Staatsbürger

22 03 2017

„… der Beitritt der Deutschen Demokratischen Republik nach Artikel 23 des Grundgesetzes nicht das Ende des Arbeiter- und Bauernstaates gewesen sei, da in einem föderalen System der sozialistische Landesteil weiterhin als…“

„… in den neuen Bundesländern beheimatete Staatsbürgerszene die Souveränität der BRD nach 1990 ablehne und den Einigungsvertrag als nichtig im Sinne des…“

„… der Staatsratsvorsitzende Maik Foderlandt die Ausrufung der Sozialistischen Volksrepublik Deutschland in Schwürmsleben vorgenommen habe. Der gelernte Maschinist sei von den drei Mitgliedern seines Kollektivs einstimmig zum…“

„… von der Schriftleitung der regionalen Tageszeitungen verlangt habe, die Planerfüllung der Pflanzenproduktion stärker in den…“

„… wohl aus Restbeständen der Roten Armee organisiert habe. Die mit dem Signet der Neuen Volksarmee lackierten Wagen seien nicht mehr fahrbereit gewesen, als sie von der Bundespolizei bei…“

„… eine völkerrechtliche Vertretung für sich beanspruche. Bisher habe Foderlandt nur ein Fax der angolanischen Botschaft sowie eine Einladung zum gemeinsamen Hören einer Radiobotschaft des Obersten Führers der Demokratischen…“

„… als Vorsitzender der Volkskammer von allen Anwesenden bestätigt worden sei. Das in Rotzkau amtierende Parlament lehne allerdings den Staatsratsvorsitzenden ab, da dieser zum Teil aus Kadern außerhalb des Demokratischen Blocks in zu freien und geheimen Wahlen zum…“

„… das Signal des Digitalfernsehens nicht mit dem mobilen Sendegerät verdecken könne. Die Truppe habe versucht, im Umkreis von fünf Kilometern eine selbst produzierte Aktuelle Kamera anstatt der…“

„… einen Ministerrat der DDR proklamiert habe. Das in Plümzow gegründete Organ stehe aber im Ruf, sich nicht als Regierung des sozialistischen Staates, sondern nur zur Durchführung der von Foderlandt vorgeschlagenen und im…“

„… gebe jeweils eigene Münzen heraus. Auch die nach dem Vorbild der Mark der DDR gestalteten Scheine seien von unterschiedlicher Größe, so dass ein Zwangsumtausch an der Neuen Deutschen Notenbank in Knulpin zur Sicherung des…“

„… wenn die DDR eine gleichwertige Rolle gespielt habe, der Einigungsvertrag ebenso das Fortbestehen Ostdeutschlands und den Beitritt der alten BRD in die…“

„… insgesamt neun einzelne SED-Gründungen gegeben habe, die sich gegenseitig in der Besetzung des Zentralkomitees bei der Planung des Parteitags in der Hauptstadt der…“

„… vermehrt DDR-Führerscheine und Pässe in Umlauf seien. Sächsische Ämter seien mit der Beglaubigung derartiger Dokumente oft überfordert und stempelten in Unkenntnis der Dienstvorschrift die vorgelegten…“

„… inzwischen dreißig SED-Organisationen. Ein Zwangsparteitag sei jedoch nicht in Sicht, da jeder der Generalsekretäre den Vorsitz des…“

„… eigene Grenzsperren errichten wolle. Foderlandt sei der Ansicht, dass das Kapitalistische Beitrittsgebiet West sich widerrechtlich Zutritt zum Territorium der…“

„… als Provisorische Zonenregierung den Abriss des Schlossbaus sowie die Wiedererrichtung des Palastes der Republik verlange, um in der Hauptstadt der DDR für künftige Parteitage der…“

„… bei der nächsten Fußballweltmeisterschaft mit einer eigenen Elf antreten wolle. Die Teilnahme sei vorerst durch eine gerichtliche Untersuchung des Klassenfeindes, der der Auswahl der BSG Motor Zwickau systematisches Doping in der…“

„… dass Rotzkau zur Hauptstadt der Freien Sozialistischen Republik Deutschland bestimmt werden müsse. Rico Gunke, Fachkraft für Schutz und Sicherheit aus Groß Zschümpen, habe das Amt des Staatsratsvorsitzenden freiwillig aus der…“

„… die Bundestagswahl boykottieren werde, da keine der anderen Parteien die real existierenden staatsrechtlichen Gegebenheiten anerkenne. Man habe sich als Staatsoberhaupt auf die Aktivistin Brigitte Klörre (93) geeinigt, die schon in ihrer Kampfzeit gegen den…“

„… habe vor dem Obersten Gericht in Schwürmsleben Anklage gegen Gunke wegen staatsfeindlicher Hetze erhoben. Foderlandt sei durch den Richter, der gleichzeitig Sekretär der SED in…“

„… die Einfuhr von Südfrüchten in die SBZ beschränkt habe. Diese Produkte sollten nach Weisung des Politbüros ausschließlich verdienten Genossen des ZK und der…“

„… Proteste auf größere Städte überschwappten. Jugendliche hätten in Schmöllroda gegen die Versorgungsschwierigkeiten mit Kaffee und…“

„… nicht den gewünschten Erfolg habe. Zwar lägen bereits tausende von Bewerbungen für eine Kosmonautenausbildung in der Sozialistischen Volksrepublik vor, doch sei die Finanzierung des Luft- und Raumfahrtprogramms noch nicht…“

„… den Wiederaufbau des Sozialismus nur durch eine Normenerhöhung realisieren könne. Es sei bereits in den frühen Mittagsstunden zu ersten Barrikaden, Steinwürfen und Straßenschlachten mit der Freiwilligen Volkspolizei gekommen, die sofort mit dem Einmarsch der Bundeswehr…“





Dunkelfeld

15 03 2017

„Im Prinzip haben Sie recht, aber so verwerflich ist unser Geschäftsmodell auch wieder nicht. Wir sind ja keine Rechtspopulisten, und links sind wir schon gleich gar nicht. Wir sind nicht mal in irgendeiner Polizeigewerkschaft. Wir haben einfach nur gerne Angst.

