Public Shaming

24 08 2017

„… wolle die Regierung Hassbotschaften im Internet nicht weiter hinnehmen. Es sei angedacht, die Verfasser durch eine spezielle Datenbank, die auf Anfrage auch von Medien und privaten…“

„… in der Bundesrepublik umsetzbar seien, wenn die Justiz Warnschussarrest und Prügelstrafe nicht als einzige Möglichkeiten einer…“

„… nicht wüssten, wie ihre Nachbarn hießen, ob sie einen Migrationshintergrund besäßen oder wie viele Personen sich dauerhaft in ihrem Haushalt aufhielten. Das Bedürfnis der Bürger nach mehr Information über ihre angrenzenden Bewohner sei also gar nicht hoch genug zu…“

„… eine genaue Grenze ziehen müsse zwischen justiziabler Beleidigung und Meinungsäußerung, welche zwar als solche auch dem Ermessen eines Seitenbetreibers unterliege, strafrechtlich aber nur unter ganz bestimmten…“

„… nicht die Schule schwänzten, würden sie rechtzeitig durch einen amtlichen Aushang beim kommunalen Blockbevollmächtigten von den Folgen ihres widerrechtlichen Tuns in Kenntnis gesetzt. So bleibe den Behörden nur die…“

„… den Kompromissvorschlag einiger Internet-Konzerne unter der Führung von Facebook sehr genau prüfen wolle. So sei noch nicht hinreichend geklärt, ob die Auszeichnung mit einem roten Punkt die eindeutig kontroverse Äußerung im Sinne des verfassungsrechtlichen…“

„… Betrug nicht als veröffentlichungswürdiges Delikt gewertet werde, es sei denn, es halte sich um Verdachtsfälle, die im Rahmen einer Sozialleistung in den…“

„… im Gegensatz dazu die rechtskräftige Verurteilung wegen eines Vermögensdeliktes nur auf Antrag bekannt gegeben werden dürfe. Da Ermittlungen oder ein laufendes Verfahren gegen Mitglieder von Parteien, die in Bund, Ländern und Gemeinden in den…“

„… die juristische Bewertung der Kommentare nicht der Mehrheitsmeinung überlassen wolle. Facebook habe vielmehr beabsichtigt, Anwälte aus Neuseeland, Tansania, Saudi-Arabien und der Demokratischen Volksrepublik…“

„… auch Steuerhinterziehung nur dann der Öffentlichkeit publik gemacht werden dürfe, wenn eine dreistellige Millionensumme im…“

„… könne man die Einstufung auch durch ein Ampelsystem mit Punkten ermitteln. Es sei daher erforderlich, die jeweils relevanten Werte für eine Beleidigung, Verleumdung oder Volksverhetzung in einen Algorithmus zu…“

„… die gesamte bayerische Landesregierung Verfassungsbeschwerde eingelegt habe. Noch sei zwar kein Strafverfahren gegen…“

„… die einer Bundes- oder Landesregierung angehört hätten. So sei die straflose Beschäftigung im …“

„… gelte auch für Holocaustleugner. So wolle Facebook nach einer rechtskräftigen Verurteilung wie bei allen anderen potenziellen Straftätern die Persönlichkeitsrechte, zu denen natürlich auch die theoretische Unschuldsvermutung…“

„… die üblichen Forderungen nach drastischen Erhöhungen der Freiheitsstrafen diesmal ausbleiben würden. Der Innenminister habe die Polizei darauf eingestimmt, die öffentliche Zurschaustellung der mutmaßlichen Verdächtigen eigenhändig in den…“

„… das Einhalten von Normen nicht nur von Demonstranten bei der Inanspruchnahme von verfassungsmäßig garantierten Rechten fordere. Die Polizei sei jedoch größtenteils intellektuell zu sehr von den Erfordernissen eines regierungsseitig…“

„… auf vielen Seiten. Daher werde ab sofort bei einer berechtigten Meldung, die zu einer Sperrung der betreffenden Seite sowie zur Weiterleitung der Daten an die Staatsanwaltschaft führe, auch der meldende Account wegen vorsätzlichem…“

„… könne Public Shaming im großstädtischen Bereich durchaus zu einem sozial akzeptierten Event werden, das die…“

„… sich ein starkes Gemeinschaftsgefühl unter den Rechtsradikalen entwickle, wenn Verfahren gegen Hasskommentare zwar angestrebt würden, aber regelmäßig ins Leere liefen. Facebook halte dies allerdings für eine gute Entwicklung, da es zu einer Entwicklung von starkem…“

„… nicht gutheiße. Andererseits sei der sich entwickelnde Volksfestcharakter der Anprangerung ein gerade im Osten erfreulicherweise als…“

„… nicht offenlegen wolle. Ein Algorithmus, der zielgruppenspezifische Werbeanzeigen für rechtsradikale Straftäter steuere, sei ein für die strategische Planung des Unternehmens derart wichtiges Projekt, dass strafrechtliche Ermittlungen nur mit Einwilligung des…“

„… private Daten im Internet nicht veröffentlicht werden dürften. Das Justizministerium sei sich sicher, dass durch den Datenschutz die meisten Straftaten bereits im Keim…“

