Gefangen im Schenkkreis

7 01 2010

„Und dann auch noch in Grün!“ Angewidert schob Anne das Stückchen Stoff von sich weg. „Das Ding passt nicht zu den Küchengardinen, außerdem habe ich noch nie eine Schürze getragen – meine Güte, es ist abgrundtief hässlich!“ Nun kann man über Weihnachtsgeschenke geteilter Meinung sein, sie aber wollte sich ganz einfach aufregen. Was sicher auch daran lag, dass ihr Verflossener, Staatsanwalt Doktor Pöppel, es sich nicht hatte nehmen lassen, diese ausgesucht spießige Kochmontur zu schicken. Er kennt ihren Geschmack doch recht genau.

Doch sie ließ sich nicht beirren und packte den Schutzschurz zusammen. „Dann werde ich ihn eben umtauschen.“ „Wie, umtauschen? Hast Du einen Kassenzettel oder weißt wenigstens, woher diese Schürze stammt?“ Schon erwartete ich eine längere Vorlesung in Schuldrecht, doch Anne schnaubte nur verächtlich. „Was Du wieder denkst – natürlich werde ich das Ding ins Büro mitnehmen. Frau Platzke beschwert sich jedes Jahr, dass ihr Mann ihr nichts Praktisches schenke, sondern immer nur Goldschmuck oder sündhaft teures französisches Parfüm. Sie freut sich garantiert über eine grüne Küchenschürze.“ Zwar sah ich nicht ein, warum ich sie bei der Tauschaktion begleiten sollte, doch sie teilte es mir mit. „Damit Du siehst, wie das geht.“

Herr Platzke hatte seiner Gattin im Schein der Weihnachtskerzen bunte Badepillen beschert. Das Zeug glänzte vornehm, verströmte dafür allerdings den Geruch getoasteter Bonbons. Ich blieb kritisch. „Du nimmt ja nicht einmal Vollbäder.“ Anne war genervt. „Herrgott“, fauchte sie und verdrehte die Augen, „jetzt stell Dich doch nicht dümmer, als Du bist! Los, die nächste Station!“ Auf der anderen Straßenseite lag Trends & Friends – Mandy Schwidarski war mir noch einen Gefallen schuldig, und so wurde ich flugs zum Unterhändler erklärt. „Du kannst doch mit ihr“, ließ Anne mich wissen. „Versuch, etwas Gutes für mich herauszuschlagen.“ Möglicherweise hielt mich die Agenturchefin für komplett vertrottelt, als ich über vier Wochen nach dem Nikolaustag mit einem Wichtelgeschenk bei ihr aufkreuzte. Ob ich einigermaßen überzeugend lügen konnte? Schnell erfand ich eine seit dem letzten Jahr in den USA grassierende Tendenz, seine Weihnachtsgaben nach dem ersten Schock mit besonders guten Freunden zu tauschen. „Ein Zeichen von Wertschätzung“, schwindelte ich schwitzend, „wenn man dazu ausersehen ist.“ Dass ich so authentisch wirkte, verwirrte mich; jedenfalls verließ ich ihr Büro mit Spitzenunterwäsche.

„Natürlich passt die mir!“ Ich wagte nicht, es in Zweifel zu ziehen, obschon ich meinte, mich genau zu erinnern, dass 36 und XL nicht dasselbe bedeuten. Es lag an der Farbe. Anne versicherte mir, keine Frau trage gerne schwarze Höschen. Ich korrigierte die bisherigen Erlebnisse, die ich mit weiblichen Personen in Bezug auf Leibwäsche gemacht hatte. Jacqueline, die Empfangsdame, hatte ein großes Herz, denn war sie auch eine Frau, was nicht nur der erste Eindruck bestätigte, so opferte sie sich doch für diese fürchterlichen Seidendessous. Die gestreifte Krawatte, die sie ihrem Ex-Freund hatte zueignen wollen, gab sie ganz selbstlos obendrein. „Irgendwie kommt sie mir bekannt vor. Die habe ich doch schon mal an Minnichkeit gesehen…“ „Den Schlips“, fragte ich abwesend, als wir wieder in den Wagen stiegen, „oder Jacqueline?“

Von Juri Grigorjewitsch wusste ich nicht, ob er sich für den Binder würde erwärmen können. Tamara Asgatowna, Annes Putzfrau, hatte ihren Schwager, der nebenbei Hausmeister der hiesigen Volkshochschule ist, entsprechend vorgewarnt. Allerdings hatte der Arbeitsmann eher mit einer wärmenden Kleinigkeit zur innerlichen Anwendung gerechnet. Ich packte meine rhetorischen Künste aus. „Man trägt sie jetzt ein bisschen breiter, Herr Jakuschow. Passt zu jedem Hemd. Also farblich.“ Juri befingerte träge den Kulturstrick und klappte das Etikett auf. „Hundert? Was, hundert?“ Ich sah genauer hin. „100% Polyester.“ Da leuchteten seine Augen auf. „Oh, sehr gut! Qualität!“ Sekunden später befand ich mich im Besitz einer monströsen Pralinenschachtel.

Anne feixte. „Wenn die Geschäfte nicht mehr so gut bei Dir laufen, wirst Du Propagandist.“ „Das könnte Dir so passen!“ Ich war sichtlich indigniert; schließlich machte ich das alles nur für sie. „Also nimm jetzt Deine Pralinen, auch wenn Du hinterher wieder jammerst.“ Das war wohl zu viel des Guten, denn Annes launisches Naturell schlug voll durch. „Erstens jammere ich nicht, zweitens bin ich dieses Jahr nur drei Kilo über den üblichen vier, die ich an Weihnachten zunehme, und außerdem…“ „… hast Du darum die Spitzenhöschen…“ „Lenk nicht ab!“

Es muss etwas Wunderbares sein, das Frauen an Schokolade finden, weit wunderbarer als das, was Männer empfinden können, ganz davon abgesehen, was Frauen empfinden, wenn es sich um Männer handeln sollte. Der bittere Gaumenkitzel öffnet alle Herzen und weiß als süße Sünde noch jedes Weib zu locken – nichts, was sie nicht für Naschwerk täte. So war es auch nicht besonders überraschend, dass Frau Breschke beim Anblick des Gebindes Gesprächsbereitschaft signalisierte. Einige Minuten vergingen, dann waren die Verhandlungen perfekt. Anne strahlte, versöhnt mit sich und der Welt, in einem engelsgleichen Gloriolenschein, als hätte ihr das Christkind persönlich den tiefinnigsten Wunsch erfüllt. „Guck, ist sie nicht wunderbar? Und sie wird so schön zu den Küchengardinen passen!“ Ich rieb mir die Augen. „Eine Küchenschürze? Eine grüne Küchenschürze? Sag mir auf der Stelle, dass das ein schlechter Scherz ist!“ Anne hatte für mein Erstaunen nicht eben viel Verständnis. „Das ist keine grüne Küchenschürze“, wies sie mich pikiert zurecht, „sondern eine grün karierte. Dass man Euch so etwas aber auch immer und immer wieder erklären kann, Ihr merkt es eben nicht. Männer!“