Impfschaden

11 05 2021

Ich war unverzüglich zu ihm gefahren. Er saß am Küchentisch und massierte seine rechte Hand. „Es fühlt sich ganz taub an“, murmelte Herr Breschke und bewegte die Finger. „Und es zieht schon bis hier oben in den Ellenbogen.“ Besorgt sah ich ihn an. Sein Gesicht schien normal, er konnte auch ohne Schwierigkeiten aus der Teetasse trinken, also war ein neurologischer Zwischenfall nicht sehr wahrscheinlich.

„Gestern fing es an“, berichtete Frau Breschke. „Er war kurz mit Bismarck vor der Tür, einmal bis zum Briefkasten Ecke Uhlandstraße und zurück, und als er sich den Mantel wieder ausziehen wollte, da hatte er so ein komisches Gefühl in der Hand.“ „Und im Arm“, ergänzte er. „Im ganzen Arm, ich habe ja die Strickjacke zuerst gar nicht anziehen können, weil das mich so geärgert hat.“ Ich kratzte mich am Kopf. „Normalerweise passiert das, wenn man sich einen Nerv eingeklemmt hat, eventuell auch ein beginnendes Karpaltunnelsyndrom.“ Er riss sofort die Augen auf. „Das kann gar nicht sein“, ächzte der pensionierte Finanzbeamte. „Ich habe ja immer für ausreichend Vitamine gesorgt und seit mindestens fünfzig Jahren nicht mehr geraucht.“ „Nun“, beruhigte ich ihn, „das ist sicher durchaus der Gesundheit zuträglich, aber helfen wird es bei einem Karpaltunnelsyndrom nicht. Tippen Sie denn ab und zu mal?“ Er sah mich verständnislos an. Frau Breschke beugte sich zu ihn herunter. „Hast Du nicht neulich die alte Schreibmaschine aus dem Keller geholt?“ Er nickte. „Tadellos, funktioniert wie am ersten Tag – nur leider finde ich nirgends mehr ein Farbband dafür.“

Nachdem diese Art der Beanspruchung damit auszuschließen war, begutachtete ich seine Haltung, wie er leicht schräg auf dem Stuhl saß. „Leiden Sie etwa unter Rückenschmerzen?“ „Er hatte vor gut zwanzig Jahren mal Probleme mit der Bandscheibe, aber das hat ihn Doktor Klengel eingerenkt.“ Die Gattin nickte entschieden dazu. „Und Sie sind nicht bei seiner Nachfolgerin gewesen?“ Seitdem vor Jahren die junge Kollegin die hausärztliche Praxis des altgedienten Allgemeinmediziners übernommen hatte, war er nur selten mit seinen Wehwehchen dort vorstellig geworden. „Sie ist ja auch gerade im Urlaub“, informierte er mich, „das Schild hängt im Fenster – und die Vertretung ist im Ärztehaus am Stadtpark, aber da müsste ich ja eine halbe Stunde zu Fuß hinlaufen!“

Vormittags hatte Herr Breschke über leichtes Kopfweh geklagt, dies war mittlerweile verflogen. „Schwindlig ist Ihnen aber nicht?“ Er schüttelte den Kopf. „Mir geht es sehr gut“, bekräftigte er, „nur eben diese Schmerzen in der Hand und im Arm. Ich hatte erst einen Schreibkrampf angenommen, aber ich habe zuletzt am Mittwoch das Formular für die jährliche Beitragszahlung im Beamten-Sparklub mit dem Kugelschreiber ausgefüllt, etwa eine Seite, und ich habe keine Pause dabei gemacht, aber das kann es nicht gewesen sein.“ Frau Breschke nickte. „Er sitzt manchmal den ganzen Nachmittag an einem Kreuzworträtsel – so anstrengend kann das ja nicht sein.“ Langsam wurde die Sache mysteriös. Mit welcher Hand er schrieb, auf welchen Arm gestützt er am Tisch saß, das alles waren Hinweise, doch worauf nur? Meine detektivischen Künste waren ja sonst nicht von schlechten Eltern, doch hier hatte ich keinen Erfolg. „Sie sprachen ja schon von Vitaminen“, überlegte ich. „Sie sind nicht plötzlich zur vegetarischen Lebensweise übergegangen?“ Die Art, wie er seine Augenbrauen lüpfte, überzeugte mich umgehend vom Gegenteil.

Wir kamen der Sache nicht näher. „Die Schulter schmerzt auch schon ein bisschen“, quengelte der Alte, „wissen Sie was? Das wird sicher eine Folge der Impfung sein.“ „Der Impfung?“ Er nickte. „Wir beide waren nämlich vorgestern im Ärztehaus am Stadtpark, mit dem Auto natürlich, und da haben wir uns beide impfen lassen.“ Man hatte sie über die Nebenwirkungen aufgeklärt, und mir schwante, dass die Auflistung der möglichen Effekte eine für labile Gemüter übliche Folge genommen hatte. „Ich fürchte, dass der Arm sich entzündet hat.“ Wie zum Beweis drehte er das Handgelenk und schnitt eine schmerzliche Grimasse dazu. Frau Breschke hatte das Vakzin offensichtlich gut verkraftet. Nun war guter Rat teuer. Einen Arzt zu rufen wäre kaum sinnvoll gewesen, andererseits erweckte Horst Breschke langsam den Eindruck eines sich rapide verschlechternden Gesamtbefindens. „Warten Sie einen Augenblick“, sagte ich. „Vielleicht haben wir Glück, und er ist gerade in der Stadt.“

„Ziehen Sie mal das Hemd aus“, sagte Doktor Klengel, der seinen ehemaligen Patienten mit einem kurzen, wissenden Blick eingehend voruntersucht hatte. Halb ängstlich vor den Folgen der drohenden Diagnose, doch auch halb beruhigt angesichts der vertrauten Fachkompetenz des Mediziners kam er dem Wunsch nach. „Können Sie einen Impfschaden wirklich ausschließen?“ Der Hausarzt nahm den Arm, hieß den Patienten auf dem Küchenstuhl das Gelenk gänzlich lockern und drehte es ein wenig hin und her. „Ach ja“, stellte er fest. „Das werden Sie mit ein paar Hausmittelchen sicher ganz gut in den Griff bekommen, mein Lieber – heiße Duschen, Heublumensäckchen, eventuell Wärmesalbe, und es ist morgen schon viel besser.“ Damit zog er sich die Gummihandschuhe von den Fingern. Wir blickten ihn ratlos an. Er wandte sich an Frau Breschke. „Auf welchem Arm schläft er immer?“ Da ging auch mir ein Licht auf. Nur Herr Breschke war’s nicht zufrieden. „Können Sie einen Impfschaden so ganz und gar ausschließen?“ Doktor Klengel schob die Brille zurecht. „Sie haben noch das Pflaster auf der Schulter kleben“, antwortete er mit seinem spitzbübischsten Lächeln, „und zwar auf der linken.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXIII): Cancel Culture

7 05 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Erinnerungen an Giovanni Stronzo, den dümmsten Sohn des dümmsten Herzogs von Padua, wurden schon frühzeitig aus den Annalen der Stadt gekratzt. Hatte er auf dem Debütantenball noch mit erheblichem Konsum von Wein und Partydrogen zu protzen versucht – gäbe es die Chroniken noch, das Bild eines sich in alle Richtungen übergebenden Adelssprosses wäre auch nördlich der Alpen weit verbreitet – und sich damit bis Sizilien zum Gespött der Fürstenclans gemacht, griff er auf der Hochzeit seiner Cousine Elisabetta einen Schwippvetter mit dem Käsemesser an, ließ unfreiwillig das Beinkleid sinken und stolperte in das Schaugericht aus drei gebratenen Schwänen auf Bärlauchpasta. Niemand war verwundert, dass ab der Verlobung der schönen Bianca mit Friedrich II. der mittelalterliche Jetset auf die Abwesenheit des kognitiv suboptimierten Kotzbrockens gesteigerten Wert legte. Ab und zu half ein Potentat mit förmlichem Schreiben, nach Taufe, Waffenstillstand sowie überstandener Pest den Dummbeutel nicht bei Hofe zu sehen: „Uns geht’s gut“, stand da, „also bleib, wo Du bist.“ Wie alle obenrum glitschig veranlagten Deppen, so wusste Giovanni, dies habe Methode. Er nannte es Cancel Culture.