„… eine Folge der personellen Unterbesetzung sei. Aus arbeitsökonomischen Gründen müsse man vereinzelte Offenlegungen von privaten Daten rechtsradikaler Straftäter schnellstmöglich aus dem Internet entfernen, während die Publikationen der Nationaldemokraten und entsprechender Verbände schon auf Grund ihres Listencharakters keine…“

„… die sozialen Medien gewohnte Standards umsetzen wollten. So dürfe man rechtsradikale Straftäter erst dann melden, wenn sie mehrmals auf Bildern identifiziert worden seien, die aus stark unterschiedlichen Perspektiven oder zumindest…“

„… alle Mitglieder der CSU sowieso ihre Familien, Freunde und Bekannte dritten Grades unter gesetzliche Immunität stellen müsse, da sonst das öffentliche Leben in Bayern sofort…“





Brrmmm-Brrmmm

14 08 2017

„Das ist da aber nur für den Tundra GLS und die Sondermodelle mit Sportfahrwerk. Der Rest ist im Stadtverkehr vorbildlich, im Stau hört man den kaum, und wenn Sie den Savanna XL mit Benziner bestellen, der ist fast noch besser, wenn er nicht zufällig schlechter ausfällt.

Sie können gerne mal reinhören, wie laut die Dinger im Stand sind, wir haben hier jede Menge auf dem Parkplatz stehen. Da können Sie dann gerne mal eine Probefahrt machen, natürlich nur bei Schrittgeschwindigkeit – regen Sie sich ruhig auf, aber das schreibt die Straßenverkehrsordnung vor, und wir haben nicht vor, aus Sicherheitsgründen unser Personal zu gefährden. In Deutschland gehen wir mit dem Thema sehr sensibel um.

Also der Tundra GLS ist bei 50 Kilometern pro Stunde – und innerhalb geschlossener Ortschaften bewegen sich unsere Kunden auch nur mit dem Tempo, das wissen wir ganz genau, wir haben da nämlich zweimal nachgefragt in den letzten Jahren – bei 50 wie gesagt ist der gar nicht so laut. Der Eingriff in die Klappensteuerung und das mit den Rohren, die mehr oder weniger Störschall filtern, das kommt ja erst, wenn der Wagen schneller fährt. Aber das ist dann eben außerhalb geschlossener Ortschaften, und da frage ich Sie direkt mal: muss man in seiner Freizeit direkt an der Autobahn stehen und sich über die Geräusche aufregen? Das macht hohen Blutdruck, da atmen Sie am Ende noch zu viel Feinstaub ein, und niemandem ist damit geholfen. Außerdem stehen da eh schon die Lärmschutzwände, also können wir uns das auch sparen.

Klar, es gibt auch Grundstücke, die direkt an der Straße liegen, teilweise liegen die direkt an der Autobahn. Also wenn der Makler in der Anzeige etwas von optimaler Verkehrsanbindung schreibt, dann wollen Sie die Wohnung, und wenn auf der Straße aus Versehen Autos fahren, dann ist es Ihnen auch wieder nicht recht? Wie fliegen Sie eigentlich ohne Flugzeug? Und haben Sie keine Kinder, die mal auf den Spielplatz gehen? Reden Sie sich nur raus, das wird alles gegen Sie verwendet!

Jedenfalls ist das technisch gar nicht anders möglich, wenn Sie mit einem Auto, jedenfalls mit einem Kraftfahrzeug mit Verbrennungsmotor, wenn Sie da schnell fahren wollen, dann müssen Sie eine gewisse Geräuschentwicklung einfach mit in Kauf nehmen. Und die ist nicht vollständig unerwünscht, die ist im Zuge unserer Mobilitätsgesellschaft zu einem unverzichtbaren Teil öffentlicher Sicherheit geworden. Stellen Sie sich mal jemanden vor, der auf der Straße – da wird nicht nur gewohnt, da bewegen sich Menschen teilweise auch außerhalb der Fahrgastzelle – einem Auto begegnet. Als kleines Kind, als alleinerziehende Mutter über 30, das sind so Zielgruppen, die wir unter unseren Kunden eher selten antreffen, die wollen doch eine möglichst frühzeitige und sicherheitsspezifische Warnung haben, oder? Da hilft ihnen der sonore Sound eines Zwölfzylinders, den ignorieren Sie nicht. Kann sein, dass die Fahrweise auch innerhalb geschlossener Ortschaften das akustische Bild der Straßen prägt, aber zumindest weiß man: wenn da was bollert, dann ist es ein Auto. Ich möchte mir nicht vorstellen, wie die Unfallzahlen in einer vollständig auf Elektromobilität umgestellten Stadt aussehen.

Und dann natürlich das Fahrgefühl, das ist ja nicht nur das Lederlenkrad oder die elektronische Fahrdynamikregelung. Sie wollen auch dieses auditive Erlebnis, das mit Ihrem Auto kommt, dieses Brrmmm-Brrmmm, das ist wie ein Erkennungsmerkmal von Marke und Fabrikat, und das macht doch das Fahren erst zum Fahren, oder? Das geht bis zum Schallschwingungserlebnis, wenn Sie die Tür zuschlagen, da trennt sich Pappe von männlichem Stahl!

