Die schönste Zeit des Jahres

18 12 2017

„Kontinentales Frühstücksbüfett mit Extras, alle Zimmer mit Wannenbad und Kabelfernsehen, voll klimatisiert, Whirlpool, Wellnessbereich, Fitness, Schwimmbad, natürlich beheizt, das kriegen Sie ja mittlerweile überall auf der Welt. Teilweise sind wir hier in Deutschland ja auch schon ganz gut darin. Deshalb muss ich das ja nicht auch noch anbieten.

Die Leute wollen sich etwas gönnen, die wollen etwas erleben, neue Erfahrungen machen, da sind wir ganz vorne auf dem Markt. Der Tourismus ist ein verlässliches Geschäft, man muss ihn nur immer wieder neu erfinden, und das ist ja das Schöne daran: keine Herausforderung unserer Zeit bleibt ohne eine angemessene Antwort. Wir haben unser Konzept gefunden, und jetzt kommen die Kunden.

Katastrophengebiete? Ich bitte Sie! Das Geschäft hat sich sozusagen von selbst erledigt. Früher hätte man noch Reisegruppen nach Japan schicken können, wegen Erdbebengrusel. Aber die fliegen heute einfach mal für eine Woche nach Tokio, all inclusive, Sushi, Geisha, Sony, und wenn’s ruckelt, kümmert es keine Sau. Da muss schon ein anderes Kaliber her. Erdrutsch in Nepal, das hätte man groß aufziehen können, aber nur wegen Nepal. Die Einwohner sind eh arm, das gibt uns Europäern so ein angenehmes Gefühl der Überlegenheit – Sie kennen das vielleicht von Afrika her, da brauchen die Leute keine Heizkosten zu bezahlen, können sich aber trotzdem keine warme Mahlzeit am Tag leisten. Das ist total doof, wenn plötzlich in Italien die Hänge abbrechen. Wer fährt denn nach Nepal, wenn er in Norditalien sehen kann, wie der Klimawandel uns plattmacht? Der Katastrophentourismus ist kein Geschäftsmodell für die Zukunft, das kann ich Ihnen schon mal verraten. Und wenn jetzt alle Leute auf der A7 ihr Handy dabei haben und filmen, wie ein Tanklaster ins Stauende brettert, dann wird auch keiner mehr nach Italien fahren. Zu wenig Action. Schockt einfach nicht mehr. Nein, Katastrophentourismus ist out. Wir sind auf Reisen in totalitäre Staaten gekommen.

Ach, Ägypten… das ist doch lächerlich, da beherrschen ein paar Islamisten an irgendeiner Regierung vorbei das Land, und wenn Sie an der Hotelbar zum Frühstück Schnaps bestellen, fragt Sie der Kellner, wie viel Sie wollen. Nordkorea, das ist unsere Preisklasse. Da gehen Sie aus dem Hotel raus, natürlich unter Aufsicht der Regierung, und stellen fest: überall Diktatur. Kein Auto aus diesem Jahrtausend zu sehen, nur große Plakate mit dicken Männern, die den Fortschritt verkünden. Keiner will mit Ihnen sprechen, weil Sie Ausländer sind. Zum Frühstück gibt es trockenen Reis, dünnen Tee und Kohl mit historischem Seltenheitswert. Und die Nachrichtensprecherin verkündet wie eine Walküre, dass die neuen Atomwaffen Ihre Heimat wegpusten, wenn es dem Führer gefällt.

Was meinen Sie, was wir für einen Zulauf kriegen aus den neuen Bundesländern! Die haben ja noch genügend Erfahrung aus der DDR, und dann kommen die Jüngeren, die wollen erst noch einen faschistischen Staat aufbauen und können hier schon einmal die Fassade sehen. Sehen Sie das als Hindernis? Also ich nicht. Wer einen faschistischen Staat mit aufbauen will, wird immer nur Fassaden sehen, bis es zu spät ist. Und das hat nichts mit Nachdenken zu tun. Wer denken kann, baut keinen faschistischen Staat auf.

Allein die Militärparaden! Wir hatten neulich einen älteren Herrn aus Sachsen-Anhalt, der hat uns angerufen, mit tränenerstickter Stimme hat der uns erzählt, was er erlebt hat. Die Fahnen und der Stechschritt und die vielen, vielen Raketen, denen man ansah, dass das alles Schrott ist. Der war so gerührt, er hat sich gefühlt wie damals in Rumänien unter Ceaușescu. Träumchen! Und für die anderen, also die Fraktion, die eigentlich gerne so richtig stramm rechts wären, aber aus Karrieregründen aufs Grundgesetz schielen müssen, denen sagen Sie: Sicherheit. Sie sind nirgends so sicher wie in einem totalitären Staat. Sie verleben dort die schönste Zeit des Jahres, abgeschirmt von den politischen und sozialen Spannungen, die Sie schon zu Hause nicht mehr sehen können, Sie haben jederzeit einen Aufpasser, der sich auf Schritt und Tritt um Sie kümmert, nehmen aber nicht als Überwachung wahr, weil Sie den Mann ja sehen. Außerdem verstehen Sie kein Wort von dem, was er sagt, es hört sich aber wichtig an. Also alles total klasse.

