Lagerhaltung

6 03 2013

„Das geht auch schneller!“ Ein Ruck fuhr durch die matten Gestalten im Lagerhaus, wie sie mit ihren Plastikkörben durch Regale und Förderbandstraßen hetzten, stets mit einem Blick über die Schulter, ob sie nicht gerade beobachtet würden.

„Dabei nützt das gar nichts“, erklärte mir Kelm. „Sie haben in ihrem Helm einen Chip, der den Aufenthaltsort verrät, die Geschwindigkeit, mit der sie sich bewegen, die Richtung, in der sie das tun, und wir haben einen Zentralrechner, der alle diese Daten zu einem lückenlosen Profil addiert. Hier entkommt keiner.“ Ich räusperte mich. „Wenn man bedenkt, dass diese Fabrik gegen jede erdenkliche Vorschrift verstößt…“ Er grinste. „Das ist korrekt, wenngleich auch erst nach der Gesetzesreform. Als diese Sache eingeführt wurde, war das alles noch vollkommen legal.“ Es gab einen Tumult unten in den Regalreihen; Sicherheitsbeamten fuhren mit ihren elektrischen Zweirädern in die Lagerzeilen, immer zwei Mann nebeneinander. „Vermutlich wieder eine der typischen Arbeitsverweigerungen aus individuellen Gründen.“ „Individuelle Gründe?“ Kelm nickte monoton. „Kreislauf. Oder ein Herzanfall. Wir können ja nicht auf alles Rücksicht nehmen.“

Mit der Monotonie eines abstrakten Balletts kippten die Arbeiter den Inhalt ihrer Plastikkörbe auf den Tisch, wo sich das Förderband plötzlich beschleunigte, so dass sie nicht mehr mithalten konnten und hilflos neben den Waren herstolperten. So verpassten sie immer wieder ihren Anschluss, die Ware wurde vor ihnen eingebucht, und sie hatten ein Stück zu wenig im Soll. „Wir sind da human“, beruhigte mich Kelm, „bis zehn Stück kriegen sie einen Anschnauzer, und dann gibt es einen Punkt in der Personalakte.“ „Was bedeutet der Punkt?“ „Dass man die halbe Kündigung schon geschafft hat.“ Er sagte es mit ruhiger Stimme, ganz und gar unbeteiligt, und es schien ihn nicht zu bekümmern, dass einer der Arbeiter nicht einmal richtig laufe konnte. Seine Schuhe waren zu groß; ich hatte davon gehört, dass man den Lageristen für teures Geld gebrauchte Schuhe verkaufte, die nur in wenigen Größen vorhanden waren, aber dies schien mir doch zu grotesk. „Immerhin bewegen sich die Leute vorsichtig“, teilte mir Kelm mit, „man kann in den Dingern nicht gut rennen.“

Unterdessen hatten zwei Sicherheitsleute einen Lageristen abgeführt, der die Treppe heraufgelaufen war. Er befand sich nur ein paar Meter unter unseren Füßen, doch man verstand nicht, was sie sprachen; zu laut war der Lärm der Förderbänder, das dumpfe Stoßen der Kisten, das kreischende, wimmernde Heulen der elektrischen Motoren, wenn die Aufseher auf ihren Rädern durch die Halle sausten. „Nichts“, ließ Kelm mich wissen, „nichts von Belang. Er wäre morgen drei Monate hier, da müssen wir ihn leider rausschmeißen, sonst würde sich sein Gehalt um ein Drittel erhöhen.“ „Und dazu muss man ihn fast die Treppe herunterstoßen“, begehrte ich auf, „das ist doch unmenschlich.“ „Er war Bundesminister für Wirtschaft und Arbeit“, gab Kelm ungerührt zurück. „Er hat die Regeln gemacht. Jetzt spielen wir mit ihm.“ „Was werfen Sie ihm vor?“ „Er hat nicht beide Seite des Handlaufs angefasst. Vorschrift ist Vorschrift, das wissen Sie so gut wie ich.“ „Ach was“, wandte ich ein, „wie sollte er das denn auch mit einem Korb in jeder Hand.“ Kelm schmunzelte. „Wie gesagt, wir haben die Regeln nicht gemacht. Sie sind alle selbst schuld.“

Die meisten hier arbeiteten ohnehin zur Probe. Zwei Wochen lang schoben sie Pakete hin und her, rissen sich die Finger an den Kartons auf, krochen in Regale und torkelten durch die Halle, ziellos, wache Zombies, die bereits eine halbe Stunde nach Schichtbeginn erschöpft waren, vertrocknet, verbogen, innerlich wie äußerlich zum Reißen spröde. Sie hatten sich das alles ganz anders vorgestellt. Aber wie stellt man sich dieses Arbeiten schon vor, wenn man bisher nie ernsthaft gearbeitet hat.