Genauer gesagt, wir haben es gerne, wenn die anderen Angst haben. Deshalb haben wir dieses Unternehmen ja auch gegründet. Die Menschen wollen Sicherheit, und wer bietet mehr Sicherheit als eine Versicherung? Da muss man natürlich erst einmal Angst machen, sonst entsteht kein messbar ansteigendes Bedürfnis nach Sicherheit – wir verstehen nicht viel von Politik, aber da verstehen wir uns schon ganz gut – und wenn die reale Gefahr sich als viel geringer herausstellt im Vergleich zur behaupteten dann steigt die subjektive Sicherheit analog zur tatsächlichen. Das können wir nicht zulassen.

Man nennt das Dunkelfeld. Die Straftaten, die normalerweise überhaupt nicht angezeigt werden, weil eine Aufklärung nicht erwünscht ist oder sogar noch mehr Probleme mit sich bringen könnte als die Straftat an und für sich. Da muss man als Bürger doch schlaflose Nächte haben? Ich jedenfalls hätte welche, wenn die Bürger da keine hätten. Es ist doch auch wirklich schlimm in unserem Land, vor allem in diesem Dunkelfeld, von dem keiner weiß, ob es so groß ist, wie wir uns das vorstellen. Ist das nicht erschreckend? Ja, großartig.

Kommen Sie mir jetzt bitte nicht mit der Wahrscheinlichkeit, dass Sexualdelikte größtenteils im verwandtschaftlichen Nahbereich begangen werden. Das weiß ich selbst. Aber wenn man schon mal die Möglichkeit hat, seine Kundschaft darauf hinzuweisen, dass es möglicherweise eine nicht abzuschätzende Zahl an Vergewaltigungen gibt, die von nicht näher bezeichneten Tätern verübt werden, dann muss man das auch tun. So ein Umsatz kommt nicht von alleine.

Unser Geschäftsmodell ist wirklich innovativ. Wir arbeiten mit den Vorstellungen der Kunden, auch und gerade in deren Vorstellungen, was sich im Dunkelfeld tatsächlich abspielt. Sie nennen uns Ihr Verbrechen, und wir versichern Sie dagegen.

Natürlich setzen wir auf soziale Medien. Eine bessere Werbung kriegen Sie ohne Geld nicht auf die Beine gestellt. Es gibt gar nicht genug Straftaten für eine ordentliche Hysterie, da muss man auf die medialen Multiplikatoren zurückgreifen. Sie sehen ständig die Bilder von irgendeinem Autodiebstahl, bei dem noch nicht mal geklärt ist, wer der Täter ist oder ob es sich tatsächlich um einen Autodiebstahl handelt, und sie nehmen die Bilder immer wieder neu wahr, bis Sie irgendwann davon überzeugt sind, dass es sich um einen neuen Autodiebstahl handelt. Das ist das Schöne an der medialen Vervielfachung, man lässt sie einfach für sich arbeiten und freut sich, wenn man die Kontrolle über sie verliert. Und wenn Sie jetzt noch bedenken, dass ein Großteil der Straftaten Delikte wie juristisch umstrittener Gebrauch von weichen Drogen, Schwarzfahren und Ladendiebstahl sind, dann haben die sozialen Medien endgültig gewonnen. Stellen Sie sich mal vor, Sie steigen morgens in die Tram, sind Sie ganz sicher, dass da niemand ohne Fahrschein mitfährt? Vor solchen Straftaten ist kein Bürger sicher, da werden Sie schneller Opfer, als Sie gucken!

Es gibt auch Versicherungsbetrug. Wenn da ein deutsches Mädel von bösen Flüchtlingen entführt wurde, was nur den Schönheitsfehler hat, dass es weder die Flüchtlinge noch die Entführung gab, dann geht das zu unseren Lasten. Es schadet uns schon langfristig, denn stellen Sie sich mal vor: eine Gesellschaft, in der alle Bürger Vertrauen in den Staat und die Menschen haben. Grauenhaft!

Stellen Sie sich das nicht zu einfach vor. Die Kriminalität sinkt beständig, es gibt immer weniger Gewaltdelikte, andere Versicherungen verlangen nicht einmal mehr eine Strafanzeige, wenn Sie den Schaden aus einem verwüsteten Vorgarten melden. Wir versinken im Chaos! Und alles nur, weil wir unbedingt eine Frau als Kanzlerin haben wollten! Zum Glück haben wir die Fernsehkrimis, in denen jeden Tag mehr Morde stattfinden als in hundert Kilometern Umkreis. Das wirkt, glauben Sie mir. Wir sind inzwischen so weit, dass die jungen Leute wieder Angst haben. Doch, die Jungen haben Angst, richtige Lebensangst, Zukunftsangst, Angst vor dem Jobverlust, Rentenkürzungen, Altersarmut, alle diese schönen Schreckgespenster, gegen die wir uns nichts zur Wehr setzen können, weil wir verpasst haben, sie rechtzeitig zu bekämpfen. Dagegen kriegen Sie natürlich auch keine Versicherung, das ist das Gute – also bieten wir ihnen Verbrechen an, Flüchtlinge, Islamisierung, also alles, wogegen man sich versichern lassen kann. Von uns. Diese Leute sind unsere besten Markenbotschafter. Die meisten Straftaten passieren zu Hause, im geschützten Bereich, und wo verkriechen die sich? In der eigenen Wohnung. Alles richtig gemacht!