Das kann man auch regeln, wir hatten für den neuen Pampa Gran Tour ein ausgeklügeltes System mit Motoraufhängungsvarianten und zuschaltbaren Krümmern im Ansaugtrakt geplant, aber das Ding reagierte völlig falsch. An der Ampel macht das Teil einen Lärm wie eine Klimaanlage in Kabul, und auf der Schnellstraße müssen Sie alle paar Sekunden nachgucken, ob der Motor noch läuft. Schrecklich, sage ich Ihnen. Unsere Testfahrer hatten traumatische Erlebnisse, manche meinten, sie säßen auf dem Fahrrad. Das kann empfindliche Lücken in die Kundenbindung reißen, und wer erklärt dann dem Dobrindt, wo die Arbeitsplätze hin sind?

Übrigens verfolgen wir nur die offizielle Politik der Bundesregierung, und unsere Kanzlerin ist nun mal Physikerin. Der können Sie nichts vormachen, die weiß nun mal, wie physikalische Prozesse eben so ablaufen. Uran strahlt? Haste nich gesehn! Aus der Braunkohle kommt Kohlendioxid? Wer hätte das gedacht! Ein Explosionsmotor funktioniert mit Explosionen, schon mal gehört? Die Kanzlerin hat das offensichtlich zur Kenntnis genommen und allem Anschein nach hat sie es auch verstanden. Der muss man das nicht erklären, die versteht das von sich aus. Das liegt bei ihr an der Geschichte. Die war mal real-sozial-istisch, sozial ist weg, und mit dem Rest kommt man ganz gut klar. Also wir als Industrie, und das zählt doch, oder?“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXXXII): Betroffenheit

11 08 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Alarm! Weltuntergang! Wir müssen uns dem Thema mit der nötigen Sensibilität nähern, weil das macht etwas mit uns! Schön, dass wir mal über den ganzen Schmodder geredet haben. Einfühlsam und verletzlich packen wir die Handgranaten zurück in die Küchenschublade – warum eigentlich? – und finden das dufte, wie wir auf uns selbst eingehen. Das mit dem gesamtgesellschaftlichen Bewusstsein und die Identifikationskiste, das ist auch irgendwie voll schön, wie wir uns so total einbringen können, und schon haben wir da ein Problem: wir sind betroffen. Nein, wir sind nicht betroffen. Aber wir wollen es sein. Wir sind jetzt betroffen, und wehe, wenn nicht!

Weil die verdammte Stallwärme längst aus der Sprühdose kommt, dieses Erfahrungsding in einer selbst verschuldeten Parallelexistenz der Knalltüten aus dem Hintergrund. Weil die Beknackten in alles, alles ihre verfluchten Nasen reinstecken müssen, was nicht schnell genug den Hammer rausholt. Im Allgäu wächst kein Mais? Friedensdemo! der Erstschlag muss her! Die bigotte Bizarrerie der Berufsaufgeregten duselt offiziöse Gefühle in die Gegend, und das aus gutem Grund. Mitnichten sind sie ansatzweise informiert über das, was sich in diesem Wirklichkeitsdingsi tut, also sprachröhren sie ihre verwirrte Gestrüppversion der Tatsachen in die ansonsten unbeteiligte Außenwelt, in der festen Überzeugung, jeder Halbaffe habe sein Leben lang auf ihre Absonderungen gewartet.

Der Flow, wissenschon. Irgendwann suppt alles in die untere Etage durch, auch Brackwasser sucht sich seinen Weg, und das weiße Rauschen kennt schon aus Prinzip kein Mitleid. Dass derart massive Kontingente an Hominiden ohne nennenswerte Anzeichen von Existenz auf diesem Planeten vor sich hinvegetieren, das hätte man auch nicht ahnen können. Allein die psychosozialen Folgekosten hat mal wieder keiner auf dem Schirm gehabt. Alle sind betroffen, kräht’s ideologisch durch Bodennebel und Sumpflandschaft, wer würde sonst mit uns reden? und wozu auch?

Wenn alle Hunde heulen, die nachweislich nicht getroffen wurden, ist die Angelegenheit kurz und geschmacklos geklärt. Die Kaugummivokabel aus den absaufenden Siebzigern ist das Motiv, sich zum Sprung in der Schüssel schnell einen eigenen Jargon zurechtzuschwiemeln. Das Medium ist die verkorkste Botschaft, eine gründlich vergammelte Hohlhupe nach der anderen engagiert sich in der Späteifel für den Vietkingkong oder muss mal ganz gewaltfrei ausdiskutieren, ob die Beziehung in der analytischen Sicht sich vom Gleichgewicht her in die Auseinandersetzungsebene integrieren lässt. Den Quadratquark kann man auch verlustfrei rück- oder seitwärts sprechen, er wird dadurch nicht weniger überflüssig.