Eine ehemalige Familienministerin wurde wegen eines falschen Artikels angeschnauzt. Dort hinten bekam ein pensionierter Polizeipräsident die Gummiknüppel zu spüren, die der Wachschutz laut Einsatzplan gar nicht dabei hatte. „Wir hatten nach dem Auffüllen mit zwei Bundestagsmannschaften noch etwas Platz“, erläuterte Kelm, „und die besonders renitenten Fälle, bei denen auch keine demokratische Rückbildung mehr half, die haben wir gleich integriert. Es muss ja auch jemand die Drecksarbeit erledigen.“ „Was ist das da für ein Geschrei?“ „Unser ehemaliger Innenminister“, winkte Kelm ab, „er beschwert sich schon wieder, dass er von seinem Helm auf Schritt und Tritt überwacht wird, obwohl er als braver Untertan doch nie eine Pause macht, nicht die Bahnen der Flurförderfahrzeuge kreuzt und regelmäßig seine Kollegen verpfeift, wenn die langsamer gehen, als die Vorschrift befiehlt.“ „Und, hat er damit Erfolg?“ Kelm schüttelte den Kopf. „Natürlich nicht. Und ich weiß auch ehrlich nicht, warum er sich ständig beklagt. Wer nichts zu verbergen hat, muss doch auch nichts befürchten, oder?“

Unten zogen die Scharen vorbei. „Und man kann sie wirklich nicht mehr erreichen?“ Er schüttelte den Kopf. „Nichts zu machen. Sie würden nach zwei oder drei Wochen Tagen aus dem Betrieb kommen wie aus einem Abenteuerurlaub: es war ein angenehmer Nervenkitzel, aber jetzt ist es vorbei.“ „Man muss sie in diesem Lager lassen?“ Kelm nickte. „Man hat keine andere Chance. Das geht auch schneller.“





Viehhandel

24 03 2011

„Herr Minnichkeit, wie bin ich erfreut, Sie hier zu sehen!“ Siegmund Seelenbinder setzte bereits zu einem artigen Diener an, als ich ihn lächelnd unterbrach. „Ich enttäusche Sie nur ungern, aber ich bin es gar nicht selbst. Minnichkeit schickt mich, um den Chef der Fashion-Abteilung einzukaufen.“ Sein Gesicht zuckte. „Ich muss um Verzeihung bitten. Aber wird sind auch noch nicht fertig, unsere Datenbank wird gerade frisch durchgeputzt. Sie werden einen Kandidaten bei uns finden – wir haben alles, was Sie suchen!“

Ich verkniff mir die Bemerkungen, als ich das Signet von ad hominem an den Türschildern entdeckte. Die Personalfirma hatte sich den Namen selbst gewählt, ich war dafür nicht verantwortlich. „Unser Unternehmen“, belehrte mich Seelenbinder, „arbeitet nach den modernsten Methoden und ist technisch up to date. Sie werden sicher keinen Konkurrenten finden, der sich mit uns vergleichen ließe.“ „Das glaube ich aufs Wort“; gab ich mit einiger Ironie zurück. „Wenn Sie vor allem ein Interesse an technischen Verfahren hegen, sind Sie bestimmt ein großartiger Personaldienstleister.“ Er rümpfte die Nase. „Höre ich da eventuell eine Spur von Kritik heraus?“ Seelenbinder öffnete die Tür und schob mich in den kleinen Raum. „Dann schauen Sie sich einmal das hier an. Und dann reißen Sie die Klappe auf – wenn Sie können.“

