Abgesang auf ein altes Jahr

18 12 2016

für Erich Kästner

Es war ein bisschen viel. Es ließ nichts stehen,
was dort im Wege wuchs. Das sank dahin,
als müsse es so sein. Die Wolken gehen.
Das ist nun ihr Beruf und ihr Gewinn.

Es wurde oft und viel zu viel gestorben,
wie immer war es sinnlos und verfrüht.
Nicht nur die Laune hat es uns verdorben.
Wir wissen längst nicht mehr, was uns noch blüht.

Nur manche Tage gaben sich ganz heiter.
Das war besonders schaurig, wüst und laut.
Wenn andre gingen, lebten wir nur weiter,
und doch ist es uns seltsam unvertraut.

Noch sind es fast zwei Wochen. Alle Zeichen,
dass sich noch etwas bessert, sind verweht.
Und wie sich Traum und Wirklichkeit auch gleichen,
das nächste Jahr, es findet seine Leichen
schon, über die es geht.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CXXXV): Zeitsparer

20 01 2012
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Sand rinnt kontinuierlich durch die Finger; noch kontinuierlicher sickert Pudding durch den Sprung in der Schüssel auf das geblümte Tischtuch. Zeit aber, die stofflose Größe der Veränderung alles Seienden, die unsere Vorstellung von Kausalität, Werden und Vergehen bestimmt, sie gibt uns allenfalls Ahnungen des Ewigen, da sie sich in nicht unterscheidbaren Erlebnisgehalten zusammenballt und wie Honig auf den ungefeudelten Boden suppt, ein flüchtiger Strom des Irdischen, immerzu ohne einen Begriff der Begrenzung. Könnte man überhaupt je die Zeit anhalten, wie lange stünde sie, die Ungemessene, dann messbar still? Läuft sie in eine Richtung, nie beeinflussbar durch ihren Beobachter? Und ist nicht ihre Beobachtung selbst schon ein Einfluss auf sich selbst? Können wir sie aufhalten? Können wir sie sparen? Und wenn ja, warum nicht?

Zeit zu sparen bedeutet Fortschritt. Staubsauger, Dosenwurst und Straßenbahn beschleunigen das Leben initial, da sie die Daseinsfunktionen leicht und locker aus ihrer Verankerung im Zeitstrahl lösen. Kaugummi putzt die Zähne beim Autofahren, das bügelfreie Hemd spart die Garderobe, das To-go-Heißgetränk langwierige Auseinandersetzungen mit der Kulturgeschichte. Demnächst teilen sich die businessgedopten Schnackbratzen ihr Ableben per SMS mit, während Armageddon als Bauchbinde unter den Börsennachrichten entlang schmaddert. Zehn Minuten erübrigt der Beknackte hier, eine Viertelstunde dort, am Ende des Tages guckt er anderthalb Stunden seiner höchst durchschnittlichen Existenz in die verschwiemelte Luft und weiß mit sich und der Angelegenheit nicht viel anzufangen. Die Zeit dümpelt wie brackige Brühe im Tümpel des weißen Rauschens – was war noch mal die conditio humana? Sicherlich nichts, was sich in eine Suppentüte stopfen ließe.

Sie tasken multi, leben nebenbei, controllen und evaluieren, wenngleich den Querkämmern unserer Wunderwelt die Grundkenntnisse fehlen, ein Dreiminutenei mit Hilfe einer Armbanduhr zur Strecke zu bringen, denn es handelt sich nicht um andressierten Pawlow, sondern um Kulturtechniken, für die Blasentag kognitiv eher geeignet wäre als der Bodensatz, der in den BWL-Seminaren die Klappsitze mit seinen Dermatophyten bekleckert.

Bedeutet Zeitsparen Fortschritt? Es ist nichts als eine Tretmühle, die sich immer weiter selbst verstärkt. Der Hedonismus des Gaspedals hat mehr als mit den gewünschten Effekte den Hominiden in eine Abwärtsspirale gedrückt, die ihresgleichen sucht. Aus der Vernichtung der Arbeitszeit resultiert die beknackteste Idee, die seit Menschengedenken die Gehirne verkleistert hat, der Kapitalismus. Verbrennungsmotoren waren ein rationaler Weg, die Pferdekutsche zu ersetzen, doch keiner hat etwas von brüllenden Blechkugeln gesagt, mit denen sich Knalldeppen an die Mauer matschen sollen. Das Leben auf der Überholspur ist so sinnvoll wie Zelten auf dem Standstreifen, während die Kohlenstoffwelt an einem vorüberrauscht. Die Synchronizität stört sich nicht daran.

Das Prinzip der Tretmühle ist das Problem, da in der gesparten Zeit neue Tätigkeiten ausgeübt werden, die sich permanent beschleunigen, so dass sie wieder mehr Zeit sparen, so dass sie sich permanent beschleunigen, so dass sie wieder mehr Zeit sparen. Die Welt wird zu einer Tütensuppe, die zwar sättigt, doch das Hirn durchlöchert. Wir optimieren, was sich nicht fassen lässt und nur hämisch der Asymptote entgegen grinst. Der fortschrittsgläubige Honk nähert sich der quasi nicht vorhandenen Linie mit dem intellektuellen Inventar seines Auslieferungszustandes, nämlich religiös – was er mit Bordmitteln nur widerlegen kann, muss er aus rein ideologischer Unvernunft glauben, weil er ohne bedingungslose Blödheit die Denkschwäche seiner Herkunft nie verkraften könnte, ohne dass ihn Kant vom Tellerrand fegte. Der Glaube, dass jedes aus eigener Beklopptheit resultierende Problem schon irgendwann durch eine höhere Macht mit Hast und Eifer erlöst würde, ist eben nur eins: dämliche Frömmigkeit in den nicht linear beschleunigten Blähwuchs des Universums.

Und beschleunigen wir Haarwachstum und Universitätsdurchlaufzeit, um in zwei Jahren die Inhaltsverzeichnisse der Bücher in die Köpfe zu pfropfen, die größere Geister während Jahrzehnten erdacht hatten. Wir leben auf Speed. Wir geizen, weil’s geil ist, mit dem Sittenideal und dengeln und eine Abschussrampe in den Burnout. Wir haben uns von der humanevolutionären Montagsproduktion volllabern lassen und merken mählich, dass, wer schneller lebt, nicht langsamer stirbt. Aber wahrscheinlich haben wir auch den Tod optimiert. Wenn auch nicht unseren eigenen.