Work-Life-Balance

25 01 2021

„Vielleicht könnte man das hier aufschneiden, dann kann man das Kabel unter dem Belag bis nach vorn zum Fenster führen. Das ist verklebt? Schade. Dann ziehen Sie die Telefonleitung doch einfach so durch und kleben sie fest. Paketband haben Sie noch da?

Ein bisschen improvisieren müssen Sie schon, wenn Sie im Homeoffice arbeiten wollen. Das ist für uns alle im Moment nicht einfach, wir müssen nun mal Abstriche machen. Hätten Sie eine Wohnung gemietet, in der die Telefondose etwas näher am Küchenfenster liegt, dann hätten wir uns jetzt diese Diskussion ersparen können. Schließlich wollen ja Sie die Auftragssachbearbeitung machen und nicht ich. Da kann man von Ihnen auch mal ein wenig Engagement für den Arbeitgeber verlangen. Und wie Sie sich mit Ihrem Vermieter über den Bodenbelag einigen, damit brauchen Sie mir gar nicht erst die Ohren voll zu heulen. Wir haben diese Pandemie schließlich nicht erfunden.

Das kippelt dann halt ein bisschen, aber für die Arbeit brauchen wir einen richtigen Computer mit Monitor und allem drum und dran. Immerhin stellt Ihnen den Ihr Arbeitgeber, und Ihr Küchentisch ist schließlich breit genug. Das langt von der Tiefe her. Wenn der Monitor da nicht sicher steht, Sie hatten doch gesagt, dass Sie noch Paketband da haben? Merken Sie sich das mal: in einer Krisensituation überlebt der am besten, der mit den vorhandenen Mitteln das Beste herausholt. Und die Tastatur kann man auch ganz prima auf dem Schoß halten.

Jetzt beschweren Sie sich nicht, dass das Ihr einziger Tisch ist. Es zwingt Sie ja keiner, an dem auch Kartoffeln zu schälen oder wer weiß was an Küchenarbeit zu erledigen. Dann essen Sie halt mal ein paar Tage lang diese Schälchen. Mikrowelle ist ja vorhanden, wie ich sehe, und Besuch würde ich Ihnen auch nicht empfehlen. Schon aus Gründen des Infektionsschutzes wäre das unverantwortlich, und Sie wollen doch nicht nach zehn erfolgreichen Jahren als Auftragssachbearbeiterin plötzlich unsere Firma verlassen, oder? Wir sehen das nämlich als Beitrag zur Stärkung Ihrer Work-Life-Balance. Ihr Leben geht quasi organisch in Ihre Privatsphäre über. Also halt Ihr Arbeitsleben.

Im Büro hätten Sie vielleicht auch noch ein Kaffeetasse auf dem Tisch abstellen können, aber hier gelten nun mal andere Maßstäbe. Da ist ja gleich der Küchenschrank, da steht die Kaffeekanne und da ist der Kühlschrank, und zu viel Kaffee ist sowieso nicht gesund. Außerdem müssen Sie dann ständig aufs Klo, wer weiß, wie viel Arbeitszeit da wieder flöten geht. Sie müssen sich das mal vor Augen führen, in dieser Zeit ist das hier eben nicht mehr Ihre Küche, sondern Ihr Arbeitsplatz. Da gilt dieselbe Ordnung wie bei uns im Betrieb. Wir sind gehalten, das auch zu kontrollieren, und das heißt auch, dass wir da dieselben arbeitsrechtlichen Vorschriften anwenden. Nach Feierabend können Sie sofort den Schlafanzug anziehen, überhaupt kein Problem, aber während der Arbeitszeit sind die Vorschriften nun mal klar. Wie sieht das denn aus, wenn der Chef mal eine Videokonferenz machen will, und dann sitzen Sie da nicht im Kostüm? Bei Gelegenheit räumen Sie auch mal das Regal da hinten auf, das sieht ja aus wie Kraut und Rüben. Das sieht man gestochen scharf im Hintergrund, wenn Sie die Kamera anmachen. Was sollen denn die Vorgesetzten denken, wie Sie wohnen? Am Ende heißt es noch, ich würde unsere Mitarbeiter zu möglichst großer Unordnung animieren, damit Sie eine Gehaltserhöhung fordern können, weil Sie sich nur diese Wohnküche leisten können. Aber das sage ich Ihnen gleich, das gibt Ärger.

Ich kann mich täuschen, aber hier riecht es nach Rauch. Also nach kaltem Zigarettenrauch. Es geht mich zwar nichts an, und in Ihrer Wohnung können Sie ja grundsätzlich auch tun und lassen, wozu Sie lustig sind, aber hier gelten die Bestimmungen des Arbeitsschutzes, und das schließt für unsere Firma einen rauchfreien Arbeitsplatz ein. Wenn Sie das Thema Arbeitsschutz für nicht so wichtig halten, dann können Sie in der Fleischzerlegung anfangen, da wird immer gesucht. Sie müssen nichts können, nicht mal Deutsch. Ihr Nachbar? Was hat denn Ihr Nachbar mit Fleischzerlegung zu tun, ist der in der CDU? der raucht? Ja, das kommt schon mal vor, dass das vom Balkon rüberzieht, wenn die Fenster nicht ganz dicht sind. Bauliche Mängel. Ich will mal nicht so sein, aber eigentlich müssten Sie Ihren Vermieter auf die Schadstoffbelastung ansprechen und ihn abmahnen, bevor wir arbeitsrechtliche Schritte unternehmen. Also gegen Sie. Wir sind ja nicht für Ihren Arbeitsplatz verantwortlich, wenn Sie unbedingt im Homeoffice arbeiten wollen. Ja, ich weiß, dass das jetzt gesetzlich geregelt wird, also lassen Sie es mich so ausdrücken: da Sie der Ansicht sind, für uns sozialversicherungspflichtig arbeiten zu müssen, halten Sie sich an die Regeln. Wir machen das ja auch nicht freiwillig.

Das mit der Lärmbelastung ist ein Einzelfall. Das müssen Sie als höhere Gewalt auffassen, die wir nicht abstellen können. Auf der anderen Seite verlagen wir von Ihnen auch nicht, dass Sie die Straßenbaustelle da unten beseitigen. Das wummert ein bisschen, aber Sie lassen die Fenster sowieso am besten geschlossen. Zigarettenrauch, Lärm, und dann gebe ich Ihnen noch mal einen guten Tipp: die Lichteinstrahlung ist für den Bildschirmarbeitsplatz in der Fleischzerlegung, Auftragssachbearbeitung wollte ich sagen, Auftragssachbearbeitung – das ist so eigentlich gar nicht gestattet. Aber wenn Sie den Mund halten, ich habe nichts gesagt.

Seien Sie froh, dass Sie den Stuhl nicht aus dem Büro mitnehmen mussten. Auf so einem Hocker kann man sehr gut sitzen, man lehnt sich nie aus Versehen mal hinten an, gut, Rollen hat er nicht, aber dafür auch keine Armlehnen. Den können Sie bequem unter den Küchentisch schieben, wenn Sie mal etwas Platz für die Aktenordner brauchen, und naja: Ergonomie ist das, was man daraus macht. Ist auch gleich viel wohnlicher, hier gucken Sie auf ein hübsches Panorama mit Straßenbahnhaltestelle, da hinten ist irgendwo der Friedhof, Kaffeemaschine ist in Sichtweite, Telefon, Klo um die Ecke, Sie müssen nicht mit dem Fahrstuhl zur Mittagspause und nicht mit dem Bus nach Hause – meine Herren, so schön wie Sie möchte ich’s auch mal haben!“





Minus mal Minus

21 01 2021

„… deutlich verschärft werden müssten, um die Inzidenzwerte bundesweit zu senken. Sämtliche Bestimmungen der Ministerpräsidenten seien daher auf die Zusammenarbeit der Länder ausgelegt, wie die Spitzen von Kanzleramt, RKI und…“

