Gernulf Olzheimer kommentiert (DLI): Gender Marketing

12 02 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es muss in Babylon begonnen haben, jenem absonderlichen Revier, in dem nicht nur die Damen auf komplette Körperenthaarung bestanden haben. Irgendein geschäftstüchtiger Priester – und sie waren alle geschäftstüchtig, sonst wäre keiner von ihnen Priester geworden – bot hell und düster geschmirgelte Griffe für die zum täglichen Blutbad geeigneten Feuersteinschaber an, um das Ritual in der Nasszelle einigermaßen individuell zu gestalten. Heute sind Plastehandstücke nicht wirklich besser, aber es gibt sie immerhin in rosa und blau, damit Außerirdische nach der Landung sofort wissen, womit sie sich die Epidermis schuppen, wenn sie den Erstkontakt verdaut haben. Ja, wir verkloppen exakt dasselbe Produkt in zwei Ausführungen, damit es noch besser zur Persönlichkeit der Kundin passt. Falls nicht der Kunde es in einem Anflug von Weicheiertum in den Wagen packt. Wir haben das Gender Marketing durchgespielt.

Jahrzehntelang trichtern Psychologen, die weder ihr Handwerk verstehen noch Wissenschaft im engeren Sinne, den Herstellern beliebiger Dinge ein, dass Verbraucher in erster Linie doof sind: hirnentkernte Knalltüten, die man nach Lust und Laune herumschubst und ihnen andreht, was man sich selbst nicht in die Scheune hängen würde. Um denselben Rührlöffel, das identische Radio, eine zum Verwechseln ähnliche Weckuhr in den Markt zu drücken, malt man das Zeug einmal in Grau an, was kantig-maskulin wirken soll, und tönt es dann in Pastell, um das feminine Harmoniebedürfnis zu befriedigen. Da Frauen ausschließlich runde Objekte bevorzugen und Männer eckige, feilt das Industriedesign wirkungsbewusst die korrekte Ecke vom Sockenhalter ab und schmirgelt behutsam die Gestalt des Sitzkissens nach. Alles für die noch haltbarere Beziehung von Mensch und Ding, wie sie sich nur komplette Grützbirnen in der Mitte des Hohlschädels zusammenschwiemeln können.

Tatsächlich ist das Rosa-Hellblau-Klischee, das noch vor wenigen Jahrzehnten in entgegengesetzter Richtung lief – Mädchen sollten das beruhigende Himmelblau haben, Buben den ungleich aktiveren Rotton – nur der geschmacklose Anfang einer auf Müll und Mythen basierenden Stereotypenmühle, die nur Heckenpenner auf Sozialentzug für bare Münze nehmen. Es bedarf keiner Erwähnung, dass vorwiegend maskuline Männer, echte Kerle, die nicht einmal angesichts ihres eigenen Kopfschrotts weinen können, ein beschwingtes Potpourri wirrer Schubladengedanken über die Frau an sich in die Welt setzen, um damit die weibliche Hälfte der Konsumierenden als embryonalintelligente Tussen darzustellen, denen man einen Sportwagen auch ohne Beratung über Motorleistung und Fahrwerk andrehen kann, solange die Werbung die Lackfarbe und die schmucken Schminkspiegel gut in Szene setzen. Die Frau darf Geld ausgeben. Wie schön!

Andererseits machen sich die Hütchenspieler der heteronormativen Wünsch-dir-was-Welt, in der nur ordentlich verheiratete Paare mit Kind, Hund und Kleinkredit existieren, allen ernstes Gedanken über den weiblichen Akzeptanzfaktor: was wird die züchtige Hausfrau sagen, wenn Männe den Trumm von Stereotruhe aus dem Versandhaus anschleppt, ins Wohnzimmer hievt und seine Marschmusik aus einem Sarg schallt, der farblich den Übergardinen den Garaus macht? Ist die Liebste mit Pralinen zu bändigen? Ist das Teil mit Bedienelementen für geistig minderbemittelte Benutzerinnen versehen, so dass auch Mutti ihre Schlagerscheiben nur in Laut und Leise hören muss? Riskiert der Herr im Haus das Ehe-Aus, wenn er den Formfaktor der Gattin vorzieht? Das Abendland, es geht unter!

Längst haben sich Menschen mit Bildung in die Werbebuden eingeschlichen, die dem Y-Träger nicht stumpf rationale Sachlichkeit unterstellen und dem weiblichen Charakter emotionale Wellen der Wirklichkeitsanpassung. Es soll Frauen geben, die ihren Kleiderschrank einheitlich in Schwarz füllen und Männer, die die schärfere Chipsvariante für harte Hunde nicht mögen, Frauen, die nach einem ordnungsgemäß abgeschlossenen Studium der Fachrichtung Maschinenbau samt praktischem Teil Karosserien und Bohrmaschinen entwickeln, um sich am Feierabend mit Mädelzeugs wie Kickboxen oder Egoshootern von den dümmlichen Sprüchen ihrer männlichen Kollegen zu entspannen. Nicht einmal der Marlboro Man kann sie vom Rauchen abhalten. Sie stellen das Patriarchat stetig vor die nicht zu lösende Aufgabe, ihren seit Urzeiten zur Rechtfertigung bescheuerter Vorurteile angerührten Schmodder endlich aus dem Fenster zu kippen und die Realität zu akzeptieren: es gibt mehr als nur die binäre Welt aus männlicher Perspektive, nach der alles andere entweder defizitär, überflüssig oder im besten Fall Spielmaterial ist, das man wegschmeißt, wenn es nicht mehr den Bedürfnissen entspricht. Denn Gender, seien wir ehrlich, betrifft im Grunde immer nur das, was nicht männlich, weiß und in körperlichem Verfall begriffen ist, in einem Alter, in dem man meist keine Bohrmaschine mehr heben kann, die scharfen Chips Magenschmerzen machen und der Sportwagen die Reaktionszeit überfordert. Dafür hat man dann Frauen. Für die Bohrmaschine.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DL): Symbolpolitik

5 02 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Rrt hatte ein feines Näschen für die Motivation seiner Krieger. Wann immer ein gutes Dutzend der jugendlichen Heißsporne ins östliche Jagdgebiet der benachbarten Sippe eingedrungen und als zwei bis drei Mann starke Trümmertruppe zurückgekehrt war, ereilte ihn im Trancezustand eine Botschaft der Fruchtbarkeitsgöttin – seltener auch eines für Tiere und Gemütszustände verantwortlichen Gottes ohne festen Status in der Vorstellung der damaligen Gläubigen – mit dem Auftrag, die Schmähung über eine vermeintlich heilige Pflanze am Wegesrand zu rächen und dazu Kräuter auf den nächsten Feldzug mitzunehmen und sie mit den gefallenen Gegnern zu bestatten. Rrts Wildererkollektiv bekam nach wie vor gewaltig eins auf die Kalotte, nebenbei kam auch das Bouquet garni als Grabbeigabe in Mode und blieb es in der lokalen Küchentradition bis auf die heutigen Tage, aber das war’s dann auch schon. Mehr als eine holprige Umsemantisierung kam nie zustande. Immerhin, die Symbolpolitik wurde als eigenständiges Genre öffentlichen Handelns ins Leben gerufen, und das mit weit reichenden Folgen.

In einer postmodernen Demokratie – meist ist es eine moderne Postdemokratie – erledigt das die regierende Klasse mit Kasperletheater anstelle der Gesetzgebung. Ändern Gesetze und Verordnungen nichts an der Wirklichkeit, weil beispielsweise die kostspieligen medizinischen Masken machtlos sind, wenn man in einer Pandemie fröhlich Schulen und Betriebe offen lässt, dem degenerierten Kopfschrott beim Demonstrieren zuguckt und ansonsten die Durchseuchung der Massen erwartet, dann schiebt man den bösen Wissenschaftlern die Schuld zu, da sie zu früh, zu spät, zu laut, zu leise oder überhaupt zu warnen gewagt haben. Wer plötzlich mit der Realität ankommt, glaubt nicht an den Endsieg.