Nennen Sie es subjektive Risiken, meinetwegen auch alternative Gefahrenwahrnehmung. Darauf basiert unser Geschäftsmodell. Was unsere Kunden in ihrem ganz persönlichen Lebensbereich als bedrohlich empfinden, das können sie gegen einen entsprechenden Betrag von uns… – Autofahren? Sind Sie noch ganz dicht? das versichern wir nicht. Viel zu gefährlich!“





Lasse

14 03 2017

Er sah nicht aus, als wäre es überlegen, jedenfalls nicht mir. Und schon gar nicht moralisch. „Man muss ja nicht gleich entzückt sein“, muffelte Frau Rosenplüt. „Akzeptanz wäre schon mal ein guter Start für eine nachhaltige Beziehung gewesen.“ Ich musterte ihn kühl. „Verschwenden Sie ruhig einen Gedanken daran, dass ich gerade darauf so gar keinen Wert lege.“ Was sollte ich auch mit ihm anfangen. Er sah aus wie ein verunglückter Toaster.

„Wir hätten Lasse auch in eine Blondine bauen können.“ „Hätte“, höhnte ich. „Dann würden noch weniger Versuchskaninchen damit einkaufen.“ Sie nahm es hin. Der Blechkasten, den sie über der Schulter trug, war ohnehin noch nicht angeschaltet. Sie drehte ein bisschen an den Knöpfen, aber man hörte nichts im Ohrstöpsel, den ich von ihr zuvor bekommen hatte. „Wir gehen jetzt zu Kappenberg“, entschied sie. „Irgendwo müssen wir ja mit dem Experiment beginnen. Achtung, ich schalte ein!“ Sie schaltete ein. Lasse piepte einmal kurz auf, das Gerät fuhr hoch, ein paar Lichter flackerten auf der Metallhandtasche, und endlich rauschte es kurz im Ohrhörer. Das war es aber auch.

Wir betraten das Kaufhaus. Rechts und links standen die Sonderangebote, Rabatt auf Rabatt, scheußliche Farben, aber reduzierte Preise, und zu allem Überfluss hatte man Hosen mit vorgefertigten Löchern aufgehängt. „Sehen Sie es sich einmal an“, ermunterte mich Frau Rosenplüt. „Wenn er richtig eingestellt ist, müsste Lasse ihnen jetzt…“ „Sie brauchen das nicht“, quäkte die Stimme. „Das ist ein überflüssiges Wirtschaftsgut, das nicht Ihren Bedürfnissen entspricht.“ „Woher weiß dies Ding, was meine Bedürfnisse sind?“ Ich war doch sehr verwundert. „Und warum wird eine Hose mit Loch im Knie sonst produziert? Sehen Sie sich doch die jungen Leute an – das Zeug wird schließlich von denen gekauft.“ „Ich rede von Ihren Bedürfnissen“, tadelte mich die Blechbüchse. „Es entspricht nicht Ihren Bedürfnissen, also brauchen Sie das nicht zu kaufen.“ „Und wenn ich es will?“ „Sie haben ihn verstanden“, mischte sich Frau Rosenplüt ein, „er hat seinen Standpunkt klargemacht, und nun sollten Sie vielleicht dazu übergehen, Ihr persönliches Kaufverhalten zu überdenken.“ „Tut nicht dieses Ding das für mich?“ Sie sah aus, als hätte sie in eine Zitrone gebissen.

Natürlich hatte ich dieses Monstrum von einem Kaffeeautomaten nicht nötig. Schön sah es aus, der Kaffee war sicher auch ganz vorzüglich, aber ich hätte die Küche leerräumen müssen, um ihn durch die Tür zu bekommen. „Dieses Produkt ist nicht nötig“, wies mich die Kiste zurecht. „Was versteht das bisschen Elektroschrott schon von Kaffee“, wandte ich ein. „Theoretisch könnte ich mir diesen Apparat leisten.“ „Man kann auch in einem Café vergleichbaren Kaffee trinken.“ Frau Rosenplüt drehte hektisch an den Knöpfen. „Warum“, fragte ich zurück, „kaufen dann die Leute Autos? Können die nicht Taxi fahren wie alle anderen auch?“

Wir hatten die Sportabteilung durchquert – hier hatte sich das Gerät gemeldet und mir erklärt, dass ich keine Golfschläger bräuchte, da ich nicht Golf spielte, was aber die theoretische Überlegung außer Acht ließ, dass ich jederzeit damit anfangen könnte – und waren bei der Unterhaltungselektronik angekommen. Lasse wiederholte angesichts der vielen Fernseher monoton seinen Ratschlag, sich für andere Dinge zu interessieren. „Vielleicht wird er von den Banken bezahlt“, grübelte ich. „Wenn keiner mehr sein Geld ausgibt, haben die Banken immer genug davon, und dann ist es auch nicht mehr so schlimm, wenn die Wirtschaft kaputtgeht, weil keiner mehr etwas kauft.“ Frau Rosenplüt wollte gerade etwas einwerfen, da meldete sich Lasse zu Wort. „Man kann sich einen Fernseher kaufen, aber er entspricht nicht Ihren Bedürfnissen. Sie sollten ein Radio kaufen.“ „Ich besitze eines“, antwortete ich, „und ich bin jeden Tag enttäuscht, dass ich die Farben nicht einstellen kann – und ich wette, dass ich bei den Radios dasselbe hören wollte.“ Lasse würgte. Der Apparat hatte dafür einen Notfallknopf – kein deutsches Fabrikat ohne einen solchen – und spuckte etwas unsortierten Wortdurchfall aus; es handelte sich, wie gesagt, um ein deutsches Fabrikat. „Sie sollten mehr Zeitungen lesen!“ Frau Rosenplüt war verzweifelt. Immerhin war der Kasten trageangenehm. Das war doch auch schon etwas.

