Die Summe der Teile

8 07 2009

„Du hast was getan!?“ Der junge Mann packte das Mädchen an den Schultern und schüttelte sie durch. „Ich liebe sie! Und Du wirst uns nicht auseinander bringen!“ Er stieß sie von sich weg. Mit Schwung warf sie sich in die Couch. „Klappe!“ „Gestorben!“ Und damit war die Szene im Kasten. Siebels kam aus dem Fundus und bemerkte, dass ich schon da war. Freundlich grüßend hob der Produzent seine Hand und wechselte ein Wort mit dem Regisseur, bevor er sich neben mich setzte.

„Und, wie fanden Sie den Pilotfilm?“ Ich war verwirrt gewesen, denn die DVD zeigte nicht weniger als 489 einzelne Szenen, mitunter wenige Sekunden lange Schnitte. Einige Cuts waren sogar nur durch minimale Änderungen zu unterscheiden; einmal warf Chantal den Müll aus dem Fenster und einmal sich selbst an die Brust des männlichen Hauptdarstellers. „Genau das ist unsere Strategie“, nickte der Macher, „um der Realität ins Auge zu sehen. Wir machen es besser.“ Dabei wusste ich ja, dass ein Film eigentlich erst am Schneidetisch entsteht – das Rohmaterial ist meist nicht mehr als Anregung durch den Regisseur, der sich einbildet, ein Drehbuch habe ihn dazu angeregt.

Aber Siebels widersprach mir. „Sie täuschen sich. Wir haben nicht die Verpackung neu erfunden, sondern das Produkt. Das, was die Zeitungen falsch machen und wofür sie die Verantwortung an die ach so dummen Leser weiterreichen. Im Gegensatz zu ihnen stellen wir uns der Debatte und geben dem Kunden eine Alternative. Wir handeln.“ Wie sollte das nun funktionieren? „Indem wir das Internet so nutzen, wie es gedacht war. Als mehrschichtiges Medium, das Feedback und Metakommunikation erlaubt. Das, was keine Zeitung kann.“ „Aber das ist doch nicht viel mehr als Video-on-Demand – man gibt den Zuschauern Puzzleteilchen und lässt sie damit die Realität nachspielen?“ Siebels sah mich über den Rand seiner Brille hinweg an. „Sie täuschen sich, ich sagte es bereits. Sie spielen nicht eine Realität – sie erschaffen ihre Realität. Jede Szene ist ein Teil ihrer Wirklichkeit, so oder so. Wir lassen sie vor dem Film einen Fragebogen ausfüllen und der Server kombiniert ihre Vorstellungen zum Produkt. Chacun à son goût. Jeder bekommt das, was er präferiert. Das Ende des medialen Diktats.“

Unterdessen hatte sich Chantal in die Kantine begeben und war durch Sabrina ersetzt worden. „Ich liebe sie“, röhrte der Junge, „und Du wirst uns nicht auseinander bringen!“ Sabrina flog aufs Sofa, wurde leicht abgepudert und ging wieder in ihre Ausgangsposition; das Licht hatte nicht gestimmt. „Aber das ist doch völlig unmöglich! Sie drehen hier eine Seifenserie ab, Zeugs mit simpler Story, und erwarten doch wohl von ihrem Publikum nicht, dass es über die Anschlussfehler lacht? Der Knabe hier legt erst die eine und dann die andere Dame auf den Rücken – was halten Sie von Logik, Siebels? Major Strasser verliert seine Schulterstücke, und Ihnen fallen solche Böcke nicht auf?“ Siebels war verärgert. „Denken Sie doch mal nach, bevor Sie reden! Er steht eben zwischen zwei Frauen. Das Ergebnis ist austauschbar, die Handlung ist egal. Der Gang der Handlung, das zählt. Haben Sie nie eine Zeile Brecht gelesen?“

Episches Theater im Vorabendprogramm. Ich begriff. „Nein, eben nicht“, stöhnte der Programm-Erfinder, „wir müssen eben die Zielgruppe direkt fragen, was sie erwartet – ihre Wirklichkeit besteht aus mehr als Fakten. Sie besteht aus Attitüden. Die Zeitungen glauben, man könne den Leser durch auktoriale Auswahl steuern; das geht in die Hose, denn sie leugnen, dass jedes Medium einen Markt hat. Alle halten ihr Blättchen für die einzige Zeitung auf Erden und denken, ein Erdbeben, das nicht auf ihrer Titelseite steht, habe gar nicht stattgefunden. Jeder schreibt es, das Ergebnis ist dasselbe. Aber die Haltung – man kann sich ja nur blamieren, wenn man in diesem Einheitsbrei mitschwimmt. Bis man eben absäuft.“ Mokant wies ich Siebels auf BILD, Blick und Krone hin. Doch das ließ ihn kalt. „Kakerlaken sind eben widerstandsfähiger als Rehe. Und Augenhöhe mit den Konsumenten heißt nicht zwangsläufig, freiwillig im Dreck zu liegen.“

Der Matte Painter spielte die Innenstadt von Erlangen ein. Das Rathaus, die Beton gewordene Kathedrale des schlechten Geschmacks, flirrte digital durch die Schaufenster eines Cafés. Köln folgte, Dresden und Potsdam und Bremerhaven. Der Protagonist warf wütend eine Tasse auf den Boden. Konstanz, Kiel, Kassel, ein ganzer Kasten Geschirr ging zu Bruch. „Die regionalen Aspekte werden ja auch vernachlässigt“, erläuterte Siebels, „natürlich sehen Sie die Sache mit ganz anderen Augen, wenn es in der Nachbarschaft spielt. Noch so ein Punkt, bei dem die Printmedien patzen. Wir machen das besser.“ „Und was bringt Ihnen das ein außer einem Riesenaufwand an Zeit und Kosten?“ Er lächelte nachsichtig. „Wir produzieren anders. Zielorientierter. Wir beteiligen die Schauspieler am Erfolg. Wer zum besten Darsteller des Monats gewählt wird, erhält einen Bonus. Das motiviert. Hier gibt es keine Fixkosten-Kalkulation, wo das Volk nach Jahrzehnten jede Woche vor der Glotze hockt und Mutter Beimer eine Embolie wünscht, um die alte Tante nicht mehr sehen zu müssen.“

Aber vielleicht hatte er Recht. Vielleicht hatten andere Medien zu wenig die Bodenhaftung gesucht. Der Jungspund war schon wieder im Dialog: „Ey, Panne oder was!? Isch mach Disch Messer!“