Natürlich betreiben solche Länder Waffenhandel und sind in internationale Konflikte verwickelt. Dann dürften Sie allerdings auch nicht mehr in die USA fliegen. Oder in Deutschland wohnen. Und das System wird auch nicht durch Tourismus am Leben erhalten. Wenn Sie davor Angst haben, sollten Sie auch nicht nach Ägypten fahren, weil Sie sonst den Islamischen Staat mitfinanzieren. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Aber Sie wollen doch das echte Abenteuer, oder? den Thrill, dass Sie die Reise unbeschadet überstehen und dabei richtig Spaß gehabt haben? Das ist unsere Marktlücke. Da geht die Reise hin, vertrauen Sie mir. Und was meinen Sie, was wir für ein Geschäft machen, wenn wir erst die Türkei mit im Programm haben!“

Advertisements




Kokolores

14 12 2017

„Alles raus?“ „Alles.“ „Wir können uns darauf verlassen?“ „Freilich.“ „Können wir uns denn dann auch wirklich auf einen…“ „Also jetzt hören Sie mal, wie sollen wir denn Koalitionsverhandlungen führen, wenn Sie uns nicht schon hier vertrauen?“

„Der Punkt ist doch, dass wir Ihnen nicht generell Misstrauen entgegenbringen wollen.“ „Genau das tun Sie doch gerade.“ „Wir wollen doch keine Streitpunkte in eine Verhandlung einbringen.“ „Die letzten Verhandlungen sind gescheitert, obwohl wir gar keine Streitpunkte hatten.“ „Sehen Sie? Müssen wir das provozieren?“ „Die Menschen draußen im Land wollen eine stabile Regierung.“ „Menschenskinder, Sie rufen doch selbst auf jedem Parteitag und bei jedem Streit zur Geschlossenheit auf!“ „Ja, aber parteiintern.“ „Und wenn wir das als Koalition auch versuchen würden?“ „Das nimmt uns am Ende wieder keiner ab.“ „Wieso nicht?“ „Die letzte Koalition hat uns doch auch keiner abgenommen.“

„Dann sagen Sie doch mal, Kohle?“ „Nein.“ „Wir haben aber doch…“ „Nein!“ „Die Wirtschaft ist sich darüber im Klaren, dass…“ „Das ist mit uns nicht zu machen! Wir werden darüber nicht reden!“ „Also ist noch nicht klar, dass Sie die Kohle als Energieträger mittel- bis langfristig weiter fördern wollen?“ „Wir haben uns noch nicht entschieden, das wird ganz demokratisch auf einem Votum der Parteibasis geschehen, und dann legen wir das dem Parteivorstand vor, und dann sehen wir weiter. Aber wir werden darüber vorerst nicht diskutieren.“ „Aus Angst.“ „Weil Deutschland eine stabile Regierung braucht, und wir wollen uns nicht verschließen.“ „Das heißt also, dass Sie den Schwanz einkneifen und die Sache einfach so weiterlaufen lassen, wenn Sie nicht mehr wissen, wie Sie sich entscheiden wollen, ja?“ „Sie können Ihre verdammte Koalition gleich alleine machen.“ „Schon gut, ich habe doch gar nichts gesagt!“

„Wir bieten Ihnen außerdem an, das Thema Grundeinkommen in der kommenden Legislatur nicht zu behandeln.“ „Hatten wir auch nicht vor.“ „Wir aber.“ „Schön, und was heißt das jetzt?“ „Das impliziert natürlich auch, dass Hartz IV erstmal nicht verändert wird.“ „Klar.“ „Als Regierung muss man sich das sehr genau überlegen. Da steckt eine Menge sozialer Sprengstoff drin.“ „Aha.“ „Nicht nur für den sozialen Bereich.“ „Schön.“ „Auch der Arbeitsmarkt wird natürlich in Mitleidenschaft gezogen.“ „Interessant.“ „Die Regierung wird sich den Vorwurf gefallen lassen müssen, dass sie einen Großteil der Menschen überhaupt nicht auf dem Schirm hat.“ „Wissen Sie, seit wann wir das hören? Das hat uns noch nie interessiert.“ „Das war mir ja vorher schon klar.“ „Von wem kamen noch mal diese Hartz-Gesetze?“ „Wer hat sie verschärft?“ „Wollen wir wirklich auf diesem Niveau reden?“ „Sie brauchen eine regierungsfähige Mehrheit.“ „Wir können auch ohne Sie regieren.“ „Ja, das merken wir seit Monaten.“ „Können wir wieder vernünftig miteinander umgehen?“ „Das hängt doch ganz von Ihnen ab.“

„Waffenhandel, noch so ein Thema.“ „Aber das bedeutet auch Arbeitsplätze.“ „Diese Kritik an den ethischen Maßstäben unseres wirtschaftlichen Handelns sollten wir aber mal ernst nehmen, finden Sie nicht?“ „Sie können das gerne ausklammern, aber die Fakten sind doch bekannt. Warum soll sich die Wirtschaft in der Bundesrepublik von ihren größten Erfolgen distanzieren?“ „Wir müssen den Wählern schließlich erklären, warum wir wieder einmal so komplett versagt haben.“ „Das kriegen die früher oder später sowieso raus. Dann geht’s ums Ganze, der Wahlkampf läuft schon, und der Rest ist Geschichte.“ „Das finden Sie gut?“ „Lassen Sie uns doch über das Thema Bürgerversicherung reden.“ „Nein, alles gut. Wir brauchen keine öffentliche Debatte über die Rüstungsindustrie, das verstehen die meisten Bundesbürger sowieso nicht.“ „Da sind wir ganz bei Ihnen.“

