Funkstunde

26 03 2014

„Skandalös!“ „Finde ich aber auch.“ „Aber man weiß ja, aus welcher Ecke es kommt.“ „Das ist hier mal unerheblich, wir müssen uns neu aufstellen.“ „Ich möchte mal wissen, was das Bundesverfassungsgericht hier überhaupt zu melden hat. Sehen die denn fern?“ „Ja, aber sicher nicht ZDF.“

„Wie sollen wir denn politisch unabhängig werden, wenn wir unsere Führung nicht aus den politischen Ämtern rekrutieren?“ „Das habe ich jetzt nicht kapiert.“ „Dass wir unabhängig sind?“ „Das habe ich auch bis heute nicht verstanden.“ „Witzbold, das ist ja auch nur programmatisch.“ „Also nicht für die Programmkommission?“ „Leute!“ „Nein, dass wir ein Staatssender sind, der aber keine Interessen des Staates vertreten darf.“ „Wir sind ein Staatssender?“ „Guten Morgen, Kollege! Angenehm geruht?“ „Er ist erst seit zehn Jahren hier, das dürfen Sie ihm nicht übel nehmen.“

„Wir müssten so eine Art interner Kontrolle installieren.“ „Finde ich aber auch.“ „Das geht doch nicht gut, am Ende moniert wieder jemand, dass…“ „Natürlich muss das in der Satzung festgeschrieben werden.“ „Dann wird es eben da beanstandet.“ „Es geht doch nicht darum, dass zu viele Funktionäre der Union angehören.“ „Sondern?“ „Sie wollen doch nicht behaupten, wir hätten einen zu großen SPD-Einfluss?“ „Das Problem ist, dass wir überhaupt so einen parteipolitischen Einfluss haben.“ „Das verstehe ich nicht.“ „Weil zu viele Funktionsträger politische Ämter bekleiden und aus den Parteien kommen.“ „Ist dann deren Arbeit automatisch schlechter?“ „Sie ist parteipolitisch geprägt.“ „Also schlechter.“ „Das habe ich nicht behauptet.“ „Sie können doch die Wirklichkeit nicht leugnen.“

„Also sollten wir die Funktionäre jeweils rotieren lassen?“ „Wer hat das denn vorgeschlagen?“ „Wäre doch mal einen Versuch wert.“ „Bloß nicht, dann haben wir lauter Grüne bei uns.“ „Ist doch auch nicht schlimm.“ „Finden Sie?“ „Für das ZDF bestimmt.“ „Wir können ja die Gremien jeweils aus den Kabinetten der…“ „Können wir nicht. Es geht ja nicht um die parteipolitische Zusammensetzung, es geht ja darum, dass wir überhaupt keiner Partei mehr angehören dürfen.“ „Das ist doch völlig weltfremd!“ „Hat Sie das beim ZDF jemals gestört?“ „Das ist nicht die Frage, es geht nur darum, wer unseren nicht parteipolitischen Kurs wie bestimmt.“ „Also parteipolitisch?“

„Und wenn wir jeweils die Posten aus der Opposition besetzen würden?“ „Unsinn, das ist doch immer noch…“ „Haben Sie sich mal überlegt, was wir dann in einer großen Koalition machen?“ „Also doch alles mit den Grünen.“ „Nee, das geht ja gar nicht.“ „Und wenn wir das mit der Rotation jetzt parteipolitisch organisieren?“ „Wir stellen Sie sich das denn vor?“ „Er meint, wir sollten Leute nehmen, die je nach Anlass die Partei wechseln.“ „Das dürfte nicht das Problem sein. Wer heute nicht wie die CDU denkt, fliegt eh gleich aus der SPD.“ „Die Funktionäre dürfen überhaupt nicht mehr parteipolitisch in die Ämter gehievt werden! Kapieren Sie das doch endlich mal!“ „Wie jetzt, wir dürfen die politischen Entscheidungsträger nicht mehr aus den Parteien holen?“ „Ich sag’s ja, es endet bei den Grünen.“ „Finde ich aber auch.“ „Meine Güte – keine Parteipolitiker! Keine!“ „Jetzt regen Sie sich doch nicht so auf.“ „Eben. Schauen Sie sich doch mal an, was die Bundeskanzlerin macht. Glauben Sie, das entspricht noch dem politischen Willen der Union?“