Es geht um den brüllenden Führer, der nicht an der Effektivität seiner Maßnahmen gemessen wird, sondern an der Lautstärke seines aus erratischen Wortspenden zusammengeschwiemelten Geblöks. Wie in diesen Zeiten der unterste Dreckrand aus der Jauche nach oben blubbert und gegen den Rest anstinkt, wird nichts besser, und das ist gut so.

Wer dieser Leerlaufhandlung vorwirft, nichts an den drängenden Problemen zu ändern, der hat ihren taktischen Vorteil klar erkannt. Denn nichts fürchtet der Bekloppte mehr als auch nur die geringste Verschiebung irgendwelcher Koordinaten, die Ahnung einer durchbrochenen Kontinuität, die aus welchem Grund auch immer geplante Abweichung vom Zustand seit dem Urknall. Im Mittelalter und zur Kreidezeit hatte es auch Gegenwart gegeben, warum also muss man die im neuen Jahrtausend denn als Differenz vom Durchschnitt betrachten? Die Angst geht so weit, dass selbst die Kaste der Abgehängten, die noch nie über nennenswerte Vermögen verfügt haben und mit legalen Mitteln auch nie in deren Nähe kommen werden, eine moderate Anhebung der Spitzensteuersätze für ihre Ausbeuter kategorisch ablehnt, denn wer vor den Großkopferten nicht dienert, der wird den Armen gegenüber sicher erst recht gierig werden.

Denn für das kognitiv suboptimierte Gefolge ist es allemal leichter, wenn Politik lediglich hübschen Sichtschutz aufstellt vor den Problemen. Guck an, Vorratsdatenspeicherung! Hui, Elektromobilität! Jucheirassa, geschlechtergerechte Sprache, mit der es uns viel leichter reißpiepenegal sein kann, dass Frauen auf dem Arbeitsmarkt so scheiße behandelt werden, wie sie es wahrscheinlich verdienen, weil das ja der Markt regelt! Da werkelt man doch nicht auch noch erst mühsam an der Realität herum, mit der die meisten Deppen intellektuell eh überfordert und der Wähler an sich nicht befasst ist.

Gibt es diese Wirklichkeit denn? Entsteht sie nicht sowieso erst als Konstrukt aus Erkenntnis und Interesse, und das auch erst lange nach der Wahl – wenn alle, die es hinterher schon vorher besser gewusst haben, nicht mehr gehört werden – und auch lange vor der folgenden, bei der sich für die Zusammenhänge aus Symbol und Realität schon wieder keine Sau interessiert? Wir alle hätten es bei genauem Nachdenken wissen können, was auch gut erklärt, warum keiner irgendetwas weiß. Oder hätte wissen können wollen. Wir vertrauen dem Symbol.

Am Ende sind wir dankbar, wenn uns der große Führer auffordert, die Fensterscheiben aller Friseure aus Lippe-Lummerland einzuschmeißen, weil nur die schuld sind an der Ausbreitung der Pest. Es gibt keinen besseren Ausweg nach amtierender Logik. Wem diese Argumentation bekannt vorkommt und wer sie als festen Bestandteil der historischen wie zeitgenössischen Politik erkennt: so ist es. Wenn eine alternative Wirklichkeit reicht, um logische Widersprüche im eigenen Handeln zu verwischen, dann geht der effiziente Leader den einfachen Weg. Er baut eine Mauer an der mexikanischen Grenze, verbietet Killerspiele und stellt Kükenschreddern ab Irgendwanninderzukunft unter lächerliche Strafe, es sei denn, man hat eine Ausnahmegenehmigung, wie sie kostenfrei und unbegründet jedem ausgestellt wird, der keine Lust hat, sich mit einer kariösen Beistellblondine abzugeben. Schön, dass es nun endlich Schokoladenkuss heißt. Da weiß der Nafri, hier kriegt jeder sein politisches Korrektschnitzel.





Schwarzer Block

26 01 2021

„… sich künftig gegen extremistische Aufmärsche besser zur Wehr setzen wolle. Die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen plane durch die Änderung des Versammlungsgesetzes eine deutliche…“

„… von der AfD entschieden abgelehnt werde. Meuthen sehe eins der wichtigsten Grundrechte des deutschen Volkes vor der Abschaffung durch die linksfaschistische Junta, die sich ganz im Einklang mit der Scharia und anderen rassefremden…“

„… werde IM Reul keine Anzeichen einer antidemokratischen oder gewaltbereiten Gesinnung dulden. Man könne in der Bundesrepublik auch auf friedliche Weise demonstrieren, wenn dies die Polizei erlaube und es keine Beschwerden von Anwohnern oder…“

„… paramilitärisches Auftreten nicht toleriert werden könne. Ausnahmen seien da vorgesehen, wo das Gedenken gefallener Wehrmachtssoldaten nicht von einer kriegerischen Tradition getrennt werden könnten, um den historischen Hintergrund der Veranstaltung nicht in ein falsches…“

„… vermittle eine Gruppe ganz normaler Demonstranten, die vereinzelt Galgen oder Bilder der Bundeskanzler in KZ-Kleidern mitführe, bei den Bürgern keine gesteigerte Gewaltbereitschaft. Da die Ablehnung nicht den anderen Menschen auf der Straße gegenüber artikuliert werde, könne kein Verbot ausgesprochen werden, das eine Auflösung oder Einschränkung des…“

„… gelte das geplante Verbot nach Angabe des Innenministeriums auch für Einschüchterungen, die von den Demonstrierenden ausgehen würden. Das Auftreten der Teilnehmer dürfe keine Angst bei friedlichen Bürgern auslösen, weshalb auch das Tragen von Uniformen strengstens untersagt werde und nur für Gesamtverbände, die beispielsweise für eine Partei oder anderweitig weltanschauliche…“

„… als ‚linke Scheißzecken‘ bezeichnet habe, die vor 1945 schon einmal ‚das Reich ausradiert‘ hätten. Der 103-jährige Kriegsteilnehmer Herbert H. fürchte sich seit dem Fronterlebnis in Stalingrad vor ‚Dreckskommunisten‘, was die Kundgebung in Bottrop erneut zum Auslöser posttraumatischer Belastungsstörungen gemacht habe. Die Demo der Landesschülervertretung sei durch eine berittene Staffel der Bereitschaftspolizei aufgelöst worden, um die Rechte lebensälterer Mitbürger nicht in…“

„… die Reichskriegsflagge nicht als Bedrohung einstufe. Diese müsse nach dem Urteil des OLG Hamm mindestens einmal vorsätzlich als Hieb- oder Schlagwaffe eingesetzt werden und zu Verletzungen bei Andersdenkenden führen, die nicht mutmaßlich schon durch ihre ablehnende Gesinnung auch mit legalen Waffen zu erheblichen Verletzungen an…“

„… fühle sich Chrupalla wie 1933, wenn er die landfremden Elemente durch die Landeshauptstadt laufen sehe. Die von der Neuen Synagoge in Richtung Johannes-Rau-Platz ziehende Gemeinde dürfe nie wieder die Kultur und das politische Leben so nachhaltig schädigen, wie das in den dunkelsten Jahren des deutschen…“