„Immerhin haben wir noch einen Aktenordner voll.“ „Aber das sind doch Nebenkriegsschauplätze, oder sehe ich das falsch?“ „Türkei?“ „Solange die nicht in der EU sind, sehe ich das als Nebensache.“ „Ehegattensplitting sollte man auch nicht weiter verfolgen.“ „Abgesehen von der Steuerreform.“ „Verbrennungsmotoren?“ „Haben wir die Grünen in der Koalition?“ „Auch wieder richtig.“ „Wozu regen wir uns dann auf?“ „Solange wir uns nicht über ein Einwanderungsgesetz streiten müssen?“ „Mindestlöhne?“ „Rechtsextremistische Gewalt?“ „Haben Sie nicht irgendwann mal einen Ordner mit Kram angelegt, den Sie in der Regierung machen wollen?“ „Ja, Sie etwa auch?“ „Wir haben da ‚Kokolores‘ draufgeschrieben.“ „Lustig!“ „Aber wir sollten uns nicht auf solche Kleinigkeiten…“ „Der Hauptstadtflughafen?“ „Ist Ländersache.“ „Dann sollten wie den Terrorismus nicht zu sehr in den Fokus nehmen.“ „Die Netzneutralität.“ „Überhaupt den Netzausbau.“ „Also Netzpolitik.“ „Ja, das kann man als Gesamtpaket ignorieren.“ „Dann die Sozialpolitik?“ „Arbeitnehmer.“ „Den Wohnungsbau.“ „Und den Umweltschutz.“ „Die Bahn.“ „Aber nur, was den Fahrgast an sich betrifft.“ „Versteht sich.“ „Autobahnmaut?“ „Geht ihren Gang.“ „Dann haben wir die Grenzen…“ „Obergrenze!“ „Stimmt, den CSU-Quatsch.“ „Aber jetzt haben wir’s, oder?“ „Sollten wir, ja.“ „Dann verhandeln wir worüber?“ „Höhere Diäten.“ „Das ist vernünftig.“ „Deshalb nennen wir es ja auch Konsens-Koalition.“ „Ich glaube, das ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.“ „Wie wahr…“





Regionalverkehr

11 12 2017

„Sie müssen mal die sächsische Küche mehr in den Mittelpunkt rücken bei Ihrer Berichterstattung! und nicht nur zur Weihnachtszeit! Das kann einen ja ganz aggressiv machen, Sie mit diesem dummen Geschreibe über Rechtsradikale und Nazis, passen Sie bloß auf, dass das nicht mal Konsequenzen hat für Sie, klar!?

Es ist doch wahr – man kann über unser Bundesland jede Menge schöne Dinge schreiben, da muss man sich nicht mal etwas ausdenken, wie das unser ehemaliger Ministerpräsident noch eigenhändig getan hat, und ich sage Ihnen, wenn man die Vorzüge des Freistaates mehr in der Presse lesen würde als immer und ewig das Gemecker über heimattreue Bürger, die etwas übermotiviert daherkommen, dann gäbe es hier auch ein sehr viel angenehmeres gesellschaftliches Klima. Zum Beispiel wären dann diese ganzen ausländischen Besucher, die sich regelmäßig beschweren, die wären dann ja gar nicht da.

Na, worüber beschweren die sich wohl? über Ihre mediale Hetze, so sieht’s doch aus! Überall liest man, in Dresden kann man nach Einbruch der Dunkelheit keinen Fuß mehr vor die Tür setzen – das ist maßlos übertrieben! Reine Stimmungsmache ist das, vermutlich werden Sie für solche Artikel auch noch bezahlt? Gelogen! Gucken Sie doch hin, überall Fackelzüge! Da müssen Sie doch nicht zu Hause bleiben, als aufrechter Deutscher können Sie ganz unbehelligt vor die Tür, und wenn Sie kein Problem damit haben, dass bei uns Vaterlandsliebe noch groß geschrieben wird, dann haben wir auch gar nichts gegen Sie. So ein Touristenvisum hält ja auch nicht ewig.

Schreiben Sie doch mal etwas übers Lausitzer Granitmassiv, wenn Sie das geistig nicht zu sehr fordert. Oder über Kirchenbau in Görlitz, da haben Sie sicher noch jede Menge Nachholbedarf. Das wollen die Leute lesen, nicht Ihre Schauermärchen über Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Das mit der Zwickauer Zelle war ein bedauerlicher Einzelfall, das können Sie nicht allen Sachsen in die Schuhe schieben. Außerdem ist noch gar nicht klar, ob das nicht alles der Verfassungsschutz war, man liest da ja so manches – was Sie übrigens nicht schreiben, das wollen wir mal festhalten – und wenn das schon jemand schreibt, dann wird da auch etwas dran sein, sonst würde man sich wohl kaum die Mühe machen, meinen Sie nicht?

