Überwachungsziel

13 06 2017

„… müsse zur Sicherheit die Videoüberwachung in Deutschland nicht nur erheblich ausgeweitet, sondern auch mit einer …“

„… viele Verbrecher mit dem Taxi fliehen würden. Eine anlasslose Überwachung aller Wagen sei daher aus Präventionsgründen…“

„… aber nicht als überwachungstechnische Maßnahme sehe. Mehrere Einzelhandelskonzerne hätten die Erlaubnis, Kunden einer regelmäßigen Gesichtsüberwachung zu unterziehen, aus Gründen einer besseren Verbraucherbindung im…“

„… dass es immer wieder Gewalttaten gegen Taxifahrer gebe. Zwar sei die Mehrheit der Kunden nicht an diesen Ereignissen beteiligt, doch müsse die Kontrolle der Personalausweisnummer vor Antritt der Fahrt schon zur Amortisation der flächendeckenden Überwachung als Standard…“

„… sich die Christsozialen eine lückenlose Ausstattung von Telefonzellen mit Videokameras und computergesteuerten…“

„… keiner erfreut sein könne, wenn öffentliche Toiletten überwacht würden. Dies jedoch sei gerade das Argument, dass ein so gut wie nie freiwillig aufgesuchter Ort zur Verbrechensaufklärung auf jeden Fall eine unverzichtbare…“

„… dass nach dem Siegeszug der Mobiltelefone so gut wie kein öffentlicher Fernsprecher mehr in der…“

„… dürfe man Spielplätze nicht öffentlich mit Überwachungskameras ausstatten. Das Ministerium habe sich jedoch dafür entschieden, das Wohl der Minderjährigen höchstens durch eine gezielte Überwachung einschließlich einer…“

„… die Gesichtserkennung zunächst nur auf wenige Fachabteilungen zu beschränken. So könne man etwa männliche Kunden in der Etage für Damenunterwäsche anhand der Blickrichtung eindeutig als…“

„… die Aufnahmen auf den öffentlichen Bedürfnisanstalten geschlechtsspezifisch vorgenommen würden. Der Bundesinnenminister habe das Vorgehen damit verteilt, dass die optisch erkennbaren Unterscheidungsmerkmale nicht immer auf gleicher Augenhöhe zu…“

„… das allgemeine Verbot von Sehhilfen vor dem Bundesverfassungsgericht keinen Bestand haben werde. Der in der Union präferierte Kompromissvorschlag, jeden Brillenträger mit einem farbigen Berechtigungsstern auszustatten, finde in…“

„… seit Jahrzehnten keine ausreichende Anzahl an Telefonzellen mehr gebe. Für die CSU sei dies jedoch ein Argument, dass sich ihre Wählerschaft auf genau dieses…“

„… auch Schultoiletten einer Überwachung zuführen wolle. Die Christsozialen hätten dies als notwendig empfohlen, um der Frühradikalisierung zeitig zu begegnen und eine Durchsetzung des christlichen Menschenbildes im…“

„… den kaum mehr vorhandenen Telefonzellen ein Hauch von Ewiggestrigkeit anhänge. Die sei ein schlagendes Argument, warum das Interesse sowohl der islamistischen als auch der bayerischen Fundamentalisten für die technische…“

„… Supermärkte die Aktionsware viel genauer postieren könnten, wenn Überwachungsergebnisse aus Bahnhöfen und Arbeitsämtern einschließlich der Monatsnettoeinkommen für eine…“

„… alle in Deutschland ausgelieferten Telefone nach einer Bundestelefonauslieferungsverordnung mit einer versteckten Frontkamera ausgestattet werden müsse, die permanent Livebilder aus der…“

„… Schwimmbäder nur noch da überwachen wolle, wo die Toiletten keine ausreichenden…“

„… Kosmetiksalons schon deswegen ein interessantes Überwachungsziel seien, weil auch hier Frauen in Burka hier eine vollständige Umgestaltung ihres Aussehens in strafrechtlich nicht einmal relevanter Form…“

„… vorwiegend Damentoiletten überwachen lasse. Nach Angaben des Ministeriums wolle man damit gerichtsfest nachweisen, ob nicht in einem dem Staat und den regierenden Sicherheitsorganen verborgenen Moment junge Frauen heimlich eine gegen die FDGO gerichtete Burka im…“

„… das Datenvolumen bei einer nicht abstellbaren Kamera so erheblich strapaziert würde, dass die Benutzer sofort zu drastischen…“