Kein Wunder, entspringt der verschwiemelte Verbalmüll ja auch der Blödföhnrotte, die sich aus Prinzip von jeder Art Sittlichkeit fernhalten, sicher aus Sorge, gutes Benehmen könne abfärben. Doch ist die greinende Bezichtigung nicht einfach nur die typische Schuldumkehr, wie sie die angeblich klar denkenden Quer- und Selbstpopler immer dann von sich geben, wenn sie Überdruck am ideologischen Ventil verspüren, es ist brutalstmögliche Ablehnung des Diskurses, in dem eine angeblich schweigende Mehrheit durch eine verschwindend kleine Clique von Boykottbolden existenziell bedroht werde. Einmal öffentlich zur Vergewaltigung aufgerufen, den Holocaust geleugnet, zack! schon bilden sich ein paar Unbeteiligte ein, sie müssten das neue Buch nicht mehr kaufen, was nicht nur Zensur ist, sondern mindestens Berufsverbot und juristisch auf jeden Fall Mord. Natürlich ist diese hassverzerrte Fratze bis in die Spitzen der Staatsmacht vernetzt, droht bei der geringsten moralischen Verfehlung mit Kritik – was bei weimernden Schneeflöckchen noch viel mehr wehtut, als den Schlagstock in den Gesichtsversuch zu bekommen – und lässt sich auch dann nicht foppen, wenn sich das Gejaule der Schuldigen wie durch Zauberhand wieder in Hetze wandelt, wie sie es inhaltlich immer war. Wie ihre Schwester, das humpelnde Wechselbalg Political Correctness, ist Cancel Culture das Eingeständnis, sich im Ton vergriffen zu haben und es für normal zu halten. Die Klötenkönige machen Aufstand, wo ihnen der Anstand fehlt.

Es bedarf keiner Sehhilfe, um zu begreifen, dass es sich auch hier um nichts anderes als die bei rechten Jammerlappen beliebte Opferpose handelt, in die der ganze Heckenpennerverein reflexhaft hineinrutscht, weil an allem, was sie nicht auf die Kette kriegen, grundsätzlich altböse Eliten schuld sind, die der Satan selbst ausgespien hat: Linke, Migranten, Frauen – die Ausgeburten der Hölle und alles, wobei sich die unbeugsame Herrenrasse ad hoc einnässt. Die Flusenlutscher können es nicht vertragen, dass es außerhalb ihrer aus Angst und Selbsthass bestehenden Welt noch etwas geben könnte, das sich nicht von ihrer aus Schmierkäse geschnitzten Präpotenz beeindrucken lässt. Und wie es in einem zerbrechlichen, jederzeit am Faulen der inneren Widersprüche krankenden Weltbild nun einmal notwendig ist, braucht es die Fantasmagorie der bösartigen Verhinderungsarmee, eine fiebrige Einbildung wie Rassenkunde und Umvolkung, ein Popanz aus der Hohlwelt unter der Kalotte.

Wäre der Bettnässer aus Braunau heute auf Achse – präsumtiv mit einer drittklassigen Sendung und Filmchen, die sich selbst für Satire halten und damit ziemlich alleine an der Front hocken – würde er sich über Churchill und Stalin beschweren, wie sie seinen schönen Krieg canceln. Es waren ja auch da höhere Mächte am Werk, die sich eigenmächtig aufgeschwungen haben, aus ihrem subjektiven Urteil heraus eine komplette Neuordnung Europas wegen ihrer unmaßgeblichen Befindlichkeiten zu verhindern. Verrat! Immerhin machen die feucht-völkischen Schwurbelgurken es heute professionell und mit reichlich medialer Unterstützung, indem sie zurückrudern und sofort den Schuldumkehrschalter betätigen. So sehen Helden aus, standhaft wie Quark.

Es scheint sich alles nur um Missverständnisse zu handeln, aus denen ein schwärender Konflikt entsteht. Das Missverständnis, Meinungsfreiheit umfasse das Recht, auf seinen geistigen Sondermüll jede Antwort zu unterbinden; das Missverständnis, man dürfe jeden anpöbeln, ohne mit Konsequenzen konfrontiert zu werden; das Missverständnis, es sei Zensur, wenn einen irgendjemand nicht mehr sehen kann; das Missverständnis, man könne den Diskurs gleichzeitig fordern und zerstören. Und natürlich das Missverständnis, man sei auch als dummes Arschloch auf jedem Fest willkommen. Abgesehen von seinen Freunden, den dummen Arschlöchern.





Pflichtpraktikum

3 05 2021

Es war laut. Die Stanze an der rechten Seite knallte immer dreimal hintereinander auf das Metallstück, dann schmiss es der Arbeiter in die Ölwanne. Das zischte. „Sechseinhalb pro Minute“, schrie der Schichtführer, das heißt: eigentlich schrie er nicht, er sprach nur sehr laut, was aber dasselbe war, weil er direkt neben mir stand.

Die Fabrik hatte gut zu tun, gerade hier in der Produktionshalle II brummte es gewaltig. Vierzig Handwerker stanzten und hämmerten, schliffen und polierten, bogen und feilten Stahlteile, dass es seine Art hatte. Auf einem langen Laufband fuhren die frisch zusammengenieteten Werkzeuge in den Ofen, auf einem anderen verschwanden sie in einem Bad aus Säure. Irgendwo rauschte der scharfkantige Abfall vom Lochen und Spanen in einen Trichter und fuhr ein Stockwerk tiefer in einen gewaltigen Bottich. „Großauftrag“, erklärte mir der Vorarbeiter, „eine halbe Million Stück.“ Es lief also. Da kamen auch schon die Neuen.

Der Maschinenführer beäugte die drei Männer in den frisch gebügelten Blaumännern kritisch. „Sie sollen die Handschuhe tragen“, pfiff er den ersten an, „die liegen nicht zum Spaß in Ihrem Spind!“ Noch bevor der etwas erwidern konnte, drückte er dem zweiten eine Schutzbrille in die Hand. „Wer hier ohne Brille antanzt, kann gleich wieder nach Hause.“ „Ich habe aber schon eine auf“, protestierte der, „und die hier drückt so!“ Der Maschinenführer trat ganz nah an das dünne Männchen heran. Ich interessierte mich gerade für den Arbeiter, der zwei Metallstücke in eine Form einfügte, einen Stift in die Öse steckte und zwei Hebel bediente, worauf der Automat mit einem kräftigen Schlag eine Niete hinein hämmerte. Schon wieder zwei neue Backen, neuer Stift, zack! da kam das fertige Stück auch schon raus.

Der Schichtführer drückte dem dritten einen Besen in die Hand und wies ihn an, unter der Stanze die Splitter zusammenzukehren. „Chef“, sagte der Vorarbeiter, „das ist einer von den Typen aus dem Bundestag. Sie wissen doch, die machen hier Pflichtpraktikum.“ „Gut“, antwortete er, „dann erklären Sie es ihm noch mal. Aber langsam, sonst versteht er es nie.“ Ein Helfer rollte einen ganzen Container mit roten Plastikgriffen durch die Halle. Ein neuer Schwung mit Stanzabfällen rasselte ins Tiefgeschoss. Der Schichtführer winkte mich heran.