Vom Mitgefühl des Mitbetroffenseins – der von den bösen Bullen wegen nur eines Scheckbetrugs verhaftete Kumpel hatte eine schwere Kindheit, man selbst kam aber auch aus Bad Gnibtzschen, da zwängte sich die Parallele quasi auf – kleckerte es ansatzlos in die Mitberührtheit des so gut wie schon engagierten Tuns, kurz: wenn es einen Grund gibt, hüpfen wir mit von der Brücke. Duzer dümpeln durchs Land, was weiland waren Wut und Trauer, ist jetzt ganz unten angekommen. Die degenerierte Spezies wuchert direkt in die Plage des aktuellen Jahrtausends, den besorgten Bürger – das eine ist er nicht, das andere noch viel weniger – in seinem bis dato unbestrittenen Revier, der unhinterfragten Beklopptheit. Auch er lässt viel Müll unter sich, man hat ihn nur nicht auf der Rechnung, da man keine Ambitionen hat, diesen sportlichen Ansatz um den intellektuellen Nulldurchgang nicht mehr als nötig zu gefährden. Auch sie reißen die Fresse bis zum Anschlag auf, wo nur Geruch herauskommt. Auch sie haben nichts zu sagen, da sie nicht, nie, nicht betroffen sein können – auf ihrer Straßenseite leben keine Dinosaurier, also quaken sie ihre ganze, verschissene Inkarnation lang über nichts anderes – und gehen ihrer Mitwelt in toto auf die Plomben, dass es seine Bewandtnis hat. Sie müssen sich als Randfiguren mit Geplärr ins Zentrum hebeln, sonst wäre ihnen das Nutzlose ihrer vegetativen Versuche längst aufgefallen. Je lärmer, desto wichtig.

Haben sie nicht alle irgendwann mit dem Filzer an der Klowand angefangen und sich dann darüber geärgert, dass sich niemand für ihr peinliches Selbstmitleid interessiert? Hat ihr geistiges Hobeln an der Grasnarbe je den Gedanken gestört, sie seien als Verbrauchsmaterial der bourgeoisen Schicht im vorauseilenden Gehorsam gut geschulte Deppen? Haben diese Empfindlichkeitsmasochisten je den Eindruck erweckt, die eigene Lage auch nur im Ansatz zu kapieren?

Ein kleiner Traum bleibt: Adorno nimmt die Handgranaten aus der Schreibtischschublade und schlenzt eine nach der anderen auf die Bühne. Bis sie davon alle voll total betroffen sind. Irgendwie.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXXXI): Frühstücksfernsehen

4 08 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Dass pünktlich mit der Sichtbarkeit der Sonne vom Bergfried herab die Fanfare quäkte, hatte seine Gründe. Hin und wieder war ein Herold beim bis dato üblichen Verfahren, den auf der Lanze montierten Hahn durch den Laden zu stecken und damit den Tagesanbruch zu signalisieren, aus Versehen mit harten Gegenständen sowie der Lanze kollidiert und gleich ins allgemein Organische übergegangen. Das Metaphorische, ja: Mechanische aber blieb, der Schmerzreiz in Kopfhöhe, als liefe der Trailer zum Jüngsten Tag gerade an. Mit mehr Schmackes hatte nie Dämmerung sich erhoben über den Finsternissen, seitdem die Säbelzahnziegen ihr dusseliges Geblöke an der Höhlenpforte aufgegeben haben, teils aus Folgenlosigkeit, teils, weil sie ausstarben. Das Leben blieb gleichbleibend hart. Bis das Frühstücksfernsehen erfunden wurde.

Der Konsument kollidiert versehentlich mit dem Bedienelement und wird ad hoc von Grinsefratzen umjodelt, wie Affen auf Saccharin die Mattscheibe von innen ausbeulende Knallfrösche, die um Aufmerksamkeit betteln und dazu nur ein einziges Mittel kennen: Lautstärke. Eine Butterfahrt der Geschmacklosigkeiten schunkelt schmerzbefreit über den Schirm, stopft dem wehrlosen Volk Finger in sämtliche Gesichtsöffnungen und zieht es auf ein Niveau hinunter, auf dem sonst nur Schlager und Aufsichtsratssitzungen überleben können. Genau die richtige Stimmung für ein Inferno.

Das just von der Herrenausstatter-Resterampe gescheuchte Moderationsvieh wirkt denn auch wie ein zu enger Schuh, der durch zwanghaftes Ruckeln in die einzig halbwegs erträgliche Position gebracht werden soll. Wer auch immer dieses Regiekonzept in der Mappe für ernsthafte Vorschläge abgelegt hat, sein entspanntes Verhältnis zum Ritalin hätte die Produktionsfirma frühzeitig warnen müssen. Größere Differenzen zwischen Wirklichkeit und Wirkung kriegen nur esoterisch vollverschwiemelte Kanäle und am Rand der Umnachtung dümpelnde Shoppingsender hin, wenngleich mit einer erheblich geringeren Breite des Angebots, jenem Kaleidoskop aus Boulevard, Sport, Politik, Kitsch und Service, wobei die letztere Rubrik juristische Haushaltstipps und praktische Hinweise zur Börsenanalyse mit den saisonal bedeutenswerten Kinderkrankheiten in den Thermomix stopft. Das Ergebnis ist entsprechend, mit Abstrichen verwertbar, aber nutzlos.

