mir sicher, den haut nichts vom Sockel. Der ist mit allen Wassern gewaschen und weiß zu gut, wie Medien funktionieren, also benutzte er sie auch so, wie er es will, und nicht, wie sie sich das vorgestellt hatten. Es könnte keinen besseren Kanzleramtsminister geben als ihn.

Und dann er, der Einzigartige, der mich seit Jahren begleitet. Dieser Virtuose der verbalen Axt, ein unbestechlicher Kritiker von soziologischer Bildung und rabiater Kraftentfaltung, der auch da verbrannte Erde hinterlässt, wo zuvor nur Beton war. Ich nehme an, Gernulf Olzheimer wäre es vollkommen egal, wer unter ihm den Kanzler spielt.

Dieses Jahr war eins der Verluste. Manche sind von der Bühne abgetreten, manche haben sich zurückgezogen, und eben in diesen Momenten blickt man erschüttert in den Spiegel und fragt sich: Hat man es bisher auch einigermaßen anständig gemacht, und: wird man es auch weiter mit Anstand hinkriegen? In diesem Lärm überhört man leicht, dass die Zeit immer noch nach Satire schreit, und wenn auch einige nicht müde werden, darauf hinzuweisen, dass die Politik längst den grausigen Humor überflüssig gemacht habe, eins muss man doch betrachten. Es wird scharf geschossen, doch das reicht nicht. Es kommt schließlich darauf an, wer auf wen zielt. Und ob der Schuss ins Schwarze trifft.

Wie gut, dass ich nicht Bundeskanzler bin. Ich müsste mich täglich ärgern, dass ich überhaupt nicht wüsste, was die Leute so sprächen, denn ich spräche ja nicht ihre Sprache, und dann wäre ich sicher dienstlich verpflichtet, nachts wachzuliegen, aber wie ich mich kenne, würde ich an Freude, Liebe, Ärger, Lyrik, Makkaroni, Normaltheater, Linden, Himbeerbonbons, Macht der Verhältnisse, Klatschen, Hundegebell und Champagner denken, und damit wäre doch nun wirklich niemandem gedient. Außerdem, wäre ich Bundeskanzler, ich hätte für dieses kleine literarische Kabinett keine Zeit mehr, und das wäre ja doch zu schade.

Ich rechne mit dem Schlimmsten, aber vielleicht wird es wieder nur ein furchtbarer Schlips, eine Flasche Brandbeschleuniger (Terpentin-Aprikosen-Aroma) und diverse Bücher, die man gelesen haben muss, weil man sonst nicht sagen kann, man gehöre zu jenen, die sie auch gelesen hätten. Ich rechne mit furchtbarem Geknalle, dass der Hund der Nachbarn heulend unters Sofa schießt. Irgendwann wäre statistisch wieder eine umkippende Blumenvase dran, aber ich kann mich da auch irren. Vielleicht kann ich sie auf Ostern verschieben. Es wird ein ruhiges Fest, abgesehen von dem visuellen Sondermüll, der durch die Fußgängerzonen der Städte rauscht, sowie den akustischen Traumata, die sich langsam aber sicher einstellen, wenn man sich unvorsichtigerweise in ein Auto setzt, das mit einem Radio ausgestattet ist, das sich zum Empfang von Dudelfunk eignet. Ich lasse mich inzwischen gleich an der Notfallambulanz absetzen und dort von einer beflissenen Schwester die Gehörgänge mit warmem Schmalz ausgießen. Es soll die Lebenserwartung deutlich verlängern.

Um alles das angemessen zu begehen, werde ich auch in diesem Jahr kurz innehalten und mich auf die wesentlichen Dinge besinnen. Am Donnerstag, den 2. Januar 2014, geht es dann weiter. Ich schätze, ich werde auch dann nicht Bundeskanzler sein.

Allen Leserinnen und Lesern, die dies Blog fast oder fast ganz immer und regelmäßiger als unregelmäßig oder doch nur manchmal oder aus Versehen gelesen, kommentiert oder weiterempfohlen haben, danke ich für ihre Treue und Aufmerksamkeit und wünsche, je nach Gusto, ein fröhliches, turbulentes, besinnliches, heiteres, genüssliches, entspanntes, friedvolles und ansonsten schönes Weihnachtsfest, einen guten Rutsch und ein gesundes, glückliches Neues Jahr.

Beste Grüße und Aufwiederlesen

bee





Heiße Weihnachten

18 12 2013

„Ich bin schon sehr gespannt auf Ihren Bericht“, teilte Fritzler mir mit. „Wir treffen uns in der Filiale Wandsheider Chaussee, ja?“ „Meinetwegen“, seufzte ich und legte auf. Dabei wusste er doch zu genau, was ich auf den Tod nicht leiden konnte. Einkaufen in der Weihnachtszeit.