„… die Schulen aber unter keinen Umständen schließen würden, da die SPD die Infektionsraten bei Kindern und Jugendlichen falsch gewichtet sähen. Schüler würden sich, so Giffey, nur nach dreizehn Uhr, bei Ganztagsschulen nur nach sechzehn Uhr anstecken, was auch für die…“

„… sich der schwedische Sonderweg als falsch herausgestellt habe. Da im Gegensatz zu deutschen Bestimmungen dort keinerlei Ausgangssperren verhängt worden seien, werde man nun in allen Kommunen die Bürgerinnen und Bürger nach 21:00 Uhr in den…“

„… ab sofort gelte. Dass Personen, die noch nicht in Besitz einer FFP2-Maske seien, kein Ladengeschäft betreten dürften, um FFP2-Masken zu erwerben, habe Laschet als zu vernachlässigende Größe bezeichnet, mit der sich Deutschland als Nation von Sportwagenhändlern nicht…“

„… den Besuch von Kirchen weiterhin nicht einschränken wolle, wenn konsequent auf Gesang verzichtet werde. Dies umfasse allerdings nicht die Kultstätten anderer Religionen, denen mutmaßlich eine sehr viel höhere Infektionsrate durch andere Gebetsriten oder…“

„… gelte eine Plexiglasscheibe zwischen zwei Personen nicht als ausreichender Infektionsschutz und könne durch polizeiliche Maßnahmen sofort entfernt und als Ordnungswidrigkeit geahndet werden. Die Installationen im sächsischen Landtag seien folgerichtig nicht abgebaut worden, da dort sehr viel mehr als nur zwei Personen gleichzeitig in den betreffenden…“

„… genau kontrolliert werde, ob Busfahrgäste erst um 20:59 Uhr zugestiegen seien, um aus Vorsatz die polizeilichen…“

„… müsse man von einer Maskenpflicht bei medizinischem Personal in Arztpraxen absehen, um die Beschäftigten nicht zu verunsichern. Im Gegensatz zu Klinikmitarbeitern sei bei niedergelassenen Ärzten nicht mit Gefahren für…“

„… rate man der Bevölkerung zu Masken mit Ausatemventilen, die für Klinikmitarbeiter zwar nicht untersagt, aber auch nicht empfohlen worden seien. Abgesehen von gesundheitlichen Schäden habe der Bundesgesundheitsminister eher den infektionsbedingten Ausfall von Pflegern in Kauf genommen, da arbeitsrechtliche Konsequenzen noch sehr viel teurer als der…“

„… dass die Probe des Chors der Heilig-Kreuz-Kirche in Bad Gnirbtzschen keinesfalls als Ordnungswidrigkeit gewertet werden könne, falls es ein Öffnungsverbot für Nagelstudios gebe. Nach der theologischen Grundregel Minus mal Minus macht Plus seien hier sämtliche…“

„… auch Verkaufspersonal keinen Mundschutz mehr tragen müsse. Der Einzelhandel nehme dies mit Erleichterung zur Kenntnis, könne aber nicht versprechen, dass bisher freiwillig versprochene Pauschalen zum Kauf von Masken auch weiter von den Arbeitgebern…“

„… hätten die Ministerpräsidenten recht herzlich um eine Selbstverpflichtung der Wirtschaft gebeten, Heimarbeit statt Anwesenheitspflicht im Betrieb zu erlauben. Bei Zuwiderhandlungen seien sich die Länderchefs einig, dass man mit dem Wohlwollen der Konzerne rechne und auf ein gutes Einvernehmen bei Parteienfinanzierung und…“

„… könne man bei Arztpraxen von einer sehr niedrigen Corona-Rate ausgehen, da kommunale Gesundheitsämter mit erheblichem Einsatz dafür sorgen würden, dass dort keine Untersuchungen, Tests oder anderweitig qualifizierte…“

„… keine Bezuschussung finanziell schwacher Bevölkerungsschichten geplant sei, um FFP2-Masken zu subventionieren. Lindner rate Rentnern und Erwerbslosen zu mehr Engagement am Aktienmarkt, um sich durch solidarischen Aufbau eines Privatvermögens an der Entlastung der Leistungsträger zu beteiligen, die während der Pandemie durch vorbildliche Bereicherung den…“

„… die nächtlichen Ausgangssperren auch zu vermehrter häuslicher Gewalt führen könnten. Die unionsgeführten Länder hätten sich für unregulierte Betriebsöffnungen ausgesprochen, da sich der Frust der Arbeitnehmer so am besten am Arbeitsplatz in eine Steigerung der Wertschöpfung und die…“

„… dass die Schulen in Baden-Württemberg schon zwei Wochen eher geöffnet werden müssten, um eine rechtzeitige Gewöhnung der Bevölkerung an das Erwerbsleben zu gewährleisten. Etwaige Infektionsspitzen bei Kindern könne man tolerieren, da das Alter der Erstwähler sich noch weit über…“

„… erste Urteile erwartet würden, dass eine Maskenpflicht hinter einer Plexiglasscheibe in Sachsen und Hessen grundsätzlich nicht bestünde. Da die Demonstranten der Querdenkersekte in der Innenstadt von Wiesbaden jeweils ein kleines Stück transparenten Kunststoff mitgeführt hätten, sei die von der Union ausgehandelte Ausnahme letztlich als Stärkung der Grundrechte zu verstehen, die auch die FDP als lobenswertes Signal an den…“

„… im Devotionalienhandel weiterhin einfache Stoffmasken benutzt werden dürften. Die Deutsche Bischofskonferenz sei sich sicher, dass allein aus dem Glauben ausreichend Schutz bestehe, wie es auch durch den Innenminister und seine…“





Leithammel

20 01 2021

„Das reicht höchstens für den Trostpreis.“ „Meinen Sie.“ „Ja, meine ich.“ „Aber es hat doch schon mal ganz gut geklappt.“ „Was?“ „Das mit dem Vorsitz.“ „Verzeihung, wenn ich nachfrage: in welcher Partei, bitte!?“

„Laschet wird das schon irgendwie hinkriegen.“ „Genauso wie die Pandemiemaßnahmen oder die Energiewende: irgendwie.“ „Sie müssen das jetzt natürlich schlechtreden, aber er ist ja nun mal eine integrierende Persönlichkeit.“ „Deshalb integriert er auch so viele Millionen in die Tasche der CDU.“ „Einer muss es ja machen.“ „Und zum politischen Programm fällt Ihnen nichts ein?“ „Naja, wir als Deutsche tun uns ja traditionell schwer mit großen Veränderungen, deshalb ist ein Vorsitzender, der auf möglichst viel Kontinuität setzt, auch richtig.“ „Die ganze Karre rast auf den Abgrund zu, und diese Grinsrübe freut sich, dass er sie auf Kurs halten kann.“ „Sie interpretieren da schon wieder Dinge hinein, die gar nicht gefragt waren.“ „Das mit der Kontinuität hat Kramp-Karrenbauer jedenfalls auch schon sehr gut hingekriegt.“ „Sie sind ungerecht, die musste sich damals noch mit Merkel als Bundeskanzlerin herumschlagen.“ „Und wer ist heute Kanzlerin? Olaf Scholz?“

„Jedenfalls müssen wir mit Laschet nicht immer diese Klimaschutzschlagzeilen…“ „Weil dann über Klimaschutz keiner mehr diskutiert.“ „Wir haben das Wirtschaftswunder damals auch nicht allein mit Klimaschutz hingekriegt, schon vergessen.“ „Die Fünfziger haben gerade angerufen, sie wollen ihre Ausreden zurück.“ „Wir haben doch alles in der Hand für einen hervorragenden Aufschwung.“ „Das war der Text von Kohl.“ „Er hat schließlich das Land damit auch geeint.“ „Leider haben sie ihn nur im Osten dafür mit Eiern beworfen.“ „Heute kann man das besser machen.“ „Stimmt, Kohl musste sich ja nicht von Virologen sagen lassen, wie man Entscheidungen in einer Pandemie trifft.“ „Für solche Entscheidungen gibt es jetzt immerhin die richtigen Fachminister, die er…“ „Fällt Ihnen etwas auf?“ „Was denn?“ „Ach, war nur eine Frage.“

