Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCX): Herbstgeräusche

30 10 2015
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Gelassen nähert sich der Jahreslauf seinem Ende zu. Auf leichter Schwinge geht es der Stille zu, die in den Ritzen der Nacht schon zu Fühlung winkt. Nicht mehr das gedämpfte Atmen in der schneebedeckten Landschaft, der jubilierende Chor fröhlicher Vögel, das endlose Zirpen der nächtlich verliebten Grillen. Noch dämpft das Rauschen der Bäche ein seichtes Säuseln der Blätter im Wind, ein lockender Zephir, ein Tanzen von Regentropfen auf der Fläche des kleinen Dorfbrunnens. Müde sinkt die Sonne in die Weite des Blicks, der Oktober glüht in goldener Güte. Nur diese gottverschissene Heckenschere drückt die Trommelfelle nach innen, dass eimerweise das Blut aus den Augen trieft. Es ist Herbst, und keiner kommt hier lebend raus.

Der Anblick der Stadtparklandschaften mag noch einigermaßen okay sein, wie Haushunde ihre Haufen unter die Laubdecke schieben und Jogger schmatzend in die Masse stapfen, doch akustisch haben moderne Waffensysteme dieser Zumutung nicht viel entgegenzusetzen. Der Nachsommer ist in vollem Gange. Das Crescendo krächzender Rechen auf porösem Beton eröffnet den Reigen der heiteren Folter, denen sich der Beknackte in westlich zivilisierten Doppelhaushälftenvierteln auszusetzen hat. Keuchend zerrt der Anwohner sein Blattwerk über den Plattenweg, als würde nicht in der nächsten Stunde die Natur selbst ihm die Mutter aller Mittelfinger zeigen. Die Endlichkeit humanen Selbstverständnisses, das viel früher auf Null schaltet als die Vitalfunktionen des durchschnittlich bekloppten Gartenzwergs, zeigt sich in der Attitüde des täglich vor sich hin kratzenden Rechenschiebers in seinem Biotop. Ein Unaufhörliches schwiemelt sich ins Stammhirn des Deppen, und nichts wird seinen Platz je einnehmen.

Immer abgesehen von der Höllenmaschine, die stracks nach der Heckenschere in Aktion tritt. Das Schnarren des Laubhäckslers lässt den Boden dumpf erzittern, wie Haufen von Biomasse im Trichter des finalen Fressfeindes versinken, um unter rummelndem Getöse als veganes Streugut meterhoch wieder in die Stratosphäre geballert zu werden, weil der Dummklumpen vom Amt für Stadtgrün und postmortale Verwesung wieder zu blöd war, den Deckel auf den Apparat zu flanschen. Heiter flirrt molekular zerfetzte Buche in die Lüfte, bittersüße Aromen von Schmierfett und heißem Metall begleiten das Koordinationsversagen, das uns bekannt ist und wiederkommen wird – alle Jahre wieder.

