Mahnverfahren

7 06 2017

Luzie stöhnte. „Ich wünsche ja niemandem etwas Schlechtes“, presste sie hervor, während jeder von uns wusste: doch, einem. Anne konferierte hektisch mit dem Amtsgericht – es ging um eine größere Kuchenlieferung für den Geburtstag einer Kollegin, aber das musste niemand wissen – und Herr Kurtz saß im Vorzimmer, als hätte er sich mit voller Absicht auf einem Besenstiel niedergelassen. Wahrscheinlich war er schon so geboren worden.

„Es ist eine Minute vor elf Uhr“, trompetete er aus dem Raum. Luzie verdrehte die Augen. Sie kam gar nicht dazu, das Naheliegende zu sagen, denn schon erschien der Mandant unter dem Türstock und plusterte sich zu voller Größe auf. „Ich sage das nicht als Kritik“, tönte Kurtz, „denn es ist ja noch einmal Elf, aber Sie müssen darauf achten, dass Sie Ihre Termine, wenn Sie schon langfristig vergeben werden, dann auch mit der passenden Pünktlichkeit…“ „Kommen Sie herein“, knurrte Anne. „Einen Moment noch“, unterbrach der Mann mit dem wie angenagelt sitzenden Anzug. „Ich werde mir vorher noch die Hände waschen.“

„Er ist immer so“, seufzte Luzie. „Beim letzten Besuch wollte er einen Büroklammerfabrikanten auf horrenden Schadenersatz verklagen, weil in seiner Schachtel nur 498 Stück waren.“ Sie klopfte auf einen dicken Aktendeckel; offensichtlich hatte der Streithahn sich nicht mit dem Urteil der ersten Instanz zufriedengegeben. „Danach hat er einen Damenfrisör vergeblich abgemahnt, weil dieser seinen Salon erst eine Minute nach sieben Uhr geöffnet hatte.“ „Verstehe“, murmelte ich, „er ist verheiratet.“ Luzie zog die Stirn in Falten. „Dieser Mann hat nicht einmal Topfblumen.“

Energisch schritt Kurtz voran ins Besprechungszimmer, setzte sich ungefragt und begann eine Menge Papier auf Annes Schreibtisch auszubreiten. „Ihnen auch einen schönen guten Morgen“, sagte sie lakonisch und ließ sich nieder. „Dies hier“, und Kurtz tippte ganz entschieden auf den groß aufgefalteten Stadtplan, „ist ein besonders eklatanter Fall von Irreführung, den wir sofort mit der ganzen Härte des Rechts abstellen werden.“ Ein dickes Bleistiftkreuz an der Ecke Uhlandstraße und Birkenweg sowie eine Markierung auf dem alten Gelände der städtischen Gärtnerei deuteten auf den Fall hin. „Zweihundert Meter sollen das sein.“ Er beugte sich weit vor und starrte mir triumphierend in die Augen. „Jetzt haben wir die Brüder am Schlafittchen – es sind gut drei Meter mehr!“ „Sie haben sicher nicht von der Kante des Grundstücks aus…“ Doch Kurtz schnitt mir einfach das Wort ab. „Allerdings“, schrie er, „allerdings! Direkt von der Grundstücksgrenze aus, und dann sind es noch einmal fast acht Meter bis zur Einfahrt. Ich wittere einen Betrug, wenn ich ihn sehe, das können Sie mir glauben!“

Damit hatte es selbstverständlich kein Ende. Der Querulant blätterte eine lange Liste durch, er hatte tatsächlich die Gehwegplatten – es handelte sich mit Ausnahme zweier Grundstückseinfahrten mit Kopfsteinpflaster, die aber noch einmal extra ausgemessen wurden, um dieselbe Sorte von Betonplatten, eine Krümmung der Straße war so gut wie vernachlässigbar für die Berechnung – einzeln abgezählt und die Breite damit malgenommen. „Auch hier haben wir, eine kleine Rundung von der Millimetern zugunsten des Teppichhändlers habe ich sogar schon abgezogen. Was sagen Sie nun?“ Anne tat, was sich ohnehin anbot, und schwieg eisern weiter. Sie würde den Teppichmarkt in der Uhlandstraße abmahnen müssen, schließlich hatte Staatsanwalt Husenkirchen neben vielen anderen Knalltüten auch diesen Mandanten zu ihr geschickt. „Wenn sie sich auf einen Zusatz einigen könnten, wie wäre es denn mit ‚Circa 200 Meter‘?“ Kurtz schüttelte entschieden den Kopf. „Erst werde ich arglistig, ach was: böswillig werde ich getäuscht von diesem Gauner, und dann soll ich auch noch klein beigeben, damit er sein schmutziges Geschäft mit den anderen unschuldigen Leuten weiterhin treiben kann?“ Er schlug mit der flachen Hand auf den Tisch; Anne zuckte empfindlich zusammen. „Das ist ein bösartiger Betrug, er verschafft sich einen ungerechtfertigten Wettbewerbsvorteil gegen andere Händler – das werden Sie unterbieten!“ Wie im Rausch blickte er sich um, ob nicht jemand applaudieren wollte, es war aber keiner da.

„Was ist denn nun Ihr Grund“, begann ich, „mussten Sie etwa Ihren Teppich drei Meter weiter nach Hause tragen als beabsichtigt?“ Fast mitleidig sah er mich an. „Erstens brauche ich gar keine Teppiche, und zweitens würde ich das wie jeder andere Mensch mit dem Auto erledigen. Stellen Sie sich doch nicht dümmer an, als Sie ohnehin schon sind.“ Anne lehnte sich zurück. „Sie sind also von der Lage des Grundstücks gar nicht betroffen.“ Kurtz schnappte ein. „Wenn man einen Mann ermordet, muss man dann auch immer erst warten, bis er sich beschwert?“ „Erstens kann man das nicht vergleichen, und…“ Außer sich vor Zorn sprang er auf. „Ich habe Ihnen zehntausend Mal gesagt, dass Sie mich nicht unterbrechen sollen!“ Anne zog ganz langsam die Stirn in Falten. Kurtz tastete noch nach der Stuhllehne, dann raffte er hastig die Papiere vom Tisch und stürmte zur Tür hinaus.

„Ich bin mal eben weg“, teilte Luzie mit. „Fünf Minuten, ja?“ Anne zog den Schreibblock aus dem Papierstapel. „Kriege ich das schriftlich?“

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One response

7 06 2017
Lo

Bitte nur keinen Streit vermeiden!
😉

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