„Wir hatten neulich schon mal ein Dutzend von diesen Idioten“, rief er. „Irgendwas haben wir falsch gemacht, jedenfalls haben sie uns die für eine ganze Woche aufs Auge gedrückt.“ „Wahrscheinlich nicht an die richtige Partei gespendet“, überlegte ich. Er grinste. „Jedenfalls sollen sich die Herren Politiker mal mit dem Arbeitsprozess vertraut machen.“ Dem Informationsblatt der Bundestagsverwaltung war nicht viel zu entnehmen; man hätte den Eindruck bekommen können, sie sollten für ein paar Tage in einem Büro herumsitzen, von Arbeit stand dort nichts. „Jetzt stehen sie uns im Weg, und danach werden sie sagen, sie seien schon mal in einer Fabrik gewesen.“ Der Schichtführer ging zum Ausgang. „Mein Stellvertreter übernimmt hier, ich muss mich um die Verzinkung kümmern.“

Die Abkantpresse war gerade besetzt worden. „Sie haben uns eine Fachkraft geschickt“, stöhnte der Maschinenführer, „er ist Pressereferent.“ Im Prinzip war das Gerät recht einfach zu bedienen, wenn man nicht an den Einstellungen auf dem großen Bildschirm herumfummelte. „Sie legen hier ein Blech ein“, erklärte die Fachkraft, „danach drücken Sie auf den grünen Knopf, betätigen den Fußschalter, und dann biegt die Maschine das Blech nach hinten und an den Seiten nach oben.“ Der Parlamentarier blickte fasziniert auf das Gerät, unternahm aber keine Anstalten, mit der Arbeit zu beginnen. „Blech einlegen“, mahnte der Führer. Nichts tat sich. Der Mann mit dem akkurat gestutzten Oberlippenbart meldete sich zaghaft. „Wo finde ich das denn?“ Statt einer Antwort fasste der Maschinenführer ihn an den Schultern und drehte ihn ruckartig nach links, wo das Laufband mit der automatischen Anlieferung sich befand. „Ah ja“, befand der Praktikant. „Ist das denn schwer? Ich meine, nicht, dass ich mir hier noch einen Bruch hebe!“

Unterdessen war der Schichtführer wieder in die Halle zurückgekehrt, um sich die Klagen der Fachkraft an der Montagestation anzuhören. „Es ist doch nicht so schwierig“, stöhnte er, „man nimmt zwei Handgriffe, dann legt man das Werkzeug in die Form, und dann muss man nur den Schalter betätigen.“ Er blickte zu dem Mitglied im Finanzausschuss, zu mir, und rieb sich an der Nase. Ich nahm eine Zange aus dem Behälter, legte zwei Plastikgriffe, rot, in eine Aussparung der Maschine, und sah zu, wie die Maschine zischend das Metall nach unten drückte, wobei sich zwei Gummihülsen über die Bügel schoben. „Ich könnte mir allerdings auch vorstellen“, wandte der Verwaltungswirt ein, „dass man durch bessere Verhandlungen mit den Herstellern der Kunststoffummantelungsmasse eine Ertragssteigerung von bis zu…“

Zwanzig Packerinnen, zwanzig Packer packten die Zangen mit routiniertem Griffen auf eine Pappe, die unter einer Kunststofffolie verschwand und in der Klebemaschine bald zu einer stabilen Packung wurde, die man aus dem Geschäft nach Haus trug und ohne eine weitere Zange nicht mehr zu öffnen vermochte. „Noch sechs Tage und sieben Stunden“, ächzte der Maschinenführer. „Aber wir haben es ja noch gut getroffen.“ Ich stutzte. „Wie kommen Sie darauf?“ Er sah mich traurig an. „Danach sind sie eine Wochen lang im Krankenhaus im Weg.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXII): Hoffnung auf die Apokalypse

30 04 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Seitdem seine Sippe nicht mehr auf, sondern nur noch in der Nähe von Bäumen hauste, hatte Rrt die Angewohnheit, mit milder Skepsis in die Zukunft der Hominiden zu blicken. Gewiss, es gab ständig neue Erfindungen – Schwager Uga hatte kürzlich einen Faustkeil mitgebracht, einer seiner Söhne war mit dem Flechten von Birkenbast beschäftigt, und das lederne Gluttäschchen war aus dem modernen Mehrsippenhaushalt auch nicht mehr wegzudenken. Aber hatte dieses Dasein nicht längst seinen Zenit überschritten? War nicht alles nur Ablenkung, dass die Evolution sich offenbar auf dem absteigenden Ast befand und das Ende der Menschen, so wie sie sich selbst begriff, nur noch eine Frage der Zeit sein sollte? So dachte der Alte und so denken nicht eben wenige noch heute, oder: heute wieder und erst recht, denn sie haben scheint’s Anlass dazu. Am liebsten wäre es ihnen, der ganze Karneval wäre endlich vorüber. Dann gäbe es Hoffnung auf die Apokalypse.

In was für einer beschissenen Welt wir gerade leben, muss man doch ernsthaft keinem erklären – der Planet erwärmt sich, während die Politiker mit letzter Verzweiflung ihre Taschen füllen, ganze Generationskohorten auslöschen, nichts dagegen unternehmen, dass das Bier immer teurer wird und die Damenmode zu einer Art Brechmitteleinsatz für zu schwache Nerven. Es soll Supermärkte geben, in denen man samstags nach achtzehn Uhr keinen frischen Spargel mehr bekommt. Der soziale Druck wird immer größer, sich ständig neue Telefone und Straßenpanzer anzuschaffen. Man kann sich zwar zwei Wochen Malle leisten, aber es gibt keinen einklagbaren Platz am Pool. Dazu leben wir in einer Diktatur, die derart diktatorisch ist, dass man vor laufender Kamera sagen kann, man lebe in einer Diktatur. Es wird Zeit, dass der Planet verdampft.

Was auch immer sich die Grützbirnen im Suff aus dem Stammhirn schwiemeln, sie verwechseln zwei Dinge: man kann das Schlechte in der Welt sehen, man kann sich damit abfinden oder nicht, aber man kann es auch aus der eigenen Lust am Untergang zulassen, fördern, herbeireden. Je mehr der Doofe die schrecklichen Begleiterscheinungen seiner im historischen Vergleich dufte verlaufenden Durchschnittsexistenz als Fetisch umtanzt, um nur ja nichts daran ändern zu müssen, desto mehr hat er auch einen Grund, irgendwann zuzusehen, wie sich der Rest der bigotten Bizarrerie in Dünnluft auflöst. Es ist damit die angenehme Rechthaberei gesichert, nichts unternehmen zu müssen, da ja alles sowieso in die Grütze geht. Wie schön für Menschen, denen außer Selbstmitleid nichts mehr einfällt.

Wenn immer mehr Politiker sich als glitschige Gnome herausstellen: wählt sie ab und lasst sie in der Versenkung verschwinden. Beleidigt die Niveauuntertunnelung von Talkshowlaberern den Intellekt des gemeinen Sofahockers: schaltet die Glotze ab. Nervt das Gesülze grenzdebiler Schnackbratzen auf der Jagd nach Aufmerksamkeit: schenkt ihnen eine Tüte Vollignoranz. Statt über die ekligen Schröcklichkeiten einer von Knalldeppen erzeugten Mistwelt zu greinen, die man eigentlich nur zu Klump kloppen kann, wie wäre es mit der einfachen Lösung, blutdrucktreibende Nervzwerge durch unverbindliche, aber stumpfe Gewalt aus der Reichweite zu katapultieren, damit sie niemandem mehr auf den Zwirn gehen können? Ist nicht dieses Dasein gleich viel schöner, wenn man einem der unzähligen Flusenlutscher die Tür von außen zeigt?

