Arztromane

26 02 2020

Siebels sackte kurz nach vorne, fing sich aber und saß dann wieder kerzengerade auf dem Holzbrett, das als Bank an die Stationswand genagelt worden war. „Echtzeit“, murmelte er. „Aber das Konzept ist nun mal gut, und wir ziehen das jetzt auch durch. Gnadenlos.“

Schwester Petra schob den Wagen in Richtung Westflur. Das Kamerateam zog mit, schon mehr aus Gewohnheit als in wirklichem Interesse mit der Tätigkeit der stellvertretenden Stationsleiterin. Ich blickte in meinen Plastikbecher. Dieser lauwarme Automatenkaffee, von dem der große TV-Producer locker einen Liter pro Nacht in sich hineinschütten konnte, wurde und wurde nicht weniger. Aus einem mir nicht erklärlichen Grund kühlte sich das Zeug auch nicht ab. Vielleicht waren wir hier in einem Bereich, in dem die Entropie ausgeschaltet war oder wo die Relativitätstheorie keine Gültigkeit hatte. Ich wusste es nicht und wollte es gar nicht wissen. Ich wollte nur endlich begreifen, warum ich damals zugesagt hatte, mit Siebels beim Dreh einer seiner Serien zuzusehen. „Krankenhaus“, hatte er gesagt. „Wir machen etwas total Neues. Revolutionär auf dem deutschen Fernsehmarkt. Sie werden es nicht für möglich gehalten haben.“

Im Glaskasten gegenüber sah man den Pfleger akribisch Medikamente in eine Liste eintragen. „Das würde natürlich viel schneller gehen, wenn man es nicht handschriftlich erledigen müsste, aber Vorschrift ist nun mal Vorschrift.“ Ich hatte ihm die Tüte mit den Pfefferminzbonbons rübergeschoben, er hatte zufällig den Aktendeckel offen gelassen. „Wenn es der Versuch sein sollte, jemanden an der Schrift zu erkennen, ab drei Zeilen sind Sie ohne jede Chance.“ Zimmer 602 bekam heute jedenfalls eine Thrombosespritze. Bisher war Siebels für die zwölf Staffeln von Klinik in der Südsee und die großen Weihnachts-Specials mit Rudolf Bumsbäumer als Professor Paul Schneckenschmidt in der Kardiologen-Serie Doktor der Herzen verantwortlich gewesen. Dreh stets in den Weihnachtstagen, tropische Kulisse, Luxus und Alkohol inklusive, der geübte Nichttrinker hatte mit den Stars und Sternchen leichtes Spiel. Jetzt also dies. „Achtung“, zischte der Maestro unvermittelt. „Oberarzt auf sechs Uhr!“

Doktor Wilcke sah man die Doppelschicht auch schon auf mehrere Meter an. „Es ist momentan bei uns recht ruhig“, sagte er mit glasigen Augen. „Wir hatten gestern einen Herzstillstand und zwei nicht so richtig erfolgreich verlaufene Thoraxeingriffe, Schwester Olga desinfiziert gerade die Zimmer, und jetzt kam noch eine verpfuschte Schönheits-OP dazwischen. Rückflug aus Bulgarien. Geplatzte Silikonhupen.“ Der Mikrofonmann verzog keine Miene. Doktor Wilcke schloss kurz die Augen. „Es muss ja irgendwie weitergehen, nicht wahr?“

„Gut, haben wir“, murmelte der Kameramann. Siebels nickte. War das etwa ein Anflug von Kichern in seinem Gesicht? „Immerhin“, sagte er maliziös, „immerhin müssen wir uns hier nicht an ein Drehbuch halten.“ Schwester Petra ging auf quietschenden Gummisohlen wieder in den Ostflur zurück. Plötzlich zerriss ein schriller Pfiff in der Glaskanzel die schläfrige Stille. „622“, rief der Pfleger. Wie elektrisiert rannten die Schwester und der Oberarzt zu dem roten Blinklicht am Ende des Korridors. „Lungenentzündung“, erklärte der Pfleger. „Wenigstens war das gestern der letzte differentialdiagnostische Sachstand, wenn ich das entziffern kann, was der Kollege notiert hat.“

Ich hatte den restlichen Kaffee heimlich in den Kübel mit den plastiniert aussehenden Ficusästen entsorgt und suchte nun irgendeine Möglichkeit, auch den Plastikbecher in ein nicht für Bio- oder Krankenhausmüll reserviertes Depot zu schmeißen. „Die Dokumentation ist schon wichtig“, erklärte der Pfleger. „Wir haben nur nie Gewissheit, dass sie auch irgendeiner liest. Stellen Sie sich vor, es käme zu Unregelmäßigkeiten. Der Pneumothorax aus 614 ist letal. Ein Beinbruch überlebt die Nachtschicht nicht. Doktor Wilcke zeichnet den ganzen Scheiß ab, weil er ins Bett muss.“ Mich fröstelte. „Es ist wie Überwachungskameras. Das spart jede Menge Polizistengehälter, verspricht aber nur die schnelle Aufklärung von Verbrechen, die man vorher hätte verhindern können – und auch das ist Selbstbetrug, denn wer gibt hinterher schon durch Ermittlungen zu, dass er vorher jahrelang und aus Gier versagt hat.“ Siebels nickte. „Das ist der Punkt.“ Er zog ein Streichholz aus der Manteltasche und schob es sich zwischen die Zähne. „Genau deshalb stopfen wir den Leuten mit schmalzig verfilmten Arztromanen die Augen zu, damit sie nicht nachdenken über das Gesundheitssystem, in dem Ärzte und Pfleger auf Verschleiß gefahren werden.“ Der Kameramann schwenkte zu Schwester Petra. „Hypovolämischer Schock“, sagte sie knapp. „Herr Doktor Wilcke ist noch an der Dokumentation, bitte warten Sie mit dem nächsten Notfall noch eine Viertelstunde.“

Meine Zunge fühle sich trocken an. Der Pfleger schrieb Nachrichten mit der Kollegin aus der Säuglingsstation. Der Tontechniker schien sich mit einer spontanen Depression anzufreunden. Doktor Wilcke ließ eine Packung filterlose Zigaretten in die Kitteltasche gleiten und nickte in die Runde. „Ja“, grummelte Siebels, „gut. Gut, gut.“ Ich fühlte nach Kleingeld in meiner Hosentasche, als er sich plötzlich zu mir wandte. „Wenn Sie in den nächsten drei Tagen nichts vorhaben, wir drehen in der Mordkommission.“


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