Überall, wo TV-Macher den ihrem Medium eingemeißelten Mainstreamhumor an überwiegend noch schwer somnolente Zielpersonen bringen wollen, ploppt der fröhliche Wahnsinn aus dem Hinterkopf auf: mach es platt, Baby. Die unerträgliche Seichtigkeit des Schleims schwappt auch hier aus dem Gerät, vermutlich aus der für Vorabendserien konstruierten Schmalzaustrittsdüse, die auch hier in einer schwer erträglichen Duftnote von Karneval und Zwangsstörung aufgepappt wirkt. Wie sehnlich wünscht man sich als unbewaffneter Kontrahent des noch jungen Tages eine Mistgabel, um das aufgeputschte Geballer zwischen Newsflash und Wetterbericht zum Erliegen zu bringen. Die Sensation und die heitere Dramatisierung der daraus folgenden Spannungszustände widmet sich in heiterer Art dem Versuch, die Banalität real erfahrbar zu machen. Was an Mittelmäßigkeit aus dem Redaktionsfilter dringt, es wird sorgfältig und bis in die letzten Winkel der Gemeinplätze bunt bemalt, glatt lackiert, hastig geschmirgelt.

Vor allem ist das Frühstücksfernsehen, wie es in fragwürdiger Analogie zur Nahrungsaufnahme die Contentbulimie in eine halbstündige Rotation zwingt, eine fettbasierte Häppchenüberfütterung mit Fakten, Fakten, Fakten und allem, was als halbwegs beweisbare Äußerung durchgeht. Hektisch getaktete Eigenwerbung zwischen Kino und Human Interest sorgt wie periodisches Sodbrennen als Marker, das versendet sich nicht – einmal gesehen, setzt die Peristaltik zielsicher wieder ein, aber sorgt das für den Griff zur abschaltenden Macht? Der auf leichte Bekömmlichkeit getrimmte Seim, Bluthochdruck, Euro-Krise, Helene Fischer und der Präsident der Herzen, er sickert planvoll in die Synapsenlücken ein, verklebt der brägenbewölkten Guckeria schon nach zwei Durchläufen das Dialektikmodul und planiert die Einflugschneise für die eigentliche Thematik: das Elend der Welt zu erkennen aus publizistischer Sicht, wie es sich Tag für Tag nur marginal ändert, damit die restliche Medienmeute beim entnervten Abschalten wenigstens weiß, worauf sie ihre Konditionierung gründen soll. Bis zu den Spätnachrichten.

Besser für die Seele der Zuschauer wäre es, man ließe Clowns Nachrichten vorlesen, Popsänger die Börsenkurse verkünden und den Rechtsanwalt, den sich der Sender hält, Sonnenbrillen testen, während der Rest Marmelade kocht. Alle halbe Stunde präsentiert ein elektrisches Garagentor das Programm. Vielleicht käme das wieder in den Nachrichten, quasi auf einer Metaebene, und dann wären alle harmlosen Menschen verstört, aber nachhaltig wach. Auch nicht schlecht.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXXX): Das Mittelalter als Folie und Wunschvorstellung

21 07 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Ein Zeitalter wird besichtigt: Sightseeing in einer dunklen Epoche ohne Wasserspülung. Herr Hallmackenreuther kann gerade nicht kommen, er hat die Pest. Das aufreizende Fehlen bunt bemalter Knalltüten mit elektrischer Gitarre wird allerwärts als Kollateralschaden für das touristische Potenzial bemängelt. Kunibert der Ersetzbare bringt noch eben schnell seine Brüder um und erobert dann die Grafschaft Ziegenhain von seinem Schwager Botho von Sponberg, wobei letzterer unglücklich mit der Axt in der Birne von der Zugbrücke segelt. Gattin Irmintrudis sorgt für sein Spontanableben nach der Rückkehr, übernimmt die Burg, schenkt dem zukünftigen Ex-Bischof Alduin von Hinten sein neuntes bis dreizehntes Kind und wird dann zur Lokalheiligen. Das sollte normalerweise für eine Vorabendserie reichen, grausame Bilder, nackte Haut, Grillfleisch galore, Ströme von Schnaps und Blut, und irgendwo hinter der Säule saß sicher Karl der Große. Wie es halt im Mittelalter so war.

Die schlechte Nachricht zuerst: es gab keinen Schnaps, denn die Destillation wurde erst später auf eine vernünftige technologische Ebene gehoben. Das Volk stillte seinen Durst an Minderprozentigem und lutschte zermatschte Rüben aus dem Kessel, weil die Kartoffel erst ein halbes Jahrtausend später kommen sollte. Diese konservative Vorstellung von der guten alten Zeit, sie zeigt einen Abschnitt, der weder alt noch gut war.

Denn wie historische Romane – heute sind es die epischen TV-Narkotika – den Massen meist nur ein Bild der Entstehungszeit vermitteln, gespiegelt in den Ansichten des Autors, so ist ein Zeitalter der Haudegen nicht besonders repräsentativ für die Lebensentwürfe in einer Ständegesellschaft, die den meisten Menschen null soziale Mobilität, Freiheit oder Individualität bot, dafür aber genug bizarre Moralvorstellungen, Hilflosigkeit gegenüber der Fremdbestimmung, genug körperlichen Verfall sowie einen frühen Tod. Knechtschaft, religiöse Wahnvorstellungen und Dreck kommen in der metgeschwängerten Fieberfantasie nicht vor. Dafür aber waren alle in ihren Rückführungstherapien Päpste und keiner Bauer, Schmied, Knochenhauer. Der Pöbel vor den Flachbildschirmen weiß ja nichts von der Wirklichkeit, die hinter der Inszenierung lauert. Er war doch auch noch nie im Weltraum und guckt trotzdem die Filme mit dem Alienklops.