Nicht positives Denken als Allheilmethode hilft gegen die zwanghafte Zernichtung, die sich als neurotischer Nährboden von Weltschmerz, Gram und allerlei Leiden erweist, sondern konstruktives. Gegen den Spießer, der aus Tran Trauerflor am Schlafanzug trägt, helfen keine Durchhalteparolen; er würde sie selbst nicht durchhalten. Gegen diese Spezies, die nur dann behaglich in den Regen guckt, wenn sich alles gegen ihn verschworen hat, um ihm das Leben schwer zu machen, brauchen wir Lösungen. Wobei der schwermütige Schwachmat für jede sofort ein Problem basteln wird.

Fast hat er gewonnen, der Fadfinder, der die vielen Schwierigkeiten einer komplexer werdenden Welt in ihrer klebrigen Zusammenballung für eine Aufforderung zur Kapitulation hält. Sicher sieht er auch die Unausweichlichkeiten, Einkommensteuer, Brotpreis und Tod, als persönliche Beleidigung. Es bleibt ihm nur der platte Populismus, dass früher alles besser war, wofür es logischerweise einen Sündenbock geben muss, und schon weimert der Beknackte, dass er von populistischen Hackfressen umgeben ist, die große Probleme auf unsinnige Lösungen herunterbrechen. Die Apokalypse ist da, und der Nieselpriem freut sich heimlich, dass es gar nichts zu freuen gibt. So tiefe Befriedigung ließe sich nur mit Optimismus gar nicht erzeugen.

Es gibt Tage, an denen leben diese Menschen vom Prinzip Hoffnung. Manchmal entwickeln sie eine Art Zuversicht, die sich auf die großen und bahnbrechenden Entdeckungen der Zivilisation berufen: der menschliche Geist ist größer als alle Furcht. Es gibt so vieles, das uns weitergehen lässt. Die Hoffnung stirbt zuletzt, sagt der Apokalyptiker. Aber sie stirbt. Alles wird gut.





Krisenmanager

27 04 2021

„Das wissen wir aus absolut sicherer Quelle, ja. Sofort nach der Wahl werden die Grünen die Kirche verstaatlichen, aber die wird dann sowieso islamisiert, weil das in der multikulturellen BRD ab sofort gesetzlich vorgeschrieben ist. Außerdem werden die Einfamilienhäuser abgerissen, außer Sie nehmen pro Quadratmeter einen Flüchtling auf.

Politische Aufklärung gehört bei einer wichtigen Richtungs-, was sage ich: bei einer Schicksalswahl gehört die einfach dazu. Die Wähler müssen doch vorher wissen, was sie bekommen, wenn sie die wählen, die sie nicht wählen sollen, damit sie das auch nicht bekommen. Wenn wir das erst mal so weit durchgekriegt haben, dann können wir immer noch mit unserer eigenen Politik anfangen, ob es die Leute jetzt interessiert oder nicht.

Wählerberatung, womit kann ich Ihnen helfen? Das ist richtig, Ihre Steuern werden unter einer linksextremistischen Bundesregierung mindestens verzehnfacht. Natürlich auch unter einem SPD-Kanzler – linksextremistisch, ich sagte es ja schon. Sie haben keine hohen Steuern? Das wird sich unter der SPD sofort ändern, die sind für Sozialismus. Das bedeutet, dass alle an allem teilhaben sollen, also Steuern, Abgaben, Niedergang des Landes in eine von Ausländern überflutete Diktatur. Also nie SPD wählen, wenn Sie die Grünen verhindern wollen. Immer nur die richtigen Parteien.

Angst war schon immer ein ganz wichtiges Instrument im Unionswahlkampf. Seit dem Krieg, den unsere ehemaligen Parteigenossen über dieses Land gebracht hatten, haben wir das Volk immerzu gewarnt: die anderen wollen den Krieg. Das hat so gut wie jedes Mal funktioniert. Wenn Sie sich die durchschnittliche Intelligenz der Deutschen mal bei Licht betrachten, dann sollte Sie das nicht wundern. Zum Marschieren braucht man halt kein Hirn.

Das Problem ist, wir haben jetzt selbst Angst, dass es existenziell werden könnte. Es ist nicht so angenehm, wenn man die Zahlen sieht und erleben muss, dass von Woche zu Woche die Zustimmung sinkt. Es fehlt die Grundlage einer erfolgreichen Unionspolitik, es fehlen uns die nötigen Mandate. Mehrheit, gut und schön, aber die Leute müssen ja alle irgendwie versorgt werden. Sonst setzt sich doch keiner mehr in den Bundestag.

Wählerberatung, womit kann ich Ihnen helfen? Als erstes werden Sie freitags kontrolliert, und wenn die Beamten der Geheimpolizei in Ihrem Haushalt auch nur ein Molekül Fleisch finden, werden Sie auf der Flucht erschossen. Sollte sich das wiederholen, kommen Sie ins Umerziehungslager, wo Sie die Segnungen der vegetarischen Ernährung gründlich kennenlernen dürfen. Wir rechnen damit, dass Ihnen der Bundesumweltpropagandaminister persönlich das Schnitzel verbietet. Spargel können Sie sich dann sowieso nicht mehr leisten, weil die osteuropäischen Erntehelfer unbefristete Verträge mit einem Stundenlohn von fünfzig Euro kriegen, und den Spargel verschenkt die Regierung dann an afrikanische Waisenkinder. So haben Sie das gute Gefühl, dass Sie Ihre Schuldkomplexe als deutscher Staatsbürger jeden Tag voll ausleben dürfen. Ist das nicht großartig?

Wir sind schon die besseren Krisenmanager, das wissen die Leute schon. Wir brauchen halt nur eine Krise dazu, und wenn die irgendwann abflaut oder wenn die Wähler plötzlich das rein subjektive Gefühl entwickeln, dass es besser wird – Obacht. Der Deutsche neigt da zu extremen Handlungen. Das ist erst mal nicht schlecht, wenn man es im richtigen Kontext instrumentalisieren kann, aber es bedarf der Führung. Wenn eine linke Regierung den Bürgern glaubhaft machen kann, dass sich die Verbesserung der Lebensumstände auf ihr Handeln zurückführen lässt – also das der Regierung – dann haben wir den Salat. Solche Regierungen werden am Ende wiedergewählt. Und jetzt stellen Sie sich mal vor, wir haben nicht nur noch eine Kanzlerin, sondern die ist dann auch noch grün, also Rosa Luxemburg mit Pinkeltaste, dann sehnen sich die Leute bald die DDR wieder her, damit sie mal ein bisschen Freiheit erleben können.

Wählerberatung, womit kann ich Ihnen helfen? Das ist so nicht vollständig, auch bei einer grünen Kanzlerin müssen Sie natürlich rund um die Uhr rote Socken tragen. Ob es einem linken Kanzler grüne Socken vorgeschrieben sind, wissen wir noch nicht, aber da es sich um zwei Verbotsparteien handelt, gehen wir davon aus, dass Sie immer eins von beiden Gesetzen übertreten und damit dauernd bestraft werden. Gehen Sie vorsichtshalber vom Schlimmsten aus, Sie werden arbeitslos und dann in Marxismus-Leninismus geschult. Ziemlich sicher in Moskau. Es tut uns furchtbar leid, aber so sind nun mal die Regeln im Koalitionsvertrag. Wir wollten es auch erst nicht glauben, aber es steht wörtlich so drin. Sie können uns vertrauen, wir würden das mit Ihnen niemals machen. Wir haben von Marxismus ja überhaupt keine Ahnung.