Es war eine ganz normale Datenbank, aber ihre Ordnung war ungewöhnlich. „Die intrinsische Motivation ist ein bislang völlig unberücksichtigtes Kriterium. Wir wollten uns nicht damit abmühen, die Fähigkeiten eines Arbeitnehmers zu bewerten – die meisten Dinge lernt man sowieso erst in der Berufspraxis, Sie werden das kennen – sondern ihn nach dem Leistungsprinzip kategorisieren. Wer etwas leisten will, der soll es auch tun.“ Ich war sehr erstaunt. „Das ist ja lobenswert“, antwortete ich. „Meist wird diese Phrase ja nur in Sonntags- und Wahlkampfreden verwendet, denn wer hat heute noch Respekt vor einem Feuerwehrmann und nicht vor einem Investmentbanker?“ Seelenbinder zog eine Braue empor. „Sie sind Romantiker? Hätte ich mir ja denken können. Aber wir sehen das etwas anders. Bei uns haben Idealisten schlechte Karten. Sie sind absolut untauglich.“

Die Suchmaske spuckte binnen Sekunden ein Dutzend hoch motivierter Arbeitskräfte aus. „Der übliche Schrott“, spottete der Personaldompteur. „Die haben teilweise dreißig Jahre lang ihren Lebensunterhalt durch Arbeit bestreiten müssen – inzwischen völlig unbrauchbares Pack, das für den normalen Arbeitsmarkt total verdorben ist.“ „Eine interessante Auffassung“, bemerkte ich, „nach der Doktrin dürfte es keine ordentliche Arbeitsbiografie mehr geben.“ „Gibt es auch nicht“, beschied mir Seelenbinder. „Wenn Sie sich dreißig Jahre lang in der Maschinerie geschunden haben, sind auch ihre Qualifikationen egal. Sie sind motiviert, idealistisch und total versaut für die modernen Anpassungen. Sie lieben die Arbeit.“ Ich betrachtete das Auswahlfeld. „Qualifizierte Beschäftigungen haben Sie nicht anzubieten?“ Seelenbinder schüttelte den Kopf. „Würden wir ja gerne, aber wenn wir auf einmal alle freien Stellen besetzten, dann hätte die Wirtschaft keinen Grund, den Fachkräftemangel zu beklagen.“ „Sie meinen also, ein unmotivierter Arbeitnehmer ließe sich in den Arbeitsprozess noch besser einspannen?“ Er nickte. „Wir setzen auf die träge Masse. Das Vieh ist besser als gar nichts.“

Die Datenbank gab derweil jede Menge Output von sich; Estrichleger wurden gesucht und Kellner, Feinpolierer und Stuckateure, lauter ehrenwerte Gewerke. „Es gibt ja kaum noch einen Anreiz für diese Leute“, beschied Seelenbinder. „Natürlich müssen wir mittlerweile von den üblichen Mustern abweichen – es lässt sich kaum noch erzählen, dass es mehr Arbeitsplätze als Arbeitslose gibt, aber das muss uns nicht stören. Wir erweitern einfach das Modell der Anreize. Wenn ein Kandidat zu schnell bereit ist, eine Arbeit zu verrichten, ist die Arbeit zu gut bezahlt – oder der Arbeitnehmer übermotiviert.“ Ich widersprach ihm heftig. „Sie verrechnen sich. Ihr Ansatz ist unlogisch. Einerseits wird von der öffentlichen Hand die Unterwerfung unter den Arbeitszwang gefordert, fernab jeder Qualifikation oder Qualifizierung, und dennoch betreiben Sie Ihren Viehhandel: ist die Arbeitsbereitschaft erst einmal erzwungen, kann man an den Konditionen immer noch drehen. Wie passt das zusammen?“ Seelenbinder lächelte herablassend. „Wir fassen die Gier dieser Gesellschaftsschicht, mehr als ihre Grundsicherung haben zu wollen, als verderblich auf. Gleiches Recht für alle – warum soll nicht ein Fabrikarbeiter mit denselben Vorverurteilungen zu kämpfen haben wie ein Manager?“ „Ich dachte es mir schon“, gab ich zurück. „Ist der Mensch schlecht, freut sich das Geschäft. Freie Geister hat eine Diktatur nicht gerne in ihren Reihen.“