„Und wenn wir die Politiker für die Zeit Ihrer Mitwirkung von der parteipolitischen Verpflichtung entbinden?“ „Das klingt gut.“ „Finde ich aber auch.“ „Wieso das denn?“ „Wir könnten so gefahrloser ein politisches Gremium bilden, das offiziell nicht parteipolitisch organisiert ist.“ „Was ist das denn wieder für ein Sockenschuss?“ „Die Funktionäre lassen einfach für die Zeit ihrer Mitgliedschaft ihre politische Überzeugung ruhen.“ „Interessanter Ansatz.“ „Ja, nicht wahr?“ „Insbesondere würde mich interessieren, wie man das bei einem bayerischen Ministerpräsidenten hinkriegt.“ „Spielt denn bei dem die parteipolitische Zuordnung so eine große Rolle?“ „Lassen Sie es mich so sagen: in dem Zusammenhang ist es nicht erheblich, wer gerade bayerischer Ministerpräsident ist.“

„Wie war denn jetzt das mit dem Proporz der Parteien gemeint?“ „So hatte ich das gar nicht verstanden.“ „Es ging ja auch eher darum, dass die kleinen Parteien mehr Berücksichtigung finden sollten.“ „Dann könnten wir den bayerischen Ministerpräsidenten zu den Grünen schicken.“ „Oder die große Koalition in die Hölle.“ „Finde ich aber auch.“ „Jetzt hören Sie doch mal auf mit Ihren…“ „Was denn jetzt!? Wir sollen ein staatstragendes Medium von einem Stab aus staatstragenden Funktionären verwalten lassen, die aber keinen staatstragenden Parteien angehören?“ „Also doch alles…“ „Vorsicht, Kollege!“ „… der FDP übertragen?“ „Da haben Sie ja gerade noch mal Glück gehabt.“ „Alle wechseln jetzt zur Autofahrerpartei?“ „Und die Violetten beschweren sich?“ „Wir können das ja gleich an die Grauen outsourcen.“ „Oder noch besser: wir gründen eine eigene Partei dafür.“ „Großartig!“ „Finde ich aber auch.“ „Meine Herren, wir sollten das Problem verfassungsrechtlich gelöst haben.“ „Sehr gut!“ „Jetzt bleibt natürlich noch die Frage, was sich dadurch ändert.“ „Warum sollte sich dadurch etwas ändern? Wir sind schließlich das ZDF.“





À la carte

29 10 2012

„Bitte nicht länger als eine halbe Minute, das wirkt sonst zu aufdringlich. Es reicht ja schon, wenn Sie die Frau Bundeskanzlerin in den entscheidenden Passagen zeigen, immer zweidrei Sekunden Rede, dann zehn Sekunden Applaus. Schneiden Sie am besten vom letzten Bundesparteitag rein. Liefern wir Ihnen, ja. Soll ja eine gute Nachrichtensendung werden.

Sie können nebenbei auch kleine Sequenzen von Schäuble reinschneiden, der kommt dann ja im nächsten – nicht? Warum kommt da im nächsten Beitrag nicht Schäuble? Wir hatten das doch so ausgemacht? War unser Regierungssprecher nicht deutlich? Wieso ist Schäuble nicht im nächsten Beitrag? Ach so, ja. Wirtschaft. Aber da müssen Sie dann auch darauf achten, dass die europäischen – China? Wer hat Ihnen erlaubt, über China zu berichten? Weil das alle machen? Das ist doch nicht relevant für Sie. In den deutschen Nachrichten wird gesagt, was die deutsche Regierung angeht. Und uns geht das an, was sich die Regierungsparteien wünschen. Was haben Sie daran nicht verstanden? Untergrundjournalismus machen Sie gefälligst in China, klar!?

Oder nein, nicht: Regierungsparteien. Bitte die Sendung nicht zu sehr mit der FDP belasten. Ja, ich weiß selbst, wo die in den Umfragen stehen, aber erstens sind das nicht unsere Umfragen, und wenn die FDP auch mal Fernsehnachrichten haben will, dann soll sie die selbst kaufen. Geld genug haben die ja. Nein, Sie machen mir den Wirtschaftsbeitrag nicht mit Brüderle – die Frau Bundeskanzlerin will das nicht. Warum nicht? Sie will das eben nicht, und das muss reichen. Es reicht, wenn einer die Wirtschaft erledigt, das brauchen Sie nicht auch noch zu zeigen.