„Was will dieses Ding eigentlich?“ Lasse schwieg. Das war zu erwarten gewesen, schließlich hatte der Apparat mir noch kein vernünftiges Vergleichsangebot gemacht, ganz abgesehen von einem nachhaltigen. „Sicher brauchen Sie Schuhe“, erklärte er. „Jeder braucht Schuhe, und Sie tragen gerade welche. Sie sollten sich für ein Paar neuer Schuhe entscheiden.“ „Wer programmiert so einen Mist?“ Frau Rosenplüt war sichtlich überfordert. „Ich trage bereits ein Paar Schuhe, sollte das nicht ausreichen, um sich gegen jede weitere Anschaffung von Schuhen zu entscheiden?“ Lasse schwieg weiter. Vermutlich würde er in der Lebensmittelabteilung Spargel empfehlen, der mit frischem Andenwasser gegossen und nur einmal um den halben Erdball geflogen wurde, um dann als Bioware auf künstlichem Stroh zu verenden. Oder eine Kaffeekapsel, die aus zehn Prozent weniger Aluminium besteht. „Eins habe ich noch nicht ganz kapiert“, überlegte ich. „Warum sollte ich so ein Ding wie Lasse kaufen?“ Die Lämpchen erloschen. Immerhin kümmerte er sich so um meine wahren Bedürfnisse.





Doppelhöllige Brammelung

13 02 2017

Viel hatte ich nicht verstanden, denn Anne war einem Nervenzusammenbruch nah gewesen. „Wir haben alles versucht“, wimmerte sie. „Luzie hat sogar bis zum Ellenbogen – nein, ich kann das einfach nicht mehr!“ Das Wasser stand bis zum Rand der Sanitärkeramik, das Handwaschbecken war augenscheinlich verstopft, und selbst in der Teeküche ließ sich nichts mehr abgießen. Wie gut, dass sie gleich auf mich kam.

„Wir könnten das Zeug auch aus dem Fenster kippen“, meinte Luzie lakonisch und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Der Eimer tropfte und roch gar nicht gut. Vermutlich hatte die Vertretung für Sofia Asgatowna, die zweimal die Woche in Bücklers Landgasthof Diele und Herrenzimmer mit liebevollen Blumenarrangements schmückt, den von Annes grippalem Infekt gut gefüllten Müllkorb in die Kloschüssel entleert. „Ein gutes Dutzend Päckchen“, überschlug die Bürovorsteherin. „Und wie wir alle wissen, soll man Taschentücher nicht in der Kanalisation entsorgen, weil das Zeug aufquillt und die Rohre verstopft.“ Anne sah aus tiefroten in den Flur. „Ich habe Pröckel bestellt“, schniefte sie, „der hat sein Geschäft nur eine Straße weiter.“ Dass es einen Hausmeister gab, der für derlei Geschäfte zur Verfügung stand, musste sie übersehen haben. Ansonsten warteten wir auf den Klempner, der sich noch für denselben Tag angekündigt hatte.

Eine halbe Stunde später stand Paul Pröckel in voller Lebensgröße vor uns. „Das wird teuer“, rief er mit schmerzlichem Mitgefühl aus, „da hätte man ja den ganzen Hahn gleich in die…“ „Wir haben Sie aber doch wegen des Abflussrohrs gerufen“, wunderte sich Luzie. „Ach so“, murmelte der Installateur. „Da habe ich wohl nicht auf die Liste geguckt. Aber der Hahn muss neu, das sieht man doch, dass der ganz schäbig montiert ist. Welcher Trottel hat denn diesen Hahn da hingeschraubt?“ „Sie“, entgegnete Anne knapp. „Es war zwar ein Jahr vor unserem Einzug, aber wenn Sie kurz Zeit haben, dann zeige ich Ihnen die Rechnung.“

Natürlich hatte Pröckel eine Drehspirale im Kasten, jenes Werkzeug, mit dem man in verstopfte Rohre zu bohren pflegte, um nach zehn Minuten oder einem ganzen Nachmittag – es kam oft darauf an, wie gut man die Fachkraft kannte – wieder einen freien Abfluss zu haben. Der metallene Schlauch verschwand in der Tiefe des Beckens, und nach kurzer Zeit kündigte ein sonores Gurgeln die erste Etappe an. „Das müsste man wegreißen“, wandte sich der Handwerker an mich, der als Mann trotz geringer technischer Kenntnisse spontan sein Vertrauen erworben hatte. „Das ganze Becken weg, dann einen ordentlichen Tiefspüler rein, das mache ich Ihnen für unter zweitausend.“ „Zunächst“, gab ich ihm klar zu verstehen, „reinigen Sie mal das Waschbecken. Sie wissen, wo Sie hier sind.“