„Meine Güte, wenn man Deutschland endlich wieder nach vorne bringen will, darf man nicht zimperlich sein.“ „Dieser Mann zerstört in seinem Bundesland Dörfer und vertreibt Menschen, um die sowieso dem Untergang geweihte Kohleindustrie noch ein bisschen länger am Leben zu erhalten.“ „Wenn er das mit der Kohleindustrie schafft, rettet er bestimmt auch die CDU vor dem Untergang.“ „Er lässt Gutachten verschwinden, in denen das Abbaggern als vollkommen überflüssige und nur zur Klimaschädigung geeignete Maßnahme zum finanziellen Vorteil der Energiekonzerne erkannt wird.“ „Da haben wir jetzt endlich mal einen Vorsitzenden, der sich gegen diese Hysteriker aus der Klimaterrorbranche zur Wehr setzen kann, und Sie sind immer noch nicht zufrieden.“ „Sie müssen doch auch mal an morgen denken, da brauchen wir solche Persönlichkeiten.“ „Morgen?“ „Da wählen die Deutschen den Bundestag, schon vergessen?“ „Vor allem wählen da nicht nur die Westdeutschen den Bundestag.“ „Ja, warum?“ „Weil wir mit dem grandios abstinken werden. Darum.“ „Jetzt denken Sie doch mal strategisch.“ „Laschet als Vertreter des Ostens!?“ „Natürlich ist er für eine Kontinuität in Deutschland.“ „Das erzählen Sie mal den Typen in Dresden, die heute schon an ihren Laschet-muss-weg-Plakaten pinseln.“ „Aber die wollen doch auch die gute, alte Zeit wieder.“ „Was an den verkalkten Ansichten Laschets mit seinem Klerikalnepotismus gut sein soll, erzählen Sie mir ein andermal.“ „Das hat doch bei Kohl auch…“ „Die Steigerung von Kohl war schon Köhler, und das hat auch nicht ganz hingehauen. Außerdem war das die Nachgeburt des rheinischen Vulgärkatholizismus, und wie Sie den in den Osten transplantieren wollen, bleibt sicher auch Ihr Geheimnis.“ „Man kann das dem Osten sicher als jüdisch-christliches Abendland verkaufen, oder?“ „Dann wissen Sie sicher auch, wie wir dem Osten einen Parteifunktionär ohne nennenswerte Bodenhaftung oder Führungsqualitäten im eigenen Bundesland als neuen Leithammel schmackhaft machen können.“ „Er hat eine sehr deutliche eigene Meinung, das wird man denen doch als osttaugliche Strategie unterjubeln können? außerdem fand er Sarrazin immer schon gut, den könnten wir für den Wahlkampf bestimmt nach Sachsen oder…“

„Gut, Sie wollen also in Sachsen und Thüringen einen Sack aufstellen, der alles wie Merkel macht und eine tolle Zukunft verspricht, solange nur die Fleischindustrie und die Küchenbauer ihre Gewinne nicht einbüßen.“ „Wollen Sie lieber einen asozialen Kapitalisten, der den ganzen Osten an die Banken verscheuert?“ „Dann hätten wir ja gleich Merz nehmen können.“ „Eben, sehen Sie. Ich meine, wir können doch jetzt nicht jede Wahl rückgängig machen, nur weil es im Osten Probleme gibt.“ „Das war mir auch klar, aber Sie verstehen es nicht: wir sind immer noch beim Parteivorsitz, der Rest ist noch gar nicht dran.“ „Mir fällt nichts mehr ein.“ „Mit auch nicht.“ „Spahn hat sich zur Vorsicht auch gleich disqualifiziert.“ „Röttgen?“ „Ich dachte, es ginge hier um den Vorsitz?“ „Auch wieder richtig.“ „Dann bin ich mit meinem Latein am Ende.“ „Warten Sie mal. Hallo, München? Grüß Gott, Herr Ministerpräsident, nur eine kurze Frage: wenn die CSU jetzt doch in ganz Deutschland antreten dürfte – Ihnen wäre das egal, wer unter Ihnen Kanzler wird, oder?“





Sauerland-Gruppe

19 01 2021

„… erstmals durch eine Onlineabstimmung die Führung der Partei habe übernehmen können. Die für Merz abgegebenen Voten seien eindeutig als Zeichen einer erheblich nachlassenden…“

„… dem neuen Vorsitzenden der CDU auch nicht gratuliert habe. Merz gehe davon aus, dass dies bereits als Eingeständnis einer Wahlniederlage gewertet werden könne, die Laschet zum…“

„… die Medien des Springer-Konzerns bereits im Vorfeld der Wahl von internen Chats berichtet hätten, in denen der Kandidat der patriotischen Mitte gezielt beschädigt worden sei. Außerdem habe man die freie Meinungsäußerung erlaubt, was grundgesetzwidrig und…“

„… warne auch die AfD vor den Folgen der fatalen Fehlentscheidung. Die Partei habe sich mit der Verweigerung gegenüber Merz in eine liberale Richtung entwickelt, die am Ende linksextremen Parteien wie den Grünen die Terrorherrschaft über die BRD GmbH als Teil der zionistischen…“

„… dass Laschet im ersten Wahlgang noch mit fünf Stimmen zurückgelegen habe. Dies sei der Beweis für einen von langer Hand geplanten Betrug, den Merz nur deshalb nicht beweisen könne, da die von Merkel bezahlten ausländischen Linksterroristen die Spuren so gründlich…“

„… nicht wieder nach Düsseldorf gelangt sei. Parteifreunde hätten vom nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten seit Sonntag weder SMS noch Anrufe erhalten, was auf einen ungewöhnlichen…“

„… seien ausländische Hackerangriffe auf die Server der CDU-Wahl gemeldet worden. Nach Informationen von BILD könne es sich nur um Störversuche der von Röttgen und seinen ökofaschistischen Parteikollegen handeln, die die Stimmen auf sein eigenes Konto umlenken und…“

„… dass Merkel die Ablehnung der Besetzung des Ministerpostens mit Friedrich Merz nicht vor dem Parlament verkündet habe. Ihre Weigerung sei damit nicht gültig, Merz habe einen Anspruch auf das Wirtschaftsressort erworben und fordere die Auszahlung der Bezüge rückwirkend zum…“

„… sei bereits die Verschiebung des Parteitags der Tatsache geschuldet gewesen, dass Antifa und radikalislamistische Feministinnen erst genug Geld aus der von Merkel zur Zerstörung der Wirtschaft eingerichteten Kriegskasse…“

„… eine Lösegeldforderung eingegangen sei. Die Organisation, die sich selbst als die Sauerland-Gruppe bezeichne, verlange die sofortige Korrektur der Wahl, wie sie die Bundeskanzlerin 2020 bereits in Thüringen durchgesetzt habe, sowie eine eidesstattliche Versicherung, dass die Pandemie mit sofortiger Wirkung vorbei sei, um die Wirtschaft wieder in vollem Umfang zu…“

„… mit den von WerteUnion und AfD zu Verfügung gestellten Anwälten eine Klage vor dem Volksgerichtshof gegen die Verräter aus der Union vorbereite, die alle Stimmen gegen Merz als schwere Wehrkraftzersetzung in Tateinheit mit linksfaschistischem Terrorismus und…“

„… es auch kein Interesse gebe, den Wahlsieger aus der Gefangenschaft der Antiantifaschistischen Armee zu befreien, wenn nicht gleichzeitig der unterlegene Kandidat zur Verantwortung gezogen werde. Söder werde deshalb keinen…“

