Hinnere Sicherheit

22 08 2017

„… aus der Europäischen Union austreten wolle. Söder habe angekündigt, im Falle einer Übernahme der Amtsgeschäfte den Freistaat sofort aus der…“

„… ob die CSU ihre Entscheidung durch eine Volksabstimmung legitimieren lassen wolle. Die Landesregierung habe den Eindruck, den Willen der Wähler auch ohne eine vorherige…“

„… dass die Umwandlung Bayerns in eine Erbmonarchie zwar derzeit nicht zur Debatte stehe, im Umfeld des Heimatministers aber auf ein sehr wohlwollendes…“

„… von falschen Voraussetzungen ausgegangen sei. Zwar wolle Bayern die EU verlassen, der Verbleib in der Bundesrepublik Deutschland stehe aber weder jetzt noch in Zukunft ernstlich zur…“

„… das Nordbayerische als offizielle Sprache in die Landesverfassung aufnehmen werde. Da sich nach dem Austritt die CSU nicht mehr an die diktatorischen Regeln der Sprachpolitik gebunden fühle, werde sie ab sofort eine sehr viel…“

„… für eine einfache Lösung sei. Seehofer werde die EU-Außengrenze um Bayern auch künftig bis zur letzten Patrone…“

„… die Spieler des 1. FC Bayern München mit dem Diplomatenstatus ausgestattet werden könnte, um die Einreiseformalitäten wesentlich zu…“

„… bessere Luft-, Wasser- und Bodenqualität gewährleisten könne. Da nach den angekündigten Grenzkontrollen und der Maut für EU-Autos die bayerischen Autobahnen nur noch von den Einwohnern befahren würden, sei eine Reduzierung der Feinstaubwerte zu erwarten, die weit unter…“

„… als Einwanderungsland angesehen werde. Alle EU-Bürger, wozu auch alle Deutschen zählten, die außerhalb Bayerns lebten, müssten sich sofort aus dem…“

„… analog zur Übergangszollunion auch eine gemeinsame Währung beibehalten würde, die aber nur nach einem einseitig von Söder bestimmten Wechselkurs…“

„… immer noch der Bundesrepublik angehöre, folglich den Euro-Raum nicht verlassen werde. Eine mit der EZB abgestimmte Zins- und Währungspolitik lehne der blockfreie Staat aber…“

„… noch einmal bekräftigt, dass es keine Obergrenzen mehr geben dürfe. Für Seehofer heiße dies, dass ausnahmslos alle Nicht-Bayern sofort aus dem Gebiet des Freistaates…“

„… offen damit gedroht habe, als Teil der Bundesregierung sofort wieder die Deutsche Mark als gesetzliches Zahlungsmittel in der ganzen…“

„… durchgerechnet habe. Die Einfuhrzölle würden dazu führen, dass bayerisches Bier einen Literpreis von bis zu 58 Euro und einen Steuersatz von mindestens…“

„… die Tschechische Republik gewarnt habe, die EU-Außengrenze zwischen Trojmezí und dem Pleckensteiner Wald militärisch zu besetzen. Verteidigungsminister Stropnický habe dies in enger und vertrauensvoller Zusammenarbeit mit den bundesdeutschen Stellen in Berlin und…“

„… das Abwandern von Industriebetrieben nach Baden-Württemberg in der Presse viel zu negativ dargestellt werde. Seehofer sei im Gegenteil sehr erfreut, dass sich nun ähnlich wie in Nordrhein-Westfalen viele neue für Kultur und Freizeit geeignete Areale inmitten der idyllischen…“

„… beklage Herrmann die Ankündigungen der Europäischen Union, Bayern bei der internationalen Verbrechensbekämpfung künftig nicht mehr in vollem Umfange zu unterstützen. Daraus erwachse für den Freistaat eine noch hinnere Sicherheit, die sich katastrophal auf die Wahlergebnisse für die…“

„… die Bayerischen Motoren Werke keine ausländischen Kredite mehr bekomme. Es finde sich kein Investor, der auf der neu gegründeten Bayerischen National-Bank mehr als die…“

„… möglich sei, dass Flüchtlinge über den Bayerischen Wald in das tschechische Grenzgebiet eindrängen. Sollten diese über den Luftweg nach Bayern gelangt sein, so würde ihr Eintritt in den Schengenraum automatisch zu einem Asylverfahren nach den Regeln des…“

„… damit begründet habe, dass die Einpendler nun der bayerischen Wirtschaft nicht mehr zur Verfügung stünden. Kommissionspräsident Juncker habe Seehofer dagegen zu verstehen gegeben, dass angesichts der rapiden Deindustrialisierung des Freistaates eine Vermehrung der Bevölkerung um mehrere Tausend Personen täglich nicht mit den…“