Natürlich müssen wir auch weltoffen sein, ist ja klar – die Weltwirtschaft ist voller Ausländer, das muss man anerkennen, und solange die im Ausland sind und Außenhandel machen, ist das auch total in Ordnung. Da muss man zum Beispiel hinschauen. Dass die Wirtschaft in Sachsen noch Probleme hat, kann man nicht leugnen, die älteren Arbeitnehmer, die kurz vor der Rente, also ab vierzig, die liegen mit dem Einkommen unter dem Durchschnitt und gehen jetzt harmonisch in Altersarmut über, und da muss man sich als Politik und Gesellschaft mal interessiert zeigen. Da sollten Sie einen Bericht für Ihre Zeitung machen, aber dann auch mal kritisch hinterfragen, wo die Kausalität liegt. Die gibt es nämlich, das lässt sich nicht wegdiskutieren!

Der Ballungsraum Chemnitz-Zwickau ist der mit der schlechtesten Bahnanbindung in ganz Deutschland. Wir haben quasi nur Regionalverkehr. Da kommen Sie nicht hin, wenn Sie rein wollen, und noch viel schlimmer ist, hier kommen Sie nicht weg. Das ist doch kein Leben! Den Leuten haben sie früher Reisefreiheit versprochen und was noch alles, und dann kommen die Flüchtlinge hier gratis im Bus angerollt! Das müssen wir bezahlen! Wenn Sie das schreiben, dann ist hier Bürgerkrieg, aber dazu haben Sie auch nicht den Mut, oder!?

Sie schreiben natürlich lieber über den Bund der Antifaschisten, klar. Die haben den Sächsischen Bürgerpreis bekommen? Die haben sich dann doch bestimmt umgehend zur Verfassung bekannt und gegen Extremismus ausgesprochen, oder? Ach, das war danach? Wissen Sie, mir ist das egal, ich befasse mich nicht mehr mit Politik. Die belügt einen sowieso, die Presse schreibt grundsätzlich, was sie will, und wir müssen die Suppe ausbaden. Sie reden die Probleme doch klein, wo Sie können! Aber das lassen wir uns nicht mehr länger gefallen, Sie müssen mal was über unser Waschgerätewerk Schwarzenberg schreiben, gut, das gibt es seit 1990 auch nicht mehr, aber als Vorbild für die moderne Industrieproduktion, von der Badewanne bis zum Waschvollautomaten, das ist doch ein Stück Geschichte, also deutsche Geschichte, auf die man auch mal stolz sein kann, auch wenn die nicht so gut lief? Oder die historischen Grabdenkmäler aus vier Jahrhunderten im Stadtmuseum Meißen, das ist nicht nur für Besucher interessant – die Sachsen sind ja selbst oft nicht so firm mit der deutschen Geschichte, das kann man doch alles noch festigen. Aber wenn Sie als Presse eben nicht mitspielen, dann kann man da nichts machen.

Wenn Sie ständig nur die Probleme in unserem Bundesland in Ihren Schlagzeilen haben, dann ist es doch klar, dass das Ausland und die interessierten Kräfte nichts anderes mehr zur Kenntnis nehmen. Sie wissen schon, wer Sie bezahlt. Dass Sie mit Ihrer Pauschalkritik unserem Land schaden, das ist Ihnen natürlich völlig egal, erst haben Sie die DDR besiegt, und jetzt liefert Ihr linksgrünen Schweine auch noch unser Vaterland ans Messer! Wie lange dauert’s noch, bis man für einmal die Wahrheit sagen wieder in die Gaskammer kommt!? Sie elender Schmierfink, Sie – gucken Sie doch lieber mal nach Thüringen!“





Ergebnisoffene Maßnahmen

7 12 2017

„… dass die Durchsuchungen generell gegen Extremisten gerichtet seien. Man habe nur mit einer Razzia gegen Linke begonnen, da diese in den letzten Monaten vermehrt im Fokus der…“

„… kein milderes Mittel eingesetzt werden könne. Gerade eine Hausdurchsuchung, bei der auch Kinder von Polizeigewalt betroffen seien, übe eine besondere pädagogische Wirkung für die politische Bewusstseinsbildung des…“

„… vermisse auch die Bundeswehr größere Bestände an Spähpanzern und Flugabwehrraketen. Solange nicht geklärt sei, ob sich Linksradikale Waffensysteme für den bundesweiten Einsatz gegen demokratische Umtriebe angeeignet hätten, müsse man in alle Richtungen…“

„… und sich deshalb nicht über körperliche Auseinandersetzungen beschweren könne. Plan der Polizeiführung sei schließlich ein Schlag gegen die…“

„… könne auch eine ergebnislose Fahndung letztlich als Ergebnis gewertet werden. Damit sei gesichert, dass der Staat die mutmaßlichen Terroristen wegen gezielter Vernichtung von Beweismitteln vor das…“

„… müsse man die Fahndungen auf jeden Fall als legal bezeichnen, solange noch kein gerichtliches Verbot von…“

„… zahlreiche gespitzte Bleistifte sichergestellt worden seien. Da diese nicht zur Ausfertigung rechtlich bindender Dokumente verwendet werden dürften, liege der Verdacht nahe, dass damit Betrug, Urkundenfälschung oder eine…“