„… mehreren Schüssen erlegen sei, die sich beim Waffenreinigen und während des Transports in die Notaufnahme gelöst hätten. Die Passantin habe bereits durch das Tragen schwarzer Kleidung einen bedrohlichen Eindruck zu erwecken versucht. Da an dem betreffenden Tag keine Demonstration in Remscheid angemeldet worden sei, habe die Polizei vom gewaltsamen Übergriff des Schwarzen Blocks auf das Bundesland ausgehen müssen, was nur durch gemeinsame Anstrengung im letzten…“

„… künftig Demonstrationen am 9. November generell verbieten werde. Der auch von der SPD getragene Gesetzesentwurf umfasse nach Ansicht der Opposition im Landtag auch für demokratische Kräfte deutliche Einschnitte, die die Distanzierung vom Extremismus erschweren würden, dies sei jedoch für Sozialdemokraten weder neu noch…“

„… die Auflösung des Schweigemarsches befohlen habe. Die etwa hundert Pflegekräfte, die für bessere Schutzmaßnahmen in den Klinken des Landes Nordrhein-Westfalen auf die Straße gegangen seien, hätten durch ihre einheitlich grün und weiße Berufskleidung einen uniformähnlichen Eindruck erwecken wollen, der dazu geeignet gewesen sei, Politiker in Angst zu versetzen, was nur durch sofortige Anwendung von Schlagstock und Reizgas durch die…“

„… es sich bei der getöteten Studentin um ein Mitglied der Partei Die Rechte gehandelt habe. In ihrem Rucksack habe sich neben einer illegalen Schusswaffe und Munition aus Bundeswehrbeständen auch gewaltverherrlichendes Material sowie eine Anleitung zum Bau von Rohrbomben befunden. Reul bedauere den auf einer Fehleinschätzung beruhenden Zugriff und werde in Zukunft für einen besseren Dialog der Polizei mit jungen, patriotisch eingestellten Menschen in…“

„… das Tragen von Uniformteilen nicht verboten sei, wenn es anderen Zwecken als der Einschüchterung diene. Die von einem Verein zur Verteidigung der arischen Volkheit beantragte Verwendung der Hakenkreuzarmbinde zu Sport- oder Straßenkleidung diene friedlichen Zwecken, falls es nicht zu Provokationen durch linke und…“

„… den 27. Januar in diesem Jahr feierlich begehen würden. Unter dem Motto Befreiung von Auschwitz – Einmal und nie wieder! werde eine Delegation von AfD-Parlamentariern aus Bund und Ländern einen Fackelmarsch durch Düsseldorf veranstalten. Im Gegenzug verzichte IM Reul auf die Kontrolle der Schutzmasken, da eine militante Polizei mit dem Grundgesetz nicht…“





Work-Life-Balance

25 01 2021

„Vielleicht könnte man das hier aufschneiden, dann kann man das Kabel unter dem Belag bis nach vorn zum Fenster führen. Das ist verklebt? Schade. Dann ziehen Sie die Telefonleitung doch einfach so durch und kleben sie fest. Paketband haben Sie noch da?

Ein bisschen improvisieren müssen Sie schon, wenn Sie im Homeoffice arbeiten wollen. Das ist für uns alle im Moment nicht einfach, wir müssen nun mal Abstriche machen. Hätten Sie eine Wohnung gemietet, in der die Telefondose etwas näher am Küchenfenster liegt, dann hätten wir uns jetzt diese Diskussion ersparen können. Schließlich wollen ja Sie die Auftragssachbearbeitung machen und nicht ich. Da kann man von Ihnen auch mal ein wenig Engagement für den Arbeitgeber verlangen. Und wie Sie sich mit Ihrem Vermieter über den Bodenbelag einigen, damit brauchen Sie mir gar nicht erst die Ohren voll zu heulen. Wir haben diese Pandemie schließlich nicht erfunden.

Das kippelt dann halt ein bisschen, aber für die Arbeit brauchen wir einen richtigen Computer mit Monitor und allem drum und dran. Immerhin stellt Ihnen den Ihr Arbeitgeber, und Ihr Küchentisch ist schließlich breit genug. Das langt von der Tiefe her. Wenn der Monitor da nicht sicher steht, Sie hatten doch gesagt, dass Sie noch Paketband da haben? Merken Sie sich das mal: in einer Krisensituation überlebt der am besten, der mit den vorhandenen Mitteln das Beste herausholt. Und die Tastatur kann man auch ganz prima auf dem Schoß halten.

Jetzt beschweren Sie sich nicht, dass das Ihr einziger Tisch ist. Es zwingt Sie ja keiner, an dem auch Kartoffeln zu schälen oder wer weiß was an Küchenarbeit zu erledigen. Dann essen Sie halt mal ein paar Tage lang diese Schälchen. Mikrowelle ist ja vorhanden, wie ich sehe, und Besuch würde ich Ihnen auch nicht empfehlen. Schon aus Gründen des Infektionsschutzes wäre das unverantwortlich, und Sie wollen doch nicht nach zehn erfolgreichen Jahren als Auftragssachbearbeiterin plötzlich unsere Firma verlassen, oder? Wir sehen das nämlich als Beitrag zur Stärkung Ihrer Work-Life-Balance. Ihr Leben geht quasi organisch in Ihre Privatsphäre über. Also halt Ihr Arbeitsleben.

Im Büro hätten Sie vielleicht auch noch ein Kaffeetasse auf dem Tisch abstellen können, aber hier gelten nun mal andere Maßstäbe. Da ist ja gleich der Küchenschrank, da steht die Kaffeekanne und da ist der Kühlschrank, und zu viel Kaffee ist sowieso nicht gesund. Außerdem müssen Sie dann ständig aufs Klo, wer weiß, wie viel Arbeitszeit da wieder flöten geht. Sie müssen sich das mal vor Augen führen, in dieser Zeit ist das hier eben nicht mehr Ihre Küche, sondern Ihr Arbeitsplatz. Da gilt dieselbe Ordnung wie bei uns im Betrieb. Wir sind gehalten, das auch zu kontrollieren, und das heißt auch, dass wir da dieselben arbeitsrechtlichen Vorschriften anwenden. Nach Feierabend können Sie sofort den Schlafanzug anziehen, überhaupt kein Problem, aber während der Arbeitszeit sind die Vorschriften nun mal klar. Wie sieht das denn aus, wenn der Chef mal eine Videokonferenz machen will, und dann sitzen Sie da nicht im Kostüm? Bei Gelegenheit räumen Sie auch mal das Regal da hinten auf, das sieht ja aus wie Kraut und Rüben. Das sieht man gestochen scharf im Hintergrund, wenn Sie die Kamera anmachen. Was sollen denn die Vorgesetzten denken, wie Sie wohnen? Am Ende heißt es noch, ich würde unsere Mitarbeiter zu möglichst großer Unordnung animieren, damit Sie eine Gehaltserhöhung fordern können, weil Sie sich nur diese Wohnküche leisten können. Aber das sage ich Ihnen gleich, das gibt Ärger.

Ich kann mich täuschen, aber hier riecht es nach Rauch. Also nach kaltem Zigarettenrauch. Es geht mich zwar nichts an, und in Ihrer Wohnung können Sie ja grundsätzlich auch tun und lassen, wozu Sie lustig sind, aber hier gelten die Bestimmungen des Arbeitsschutzes, und das schließt für unsere Firma einen rauchfreien Arbeitsplatz ein. Wenn Sie das Thema Arbeitsschutz für nicht so wichtig halten, dann können Sie in der Fleischzerlegung anfangen, da wird immer gesucht. Sie müssen nichts können, nicht mal Deutsch. Ihr Nachbar? Was hat denn Ihr Nachbar mit Fleischzerlegung zu tun, ist der in der CDU? der raucht? Ja, das kommt schon mal vor, dass das vom Balkon rüberzieht, wenn die Fenster nicht ganz dicht sind. Bauliche Mängel. Ich will mal nicht so sein, aber eigentlich müssten Sie Ihren Vermieter auf die Schadstoffbelastung ansprechen und ihn abmahnen, bevor wir arbeitsrechtliche Schritte unternehmen. Also gegen Sie. Wir sind ja nicht für Ihren Arbeitsplatz verantwortlich, wenn Sie unbedingt im Homeoffice arbeiten wollen. Ja, ich weiß, dass das jetzt gesetzlich geregelt wird, also lassen Sie es mich so ausdrücken: da Sie der Ansicht sind, für uns sozialversicherungspflichtig arbeiten zu müssen, halten Sie sich an die Regeln. Wir machen das ja auch nicht freiwillig.