„… Angriffe auf den Deutschen Bundestag angekündigt habe. Wenn Steinmeier ihn nicht sofort zum Kanzler ernenne, plane Merz einen Marsch der Getreuen, um die Rettung des Volkes vor einer linksgrünen Gewaltherrschaft notfalls mit den Mitteln einer…“

„… sich Ziemiak als erster der Polizei gestellt habe. Er sei sehr enttäuscht gewesen, dass Merz ihn trotz seiner Herkunft aus einer sozial schwachen Familie und fehlender Berufsausbildung nicht zum Beauftragten für Propaganda und…“

„… das Volk durch insgesamt neun Personen vertreten worden sei, die sich gemeinsam mit ihrem Führer Zutritt zum Reichstagsgebäude hätten verschaffen wollen. Unter Sprechchören wie ‚Deutschland den Aktien – Merkel ins Gas‘ sei der Trupp bereits auf der Rasenfläche vor dem …“

„… die im Internet anonym eingestellte Petition an den scheidenden US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump gerichtet sei. Unklar sei jedoch bis zur Stunde, ob Merz die Forderung, die BRD GmbH zur Rettung vor radikal linken Demokraten durch einen nuklearen Erstschlag auszulöschen, mit Absicht von seinem E-Mail-Account aus dem Wahlkreis 147 oder nur durch eine technische…“

„… in einem Keller in Schmellede gefunden worden sei. Laschet trage keine Verletzungen davon, werde aber nicht von einer Strafanzeige gegen den Mitbewerber absehen und halte am Votum der Christdemokraten fest, die ihn auch in der Briefwahl mit großer Mehrheit zum…“

„… die AfD ihre Unterstützung angeboten habe. Für Höcke stehe es fest, dass die Wahl zum CDU-Vorsitz nur Teil einer größeren Verschwörung zur endgültigen Islamisierung der von den Alliierten zugelassenen Restgebiete des Reiches und der…“

„… nach Aufnahmen der Sicherheitskamera die Sicherungsposten vor dem Reichstag mit einer abgesägten Schrotflinte bedroht habe. Merz habe hingewiesen, dass er den Umgang mit Frauen in subalternen Positionen nicht problematisch sehe. Nachdem er die Polizistin mehrmals an die Brust gefasst habe, sei durch den mehrmaligen Gebrauch ihrer Dienstwaffe die Situation sehr schnell…“

„… keiner gewusst habe, wie es zu einer derartigen Radikalisierung habe kommen können. Die Union werde daher alle geplanten Aktivitäten im Internet bis auf Weiteres nicht mehr zum…“





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXLVII): Der Aluhut als Ersatzreligion

15 01 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Irgendwann werden sie angefangen haben, sich die Welt zu erklären: warum jeden Tag die Sonne aufging, die Jahreszeiten wechselten und das Gras wuchs, wenn man Körner auf den Acker streute, unter dem die Ahnen lagen. Die ersten ethischen Fragen schienen auf. Wächst das Gras schneller, wenn wir die Verwandtschaft frühzeitig unter die Scholle schieben? Haben die Jagdtiere eine Seele, die uns für den Verzehr bestraft? Hat der Hominide in der Natur eine Sonderstellung, weil er sich für intelligenter hält als andere Wesen, die ohne seine Existenz ein wunderbares Leben hatten und es auch weiter gehabt hätten, würde er nicht immerzu seine dämlichen Griffel in alles reinstecken und es für Fortschritt halten? Irgendwann muss der Mensch die Zusammenhänge in mythologische Formen geschwiemelt, mit rituellen Handlungen verknüpft und in ein systematisches Konzept gepresst haben, das er fortan für wahr hielt, wenngleich sich diese Wahrheit nicht empirisch begründen ließ – abgesehen vom Wahrheitsbegriff, den jede Religion für sich beansprucht, die durch Götzen, Geister und Götter geformt die Opfergabe von Tierblut als unerlässlich für die nächste Ernte ansah oder den Genuss von Backwaren und Alkoholika als bindend betrachtete für ein feinstoffliches Weiterleben nach der Rückkehr des Körpers zur Biomasse. Irgendwo zeigt sich dann der Bruch, die Wissenschaft dringt jäh ein in die Zaubererzählungen, es gilt keine Geschichte vom Weihnachtsmann mehr und kein Fantasyelaborat von Männern, die übers Wasser laufen und in den Himmel reiten. Dann aber muss schnellstens Ersatz her.

Spätestens durch den Einbruch protestantischer Tugendethik, die mühsam als Markt verkleidet die Gesellschaft mit ihrem Selbsthass terrorisiert, ist der Glaube eine säkularisierte Veranstaltung, die nur noch aus Gründen der Opportunität stattfindet. Ostern und Zuckerfest sind ökonomische Marker im Einzelhandelsjahr, Platzanweiser für korrekten Konsum und ansonsten private Events, die unter Beobachtung des sozialen Nahbereichs ablaufen. Die ordnende Kraft des Religiösen, die das Glauben an sich bestimmt, ist fundamentalmaterialistischen Anschauungen gewichen, unter denen sich auch moralische Ansprüche kommod verstauen lassen. Ob die Risse im Gebälk der Aufklärung auch die Unsicherheit zeigen, mit der sich die realistische Geisteshaltung der Postmoderne herumschlägt? Wir sind uns dessen zumindest nicht bewusst, neigen zu Übersprungshandlungen und Übertreibungen.

Eine der psychologisch wichtigen Aufgaben von Religion ist die Bewältigung existenzieller Krisen; der Verlust eines Länderspiels, lebensbedrohliche Erkrankungen oder die Aussicht auf das eigene Ableben sind Grenzerfahrungen, mit denen wir nur ungern konfrontiert werden. Geht uns nun der stabilisierende Rahmen des Grundvertrauens in eine metaphysische Ordnung verlustig, was zusätzlich eine geistige Krise provoziert durch den Einbruch des nicht mehr Fassbaren – ein Paradox, das sich bei Verfügbarkeit strafender Gottheiten gar nicht erst zeigt und bei gleichzeitig barmherzigen in ein lustiges Logikwölkchen löst – bedürfen wir rasch eines tauglichen Substitutionsgutes. Hier kommt die Verschwörungsideologie in ihrer praktischen Form des leicht Begreifbaren ins Spiel, beispielsweise in Gestalt des Aluhutes, Querbommels oder einer beliebigen Flagge, die man beliebig hochhält.

Die faktische Kraft des Irrationalen erlaubt uns, alle möglichen Sperenzchen zu einem Synkretismus aus geistigem Bauschaum und sozialverträglichen Wahnvorstellungen zu vermengen, der gleichzeitig die Schuldfrage klärt, wenn wir für unsere eigene Beklopptheit nicht bestraft werden wollen, und die Irritation unserer elementaren Überzeugungen durch Externalisierung auf böse Mächte schieben lässt. Sinn stiftet das nicht, aber darauf kommt es vorrangig nicht an; es erlaubt dünn angerührten Kaspern, sich an der selbst zusammengekloppten Krücke einigermaßen durch den Morast der eigenen Ängste zu schleppen, ohne übermäßig rational zu werden, da dies Rechenkapazität zieht und die hedonistisch geprägten Gewohnheiten durch lästige Fragen stört. Hat sich die Schwurbelgurke erst einmal mit der Problematik beschäftigt, welche Konsequenzen sein normiertes Spießerdasein mit sich bringt, für ihn und für andere, besteht immer die Gefahr, dass die Fragen nicht mehr aufhören. Beten und Büßen wären eine nette Übung, sich zu exkulpieren, leider ist die himmlische Instanz gerade im Nirwana verdampft.

