Original und Fälschung

16 10 2017

„Können wir die rechte Flanke denn jetzt endlich mal schließen?“ „Wir müssen viel breiter aufgestellt sein!“ „Also mehr Angriffsfläche?“ „Aber die…“ „Wir können keine Toleranzgrenze für Intoleranz tolerieren.“ „Aber eine Obergrenze für…“ „Das ist mir jetzt zu viel.“ „Dann brauchen wir weniger.“ „Toleranz, oder wie jetzt?“

„Wieso wollen Sie denn die Alternative rechts überholen?“ „Wo denn sonst, etwa links?“ „Da ist im Moment wenigstens noch Platz.“ „Aber nicht für uns.“ „Wir dulden keine linken Spinnereien.“ „Und rechte?“ „Solange es nicht unsere eigenen sind, könnten wir uns in der Beziehung tolerant zeigen.“ „Und das heißt?“ „Im Wahlkampf wird doch auch viel gelogen.“ „Sie meinen, die Alternative macht ihre Politik grundsätzlich als Wahlkampf…“ „Sie inszeniert ihn als solchen.“ „… und deshalb müssen wir das auch?“ „Solange wir nicht unsere eigenen Spinnereien hinterher aufgeben müssen, ist das doch tolerierbar, oder?“

„Ich wäre für die maximale Provokation.“ „Wen sollen wir denn provozieren?“ „Die Alternative vermutlich.“ „Die doch nicht, die wissen, dass eine Provokation bloß eine Provokation ist.“ „Aber der Wähler, der weiß das nicht.“ „Deren Wähler oder unserer?“ „Da das dieselben sind, brauchen wir uns darüber keine Gedanken zu machen.“ „Wir müssten eher sehen, wie wir danach die Situation wieder in den Griff kriegen.“ „Das wäre mal eine positive Entwicklung, da gebe ich Ihnen recht.“ „Weil wir uns damit von der Alternative abgrenzen?“ „Weil wir das bisher nicht wirklich konnten.“

„Wir sollten eher herausarbeiten, dass unsere bayerischen Werte denen der Alternative sehr ähneln.“ „Das sehe ich anders.“ „Aber die…“ „Wenn etwas etwas ähnelt, dann ähneln die Werte der Alternative unseren bayerischen Werten.“ „Sie meinen das historisch gesehen?“ „Er meint das eher in Bezug auf die Zukunft.“ „Wo sehen Sie da einen Widerspruch?“ „Wenn man so eine Geschichte hat, wozu braucht man dann…“ „Bleiben Sie mal sachlich, meine Herren!“ „Vielleicht kann man das auf unser politisches Führungspersonal beziehen?“ „Ich sehe da vor allem ungebildete, arrogante Arschlöcher, korruptes Scheißpack und widerliche Stammtischnazis, bei denen ich spontan Brechreiz bekomme.“ „Naja, die Alternative hat auch keine besseren Leute zu bieten.“

„Beispielsweise die Familienpolitik.“ „Was ist mit der?“ „Die muss grundgesetzlich gestaltet werden, damit wir den Ausländern nicht zu viel Geld in den Hintern schieben.“ „Dazu müsste man sie aber wieder nicht grundgesetzlich gestalten.“ „Kann man nicht irgendwie eine Obergrenze für Grundgesetzlichkeit…“ „Aber die…“ „Das hat beim Formelkompromiss auch geklappt, und wenn man die Merkel mit irgendwas wegkriegt, schaffen wir die Alternative auch.“ „Wie, wir haben Merkel rechts überholt?“ „Also bei der Familienpolitik schon.“ „Beziehungsweise ist wieder links an uns vorbeigezogen.“ „Und das war grundgesetzlich so in Ordnung?“ „Wenn man uns überholt, ist das nie in Ordnung, merken Sie sich das!“

„Könnten wir nicht etwas von ihr lernen?“ „Ich verstehe, Sie wollen den politischen Gegner am Ende totkoalieren.“ „Die CSU ist nicht die CDU, merken Sie sich das!“ „Aber die…“ „Genau da sehe ich aber das Problem.“ „Wir müssten sonst auf die Alternative inhaltlich zugehen.“ „Eher eingehen.“ „Wenn wir auf die Alternative zugehen, gehen wir also ein?“ „Das habe ich jetzt nicht gesagt.“ „Wir können uns an die Inhalte inhaltlich…“ „Wie denn auch sonst?“ „Wie gesagt, nicht die CDU!“ „Dann müssen wir uns um Inhalte sowieso keine Sorgen machen, oder was wollten Sie damit sagen?“

„Lassen Sie uns das praktisch durchspielen.“ „Als Provokation oder inhaltlich?“ „Kirchtürme statt Minarette!“ „Wie gesagt, inhaltlich oder als Provokation?“ „Kirchturmpolitik können wir doch viel besser.“ „Mit uns gibt es kein Minarett in den bayerischen Dörfern!“ „Kirchtürme haben wir doch schon, wo wollen Sie da neue bauen?“ „Ohne uns würde es nur noch Minarette…“ „Aber die…“ „Übrigens rechte Flanke: dass die Alternative den Anschein erwecken will, sie sei die bessere CSU, das können wir aber auch nicht dulden.“ „Da brauchen wir eine Toleranzuntergrenze.“ „Aber die…“ „Der Wähler wird das denen nie durchgehen lassen.“ „Stimmt, weil er Original und Fälschung unterscheiden kann?“ „Die Alternative jedenfalls versucht wie eine bürgerliche Partei zu wirken – das können wir aber besser!“ „Wie eine bürgerliche Partei wirken?“ „Jetzt machen Sie es doch nicht komplizierter, als es nicht ist!“ „Die Alternative hat doch bisher immer versagt.“ „Und das können wir auch besser?“ „Also jetzt wird’s langsam komisch.“ „Finde ich gar nicht.“ „Wir können uns nicht ständig mit dieser Partei messen, die ist in ein paar Jahren weg vom Fenster.“ „Dann können wir von denen vielleicht noch etwas lernen.“