Sicher hatte diese Ansage einen gewissen Eindruck auf Pröckel gemacht, aber leider nicht den beabsichtigten. „Das geht gar nicht“, verkündete der Rohrspezialist und deutete auf das Knie. „Da sehen Sie schon, das heißt: Sie sehen das natürlich nicht, weil das ein älteres Fabrikat ist, da sammelt sich das Wasser nicht immer an der richtigen Stelle, und dann kommt es zu Rückflussstauungen, daher muss man das durch eine umgelötete Schiebmuffe, aber das kann ich Ihnen ja nicht erklären.“ Anne holte tief Luft, kam aber gar nicht zu einer Antwort. „Das Problem ist die schmarrige Schelle, die ist da unten schon total vermault, und wenn ich das nun aufhebel, dann ist Rückfluss auf dem Flansch in der Wand.“ Er griff zur Saugglocke, pömpelte ein paar Mal lustlos im halb gefüllten Waschtrog herum und schmiss das Gerät wieder in den Eimer zurück. „Das müsse man auch völlig neu machen, vor allem die Sperrung hier ist ja nicht mal richtig gekröpft.“ Luzie blickte mich über den Rand ihrer Brille hinweg an, als hielte sie Ausschau nach scharfen Gegenständen. „Das muss so“, beschied ich dem Handwerker. „Jetzt schrauben Sie dies verdammte Rohr ab, und dann sehen wir weiter.“ Empört warf er die Zange in den Werkzeugkasten. „Das kann man gar nicht“, maulte er, „das ist ein Flonsch, der ist nicht mal zöllig, da sitzt das ganze Schlottrohr dran, und da ist dann der…“ Da wurde es mir zu bunt. „Pröckel“, zischte ich und packte ihn am Kragen, „Sie elender Amateur! Ihre Scheißbude hat doch diese ganze Installation hier verbrochen!“ „Das war der Lehrling“, presste er hervor, „der hatte nur die geklüpften, die Dinger, die hatte er mit.“ Ich schüttelte ihn kräftig durch. „Was lernen die denn in Ihrem Saftladen?“ Luzie verkniff sich ein Kichern. „Klüpfige Schlotten müssen mit doppelhölliger Brammelung geflonscht werden, sonst droht der Schlondel kernhupfig abzuknurzen! Das Schlondelprofil ist immer doppelt so höllig wie die Maukenzahl – können Sie nicht bei zwei zählen, Sie Rohrkrepierer!?“ „Außerdem“, wandte Luzie ein, „die Schlonzfrettage ist aus verkügeltem Chrom mit Nippelzulage, das hat schon mein Vater gewusst.“ Anne lächelte milde. „Und auf der Rechnung ist Ihre Unterschrift, Herr Pröckel.“

Der erste Mandant würde in einer halben Stunde kommen; Anne spülte in aller Ruhe die Tassen um und räumte sie in den Küchenschrank ein. „Wie nett von ihm, die Reparaturen auf Kulanz zu erledigen.“ Luzie nickte. „Ein ausgewiesener Experte erkennt eine fachgerecht ausgeführte Montage eben sofort.“ Anne stellte drei Tassen auf den Küchentisch. „Und jetzt könnte ich einen guten Kaffee vertragen.“ Sie drückte mir die Blechdose mit den Bohnen in die Hand. „Am besten doppelhöllig.“





Märchenstunde

25 01 2017

„Nein, es gibt keine sprechenden Wölfe, und jetzt hören Sie auf mit Ihrer Indoktrination! Sie sind ein Werkzeug der Wolflobby, wahrscheinlich wollen Sie vertuschen, dass wir hier in Deutschland von einwandernden Wölfen bedroht werden, die keine Sozialabgaben zahlen und von deutschen Jägern auf Kosten des Steuerzahlers abgeschossen werden müssen!

Außerdem würde man nie ein minderjähriges Mädchen mit einer Flasche Alkohol in den Wald schicken – zeigen Sie mir Erziehungsberechtigte, die so etwas tun würden. Und dann frisst der Wolf auch noch die Großmutter. Das ist ja schon nicht mehr unrealistisch, das ist bewusste Irreführung der Leser. Also wenn Sie denken, das sei noch von der Meinungsfreiheit gedeckt, dann muss ich Sie leider enttäuschen. Das wird gestrichen. Nein, ich lasse mich auf keine Diskussion mit Ihnen ein, es handelt sich schließlich um eine Publikation, die auch für Kinder und Jugendliche beeignet sein soll. Da muss die Informationsebene absolut korrekt sein, sonst riskieren wir vollkommen falsche Vorstellungen in der Bevölkerung.

Das ist kein Argument. Wenn es schon für viele Jahrhunderte in der Bevölkerung tradiert wird, ist das noch lange kein Grund, dass wir es akzeptieren müssen. Schauen Sie sich die Geschichte doch mal an. Erst eine verzerrte Darstellung von Erziehung, dann wird der Wolf als Volksschädling und Gefahr für die Mehrheitsgesellschaft hingestellt – raten Sie mal, wen man zu dem Thema im Fernsehen befragt – und dann auch noch diese Hirngespinste über die Großmutter, die lebendig aus dem Verdauungstrakt eines Raubtiers geschnitten wird. Unsinn!

Oder hier: die Tochter will nicht in eine Ehe mit einem Adligen einwilligen, wird an den erstbesten Nichtsesshaften verheiratet und – Sie sollen mir nicht mit historischen Verhältnissen kommen, in der damaligen Ständegesellschaft wäre es erst recht nicht möglich, eine Königstochter an einen Bettler zu verheiraten. Wahrscheinlich entspricht das nicht einmal dem BGB. Wir können doch nicht ständig Geschichten weitererzählen, nur weil sie mit ihrer eigenen Logik irgendwelche alternativen Fakten zu einem eigenen Denkgebäude zusammenbauen. Sprechende Tiere, Zauberer, Bahnsteige, die es nicht gibt – das kann doch nicht gut sein!