„… die Schwimmbäder auch bei Besuch von Schulklassen weiter überwacht würden, um einer Radikalisierung vorzubeugen. Die Elternvertreter hätten vergeblich versucht, die Gegner der Archivierung von der rechtlichen Unbedenklichkeit des üblichen…“

„… dass die Überwachung von Toiletten in Opernhäusern, Museen und Landesparlamenten verfassungswidrig sein könnte. Die Durchsetzung werde sich daher vorerst auf JobCenter, Tafeln, Bürgerämter und andere soziale…“

„… sich de Maizière auf seine eigene Fachkompetenz verlassen könne. Er wisse aus Gesprächen mit vielen technischen Profis, dass es den deutschen Nutzern nicht auffallen würde, ob sie innerhalb eines Jahres zwei, drei oder fünf Kilobyte zusätzlich zu ihrem üblichen…“

„… die Telefonzellen von allen Seiten einsehbar seien. Die CSU wolle nun per Landesgesetz wenigstens in Bayern eine bürgerrechtssensible Ausstattung mit Milchglasscheiben durchsetzen, um auf der anderen Seite einen Generalverdacht gegen sämtliche…“

„… die Neigungen des Bundesinnenministers zuvor niemandem bekannt gewesen seien. Die Qualität der Überwachungsbilder habe dazu geführt, dass die Autobahnraststätte innerhalb weniger Minuten von einer polizeilichen…“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXXV): Die Talkshow-Demokratie

9 06 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es wird eine Wette zwischen fünf Freunden gewesen sein, die schon zuvor komplett schmerzfrei waren. Sie hockten im Kreis, keiften einander ohne Punkt und Komma an und ersonnen peinlich bis dümmlich wirkende Injurien frühinfantiler Höhe, um sich im Gezänk der Stände wenigstens pro forma Vorteile zu erschleichen. Einer von ihnen tut ab und zu vernünftig, ein zweiter wird später als Rumpelstilzchen mythologisch verklärt. Andere lallen ein Ostinato dümmlicher Fettreste herunter. Zuschauer gibt es, sie hocken hinter einer Wand und klatschen nach jeweils drei Minuten, weil man ihnen Bananen über den Rand schmeißt. Sie nehmen sich der drängenden Fragen ihrer Zeit an: Krieg oder Frieden? und: wen interessiert das? Das Publikum seinerseits begann Steine über die Mauer zu werfen, weil ihnen das unsägliche Geschrei auf die Plomben ging. Der Geist der Tragödie gebar Schlafstörungen, die Demokratie und die Talkshow.

Da eins nicht ohne das andere mehr denkbar ist, hat sich heute der Parlamentarismus mit dem an sich gesitteten Disput aus den Kreis der Gewählten bewegt. Mag die Verlagerung einst unter dem Vorzeichen der Popularisierung geschehen sein, die dem Volk etwas wie Scheinpartizipation zu geben gewillt war, sie hat nichts erreicht, unter dem Gesichtspunkt der politischen Aufklärung noch viel weniger. Denn die windschiefe Projektion einer Zusammenkunft der Klügsten zeigt lediglich Lumpen beim Hadern mit der eigenen Borniertheit. Beide, die Quasselveranstaltung mit abgekartet und abgehangen riechenden Killerphrasen und Scheinargumenten, die von drittklassigem Personal zur besten Sendezeit verbraten wird, um möglichst viel Kohle in private Hosentaschen zu pfropfen, und das Fernsehformat, sind letztlich nicht mehr als kommunikative Hüllen, aus denen sich mit etwas Glück ein rhetorisches Talent über den Bodenstaub erhebt, um das ritualisierte Brimborium mit der Brechstange zu öffnen.

Schon die Auswahl der Themen hegt den Geist der freien Meinung sorgsam in einem rostigen Käfig ein, durch dessen Gitter man das Gehampel der zusammengecasteten Kampfhähne sieht, spontan wie die Kontinentaldrift, überflüssig wie eine Wurzelentzündung. Mit der Beschränkung von Form und Inhalt auf eine nie da gewesene Lautheit macht sich der Klamauk mit dem Untergang der Demokratie gemein, wie er billig geskriptet den Betrieb über die Rampe schiebt. Ein hektisch aus Versatzstücken geschwiemeltes Infotainment in niedermolekularer Bauweise leitet über in die Sphären der Halbwahrheit, die Halbbildung fordert und fördert – Mimesis für den Mistgabelmob, der seinesgleichen sucht und tragischerweise auch findet, wo die Wirklichkeit verendet.