Am beliebtesten ist bis heute der Herbst des Mittelalters, jene Epoche, die mit dem Verfall der Kaiseridee und dem Niedergang der Gesellschaft die überschaubare Welt in ein unüberschaubares Chaos kippte. Beim modernen Ignoranten, der in einer geordneten Welt mit Zahnersatz und Rechtsschutzversicherung vor sich hin vegetiert, kommen nur die Heldentaten imaginärer Ritter an, die in Wirklichkeit schmarotzende Berufskriminelle mit locker sitzenden Hieb- und Stichwaffen waren, materiell eingestellte Söldner, mit denen sich jeder beliebige Bürger- und Nachbarschaftskrieg vom Zaun brechen ließ, als könne man mit Zeitarbeit seine Mordbuben aufstocken. Kriegerische Gewalt plus dürftige Quellenlage, dies ist nicht mehr als das Paradies der Romantiker, auch solcher, die im national verschwiemelten Delir hollywoodesken Monumentaltalmi aus dem Hirn häkeln. Feucht-völkisch wanzt sich eine brägenbewölkte Schicht an den historischen Befund, schreckt aber schon beim Menschenbild jäh zurück. Aus gutem Grund trug man seinerzeit nur Vornamen, damit der Exitus eines Sippenkaspers nicht die ganze Ordnung in Unordnung brachte. Natürlich gab es ein Leben vor dem Tod, es interessierte aber keinen.

Wer dem Minnegeträller folgt, kommt alsbald in der grausamen Realität an, wo Kinderehe samt Vergewaltigung Schutzbefohlener – für die Retter des christlichen Abendlandes bekanntlich nur im Nahen Osten als Exportschlager entwickelt – an der Tagesordnung waren, ebenso die regelmäßige Zerstörung abhängiger Landleute, wo man doch durch Zehnten und illegale Strafsteuern den Wirt viel besser am Leben hätte halten können. Die Leute klotzten sich Dome in den Vorgärten, aber keine Untertaneninitiativen demonstrierten wegen der anhaltenden Geräuschbelästigung durch Krane und Geläut. Aber die Welt war einfacher ohne diese ständig geforderte Individualität. Es gab keinen Staat, und wenn, war er bloß eine nette Idee ohne Konsequenzen. Jeden Moment konnte in der von Geister- und Dämonenglaube grundierten Welt doch ein Monster aus finsteren Gassen eines verwinkelt in den Wald wuchernden Metropölchens knurren und alle Albträume Wirklichkeit werden lassen. Wir wissen es heute besser, und es tut uns nicht mehr gut. Die tollkühnen Reiter in ihren scheppernden Blechbüchsen erledigten sich endgültig mit dem Feudalsystem, das bis heute seine Anwesenheit in den Raum stellt. Die Postmoderne hat da nicht viel zu bieten. Bis auf den Schnaps.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXXIX): Das Erlebnisgeschenk

14 07 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Sicher mangelte es Ugas Weib entscheidend an der nötigen Kreativität. Nun feierte man seinerzeit eher selten tagesgenaue Geburtsdaten, doch konnte an Mondphasen und Sonnenstand einigermaßen gut nachvollzogen werden, wer wie alt war – nebenbei auch, wer noch wie lange bis zum Übergang in die ruhende Materie hatte, aber das ist eine andere Geschichte – und dies zog die entscheidende Frage für Sippe und Nachbarschaft nach sich: was gibt man jemandem, der angesichts epochaltypischer Güterknappheit eh schon alles hat? Die dritte Kette mit Eberzähnen? Noch einen Speer aus Hartholz mit bastumsponnenem Griff für die ergonomische Jagd? Pilze zum Lustigsein? Sie gaben sich redliche Mühe, allein es gelang ihnen nichts. Da hatte die Gattin den entscheidenden Gedanken: er allein sollte das Säbelzahnnashorn umnieten mit der alten Axt, am besten zum Wochenende hin, wenn eh alle in Grillfeststimmung waren. Die Sache sollte dann zwar schiefgehen – es gab Überlebende, allerdings nur in Gestalt des Säbelzahnnashorns – aber die Sache mit dem Erlebnisgeschenk war an sich gar nicht mal so schlecht.

Schließlich hatte man es dem stolpernden Typen mit der schartigen Machete angesehen, dass die Jagd ihm sichtlich Freude bereitet hatte, eine starke Erfahrung, die er mit der brutalen Wirklichkeit machen durfte, möglicherweise weniger schön als erwartet, auch nicht so romantisch-heroisch, wie es die alten Geschichten vor sich hin schwiemelten, blutiger, hier und da mit mehr Infektionen, Schmerz und splitterndem Gebälk verbunden, und sicher gab erst dies dem Manne das Gefühl, etwas empfunden zu haben. Wer sich Auge in Auge mit schnaubender Bestie sah, halb hilflos, halb heldenhaft, der erst kann wahrlich ermessen, wie der Eigenrausch der internen Botenstoffe die Synapsen ausknipst, herb und herzlich, dreckig und laut.