„Können wir uns jetzt doch auf etwas einigen?“ „Müssen wir?“ „Sollten wir schon.“ „Man könnte jetzt nach außen kommunizieren, dass die Sozen die Alternative groß gemacht haben.“ „Aber die…“ „Und wenn es sie nicht geben würde, dann müssten wir nicht so sein.“ „Wie die Sozen?“ „Das macht schon die Kanzlerin.“ „Weshalb wir auch nicht sein wollen wie die CDU.“ „Weil die Sozen wie die CDU ist.“ „Eher umgekehrt.“ „Da soll noch einer durchblicken!“ „Gut, dann haben wir’s jetzt?“ „Sagen Sie das der Presse: die Christsozialen lassen sich nicht von kurzfristigen politischen Ideen beeinflussen. Wir bleiben eigenständig.“

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Machen wir selbst

11 10 2017

„Wir haben das alles sehr genau aufgeschlüsselt, was würde Sie denn interessieren? Stammdaten gibt es immer gratis, damit Sie die Zuordnung besser vornehmen können, und dann bieten wir die unterschiedlichen Datenpakete an. Alles schnell, zuverlässig, verlustfrei – Sie werden begeistert sein!

Die Partei hatte schon einmal ein paar Tausend Euro ausgelobt, um diese linken Volksverräter zu schnappen, die Adressen herausgegeben hatten, aber bis auf die Vorsitzende kam niemand in Frage. Ein besseres Qualitätsmerkmal können Sie sich doch für den Adresshandel gar nicht vorstellen, oder sehe ich das falsch? Das ist hochfeines Material, beste Ware, topaktuell, sehr gut sortiert und daher sehr gut sortierbar. Sie werden daran bestimmt recht lange Ihre Freude haben.

Politische Gesinnung ist zum Beispiel so ein Suchkriterium. Hier können Sie sich alle Mitglieder des rechtsextremen Flügels ausspucken lassen, da sind die typischen Wutbürger, hier haben wir die Überschneidungen zum Pegida-Lager, Sie kriegen die einzeln oder auch als eigene Dateien. Im rechtsextremistischen Spektrum gehen die meisten Organisationen ja meist nach gewisser Zeit unter, da wird dann derselbe Dreck unter anderem Namen wieder nach oben gespült, und diesmal können Sie enorm viel Zeit sparen, indem Sie Ihr bevorzugtes Klientel gleich anschreiben. Kombinieren Sie das auch gerne mit dem Vorstrafenregister – einzeln als Datensatz zubuchbar, klar – dann wissen Sie auch schon, wie Ihre Führungsebene aussehen sollte. Oder wer als Ordner für Ihren Gründungsparteitag in Frage käme.

Wenn Sie jetzt tatsächlich eine Konkurrenz zur Konkurrenz der Partei aufbauen wollen, dann sind Sie gut beraten, die Führungszirkel zu analysieren. Wer in der alten Ordnung immer nur in der zweiten Reihe war – man kriegt ja auch raus, wer da wem was gezahlt hat, um eben nicht mehr in der zweiten Reihe zu sitzen – der wird in der neuen politischen Organisation möglicherweise sehr viel mehr Input geben. Oder auch Geld, wer weiß das schon. Sie haben dann ja alles in der Hand, nicht wahr?

Wo wir gerade bei den Geldströmen sind, Sie werden sich ja sicher nicht nur um die Bundespartei kümmern wollen, sondern auch um unsere Landesverbände. Die einzigen Regelmäßigkeiten sind da die Unregelmäßigkeiten, und dann haben Sie diverse Wahllisten, und was Sie daraus machen, das steht schon nicht mehr in unserer Macht. Wir haben auch keine gesteigerte Lust, uns über Untreue oder ähnliches zu unterhalten, das müssen Sie schon selbst tun.

Natürlich haben wir auch noch jede Menge anderes Material. Alles bestes Kompromat, teils unter Mitwirkung des Verfassungsschutzes erstellt, aber absolut gerichtsfest. Wenn Sie gute Freunde fürs Leben suchen, hier werden Sie schnell fündig.

Sie könnten sich allerdings auch nur für die Vermögensverhältnisse unserer Parteigenossen interessieren. Wenn man da sieht, wer trotz überschaubarer Qualifikation plötzlich sehr schnell zu einem erquicklichen Haushaltsnetto kommt, der wäre für Sie sicher auch attraktiv. Sie haben doch noch Boote im Portfolio, oder? Ich meine, wenn man sich irgendwann mal das zweite Haus gebaut hat oder endgültig aus der Privatinsolvenz raus ist – die Reihenfolge ist da ja sehr individuell – dann will man mit der Knete auch etwas anfangen. Für später, wenn die Partei schneller im Eimer ist als die Karriere. Kann man ja nie ausschließen.