Seelenbinder tippte ein paar Dinge in die Tastatur und wartete, bis der Computer die Ergebnisse ausspuckte. „Hervorragend“, jubelte er. „Wir können Ihren Fashion-Menschen sofort mit einem Dutzend Bewerber bestücken. Was wollen Sie?“ „Ich denke, ich…“ „Halt!“ Er machte eine beschwörende Geste. „Hier ist er: Erfahrung in subalternen Tätigkeiten, keine Berufsausbildung, keinerlei sozialversicherungspflichtige Arbeit, für qualifizierte Aufgaben vollkommen ungeeignet, charakterliche Defekte im Randbereich, absolut motivationsfrei – wollen doch mal sehen, was das ergibt.“ Er fingerte ein bisschen an den Tasten herum und erblich plötzlich. „Idealberuf: Politiker!“





Bremsspur

9 02 2011

„Noch mal Fünftausend? Und die dürfen wir dann auch nicht entlassen nach der Auftragsspitze? Doch, das wird schon gehen. Wir unterstützen diese gesetzlichen Regelungen in vollem Umfang, das können Sie uns glauben. Vollkommen. Wir werden uns bereit erklären, die Zeitarbeitskräfte in unserem Unternehmen ab dem vollendeten dritten Monat mit den Festangestellten ganz und gar gleichgestellt sind. Und Sie halten gefälligst die Füße still, wenn wir die Leute nach zehn Wochen rauswerfen.

Das halte ich für nicht praktikabel. Schauen Sie, wir haben den Arbeitsmarkt geöffnet und erstmals geschafft, dass wieder Menschen in Arbeit integriert wurden, die vorher keinen Job hatten. Also solche, die wir entlassen hatten. Wegen der hohen Löhne. Sie werden doch wohl einsehen, dass wi8r auch auf unsere Kosten kommen müssen. Fünfundzwanzig Prozent Rendite, sagt der Herr Westerwelle, sonst lässt er sich von uns nicht mehr bezahlen. Ja, da schauen Sie – der hat eben Nehmerqualitäten. Aber wir können doch unsere Autos nicht einfach so auf den Markt werfen und darauf hoffen, dass sie Leuten gekauft werden! Das Risiko – glauben Sie, dafür steht einer gerade? Wir? Wieso denn wir?

Machen Sie sich das klar, unser Unternehmen steht unmittelbar vor dem Konkurs. Natürlich, ohne die freundliche Unterstützung des Bundeshaushalts würde es uns noch sehr viel schlechter gehen. Wir müssten unser Dreilitercabrio vielleicht um eine Saison nach hinten schieben, und ich frage Sie, wer will das. Sie vernichten hier massiv Chancen – und ich muss Ihnen ja nicht sagen, dass das auf Kosten der Leistungsträger geht. Wir müssen unsere Steuern nicht hier hinterziehen, wir können auch nach Liechtenstein.

Aus Gründen der Solidarität! Wir stellen doch diese bildungsfernen Idioten nicht ein, damit sie unsere großartigen Autos zusammenbauen, wir erfüllen damit die nationalen Erwartungen an unsere Verantwortung! Und damit sich das für uns irgendwie rechnet, müssen wir die anderen Stellen natürlich mittelfristig reduzieren und in die neuen Arbeitsschwerpunkte aussiedeln. Schauen Sie mal, die in Bangladesch wollen ja auch irgendwie leben, und wenn man mal ausrechnet, was die Jungs sich für hundert Euro im Jahr alles kaufen können, dann sollten Sie diesen humanitären Aspekt nicht ganz unter den Tisch fallen lassen, meinen Sie nicht?

Man braucht überall einen gewissen Anteil an Angestellten, um auf die Marktschwankungen reagieren zu können. Flexibilität hat ihren Preis, nicht wahr? Das ist eben so, daran werden wir uns alle gewöhnen müssen, Arbeitnehmer, Arbeitgeber und die Börse. Das ist Globalisierung.