Die kontroverse Debatte wird mit glitschiger Rhetorik an den Parlamenten vorbeigelotst, die ihrerseits nicht viel mehr sind als das Sprechzimmer vor den Ausschüssen: ein falsches Bild von öffentlicher Sachwaltung entsteht, wie man auch den Akten lesenden Kommissar nicht ertrüge, der einen ganzen Krimi lang ballistische Berichte oder Abhandlungen über postmortalen Mageninhalt läse. Mehrfach kippt das Konzept, zuletzt in der dümmlichen Hoffnung, der Pöbel würde die schale Inszenierung willig schlucken, nicht aber den Auftrieb der Sündenböcke, die bunt getanzten Klischees und den lauernden Populismus, wie er sich zum Gesellschaftsbild emporarbeitet, um die Differenzierungen aus der Hirnrinde zu bügeln. Nicht die kompetenten Personen, sondern die wenigen talentierten Polarisierer werden im Ringelpiez durch die Talkshows gereicht, eine Rotte Flüstertüten im Dauereinsatz, sekundiert von Steuerhinterziehern, Koksern, Sprechblasebälgern, Schwerversprechern, Handpuppen und ähnlichen Treuepunktsammlern einschließlich der obligaten Frau in Burka, ohne die keine Polemik über EU-Milchquoten mehr möglich ist. Welche Rolle aber haben die Marionettenspieler, die Schmiere sitzen in diesem Kinderquatsch für Beknackte mit der Aufmerksamkeitsspanne von in Schnaps sozialisierten Goldfischen? Und warum haben sie der Salonfähigkeit für Extremisten nichts mehr entgegenzusetzen?

Sie verfolgen dieselben Ziele. In einer hohlen Form scheppert es lauter, sie haben alle immer wieder dasselbe so nie gesagt, sagen aber, dass man das ja mal sagen müsse, weil man das ja gar nicht sagen dürfe, und das dürfe man ja wohl noch sagen. Eine Riege von Sagengestalten tingelt trotzig mit verbalem Gerümpel im Gepäck von einem Flohmarkt der Eitelkeiten zum anderen, voller Sendungsbewusstsein, immer dicht an der intellektuellen Nahtoderfahrung, manche auch nur dicht, manche nicht ganz dicht, alle etabliert und deshalb erklärte Feinde des Establishment, weil sie genau das schon immer tun wollten, was sie ihnen vorwerfen. Sie machen es für Geld. Was hätten sie sonst auch zu bieten.





Haus Deutschland

16 05 2017

„Guten Tag.“ Herr Gottlieb und ich, wir hatten dem nichts entgegenzusetzen. Schon deshalb nicht, weil der Portier uns die Hand hinhielt wie ein Messer. „Hier sind wir richtig“, murmelte Gottlieb, „das muss das Hotel mit der Leitkultur sein.“

Man hatte uns bereits an der Rezeption eine schriftliche Fassung der Hausordnung überreicht, den Zimmerschlüssel sowie einen freundlichen Hinweis, dass das Mobiliar in den Räumen nur zu Wohn- und Gebrauchszwecken benutzt werden dürfe. „Ich bin ja vieles gewohnt“, wunderte ich mich, „aber das scheint mir eher ungewöhnlich.“ Gottlieb wollte gerade etwas entgegnen, da trat uns freundlich, aber bestimmt der Fahrstuhlführer in den Weg. „Wenn ich bitte Ihren Zimmerschlüssel sehen dürfte?“ Den vorhandenen würdigte er keines Blickes, mich jedoch sah er äußerst kritisch an. „Sie sind offenbar kein Gast“, sagte er. „Bitte nehmen Sie die Treppe – die Aufzüge sind ausschließlich für unsere Gäste reserviert.“ „Aber ich bin doch Gast“, meldete Gottlieb seinen Protest an. „Ich werde jetzt diesen Aufzug benutzen und…“ „Wenn mich Ihre unmaßgebliche Meinung interessiert“, keifte der Liftmitarbeiter, „lasse ich es Sie wissen!“ Ungleich höflicher wandte er sich wieder mir zu. „Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, wir würden Sie gerne als Gast in unserem Hause begrüßen dürfen, aber jetzt nehmen Sie bitte die Treppe.“