Das mit der Lärmbelastung ist ein Einzelfall. Das müssen Sie als höhere Gewalt auffassen, die wir nicht abstellen können. Auf der anderen Seite verlagen wir von Ihnen auch nicht, dass Sie die Straßenbaustelle da unten beseitigen. Das wummert ein bisschen, aber Sie lassen die Fenster sowieso am besten geschlossen. Zigarettenrauch, Lärm, und dann gebe ich Ihnen noch mal einen guten Tipp: die Lichteinstrahlung ist für den Bildschirmarbeitsplatz in der Fleischzerlegung, Auftragssachbearbeitung wollte ich sagen, Auftragssachbearbeitung – das ist so eigentlich gar nicht gestattet. Aber wenn Sie den Mund halten, ich habe nichts gesagt.

Seien Sie froh, dass Sie den Stuhl nicht aus dem Büro mitnehmen mussten. Auf so einem Hocker kann man sehr gut sitzen, man lehnt sich nie aus Versehen mal hinten an, gut, Rollen hat er nicht, aber dafür auch keine Armlehnen. Den können Sie bequem unter den Küchentisch schieben, wenn Sie mal etwas Platz für die Aktenordner brauchen, und naja: Ergonomie ist das, was man daraus macht. Ist auch gleich viel wohnlicher, hier gucken Sie auf ein hübsches Panorama mit Straßenbahnhaltestelle, da hinten ist irgendwo der Friedhof, Kaffeemaschine ist in Sichtweite, Telefon, Klo um die Ecke, Sie müssen nicht mit dem Fahrstuhl zur Mittagspause und nicht mit dem Bus nach Hause – meine Herren, so schön wie Sie möchte ich’s auch mal haben!“





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXLV): Die Unbelehrbaren

18 12 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Bei Ansicht des Riesenpanzernashorns, und Ugas Sippe wusste dies aus eigener Anschauung, gab es nur eins zu tun: schnell, am besten schreiend die Flucht zu ergreifen und sich nicht auch noch umzudrehen, da dies wertvolle Sekunden kosten würde, die das Tier in seiner Wut besser zu nutzen wüsste als der rennende Jäger. Mit dem Aufkeimen der Vernunft im Hominidenschädel brannte sich die Erkenntnis ein, dass die Warnung der Alten nicht allein aus gekränkter Eitelkeit gegenüber den nachwachsenden Generationen stetig und wieder geäußert wurde. Die Mehrheit, die nicht nur aus reiner Arterhaltung am Leben hing, verinnerlichte die Botschaft schnell und flocht sie ins Programm zur Nachwuchsschulung ein, um die Manpower bei der Proteinbeschaffung nicht nachhaltig durch Betriebsunfälle zu schmälern. Wer aber keinen nennenswerten Beitrag zum Genpool leisten konnte oder wollte, versuchte es eher durch individuelle Leistungen, wenngleich noch keiner wusste, an welchem Ende der Glockenkurve sie zu finden sein würden. Fanden sie das Riesenpanzernashorn gar nicht erst vor, überlebten sie ihren Anblick, so ließ sie der glückliche Zufall die Warnung vergessen. Nur der fatale Ausgang des Erstkontakts schuf die stochastisch eindeutige Ruhe und Klarheit: wer die Gefahr sucht, kommt darin um. Alle anderen sind auf Dauer unbelehrbar.

Der durchschnittliche Depp, der nicht gerade aus reiner Hirnverdübelung mit der Schere in der Steckdose herumstochert, sondern als Zeichen der Expertise mit elektrischen Leitungen sehr wohl das Risiko eines Stromschlags abschätzen zu können meint, wird sicher einen allgemeinen Eindruck von der Wahrscheinlichkeit bekommen, die irgendwann auch bei ihm zuschlägt. Vielleicht jagt es beim ersten Mal nur die Sicherungen im Erdgeschoss raus – nicht in seinem – und er kommt mit ein paar angesengten Bartspitzen wieder zu sich. Unter Umständen hallt die Kopfnuss auch ordentlich in seinem Schädel nach. Bis dahin jedoch gilt jeder Versuch als erfolgreich, bis irgendwann der Arzt seinen Schnörkel unter den Schein setzt, der akutes Ableben attestiert. Jeder wird es dem Hohlpflock erklärt haben, dass die Wahrscheinlichkeit, mit dem Leben davonzukommen, bei einem Versuch so hoch ist wie bei allen anderen, doch die Hybris wird mählich zunehmen, wenn man sie genügend zu kennen glaubt. Wer eine Bombe mit ins Flugzeug nimmt, weil die Chance geringer ist, in einem Flieger mit zwei Bomben gleichzeitig zu sitzen, irrt. Die Wahrscheinlichkeit bleibt; die zweite Bombe ist nur eine weitere Gefahr, die sich nicht klein rechnen lässt, auch wenn man es versucht.

So hängt sich auch die geistige Ausschussware auf Rollerskates an die hintere Stoßstange des Rennwagens und lässt sich aus der Kurve tragen, damit die Organspenden florieren. Sie hüpfen an dünnen Gummiseilen in den Abgrund, damit sie die Inkontinenz früher erleben, schmeißen sich im Flughörnchenkostüm mit Werbeaufdruck von der Felswand oder lassen sich in der Rakete ein paar hundert Meter hochschießen, damit sie sich auf dem Parkplatzasphalt die Rübe einballern können. Jedes Stadium ihres Versuchs hätte vernunftmäßig mit einer Fanfare der Ablehnung enden können, der ihr fröhliches Weiterleben gesichert hätte. Aber waren nicht lernfähig. Was nutzt da die Urteilskraft.

Eine zusammengeschwiemelte Selbsttäuschung ist die Tendenz des Aluhütchenspielers, alles kontrollieren zu wollen – und sich vor allem der Illusion hinzugeben, man könne es kontrollieren. Lustige Zahlenmuster nötigen uns regelmäßig, die sauer verdiente Kohle zu setzen; wir nennen es Lotto und sind enttäuscht, wenn die Zahlen unserer Geburtstage (eins bis zwölf verstärkt, sonst bis 31) in den 49 Kugeln nicht angemessen oft erscheinen. Die Absolventen des Bausparerabiturs jedoch sind nicht in der Lage, den Fehlschluss zu verstehen, und versuchen es verbissen weiter, bis die Finger ausbluten. Anscheinend ist der mangelnde Erfolg derselben Handlung auch nach quasi-unendlicher Wiederholung nicht ausschlaggebend für die Erkenntnis, dass die Abwechslung von Versuch und Nachdenken lohnenswert sein könnten. Oder überhaupt der Versuch des Nachdenkens.