„… nur auf Befehl gehandelt habe. Es sei während der Durchsuchung zu zahlreichen schweren psychischen Beeinträchtigungen der Beamten gekommen, die durch die Brutalität ihrer Kollegen nachhaltig traumatisiert worden seien. Dies sei ein erschwerendes Moment, für das man die Linksextremisten mit der vollen Härte des…“

„… dass der Tatvorwurf des schweren Landfriedensbruch durchaus aufrecht erhalten werde. Wer die aktuellen Verhaltensauffälligkeiten bei Vorschulkindern kenne, der wisse sehr genau, dass es auch minderjährige Verdächtige im…“

„… im Umkehrschluss das Auffinden von Bleistiften ein Indiz für die linksradikale politische Ausrichtung von Personen sei, die bisher noch nicht strafrechtlich in…“

„… müsse es für die zahlreichen spontanen Aktionen zwingend eine gemeinsame Planung gegeben haben. Auch der Bundesminister des Innern könne bei der Auswertung von Straftaten durch Polizisten keinen…“

„… vermute die Polizei vorwiegend ausländische Täter, weshalb auch die Suche in Göttingen und…“

„… dessen ungeachtet jede Art von Schreibgerät zwingend als Waffe zu betrachten sei. Der Staat habe daher das Recht und die Pflicht, jeden, der als Terrorist in diesem Sinne in der…“

„… eine Baumsäge beschlagnahmt habe. Da der Baumbestand auf der Elbchaussee allerdings bisher nicht angetastet worden sei, gehe man von einer weiteren, möglicherweise in der Vorweihnachtszeit geplanten…“

„… zur Verfügung stellen müsse. Öffentlich-rechtliche Medien, die ihr Bildmaterial nicht an die Bundespolizei lieferten, seien Verräter, die von der Volksgemeinschaft nur eine…“

„… ein Verurteilter zwar aus der Untersuchungshaft habe entlassen werden müssen, was aber nicht im Sinne einer rechtsstaatlichen…“

„… auch nach zwei Tagen keinen der unbekannten Täter identifiziert habe. Dennoch habe die Aktion bewiesen, dass die Polizei keinerlei Einmischung in…“

„… nicht im Vorfeld geklärt werden müsse, ob es sich um eine sinnvolle Aktion handeln müsse. Vielmehr könne eine ergebnisoffene Maßnahme ebenso für die politische Entscheidung einer…“

„… Bäume absägen könne, um aus dem Holz gefährliche Tatwerkzeuge in Form von Bleistiften und…“

„… sei ein Großteil der verdächtigen Personen der Polizei bereits namentlich bekannt. Die Hausdurchsuchungen hätten daher nur den Zweck gehabt, den Aufenthaltsort und das Umfeld der Beschuldigten informell zu…“

„… für die Baumsäge aber keine Quittung beibringen könne oder wolle. Da es sich nach Einschätzung der Polizei dabei auch um ein Eigentumsdelikt handeln könne, müsse man von einer international agierenden kommunistischen…“

„… es sich bei der linksradikalen Verschwörung um ein durch moderne Kommunikationsmittel gesteuertes Komplott handele, dem nur durch eine anlasslose Speicherung sämtlicher…“

„… sich Scholz eindeutig geäußert habe. Er werde alle linken oder als links anzusehenden oder als politisch zu verstehenden Aktivitäten oder deren Versuche oder Neigungen, die man als Aktivitäten, die als Versuch oder eine Art einer Form, die man als Form, die links oder versuchsweise oder gegen das Bürgertum oder auf eine Art, die als Form, die als eine Art von Versuch von Form als…“





Umfassend gewährleistet

5 12 2017

„… jede Person ein potenzieller Terrorist sei. Der Bundesminister des Innern plane vor diesem Hintergrund die Überwachung von Wohnräumen und elektronischen Geräten durch eine lückenlose Ausspähung aller in Deutschland befindlichen…“

„… nicht ausgenommen werden könnten. Das Beichtgeheimnis sei zwar theoretisch nicht gefährdet, man müsse jedoch vor dem Hintergrund der Verwicklung in zahlreiche Missbrauchsfälle auch die Kirche als relevante Zielgruppe für…“

„… nicht alle Ausländer in ein Scoring zu überführen gedenke. Beispielsweise könne man alle guten Wirtschaftspartner wie Dänemark, Saudi-Arabien oder die…“

„… man moderne Digitalgeräte wie MP3-Spieler vernetzen müsse, um herauszufinden, ob sich durch radikale Inhalte islamistische Attentäter in Deutschland…“

„… dass eine Einstufung als sicheres Herkunftsland nicht gleichzeitig bedeute, dass von diesem Staat keine erhöhte terroristische Gefahr…“

„… es für Mitglieder der Regierugsparteien keinen Anlass gebe, von genereller Kriminalität auszugehen. Es habe zwar vereinzelt Fälle von Vorteilsnahme und Steuerhinterziehung gegeben, doch sei eine pauschale Vorverurteilung eine unzulässige und…“

„… das Scoring in Zusammenarbeit mit den potenziellen Koalitionspartnern auf Bundes- und Länderebene erstellen wolle. Der rechte Flügel der Union wolle auch für zukünftige Kooperationen der AfD inhaltlich eine Basis des…“