„Damit sind Sie nicht allein“, hatte Minnichkeit von Trends & Friends mir zugesichert. „Wer geht schon in den letzten Wochen vor dem Fest gerne einkaufen? Sie müssen schon eine ganze Menge an Leidensfähigkeit besitzen, nicht alle Tassen im Schrank haben oder – guten Morgen, Frau Schwidarski!“ Mandy zog missbilligend die Augenbrauen hoch. „Sie wollten doch Fritzlers Kaufparadies besuchen, oder?“ Ich nickte. „Dann wird’s aber mal Zeit. Der Laden öffnet in einer halben Stunde, und Sie wollen doch einen Parkplatz bekommen.“

Das Geschäft lag recht weit außerhalb der Zivilisation, war allerdings schon von Weitem sichtbar. Eine geräumige Halle erstreckte sich entlang des Flusstals, viel Platz für das ultimative Shopping-Vergnügen. Mein Magen meldete leisen Widerspruch an. Doch da stand er auch schon in der Tür, breit grinsend und ohne einen Anflug von typisch weihnachtlich ho-ho-hoheitsvollem Gewicht. „Sie sollten sich unsere Preisknaller ansehen“, begrüßte er mich. „Die Herrenmoden sind gleich links, Sie mögen sicher ein Paar Stiefel oder unsere klassischen Sets aus Kammgarn und – ach was, kommen Sie erstmal rein.“

Aktionsware empfing mich an der Eingangstür. Eine karierte Wolljacke war gerade so weit herabgesetzt worden, dass dem durchschnittlichen Besucher die Augen tränten. Bestimmt lauerten die roten Mäntel mit dem unverbrüchlichen Pelzkragen hinter der Rechtskurve, vermutlich gab es hier auch die Instant-Beschallung besinnlicher Feierstunden in Form von Christfestplatten, Sprühschnee und Einwickelpapier für Geschenke, die am Tag der Bescherung gekauft wurden. Fritzler winkte ab. „Sie irren sich gewaltig.“ Ungläubig schaute ich ihn an, doch er ließ sich nicht beirren. „Ich setze auf antizyklisches Shoppen, gerade für die Opfer der Konsumgesellschaft. Kommen Sie herein, hier ist absolut weihnachtsfreie Zone.“

Tatsächlich – nirgends war auch nur die kleinste Spur weihnachtlichen Brauchtums, weihnachtlicher Dekoration oder weihnachtlichen Zubehörs zu finden. Es roch nicht nach Zimt und Marzipan, keine goldenen Kugeln hingen von der Decke, und aus den Lautsprechern näselte ein Tenor, wie lau doch diese Sommernacht gerade sei. „Wir sind das Kontrastprogramm“, sagte Fritzler nicht ohne einen gewissen Stolz. „Hier kann man noch Mensch sein, Sie sehen es ja selbst.“ Mehrere Männer, die ansonsten nur mit Mühe in ein Fachgeschäft für Bademoden gebracht worden wären, betrachteten aufmerksam die aktuelle Schwimmbekleidung in großen Größen. Ein dicklicher Herr mit breitem Scheitel probierte Plastiksandaletten in gewagten Farben, ein anderer, möglicherweise sein Bruder, begutachtete mit fachmännischem Blick Schnorchel, Schwimmflossen und ähnliches Zubehör für den Strandurlaub. Vermutlich sehnten sie sich nach nichts mehr als nach einem Last-Minute-Flug in den Süden. Ein schöner Traum, aber eben ein Traum.

Einen Gang weiter standen die Kugelgrills in Reih und Glied. „Das geht zu dieser Jahreszeit natürlich immer“, bestätigte Fritzler. Ich mutmaßte, dass es sich bei einigen durchaus auch um Kunden auf der Suche nach passenden Festtagsgeschenken handeln könnte. „Gut möglich“, wandte er ein. „Aber wir setzen doch deshalb keinen vor die Tür. Integratives Marketing ist unser Geschäft. Wir geben keinen Kunden auf.“

Einen Gang weiter wurde mir klar, was das bedeutete. Eine bunte Kollektion von Lenkdrachen zog die Käufer an, keiner fühlte sich vernachlässigt. Im Gegenteil, sie widmeten sich aufmerksam ihren Luftfahrtmodellen und waren schier unablenkbar bei der Sache. „Wenn man sie einmal Blut lecken lässt“, erklärte Fritzler, „dann hat man sie als langfristige Kunden gewonnen. Schließlich setzen wir auch keinen Kunden unter Druck. Sie können alle auch bis zum kommenden Herbst warten, die Hauptsache ist, dass sie dann wieder hier sind.“

Glückliche Menschen standen in der Kassenschlange, glückliche Menschen mit prall gefüllten Tüten. Offenbar war dies eine Goldgrube, und es lag nicht nur am antizyklischen Angebot. Dazu wirkten die Kunden mit ihren festlich anmutenden Paketbergen viel zu froh und munter. „Besuchen Sie uns unbedingt auch im Mai“, riet Fritzler. „Sie werden sehen: unsere Glühwein-Wochen sind ein absolutes Muss!“