So unternehmen die Rotte der Stumpfstullen wütende Wallfahrten, latschen pöbelnden Priestern hinterher und spenden eine Menge Kleingeld für eine Erlösung, die man nicht sehen kann und an die man besser nur glaubt, nachdem man sie als absurd anerkannt hat. Wir sind verloren, wenn wir nicht begreifen, dass diese Ansammlungen fanatischer Flusenlutscher der Untergang der freien Welt ist, wenn wir sie nicht in ihre Löcher zurück stopfen. Die Erleuchtung kam noch nie aus dem Dreck, und die Auffassung allein, dies als legitimen Glauben zu tolerieren, macht nichts besser. Nicht einmal da, wo das Pathos des Unbedingten wirkt.





Supernanny

11 01 2021

„Das ist ja vorwiegend wegen der sozial schwachen Familien. Manche können sich ja nicht mal einen SUV leisten, manchen geht es derart dreckig, da hat die Frau eine Berufsausbildung. Und die muss noch arbeiten. Für die erhalten wir die Präsenzpflicht aufrecht, damit nicht auch noch den DAX verreckt.

Das Problem hätten wir kaum, wenn nicht derart viele Kinder in staatliche Regelschulen gehen würden. Abgesehen von dem Geld, das das kostet – das ist mindestens eine Steuersenkung – das ist ein Verwaltungsaufwand, und dann müssen wir zum Schluss auch noch irgendwas für die Kinder tun. Also für die von den armen Leuten. Wenn Sie eine private Krankenversicherung abgeschlossen haben, dann erwarten Sie doch auch nicht, dass man Ihnen das Geld aus der Tasche zieht und davon gesetzlich Versicherte durchfüttert, oder?

Natürlich tun wir auf die Art etwas gegen die Armut. Es leben so viele Menschen unterhalb der Armutsgrenze, nur ein Auto, teilweise nicht mal mit Wohneigentum, und in solchen Familien groß zu werden, das muss man sich gut überlegen. Den Kindern selbst kann man die Entscheidung ja nicht zumuten, die meisten sind wahrscheinlich subjektiv schon in diesem Bodensatz verhaftet – da ist es doch gut, die oberen Einkommensgruppen durch noch mehr Lohnarbeit in den unteren zu fördern, weil wir sonst bei den Kindern aus den besseren Haushalten den sozialen Abstieg auslösen könnten. Stellen Sie sich mal vor, so ein ganz normales Kind kriegt irgendwann mal mit, in der Nachbarschaft gibt es Eltern, die sind zu Hause, wenn ihre Söhne und Töchter aus der Schule kommen. Was würden wir uns da für ein Volk heranziehen!

Bildung ist immer noch der wichtigste Schlüssel für dieses Problem. Man muss ja nicht unbedingt etwas damit anfangen können, es darf auch nicht zu lange dauern, deshalb ja G8, aber wenn man den Nachwuchs so bis sechzehn aus dem beschäftigt kriegt, dann ist das doch ein ganz vernünftiger Mittelweg. Ab dann können die sich auch selbst versorgen, notfalls müssen sie sich dann einen Job suchen, eventuell sogar eine Lehrstelle, aber das ist dann nicht unser Problem. Sonst könnten wir die Kinder vor die Glotze setzen, das reicht heute für einen durchschnittlichen Abschluss in so einer staatlichen Schule aus. Es muss halt jemand die Drecksarbeit machen.

Man kann ja leider die Blagen nicht einfach in den Hort verfrachten. Mir fällt auch gerade nichts Besseres ein, Kindermädchen vielleicht, das kann sich doch jeder Regierungsdirektor leisten, oder als Bankvorstand oder Staatssekretär. Ich verstehe gar nicht, wie sich die Leute überhaupt erst Kinder anschaffen und dann nicht mal das Geld für eine professionelle Betreuung haben. Man muss doch auch Prioritäten setzen, dann kauft man sich halt den Maserati, wenn die Kleinen aus dem Gröbsten raus sind, dann ist ja auch meist Zeit für die nächste Scheidung und man hat den besseren Überblick über die Finanzen. Immer nur vom Staat verlangen, dass wir die Supernanny spielen, das ist doch echt unsolidarisch. Das müssen diese Bürger einsehen.

Wir haben seit Jahren alles dafür getan, dass das Thema Digitalisierung in den Köpfen ankommt. Erst die Vorratsdatenspeicherung, Uploadfilter, wir haben teilweise in einigen Regionen nur noch ganz kleine Funklöcher, und die sind noch nicht mal in Industriegebieten, und jetzt planen wir Flugtaxis. Wenn Sie sich andere Länder anschauen, die sind vielleicht hier und da schon viel weiter, aber so weit wie wir sind die bestimmt noch nicht. Weil wir ja ein Technologiestandort sind, und das heißt, wir sind sowieso viel besser als andere.

Das heißt natürlich noch nicht, dass wir heute alles mit Digitalisierung hinkriegen wollen, da müsste man erstmal die Pädagogen fragen, ob sie das auch möchten. Wir können ja nicht über deren Köpfe hinweg entscheiden – das sind ja schließlich keine Eltern. Deshalb überlegen wir uns das gut, ob wir sie fragen, und dann noch mal, wann wir sie fragen werden. Bis dahin ist Präsenzunterricht in der Regelschule absolut alternativlos.

Und dann haben wir auch das Problem mit der häuslichen Gewalt. Das könnte theoretisch in allen Schichten auftreten, aber es gibt gesellschaftliche Schichten, die man nicht als Schicht bezeichnen sollte. Eher als Sphäre. Wenn da mal Konflikte auftreten sollten, dann belästigt man damit eher nicht die Schule, und wenn doch, dann hat man die notwendigen Mittel, um die Schäden zu beseitigen. Wir müssen also auch hier eine soziale Auslese durchführen, und wieder sind es die unteren gesellschaftlichen Bereiche, die uns zu diesem Schritt zwingen. Damit tun wir uns keinen Gefallen, das dürfte allgemein bekannt sein, aber anders können wir dem Problem nicht begegnen. Und alles das muss man nun abwägen gegen ein anderes Rechtsgut, nämlich die Gesundheit unserer Leistungsträger. Wir haben uns also zu diesem Schritt entschlossen, dass wir die Präsenzunterricht ausschließlich für die Regelschulen beibehalten, in denen die Schülerinnen und Schüler bis zur unteren Mittelschicht sich infizieren. Das kann und muss ihnen zugemutet werden, schließlich kann Schule als Bildungsvermittlung und soziale Institution nicht das Versagen von allen Elternhäusern auffangen. Und wenn wir jetzt noch eine Lösung finden, die Kinder ganz aus ihrem familiären Umfeld herauszulösen, damit die Wertschöpfung für unsere Wirtschaftsbetriebe unvermindert erhalten bleibt – also ich bin da sehr zuversichtlich. Vermutlich beim nächsten Lockdown.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXLVI): Demagogie als Geschäftsmodell

8 01 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Manches begann mit der Ausbreitung der Pest. Während das gemeine Volk trüb aus der Wäsche guckte, hatten die Händler des Heils schon Arznei aus fernen Ländern parat. Allerlei Krauts, Beeren und krümelartige Substanz wechselte den Besitzer, wobei ein Part des Geschäfts zutiefst überzeugt von der Wirkung des Therapeutikums war – bei Kunden aus dem Publikum teils auch beide. Das tat nun der Verbreitung derartiger Wundermittelchen keinen Abbruch, im Gegenteil: da die Gesellschaft mit dem Intellekt von Zahnbelag ausgestattet war, graste ein Scharlatan nach dem anderen die Lande ab und ließ seiner Konkurrenz die übrig, die das Spektakel so weit überlebten, dass ihnen die Kreuzer noch lose im Beutel saßen. Möglicherweise schwiemelte sich der zweite Zocker eine ganz andere Story zurecht, doch wen störte das, solange sie Pülverchen, Pillen und anderen Schnickschnack kauften? Esoterik als Geldquelle ist bekannt, seitdem Hominiden Geister und Dämonen in eine institutionelle Ordnung mit konstantem Finanzierungsbedarf überführt haben. Warum sollte dieses Geschäftsmodell nicht auch für Demagogie funktionieren?