„… prüfe das Bundesjustizministerium ein Verbot analoger Schreibmaschinen. Bei einer vollständigen Umstellung auf elektronische Datenverarbeitung im Postverkehr sei umfassend gewährleistet, dass Anschlagspläne zeitnah an die zuständigen Stellen im…“

„… dass diplomatisches Personal immer ausgenommen sei. Die Maßnahmen sollten nach Ansicht von de Maizière stets für Bürgerinnen und Bürger, die keinen…“

„… alle in Deutschland geführten Telefonate mitschneiden müsse. Es sei nicht notwendig, das dadurch entstandene Material auch auszuwerten, da auch das Bundeskriminalamt sich keinerlei Erkenntnisgewinn von der…“

„… Autofahrten bereits im Vorwege behördlich angemeldet werden müssten, so dass jede Abweichung von der genehmigten Route in Abhängigkeit von der aktuellen Verkehrslage bereits Rückschlüsse auf die…“

„… nach dem allgemeinen Verbot von Glühlampen nur noch WLAN-fähige Leuchtmittel verkauft werden dürften, deren Betriebszeiten in einer zentralen Datenbank…“

„… es aus rechtlichen Gründen nicht möglich sei, Schusswaffen mit einem GPS-Sender auszustatten. Dies sei ein Eingriff in die Rechte der Staatsbürger, der nicht durch das Grundgesetz…“

„… mit einer nicht übertragbaren Chipkarte ausgestattet werden müsse, die vor der Benutzung eines Kraftfahrzeugs in ein Lesegerät eingeführt werde. Eine bundeseigene Firma, die sich schon auf Hardwarelösungen für Hartz-IV-Empfänger und andere soziale Randgruppen spezialisiert habe, werde eine technisch befriedigende…“

„… auch Smart-TV-Geräte überwache. Die Software kontrolliere, wann genau die Nutzer mit systemkritischen Medieninhalten aus den öffentlich-rechtlichen…“

„… könne durch einen Waffen-Tracker lediglich festgestellt werden, ob eine illegale Schusswaffe benutzt oder bewegt werde. Da man aber nicht wisse, wer mit dieser Waffe umgehe, sei eine Kontrolle ein sinnloses…“

„… ob mediale Darstellungsformen wie Theater oder Lichtspiel gesetzeskonform zu einer digitalen Darbietung gezwungen werden könnten. Es reiche nicht aus, den Besuch dieser Veranstaltungen zu kontrollieren, es müsse auch aufgezeichnet werden, wer sich mit welchen anderen Personen eine…“

„… den Datenbestand der Krankenkassen nur für einzelpersonenbezogene Fahndungsmaßnahmen verwenden wolle. Dies schließe jedoch nicht die Auswertung von DNA-Daten zur Klärung der Zugehörigkeit zu Rassen, Hautfarben oder…“

„… von den Kontrollen ausgenommen werden müssten. Dies gelte nicht nur für V-Personen, sondern auch für Mittelsmänner, ausgespähte Personen und…“

„… ob auch Kleidungsstücke oder Schuhe ohne eine Möglichkeit der Deinstallation zur Ortung der Träger genutzt werden könne. Dadurch sei es auch möglich, auf die elektronische Fußfessel ohne eine richterliche Genehmigung zu…“

„… nicht willentlich riskiere, durch Zielfahndungsmaßnahmen den Verdacht einer Observierung von Rechtsradikalen zu erwecken. Diese Personen würden unter Umständen sogar in der Lage sein, die rechte Szene zu verlassen, wodurch wertvolle Kontakte in die…“





Quereinsteiger

4 12 2017

„Glas ist immer im Preis inbegriffen. Nur Türen gehen extra, da muss ich mit Spezialwerkzeug ran, außerdem kann das auch mal länger dauern, wenn da noch ein Sperrriegel hinter ist. Aber ich versuche sowieso immer erst mal die Fenster, die machen weniger Krach, und man muss auch nicht von vorne ins Haus rein. Und Sie haben auch nicht diesen Stress mit der Polizei, höchstens ein Formular von der Glasbruchversicherung. Da bin ich natürlich kundenorientiert.

Als Dienstleister müssen Sie Ihren Kunden den besten Service liefern, auch in unserem Gewerbe, und ich weiß, wovon ich rede. Die Ansprüche der Leute wachsen, Sie müssen heute quasi so einen Auftrag in den zehn, fünfzehn Minuten erledigen, in denen der Hauseigentümer kurz zum Bäcker fährt. Das muss laufen wie am Schnürchen, da sitzt bei Ihnen jeder Handgriff – oder Sie, wenn Sie es nicht gut über die Bühne bringen. Man weiß ja nie.

Das ist mir tatsächlich mal passiert. Die Kundin hat den Schmuck ordentlich im Schlafzimmer auf dem Schränkchen drapiert, alles griffbereit, sie hat sogar noch einen Umschlag mit einem Scheinchen dazugelegt – manche Leute sind ja schon sehr nett, muss man den Kunden auch mal lassen – und wie ich so ins Erdgeschoss komme, steht da aus der Nachbarschaft ein Polizeibeamter im Flur, Waffe, Handschellen, das volle Programm. War dann ein größeres Scheinchen in dem Umschlag, war auch nicht nur eins, und wir haben das geregelt gekriegt. Aber da sehen Sie mal, was alles passieren kann.