Wenn Sie als Versicherungskonzern gleichzeitig eine vernünftige Beratung leisten wollen, sollten Sie eine Kombination aus Vorstrafen, Position und eventuell drohenden juristischen Konsequenzen ins Auge fassen. Aus so einer Quersumme kann man ein Rechtsschutzangebot besser individualisieren, und das dürfte bestimmt in Ihrem Sinne sein. Ob im Sinne Ihrer Kunden, das lasse ich jetzt mal offen.

Wir sind aber als gesetzestreue Bürger auch nicht abgeneigt, unsere Daten an die Behörden zu geben. Sie kennen das sicher auch, da hat man auf einmal sehr viel Geld, das dann auf einmal gar nicht mehr da ist, wo man es versteuern müsste. Unsere Spitzenkandidatin ist da leider ein bisschen wenig kooperativ, außerdem nimmt sie gerne das Bankgeheimnis der Schweiz für sich in Anspruch, da müssen wir uns die nötigen Erkenntnisse schon selbst verschaffen.

Wir verkaufen aber auch nicht alle Daten, das müssen Sie auch wissen. Es gibt gewisse ethische rote Linien, die wir nicht überschreiten würden, nur weil die Partei sie schon überschritten hat. Da war ja geplant, eine Anschriftenliste sämtlicher Juden in Deutschland zusammenzustellen. Falls Sie sich fragen, ob es dazu gekommen ist: nein, und wir halten die betreffenden Daten nicht vorrätig. Aber wir können Ihnen gerne die Liste der Anschriften derer zur Verfügung stellen, die diese Daten damals sammeln wollten.

Gut, dann einmal Stammdaten und das große Paket. Das ist wie eine Art Gebrauchsanweisung für den rechten Rand, das verschafft Ihnen genau die Einblicke in nationalistische Kreise, die Sie wollen, und vor allem: absolut idiotensicher, selbst der größte Depp findet sich spielend darin zurecht. Sie werden zufrieden sein, Herr Dobrindt.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXXXIX): Das Kulturmagazin

6 10 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Uh, wie furchtbar. Hui, wie dolle. Sieht aus wie Zoo, ist aber keiner, und ausschalten kann man es auch. Könnte man, wenn man denn wollte, aber wer sich freiwillig und meist zu später Sendezeit die Kinderstunde für Erwachsene antut – oder für die, die sich unbedingt als solche benehmen müssen – gehört zu denen, die es nicht besser verdienen. Die Besserverdiener versüßen sich den fortgeschrittenen Abend im Schlummer, beim Fußball, im Rausch, nur der verbissene Spätaufsteher, die angewachsene Oberstudienratshose, der nullogame Troglodyt mit der Hegel-Gesamtausgabe in der Schrankwand, sie alle weinen still in die Fernbedienung hinein, wenn die Trottellaterne mittelalterliches Personal in moderaten Hipsterlook näht und vor die Kamera schubst, um des Deutschen Spießers Wunderhorn zu füllen mit Dichterwort und Korkenknall. Es ist wieder Zeit fürs Kulturmagazin.

Schräglich behoste Herren und Damen mit asymmetrischen Frisurversuchen sind schon immer über die Mattscheibe geturnt, und mit etwas Glück haben sie keine Spuren im Neocortex hinterlassen, wenn der Guckreiz sich verflüchtigte. Wie aus einem Guss verquickt dieses Modell hysterischen Nachwuchs und historische Ansprüche zu pauschal penetranter Individualität, denn Kultur, zumal die massenmedial breitgequarkte, darf alles sein, nur nie Mainstream. Was an Mittelstrahl das bürgerliche Feuilleton durchplüscht, ist für die Experten nur ein Betäubungsmittel, das die letzten Reste kritischer Praxis verödet. Mokiert die halbstaatlich bestallte Redaktöse sich angesichts einer Mozart-Oper, die wie selbstverständlich im KZ inszeniert wird, dann brezelt der Gaffenstall sich frohlockend eine Provokationsvorlage aus dem Stoff, wissend, dass zwischen die Neuentdeckung venezolanischer Epik und eine Poetikvorlesung maximal ein Pils passt, denn nüchtern ist diese Mische nicht zu ertragen.

Gäbe es eine Messgröße für Selbstverliebtheit, sie läge in dieser Sendung begründet. Man kann die Protagonisten scheint’s schlecht bezahlen, denn im Entgelt inbegriffen sind offenbar bunte Pillen und das Versprechen, einmal in der Woche durch die Wohnküchen wehrloser Verbraucher zu stelzen. Sie verklappen freiwillig neorealistische Novellen und den neudeutschen Film in ihren Schimmelhirnen, unerschrocken bis schmerzresistent, letzteres wohl ein Einstellungskriterium, indem sie das Klischee der verhassten Deutschstunde auf links krempeln: das, liebe Kinder, wollte der Dichter Euch nämlich mit dem Gesabber sagen, und wir sind befugt, unser geistiges Geröll über Euch auszukippen, ungefragt und deshalb richtig.

Ab und zu schleichen sich Kulturschaffende ins Studio. Hier wird ein bekannter Komponist zur Menschenrechtslage in den Seealpen befragt, dort eine Stararchitektin zum Biopicfimmel. Für ihr Entkommen ist in der Regel gesorgt.