So sind es auch die demonstrierenden Deppen in der Seuchenverbreitung, deren kontinuierliche Aussetzung die Gefahr nicht mindert, nur weil sich die Infektion nicht gleichmäßig über die Rotte verteilt beim ersten Versuch zeigt. Die Einsicht in die kaum beeinflussbaren Mechanismen der Natur lässt sich nicht erzwingen, wohl aber die Folge der Beklopptheit. Die Beratungsresistenten nehmen sich die Freiheit, andere damit zu bestrafen, dass sie aus ihren eigenen Fehlern nicht lernen wollen, und spucken vor ihrer Abschiedsvorstellung der Evolution noch einmal kräftig in die Suppe. Leider ist es nicht getan mit einer sturen Horde, die tapfer jeden Anflug von Wirklichkeit ignoriert, bis sie wütend vor ihnen steht, zum Beispiel in Gestalt des Riesenpanzernashorns. Selbst das würden sie für einen miesen Propagandatrick halten, da das Tier bekanntlich seit Jahrtausenden ausgestorben ist. Gut, dass das Riesenpanzernashorn das nicht weiß.





Versatzstücke

17 12 2020

„An Ihrer Stelle hätte ich das anders gesagt, aber ich bin ja nicht Sie.“ „Danke!“ Hans Fritz, derzeit der größte Charakterdarsteller der vergangenen zehn Jahre, schritt wieder von der Freitreppe am städtischen Schwimmbad herunter. „Nehmen wir“, knurrte Siebels. „Wer weiß, wozu es gut ist.“

Inzwischen hatte Fritz die Krawatte gewechselt, einen hellen Sommermantel übergestreift und sich in einen silbernen Sportwagen am Fuß der Treppe gesetzt. „Und bitte!“ Der Schauspieler riss hastig die Fahrertür auf, stieg aus und rannte die Straße entlang, bevor er sich an den Kopf fasste und zum Auto zurücklief. „Das Licht“, fluchte es hinter uns. „Jut, machen wa noch een.“ Siebels nippte an seinem Automatenkaffee. „Wir machen die Szene dann auch noch mal ohne Mantel.“ Der Regisseur wollte etwas einwenden, nickte aber ergeben. So schnell würde er keinen ganzen Drehtag mehr mit Hans Fritz und Linda Borowki bekommen.

Die Nachwuchsdiva hatte durchaus einen Ruf zu verteidigen. Ihre Schuhe waren nicht im für sie passenden Schwarzton. Sie schrie den Mitarbeiter aus der Garderobe an. Der Regieassistent tupfte sich den Schweiß ab. „Sie soll gleich die Szene im Fahrstuhl machen“, stöhnte er, „da sieht man die verdammten Schuhe sowieso nicht.“ „Kamera III läuft.“ „Es handelt sich um eine Deckenkamera“, informierte mich Siebels. „Wir haben nur einen normalen Fahrstuhl auftreiben können, also haben wir ein Weitwinkelobjektiv in die Kabinendecke eingebaut und machen eine kurze Einstellung während der Fahrt und eine, in der ein Komparse mit einer Menge Aktenordnern einsteigt.“ Borowki spielte die Anwältin eines Großkonzerns, die auf eigene Faust einen Insiderhandel aufdeckt. „Geben Sie der Dame irgendwelche Schuhe“, flüsterte der Produzent. „Ich kann dieses hysterische Gefasel nicht mehr hören.“

Unterdessen zwängte Fritz sich in einen zu engen Lederkombi – oder er hatte zwischen Casting und Dreh ein bisschen zugenommen – und setzte sich eine dunkle Sonnenbrille auf. „Wo ist das verdammte Motorrad!?“ Ich blickte Siebels an. „Ich will Ihnen ja keinen Vorwurf machen, aber offenbar hat keiner an dieses Motorrad gedacht.“ Er warf den Becher mit geübtem Schwung in den Papierkorb. „Wenn Sie das Buch gelesen hätten“, antwortete er ruhig, „dann wüssten Sie, dass man ihm gerade das Motorrad gestohlen hat.“ „Und bitte!“ „Wo ist das verdammte Motorrad!?“ Fritz schien der Hals zu platzen. „Wo ist das verdammte Motorrad!?“ „Er ist ein richtiger Profi“, erklärte die graue Eminenz der deutschen Fernsehunterhaltung. „Andere würde so eine Szene uninspiriert wegspielen, er aber steigert sich regelrecht in seinen Text rein.“ Johnny, der Altrocker, schmiss wutentbrannt seine Handschuhe aufs Pflaster. Der Regisseur strahlte.

Anders bei Linda Borowki, die zu langsam auf den Fahrstuhl zuging. Es fehlte ihr an Nervosität, sie sollte in wenigen Minuten ihr Unternehmen in Gefahr vorfinden. „Glatte Fehlbesetzung“, meinte ich, doch auch das sah Siebels anders. „Haben Sie innerhalb der letzten Jahre…“ Ich schüttelte bereits den Kopf, doch wollte ich den TV-Produzenten nicht unterbrechen. „… irgendwelche Serien gesehen, die sich durch besondere Originalität ausgezeichnet hätten?“ Mein Schweigen schien Schuldeingeständnis zu sein. „Die ganze Wirkung beruht auf Dialogen, die sich selbst für witzig halten. Und genau da müssen wir als Produzenten nun ansetzen.“ Ich schaute ihn an; keine Spur von Ironie, also musste ich fürchten, er meinte es am Ende ernst. „Dialoge“, erläuterte Siebels, „bestehen immer aus denselben Versatzstücken, manchmal mehr, meist wenig passgenau.“ Ich erinnerte mich einiger Krimis im Sonntagsprogramm und nickte betroffen. „Lassen Sie den Humor beiseite“, bemerkte er mit einem müden Unterton. „Den werden Sie hier eh kaum finden. Es geht ohnehin nur um den Teil, den die Regie nicht im Griff hat, weil er sie intellektuell überfordert.“ Ich verstand nicht, aber da kam schon die nächste Szene.

Kommissar Klöpper schmiss seinen Mantel auf einen Stuhl und drehte sich um. „Der Fall ist klar“, deklamierte er. „Machen Sie Feierabend, ich schreibe schon mal den Bericht.“ „Cut“, schrie es aus der Kulisse, und: „Danke, gestorben.“ „Für die durchschnittliche Produktion reicht das“, sagte Siebels. „Der erste Verdächtige im Krimi ist ja eh nie der Täter, und der Zuschauer weiß das. Wir lassen den Mann als Kommissar Klöpper, als Sonderermittler Habicht oder den Bullen von Bad Gnirbtzschen im halben Halbprofil filmen, dann können wir ihn in dreizehn Serien einsetzen, ohne dass er auffällt, und die Szene passt in jeden Film.“

Der Aktenschlepper hatte den Fahrstuhl wieder verlassen, jetzt stand Linda Borowki allein in der Kabine. „Draufhalten“, sagte Siebels. „Sie wird ja schon ein bisschen unruhig, wollen wir mal sehen, wann sie die Nerven verliert.“ Das ging erstaunlich schnell, und innerhalb von zwei Minuten zeigte die Darstellerin einen erstaunlich lebensechten Anfall von Klaustrophobie, bei dem sie den Fahrstuhl von innen in seine Bestandteile zu zerlegen versuchte. „Ich frage mich gerade, ob das nicht ein bisschen zu echt ist.“ Siebels zog die Stirn in Falten. „Und Sie hielten sie für eine Fehlbesetzung?“ Unterdessen lief die Kamera weiter. Die Anwältin tobte und schrie. „Manchmal“, überlegte er, „da entsteht aus der Arbeit etwas ganz Neues, das erst im Schnitt seine Qualitäten entfaltet. Man kann ganz neue Szenen daraus erarbeiten, vielleicht sogar einen ganz neuen Film.“ Siebels winkte dem Regisseur. „Wir lange haben Sie denn heute noch Zeit?“





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXLIV): Kolonialismus

11 12 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Bei Rrt waren die Verhältnisse noch recht einfach. Die Jagdgründe reichten von der großen Felswand bis zum Fluss, der beim unvorsichtigen Überqueren einen fantastischen Blick über die große Steppe im Tal bot – allerdings nur so lange, bis man am Fuße des Wasserfalls auf den felsigen Klippen aufschlug. Was sich am anderen Ufer befand, interessierte nur am Rande. Natürlich sah man auch dort Jäger, die mehr oder weniger freundlich mit ihren Speeren herüberwinkten. Aber es kam nie zu größeren Auseinandersetzungen, zu politischen Gesprächen schon gar nicht. Das Gebiet eines jeden Stammes wurde von einer Generation an die nächste übergeben, die friedliche Koexistenz der Gruppen galt als gesichert. Zumindest bis zu dem Tag, an dem der findige Schwager eine Art Pontonbrücke ersann, mit der sich die ganze Rotte auf die andere Seite des Stroms bewegen und die erbeutete Säbelzahnziege wieder an die eigenen Gestade schleppen konnte. Krieg lag in der Luft. Die Macht spürte eine Erschütterung. Aber wo war ihr Zentrum, und warum brauchte es unbedingt mehr Land? Und brauchte es unbedingt mehr Land?