Zwar kommen die Wirkstoffe heute größtenteils aus Parallelwelten, aber ein Unterschied ist das nicht. Die Mehrheit weiß, dass es mehr als einen Kontinent gibt, und eine Minderheit hält die Erde wieder für eine Scheibe. Durch Alphabetisierung haben die westlichen Ausbeuternationen immerhin die Lesekompetenz so weit gesteigert, dass der durchschnittliche Knalldepp seine Kröten für wirre Wahnergüsse in debilen Traktaten ausgibt, die die Denkfähigkeit des Kunden nach dem Erwerb nicht zwingend erfordern. Hauptsache, der Führer hat mit einem Haufen Papier oder anderweitigen Medien über seinen Kampf in Kenntnis gesetzt, wer bisher noch keine Erleuchtungsmöglichkeit für seine Rübe zu finden vermochte. Ein Amulett mit Bildnis der Heiligen Stultitia hätte es auch getan, leider kann man den Bommel nur einmal verticken. Der Absatz erfordert also Märkte, die sich verstetigen lassen, düster verquaste Abomodelle, Lizenzen, Vereine, kurz: alles, was sich mit etwas menschenfeindlicher Energie der Gier dienstbar zur Seite stellt, um die Realitätsallergiker systemkonform ausbluten lässt.

Lustigerweise nutzen diese Klötenkönige genau das System und seine rechtlichen Statuten, die sie an anderer Stelle bekämpfen oder wenigstens tapfer ignorieren, um nicht von unerlaubterweise geistig gebildeten Quertreibern argumentativ am Kopf erwischt zu werden. Aber wie es auch Beamte gibt, die heulend ihr Gehalt einklagen von einem Staat, der für sie gar nicht existiert, ist Habgier stets ein zuverlässiges Mittel, um jeden Anstand streifenfrei zu entfernen.

Trefflich eignen sich moderne Dienstleistungen für den Vertrieb, etwa Wallfahrten zum Auflauf der Heckenpenner, touristisch aufgemotzt zum Event unter medialer Begleitung, die als Werbesperrfeuer auf sämtlichen Kanälen nicht nur das Begehren weckt, selbst unter den dümmsten Zufallsgeburten durch die Gegend zu stolpern, sondern auch ein veritables Markenbewusstsein generiert, im Namen des ausgegebenen Produkts Botschafter zu sein für die Unterkellerung des Niveaus, für die man freudig abgelascht hat. Unter den Triefaugen des obersten Aasgeiers lassen sich die kognitiv suboptimierten Aluhütchenspieler zu Allotria treiben, an denen sie natürlich selbst schuld sind. Der Demagoge tut nichts, der will nur am Spiel verdienen.

Anfänger verticken nun den billigen Tinneff, Mitgliedsausweise, Teilnahmebescheinigungen für den Tag X, an dem die eigene Blödheit gegen das Recht verteidigt wird, die Profis versprechen schon die gehobenere Klientel an, die sich mit Vernunft nicht mehr abfindet. Früher besorgte man liquiden Fürsten Einhörner, dem Volk getrockneten Mist derartiger Fabeltiere, immerhin: die Kasse klingelte. Heute tut’s schon ein Wisch mit ärztlichem Testat, die Restwelt nicht mit seinem Gesichtsübungsfeld belästigen zu müssen, sinnvoll wie ein Brennholz-Verleih, rechtssicher wie ein Lottoschein, der nach der Ziehung ausgefüllt wird. Denn die Welt ist so einfach, wie sie kompliziert aussieht; an jedem Tag steht ein Dummklumpen mehr auf, als zuvor von ihnen auf die Nase gefallen sind. Der Tisch ist also auf Dauer reich gedeckt.

Früher mussten pseudoreligiöse Extremisten noch öffentliche Hexenverbrennungen organisieren, um ihren Machtanspruch vor den Grützbirnen zu zementieren, heute geben Verschwörungsterroristen einfach eine ausländische IBAN an und lassen sich am Fiskus vorbei die arbeitsscheue Parallelexistenz mit einer luxuriösen Apanage polstern, um vor den Stumpfstullen auf der Straße und im Internet als erfolgreich, also rechtschaffen dazustehen. Es ist nichts als die konsequent zu Ende gedachte Praktik des Spätkapitalismus, nicht für jeden Profit Leichen suchen zu müssen, über die man gehen kann, wenn es auch in entgegengesetzter Richtung klappt. Denn jeder, der ins Gras beißt, hinterlässt ein bisschen Geld, und den Prozess gilt es zu beschleunigen. Wäre es nicht so elegant und schlüssig, man hielte es für einen perfiden Verschwörungsmythos. Aber was sagt das schon.





Freiheit, die wir meinen

7 01 2021

„Also auch keine Leber, Lunge, Knochenmark – Hirn kann man bei Ihnen ausschließen, aber das will eh keiner haben. Das ist Ihr völlig freier Entschluss, und damit es im Falle eines Falles nicht zu Verwechslungen kommt, sind Sie auch absolut sicher in der Nichtspenderdatenbank gespeichert.

Das hat für Sie überhaupt keine negativen Konsequenzen, Sie dürfen weiterhin alle Geschäfte betreten, Kinos – gut, Museen kommen für Ihre Bildungsschicht eh nicht in Frage, aber wenn Sie im Urlaub mal irgendwo ins Museum wollen, dann steht Ihnen das jederzeit frei. Es gibt da keinen Pass, den Sie am Eingang vorzeigen müssen, weil wir in den deutschen Museen nur Organspendern Zutritt gewähren. Das hat die Bundesregierung jetzt noch einmal ganz klar zum Ausdruck gebracht, dass wir das auf jeden Fall vermeiden wollen, weil das nur zu sozialen Verwerfungen führen würde. Und mit sozialem Verhalten haben Sie’s nicht so, oder?

Sie haben es verstanden. Schön, dann muss ich Ihnen die Hintergründe auch nicht mehr erklären, Sie sind ja als Epidemiologe auch gleichzeitig Jurist und Politiker und alles zusammen, da verstehen Sie ja alles besser als die anderen. Sie haben in Ihrem neuen datenbankgestützten Dokument hinterlegt, dass Sie auf Transplantationen verzichten. Das ist der Deal. Und Sie haben deutlich zu verstehen gegeben, dass Sie eine Impfung gegen das Virus ablehnen. Ich frage Sie jetzt nicht, ob das so war, wir haben es schriftlich in dreifacher Ausfertigung. Was wollen Sie da sagen? Dass Sie das Prinzip nicht verstanden haben? Ja, so geht es offenbar ein paar mehr Menschen in dieser Gesellschaft.

Sie bekommen keinen Pass, in dem drinsteht, wann und wo Sie geimpft worden sind, damit Sie damit ins Museum gehen oder eine Flugreise unternehmen können. Das wäre höchst ungerecht. Also nicht Ihnen gegenüber. Nur den Zwanzig- oder Dreißigjährigen, die sich bisher immer solidarisch verhalten haben in der Pandemie. Die werden nicht geimpft, weil sie noch nicht dran sind. Und die sind im Nachteil gegenüber Ihnen, die sich nicht impfen lassen wollen? Unsinn. Bei denen steht, dass sie die Impfung nicht ablehnen, deshalb dürfen sie unter Einhaltung der notwendigen Sicherheitsvorschriften in den Flieger oder ins Museum. Falls die Museen mal wieder öffnen. Es gibt keine Verbote. Es gibt auch keine Sonderbehandlungen, auch wenn Sie das herbeifantasieren. Es gibt nur Regelungen, die für die gesamte Bevölkerung gelten. Man nennt das übrigens Privatautonomie.