Schlimm, aber unausweichlich und nahezu konstituierend für das Kerngenre der intellektuellen Bespaßung ist der erhobene Zeigefinger, die Moralerektion als Monstranz des missionierenden Besserwissers im Feldzug der Verdeppten. Die Welt des Geschmacksdiktators besteht zu vier Dritteln aus Problemen, die er nicht wird lösen können, Umweltkatastrophen in Afrika, der mähliche Tod des Kastenfroschs, ein schleichender Niedergang des Schamanismus in entlegenster Gegend von Hinterasien, und alles das wird mit Sonetten und Mambo bekämpft, Nasenflötenmusik und Theater in der Badewanne als postmoderner Thespiskarre, jedoch vermutlich nur, damit ein mies bezahlter Redakteur mitsamt zweier Kabelträger sich in der kirgisischen Steppe zwei Dutzend hauptberuflicher Freizeittänzer widmen und eine Stunde Material über sie kurbeln kann, der dann als Drei-Minuten-Terrine in die Haushalte schwappt, befremdliche Bilder aus einer wirren Welt, in der man zum Glück nicht auch noch leben muss, aber schön hüpfen tun die Wilden, das ist doch auch schon etwas. So berichtet die Sendung mit dem Graus je um je von Mode aus der Altkleidersammlung, gerne auch als Buch, Film oder Podiumsdiskussion, bis sie sich dem eigentlichen Zweck des Bildschirmflirrens hingibt, dem Marketing.

Hat die Absatzförderung schon mit Verve die Talkshows okkupiert und in ein unliterarisches Terzett neuronal überforderter Klosteinverkoster verwandelt, wie sie alle das letzte Druckerzeugnis, die letzte Leinwandarbeit, die grassierende Tour durch deutsche Gaue zum letzten Tonträger ohne Sinn und Verstand mit Hosianna vollloben, so schwiemelt sich die Produktplatzierung auch hier ins Format hinein, wo unverbindliche Larmoyanz für scheinbare Objektivität sorgt, den Daumen stets überm Preisschild, weil ja die gesellschaftliche Relevanz zählt. Dafür also hat man die Werbung unterbrochen. Aber Dranbleiben lohnt sich, denn alles geht irgendwann einmal vorbei. Vielleicht kommt ja hinterher ein vernünftiger Western.





Pinselei

4 10 2017

„… gesetzlich verankert werden müsse. Der Gamsbart gehöre außerhalb des Freistaates nicht zur Leitkultur und dürfe deshalb auch in…“

„… verteidigen werde. Seehofer habe das Verbot des Hutschmucks mit der Verfolgung der Juden im Dritten Reich bezeichnet und werde die Lehren daraus ziehen. Ab sofort sei die CSU noch mehr an einem Rechtskurs…“

„… sehr indifferent reagiere. Während die meisten Bayern sich für das Thema kaum interessiert hätten, seien in den südlicheren Teilen des Landes Spontandemonstrationen mit Fackeln und…“

„… in einem Gutachten ausgeführt worden, dass die Bestände des Gamswildes in Bayern noch nicht gefährdet seien. Dies bedeute aber nicht gleichzeitig, dass die Jagd auf das Tier weiter im bisherigen…“

„… Entwarnung gegeben habe. Das Tragen des Gamsbartes sei in Bayern weiterhin erlaubt, es bedürfe weder einer Genehmigung noch sei der Besitz eines oder mehrerer…“

„… daher nicht rechtserheblich sei, ob der Hutschmuck aus Gams- oder Dachshaar gefertigt werde. Die als Gamsbart im Rechtsverkehr geführte Form besitze eine Wirkung, die sich ungeachtet des Materials von seinem…“

„… das Gesetzesvorhaben als rein symbolisch kritisiere. Scheuer habe darauf hingewiesen, dass der normale Bayer seinen Gamsbart ausschließlich in der Heimat trage und es im übrigen Bundesgebiet eine statistisch nicht mehr messbare Anzahl an…“

„… sich nicht um Männerdiskriminierung handle, da in der Damenhutmode der Gamsbart als Accessoire Einzug gehalten habe. Dies dürfe aber laut Rechtsgutachten der Staatskanzlei nicht als Tradition betrachtet werden, da es erst in den vergangenen zehn bis zwanzig…“

„… zwar korrekt sei, dass es außerhalb Bayerns so gut wie nie Gamsbärte auf Herrenhüten gebe, doch verlange die innere Sicherheit, dass man sich als Deutscher in Deutschland an gemeinsame Regeln halte, die nur durch eine gemeinsame…“

„… eine EU-weite Volksabstimmung über den Gamsbart angekündigt habe. Söder habe sein politisches Schicksal an den Hutpinsel geknüpft und würde bei einer Niederlage sofort aus dem…“

„… das Haarbüschel in verkleinerter Form als Zeichen des Widerstandes auf Pudelmützen und Baseballkappen getragen werde. Neben den traditionell vom Verfassungsschutz beobachteten rechtsnationalen Gruppierungen habe auch die CSU sich zum…“

„… unsaubere Argumentation vorgefunden habe. Die von der bayerischen Landesregierung vorgebrachte Meinung, es handele sich um ein rein in Bayern erfundenes und verbreitetes Kulturgut, sei durch die oft dokumentierte Herkunft des Gamsbartes aus dem österreichischen Alpenraum leicht zu widerlegen. Wie die in Persien erfundenen Hosen sei auch dieses ausländische…“

„… bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gehen werde. Da Söder die Abstimmung verloren habe, werde er das Ergebnis nicht…“

„… ihnen ein fehlender Wille zur Integration nachgewiesen werden könne. Daher sei der bayerische Sonderweg ein weiteres Anzeichen von größerem…“

„… erste Kontrollen in Fernzügen sowie an Flughäfen vorgenommen habe. Sollten Fluggäste im Besitz eines Gamsbartes sein und diesen aus dem bayerischen Luftraum ausführen, so sei dies zunächst mit einer Ermahnung verbunden, erst beim Anlegen müsse der Täter mit einem Bußgeld in Höhe von…“

„… kulturanthropologisch als Potenzsymbol gelte, das geeignet sei, Frauen zu diskriminieren. Auch das ironische Tragen eines Gamsbartes könne sozial durchaus zur Ausgrenzung von…“

„… dass das Tragen eines Gamsbartes im öffentlichen Dienst generell untersagt werde. Diese Bestimmung gelte für alle Bundesländer und damit auch für den…“

„… dass es sich bei der alpenländischen Tracht vorwiegend um eine Ideologie handele, die in den vergangenen Jahrhunderten den Anspruch erhoben habe, den gesamten deutschen Kulturraum durch potenzielle…“

„… nur eine Bundesgesetzgebung existieren könne, die in allen Bundesländern gleichermaßen umgesetzt würde. Da es sich beim Gamsbart nicht um einen Bestandteil deutscher Leitkultur im Sinne der Bundesrepublik handele, gelte das Verbot in allen Ländern, somit auch in…“

„… Söder Bayern bereits mit Marokko oder dem Sudan verglichen habe, wo es den Gamsbart nach einer jahrhundertelangen kulturellen Fehlentwicklung gar nicht gebe, was sich in den terroristischen Strukturen des…“

„… zu einer Geldbuße von dreißig Euro verurteilt habe, da er seinen Gamsbart auch nach mehrmaliger Aufforderung in der Staatskanzlei nicht…“

„… damit implizit die Neigung des Freistaates zum Aufbau einer öffentlichen Terrormiliz zugegeben habe. Söder habe sich verteidigt, er wolle lediglich die in seiner Heimat verankerte Kultur vollkommen wertfrei und ohne ideologische Überfrachtung in den…“

„… als Hamburger Modell benannt worden sei. Die von einer deutschen Modekette verkauften Mini-Klobürsten seien innerhalb kurzer Zeit auch auf dem bayerischen Markt als letzter Schrei der…“





Altar Schwede

3 10 2017

Das kleine, eben nur angedeutete Türmchen, das runde Eingangstor, es passte alles, zumindest stilistisch. Während ich vor diesem recht großen Schuppen stand – es nieselte, der Produktmanager war bereits zehn Minuten zu spät – fiel mein Blick auf die anderen Pavillons im Innenhof. Was mochte sich in ihnen nur verbergen.

„Wir hatten noch ein kleines Strategiemeeting“, entschuldigte sich Lars, „Du hast Dir sicher schon einmal einen Eindruck verschafft und Platz für Deine Ideen gefunden.“ „Zunächst“, antwortete ich und zückte den Schreibblock, „wüsste ich gerne, wie Ihre Firma auf diese Zielgruppe gekommen ist.“ In Haus 1 befand sich eine eher improvisiert aussehende Arztpraxis, die man eher in der Taiga zwischen zwei Wasserlöchern erwartet hätte oder in Nordrhein-Westfalen, aber nicht in der Innenstadt von Hamburg. „Du täuschst Dich!“ Ihm war diese Ansprache offenbar nicht abzugewöhnen, schon gar nicht durch freundliche Hinweise. „Das ist ein kleines Raumwunder, wir können unseren Ideen da freien Lauf lassen.“ Tatsächlich hatte der zehn Quadratmeter große Container drei wandmontierte Sitzgelegenheiten und eine ebensolche Klappliege, die ein unterfahrbarer Instrumentenschrank gut ergänzte. „Wir hatten im vergangenen Jahr eine Anfrage aus Vårsta“, verriet Lars, „dafür haben wir dann eine Autowerkstatt entworfen und diese Idee von unseren preisgekrönten Designern verwendet, weil es sich einfach anbot.“ Wahrscheinlich hatte es sich um eine Garage für Kleinstwagen gehandelt, aber so genau wollte ich es auch gar nicht wissen.

Die Amtsstube für das Schnellgericht in den östlichen Bundesländern war auch nur um ein paar Aktenregale entworfen – „Damit kriegst Du die Nazis in Deiner Nachbarschaft weg für unter hundert Euro!“ – und das Bürgerwehrbüro hatte außer einem abschließbaren Waffenschrank kaum Neuerungen zu bieten. Aber noch war da dieser Wellblechkasten im Hof. Fast widerwillig suchte der Angestellte den Schlüssel, drehte ihn im Schloss um und öffnete die Tür. Es war eine Kirche.