Dann aber, der Höhepunkt lässt sich nicht länger hinauszögern, tönt es. Das Ding. Der Schauer der sterbenden Saison. Der Laubbläser, jenes Spielzeug für den Blödföhn, gerne genommen als Benziner, damit auch die Natur noch nachhaltig eins in die Fresse kriegt, brüllt entmenscht durch die Gefilde, sobald es hell genug ist, eine Straßenlaterne zu erblicken. Horden hirnloser Fußhupen säumen jede Rasenkante, stolpern um jeden Baum, robben um jede Busch mit der Dezibelinfanterie im Anschlag, als wäre der letzte Weltkrieg ein Kindergeburtstag gewesen. Nicht einmal die komplette Dämlichkeit eines permanent harkenden Honks vermag die Art des Bläserbumskopfs zu toppen, der mit seinem röhrenden Rohr die Flora verstört und zitternde Steuerzahler in die Psychose treibt. Der Absatz schallisolierter Doppelscheiben in Grünflächennähe steigt per anno um wenige Milliarden Prozent, aber wen stört das schon? Das orgelt volle Möhre das Schmalz aus dem letzten Gehörgang, keiner der kommunalen Kümmerer – sie leben meist dreißig Kilometer entfernt in einer verkehrsberuhigten Siedlung, wo man radelnde Kleinkinder ob der Mittagsruhe mit einem aufgesetzten Genickschuss zur Ruhe bringt – würde diesen Schalldruck auch nur zur Kenntnis nehmen. Es krakeelt durchs Karree, und die schlechte Nachricht ist: das war’s ja noch nicht mal.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Alle anderen, Nachbarn meist, dengeln die Hütte fest mit dem Trennschleifer im Dauereinsatz. Was Falten auf dem Gesicht macht, was sich in die Albträume hineinfräst, um eigene Wurmlöcher dort zu hinterlassen, das lässt sich mit Hobbygerät gut und günstig bewerkstelligen. Alternativ zückt der Querkämmer von nebenan gerne seine Kettensäge fürs Kaminholz. Und auch hier werden Benziner im Sortiment gerne besonders beworben, meist aus Gründen. Doch was der einzelne Bescheuerte zu unternehmen weiß, ist nichts gegen die konzertierte Aktion der amtlich bestellten Mehlmützen, die das Volk nicht sterben lassen wollen, solange es noch leiden kann. Alles rüstet sich, alles macht sich und die angrenzende Substanz winterfest. Noch einmal werden die Gelder der öffentlichen Hand mit Schmackes aus dem Fenster gekloppt, Straßen werden aufgerissen und asphaltiert und wieder aufgerissen und wieder asphaltiert und wieder aufgerissen und hinterlassen tiefe, schwärende Wunden, die die Seele angesichts jener Ahnung von Ewigkeit empfängt. Hier hülfe kein Laubbläser, kriegte man den Klötenkönig im Amt kurz vor Dienstschluss am Wurmfortsatz. Der Häcksler indes, ja – darüber ließe sich durchaus reden.





Das Entsetzen oder Wie ich einmal mit Max Horkheimer einen Fernsehkrimi anschaute

4 05 2014

Ein Kind verstirbt; ach, wie man Kinder tötet,
das zeigt Ihr in den kleinsten Kleinigkeiten,
schickt Euch dann an, es weithin zu verbreiten,
dass sich des Bürgers Auge schreckhaft rötet.

Daneben schweigt es, putzt sich, tanzt und flötet:
possierliche Gewalt an Minderheiten,
die uns vertraut ist, Hass zu allen Zeiten,
wie man aus der Verfassung Rechte jätet.

Schon ringen wir nach Fassung. Das Entsetzen
befällt uns pünktlich, ein kathartisch Schauern
nach dem Programmheft, lautstarkes Bedauern.

Am andern Ende ist nun nicht Ergötzen,
doch bleibt ein Menschenleben letztlich Masse.
Dramaturgie, das ists, außerdem: Kasse.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CXXXV): Zeitsparer

20 01 2012
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Sand rinnt kontinuierlich durch die Finger; noch kontinuierlicher sickert Pudding durch den Sprung in der Schüssel auf das geblümte Tischtuch. Zeit aber, die stofflose Größe der Veränderung alles Seienden, die unsere Vorstellung von Kausalität, Werden und Vergehen bestimmt, sie gibt uns allenfalls Ahnungen des Ewigen, da sie sich in nicht unterscheidbaren Erlebnisgehalten zusammenballt und wie Honig auf den ungefeudelten Boden suppt, ein flüchtiger Strom des Irdischen, immerzu ohne einen Begriff der Begrenzung. Könnte man überhaupt je die Zeit anhalten, wie lange stünde sie, die Ungemessene, dann messbar still? Läuft sie in eine Richtung, nie beeinflussbar durch ihren Beobachter? Und ist nicht ihre Beobachtung selbst schon ein Einfluss auf sich selbst? Können wir sie aufhalten? Können wir sie sparen? Und wenn ja, warum nicht?