Privatautonomie, das ist, wenn jeder ganz legal machen darf, was er will. Das entspricht ja im Wesentlichen Ihren Überzeugungen, nur eben mit dem Unterschied, dass sich die anderen dabei an Gesetze halten. Wenn Sie in der Kommentarspalte eines Onlinemediums herumpöbeln und Ihr Unfug gelöscht wird, ist das ja auch keine Zensur, oder ist die Bundesregierung Betreiber der Zeitung? Ach Gott, ich wusste, dass das jetzt kommt.

Privatautonomie ist Busfahren. Sie dürfen in jeden Bus einsteigen, solange noch Platz ist. Es gibt keine Zugangsvoraussetzungen, Sie müssen keine Monatskarte kaufen, Sie müssen nicht nachweisen, woher Sie das Geld für den Fahrschein haben. Aber wenn Sie betrunken sind, weist Sie der Busfahrer auf die Beförderungsbestimmungen hin und fährt ohne Sie weiter. Sie können dagegen natürlich auch demonstrieren. Nur Klagen wäre noch sinnloser.

Sie wollen klagen? Aber gerne. Die gerichtliche Aufarbeitung eines solcher Ausschlusses – für Sie noch mal: es handelt sich hier nicht um eine Zugangsbeschränkung, oder braucht man hier in Deutschland jetzt ein Fahrgastdiplom? – die gerichtliche Aufarbeitung dürfte Jahre dauern, und sie hat leider keinerlei aufschiebende Wirkung. Sie haben sich ja für das Primat der ungehemmten Wirtschaft entschieden, jedenfalls steht das im Programm der Partei, die Sie wählen – Lesen kann man von Ihnen nicht verlangen, ich weiß – und da zählen halt Menschen nicht. Gewöhnen Sie sich daran, dass alles, was Sie tun, Folgen hat. Man nennt das Freiheit. Die Freiheit, die wir meinen.

Jede private Krankenversicherung wird sich überlegen, ob sie Sie mit Diabetes, Asthma und einem Bandscheibenschaden aufnimmt. Wenn Sie eine Wohnung brauchen und kein Vermieter Ihnen eine vermieten will, haben Sie Pech gehabt. Wenn Sie für Ihr Auto keine Kaskoversicherung kriegen, weil Sie ein wirtschaftliches Risiko darstellen, ist das Ihr Problem. Der Staat hat damit nichts zu tun.

Sie sind doch ein großer Freund des russischen Systems, oder? Schauen Sie, die Rentner in Moskau nutzen die Metro, die Straßenbahn und die Busse normalerweise kostenfrei. Man hat ihnen die Karten gesperrt, damit sie nicht ständig in der Stadt herumgondeln. Wer sich zweimal impfen lässt, der darf wieder fahren. Ist das nicht ungerecht? Sehen Sie, und wie lustig, dass es sogar Ihnen auffällt. Sie müssen jetzt auch nicht herumjammern, weil es so viele gibt, die sich gar nicht impfen lassen dürfen. Abgesehen davon, dass Sie die bisher nur für Ihre wirren Verschwörungsmythen benutzt haben, sind Ihnen unschuldige Menschen doch sowieso egal.

Natürlich können Sie Ihre Meinung jederzeit ändern. Sie müssen keinen Widerspruch einlegen. Sie werden auch nicht dazu gezwungen. Ändern Sie einfach Ihre Ansichten und tun Sie dies kund, am besten verbunden mit der Einsicht, dass die auf dem Grundgesetz fußende Selbstbestimmung sämtlicher Bürger nicht nur für Sie gilt. Was Sie beispielsweise bei der Meinungsfreiheit auch noch vor sich haben. Und noch werden Sie ja nicht erschossen, wenn Sie mal eine Blutspende brauchen. Noch nicht.“





Kleine Anfrage

14 12 2020

„Der Herr Ministerpräsident unterstützt alle Anregungen aus der Wissenschaft, zumindest die, die ihn selbst unterstützen. Ja, das dürfen Sie so schreiben, wenn Sie den Artikel bis, warten Sie mal, Mittwoch veröffentlichen. Danach müssen wir die aktuellen Entwicklungen in dieser Katastrophe abwarten.

Natürlich Katastrophe. Laschet als Pandemie zu beteichnen, so weit kommt’s noch. Da überschätzen Sie seine Möglichkeiten nun doch ein wenig, und das kann er schon ganz gut alleine. Er ist ein sehr flexibler Politiker, der seine Wirklichkeit immer schnell und unbürokratisch an das anpasst, was er gerade als seine Meinung ansieht – und nein, das ist eben nicht genau umgekehrt, das macht er wirklich so. Sie sehen ja, dass er dadurch enorm authentisch wirkt. Seiner Meinung nach.

Pressestelle des zukünftigen Kanzlers von ganz Deutschland, welches Anliegen haben Sie? Ist uns nicht bekannt, aber das hat die AfD vor vier Monaten schon gesagt, da war es noch ganz richtig, jetzt wollen sie das absolute Gegenteil, also muss es komplett falsch sein, und Herr Laschet hat gerade das Gegenteil vom Gegenteil – ja, ich weiß, aber lassen Sie mich den Satz erst zu Ende bringen, danach ist der Rest von Deutschland dran – und das Gegenteil war aber schon vor drei Monaten bei ihm falsch, weshalb er jetzt nämlich das Gegenteil vom Gegenteil vom Gegenteil fordert. Wie vor sechs oder sieben Monaten, das wissen wir nicht mehr so genau. Aber von einer gemeinsamen Absprache mit anderen demokratiefeindlichen Parteien kann keine Rede sein. Der Herr Ministerpräsident erledigt seine Geschäfte immer ganz alleine.

Dazu stehen wir jetzt auch in engem Kontakt mit mehreren Wissenschaftsorganisationen. Da sich Laschet nicht von irgendwelchen Wissenschaftlern vorschreiben lässt, was er Wissenschaftlern erklären soll, lässt er sich von Wissenschaftlern erklären, was er Wissenschaftlern vorschreibt. Das ist eine sehr kluge Haltung, und das findet Laschet auch. Er kann sich das wahrscheinlich sogar erklären. Dieser Lockdown vor Weihnachten war nämlich eigentlich seine Idee, er hatte es nur nicht so kommuniziert. Es wurde ja auch schon mehrfach angemerkt, dass die Kommunikation zwischen Wissenschaftlern und Politik nicht vernünftig funktioniert hat. Das hat die Politik auch schon festgestellt, und deshalb wird die ja wohl kaum selbst schuld sein daran. Wir können als Politik immer nur das umsetzen, was uns von den Wissenschaftlern vorgegeben wird, und wenn die Wissenschaft bei ihren Vorschlägen die Wünsche der Politik nicht berücksichtig, ist das dann etwa unsere Schuld?

Pressestelle des zukünftigen Kanzlers von ganz Deutschland, welches Anliegen haben Sie? Ah, die Bildungsministerin. Sie ist ja nicht explizit für die Wissenschaft zuständig, deshalb kann sie auch nicht in Entscheidungen des Herrn Ministerpräsidenten eingreifen, Erkenntnisse der Wissenschaft als Basis seiner Entscheidungen zu nehmen, um dadurch seine Entscheidungen für etwaige Erkenntnisse der Wissenschaft… – Rufen Sie einfach später noch mal an, in diesem Ressort ist jetzt niemand mehr in vernehmungsfähigem Zustand.

Den klugen Landesvater, der später einmal der zukünftigen Kanzlers von ganz Deutschland werden wird, zeichnet seine hervorragende Personalwahl aus. Er hat das jahrelang in Berlin beobachtet, dass die geistig nicht ganz so gesegneten Mitarbeiter knapp unterhalb der eigenen Position ein sehr gutes Signal sind: man kann auch wenig Intelligenz mit anderen Qualitäten ausgleichen, wenn man nicht bis an die Spitze kommen will. Jetzt messen wir diese Intelligenz im Abstand zum Ministerpräsidenten, die Ergebnisse sind dementsprechend. Man sollte die Bürger nicht für dumm verkaufen, dafür eignen sich die eigenen Mitarbeiter meistens viel besser, da man für die auch mehr bekommt.