Vor allem dieses betreibt der maskuline Mensch – wer sonst sollte sich dieses Kindergekasper sonst wünschen – meist mit maschineller Unterstützung, bis der Gerichtsmediziner kommt, knatternd und selten niveauvoll, dabei doch erwartbar originell im Abgang, immer noch das Kinn voran, ob auf dem Bagger durch den Kies oder mit dem Kinn voran am Gleitschirm erst der Navigation folgend und dann dem Wuchs des Spannbetons. Die Nachfahren des Höhlenmenschen wollen partout von Sachen herunterhüpfen, über die Ebene brettern, Schneisen in die Flora kratzen oder einmal, einmal dem viel größeren Honk eine aufs Nasenbein zimmern. Wie sonst wäre der Gang der Zivilisation zu erklären, würde man ihnen Malen nach Zahlen, gewaltfreie Zivilistenküche oder achtsames Atmen beibringen. Die üblichen Kindheitsträume wie Lokfahren oder Mondlandung scheinen nicht mehr zu ziehen, das moderne Gegenstück, etwa die Fahrt auf den Wasserwerfer durch die Belegschaft der streikenden Fabrikarbeiter, bietet nicht den erwünschten Daseinsgenuss. Der Aspekt des Scheiterns ist nicht ausreichend repräsentiert, wiewohl er doch allem innewohnt, nur eben im Geschenk guckt ihm der Realitätsflüchtling nicht ins offene Maul. Zu gerne erlebt er den Tag als heizender Held, an dem man die Landschaft vorbeizieht – le sujet, c’est moi.

Dabei böte sich doch an, das Leben der jeweils anderen den Neugierigen als Abenteuer anzubieten. Wie schön, wüsche der geneigte Mann der Tat einen Tag lang Fäkalientags von innen, statt sich mit Steuerrecht zu beschäftigen, kletterte auf Windkraftanlagen oder stünde als Gemüseputzer tief im Bauch des torkelnden Passagierschiffs, ein Zwiebelspartakus, der noch höchst real davon träumte, nach der nächsten Schicht in den Sack zu hauen und sich die große Freiheit zu nehmen. Der wohlige Schauer der Erinnerung an den Adrenalinschub wird für den Rest des Lebens bleiben, ein entscheidender Einschnitt in der Vita der dekadenten Wohlstandsgören, denen es nicht mehr reicht, am Gummibändsel aus dem Helikopter zu baumeln, um sich die Pickel an der Skyline von Bad Salzuflen zu zerschmirgeln. Sie wollen mehr, und sie bekommen es, denn sie haben dafür gezahlt.

Eine neue Sklavenschicht hockt in den Gulags der Eventagenturen. Sie denken sich immer neue Höhepunkte aus, mit denen die Weichstapler ihre Existenzen zur Biografie umstricken können. Terroralarm in der Toskana, im Maserati durch Marokko, mit Doktor Kimble durch das wilde Kurdistan, Harry holt schon mal den Panzer und macht möglich, was bisher an der funktionierenden Impulskontrolle gescheitert war. Ist dies der Garant, dass nicht täglich Verstörte mit dem Sturmgewehr durch den Bundestag stolpern, dann haben die ereignisorientierten Stressoren dieser Gesellschaft schon einen großen Dienst erwiesen. Vielleicht klonen sie demnächst vorsintflutliches Getier, der spontanevolutionäre Schub wäre nicht zu verachten. Und wie träte man besser von der Bildfläche ab als mit dem Gesichtsausdruck der ultimativen Überraschung. So glücklich sind wir heute, aber das haben doch die wenigsten gehabt.





Aliens

12 07 2017

„Diese Dinger kann man doch verbieten?“ „Wie soll das denn gehen?“ „Wenn der Minister gegen die vorgehen will, werden wir das auch genau so umsetzen. Wir sind ein SPD-geführtes Ministerium, wir wissen, was wir tun. Algorithmen sind unser Feind.“

„Sie wissen auch genau, was Sie da tun?“ „Bis jetzt hat uns noch keiner gesagt, dass das nicht mit der Verfassung zu vereinbaren ist, deshalb haben wir uns mit den Fragen inhaltlich noch nicht befasst.“ „Und wenn Ihnen einer gesagt hätte, dass das verfassungswidrig ist?“ „Dann hätten wir es erst recht nicht getan. Wir hätten dem Minister beibringen müssen, was eine Verfassung ist.“ „Hätte Sie das überfordert?“ „Nein, aber ihn.“