Den Bericht über die Arbeitsmarktzahlen dürfen Sie so übernehmen. Ist egal. Ja, ist uns echt egal. Nein, nicht die Zahlen. Die Arbeitslosen. Ob wir da jetzt auch noch einen O-Ton von der Bundesuschi drankleben, das interessiert doch keinen Menschen. Senden Sie das ruhig. Danach die Präsidentenwahl in den USA, das hat ja auch keinen Einfluss auf die Bundesregierung.

Und dann nichts über den Schuldenschnitt für Griechenland. Sie haben da keine Information. Nein, Sie haben kein Information zu haben. Wir sagen Ihnen, was Sie zu wissen haben, verlassen Sie sich darauf. Die Troika hat sich noch nicht festgelegt, aber die Frau Bundeskanzlerin hat noch keine Ahnung, was sie denkt, bevor sie gehört hat, was sie dazu sagt. Deshalb wollen wir auf den Bericht vorerst verzichten. Sie müssen dann eben eine Güterabwägung vornehmen – wenn Sie nicht für uns sind, sind Sie gegen uns. Und das wollen wir doch nicht, oder?

Zwanzig Sekunden für die Klimakonferenz? Ist das nicht ein bisschen wenig? Wo doch die Frau Bundeskanzlerin sich ausdrücklich für die Ziele der proaktiven Klimapolitik ausspricht? Da wollen wir mehr Bilder. Interview. Schicken Sie da einen Korrespondenten hin, der soll vor Ort ein Interview mit dem deutschen Vertreter machen, und dann haben wir – Altmaier!? Sie sind wohl vom wilden Mann gebissen, Sie können doch nicht den Altmaier da interviewen! Der Mann redet doch Grütze, sobald er den – nein! Das senden Sie nicht, verstanden? Sie werden keine Sekunde davon senden. Wenn Sie unbedingt jemanden wollen, der von jeder Sachkenntnis ungetrübtes Gelaber absondert, dann fragen Sie Rösler irgendwas über Wirtschaft. Ja, weiß ich – aber hier dürfen Sie auch mal über die FDP berichten. Das stört die Frau Bundeskanzlerin nicht so. Hauptsache, Sie lassen uns in diesem Zusammenhang aus dem Spiel.

Und wenn Sie da das Internet zensieren? Oder müssen wir das selber machen? Nein, das ist wegen Steinbrück. Der ist ja immer in den Medien, und wenn Sie nichts über ihn bringen, dann müssten wir uns mal überlegen, was Sie da unternehmen. Weil da ja im Internet immer alle alles machen können, und wenn wir da nichts machen, also Sie, wenn Sie nichts machen, dann sind da ja noch Informationen, und dann können die da alles nachgucken – ich meine, wie ist das technisch geregelt? Können Sie nur auf Ihrer eigenen Seite die Informationen rausnehmen, und können Sie das bei den anderen erst beantragen? Oder müssen wir uns da erst einen Vorwand für ein neues Gesetz ausdenken? Ich kläre das ab. Machen Sie erstmal nichts über die SPD.

Sie sehen, es hat auch seine Vorteile, wenn man die Regierungssprecher aus Ihrem Haus holt oder hinterher bei Springer entsorgt. Die Synergieeffekte sind nicht zu leugnen. Öffentlich-rechtliche Sender stehen in der Verantwortung der Gesellschaft und der Politik und werden sich davon auch nicht völlig lösen können. Jedenfalls nicht, solange wir nicht den Befehl dazu gegeben haben.

Mit der CSU seien Sie bitte vorsichtig, wenn Sie denen eine – nein, das war gar nicht als Drohung gemeint! Wir sind schließlich nicht die CSU. Aber da müssen Sie immer damit rechnen, dass da so komische, wie soll ich sagen – da sind Journalisten unterwegs. Investigative Journalisten. Die werden Sie so einfach wieder los wie Streptokokken.

Feindsender? Dann sorgen Sie eben dafür, dass das nicht bei den Privaten auftaucht. Und lassen Sie Ihre internationalen Kontakte spielen. Wofür bezahlen wir Sie überhaupt?