Wie man in die Branche reinkommt? Ich will ehrlich sein, ich weiß es nicht. Hat sich irgendwann so ergeben. Nach dem Studium war ich einige Zeit arbeitslos, Assyriologie und Religionswissenschaft, da ist man automatisch für alles überqualifiziert, dann habe ich dem Nachbarn mal einen Gefallen getan bei einem Brandschaden, weil er ein neues Sofa brauchte, und dann ging das so weiter. Ich habe mich umgesehen, Banküberfälle waren mir zu viel Stress, auf dem Automarkt ist die Konkurrenz aus dem Ausland inzwischen viel zu groß, und dann hatte ich plötzlich eine Anfrage für einen Einbruch. Einfamilienhaus, günstige Lage, einmal rein, die Schrankwand umkippen, alle Schubladen aufziehen und wieder raus. Hatte ich noch nie gemacht vorher, aber das klang gut. Und für einen Quereinsteiger – ja, ich weiß, doofer Witz – war das Honorar auch ganz anständig. Mir hat das sofort gefallen, liegt auch in der Familie bei uns, mein Vater war beim Finanzamt, auch Innendienst und den Leuten das Geld abgeknöpft, damit konnte ich mich sofort identifizieren. Dabei ist es dann geblieben.

Jetzt arbeite ich freiberuflich als Allrounder, es sind größtenteils Empfehlungen, kleinerer Häuser, ein gewisser Anteil an Villen, ganz ab und an mal eine Galerie oder ein Kleinunternehmen, wo man die Bücher klaut, bevor der Steuerprüfer kommt, oder ein Museum, aber auf größere Objekte habe ich nie so Luft gehabt. Und dann bespricht man im Regelfall den Auftrag vorher, damit man weiß, wie man das plant.

Nehmen wir mal an, Sie haben da so ein ganz fürchterliches Bild von ihrem Erbonkel, röhrender Hirsch im Steigerwald, was weiß ich – aber eben vom Erbonkel, und da steckt noch ein Menge Geld, das kann man ja nicht aus Versehen zum Sperrmüll stellen, und dann kommt der Erbonkel und fragt, wo sein Bild hin ist, also kurz: hinten rein, Bild abhängen, raus, fertig. Kommt darauf an, ob Sie Sicherheitsglas haben, aber mehr als eine Stunde sollten Sie nicht ausgeben. Plus Anfahrtspauschale. Das kriegen Sie nirgendwo anders so preiswert und diskret abgewickelt.

Die osteuropäische Konkurrenz ist uns hier auch schon auf den Fersen, aber da wäre ich vorsichtig. Die kriegen die Tür nicht auf und demolieren am Ende das Auto. Oder das ganze Haus ist leer. Von mir jedenfalls bekommen Sie immer deutsche Qualitätsarbeit, da können Sie sich verlassen, und alles aus einer Hand. Ich bilde mich auch weiter für Sie, zum Beispiel Alarmanlagen. Kann man ja meist mit dem Taschenmesser außer Gefecht setzen, aber der Fachmann macht das so, dass Sie Ihre Anlage hinterher noch weiter gebrauchen können. Nicht einfach rauf mit dem Hammer und rein ins Haus, so machen das die Berufsanfänger. Da müssen Sie sich dann hinterher auch noch von der Polizei eine Standpauke über sich ergehen lassen, warum Sie so einen Schrott einbauen, den man einfach kaputt schlagen kann. Aber wenn genau das richtige Kabel gezogen und genau der richtige Knopf gedrückt ist, dann wissen auch die: das war der Profi. Solides deutsches Handwerk. Merkt man eben doch, dass sich die deutsche Qualitätsarbeit auf Dauer am Markt durchsetzt.

Und wir arbeiten nachhaltig. Die anderen Betriebe kommen meistens in der Dämmerung, da braucht man elektrisches Licht, das wird natürlich wieder die Ökobilanz Ihres Objekts verschlechtern, und wir haben uns ganz bewusst für den Einbruch zu den normalen Geschäftszeiten entschieden, wir kommen tagsüber. Offiziell wird die Arbeitszeit in Abstimmung mit dem Bundeskriminalamt von sechs Uhr morgens bis neun Uhr abends genannt, und da die Dämmerungsaktivität ab November sowieso stark zunimmt, kommt man sich da auch nicht so ins Gehege und arbeitet viel zügiger, viel effektiver und entspannter.

Na, dann zeigen Sie mal. Das Aquarium von ihrer Ex-Frau steht im Obergeschoss, und Sie sind wann genau im Urlaub?“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCXCV): Die Schnipselflut