Wir müssen allerdings ein bisschen aufpassen. Wenn die Wähler plötzlich so eine Angst vor dem quasi unausweichlichen Linksruck kriegen, dass sie ihr Hab und Gut verkaufen und auswandern wollen, oder noch schlimmer: wenn die uns dann gar nicht mehr wählen, weil es ja sowieso zu spät ist, dann war das hier alles umsonst. Dann gehen wir baden, Deutschland versinkt in schuldenfinanziertem Wohlstand, der Letzte macht das Licht aus. Mit denen koalieren? Ja, das wäre natürlich möglich. Aber jetzt mit denen Regierungsverantwortung, ganz ehrlich – davor haben wir am meisten Angst.“





Inhaltliche Arbeit

26 04 2021

„… mache sich insbesondere die CSU für ein Zukunftsministerium stark. Das Haus solle nach der Wahl unabhängig die großen Technologiefelder und den modernen…“

„… fünfhundert Milliarden Euro pro Jahr im Bundeshaushalt veranschlagt habe. Scheuer wisse zwar noch nicht, worum es sich handele, sei sich aber sicher, dass er das Geld ausgeben könne, ohne irgendein greifbares Ergebnis zu…“

„… innerparteilich umstritten sei. Für den Fall eines Wahlsieges plane man daher zunächst zwei Institute, von denen eines in München, eines in der bayerischen Landeshauptstadt und eine Stabsstelle im Freistaat…“

„… die Wirtschaftsverbände mit in die Gremien holen wolle. Laschet habe angekündigt, dass er über die Mitsprache der Politik bei der Vergabe von Steuergeldern erst nachdenken wolle, bevor es…“

„… eine holistische Auseinandersetzung mit der Zukunftstechnologie anstrebe. Bär habe noch keine Ahnung, was der Begriff bedeute, wolle aber eine Etatsteigerung von mindestens…“

„… bisher die absolute Spitzenreiterrolle in der internationalen Technologie sei. Zwar müsse Söder zugeben, dass seit etwa vierzig Jahren wenig davon in Deutschland zu sehen sei, man könne aber durch neue Technologien, die erst in der Zukunft für den internationalen technologischen Fortschritt des…“

„… ein Zukunftstechnologieverwaltungsamt für die rechtssichere Einleitung von Verfahren zur Genehmigung technologischer Prozesse und Erfindungen in den jeweiligen Bundesländern und den für den Finanzierungsrahmen im…“

„… auch bisher genutzte Technologien mit noch nicht erfundenen Möglichkeiten verbinden wolle, um ganz neue Technik zu erschaffen. Im Gespräch sei neben Mega-Auto und Cyber-Fax auch der…“

„… stelle sich Bär beispielsweise eine neue Corona-App vor, die anonyme Daten an einen zentralen Drucker sende, wo die ausgedruckten Daten dann anonym weitergeleitet würden, ohne dass eine Auswertung den Prozess verlangsamen oder in den einzelnen…“

„… auch für eine staatliche Zweitverwertung zur Verfügung stellen müsse, um öffentliche Gelder zu erhalten. Söder wolle etwa eine Software zur autonomen Steuerung von Lieferdrohnen auch für die Zusammenführung mehrerer Datenbanken aus dem Bereich der Verbrechensbekämpfung sowie die Speicherung linksextremer Ordnungswidrigkeiten im internationalen…“

„… nicht als reines Digitalministerium sehe. Die Digitalisierung sei nach Bärs Ansicht bereits so weit vorangeschritten, dass die Politik nun auch für Wirtschaft und Wissenschaft wichtige Bereiche der Hochtechnologie wie Automobile und kalorienfreie Ernährung mit steuerlichen…“

„… setze sich Söder vehement für eine deutsche Weltraumforschung aus. Vor Kooperationen mit den anderen Staaten müsse das Zukunftsministerium allerdings zunächst den Weltraum über Bayern, danach das All über Deutschland erforschen und könne so einen Vorsprung im…“

„… auch andere Technologiebetriebe in das Programm aufnehmen wolle. Dobrindt plane eine mittlere zweistelligen Milliardensumme, um die Trennung von alkoholfreiem Bier und bierfreiem Alkohol für eine marktfreundliche…“

„… müsse ein großer Schwerpunkt auf der Kommunikation mit der Bevölkerung liegen. Um die Forschung in Deutschland nicht zu gefährden, sei neben dem Bau von Hochsicherheitsanlagen in Sachsen und Thüringen, in denen ausländisches Personal leben und arbeiten könnten, auch der Dialog mit besorgten Bürgern wichtig, die sich von der Umvolkung akut bedroht fühlte und mit…“

„… dass zahlreiche Themen vor ihrer fachlichen Beurteilung zunächst einer eingehenden Prüfung durch das Zukunftsministerium unterzogen werden könnten. Dies werde sicher dazu führen, dass die Bundesregierung auf inhaltliche Arbeit weitgehend verzichte und sich auf die Zusammenarbeit mit den Partnern in Wirtschaft und Spendenwesen…“

„… beispielsweise Nano-Technologien zu verbessern, indem noch viel kleinere Nanos für die technologische Entwicklung von…“

„… dass Teleportation als Zukunftstechnologie entwickelt werden könne. Seehofer verspreche sich von einer deutschen Erfindung stark beschleunigte Abschiebungen, durch die viele EU-Staaten ein…“

„… Nebenprodukte der Weltraumforschung nutzbar machen würden. Hier stelle sich Bär eine Pizza vor, die samt essbarer Folienverpackung in den Backofen geschoben werden könne, so dass die Verkürzung der Schulpflicht um zwei weitere…“

„… wolle das Zukunftsministerium Scouts in die Technologiezentren der Welt entsenden. Ein in der Bundesrepublik angemeldetes Patent sei noch immer eine Garantie für einen marktkonformen…“

„… für künftige Pandemien wesentlich besser gerüstet seien, wenn jeder deutsche Bundesbürger bei seiner Geburt automatisch eine Faxnummer mit zugehörigem Festnetzanschluss zugewiesen bekomme. Damit sei Präsenzunterricht einfacher, so dass alleinerziehende oder zwischenzeitlich verstorbene Eltern keinen Hinderungsgrund für…“

„… künstliche Intelligenz zwar erst in den kommenden dreißig Jahren zu erwarten sei, die Bundesregierung allerdings bereits jetzt die vorhandenen Strukturen, wie sie in Chatbots und Zufallsgeneratoren genutzt würden, für den Aufbau eines maschinellen Parteiapparats sowie zur Programmierung von Regierungsentscheidungen in Gesetzgebung und…“





Mütter der Nation

21 04 2021

„Kinder!? wie soll das denn bitte gehen?“ „Also mehrere?“ „Umso schlimmer!“ „Und dann solche politischen Vorstellungen!“ „Das kann ja nur in die Hose gehen!“ „Auf der anderen Seite, so ganz ohne Kinder kann man sich in der Politik doch mit den wichtigen Fragen gar nicht beschäftigen.“ „Das ist richtig, aber das passt jetzt gerade gar nicht in unser Argumentationsmuster.“ „Also für ein Spitzenamt sollte die Kandidatur damit gelaufen sein, meinen Sie nicht auch?“ „Absolut.“

„Stellen Sie sich das mal im Auswärtigen Amt vor.“ „Bitte keine Kalauer jetzt, dazu ist die Lage zu ernst.“ „Staatsbesuch in China, die Lage ist extrem angespannt, kurz vor dem Wirtschaftskrieg…“ „… und dann ruft der Jüngste an und sagt: ‚Ich kann nicht einschlafen!‘“ „Ich hatte doch darum gebeten, dass wir diese Sache nicht ins Lächerliche ziehen!“ „Manchmal muss man aber so damit umgehen.“ „Gerade jetzt, wo Wählerinnen und Wähler mit dem Wunsch nach moderner Familienpolitik an uns herantreten, können wir nicht riskieren, dass uns die Spitzenkandidaten mit solchen Risiken einen Strich durch die Rechnung machen.“ „Wir sollten dabei allerdings auch bedenken, dass wir mit solchen familienpolitischen Maßnahmen viel für Bürger und Politiker tun können, damit die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sich gar nicht stellt.“ „Das ist richtig, aber das passt jetzt gerade gar nicht in unser Argumentationsmuster.“ „Wir können nicht mit den Baustellen von gestern in den Wahlkampf!“ „Was schlagen Sie vor, die Baustellen von vorgestern?“ „Ich hatte doch gesagt: keine Kalauer!“