Natürlich brauchen wir die Billiglohnländer. Keine Frage. Denken Sie sich doch mal eine Lage wie in Ägypten oder Thailand, nur eben so, dass die Bevölkerung nicht sozial benachteiligt wäre im Vergleich zum… ist sie schon? Gegenüber dem Mittelstand? Donnerlittchen, das hätte ich jetzt gar nicht gewusst! Und Sie meinen wirklich, diese Unruhen hätten auch soziale Gründe? Man kann nicht vorsichtig genug sein! Aber wie gesagt, wir brauchen solche Länder. Wir brauchen auch diese Arbeitsbedingungen. Stellen Sie sich mal eine Welt vor, in der es keine Kinderprostitution mehr gäbe wegen der Versorgungslücke zwischen Teppich- und Turnschuhfabrik – was sollten wir denn auf internationalen Konferenzen noch anprangern? Ich meine, wir können doch schlecht Vorschulkinder zum Schneefegen schicken, nur damit Westerwelle endlich mal Ruhe gibt? Und was machen wir mit dem Lohnabstandsgebot? Wollen Sie eigentlich den Aufschwung oder wollen Sie Deutschland wieder auf der Bremsspur? Liegt Ihnen denn gar nichts an dieser Volkswirtschaft?

Sehen Sie es mal von der Seite der Arbeitgeber: wenn wir über diverse Wirtschaftsheißluftinstitute verlautbaren lassen, dass das der Aufschwung ist, dann meinen wir damit: unseren Aufschwung. Wenn wir den Aufschwung für die am Fließband meinen, dann sagen wir das rechtzeitig, ja? Sobald die Kreditreserven wieder Vorkrisenniveau haben – wobei, das haben sie ja. Ist ja wieder vor der Krise.

Unterschätzen Sie jetzt nicht unseren Einfluss. Die Automobilindustrie war immer fortschrittlich und erfolgreich. Und absolut eigenständig. Und daran wird sich auch nichts ändern, wenn wir unsere Belegschaft weiter von Zeitarbeitsfirmen ausleihen. Wir sind immer noch Wirtschaftselite.

Mehr als die Stammbelegschaft? Aber wozu denn? Zahlen Sie einer Aushilfe mehr als den fest angestellten Arbeitnehmern? Also das sind doch sozialistische Spinnereien! Sie wollen uns doch nicht drohen? Wir sollen den Zeitarbeitern einen Risikoaufschlag zahlen, dass sie uns in Engpässen aushelfen? Weil wir für Flexibilität sind? Was meinen Sie damit, wir müssen uns als Arbeitnehmer auch daran gewöhnen? Die Börse? Was, das ist Globalisierung? Wenn wir nicht so kurz vor der Pleite wären, dann würden wir hier aber andere Saiten aufziehen, das schwöre ich Ihnen!

Also wir haben uns da verstanden, ja? 370 Euro für die Hartz-IV-Bezieher, und dann halten Sie beim Thema Zeitarbeit die Schnauze? Abgemacht? Sehr gut. Ich wusste, mit Ihnen kann man reden.“





Und raus bist Du

30 09 2010

„Und das geht?“ „Logisch. Sonst würden wir es ja nicht machen.“ „Sie wissen doch, wie das in Berlin ist. Da geht eine Menge nicht, aber machen tun sie es trotzdem.“ „Doch, das hier geht. Bombensicher.“ „Und die Bezahlung? Gibt es da Einschränkungen im Vergleich zum normalen Personal?“ „Das fällt nicht weiter ins Gewicht, denn Sie wissen ja, dass man für Politiker eh meist nur den Ramsch kriegt, der für den normalen Arbeitsmarkt sowieso nicht zu gebrauchen ist.“ „Stimmt auch wieder.“ „Und trotz allem mache ich mir ein bisschen Sorgen.“ „Ach was, nicht nötig. Wenn man sich am Fließband mit Zeitarbeitern behilft, warum nicht in der Politik?“