Der Aufstieg ins zehnte Stockwerk war rasch erledigt – mein Begleiter hatte zwischendurch in der Wäschekammer sein Unterhemd gewechselt – und schon waren wie im opulent eingerichteten Zimmer angekommen. Die Teppiche waren frisch gereinigt, die Badewanne roch nach Seife. „Das ist guter Standard“, befand Gottlieb. „Sie müssen wissen, als Hoteltester ist man immer ein bisschen voreingenommen, aber hier werde ich doch sehr auf die Probe gestellt.“

Es dauerte nicht lange, bis das Zimmermädchen wenige Sekunden nach dem Klopfen den Raum betrat. „Wir legen hier sehr viel Wert auf Ordnung“, wie sie mich unaufgefordert zurecht. „Sie sollten die Handtücher jeden Morgen, wenn Sie einen Wechsel wünschen, auf den Rand der Badewanne legen, und zwar richtig zusammengefaltet. Ich habe nicht auch noch Zeit, Ihnen hinterherzuräumen.“ „Aber…“ Auch sie drehte sich ansatzlos zu Gottlieb um. „Unterbrechen Sie mich ruhig“, zischte sie. „Wenn etwas wie Sie nicht an seinem Leben hängt, braucht man mir das nicht zu erklären.“ „Ich hätte gerne einen Tee“, versuchte ich die Wogen zu glätten. „Einfach schwarzen Tee, etwas Zitrone, und vielleicht zwei Stück Zucker.“ Ich hatte nicht mit den Feinheiten der Hausordnung gerechnet. „Hier wird der Müll getrennt“, knurrte die Maid. „Das Etikett vom Teebeutel kommt in die Papiertonne, und für den Rest werden Sie hoffentlich die Hausordnung eingehend zurate ziehen, klar!?“ Gut, dass sie ohne die Bestellung aufzunehmen wieder abrauschte. Wir mussten nicht nachfragen, ob der Tee heut noch abzuholen zu sei, und wann und wo. Oder ob man eine Eingabe an der Rezeption zum Ziehen der Nummer hätte machen müssen. Also vor dem Einchecken.

Gottlieb seufzte. „Normalerweise mache ich ja immer touristisch gut erschlossene Ziele“, klagte er. „Dieses Jahr war ich auf Malta – ging so, nicht sehr luxuriös, aber erstklassiges Personal – und dann zweimal im Fünf-Sterne-Bereich. Asien und Amerika.“ „Sie wurden strafversetzt?“ Er schüttelte den Kopf. „Im Gegenteil. Bevor sie mich zum Abteilungsleiter machen, bekomme ich noch mal die richtig schlimmen Fälle. Das ist nicht ganz ungewöhnlich.“ Die Hausordnung brachte mich auf eine interessante Idee. „Kommen Sie“, sagte ich unternehmungslustig. „Nehmen wir den Aufzug.“

Der Garten war wie zu erwarten leer; kein Gast hätte es gewagt, sich an die ungedeckten, vor Schmutz starrenden Tische zu setzen. „Kommen Sie!“ Ich zog Gottlieb am Arm hinter mir her und nötigte ihn auf einen Stuhl. Widerstrebend setzte er sich. „Es steht nirgends, dass hier geöffnet ist.“ „Es steht auch nirgends“, wandte ich ein, „dass dies ein gesperrter Bereich ist.“ Und so dauerte es keine Minute, bis der erste Kellner zu uns kam. „Draußen nur Kännchen“, schnarrte er. „Schön für Sie“, warf ich ungerührt zurück, „wir nehmen zwei große Biere.“ „Aber draußen nur Kännchen“, murrte er. Ich blickte ihn über den Rand der Brille prüfend an. „Dann eben den Geschäftsführer.“ Gottlieb biss sich verzweifelt auf die Unterlippe. „Wir haben hier keinen Geschäftsführer.“ Ich lächelte leise in mich hinein. „Sie werden sich noch daran erinnern, wenn ich Ihre Bude innerhalb der nächsten fünf Minuten schließe.“ „Er hat keine Zeit für Sie.“ Der Tester gestikulierte heftig hinter seinem Rücken, doch ich sah es wohl gerade nicht. „Holen Sie mir den Manager“, beschied ich. Der Kellner straffte sich und sprach mit leise bibbernder Arroganz: „Ich beende dieses Gespräch!“ Gottlieb tupfte sich den Schweiß von der Stirn. Ich erhob mich langsam. Unvermittelt packte ich den Domestiken am Kragen und zog ihn mit beiden Fäusten zu mir heran. „Sie beenden also Gespräche“, flüsterte ich, „und ich vernichte Biografien. Noch Fragen?“ Ruckartig ließ ich ihn los.