Ach ja, das Wetter. Müssen wir da einen Antrag stellen, dass die Vorhersage am Wahlsonntag gut ist, oder erledigen Sie das?“





Rochade

13 07 2010

„Na, das ist erst mal nur der Anfang – wir können doch nichts alles auf einmal machen. Wie stellen Sie sich das denn vor! Die Bürgerinnen und Bürger in diesem unserem… sehen Sie? Jetzt rede ich schon genau denselben Blödsinn wie die Merkel daher. Es wird wirklich Zeit, dass hier jemand für Ordnung sorgt, so geht’s ja nicht weiter!

Das Gefüge ist nicht mehr zu überblicken, da werden ja täglich Leute ausgetauscht und Posten geschoben und gewechselt, es ist schwierig. Ich sag’s mal so: gestern haben Sie jemanden noch wie Dreck behandelt, weil Ihr Abteilungsleiter da so angeordnet hat, und heute ist der plötzlich der Chef vom Chef vom Chef, und der Abteilungsleiter – na, Sie wissen schon, wie ich’s meine. Das ist aber auch wieder ein Wirrwarr! Der Ulrich Wilhelm, wissen Sie, dieser Regierungssprecher, der wird doch jetzt Intendant beim Bayerischen Rundfunk, und deshalb haben die sich den Dings geholt, den – na! ich kann mir den Namen noch nicht merken, warten Sie, hab’s gleich, der da im ZDF schwallt. Seibert! Richtig, ja.

Von wegen kluger Schachzug! Rochade, mehr ist das doch nicht. Stellungsspiel, die Merkel will doch nur mal zeigen, dass sie die hin und her schubsen kann, wie sie will. Und sie macht ja alles kaputt. Erst Wulff, dann Seibert – ich weiß nicht, wie sie es schafft, einen nach dem anderen in den sozialen Suizid zu treiben. Das ist doch wie Frühpensionierung, was soll denn ein Ex noch groß machen? In die Wirtschaft?

Überhaupt, der Wulff ist als Bundesprätendent ja echt ’ne Marke. Kaum im Amt, schon nach Südafrika fliegen, als sei es Staatsauftrag, und dann in der DFB-Konferenz herumlungern, als hätte ihn einer eingeladen. Und dann diese Nummer mit dem Orden für die Galerie – haben Sie das gesehen? Es ist zum Schreien! Für diesen Populismus brauchen wir einen neuen Grüßonkel, der die Brücken baut, die wir gar nicht bräuchten, wenn die Merkel und ihre Herde nicht ständig Gräben in die Landschaft regieren würden? Und dann faselt da jemand noch von Respekt vor dem Amt, und die setzen da einen Arschkriecher hin, der mal eben so für laue Luft sorgen soll, während hier ein gescheiterter Hausarzt den Versicherungsaktionären Kohle reinstopft, bis die sich nicht mehr bewegen können?

Sie sollten mal sehen, was die noch auf dem Zettel haben. Da rennen Sie aber schreiend weg. Hier: Gottschalk kriegt die neue Arbeitslosen-Show im ZDF, dafür wird die sogenannte Bürgerarbeit – ganzjähriges Schneeschippen nach FDP-Manier – eingeführt. Oder die Bundeszentrale für politische Bildung, brauchen wir nicht mehr, reicht ja aus, wenn die Leute blöd bleiben, dafür macht jetzt Guido Knopp das komplette Vorabendprogramm. Günter Jauch war anscheinend schon besetzt. Aber dafür werden sie Barbara Salesch als Sozialrichterin hochstilisieren, die den Arbeitslosen beibringt, dass das Grundgesetz für sie nicht gilt. Eine gute Truppe, eine Topbesetzung für die beschissenste Komödie der Welt. Das muss doch was werden, oder?

Ja was – Sie halten das für einen schlechten Scherz? Und wenn ich Ihnen unter der Hand so ganz unverbindlich zu verstehen gebe, dass die Truppenverluste in Kundus in Zukunft von Lena Meyer-Landrut gesungen werden?

Die Hauptsache ist, dass diese Gurkentruppe überhaupt nicht mehr performt. Sie warten auf dies und jenes, Sie stellen sich wahrscheinlich vor, jetzt kommt ein ganz neues Gesetz, das das Wachstum beschleunigt, vielleicht auch außerhalb der Hotels, und dann kommt immer noch nichts, und dann sagt Westerwelle, das sei alles schwulenfeindliche Hetze und man würde gar nicht bis zur Wahl warten und er sei immer noch Vizekanzler und das sei eine schwere Beschädigung für Deutschland und – wo war ich? richtig! – sagt also Westerwelle, es sei ein Fehler gewesen, auf die Wahl zu warten, und dann kommt da ein Sparpaket, und was ist das? Nischt. Die hauen sich da doch einen Murks zusammen, das geht auf keine Kuhhaut, und dann sollen es die Hofprediger richten? Was erwarten denn die? Dass sich ihre elende Grütze in der Regierungserklärung zu Gold verwandelt? Haben die Drogenprobleme?