Zeit zu sparen bedeutet Fortschritt. Staubsauger, Dosenwurst und Straßenbahn beschleunigen das Leben initial, da sie die Daseinsfunktionen leicht und locker aus ihrer Verankerung im Zeitstrahl lösen. Kaugummi putzt die Zähne beim Autofahren, das bügelfreie Hemd spart die Garderobe, das To-go-Heißgetränk langwierige Auseinandersetzungen mit der Kulturgeschichte. Demnächst teilen sich die businessgedopten Schnackbratzen ihr Ableben per SMS mit, während Armageddon als Bauchbinde unter den Börsennachrichten entlang schmaddert. Zehn Minuten erübrigt der Beknackte hier, eine Viertelstunde dort, am Ende des Tages guckt er anderthalb Stunden seiner höchst durchschnittlichen Existenz in die verschwiemelte Luft und weiß mit sich und der Angelegenheit nicht viel anzufangen. Die Zeit dümpelt wie brackige Brühe im Tümpel des weißen Rauschens – was war noch mal die conditio humana? Sicherlich nichts, was sich in eine Suppentüte stopfen ließe.

Sie tasken multi, leben nebenbei, controllen und evaluieren, wenngleich den Querkämmern unserer Wunderwelt die Grundkenntnisse fehlen, ein Dreiminutenei mit Hilfe einer Armbanduhr zur Strecke zu bringen, denn es handelt sich nicht um andressierten Pawlow, sondern um Kulturtechniken, für die Blasentag kognitiv eher geeignet wäre als der Bodensatz, der in den BWL-Seminaren die Klappsitze mit seinen Dermatophyten bekleckert.

Bedeutet Zeitsparen Fortschritt? Es ist nichts als eine Tretmühle, die sich immer weiter selbst verstärkt. Der Hedonismus des Gaspedals hat mehr als mit den gewünschten Effekte den Hominiden in eine Abwärtsspirale gedrückt, die ihresgleichen sucht. Aus der Vernichtung der Arbeitszeit resultiert die beknackteste Idee, die seit Menschengedenken die Gehirne verkleistert hat, der Kapitalismus. Verbrennungsmotoren waren ein rationaler Weg, die Pferdekutsche zu ersetzen, doch keiner hat etwas von brüllenden Blechkugeln gesagt, mit denen sich Knalldeppen an die Mauer matschen sollen. Das Leben auf der Überholspur ist so sinnvoll wie Zelten auf dem Standstreifen, während die Kohlenstoffwelt an einem vorüberrauscht. Die Synchronizität stört sich nicht daran.

Das Prinzip der Tretmühle ist das Problem, da in der gesparten Zeit neue Tätigkeiten ausgeübt werden, die sich permanent beschleunigen, so dass sie wieder mehr Zeit sparen, so dass sie sich permanent beschleunigen, so dass sie wieder mehr Zeit sparen. Die Welt wird zu einer Tütensuppe, die zwar sättigt, doch das Hirn durchlöchert. Wir optimieren, was sich nicht fassen lässt und nur hämisch der Asymptote entgegen grinst. Der fortschrittsgläubige Honk nähert sich der quasi nicht vorhandenen Linie mit dem intellektuellen Inventar seines Auslieferungszustandes, nämlich religiös – was er mit Bordmitteln nur widerlegen kann, muss er aus rein ideologischer Unvernunft glauben, weil er ohne bedingungslose Blödheit die Denkschwäche seiner Herkunft nie verkraften könnte, ohne dass ihn Kant vom Tellerrand fegte. Der Glaube, dass jedes aus eigener Beklopptheit resultierende Problem schon irgendwann durch eine höhere Macht mit Hast und Eifer erlöst würde, ist eben nur eins: dämliche Frömmigkeit in den nicht linear beschleunigten Blähwuchs des Universums.

Und beschleunigen wir Haarwachstum und Universitätsdurchlaufzeit, um in zwei Jahren die Inhaltsverzeichnisse der Bücher in die Köpfe zu pfropfen, die größere Geister während Jahrzehnten erdacht hatten. Wir leben auf Speed. Wir geizen, weil’s geil ist, mit dem Sittenideal und dengeln und eine Abschussrampe in den Burnout. Wir haben uns von der humanevolutionären Montagsproduktion volllabern lassen und merken mählich, dass, wer schneller lebt, nicht langsamer stirbt. Aber wahrscheinlich haben wir auch den Tod optimiert. Wenn auch nicht unseren eigenen.