„Nicht schlecht“, sagte Gottlieb lächelnd. „Nicht ganz schlecht.“ Er warf dem Liftboy den Schlüssel vor die Füße. „Drei Wochen Malediven, das kann sich durchaus sehen lassen.“ Er setzte die Sonnenbrille auf. „Jetzt muss ich es nur noch der Redaktion schonend beibringen.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXXII): Leitkultur

12 05 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Wahrscheinlich war es einer der Abende, an denen erst der Schnaps zu schnell leer war und dann doch noch eine Flasche auftauchte. Tapfer hatte sich die versammelte Nacktmullzucht alles in die Birne gebembelt, was von lästigen Angewohnheiten wie aufrechtem Gang, artikulierbarer Muttersprache oder Atmen als ISO-zertifiziertem Prozess direkt in die Freiheit von sämtlichen Gedanken führte. Hier wurde keiner überfordert, intellektuell schon gleich gar nicht. Ein Rest Pinselreiniger mag eine tragende Rolle bei der Begriffsbildung gespielt haben, das Gegenteil lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Jedenfalls hieß der Schrott dann Leitkultur und roch dementsprechend.

Es ist ein biologistischer Begriff wie Parasit und Schmarotzer, und er zeichnet seine Verwender wie der Rest aus der Schädelvollprothese aus als das, was sie eingestandenermaßen sind: brauner Dreck. Die Benutzung heißt Ehre für Treuepunktesammler, falls gerade die Preise für Hakenkreuztattoos im Gesicht wieder anziehen, denn es geht auch billig, wenn man sich zum Zielgruppenkuscheln mit den anderen Arschlöchern Abgrenzungsbegriffe wie Abendland herauslegt, gern in der Variante christlich-jüdisch – als wäre ansatzweise christlich, was diese zivilisatorische Ausschussware mit dem jüdischen Teil unter dem eingekoteten Mäntelchen der Geschichte getrieben hat. Der Ächzstaat müht sich ab, dass die Fangzähne seines Sprachgebrauchs ad usum Adolphini keine Sau bemerkt.

Sie verkaufen es als Wertekonsens, und doch ist es eine hastig zusammengeschwiemelte Wirrnis von Klischees, Händeschütteln und Bratkartoffeln, Jäger aus Kurpfalz und miserabler Allgemeinbildung. Die Knalldeppen, die von einer in langen Jahrhunderten zusammengewachsenen Kultur salbadern, haben im Dreißigjährigen Krieg den Schulbesuch für müßig erklärt und sich nur noch mit Landserheftchen wach gehalten. Da sie den üblichen Sott aus der gelben Ecke im Schnee, eine aus Ethnizität gespeiste nationale Identität, mit feucht-völkischem Getöse tatkräftig unterstützen, brauchen sie sich hernach über Brandsätze nicht zu wundern. Aber vielleicht ist das auch gut so, wenn selbst für Erstsemester der Geschichtswissenschaft nicht mehr als ein peinlich berührtes Grinsen herausspringt, während sich die Reichsideologen aus Glaubwürdigkeit gegenseitig an die Weichteile packen.

Wie diese Steilvorlage für die Rechten, die den Begriff mit jeder beliebigen Jauche anfüllen, zu immer neuen Raumkrümmungen führt, in denen Hautfarbe, Religionszugehörigkeit der Eltern oder Bildungsabschlüsse eine tragende Rolle spielen, das sucht seinesgleichen. Letztlich ist das alles nicht viel mehr als ein im Wahlkampf aufgepumptes Druckmittel angeblich verfassungstreuer Eliten gegenüber einer postulierten Unterschicht, für die Bier und Schweinsbraten als xenophobes Theater plötzlich nicht mehr ausreicht. Auch hier, geübt und gebimst durch die Generationen, war plötzlich der Stein schuld, bevor in einem letzten Schritt von freiheitlicher Rhetorik die Fensterscheibe selbst die Verantwortung trug für ihren Schaden als der Volks-Wirtschaft. Wer mehr wissen will, blättert durch die Buchführung des vergangenen Jahrhunderts, das keinen Sollwert schuldig blieb. Vernunft wird vor Religion gestellt – mit dem jüdisch-christlichen Erbe verbinden sich historisch ganz andere Haufen von Schutt und Scheiße, als man sie heute zu sehen bereit wäre.