Natürlich kann man das auf die Bücher draufschreiben, nur liest das einer? Der Unterschied zwischen Fakten und bewusster Täuschung ist doch den meisten heute gar nicht mehr bewusst. Da geht es um die Patriarchatsvorstellung vom Brechen einer ungehorsamen Frau, die unbewusst den Vater ablehnt und erst durch Rache wieder in ihre soziale Rolle gezwungen wird. Das müssen Sie doch sehen, oder was lesen Sie hier? Es sind eben nicht nur Kindergeschichten, verstehen Sie?

So, und das wird jetzt gleich mal ganz aus dem – ich lasse da nicht mit mir reden, das kommt raus! Das ist geradezu eine Anleitung zu sozialem Elend, das kommt mit nicht in die Ausgabe rein! Diese Kinder sind Opfer ihre Verhältnisse, ja, aber man muss nicht auch noch die Brutalität darstellen, mit der sich die Eltern ihrer Verantwortung entledigen wollen. Kinder im Wald aussetzen, geht’s noch!? Das ist geradezu eine Anleitung für sozial schwache Eltern, ihren Nachwuchs loszuwerden, wenn sie mit der Erziehung überfordert sind.

Ein oraler Mangel wird hier erlebt, vermutlich sind diese beiden Waldarbeiter noch nicht so auf dem Achtsamkeitstrip, das Mädchen wird sich wohl eine Essstörung eingefangen haben – Sie lachen, aber diese Art der Wohlstandsverwahrlosung passt entweder gar nicht zu den Figuren in der Erzählung, oder er löst Konflikte in der heutigen Eltern-Kind-Konstellation aus, und da möchte ich jedenfalls nicht verantwortlich sein, wenn einer sich getriggert fühlt – und irgendwie geraten die beiden dann in den Bann eines Psychokults. Bei der Hexe geht es ja auch primär um orale Bedürfnisse, die aber nicht mit der Wirklichkeit zur Deckung gebracht werden können. Oder haben Sie schon mal ein Haus aus Lebkuchen gesehen?

Lebkuchen geht ja noch, aber erklären Sie mal den veganen Grassaftmuttis vom Prenzlauer Berg, dass Kinder ohne Fagott- und Chinesischunterricht auf die Idee kommen, Hexe al forno zu essen. Das ist jetzt kein Anpassen der Fakten an die Erwartung, denn wir haben es hier ja nicht mit tatsächlichen Tatsachen zu tun. Und es kann auch durchaus mal etwas falsch sein, aber dafür muss es sich auch gut anhören, weil alles in sich wieder stimmt. Das ist nicht nur mit den Kindern so, weil die noch keinen großen geistigen Horizont zu überblicken haben. Den haben auch ziemlich viele Erwachsene nicht.

Und jetzt stellen Sie sich mal vor, das wird alles im Internet veröffentlicht, am besten ungefiltert und ohne Jugendschutz, und dann haben wir den Salat. Da können wir noch so viel für politische Bildung ausgeben, wenn wir diese Desinformation nicht in den Griff kriegen, können wir Wahlen mittelfristig auch gleich sein lassen. Das dringt dann auch noch über die Elternhäuser in die Kinderzimmer ein, da haben wir überhaupt keine Kontrollmöglichkeiten mehr, dann kommen die rechten Rattenfänger, und dann ist zappenduster.

Hier, das sollten Sie mal lesen. Ein kleines Mädchen hat keine Eltern mehr und wird obdachlos und schenkt sein Hemdchen her und sein letztes Brot, und dann wird es auf einmal belohnt. Das zeigt, dass die soziale Marktwirtschaft in diesem Land vorbildlich organisiert ist und Leistungen sehr passgenau für die gesellschaftliche Teilhabe gezahlt werden. Geht doch!“





Geprüfte Sicherheit

23 01 2017

„Naja, alle wegsperren geht auch nicht.“ „Wieso denn nicht?“ „Irgendwas mit Grundgesetz oder so.“ „Moment!“ „Können Sie vergessen. Das schlachtet die Opposition aus.“ „Wieso?“ „Wir sind eben im Wahlkampf.“

„Überlegen Sie mal, gerade im Wahlkampf kann man den Leuten doch den letzten Mist auftischen.“ „Kann man, aber darf man das auch?“ „Sollte man nicht?“ „Also ich würde…“ „Wir müssen das eher lösungsorientiert diskutieren.“ „Wie soll denn das gehen?“ „Er meint wahrscheinlich, dass wir für die Probleme…“ „Welche Probleme?“ „Wenn wir im Wahlkampf zugeben, dass es Probleme gibt, dann können wir uns den ganzen Wahlkampf schenken.“ „Eigentlich auch eine gute Idee.“ „Moment!“ „Dass wir für die Probleme der Zukunft, wollte ich sagen, dass wir da Lösungen haben.“ „Wie soll das denn gehen?“ „Der Wähler fühlt sich da bestimmt nicht so sicher.“ „Es ist halt Wahlkampf, da muss man dem Wähler auch ein bisschen Angst machen.“ „Sie haben mal Versicherungen verkauft, oder?“ „Merkt man das immer noch?“ „Wahrscheinlich denkt er, der Wähler würde den Zusammenhang zwischen Problem und Lösung sofort erkennen.“ „Tut er doch auch.“ „Wieso?“ „Wenn nicht, wäre er ja Politiker.“