Meinetwegen können die den ganzen Tag lang russische Zeichentrickfilme im Fernsehen zeigen, davon wird’s doch nicht besser. Was stellt denn die Merkel sich vor? Dass das alles genau so ist wie in ihrer DDR? Dass dieser ganze Kernangriff auf den Sozialstaat in den Griff zu kriegen ist mit der Berlusconi-Variante der Aktuellen Kamera: ‚Das Gummischuhkombinat VEB Nadeschda Krupskaja aus Gera-Zwötzen vermeldet soeben eine Plansollübererfüllung an linken Gummischuhen um 832 Prozent. Der Vorsitzende des Ministerrates der DDR Horst Sindermann teilte in seiner Grußbotschaft mit, damit habe man den von Hass und Kriegstreiberei besessenen kapitalistischen Klassenfeind endlich eingeholt und werde diese Aufbauleistung nutzen, um dem antifaschistischen Friedenskampf der Brudervölker der siegreichen UdSSR und dem Sozialismus zu dienen.‘

Es ist ja gar nicht dieser Schachzug, es ist doch nicht das Personal. Es ist doch nicht, dass sie ein paar Typen verschleißt und kaputt macht und erwartet, sie und ihre Pickelfresse könnten auf die Dauer so weitermachen. Geschenkt. Es ist, dass sie es so unverhohlen tut, dass sie das Geschacher so öffentlich ausbreitet und so schamlos zeigt, was die geistig-politische Wende einer Pseudoelite ohne bürgerliche Tugend ist: der utilitaristische Verzicht auf störende Moral. Und wissen Sie was? Mich kriegt sie nicht. Ich quittiere jetzt den Dienst.“





Lebensecht

4 02 2010

„Sie hier?“ „Und nicht in Hollywood“, kalauerte Siebels, ließ sich in den Regiestuhl fallen und fingerte nach seinem Kaffeebecher. „Hatten Sie nicht einmal gesagt, Sie würden nie eine Seifenoper drehen? Und jetzt sehe ich Sie hier? Beim Dreh von Rosen des Schicksals?“ „Wenn schon, denn schon!“ Der Meister der Fernsehunterhaltung grinste. „Schließlich ist das das Flaggschiff auf der deutschen Mattscheibe.“

Der dickliche, grauhaarige Darsteller des Schreibwarenhändlers Benno Beutler sah in Wirklichkeit noch viel dicklicher aus und hatte noch weniger graue Haare als auf den Fotos in der Programmzeitschrift. Dafür fluchte er wie ein Droschkenkutscher, dass seine TV-Gattin penetrant nach Knoblauch roch. Siebels seufzte. „Immer dasselbe. Er weiß doch genau, dass er die nächsten 800 Folgen noch abdrehen muss. Scheidung ist nicht drin.“ „Aber die Serie ist doch für ihre wirklichkeitsgetreue Darstellung berühmt“, wandte ich ein, „was spräche denn dagegen, dass Beutler seine Frau verließe?“ „Die CDU.“ „Die CDU? Was hat denn die CDU in einer Seifenoper zu suchen?“ „Raten Sie doch mal, wer die Drehbücher schreibt. Bei den Privatsendern wäre ja vieles einfacher, aber hier im Öffentlich-Rechtlichen, da müssen wir ein bisschen aufpassen in moralischen Fragen.“ „Licht ist noch okay“, brüllte der Beleuchter, während das Continuity-Girl dem Taxifahrer die Zigarette in der Mitte durchschnitt. „Damit kein Anschlussfehler passiert“, informierte mich Siebels, „sonst hat sie in einer Szene eine halb aufgerauchte Kippe, und in der folgenden Einstellung ist sie wieder neu. Wobei uns diese Einflussnahme auf das Drehbuch schon vor große Herausforderungen stellt.“ „Die EU mit ihren Rauchverboten?“ Siebels verzog schmerzlich das Gesicht. „Die Regierung hat uns dazu noch die Tabakindustrie auf den Hals gehetzt. Jetzt muss in geraden Nummern geraucht werden.“ „Wo ist das Problem?“ „Wenn jemand mit brennender Zigarette aus der Badewanne auftaucht, führt das zu leichten dramaturgischen Verwerfungen.“ „Und was machen Sie dann?“ „Wir lassen im Hintergrund eine brennende Zigarette qualmen“, gab der Produzent zurück, „laut EU gilt das schon als Rauchen.“