Aber wen in der klinisch bekloppten Zielgruppe interessiert das noch. Die Fahnehochhalter fordern im Zeichen ihrer Identitätskrise Toleranz als Mittel, um Toleranz als Schwäche zu bezeichnen, einer der gröber gestrickten Kniffe der Moorleichenlehrlinge, und erfinden gemeinsam mit den Stützen ihrer eigenen Parallelgesellschaft den Assimilationsdruck als Peitsche gegen alles Andersartige. Ob auch der Japaner jetzt ironiefrei Lederhose tragen muss? Wird der Neger je in den Schwarzwald integriert? Man weiß es nicht, hofft aber kollektiv, dass die Parallelgesetzgebung nicht für Katholiban und andere grundrechtsfeindliche Terrororganisationen gilt. Denn fremdenfeindliche Gewaltherrschaft, das wissen wir aus absolut sicherer Quelle zeigt ja stets, dass die vermeintlich Integrierten untauglich für die Leitkultur sind. Ob damit freilich alle Hessen oder gleich die ganze Bundeswehr gemeint ist, das will niemand wissen.

Es kommt der Tag, da waren wir schon immer gegen alle Rothaarigen, die vor dem Fernseher nicht ausreichend brandenburgisch aussahen oder altkatholische Gürkchen aßen. Hymne, Fahne und andere Staatssymbole werden uns nicht darüber hinwegtäuschen können, was die Führer jener Tage zur Minderheitenfrage sagen: wer integriert ist, bestimmen wir. Wie gut, dass wir wenigstens die Vergangenheit bis dann hinter uns gelassen haben werden.





Doppeldenk

26 04 2017

„Sie dürfen alles sagen, nur nicht alles denken. Klingt paradox, ist aber so. Da ist die Verwechslungsgefahr mit Rechtspopulisten natürlich vorprogrammiert, aber wir sind da sowieso komplett schmerzfrei. Die Schnittmenge ist ja hoch.

Wir haben uns die deutsche Gesetzgebung, nein: was der deutsche Justizminister an Gesetzgebung bisher versucht hat, das haben wir uns mit großem Interesse angeguckt. Man guckt sich ja auch an, was die Konkurrenz so an untauglichen Sachen auf den Markt schmeißt, damit wir auf dem Markt für soziale Medien überleben können. Und da hat uns diese Sache mit der Internethetze ganz besonders interessiert. Sie müssen das ja erstmal ordentlich definieren, bevor Sie es abschalten. Und dann haben Sie eine Sache vor sich liegen, und dann sagt einer plötzlich: klasse, endlich mal ein tolles, neues Geschäftsfeld!

Dass die Leute einen Terroranschlag live ins Netz stellen, das ist so 2016. Wir wollen uns wieder auf unser Kerngeschäft konzentrieren und mit Kommunikation in den Vordergrund treten. Richtige Kommunikation, zwischen richtigen Personen und, sagen wir mal, anderen Teilnehmern. Unser Ziel ist es, die richtige Kommunikation für die Öffentlichkeit erlebbar zu machen. Sie nennen das Gedankenlesen, weil die Presse das so plakativ in die Schlagzeilen gebracht hat – das ist nicht so ganz falsch, aber auch nicht so ganz richtig.

Wir wollen wissen, was Sie wirklich denken. Dazu müssen wir Ihr Verhalten natürlich genau analysieren, aber da Sie nicht über die passende Hardware verfügen, schließen wir Ihre Meinung aus den Parametern, die uns vorliegen. Augenbewegung oder Tippfehler, ihre mutmaßliche politische Einstellung, Aggressionsgrad, die letzten beiden kann man ja meist nicht getrennt voneinander betrachten, und vielleicht noch den sozialen Status. Es soll ja vorkommen, dass jemand überhaupt nicht erst denkt.

Unser Ziel ist es, Internethetze schon vorher zu erkennen und zu verhindern. Sie bekommen das volle Programm: wir bestimmen, was Hetze ist, und das schon, bevor sie gedacht haben, sie könnten derartige Äußerungen tätigen. Das nehmen wir für Sie zur Kenntnis, löschen es, haken es ab, und Sie sind aus dem Schneider. Ist das nicht fantastisch? Bisher mussten Sie immer noch überlegen, ob so eine Reichskriegsflagge oder Holocaustleugnen eine mehrtägige Sperre nach sich zieht, sicher sein konnten Sie sich ja nur bei unbekleideten Frauen, das bleibt auch so, aber jetzt blenden wir einfach alles aus, was uns nicht relevant erscheint. Das kann man doch als großen informationstechnischen Durchbruch bezeichnen, oder? Wenn nicht das, was denn dann?