„Es trifft zu, dass die überlassenen Arbeiter hier das Dreifache ihrer Lohnkosten erwirtschaften?“ „Wir kalkulieren eben mit dem spitzen Bleistift. Da können wir uns auch schon mal eine etwas größere Menge an Staatssekretären leisten.“ „Sie meinen, eine etwas sehr viel größere Menge, als die FDP noch vor der Wahl haben wollte?“ „Genau. Und es ist auch noch ein bisschen mehr drin für, na sagen wir mal: repräsentatives Personal.“ „Also für einen Frühstücksdirektor wie Wulff?“ „Richtig, der Mann ist uns zwar schon ein bisschen länger empfohlen worden, aber er…“ „Empfohlen? als was denn bitte empfohlen?“ „Als Grüßaugust. Passt ja auch zu seinen Qualifikationen.“ „Er hat doch gar keine.“ „Sage ich ja. Normalerweise hätte man für so was Abstand gezahlt oder wäre bei der Wohnungssuche behilflich gewesen, aber als Leiharbeiter?“ „Hm, das ist schon einleuchtend. Aber die Laufzeiten?“ „Bei Großabnahme lässt der Verleiher mit sich reden. Und da das Modell in der Wirtschaft so gut lief, haben wir uns selbstständig gemacht. Eine eigene Arbeitsverleihagentur erspart Aufwand, und die Kosten fließen von einer Tasche in die andere.“

„Nur, wissen Sie: über den Erfolg müssten wir mal reden.“ „Hmja. Nicht so toll, oder?“ „Ich will ja nichts gegen Ihre Personalpolitik sagen, aber das macht doch keinen guten Eindruck. Die Leute sind doch größtenteils unter aller Sau.“ „Selbstredend, es war ja auch als Eingliederungshilfe in den ersten Arbeitsmarkt gedacht, aber dann hat es sich irgendwie verselbstständigt.“ „Um Geld zu sparen, sehe ich ja auch ein – aber Ihnen muss doch klar sein, dass man bei der Personalauswahl auch mal auf die Eignung der Leute guckt. Also ehrlich, das geht doch nicht!“ „Ich weiß, dass das nicht optimal läuft. Aber Sie müssen auch zugeben, wir haben in der Zeit eine Menge…“ „Nein, das lasse ich alles nicht gelten bei diesen Fällen! Hier, schauen Sie sich das mal an: jahrelange Mitgliedschaft in einer verfassungsfeindlichen Organisation, die Zeugnisse sind schon eindeutig, dann wird der Mann zum Vorstellungsgespräch eingeladen, das erste, was er macht, er greift hier tief in die Kasse, dann pöbelt er den Arbeitgeber an, droht der Unternehmensleitung, und dann schleust er auch noch sein Betthäschen ein und lässt ihn sich die Taschen vollstopfen. Das geht so nicht!“ „Er hatte aber auch eine schwere Zeit, müssen Sie zugeben. So von jetzt auf gleich als Außenminister in Hier-ist-Deutschland, das kann auch nicht jeder.“ „Papperlapapp, wenn ich unqualifiziertes Personal haben will, stelle ich mich an die Straßenecke! Oder hier, in Volkswirtschaft versagt, Medizinstudium nicht hingekriegt, Doktor gekauft, zwei Festanstellungen versemmelt, jetzt in Verwaltungsrecht am Anfängerwissen gescheitert – wissen Sie, das muss doch alles nicht sein, es gibt doch wohl bessere Besetzungen als ausgerechnet diese Bildungsallergikerinnen.“ „Aber die ist…“ „Nix! Ich kenne Ihre Schwäche für Blondinen, aber so viel Stroh auf einem Ministersessel sollte man auch nicht noch fördern. Das geht zu weit!“