„Also wenn wir alle Asylanten…“ „Sie meinen damit doch nicht die Asylberechtigten?“ „Wo ist da der Unterschied? und zu wem?“ „Die Bewerber, die könnte man doch alle in eine zentrale Sammelstelle in…“ „Das hört sich so nach Müll an.“ „Würde aber mindestens zehn Prozentpunkte von den Nazis bringen.“ „Moment!“ „Na gut, zwei. Anderthalb.“ „Wozu wollen Sie die sammeln?“ „Wenn man jetzt alle Asylbewerber…“ „Was machen Sie mit den Flüchtlingen?“ „Das versteht der Wähler doch gar nicht. Für den sind das alles islamistische Mörder.“ „Das meinen Sie nicht ernst.“ „Natürlich nicht, aber es ist Wahlkampf.“ „Also wenn wir alle von denen in, ich sage jetzt mal: Stuttgart internieren, dann ist die Sache doch klar.“ „Eigentlich…“ „Können Sie vergessen. Das schlachtet die Opposition aus.“ „Wieso?“ „Irgendwas mit Grundgesetz oder so.“ „Dabei hätte es Vorteile, weil wir keine so hohe Verbrechensrate mehr im Rest der Bundesrepublik haben, weil es da weniger von diesen dummen Arschlöchern gibt.“ „Moment!“ „Wie reden Sie denn über Kriegsflüchtlinge?“ „Ich meinte Nazis, die deren Heime anzünden.“ „Ach so.“ „Aber das ist doch eigentlich ganz okay.“ „Logistisch macht das total Sinn.“ „Und wenn es nicht klappt, können wir immer noch sagen: die Landesregierung von Baden-Württemberg hat Mist gebaut, wir sind nicht daran schuld.“

„Könnten wir den Vorschlag mit exterritorialen Asylzentren vielleicht aufgreifen?“ „Wie kommen Sie denn jetzt darauf?“ „Naja, wenn wir die Dinger in Afrika aufbauen, dann können wir als deutscher Staat doch definitiv nichts mehr falsch machen.“

„Und wenn wir jetzt einfach bloß sagen: liebe Bürgerinnen, liebe Bürger, wir tun was?“ „Was denn?“ „Naja, man kann doch nicht alles gleich den Betroffenen verraten, sonst wissen die doch, wie die Geheimdienste ermitteln.“ „Mit anderen Worten, ein Teil unserer Methoden würden die Bevölkerung verunsichern.“ „Ja, aber legal gemeint.“ „Wenn es legal ist, wer sollte sich denn verunsichert fühlen?“ „Die Bürger.“ „Moment!“ „Wieso sollten Bürger sich verunsichert fühlen von der Legalität?“ „Naja, überlegen Sie mal: bei Ihnen wird eingebrochen, dann sagt Ihnen die Polizei, tut uns leid, wir haben den Täter, aber wir können ihn nicht ins Gefängnis stecken, weil das Recht nun mal so ist.“ „Und das verunsichert die Bürger?“ „Zumindest die, die als Betroffene brutale Strafmaßnahmen nicht generell ablehnen würden.“

„Passkontrolle für Neger.“ „Nafris.“ „Moment!“ „Also Ausländer.“ „Und ausländisches Aussehen als Gefährdungsgrund.“ „Dann müsste man schon den Verdacht, ausländisch auszusehen, als…“ „Können Sie vergessen. Das schlachtet die Opposition aus.“ „Wieso?“ „Wir sind eben im Wahlkampf.“ „Und das Grundgesetz?“ „Käme auf den Zeitpunkt an, vielleicht haben die Rechten da schon wieder auf uns aufgeholt.“ „Aber wir müssen doch irgendein Konzept entwickeln können, das mittelfristig für nachweisbare Fahndungserfolge sorgt, sonst glaubt uns der Bürger nicht mehr, dass wir die Lage noch überblicken.“ „Obergrenze?“ „Es kommen doch immer weniger, die Debatte ist völlig umsonst.“ „Außerdem ist da noch was mit dem Grundgesetz.“ „Wieso?“ „Das gilt für alle Parteien.“ „Aber doch nur außerhalb des Wahlkampfes, oder?“

„Haben wir die Kostenfrage schon in Betracht gezogen?“ „Ja.“ „Tolle Antwort.“ „Moment!“ „Wir haben das schon durchgerechnet, und nein, es darf nicht mehr kosten als bisher.“ „Wir haben da aus dem letzten Brainstorming noch so einen Plan in der Schublade.“ „Das mit dem Personal?“ „Nee, das schmeißen Sie mal lieber ganz schnell weg.“ „Aber das ist doch genau der…“ „Bevor Sie jetzt mit der verfassungskonformen Lösung aller Probleme um die Ecke kommen: nein.“ „Die Wähler sind aber der Ansicht, dass das genau die…“ „Wenn mich die Ansicht des Wählers interessiert, spucke ich Nüsse in seinen Käfig, klar!?“ „Was erlauben Sie sich!“ „Haben wir da Probleme mit dem Innenminister?“ „Der ist auf mehr Ebenen überfordert, als er es intellektuell mitkriegen könnte.“ „Super. Gut, dann schreiben Sie mal: Punkt vier, wir werden dieses Land durch die Ausweitung der Videoüberwachung nach Möglichkeit noch viel sicherer machen. Damit Deutschland Deutschland bleibt.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLIX): Die Kriegserklärung der Terroristen

13 01 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Bürgerinnen und Bürger kaufen vollkommen unbehelligt Backwaren im Fachgeschäft, benutzen öffentliche Verkehrsmittel, hören Rundfunk oder tragen Schuhe, als wäre nichts geschehen. Als seien wir nicht längst in höchster Not, wahlweise: tiefster Verzweiflung. ’s ist Krieg, und ich begehre, dass es auch uns an der respektiven Sitzfläche vorbeigehe, allein es wird uns ja plausibel eingeredet. Der Krieg gegen den Terror hat uns seit Jahren im Würgegriff, nur dass wir es nicht wirklich bemerken.