Oder denken Sie beispielsweise einmal an Ihre bisherige Reaktion auf Werbung. Sie klicken das einfach weg, weil es Sie nicht interessiert, oder vielleicht haben Sie es auch schon ganz geblockt. Jedenfalls ist das für die Presse, für die Werbung, wollte ich sagen, für die Werbung ist das natürlich ein großer Verlust, wenn Sie das ignorieren. Für die Wirtschaft natürlich auch. Wenn wir jetzt Ihre Kaufentscheidungen umsetzen können, bevor Sie sich darüber klar geworden sind, dann ist damit doch allen gedient, oder?

Das ist ein zertifizierter Prozess, wir nennen das Doppeldenk. Gleichzeitig implementieren wir auch Abläufe wie Minimoral, aber das nur nebenbei. Mit dieser Doppeldenk-Sache können wir uns davor schützen, dass Sie sich vor uns schützen müssen. Oder war’s umgekehrt? egal, jedenfalls müssen wir das Gesetz nicht mehr umgehen, wenn Sie selbst für die Äußerungen verantwortlich sind, die Sie gar nicht einstellen. Ist das nicht bahnbrechend?

Gleichzeitig sollten wir im Auge behalten, dass wir uns auch gemeinsam für die Meinungsfreiheit einsetzen. Sie setzen sich damit erstmal für unsere Meinungsfreiheit ein – Doppeldenk, Sie verstehen? – und wir ziehen dann irgendwann mal nach. Als Initiierung eines demokratischen Prozesses ist das doch okay, oder? Wir wären ja gar nicht dazu verpflichtet, schließlich sind wir ein ganz normales Wirtschaftsunternehmen, auch wenn uns einige für ein staatlich organisiertes Paralleluniversum halten.

Und unter dieser Perspektive wäre es doch ganz gut zu verstehen, wenn wir unser Modell auch auf anderen gesellschaftlich relevanten Ebenen ausprobieren würden, oder? Man muss ja nicht gleich an Bundestagswahlen denken, obwohl: warum eigentlich nicht? Dann hätten wir unter Umständen endlich mal ein ehrliches Ergebnis, weil alle das wählen würden, wovon sie wirklich überzeugt wären. Das würde die Bundesregierung dann auch nicht mehr kritisieren, also die, die dann gewählt würde, und dann hätten wir das Problem auch nicht mehr, weil dann keiner mehr denken würde. Also Sie würden vielleicht noch denken, aber ich denke, Sie würden es dann besser für sich behalten wollen. Ist doch auch gut, oder?“





Selbstbildnis mit Zubehör

9 04 2017

für Robert Gernhardt

Man erkennt den Maurer schnelle
einerseits am Grau,
andrerseits schwingt er die Kelle
flink und recht genau.

Ärzte identifiziert man
flink am Stethoskop.
Dieses Ding, man weiß es, führt dann
zum Patientenlob.

Knipst ein Depp auf Armeslänge
sich am andern End,
sieht man zügig: das Gestänge
treibt die Ausflucht in die Enge,
wenn er damit rennt.





Staatsbürger

22 03 2017

„… der Beitritt der Deutschen Demokratischen Republik nach Artikel 23 des Grundgesetzes nicht das Ende des Arbeiter- und Bauernstaates gewesen sei, da in einem föderalen System der sozialistische Landesteil weiterhin als…“

„… in den neuen Bundesländern beheimatete Staatsbürgerszene die Souveränität der BRD nach 1990 ablehne und den Einigungsvertrag als nichtig im Sinne des…“

„… der Staatsratsvorsitzende Maik Foderlandt die Ausrufung der Sozialistischen Volksrepublik Deutschland in Schwürmsleben vorgenommen habe. Der gelernte Maschinist sei von den drei Mitgliedern seines Kollektivs einstimmig zum…“

„… von der Schriftleitung der regionalen Tageszeitungen verlangt habe, die Planerfüllung der Pflanzenproduktion stärker in den…“

„… wohl aus Restbeständen der Roten Armee organisiert habe. Die mit dem Signet der Neuen Volksarmee lackierten Wagen seien nicht mehr fahrbereit gewesen, als sie von der Bundespolizei bei…“

„… eine völkerrechtliche Vertretung für sich beanspruche. Bisher habe Foderlandt nur ein Fax der angolanischen Botschaft sowie eine Einladung zum gemeinsamen Hören einer Radiobotschaft des Obersten Führers der Demokratischen…“