Der Kolonialismus beruhte auf der wahnhaften Vorstellung, der weiße Mann sei mehr wert als der sogenannte Wilde – jene Menschen außerhalb des europäischen Dunstkreises, motiviert durch den religiösen Unfug, eine Entität mit Rauschebart hätte sie als Arbeitstiere zum höheren Ruhme der Altweltrassen erschaffen. Seitdem die blindwütige Expansionssucht der Renaissance den Protzköpfen das Wetteifern um widersinnigste Statussymbole geradezu befahl, fuhren ihre Eroberer um die ganze Welt und ballerten an jeder Küste auf alles, was sich bewegte, um den Einwohnern ihre Länder zu stehlen, oder besser: ihnen auf Latein zu erklären, dass sie sowieso den Adelshäusern in Spanien und Portugal gehören würden. Die also aus Kopfschrott zusammengeschwiemelten Rechtsakte waren ad hoc gültig und blieben es für lange Zeit. Nur wozu?

Um Europa nicht mehr in Verruf zu bringen, als es unbedingt noch nötig wäre, nicht nur dieser Kontinent hat sich die Erde mit der Knute untertan gemacht. Ein halbes Jahrtausend haben ägyptische Pharaonen andere Völker ausgebeutet, für mehrere Jahrhunderte hielten Perser und Römer ein Reich mit Außenposten am Leben, länger als die Gebilde der Neuzeit. Eins der größten Konstrukte war das Osmanische Reich, gegen das selbst Wilhelm II. ein blasses Bürschchen blieb. Dass der Sklavenhandel in seiner brutalsten Form für zwölfhundert Jahre die Domäne der Araber war, nur ganz am Rande.

Aber es gab Gold und Silber zu holen. Der Handel mit Öl, Kohle und Bananen wurde erst mit dem Niedergang der Kolonialmächte wirtschaftlich relevant, während die meisten Rohstoffe unter den europäischen Ländern getauscht wurden. In einem Zeitalter, das ohnehin vom Bestreben nach Autarkie geprägt war, kamen die sich industrialisierenden Staaten bestens ohne Einfuhren zurecht, und was Kohle anging, die konnten sie sogar exportieren. Der Krieg, der 1914 das mit heißer Nadel genähte System fragiler Trutzbündnisse explodieren ließ, schnitt auch die Einfuhr dieser Waren noch ab, was zur schnellen Entwicklung von Ersatzprodukten führte. Waren also alle Exportweltmeister?

Etwa acht Prozent der Ausfuhren gingen in die europäischen Kolonien, gemessen am BSP etwas mehr als ein halbes Prozent. Die Täuschung beruht auf der Sicht der Kolonialisten, die vom Außenposten aus die Exporte als Einfuhren wahrnahmen. Von 100.000 Traktoren gingen etwa 500 in die Ländereien, die damit ihren Bedarf auch vollkommen decken konnten; aus der Sicht des Farmers in Deutsch-Südwest kam also die gesamte Technologie aus dem Kaiserreich, die nach dem Verlust der Kolonien durch das übliche Wachstum die Produktion innerhalb weniger Jahre wieder in der alten Größe aufnahm. Es kann also nur am Wirtschaftswachstum gelegen haben.

Was ebenso falsch ist, denn im Gegenteil hatten die großen Kolonialmächte wie Großbritannien und Frankreich durch ihre überseeischen Gebiete nichts als Nachteile. Selbst Belgien, ökonomischer Musterschüler des späten 19. Jahrhunderts, brach nach der Annexion des Kongo fast zusammen. Erst nach dem Verlust der indonesischen Gebiete kam in den Niederlanden so etwas wie ein Aufschwung zustande. Die Verschwendung unternehmerischer Energie bei gleichzeitigem Stillstand der Innovation und der Wahn, einen hervorragend bezahlten, aber komplett überflüssigen Bürokratieapparat auf die Kolonien zu übertragen, wo Oberbeamten mit einer erklecklichen Clique von Unterbeamten über je eine Harke im Urwald regieren durften, selbstredend in fürstlichen Palästen mit Schnaps und Käse aus der Heimat, diese Großmannssucht kostete Europa Jahr für Jahr eine Stange Geld. Die Kolonien waren der SUV der Nationalstaaten, überflüssig wie ein drittes Nasenloch, schlecht zu steuern, schweineteuer, als Statussymbol untauglich, sobald jeder sich dasselbe in den Vorgarten klotzen kann, und am Ende fährt einen die Karre an die Wand. Nur ins All kommt man mit den Dingern nicht. Aber dafür leisten wir uns ja heute die Raumfahrt.





#kraftdurcheinheit

10 12 2020

„… noch mehr Potenzial für eine neue nationale Identität gefunden werde. Der Abschlussbericht der Kommission 30 Jahre Friedliche Revolution und Deutsche Einheit müsse sich jetzt zur Aufgabe setzen, Denkanstöße in der Gesellschaft für eine friedliche Transformation zu einem…“

„… erkennbar die Nationalfarben Schwarz-Rot-Gold an allen öffentlichen Gebäuden von Bund, Ländern und Kommunen anbringen solle. Nach der Überlegung des Ostbeauftragten Wanderwitz solle auch jeder, der nicht zur privilegierten Klasse der Staatsbürger mit Migrationshintergrund gehöre, sich gegen den Eindruck, fremd im eigenen Land zu sein, mit der symbolischen…“

„… sei es Aufgabe der Bundesregierung, den Fokus der demokratischen Erinnerungspolitik auf die Jahre der DDR zu legen. Da viele Zeitzeugen, die noch vor 1945 gelebt hätten, inzwischen verstorben seien, könne man mit einem langsam voranschreitenden Generationswechsel auch die Beschränkung auf andere Abschnitte des…“

„… einen Wettbewerb im Interwebnetz starten solle, der Vorschläge zur dezentralen Koordination der unterschiedlichen Festivitäten unter dem Hashtag #gemeinsamfeiern publizieren und der Interwebnetzcommunity im Interwebnetz online als Link verlinken könne. Die Kommission sei davon überzeugt, dass dies eine ganz neue Qualität von Zusammengehörigkeitsgefühl, das in dieser Form im Online-Internet bisher noch nie…“

„… das gemeinsame Singen der Nationalhymne bei privaten Anlässen verpflichtend werden müsse. Als Anreiz schlage Platzeck eine anlassbezogene Steuererleichterung für Sängerinnen und Sänger, die den Text der dritten Strophe fehlerfrei in ein…“

„… dass das Tragen der Nationalfarben am Tag der Deutschen Einheit die kostenlose Benutzung der öffentlichen Verkehrsmittel erlauben werde. Um die Einnahmen der Verkehrsbetriebe nicht über Gebühr zu beschneiden, schlage die Kommission allerdings vor, dass dies nur durch die gleichzeitige Vorlage eines Bundespersonalausweises oder eines Dokuments zur Identitätsfeststellung in den…“