„Allerdings haben wir bisweilen ein kleines Problem.“ „Ein Problem? Ich dachte, mit Zeitarbeit gäbe es keine Probleme?“ „Es ist ja auch nicht mit der Zeitarbeit, sondern…“ „Na?“ „… sondern die Personaldecke.“ „Was hat denn das jetzt mit der Personaldecke zu tun?“ „Sie wissen doch, wie der Staat üblicherweise mit dem Geld umgeht.“ „Er schmeißt es mit beiden Händen zum Fenster raus und sagt den Bürger, dass sie über ihre Verhältnisse gelebt hätten.“ „Eben. Und jetzt ist hier eine etwas größere Menge an… schauen Sie mal.“ „Was? das sollen diese Heinis selbst bezahlen! Wir sind doch hier nicht Westerwelles Party-Service? Was bildet der Knilch sich eigentlich ein?“ „Wir konnten das ja auch nicht ahnen. Es ist ja sowieso so, dass die Integration der Leihkräfte in den normalen Verwaltungsbetrieb eher schleppend verläuft. Sie werden auch nicht richtig angenommen.“ „Weil sie als Außenseiter gelten?“ „Naja, schauen Sie sich mal dies Personal an. Rösler, Schröder, die sind ja im Grunde unterqualifiziert. Keine Ausbildung, nur etwas auf die Schnelle angelernt, und dann tun sie so, als hätten sie im Ressort ansatzweise Ahnung. Das kann ja nicht gut gehen!“ „Und warum machen Sie es dann überhaupt?“ „Wir machen es wie in der Wirtschaft: solange die Stückkosten schön niedrig sind, wird immer noch eingekauft, und auf die horrenden Folgekosten achtet keiner.“ „Haben die denn etwa keine private Altersvorsorge?“ „Die bekommen Pensionen, warum?“ „Auf unsere Kosten?“ „Wir konnten das ja nicht verhindern. Aber denken Sie an die eine große Verbesserung, die alles wettmacht. Diese eine bahnbrechende Neuerung im Vergleich zu alten Beschäftigungen.“ „Die wäre?“ „Sie können sie sofort loswerden. Von einem Tag auf den anderen. Es reicht, wenn einem die Nase nicht mehr passt. Ein Anruf, und zack! ist Ihr Kandidat draußen.“ „Echt? Das hatte ich nicht bedacht. Sagen Sie, haben Sie zufällig gerade mal die Akte Sauerland zur Hand?“





Alles nur geliehen

14 04 2010

„Nehmen Sie Platz. Ihre Unterlagen haben Sie wohl dabei. Ihre Unterlagen haben Sie nicht dabei? Was glauben Sie denn, wo Sie hier sind? Meine Güte, das ist hier eine Behörde und kein Kinderspielplatz! Wenn hier jeder irgendwelche Anträge stellt, dann muss das eben auch Ordnung haben! Struktur! So, und jetzt gehen Sie noch mal raus mit dem ganzen Kram, und dann kommen Sie hier ganz piano wieder rein und setzen sich geräuscharm auf den vor Ihnen stehenden Stuhl, kapiert?

Ist eben so, ich kann’s ja nicht ändern. Was heißt denn hier Behördenschikane – Sie wollten das mit dem Kündigungsschutz, und Sie wollten das mit den Eingliederungsvereinbarungen. Ich kann Ihnen zwar nicht mehr die Leistungen kürzen, wenn Sie nicht in der Lage sind, Ihren vertraglichen Verpflichtungen nachzukommen, aber ich kann Ihnen ganz hübsch das Leben zur Hölle machen. Na, sehen Sie, da kommen wir uns doch schon mal näher. Sie unterschreiben hier unten rechts, und dann schauen wir uns mal gemeinsam an, was Sie für uns zu tun haben, wenn es uns passt.

Selbstverständlich ist das befristet. Sie denken doch wohl nicht, dass Sie hier als Arbeitsloser reinmarschieren und sich zwischen einem halben Dutzend Vollzeitstellen etwas Schönes aussuchen dürfen, was Ihnen Spaß macht. Die Zeiten sind vorbei, das kann ich Ihnen flüstern! Ja, dann werden Sie eben jeweils nach Einsatzmöglichkeit beschäftigt, wir stellen das regelmäßig fest, wo wir die entsprechenden Kräfte auf dem Arbeitsmarkt benötigen. Sklavenhandel? ich bitte Sie, das ist doch nicht Ihr Ernst! Vor allem bei den rechtlichen Rahmenbedingungen – Sklaven hatten schon immer ein Recht auf Arbeit. Damit wollen wir gar nicht erst anfangen, oder sind wir hier im Sozialismus? Wie ich es Ihnen sage, die Stellen sind alle befristet. Für Sie hätte das den Vorteil, dass man Ihnen keine lange Einarbeitungszeit zumutet, Sie sind schon am ersten Beschäftigungstag voll einsatzfähig. Für uns hat das den Vorteil, dass wir Sie jederzeit wieder an die frische Luft setzen können. Und in so richtig partnerschaftlichem Geist arbeiten Sie doch gerne, oder? Es gibt eben Berufe, bei denen man deutliche Abstriche machen muss. Da ist mit Qualifizierung und diesem ganzen Bildungsgedöns auch nichts zu wollen, das sind eben einfache Handlagertätigkeiten ohne großartiges Anforderungsprofil, da kann man jeden Blödmann einsetzen. Wer nicht spurt, kriegt eins auf die Fresse. Oder Leistungskürzung. Und wer es beim dritten Mal nicht rafft, hat halt Pech gehabt. Wir können nicht jeden Schmarotzer durchfüttern, hier ist nicht Schlaraffenland.