„Die Gemeinden werden immer kleiner“, erläuterte er, „oft brauchst Du gar kein festes Haus mehr dafür und greifst auf eine flexible Lösung zurück, wenn Du sie erkennst. Schau Dich um!“ Es sah alles so schlicht und abwaschbar aus, wie man es von diesem Konzern gewohnt war – keiner hatte sich mit mehr als der Funktionalität des Gebäudes auseinandergesetzt, aber das wäre zu verkraften gewesen. Störend waren vor allem diese schrecklich ermunternden Farben, Lindgrün und Weiß, die alle irgendein Erweckungserlebnis transportierten wie jede anderer Wohnküche auch. „Die Klappsitze sind in die Raumteiler integriert“, wies der Experte hin. „Das macht einen leichten und luftigen Eindruck. Probier es gleich mal aus und setz Dich hin.“ Es saß, eher: hockte sich dann doch wie in einem Fußballstadion wobei ich lange die dritte Liga nicht mehr besucht hatte. Lars hatte es bemerkt und lenkte mehr oder weniger geschickt ab. „Die Kanzel ist ein besonders schönes Stück“, schwafelte er, „sie passt auch gut in Dein Arbeitszimmer oder in Deine Küche. Oder vielleicht kombinierst Du beide Räume? Du hast die Wahl!“ Das kleine Ensemble aus einem gepolsterten Stehpult mit den ausklappbaren Trittstufen, Baldachinkonstruktion aus dem Bereich Kinderzimmer und lackierter MDF-Verkleidung (lindgrün, weiß) sah bezaubernd aus, wollte man in seiner Freizeit als Auktionator im Nebenerwerb den Bastelkellerschrott seiner Nachbarschaft gegen Bares unter den Anwohnern für eine Saison neu verteilen. Geistliche Gefühle indes kamen hier nicht auf.

„Wahrscheinlich hast Du den Klappaltar schon bemerkt“, wies mich Lars auf das seltsame Ding auf dem Ausziehtisch hin. „Die modulare Bauweise macht unsere Produkte preiswerter, so kannst Du immer genau das anschaffen, was Du brauchst.“ Die Innenseiten der Wandelkonstruktion waren noch nicht gegen sakrales Material ausgetauscht worden, so zeigten sie zwei Kätzchen und einen spektakulären, da geschönten Sonnenuntergang. Aber vielleicht versprach sich das Möbelimperium auch Bestellungen von einer Kirche, in der die Katzen die Stellung eines anbetungswürdigen Objekts innehatten. „Und das Beste ist, dass wir diesen Aufbau für jede Containergröße kostenlos berechnen und ihn komplett liefern. Ist das nicht göttlich?“ Er lachte schrecklich über seinen Witz; er lachte allerdings allein, das machte es erträglicher, und er merkte lange nicht, dass er alleine lachte, was die Angelegenheit doch erheblich in die Länge zog. „Wäre das etwas für Dich?“ Ich klappte den Schreibblock zu. „Kaum.“ Meine Augenbraue zog sich wie von selbst hoch. „Vermutlich werde ich auch so schnell nicht in die Verlegenheit kommen, eine Religionsgemeinschaft zu gründen.“

Umständlich schloss Lars hinter mir ab. Die Orgel, eine klappbare Attrappe aus recyceltem Weißblech in Weiß mit lindgrünen Akzenten, hatte mich doch ein bisschen beeindruckt. Doch nicht einmal in meinem Arbeitszimmer hätte man den Spieltisch aufstellen können. „Ich schicke Dir den Katalog gerne zu“, informierte mich Lars. „Wir haben viele neue Ideen für unser Produktsortiment, und es würde uns freuen, wenn Du uns mit Deinen kreativen Anregungen unterstützen würdest.“ Er hielt einen Augenblick lang inne. „Brauchst Du gerade einen Flughafen?“





Vorhandene Datenlage

25 09 2017

„Dann könnten wir vielleicht irgendwas über diesen Bürgermeister schreiben.“ „Welchen?“ „Der immer falsch parkt.“ „Das interessiert die Leute!“ „Aber ist das wichtig?“ „Könnte schwierig sein, da eine passende Werbung zu finden.“ „Können wir’s nicht erstmal im Printteil…“ „Nein, raus.“

„Also dann dieses Flugzeug.“ „Ah, gute Idee!“ „Das interessiert die Leute!“ „Kann man eine halbe Spalte mit Bildern…“ „Oder über zwei Spalten, und dann machen wir hier eine größere Headline.“ „Die Debatte wurde doch aber schon geführt?“ „Aber jetzt ist das Ding hier, und keiner fühlt sich dafür zuständig.“ „Es geht ja um Geldverschwendung.“ „Das ist bei Geschichte nun mal so.“ „Aber dann muss man das doch nicht so in den Fokus rücken.“ „Die Geschichte?“ „Nein, aber…“ „Jedenfalls sind die Bilder sehr schön.“ „Gut, eine halbe Seite.“

„Sind Sie schon fertig?“ „Wir haben erst die Seite hier, und da ist Werbung.“ „Ist das alles?“ „Wie, wir haben doch gerade erst…“ „Eine Anzeige ist doch nicht genug, hat da kein anderer Kunde inseriert?“ „Ach so.“ „Müssen Sie mal nachfragen.“ „Wir haben hier noch eine Story, wie ein Mann von einem Hund…“ „Wenn er den Hund beißt, nehmen Sie’s rein.“ „Also ist das…“ „Ich bin gleich wieder hier, legen Sie gefälligst einen Zahn zu.“