Es ist weniger das Problem, dass den westlichen Demokratien die Terroristen den Krieg erklären; es ist wesentlicher, dass Fachkräfte für Sicherheit und Hysterie bis hinunter zur Regierung die Erklärung für bare Münze nehmen und aus der Geschichte so gar nichts gelernt haben, was passiert, sobald eine klinisch bekloppte Rotte esoterisch verbogener Dummklumpen ein komplexes Verwaltungsgebilde durch nächtliches Geheul angreift: nichts. Jedes System, auch das einer westlichen Demokratie, ist aus ersetzbaren Personen aufgebaut, die sich durch ihre funktionale Wiederverwertbarkeit erst als gute Untertanen einer Ungelehrtenrepublik erweisen, so ihnen die angewachsene weiße Weste nicht vom inneren Dreck verfleckt wird. Sprengt den Minister in die Luft, es wird ein anderer kommen. Ballert der Generalin ein ganzes Magazin in den Schädel, und sofort schnalzt eine Kippfigur mit ihrem Umriss in die politische Landschaft. Hase und Igel, so heißt das Spiel. Wir werden immer schon da gewesen sein, wo ihr nie hinkommt. Wir sind Legion. Wir vergeben nicht. Wir vergessen nicht. Erwartet uns.

Doch statt die offensichtliche Wehrlosigkeit der Ballermännchen zum Bersten zu bringen, schenkt der großherzige Staat dem Klötenkollektiv einen Vorsprung im Gewaltmonopoly. Das Habitat des Terrorismus ist naturgemäß die Schummerzone, in der Kriminalität mit Kriegsrecht zu bekämpfen versucht wird – als würde man mit dem Völkerstrafrecht jedem Nachbarschaftskrach in der Waschküche zu Leibe rücken. Doch das ist nicht der Widerspruch. Man redet dem Volke ein, dass es sich im Krieg befände, sobald es nicht in Frieden leben könne. Sind dann die freundlichen Mühen des Haushalts um eine Sozialkürzung zugunsten eines üppigen Rüstungsbudgets gleich Krieg?

Die asymmetrische Kriegführung wird offenbar nur von denen als schief betrachtet, die nicht um die Niederlage fürchten müssen. Denn Krieg wird nur durch die Reaktion im Innern erzeugt – ein paar unmotiviert abgeschossene Brandpfeile rufen wenig Jubel hervor, wenn sie im zivilisatorisch kaum erschlossenen Gebiet landen, wo wenig verkohlt. Zudem wertet der Kriegsbegriff den Gegner ohne Notwendigkeit noch Rechtfertigung auf. Wer eigentlich nur grenzdebiler Fanatiker oder aus dem Mistgabelmob rekrutiertes Schimmelhirn ist, pfropft sich alle Körperöffnungen voll mit der Schmeichelei, zum Widerstand geadelt zu werden. Man schmeißt einen Sprengsatz, schon ist man dem Staat ebenbürtig. Mehr tapfere Ignoranz kriegt man ohne eine ganze Dose Lack auf ex nicht hin.

Sind die Schlachten des Terrors Niederlagen für den Staat oder die Regierung? oder für die Völker? Und sind es Siege für die hastig nach eigenem Maß zusammenschwiemelte Kernzieltruppe einer behandlungsresistenten Geltungsneurose? Sauber vorbei. Was sich da als Rebellenarmee geriert, ist in Wirklichkeit nur ein aus dem Ruder gelaufener Kegelverein, der notfalls ein bisschen jähzornig verkündet, er sei das Volk. Eine Möchtegern-Guerilla ohne Bodenhaftung vertraut auf die kopflosen Hühner einer echten Regierung, die die Schmutzarbeit übernimmt. Jede Terrorstrategie lebt nur von der Repression der Gegenseite, sozusagen als umgekehrter Kampfsport: man nutzt die fremde Energie, um sich gekonnt auf die eigene Schnauze zu packen. Krieg gegen den Terror wird so Terror gegen den Krieg.

Der Gegner gewinnt, indem die Bekloppten des eigenen Lagers Brandsätze werfen: Überwachung und Kontrolle, Diskriminierung und Defizite der Demokratiedurchsetzung. Bald dient der Terror nur noch als Popanz, vor dem sich eine melodramatisch veranlagte Kaste inszeniert, als sei sie allein aus unersetzlichem Heldenmaterial gebacken. Sie sind bereits als Opfer auf die Welt gekommen, fühlen sich zum Glück immer angegriffen und müssen nicht erst in den Krisenmodus schalten; sie haben ihn erfunden. Zum Glück bekommen sie die notwendige Katastrophe fertig geliefert, zumindest das, was sie für eine Katastrophe halten. Alles ab zwei Toten – das Äquivalent zu einem mittleren Autobahnunfall – passt ins Raster. Man kann dem Terror gegenüber gleichgültig sein, man sollte es eigentlich auch, aber welche Regierung würde diese Indifferenz gegenüber einem Krieg erlauben?

Irgendwann mündet jeder Krieg in eine Verhandlung, auch und gerade die Kriege, die aus demolierten Verhandlungen erst entstanden waren. In welchem Aggregatzustand von Dummheit muss man sich befinden, um mit Straftätern einen staatsrechtlich relevanten Deal abzuschließen? Wer das täte, wäre ja ein feindlicher Zivilist. Immerhin einer, der keine Gefangenen macht.