„Es soll da übrigens Kinder aus einer vorherigen Beziehung geben.“ „Ach, interessant.“ „Das stelle ich mir ja schon vor: Moralpredigt an die deutsche Bevölkerung, aber dann so eine Vergangenheit.“ „Ich hatte ja gleich gesagt, wir sollen uns das mit der Spitzenkandidatur noch mal überlegen.“ „Das Kind lebt aber in einem anderen Haushalt.“ „Auch das noch!“ „Da kommt es uns wenigstens nicht mehr in die Quere.“ „Mehr fällt Ihnen nicht dazu ein?“ „Damit macht man sich ja quasi erpressbar.“ „Es gab da schon mal solche Fälle.“ „Das waren aber auch andere Zeiten.“ „Unsere Ansprüche sind eben gestiegen.“ „Wegen eines gesellschaftlichen Rückschritts, dem man mit mehr Toleranz für neue Lebensmodelle leicht entgegenwirken könnte.“ „Das ist richtig, aber das passt jetzt gerade gar nicht in unser Argumentationsmuster.“ „Außerdem muss man bedenken, dass wir heute viel mehr soziale Medien haben als damals.“ „Da kann die Stimmung auch plötzlich umschlagen.“ „Ich möchte mir das gar nicht ausmalen.“ „Wir sollten uns lieber für eine sichere Variante entscheiden.“ „Das ist auch sehr im Sinne unserer Wähler.“ „Keine Experimente!“ „Ich weiß sowieso nicht, wie wir dem Präsidium diese Auswahl erklären sollen.“

„Es ist ja überhaupt die Frage, wie geht man sicherheitstechnisch mit dieser Situation um.“ „Was die Kinder betrifft, kann man das dem Steuerzahler überhaupt vermitteln?“ „Wir bräuchten mindestens einen Sicherheitsbeamten pro Kind, rund um die Uhr, sonn- und feiertags.“ „Das muss man erst mal in Relation setzen zu den Einkünften in diesem Amt.“ „Sehr richtig!“ „Bei einer Sparkasse kann man das ja auch noch nachvollziehen…“ „Oder bei einem Vorstandmitglied, die tragen auch enorme Verantwortung für die deutsche Wirtschaft!“ „… aber in der Politik sollte man doch bitte die Kirche im Dorf lassen.“ „Sehr richtig!“ „Auf der anderen Seite schafft das natürlich auch wieder Jobs.“ „In der Relation ist das aber nun wirklich nicht mehr zu vermitteln.“ „Was nützen uns denn ein Dutzend Personenschützer, wenn wir immer davon ausgehen müssen, dass Kinder aus dem Umfeld jeden Tag gekidnappt werden könnten?“ „Wir können doch nicht ein ganzes Villenviertel abriegeln!“ „Machen wir doch teilweise schon.“ „Ja, aber da wohnen die wirklichen Leistungsträger, die wollen das so.“

„Ich möchte vor allem nicht diese Bilder in der Öffentlichkeit.“ „Einkaufen mit Kindern?“ „Oder in der Kita.“ „Ich will vor allem nicht diese Bilder, in denen man das Gefühl bekommt, unsere politisch Verantwortlichen kümmern sich den ganzen Tag nur um unseren Nachwuchs, statt beispielsweise die Pandemie zu bekämpfen.“ „Momentan sehe ich so gut wie nie Bilder mit Kindern drauf, und trotzdem habe ich nicht das Gefühl, dass sich in Sachen Pandemiebekämpfung irgendwas tut.“ „Das war ja auch nur ein Beispiel.“ „Dann dürfte man aber auch keine Bilder mehr aus dem Freizeitbereich zeigen, um unsere Regierung grundsätzlich als rund um die Uhr arbeitenden Staatslenker zu inszenieren.“ „Man sollte im Gegenteil viel eher Bilder aus dem Bereich Freizeit und Familie zeigen, um für mehr politische Partizipation zu werben, das würde die Mitarbeit in verantwortungsvollen Positionen sehr viel attraktiver machen.“ „Das ist richtig, aber das passt jetzt gerade so überhaupt gar nicht in unser Argumentationsmuster!“ „Ich meine ja…“ „Keine Kalauer jetzt!“ „… wir sollten uns jetzt auf eine ganz andere gesellschaftliche…“ „Keine Kalauer!“

„Haben wir nicht irgendwen auf der Liste, den wir bis zur Wahl noch richtig aufbauen können?“ „Also da sehe ich schwarz.“ „Die meisten sind ja eher von der letzten Legislatur ramponiert, da hilft jetzt auch keine Schadensbegrenzung mehr.“ „Und das rechtfertigt Ihrer Ansicht nach diesen Vorschlag für die Spitzenkandidatur?“ „Aber…“ „Diesen!?“ „Jetzt lassen Sie uns mal ruhig bleiben und der Wahrheit ins Auge blicken.“ „Die da wäre?“ „Sie wollen unser Scheitern als Sieg verkaufen?“ „Aber das ist…“ „Wir müssen es akzeptieren: Männer eignen sich einfach nicht als Bundeskanzlerin.“





Verdunkelungsgefahr

15 04 2021

„… müsse ein Lockdown, auch in Teilen der Bundesrepublik, durch nächtliche Ausgangssperren begleitet werden, um die Akzeptanz bei der Bevölkerung für weitere Maßnahmen nicht zu…“

„… sich nur auf normale Fußgänger beziehe. Wer beispielsweise nach zwanzig Uhr einen Hund ausführen müsse, könne dies auch ohne behördliche Genehmigung tun und werde bei Kontrollen nicht mit einem Bußgeld in Höhe von…“

„… dass nach wissenschaftlichen Erkenntnissen durch Ausgangssperren nur eine Verlagerung der Infektionen stattfänden. Die Ministerpräsidenten hätten darauf hingewiesen, dass eine Kontrolle von Privatwohnungen leider mit verfassungskonformen Mitteln nicht…“

„… den öffentlichen Personennahverkehr ab spätestens zwanzig Uhr einzustellen. Ungeklärt sei bisher, ob es Zügen und Bussen erlaubt sei, nach Betriebsschluss eine Haltestelle anzufahren, oder ob nach dem Halt auf der Strecke die Fahrgäste sich innerhalb bzw. außerhalb des jeweiligen…“

„… wolle man Kinder, die ohnehin nicht als Überträger gelten würden, durch eine nächtliche Sperre innerhalb der eigenen Wohnungen lassen, wo sie ungestört die von den Eltern erworbenen Infektionen ausschließlich untereinander in…“

„… die im Sozialismus gepflegte Tradition des Hausbuchs für Besuche in den Wohnungen nicht mit dem bundesdeutschen Recht zu vereinbaren sei. Seehofer wolle die Entscheidung aus Karlsruhe allerdings nicht akzeptieren und habe angekündigt, durch einen befristeten Ausnahmezustand die…“

„… sei es aus dienstrechtlichen Gründen nicht entschieden worden, ob das Zugpersonal nach der Einfahrt in einen Zielbahnhof sich während der nächtlichen Zwangspause aus dem Zug entfernen und den Heimweg antreten dürfe, wenn dies nur mit Benutzung des öffentlichen Nahverkehrs im…“