„Eier werden auch wieder zurückgerufen.“ „Ist das nicht schon Wirtschaftsteil?“ „Eigentlich ja.“ „Interessiert das die Leute?“ „Es betrifft sie doch schließlich alle.“ „Eben, und das ganz abgesehen von der sozialen Stellung.“ „Eigentlich eine gute Meldung.“ „Hoher Nachrichtenwert.“ „Ich finde, dass das die Menschen irgendwie sensibilisiert.“ „Schön, dass wir mal darüber gesprochen haben.“ „Also ja?“ „Haben Sie noch irgendwelche Fotos von Hühnern?“ „Die sind doch schnell besorgt.“ „Dann nehmen wir das in die linke Spalte.“

„Hier haben wir noch einen sehr schönen Unfall in Mecklenburg-Vorpommern.“ „Wie viele?“ „Was?“ „Na, Tote.“ „Wieso Tote?“ „Weil das die Leute sonst nicht interessiert.“ „Man muss doch auch mal etwas schreiben, was den Leuten…“ „Das lassen Sie mal nicht den Herausgeber mitkriegen.“ „Es war ein Laster mit Bauteilen für eine Windkraftanlage.“ „Sehen Sie? Nur, weil diese Ökospinner überall Windkraftanlagen in die Landschaft klatschen, haben wir schwerste Unfälle auf Deutschlands Autobahnen.“ „Das war auf einer Landstraße.“ „Noch schlimmer, da kriegen wir ja nicht mal gruselige Bilder.“ „Also die Leute interessiert das schon mal nicht.“ „Denke ich auch.“ „Haben wir sonst irgendwas mit Unfällen?“ „Nur lokal.“ „Keine Autobahnen.“ „Schlimm. Ich meine, man kann sich die Nachrichten doch nicht aus den Rippen schneiden, oder?“

„War da vor ein paar Tagen nicht mal was mit Nachtflugverbot?“ „Nicht, dass ich wüsste.“ „Das interessiert die Leute auch nicht.“ „Höchstens die, die da wohnen.“ „Aber das muss man doch nicht in der Zeitung schreiben?“ „Kommt darauf auf.“ „Auf was?“ „Wollen Sie eine Meinung präzise abbilden, oder wollen Sie ein…“ „Jetzt theoretisiert er wieder.“ „Meine Güte, wir wollen doch nur einen vernünftigen Artikel, halbe Spalte, gerne mit Bild und Infokasten!“ „Wir machen das mit den Eiern, aber größer.“ „Wirkt das?“ „Die Anzeigenabteilung ist ja auch noch nicht durch.“

„Hatten wir wenigstens schon eine Schlägerei auf dem Oktoberfest?“ „Heute?“ „Kann auch gestern gewesen sein.“ „Das ist auch Wirtschaft.“ „Sehr witzig!“ „Dann schreiben Sie es doch.“ „Wir haben ja gar keine Meldung.“ „Aber man kann doch davon ausgehen, dass die diesjährigen Besucher sich nicht anders verhalten als die Besucher vom vergangenen Jahr.“ „Voraussagender Journalismus? das wäre mir ja neu.“ „Wir können doch aus der vorhandenen Datenlage einiges extrapolieren und müssen nicht immer auf neue Nachrichten warten.“ „Hat das möglicherweise mit dem Interesse der Leute zu tun?“ „Mit Interessen schon, aber man weiß nicht immer so genau, mit wessen.“ „War da sonst irgendwas mit Fußball?“ „Sie wollen jetzt diesen anderen Flughafen in Berlin doch wieder.“ „Welchen anderen?“ „Den alten.“ „Das interessiert die Leute aber nicht.“ „Dann war da vielleicht doch irgendwas mit Fußball.“

„Der Chef ruft gerade durch, ob wir schon fertig sind.“ „Wir haben doch noch das mit dem Hund.“ „Wir haben da auch noch diese Frau, die Katzenkostüme näht.“ „Noch haben wir keinen Karneval.“ „Nein, Sie verstehen das falsch. Sie näht Kostüme für Katzen.“ „Das ist natürlich etwas anderes.“ „Haben Sie da Bilder?“ „Ich glaube…“ „Die Anzeigenabteilung hat auch schon etwas geschickt.“ „… das interessiert die Leute!“ „Und ich werde auf jeden Fall mal nachschauen, ob wir das nicht schon mal hatten.“ „Kann man aber noch mal bringen.“ „Gut, ich hätte auch nichts dagegen.“ „Wollen Sie es gleich rüberschicken?“ „Na, wie sieht’s aus?“ „Wir sind gleich fertig.“ „Alles, was seit gestern passiert ist? Haben wir nicht mehr?“ „Man muss auf die gesellschaftliche Relevanz achten.“ „Und ob es die Leute…“ „Außerdem den Aspekt der Transparenz nicht negieren.“ „Der Leser möchte heute Hintergründe, und die Geschichte soll trotzdem einen echten Nachrichtenwert haben.“ „Gut, und das haben Sie?“ „Wir sind sehr zufrieden, Chef.“ „Klare Aussagen. Alles, was man wissen muss, um unsere Welt zu verstehen. So soll unsere Zeitung sein. Weiter so!“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXXXVII): Alles gut

22 09 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Vermutlich hat es einen namenlosen Deppen getroffen, der mit dem Brezelkorb über den Markt gestolpert kam und nichts Besseres zu tun hatte, als den Prinzen vollzukrümeln. Der Brezelknecht war ein welterfahrener Mann, gediegen grobschlächtig und kaum mit bloßer Hand zu bändigen, der Typ mit den manikürten Griffeln jedoch standestypisch als Weichei sozialisiert, nicht mit der Ausübung von Macht vertraut und dementsprechend neben der Spur. Herr und Diener scheint’s tauschen die Rollen auf der Kampfbahn, der Fürst klaubt sich Brosamen aus dem Hermelin, während seine Knie wie Lurchlaich wabbern, und mit Bibber in der Stimme wanzt er die Mehlmütze an: alles gut. Alles, alles gut. Nie war eine Deeskalation beknackter, so fehl am Platz wie hier, so wertlos, kontraproduktiv und für die Tonne.