„… gesellschaftliche Organisationen von den Vorschlägen Abstand nehmen wollten. So sei es nach Aussage der Deutschen Bischofskonferenz nicht einzusehen, dass die Nationalhymne zu Beginn und am Ende einer Heiligen Messe zum liturgisch obligaten…“

„… werde es leider nicht genügen, deutsche Schulen ab sofort in ausreichender Menge mit Taschenausgaben des Grundgesetzes auszustatten. Man sehe so leider nicht auf den ersten Blick, wer ein echter Deutscher sei und wer sich durch das demonstrative Mitführen einer Verfassung nur äußerlich mit den politischen Zielen des…“

„… das Tragen eines Deutschlandhutes, der in den Nationalfarben gestaltet sei, auch das Betreten von Museen und Kultureinrichtungen ohne Eintritt erlauben solle. Um die notwendigen Textilien bis 2021 zur Verfügung zu stellen, habe Laschet bereits familiäre Kontakte eingeschaltet, die gegen eine geringe Vermittlungsprovision die…“

„… den Fahneneid grundsätzlich bei den Streitkräften nicht in Frage stelle. Dennoch sei es für den Deutschen Gewerkschaftsbund nicht ersichtlich, warum dieses Ritual als zwingend bei allen Sitzungen des…“

„… von Fackelumzügen Abstand nehmen wolle. Der Deutsche Städtetag fürchte sich vor drohenden Sachbeschädigungen, falls Gegenkundgebungen die demokratische Ausrichtung der national gesinnten Teilnehmer der offiziellen…“

„… weitere Vorschläge zur Online-Koordination der Vorschläge unter dem Interwebnetz-Hashtag #kraftdurcheinheit vorschlagen werde, die durch eine Verbreitung des gleichnamigen…“

„… zeige sich die Deutsche Polizeigewerkschaft kompromissbereit. Wer die Nationalfarben in Verbindung mit einem staatlichen Ausweispapier tragen wolle, dürfe dies selbstverständlich auch als Jude, Frau oder Angehöriger einer fremdrassig dominierten…“

„… habe die Kommission die Vorschläge zur Ausgestaltung eines zeitgemäßen Konzeptes vor der Kritik in den Mainstreammedien verteidigt. Da die ostdeutsche Bevölkerung militanten Nationalismus zunehmend als normal empfinde, könne man diese soziale Bewegung nicht als regionale Ausnahme behandeln und ansonsten die normativen Vorgaben der Bundespolitik als absolutes…“

„… die Sichtbarkeit der Flagge in Kombination mit mehr Uniformen befürworte. Es dürfe nach Ansicht der Bundesregierung jedoch nicht dazu kommen, dass Mitarbeiter der Entsorgungsbetriebe oder der Feuerwehr als Uniformträger dieselben Rechte wie Soldaten, Polizisten und…“

„… eine Nationalstiftung ins Leben rufen wolle, die sich mit den Möglichkeiten einer breiten öffentlichen Debatte über die Verbreitung nationaler Symbole beschäftigen könne. Für Platzeck und Wanderwitz sei das Konzept einer Neubewertung der vielfältigen historischen Wahrnehmungen durch Deutsche eine interessante Aufgabe, bei der eine große Menge an Bundesmitteln mehr oder weniger sinnvoll für viele interessante und…“

„… den 9. November nicht als gemeinsamen Gedenktag der Deutschen etablieren wolle. Die Kommission sei davon überzeugt, dass ein derart kontroverses Symbol vor allem im Ausland als nationalistische Geste empfunden werde, die geeignet sei, die europäische Integration empfindlich zu…“





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXLIII): Der Banause

4 12 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Seitenlinie von Ugas Sippe war tatsächlich speziell. Auch andere trugen Bärenfell mit kleinen Erdmännchenapplikationen, dekorierten den Eingang ihrer Wohnhöhle mit Ensembles aus Schneckenhäusern und Biberzähnen oder hängten apart geflochtene Bastmatten über die Feuerstelle, die interessante Schatten an die Höhlenwände warfen, zu denen es sich nach der warmen Mahlzeit trefflich philosophieren ließ. Nur der ästhetisch äußerst wertvolle Versuch, vermittels Erdfarben ein figürliches Fresko an die Felswand zu pappen, gab der Heimstatt ein geradezu luxuriöses Ambiente. Manche überlegten, ob sie auch ihren zackigen Granit mit Ocker aufpimpen sollten. Andere boten dem Künstler Teile von Jagdbeute, abkömmliche Nebenfrauen oder allerlei praktisches Werkzeug an. Die Raumausstattung wurde zum festen Bestandteil der eleganten Troglodytengesellschaft, wer etwas auf sich hielt, dinierte, schlief und lauste sich unter geometrisch-abstrakten Mammutskizzen. Nur nicht Uga. Der Alte fand es einfach albern, und wenn er Tiere sehen wollte, dann ging er in die Steppe. Wie Banausen eben so sind.

Für diese Klasse findet die Bedürfnispyramide vor allem im unteren Teil statt, bei einer Handvoll Buntbeeren statt in der Selbstverwirklichung. Nicht ohne Spott benutzt es der Bildungshuber, der mit Kultur im weiteren Sinne aufwuchs und sie als das äußere Zeichen jeglicher Zivilisation begreift, die ja etwas hinterlassen muss, materiell oder ideell, wenn von ihr nach dem Zusammensinken der an sich auf Dauer gedachten Reiche und Fürstentümer noch irgendetwas übrigbleiben soll. Paradoxerweise ist diese Kultur das, was von einer Generation zur nächsten weitergegeben und schließlich Tradition genannt wird, während sich der chronische Ignorant ohne derlei Gedöns durchs Dasein ödet, indem er alles so macht, wie er es immer schon gemacht hat. Der Widerspruch fällt nicht auf, aber mit dem Denken hat er’s eh nicht.

Der Banause ist dem Wort folgend eigentlich der am eigenen Herd arbeitende Handwerker, der die Außenwelt nicht freiwillig wahrnimmt oder sie gar nicht bemerkt, da er das Gehäuse ja nie verlässt. Aus der Unkenntnis des Geistigen, die zunächst nur mit dem stark beengten Lebenswandel einhergeht, schrumpft allmählich der intellektuelle Horizont zu einem Punkt zusammen, der feststeht, aber kaum noch eine Welt bewegt. Als Subjekt der Kulturpolitik ist er schnell verloren, da er selbst den ganzen Betrieb meidet und ihn daher gleich für vollkommen überflüssig hält. Was er nicht kennt, ist auch nichts für andere.

Mit leiser Ironie könnte man behaupten, dass der Banause seine unreflektierte Ablehnung aller Künste selbst noch kultiviert, um wenigstens eine Kokarde an den Hut stecken zu können, die ihn kenntlich macht. Unklar ist, ob die Schmollecke ihm als heimliches Verbannung oder tatsächliche Heimat gilt, denn wo immer er über die Schwelle tritt, tönt’s ihm entgegen: Kulturnation! Land der dichten Denker! Hier nix Banause! Wer da sein inneres Exil finden will, der muss entweder dicke Wände mauern oder tief graben. Beides führt in die Geschichte hinab, die den Kern der Zivilisation freilegt. Es ist ein Kreuz.