Gut, man merkt es schon. Ja, wir sehen das natürlich bei den Produktivitätszahlen, dass die Sache nicht rund läuft. Dann muss man eben auch mal recht hart reagieren. Wir können ja nichts dafür, dass die überlassenen Arbeitnehmer ständig Mist bauen, weil man ihnen ihre Aufgaben nicht korrekt erklärt hat. Geht uns ja eigentlich auch nichts an, wir sind nur dafür da, die Gelder zu kassieren. Alles andere ist nicht unser Bier, letztlich.

Dass Sie sich mit Ihrer Arbeit gar nicht identifizieren, müssen Sie mir nicht erzählen. Wenn ich mir Ihre Arbeitszeugnisse ansehe, wäre ich darauf auch von alleine gekommen. Sie wollen mir erzählen, Sie seien überfordert gewesen? Also bitte – Sie haben doch in all den Jahren nie ernsthaft gearbeitet. Sie haben es ja nicht einmal richtig versucht! Und jetzt wollen Sie mir weismachen, dass Sie Arbeitsroutine erworben hätten? Kinder, was ist das denn für ein Stuss! Wenn ich mir das hier ansehe, Sie kriegen doch heute noch einen Nervenzusammenbruch, wenn Sie mal alleine im Büro sind und das Licht ausmachen sollen! Routine – was für ein Blödsinn, Mann!

Beschwere ich mich bei Ihnen oder meckern Sie hier an den Eingliederungsmaßnahmen herum? Sie erwarten, dass der Staat Sie alimentiert, dann seien Sie verdammt noch mal auch etwas kooperativ und interessieren Sie sich für die Arbeitsmöglichkeiten, die sich Ihnen in den kommenden Monaten bieten. Woher soll ich denn wissen, was in einem halben Jahr los ist? Bin ich Hellseher? Na also. Dann verschonen Sie mich mit Ihrem Gejammer. Haben Sie etwa plötzlich eine Kapitalismusallergie? Dann werden Sie sich wohl daran gewöhnen müssen, dass Sie nicht mehr aus lauter Freundlichkeit irgendwo durch die Arbeitswelt laufen dürfen, sondern nur noch zur Gewinnerzielungsabsicht. Also jetzt nicht Ihrer – jetzt hören Sie doch mit Ihrer antiquierten Vollkaskomentalität auf, das ist ja nicht mehr feierlich! Gehen Sie doch nach Nordkorea, wenn Sie unbedingt Kommunist werden wollen!

Dann werden Sie in sechs Monaten einen neuen Betätigungskreis kennen lernen. Eben gerade noch Schneeschaufler in Berlin und jetzt schon Aufseher in einem Ferienlager zwischen Usedom und dem Riesengebirge. So praktisch ist das Leben! Hatten Sie erwartet, dass wir Ihnen eine persönliche Hängematte aufspannen, nur weil Sie es sind, Herr Minister? Ihr Vertrag ist befristet. Wenn Sie nicht mehr gebraucht werden, fliegen Sie raus. Dann ist der Nächste dran. Sie haben hier einen zeitlich befristeten Arbeitsvertrag, der bei mangelnder Leistungsbereitschaft jederzeit aufgehoben werden kann. Auch sehr kurzfristig, damit Sie sich hier keine Schwachheiten einbilden. Das mag für Sie problematisch sein, aber geben Sie nicht mir die Schuld; hätten Sie etwas Anständiges gelernt, dann müssten wir uns jetzt nicht mit Ihnen herumärgern.

Ach, noch einen Tipp, Westerwelle: nächstes Mal nicht mit Leihstimmen.“