Nichts ist gut. Denn keiner würde im Ernst behaupten, diese kindische Sprachausstanzung sei auch nur ansatzweise Sympathieträger und nicht der Marker der drohende Katastrophe, kurz bevor der Stillstand der Dinge sich wieder in Wohlgefallen löst. Alles klar, alles paletti, kann man machen, aber gut war noch nie etwas, schon gar nicht im engeren Sinn, und mit scheinbar beschwörendem Gestus, dabei doch inwendig voller Schreckgespenstern windet sich das Ding eine prästabile Harmonie aus dem Hinterausgang, wo und wie auch immer sich die Gelegenheit dazu ergibt nach dem Urknall.

Die hündische Ergebenheitsformel, die aus den therapieverschwiemelten Schimmelhirnen schwappt, spiegelt die neoliberal konditionierte Not in den Köpfe der Mehrheit. Wer auf der Sonnenseite hockt, kann die Regeln bestimmen und seine schlechte Laune zum Maßstab der Bewertung machen; wer dagegen zur Renditensicherung täglich buckelt, der hat die Kröten zu schlucken, und nichts wird diesen Konsens der Knallfrösche je in Frage stellen. Gutsherrenmentalität bestimmt die zur Dienstleistung degenerierte Masse. Wer da an Häubchen oder Uniform, kurz: an schnöder Erwerbstätigkeit zu mutmaßlich spätrömischem Salär erkennbar ist, hat keine Ansprüche zu stellen, auch wenn ihm der Gast aus Langeweile in die Suppe haart.

Früher, als es noch eine Gesellschaft gab, die diesen Namen auch verdiente, erkannte man den echten Herren daran, dass er aus Verantwortung die Diener mit Achtung behandelte, heute, da nur mehr feucht-völkischer Sott und intellektuelle Pausenclowns die Freiräume besiedeln, besudeln ihre degenerierten Sprösslinge die Lücken. Joviales Gepopel lässt der Adel linker Hand auf die anderen nieder: alles gut, der Domestike soll sich nicht so haben, er stört unser ff. Dasein. Wie glitschig auch immer das über die echte Menschheit hinweggeht, es ist eine Waffe, die die Schnöselschicht erst an den Bediensteten ausprobiert hat, um sie dann wieder für sich zu reklamieren.

Von beiden Seiten also wird in restringiertem Code die deppenkompatible Losung in die Runde gekleckert, wenigstens die Hoffnung nicht gleich aufzugeben, nicht ganz, nicht nachhaltig. Was auch immer sich an Konflikt aus dem Dunst kristallisiert, ist per se falsch, denn es kann ja nicht alles gut sein, was sich entwickelt – das Bessere, weiß der Dialektiker, muss ein Feind des Guten sein, das wie in einer fatalen Kettenreaktion die esoterischen Selbstheiler auf den Plan ruft, sich mit planlosen Deeskalationen einen Trampelpfad durchs Dunkel zu schlagen. Wir denken wie die Säuglinge, deren zeitlich-räumliche Perspektive erfreulich eng an der Innenseite der Kalotte haftet, handeln entsprechend infantil und wundern uns über die Verbindlichkeit der verbalen Nullstellen, als würde die Realität gar nicht mehr zählen. Funfact: sie tut’s auch nicht.

Hat der durchschnittliche Sprechblasebalg der postfaktischen Gesellschaft den Zusammenhang zwischen Handlung und Konsequenz erst einmal erfolgreich verdrängt, dann geht es eigentlich. Dann, nur dann ist alles gut. Vorher aber ist die Multifunktionsworthülse aus der Ja-hallo-erstmal-Tube nichts als ein Schuldeingeständnis, dass die ganze existenzielle Auseinandersetzung nicht viel mehr ist als die Bewegung heißer Luft im Kreis um einen zwanghaft gedachten Mittelpunkt. Nichts ist gut, was ist, und ist etwas, wie soll einer überhaupt beurteilen, ob es für den anderen gut sein könnte? Schon während der billigen Alltagssituation braut sich hinter einer Verschwörung schon die nächste zusammen, möglicherweise ist es auch keine gute Wahl gewesen, gerade jetzt zu lesen, aber zack! ist alles Schicksal, und wer will das beurteilen?

Nein, das ist nicht der Flow, mit dem die ganze Welt in Richtung Flussabwärts murmelt, und mit etwas Glück wird es auch nie Dialekt. Dann befleißigte sich jeder einer offenen Sprache in gewaltfreier Kommunikation, hörte mit vier bis acht Ohren auf die Intentionen, hielte seine Klappe, wenn er nichts zu sagen hätte. Alles wäre gut.