Doch tut man dem Banausen auch Unrecht. Er ist mehr als andere eine Stütze der Gesellschaft, da er sich nicht allein mit den banalen Dingen des Lebens beschäftigt, sondern auch zu bürgerlichen Sekundärtugenden wie Fleiß und Zuverlässigkeit neigt, die dem Kulturbold den Rücken freihalten, wenn dieser sich in dünner Höhenluft Hirngespinste zusammenschwiemelt. Seine Kleingeist erzeugt den Kaufmannssinn, der mit Beharrlichkeit und grober Verachtung jeder Gaukelei Werte schafft, mit denen er Städte errichtet, die er mit Domen und Palästen zupflastern kann. Im Gegensatz zum Blendwerk der Berufsirren braucht er keinen Applaus von den Tumben, arbeitet nicht auf Zuruf und wird nicht aus einer Laune heraus verjagt. Er zieht seinen Stolz aus der eigenen Tätigkeit, und in den großen Gestalten der Kunst sogar, Mozart etwa, findet sich der Banause, der vom Erwerb abhängig blieb, um die Gunst naiver Besserwisser an den Fürstenhöfen nicht zu erdulden.

Wenn sich der Banause ein eigenes kulturelles Konglomerat erschaffen hat, dann in Eiche gebeizt mit Gartenzwerg hinterm Jägerzaun, Filzpantoffeln, Einlasskontrolle und Ersatzkaffee. Der ansonsten stabile Bürger steht leise zweifelnd davor und hat keine Ahnung, wie man das über ein ganzes Leben hinweg normal finden, ja noch gegen alles andere verteidigen kann, was im Rest der Welt passiert. Es scheint mehrere objektive Wirklichkeiten zu geben, die einander ausschließen, sich aber in wesentlichen Bestandteilen überschneiden, ohne dass wir, Banausen oder nicht, es bemerken würden. Möglich immerhin, dass man in einer fernen Zeit Artefakte an unseren Wänden findet und unsere gesamte Zivilisation für eine Horde durchgeknallter Deppen hält, die Filzpantoffeln hasste, sie in erheblicher Menge jedoch gleichzeitig produzierte und trug. Es ist ein Rätsel. Man müsste das eigene Haus, die eigene Welt dafür verlassen. Wer will das schon.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXLII): Déformation professionnelle

27 11 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es gab damals noch keine Berufe wie Klempner oder Architekt. Die Vielzahl der haushaltsüblichen Tätigkeiten griff noch ineinander. Wer wie Rrt gern Sachen an andere Sachen hieb, wurde als Dengler beschäftigt. Der Sippenälteste kloppte Steine auf allerlei Holz, Holz auf noch weicheres organisches Material, bei unausweichlichen Gelegenheiten auch auf lebende Organismen – ausgenommen die Sippe, die sonst nicht unbeschadet überlebt hätte – und gab seine Fähigkeiten an die nächste Generation weiter, die sie einigermaßen beizubehalten, wenn nicht gar zu verbessern suchte. Manches klappte, wie zum Beispiel Metallerzeugung und Bäckerhandwerk, und vieles, Juristerei, Betriebswirtschaftslehre oder Suchmaschinenoptimierungswesen, lief gewaltig aus dem Ruder. Nichts aber blieb ehern wie die Überzeugung, dass jedes Wissen seine ewige Bedeutung für den schäbigen Rest des Weltenlaufs werde entfalten können, so sich nur niemand mit mehr als nötigem Durchblick in den Weg schmisse. Die Déformation professionnelle hatte freien Lauf.

Natürlich kennen wir heute den beruflich leicht getrübten Blick, der die Gewerke in ihrem kleinen, beschränkten Stolz auszeichnet. Der Installateur mag beim Anblick der Gästetoilette denken, dass der Mitbewerber für schmierige Spannen eine grob verdengelte Querschlonzmuffe angedreht hat, die noch nicht einmal ein Durchflusslutschstück zum zölligen Druckvorentschnatzen bietet. Soll sein. Bei einem bündigen Ebenenversatz in dimensionaler Fugendrift lässt er den Fliesenleger trotzdem die Platten in die Horizontale schwiemeln, weil er weiß: wenn man die falsche Ausbildung hat, ist Klappehalten immer eine wertvolle Option. Doch nicht nur die historisch angewachsene Basis des Know-hows ist bedeutsam, sie greift geradezu auf die Gebiete aus, die Wissen, wie auch immer es aussehen mag, zur entscheidenden Basis unserer Intelligenzgesellschaft erhebt. (Vermutlich würde diese Aussage auch andersherum funktionieren. Vielleicht aber nicht besser.)

Wer einmal als Lehrer gelernt hat, mit Kindern und Jugendlichen die Untiefen ihrer Defizite zu durchgraben, fühlt sich nicht unbedingt beschränkt, wenn nur Physik oder Erdkunde als Ventile ihres professionellen Belehrungsdrangs sich in ihre Biografie geschwiemelt haben. Hier und da labert eins in der Gemüseabteilung auch als verstrahlter Grünzeugguru über die national-spirituellen Effekte der Brokkolizucht voll, ohne sich an Regeln von Anstand und Sozialverträglichkeit zu halten, die die durchschnittlichen Grützbirnen bei völlig normaler Schwankung im Gleichgewichtshaushalt hinnehmen, weil die Gaben eher gießkannenmäßig verteilt wurden. Jedes durchschnittliche Grillfest unter unschuldigen Anrainer, schuldlos auch über Gemarkungsgrenzen hinweg, endet in brüllendem Brechreiz, sobald ein Grundschulerzieher der Gesellschaft beibringt: wer mit der ersten Wurst fertig ist, legt die Hände auf den Kopf. Wer dann noch weiterredet, kriegt keinen Salat mehr. Wer diskutieren will, schneidet die Ananas und geht dann nach Hause.

Es geht immer noch schlimmer, deshalb saugt eine Reihe von Berufen ihre Sicht auf die Dinge ein und lässt an den Gebrauchsmöglichkeiten kaum eine nennenswerte Chance. Jeder Friseur würgt beim Anblick der Schädel, bevor der Kronleuchter im Theatersaal verlischt. Jeder Zahnarzt bricht in Schweiß aus angesichts grinsender Kanzleretten aus dem sauerländischen Abraum. Doch nicht nur das Fachidiotentum, die gesamte Population ohne eine Perspektive, die auch nichts mehr erklärt, macht die Verbildung greifbar: wer sein ganzes überflüssiges Leben lang gedacht hätte, als Politikaster eine wie auch immer wichtige Rolle zu spielen, fliegt mit Schmackes aus der Reality Soap. Es blubbert auch ohne ihn weiter.

So seiern Verkehrspolizisten unaufhaltsam von der Ordnungswidrigkeit weiter, weil sie ihr ganzes Leben nicht viel mehrgesehen haben. Soziologen quaken ihre Umwelt voll. Anwälte ertränken ihre schuldfreie Hominidenumgebung mit pladdernden Plädoyers und dehnbaren Einschätzungen, ob das Huhn die Straße mit hinreichendem Tatverdacht auch tatsächlich freiwillig überquert haben könnte. Man weiß es nicht. Man hält es irgendwie aus.

Kritisch wird es, wenn die Bekloppten sich zu Experten entwickeln in einer Profession, von der sie keine wie auch immer geartete Ahnung haben. Mehrere tausend Knalltüten, siegesgewiss und in ihrer Kompetenz weltweit ungeschlagen, wissen viel mehr als der Bundestrainer, weshalb er auch nicht gewonnen hat. Nach einem kurzen Abstecher in die Atomphysik haben wir uns an die allgemeine Habilitation im Fachgebiet der Seuchenmedizin gewöhnt und sehen eine Ausbildung als Paketbote, Bankkaufmännchen und Ich-hatte-da-gar-keine-Zeit als gleichwertig an. Man kann ruhig Schuster sein, man darf nur nicht unbedingt bei seinem Leisten bleiben. Wer ist schon gegen interdisziplinäres Denken.