Wenn jetzt die Wissenschaft Maßnahmen gegen die Pandemie empfiehlt, die so nicht mit Laschet abgesprochen sind, weil Laschet sich nicht von den Wissenschaftlern vorschreiben lassen will, wann er sich mit ihnen abzusprechen hat, dann ist in erster Linie sein Personal gefragt. Deren Fehlleistungen werden ja nicht von ihm getätigt, und deshalb muss auch nicht er zurücktreten, wenn Mist rauskommt.

Pressestelle des zukünftigen Kanzlers von ganz Deutschland, welches Anliegen haben Sie? Harter Lockdown ab dem 14. Dezember? Das hat der Herr Ministerpräsident nie gefordert, das ist eine bloße Unterstellung der Medien, die sich ausschließlich auf Wissenschaftler berufen, die vorher nicht bei… – Ich bekomme gerade noch eine Verfügung rein, es handelt sich doch um eine richtige Aussage, die die Pressestelle des zukünftigen Kanzlers von ganz Deutschland so gemacht hat, aber das war erst auch erst heute, und wir wussten nicht, ob das, was der Herr Ministerpräsident heute gesagt hat, auch heute noch gilt oder erst wieder gestern, weil dann das richtig ist, was er morgen gesagt hat. Nein, ich bin nicht besoffen. Ich bin ja kein Ministerpräsident.

Als zukünftiger Kanzler muss man auch mal Härte zeigen. Wenn es zum Beispiel nach Ansicht der Schulministerin keine Schulschließungen geben darf, obwohl man selbst als Ministerpräsident der Wissenschaft befohlen hat, genau das dem Ministerpräsidenten zu befehlen, dann muss einer den Kopf dafür hinhalten. Und da kommen Sie ins Spiel. Der hier, Dings… Verbraucher ist nicht das richtige Wort, irgendwas anderes. Nicht Wähler. Die Bürger, genau. Die Bürger. Dazu sind die ja da.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXLIV): Kolonialismus

11 12 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Bei Rrt waren die Verhältnisse noch recht einfach. Die Jagdgründe reichten von der großen Felswand bis zum Fluss, der beim unvorsichtigen Überqueren einen fantastischen Blick über die große Steppe im Tal bot – allerdings nur so lange, bis man am Fuße des Wasserfalls auf den felsigen Klippen aufschlug. Was sich am anderen Ufer befand, interessierte nur am Rande. Natürlich sah man auch dort Jäger, die mehr oder weniger freundlich mit ihren Speeren herüberwinkten. Aber es kam nie zu größeren Auseinandersetzungen, zu politischen Gesprächen schon gar nicht. Das Gebiet eines jeden Stammes wurde von einer Generation an die nächste übergeben, die friedliche Koexistenz der Gruppen galt als gesichert. Zumindest bis zu dem Tag, an dem der findige Schwager eine Art Pontonbrücke ersann, mit der sich die ganze Rotte auf die andere Seite des Stroms bewegen und die erbeutete Säbelzahnziege wieder an die eigenen Gestade schleppen konnte. Krieg lag in der Luft. Die Macht spürte eine Erschütterung. Aber wo war ihr Zentrum, und warum brauchte es unbedingt mehr Land? Und brauchte es unbedingt mehr Land?

Der Kolonialismus beruhte auf der wahnhaften Vorstellung, der weiße Mann sei mehr wert als der sogenannte Wilde – jene Menschen außerhalb des europäischen Dunstkreises, motiviert durch den religiösen Unfug, eine Entität mit Rauschebart hätte sie als Arbeitstiere zum höheren Ruhme der Altweltrassen erschaffen. Seitdem die blindwütige Expansionssucht der Renaissance den Protzköpfen das Wetteifern um widersinnigste Statussymbole geradezu befahl, fuhren ihre Eroberer um die ganze Welt und ballerten an jeder Küste auf alles, was sich bewegte, um den Einwohnern ihre Länder zu stehlen, oder besser: ihnen auf Latein zu erklären, dass sie sowieso den Adelshäusern in Spanien und Portugal gehören würden. Die also aus Kopfschrott zusammengeschwiemelten Rechtsakte waren ad hoc gültig und blieben es für lange Zeit. Nur wozu?

Um Europa nicht mehr in Verruf zu bringen, als es unbedingt noch nötig wäre, nicht nur dieser Kontinent hat sich die Erde mit der Knute untertan gemacht. Ein halbes Jahrtausend haben ägyptische Pharaonen andere Völker ausgebeutet, für mehrere Jahrhunderte hielten Perser und Römer ein Reich mit Außenposten am Leben, länger als die Gebilde der Neuzeit. Eins der größten Konstrukte war das Osmanische Reich, gegen das selbst Wilhelm II. ein blasses Bürschchen blieb. Dass der Sklavenhandel in seiner brutalsten Form für zwölfhundert Jahre die Domäne der Araber war, nur ganz am Rande.

Aber es gab Gold und Silber zu holen. Der Handel mit Öl, Kohle und Bananen wurde erst mit dem Niedergang der Kolonialmächte wirtschaftlich relevant, während die meisten Rohstoffe unter den europäischen Ländern getauscht wurden. In einem Zeitalter, das ohnehin vom Bestreben nach Autarkie geprägt war, kamen die sich industrialisierenden Staaten bestens ohne Einfuhren zurecht, und was Kohle anging, die konnten sie sogar exportieren. Der Krieg, der 1914 das mit heißer Nadel genähte System fragiler Trutzbündnisse explodieren ließ, schnitt auch die Einfuhr dieser Waren noch ab, was zur schnellen Entwicklung von Ersatzprodukten führte. Waren also alle Exportweltmeister?

Etwa acht Prozent der Ausfuhren gingen in die europäischen Kolonien, gemessen am BSP etwas mehr als ein halbes Prozent. Die Täuschung beruht auf der Sicht der Kolonialisten, die vom Außenposten aus die Exporte als Einfuhren wahrnahmen. Von 100.000 Traktoren gingen etwa 500 in die Ländereien, die damit ihren Bedarf auch vollkommen decken konnten; aus der Sicht des Farmers in Deutsch-Südwest kam also die gesamte Technologie aus dem Kaiserreich, die nach dem Verlust der Kolonien durch das übliche Wachstum die Produktion innerhalb weniger Jahre wieder in der alten Größe aufnahm. Es kann also nur am Wirtschaftswachstum gelegen haben.

Was ebenso falsch ist, denn im Gegenteil hatten die großen Kolonialmächte wie Großbritannien und Frankreich durch ihre überseeischen Gebiete nichts als Nachteile. Selbst Belgien, ökonomischer Musterschüler des späten 19. Jahrhunderts, brach nach der Annexion des Kongo fast zusammen. Erst nach dem Verlust der indonesischen Gebiete kam in den Niederlanden so etwas wie ein Aufschwung zustande. Die Verschwendung unternehmerischer Energie bei gleichzeitigem Stillstand der Innovation und der Wahn, einen hervorragend bezahlten, aber komplett überflüssigen Bürokratieapparat auf die Kolonien zu übertragen, wo Oberbeamten mit einer erklecklichen Clique von Unterbeamten über je eine Harke im Urwald regieren durften, selbstredend in fürstlichen Palästen mit Schnaps und Käse aus der Heimat, diese Großmannssucht kostete Europa Jahr für Jahr eine Stange Geld. Die Kolonien waren der SUV der Nationalstaaten, überflüssig wie ein drittes Nasenloch, schlecht zu steuern, schweineteuer, als Statussymbol untauglich, sobald jeder sich dasselbe in den Vorgarten klotzen kann, und am Ende fährt einen die Karre an die Wand. Nur ins All kommt man mit den Dingern nicht. Aber dafür leisten wir uns ja heute die Raumfahrt.