„Also weiß er nicht, was Algorithmen sind?“ „Irgendwas Digitales, nehme ich an.“ „Nehmen Sie an?“ „Wir nehmen an, dass er das annimmt.“ „Er nimmt das also an?“ „Er nimmt bis auf Vernunft alles an.“ „Und wenn jetzt jemand ein Gesetz…“ „Das muss dann aber digital sein.“ „Weil er weiß, was Gesetze sind?“ „Er nimmt an, nein: wir nehmen an, dass er annimmt, dass er weiß, was digital ist.“ „Daher hält er Algorithmen für digital?“ „Oder für eine Art Gesetze.“ „Und wir sollen dann annehmen, dass wir damit zurechtkommen?“ „Das nehme ich an.“

„Hat dem Minister überhaupt schon mal jemand erklärt, was Algorithmen sind?“ „Nehme ich an.“ „Das ist doch…“ „Ich nehme aber auch an, dass er es nicht kapiert hat.“ „Weil er mit seiner digitalen Antidiskriminierung nicht kapiert hat, was digital ist?“ „Er hat nicht kapiert, was Diskriminierung ist. Deshalb muss er nun digital dagegen sein.“ „Diese Antidiskriminierung funktioniert doch bisher auch nicht.“ „Deshalb braucht er ein Gesetz, das in diesem Interwebnetz auch cybermäßig nicht klappt, dann kann er Online-Surfen auf der Datenautobahn auch… nee, ich komm noch mal rein.“

„Egal, bisher kann jeder Finanzdienstleister mit einem Algorithmus ausrechnen, wem er einen Kredit gibt und wem nicht.“ „Das ist ja auch ganz im Sinne der Wirtschaft, sagt die SPD – geht es der Finanzwirtschaft gut, dann geht es den Konzernen gut, und wenn die nicht zu viele Leute entlassen, dann können wir den Superreichen neue Geschenke machen, und dann geht es der SPD gut, und wenn bis dahin kein Krieg ausbricht, ist alles gut.“ „Ja, aber: Algorithmen sind nicht illegal.“ „Aber dieses Interonline, das ist nicht in den Griff zu kriegen. Wir haben es mit den Zugangssperren probiert, aber die Steuern, die Facebook hinterzieht – verstehen Sie mich nicht falsch, aber wenn der Minister morgens aufwacht und tot ist, dann waren es nicht die Aliens. Das waren die Algorithmen.“ „Wir müssen wirklich Angst haben vor denen.“ „Wem sagen Sie das!“

„Wenn Sie so viel Angst vor den…“ „Ach was, das sind nur ein paar Zahlen, davor hat man doch keine Angst.“ „Ich meine, Sie müssen doch Angst haben vor den Anwendern. Die Bürger, die die Sachen ins Netz reinschreiben.“ „Das haben Sie nicht richtig verstanden. Wir wollen doch die Bürger gerade schützen vor denen, die… also ich meine…“ „Sie wollen sich schützen, dass Bürger ins Netz reinschreiben, was an den Algorithmen vorbeiläuft?“ „Nein, aber wir müssen das besser koordinieren.“ „Was?“ „Dass die Algorithmen auch das ausfiltern, was wir nicht haben wollen.“ „Also geht es um Zensur?“ „Das ist Ihre Meinung!“ „Die habe ich, weil wir noch keine Zensur haben.“ „Aber Zensur wäre, wenn wir Algorithmen verbieten würden, etwas zu zeigen, was wir als Minister, nein: der Minister als Regierung, die Teil einer Bundesregierung, die der Wirtschaft…“ „Hä?“ „… die Teil der Bundesregierung…“ „Was genau wollen Sie mir gerade sagen?“ „Jedenfalls würden wir als Regierung nicht etwas zeigen wollen, was wir als Regierung… nee, auch nicht…“ „Sie verlangen als Ministerium, dass die Algorithmen das nicht zeigen, was Ihrer Ansicht nicht gezeigt werden sollte.“ „Ich will dem nicht widersprechen, würde aus juristischen Gründen auch nicht sofort zustimmen.“ „Schon klar.“ „Man weiß nicht genau, ob diese Aussagen nicht schon durch die digitale Antidiskriminierung verboten sind.“ „Dann darf man online nicht dasselbe behaupten wie im Internet?“ „Ich weiß nicht, aber wenn Sie offline irgendwas sagen, beispielsweise in Hamburg, ich weiß nicht, ob das momentan überhaupt noch so sinnvoll ist.“ „Dann müsste man also den Algorithmen beibringen, dass sie bestimmte diskriminierende Aussagen nicht treffen.“ „Geht das denn?“ „Die sind im Gegensatz zum Minister vermutlich lernfähig.“ „Das ist gut, aber da müssen Sie sich keine Sorgen machen. Wenn Sie sich nicht abweichend verhalten, sollten Sie keine Nachteile fürchten.“ „Müsste sich dann nicht der Minister auch Sorgen machen?“ „Weil er sich abweichend verhält?“ „Auch das. Ich meine aber eher, weil er so gar nicht lernfähig ist.“ „Das heißt, er wäre eine Art Sicherheitslücke?“ „Er ist ja für die Algorithmen nicht berechenbar.“ „Das ist in der Tat schwierig. Wir müssten als SPD-geführtes Ministerium den Minister auswechseln, weil wir immer alles das verbieten, was wir nicht verstehen.“ „Und das würden Sie mit welcher Lücke begründen?“ „Innere Sicherheit. Der Mann ist dümmer, als die Polizei erlaubt.“