„Was soll das jetzt werden?“ Die beiden Arbeiter räumten eine verwahrloste Kulisse mit Bierflaschen voll und verstreuten Dreckwäsche über den ramponierten Möbeln. „Das sind unsere beiden Langzeitarbeitslosen“, teilte Siebels mir mit. „Die Junge Union war sehr daran interessiert, dass die jungen Leute innerhalb einer einzigen Folge alkoholabhängig waren.“ Ich war entgeistert. „Die haben versucht, Sie zu beeinflussen?“ „Keinesfalls, man hat uns nur daran erinnert, dass die Serie für ihre wirklichkeitsgetreue Darstellung bekannt sei. Und Herr Koch hat es sich nicht nehmen lassen, uns persönlich einige kleine Aufmerksamkeiten zu senden. Dabei sind wir gar nicht beim ZDF.“

„Mein Sohn? Diese Schande!“ Herbert Holm zerlegte das Wohnzimmermobiliar in überschaubare Stücke. Seine Frau riss sich die Perücke Strähnchen für Strähnchen aus. „Ist er…“ „Schwul?“ Siebels guckte mich über den Rand seiner Brille hinweg an. „Nein, er hat nur den Kriegsdienst verweigert, und das in einem katholischen Elternhaus. Dafür wird er in einer der kommenden Folgen zur Strafe in einen bewaffneten Konflikt mit einigen Islamisten verwickelt, wie es das Bundesinnenministerium bestellt hatte. Was das andere angeht, die FDP hat schon für 1,1 Millionen Euro einen schwulen Hausarzt in die Besetzung reinschreiben lassen, die CDU dringt jetzt darauf, dass er Kinderpornografie sammelt, weil er durch eine perfide Bekanntschaft aus den Tiefen des Internet angefixt wurde – bei der Hausdurchsuchung raubt er einem Polizisten die Dienstwaffe und schießt sich mehrmals in den Hinterkopf, damit es so aussieht, als habe ihn der Beamte ermordet. Nach einer längeren Diskussion mit Herrn Bosbach haben wir uns darauf geeinigt, dass er nicht auch noch zwischendurch das Magazin wechselt. Es würden sonst Probleme mit der Beleuchtung auftreten.“

Während der Familienvater sich eine Dose Bier einpfiff, blätterte ich im Skript der Schmonzette. „Und das hier soll die geistig-politische Wende der Medienpolitik darstellen?“ Siebels lachte meckernd. „Geistig-politische Wende? Ich würde das eher Realsatire nennen.“ Der Fachmann für farbenfrohes Flimmern bekam einen stechenden Blick. „Sie glauben doch wohl nicht, dieses Rührstückchen oder irgendeine andere Sendung auf diesem Kanal sei politisch unabhängig? Haben Sie sich nie gewundert, warum in jeder Talkshow das Pack von der INSM hockt und Ihnen einredet, unter einer Million im Jahr seien Sie ein Sozialschmarotzer? Ist Ihnen nie aufgefallen, dass Journalisten plötzlich verschwinden, wenn sie Roland Koch oder Jürgen Rüttgers sattelfest nachweisen konnten, dass sie gelogen haben? Na, klingelt’s bei Ihnen? Das einzige, wo Sie klar erkennen, dass es Propaganda ist, sind die Wahlwerbespots. Da redet Ihnen keiner ins Drehbuch rein, und die Zuschauer wissen wenigstens, dass sie das Gewäsch nicht zu sehen brauchen.“

Herbert Holm riss die Tür auf und torkelte in die Dekoration. Er mimte den Betrunkenen. „Unsere Super-FDP“, lallte der Malermeister, „die steckt’s den Hoteliers und den Ärzten hinten und vorne rein. Aber wir vom Handwerk, wir sind die Dummen.“ Voller Entsetzen blickte ich Siebels an, aber der beschwichtigte mich. „Das ist in Ordnung. Das hat die CSU genau so bestellt.“