„… als Vorsitzender der Volkskammer von allen Anwesenden bestätigt worden sei. Das in Rotzkau amtierende Parlament lehne allerdings den Staatsratsvorsitzenden ab, da dieser zum Teil aus Kadern außerhalb des Demokratischen Blocks in zu freien und geheimen Wahlen zum…“

„… das Signal des Digitalfernsehens nicht mit dem mobilen Sendegerät verdecken könne. Die Truppe habe versucht, im Umkreis von fünf Kilometern eine selbst produzierte Aktuelle Kamera anstatt der…“

„… einen Ministerrat der DDR proklamiert habe. Das in Plümzow gegründete Organ stehe aber im Ruf, sich nicht als Regierung des sozialistischen Staates, sondern nur zur Durchführung der von Foderlandt vorgeschlagenen und im…“

„… gebe jeweils eigene Münzen heraus. Auch die nach dem Vorbild der Mark der DDR gestalteten Scheine seien von unterschiedlicher Größe, so dass ein Zwangsumtausch an der Neuen Deutschen Notenbank in Knulpin zur Sicherung des…“

„… wenn die DDR eine gleichwertige Rolle gespielt habe, der Einigungsvertrag ebenso das Fortbestehen Ostdeutschlands und den Beitritt der alten BRD in die…“

„… insgesamt neun einzelne SED-Gründungen gegeben habe, die sich gegenseitig in der Besetzung des Zentralkomitees bei der Planung des Parteitags in der Hauptstadt der…“

„… vermehrt DDR-Führerscheine und Pässe in Umlauf seien. Sächsische Ämter seien mit der Beglaubigung derartiger Dokumente oft überfordert und stempelten in Unkenntnis der Dienstvorschrift die vorgelegten…“

„… inzwischen dreißig SED-Organisationen. Ein Zwangsparteitag sei jedoch nicht in Sicht, da jeder der Generalsekretäre den Vorsitz des…“

„… eigene Grenzsperren errichten wolle. Foderlandt sei der Ansicht, dass das Kapitalistische Beitrittsgebiet West sich widerrechtlich Zutritt zum Territorium der…“

„… als Provisorische Zonenregierung den Abriss des Schlossbaus sowie die Wiedererrichtung des Palastes der Republik verlange, um in der Hauptstadt der DDR für künftige Parteitage der…“

„… bei der nächsten Fußballweltmeisterschaft mit einer eigenen Elf antreten wolle. Die Teilnahme sei vorerst durch eine gerichtliche Untersuchung des Klassenfeindes, der der Auswahl der BSG Motor Zwickau systematisches Doping in der…“

„… dass Rotzkau zur Hauptstadt der Freien Sozialistischen Republik Deutschland bestimmt werden müsse. Rico Gunke, Fachkraft für Schutz und Sicherheit aus Groß Zschümpen, habe das Amt des Staatsratsvorsitzenden freiwillig aus der…“

„… die Bundestagswahl boykottieren werde, da keine der anderen Parteien die real existierenden staatsrechtlichen Gegebenheiten anerkenne. Man habe sich als Staatsoberhaupt auf die Aktivistin Brigitte Klörre (93) geeinigt, die schon in ihrer Kampfzeit gegen den…“

„… habe vor dem Obersten Gericht in Schwürmsleben Anklage gegen Gunke wegen staatsfeindlicher Hetze erhoben. Foderlandt sei durch den Richter, der gleichzeitig Sekretär der SED in…“

„… die Einfuhr von Südfrüchten in die SBZ beschränkt habe. Diese Produkte sollten nach Weisung des Politbüros ausschließlich verdienten Genossen des ZK und der…“

„… Proteste auf größere Städte überschwappten. Jugendliche hätten in Schmöllroda gegen die Versorgungsschwierigkeiten mit Kaffee und…“

„… nicht den gewünschten Erfolg habe. Zwar lägen bereits tausende von Bewerbungen für eine Kosmonautenausbildung in der Sozialistischen Volksrepublik vor, doch sei die Finanzierung des Luft- und Raumfahrtprogramms noch nicht…“

„… den Wiederaufbau des Sozialismus nur durch eine Normenerhöhung realisieren könne. Es sei bereits in den frühen Mittagsstunden zu ersten Barrikaden, Steinwürfen und Straßenschlachten mit der Freiwilligen Volkspolizei gekommen, die sofort mit dem Einmarsch der Bundeswehr…“