„… dass mehrere Ministerpräsidenten sich für die Beibehaltung der Öffnungszeiten im Handel ausgesprochen hätten. Eine Einschränkung der Wirtschaft sei in dieser Lage kontraproduktiv, auch wenn dies täglich mehrere Stunden ohne Kunden in den Geschäften des…“

„… zahlreiche Personen, die im Schichtbetrieb arbeiten würden, regelmäßig von der Polizei aufgegriffen und mit Bußgeldern belegt worden seien. Die Bundesregierung sehe das Problem und appelliere an die Bereitschaft der Menschen, sich durch ein bisschen mehr Flexibilität an den Folgen der Pandemie zu…“

„… dass Ausnahmen in der Zeit nach achtzehn Uhr nur für einen Besuch im Lebensmittelgeschäft erteilt werden könne, der als ein- bis zweimalige Genehmigung in einem Zeitfenster bis Mitternacht den wöchentlichen…“

„… einen Ersatzverkehr nur dann geben dürfe, wenn dieser an den Haltepunkten von Bussen und Zügen ausschließlich auf das Transportpersonal warte. Fahrgäste hingegen müssten bereit sein, in eigenverantwortlichem Warten auf den ersten Zug oder Bus des Folgetags eine möglichst…“

„… müssten in städtischen Gebieten sämtliche Straßenbeleuchtung, die Lichtzeichenanlagen sowie ähnliche Leuchtmittel in öffentlichem Besitz nach Einbruch der Dunkelheit ausgeschaltet werden. Die Sicherheitsbehörden würden sich davon mehr Anreize versprechen, dass die Menschen nachts freiwillig in ihren…“

„… keine Rechtssicherheit gebe. Demnach sei es möglich, sich von jedem Einzelhändler eigene Bescheinigungen ausstellen zu lassen, so dass wöchentlich beliebig viele Besuche während der Ausgangssperre ganz legal und…“

„… nicht für private Kraftwagen gelte. Diese seien sicher nicht in der Absicht unterwegs, die Ausgangssperren zu ignorieren, und müssten ihr verfassungsmäßig garantiertes Recht, überall und zu jeder Zeit in Deutschland mit einem Auto fahren zu dürfen, unter allen Umständen auch…“

„… auch Fenster, zumal straßenseitige, in den Wohnhäusern abzuschirmen seien. Eine zu helle Lichtemission würde sich auf die Bereitschaft der Bevölkerung, den Überlegungsergebnissen der Ministerpräsidenten vorbehaltlos zu vertrauen, nur negativ auswirken und im schlimmsten Falle als…“

„… selbstverständlich nicht für den Fernverkehr gelte. So sei eine Busfahrt von Hamburg nach Buxtehude legal, wenn man auf der A7 über Hildesheim bis nach Göttingen, von dort über Leipzig auf der…“

„… es Schwierigkeiten für Autofahrer gebe, die aus dem vollständigen Beleuchtungs-Shutdown resultieren würden. Der Bundesverkehrsminister habe als Experte für Verdunkelungsgefahr daher das Verbot von Kraftfahrzeugscheinwerfern wieder…“

„… die Zahl der Wohnungseinbruchdiebstähle um den Faktor 300 angestiegen seien. Nach Angabe des Bundesinnenministeriums wolle man zunächst abwarten, ob sich die Zahl als echtes exponentielles Wachstum bestätige oder ob nur durch eine zu schnelle Meldung an die Polizeidienststellen die…“

„… habe sich auch der Bundespräsident an die Bevölkerung gewandt. Steinmeier erwarte, dass die Deutschen die Nacht zu rechtssicherer Erholung im Kreise ihrer vertrauten Bezugspersonen nutzen würden, um sich tagsüber noch mehr gegen die Gefahr einer Infektion mit dem…“





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLIX): Die reagierende Politik

9 04 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Was kann man nicht alles für dumme Dinge tun. Rrt kümmerte sich nicht, dass die Sippe eine halbe Säbelzahnziege in der Höhle aufbewahrte und den Madenbefall durch ein zünftiges Feuer im Zaum halten wollte. Wo die Insekten es nicht schafften, die ehemalige Behausung unbewohnbar zu machen, tat der Rauch sein Werk, zumal nachdem sich die Flammen auch am Interieur genährt hatten. Nun war guter Rat teuer, die Horde hockte im Freien und fror. Ein gewisser Typ von Hominide, der über Anpassungsfähigkeit, Improvisationsgabe oder gar Problemlösungskompetenz verfügt, mag sich hier als evolutionär begünstigt erweisen, andererseits hätte er seine Verwandtschaft gar nicht erst in diese beschissene Lage gebracht. So aber bleibt ihnen, wie es auch heute der Regelfall ist, nur noch die reagierende Politik, um eine ganze Zivilisation vor dem Untergang zu bewahren.

Obwohl es paradox ist, denn gerade die auf Dauer eingerichteten Mechanismen der Sicherung und Vorsorge sind es, die ein Gemeinwesen von der zufälligen Schicksalsgemeinschaft unterscheiden. Die mehr oder weniger kluge, konzertierte und auf Erhaltung des einmal Erreichten bedachte Planung, die Güter und Werte von einer Generation zur anderen weitergibt, handelnd aus Vernunft und im Bewusstsein einer Verantwortung, machen den Staat, der Schutz und Schirm ist vor den Zufällen, der Natur, den Widrigkeiten. In längeren Zeitläufen entsteht mitunter eine Vision, die nicht ohne die Besonnenheit des Vorausschauens auskommt, da sie Ziele bereits erkennt, wo der durchschnittliche Mensch noch nicht einmal Notwendigkeiten sieht.

Nichts davon aber vermag die heutige Politik noch; sie hat die Vorsorge für die Bevölkerung auf ein markttaugliches Niveau heruntergefahren, das die prekären Gleichgewichte gerade eben noch hält, ansonsten aber lieber die täglich anflutende Scheiße zu beseitigen versucht. Das Staatsgebäude wurde auf Geheiß der Wirtschaftslenker im Verein mit den korrupten Erfüllungsgehilfen sturmreif geschossen, damit dieselben Manager, die das Dach abdecken ließen, jetzt Schirme zum Wucherpreis verkaufen können, sobald es regnet. Die Vision könnte sein, etwas zu ändern – was die generelle Motivation sein könnte für die Politik, dass sie an ihre eigene Handlungsfähigkeit glaubt und daran, dass sie sie zur Verbesserung der Verhältnisse einsetzen kann – und die Häuser wieder instand zu setzen. Doch die Politik fährt auf Sicht in ihrem selbst erzeugten Nebel, schwiemelt sich ein paar fadenscheinige Gründe zurecht und probiert lieber die kurzfristige Strategie mit Schirmen für alle, wobei es in der Realität wieder so aussieht, dass die finanziell besser gestellten Bürger die Schirme preisgünstig und teilweise umsonst bekommen, während das untere Dezil am stärksten dafür bluten muss.

Derweil verwaltet der Staat sich fleißig selbst, stellt allerhand Mängel fest und übt sich in lautem Bedauern, weil die Sache mit den Schirmen schon so teuer war. Während andere Staaten die Themen der Gegenwart längst abgekaspert haben, weimert die deutsche Gesellschaft in ihrer Realitätsallergie noch von Zukunft, unplanbaren Gefahren oder dem vielen, vielen Geld, das man in langfristige Lösungen investieren muss. Dass gleichzeitig die Navigation im Qualm die gesamte Politik in eine Art Simulationszustand versetzt, macht es auch erklärbar, dass größtenteils gierige Knalldeppen in die Spitzenämter gehievt werden, in denen sie die Reste des Landes kaputt spielen können. Allein die Wirtschaft verdient auch daran noch, wenn sie die intellektuelle Ausschussware in den Ministerien mit kostspieligen Beratern ersetzt, die den Job der Lakaien so erledigen, dass viel mehr Schirme auf unabsehbar lange Zeit gekauft werden müssen, weil dann jeder ein kleines bisschen preiswerter ist.