1 12 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Rrt spuckte in die Hände. Das von der Sippe bestellte Fresko stand kurz vor seiner Vollendung, Säbelzahnziege und Wollelefant flohen vor dem Speer des Jägers, der Schwager mit dem fusseligen Bart war am linken Bildrand noch einigermaßen lebendig, was sich mangels Zeitfaktor nicht visuell darstellen ließ. Zur Anfertigung des Werks waren ein paar Klumpen Ocker vonnöten, das Ergebnis sollte unbeschadet bis in die Postmoderne halten, wenngleich dies zum Zeitpunkt der Werkerstellung so nicht vorauszusehen war. Sorgenfrei konnte der prädiluviale Schöpfer seine Umwelt reflektieren und auf die Ostwand der Eigentumshöhle das Ergebnis in mythologischer Überhöhung bannen: die Große Göttin, erkennbar an der Rundform sämtlicher Körperteile, wacht noch Jahrtausende später über der Szenerie. Weiß der Hominide auch nichts von der Ewigkeit, so ahnt er wenigstens den Rahmen seiner transzendentalen Tätigkeit. Das Bild als indexikales Zeichen erreicht trotz allem seinen Empfänger, wird es auch in eine Zukunft geworfen, die nicht zu fassen ist. Heute jedoch, wo diese Zukunft sich bereits manifestiert, gehen die Bilder unter in der Flut, die sie selbst erzeugen. Schnipsel, überall Schnipsel.

Das allfällige digitale Endgerät hat dem Beknackten die Kontrolle aus der Hand gewunden. Überall schwenkt und knipst es, nimmt auf und speichert, schleudert Daten und pflastert die Kulisse mit farbigen Positiven. Nichts oberhalb der Erdkruste bleibt langfristig unaufgenommen, alles wird in traute Viereckform gestopft, Sekunden später mit Unschuldigen geteilt, die sich Fotos von Weihnachtsmärkten antun müssen, Katzen, Kuchen, Modeschmuck, spielende Kinder, kurz: das optisch erfassbare Grauen des Planeten in konzentrierter Form, wie es sich kein Apokalyptiker hätte aus der trüben Hirnrinde hätte wringen können. Seinen Anfang nimmt es im Auge des Betrachters, und da beginnt auch der Prozess der medialen Verbreitung.

Das Selfie, jene von Realitätsallergikern in den allgemeinen Diskurs geprügelte Form der Verblödung, die die Egogesellschaft im wahren Sinn des Wortes spiegelt, spielt auch nach dem Nachlassen der Medikamente nur in der eigenen Birne. Es ist nur Störschall im weißen Rauschen, eine von vielen überflüssigen Facetten, die keinen anderen Menschen je erreichen, Schaumkronen auf der Pixelflut, eine Nullinformation, die sich auf ein nicht existentes Image beziehen, Marketing für eine Blase voller Dünnluft. Abgesehen von der reinen Abbildungsfunktion ist das stetige Aufnehmen und Verteilen der eigenen Front eine unsubtile Form der Kontrolle – die Unterwerfung unter das Diktat der stereotypen Ausbringung von Lebenszeichen macht aus dem Selbstschnipsler einen unfreiwilligen Lieferanten von Füllstoff für die große digitale Deponie, die Netze und Nutzer verstopft, virtueller Plastemüll in Datengestalt, der sich in Strudeln und schwarzen Löchern zusammenschmoddert. Vor dem Hintergrund der reinen Masse wird jede Aussage im Bild quasi unsichtbar – der universale Matsch wird zur Lawine, die alles Denkbare mit sich fortreißt.

Längst haben sich eigene Kulturtechniken aus dem Umgang mit der Materie entwickelt. Minuziös porträtiert der Bekloppte seine Nahrungsaufnahme, stapelt Salatstreifen und Käsebröcken nach dem Goldenen Schnitt, belichtet das Produkt und zieht Filter über die Angelegenheit, um der Mitwelt mit Nachdruck in die Birne zu schwiemeln: ich drücke mir gerade Kalorien hinters Zäpfchen. Normal ist es mittlerweile, Mahlzeiten auf Umgebungstemperatur abkühlen zu lassen, weil das bildgebende Verfahren die komplette Zwischenzeit einnimmt, in der die Entropie auf ein wünschenswertes Maß gelangt ist. Eine ganze Generation inszeniert hartnäckig und liebevoll Haute Cuisine, während sie sich hinter dem Objektiv schnöde Tütensuppe reinpfeift. Auch dies dient als Ablenkungsmanöver, und wieder ist es das Subjekt, das sich einbildet, irgendwer würde sich für seine Schlappschüsse interessieren.

Die Steigerung des Sinnlosen in die Tristesse schließlich ist das Bewegtbild, der Fetzen aus dem Leben, das keinen kümmert. Außerirdische werden eines Tages den Schutt wegfegen, Festmeter von Flashspeichern freilegen, sich äonenweise Filmchen in die lichtempfindlichen Organe quetschen, und sie werden merken: sie dokumentieren nichts, es ist keine Kunst, es steht in keinem inneren, in keinem äußeren Zusammenhang, es hält wenig fest, beweist nichts, prognostiziert nichts, die Aussage geht gegen Null (abgesehen von der Tatsache, dass das Medium die Botschaft ist), es ist die totale Aufzeichnung, das Gedächtnis plus eingebrannte Amnesie, die auf Halde produzierte Redundanz, die die Menschheit in allen Epochen über ihre eigene Beklopptheit gerettet hat. Nicht auszuschließen, dass der Vanitas-Gedanke hier kulminiert, um in einem orgiastischen Mahlstrom das Dasein zu Sperrmüll zu verarbeiten. Vielleicht kriegt die Menschheit das mit der Quote an Katzenvideos irgendwie geregelt. Wer weiß, was der nächste Urknall sonst bringt.