Jeder pragmatische Anführer hätte wenigstens eine Schirmfabrik aus dem Boden gestampft, die Hunderte von Arbeitsplätzen bietet. Genau dieser Wille zur Gestaltung ist es, der eine rationale und urteilsfähige Regierung auszeichnen sollte, zumal im internationalen Vergleich. Es ist kein göttliches Schicksal, wenn ganze Volkswirtschaften auf Kante genäht plötzlich platzen, den Aluhütchenspielern ihr wirr zusammengenageltes Zahlenwerk um die Ohren fliegt und ehemalige Entwicklungsländer beim Vorbeiziehen fröhlich winken. So haben wir in fast allen Bereichen, Digitalisierung und Bildung, sozialer Sicherung, Klima- und Umweltschutz, Energie- und Verkehrspolitik, staunend den anderen zugesehen und gewusst: wir müssten etwas tun, auch wenn es jetzt eigentlich schon zu spät ist und deshalb für das Musterland der Effizienz erheblich peinlich wird. So sehen wir lieber zu, wie nach dem Dach langsam die Fassade bröckelt, die Preise für die Instandhaltung steigern, während gleichzeitig im ganzen Land kein Bauarbeiter mehr von seinem Lohn leben kann. Natürlich könnte man ein Schild an die Bude hängen, dass hier bald renoviert wird. Aber das wäre das Eingeständnis, dass der Staat viel zu lange die Hände in den Schoß gelegt hat. Eine Sonntagsrede wird helfen, der laute Ruf nach dem Ruck und die Hoffnung, dass die nächste Regierung den ganzen Mist wegräumt. Wie immer.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLVIII): Die modernen Kränkungen der Menschheit

2 04 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Der Mensch wird, göttlich verursachte Entwürfe ausgenommen, durch die gute alte Zellteilung in die Umgebungsvariablen gekippt, auch wenn er es sich meist umgekehrt vorstellt. Früher oder später sieht er, dass er nur ein Teil dieses Ökosystems ist – dass er nur ein vernachlässigbarer Teil in diesem Theater sein wird, entdeckt er später – und als Bewohner eines mittelprächtigen Rotationsellipsoiden auch alles andere als der Mittelpunkt des Kosmos. Zwar säuft er sich immer da seine Herkunft schön, wo Rasse, Sippe, Familie oder anders irrelevantes Zeug seine Zufallsexistenz zur Biografie aufplustern soll, er kann jedoch seine Abstammung nicht leugnen. Er gehört einer Art an, die friedlich auf Bäumen hätte hocken können, und will es nicht wahrhaben. Als wäre das nicht genug, kichert ihm der fröhliche Troglodyt noch immer durchs Oberstübchen, weil er Körper und Geist aus der Bauphase übernommen hat, in der sein bisschen Hirnrinde noch mechanisch arbeitete. Mit diesem Sperrmüll zwischen den Lauschlöffeln ausgestattet torkelt der Hominide in ein Zeitalter, das er hysterisch gar als Anthropozän abfeiern will. Lustig, wenn man weiß, dass derlei Etiketten meist auf ein gründlich ausgestorbenes Leitfossil deuten. Wir besorgen sie selbst, die modernen Kränkungen der Menschheit.

Unser Denkradius ist seit dem Säuglingsstadium nicht nennenswert gewachsen, wir messen uns noch immer eine Bedeutung zu, die dem Geschlecht erst seine ganze Lächerlichkeit zuteil werden lässt. Wie das Kleinkind erst einmal aus seiner Perspektive die Welt in kleinkindgerechte Kategorien verteilt, packt Homo debilis mit seiner phylogenetisch verbogenen Mütze den ganzen Mist in wichtige und unwichtige Sachen. Zwar ist der Knirps ehrlicher – was sich in den Mund stecken lässt, essbar ist oder keine zu negativen Gefühle auslöst, ist okay – und löst auch keine nachhaltigen Schäden aus, aber er kann auch nicht überblicken, dass man mit Nanopartikeln den besten Krebs aller Zeiten in die Umwelt schwiemelt und der Anstieg des Meeresspiegels um etwa zwei Zentimeter den Kölner Dom langfristig zu einer gefragten Attraktion für Tauchurlauber machen. Die Leistungsfähigkeit des Gehirns hängt nicht von seinem Gewicht ab und die Intelligenz nicht von der Leistungsfähigkeit des Gehirns. Nicht einmal von seiner Entwicklung, was auch immer das heißt.

Wir sehen nur diese Sphäre des Greifbaren, wie sie der haar- und zahnlos sabbernde Nachwuchs in seinen unschuldigen Fingern begreift; viel zu spät kapiert der im Embryonalintellekt dümpelnde Depp seine grenzenlose Borniertheit, dass sein ganzes Betragen, seine sozialen Regeln, Manieren, Moral und die pompös vorgetanzten Werte, ja sogar seine Überzeugung, der Mensch müsse auf ewig alles zum Untertanen machen, nichts sind als das auf Dauerschleife angelegte Programm, das sich in der Evolution herausgemendelt hat und die Selektion der durchschnittlichen DNA-Träger fördert, damit die Runkelrübe nicht irgendwann das Wesen mit dem höchsten IQ wird. Es gibt keine metaphysisch auf die Erdkruste blickende Entität, die diese Rotte von Nudelverbiegern nach seinem Ebenbild aus Schmierseife geschnitzt hätte. Wir paaren uns in biochemischen Prozessen nach der Kompatibilität der Immunsysteme, halten Liebe für einen Akt geistiger Freiheit und ziehen unsere Welpen genau so auf, dass sie schneller an die wirtschaftlichen Schlüsselstellen kommen als die Welpen des Nachbarn, auch wenn uns das als Individuen schaden könnte. Es schmerzt nicht, solange wir es nicht wahrhaben wollen.

Dann aber, wenn wir längst gemerkt haben, dass es Maschinen gibt, die klüger sind als wir – für manche reicht in diesem Erkenntnisprozess bereits ein Taschenrechner – kommt das böse Erwachen. Wir sind ein vernachlässigbarer Teil. Wir brauchen keinen Umweltschutz, genauer: die Umwelt bedarf dessen nicht. Sie beseitigt den Menschen als die Störgröße, die er nun mal ist, Biomasse mit miserabler Energiebilanz, von der sich keine Art ernährt, die nicht auch anderes fräße, und tilgt seine Spuren in weniger als einem Jahrtausend, ein leiser Huster in erdgeschichtlichen Dimensionen. Wir sind nicht in der Lage, die Macht von Viren und Tornados zu begreifen, denen es wumpe ist, ob sie die Erinnerung an Mozart und Machu Picchu von der Platte putzen. Diese Kränkung zu sehen und sie zugleich als Verschwörung des unfehlbaren Geistes abzutun ist unser Makel, den wir doch nur mit den Mitteln der gescheiterten Vergangenheit beseitigen wollen: Verleugnung, Technik, Glaube und die Sicherheit, der kommenden Generation die Scheiße vor die Tür zu kippen sei menschlich genug.

Dass sich diese ganze Zivilisation mit ihrer aus Kapitalismus, Zukunftsversessenheit und blindem Glauben an die Beherrschbarkeit der Natur zusammengeklöppelten Pseudoreligion nach wie vor für unverwundbar hält, obwohl sie nicht einmal die zivilen Folgen der Kernspaltung in den Griff kriegt, sagt alles über sie. Der Mensch steht im Mittelpunkt und damit so gut wie immer im Weg. Vorwiegend sich selbst.