„… dass die EU nicht auf bayerische Produkte verzichten könne und daher den Forderungen der CSU ohne weitere Bedingungen…“

„… möglicherweise zu einem Geschäft für den Freistaat Bayern entwickeln könnte. Finanzminister Söder sei nach wie vor nicht bereit, Bankgeschäfte wie in Luxemburg zuzulassen, zeige sich aber recht aufgeschlossen, wenn der internationale Tourismus sich mit einer neuen Facette des…“

„… von der Europäischen Union ein sofortiges Verkaufsverbot von tschechischem Bier verlange. Andernfalls drohe Söder mit einem Handelskrieg, der weit über die Grenzen des…“

„… im Erdinger Moos zahlreiche günstig gelegene Baugrundstücke veräußert habe. Diese seien für eine gut zehn Quadratkilometer große Containersiedlung mit Shuttle-Anbindung an den Flughafen der perfekte…“

„… die auf dem Starnberger See aufgebracht worden seien. Die Identitären unter der Leitung des Österreichers Sellner hätten die Rettungsaktion für ein flüchtlingsfreies Bayern mit einem Fischkutter, dessen Fäkalienbehälter nach dem Durchrosten direkt in den Tank des…“





Im Auge des Betrachters

17 08 2017

„Der Verband wollte das so.“ Die junge Dame an der Fleischtheke unterdrückte ein Würgen, bevor sie sich umdrehte und schleunigst in Richtung Ausgang verschwand. Den Einkaufswagen ließ sie stehen. „Schade“, murmelte Kennichkeit, „aber wir kriegen das ersetzt. Hoffentlich.“

Mir war ein wenig flau im Magen, aber das lag wohl daran, dass ich schon seit einer Viertelstunde – anders als Kennichkeit, der seit drei Jahren in dieser Filiale arbeitete – diese Filmschleife sehen musste. Ein Kälbchen wurde in den Schlachthof geführt, vielmehr: mit Gewalt getrieben, nach einer halben Minute wurde das, was übrig geblieben war, fachgerecht zerlegt und unter Schutzatmosphäre in Plastikschalen verpackt. „Absolut hygienisch“, schwärmte der Fachmann, „wir könnten damit jeden Preis gewinnen.“ Direkt neben dem kleinen Bildschirm verkündete eine Tafel Hackfleisch im Sonderangebot. „Ist das nicht ein bisschen krank?“ Kennichkeit lächelte. „Ich bitte Sie – wachsen denn Ihre Schnitzel im Balkonkasten?“

Müßig zu sagen, wie das Eierregal ausgestattet war. Neurotische Hühner pickten sich gegenseitig die Schnäbel blutig, eingepfercht in dreckige Käfige aus scharfkantigem Metall. Zwischendurch sah man Mastgeflügel als gackernden Mahlstrom durch die Freilaufzonen treiben. „Das muss man natürlich auch sauber halten“, erklärte mein Begleiter. „Wenn Sie da nicht alles ausprobieren – aber sonst kann man die Preise von elf Cent im Einzelhandel nicht gewährleisten.“ Auch hier im Supermarkt wurde offensichtlich gespart; dieselben Aufnahmen liefen an der Kühltheke mit abgepackten Hühnerbeinen. „So versteht der Verbraucher die Zusammenhänge besser“, erklärte Kennichkeit. „Zumindest hoffen wir, dass er sie irgendwann bemerkt.“ Ich blickte angestrengt auf den Monitor in Augenhöhe. „Und Sie meinen, dass sich die Kunden überhaupt die Schockfilme ansehen?“ Er nickte. „Schauen Sie mal nach oben – genau da.“ Ich bemerkte die Kamera knapp unter der Hallendecke. „Blickerfassung. Wenn Sie nicht lange genug hingeguckt oder dabei die Augen geschlossen haben, dann öffnet sich die Kühltruhe nicht. Wir setzen schon auf zunehmende Messwerte, sonst hätten wir den Versuch nicht branchenintern so angekündigt. Aber kommen Sie, ich möchte Ihnen gerne ein paar überraschende Dinge zeigen.“

Der Gang ans Schokoladenregal erforderte hohe Konzentration. Drei Dutzend Marken mit einer schier unübersichtlichen Anzahl an Sorten waren bis in äußerste Griffhöhe gestapelt, dazwischen ein grellbunter Bildschirm mit Plantagenarbeitern. „Wir haben hier strikt produktbezogen gearbeitet“, gab Kennichkeit zu wissen. „die Kinder, die hier auf den Plantagen beschäftigt sind, ernten tatsächlich nur Kakaobohnen. Drei Viertel unserer Importe kommen aus Ghana und der Elfenbeinküste, wo die Quoten der Kinderarbeiter konstant steigen. Sehen Sie genau hin.“ Konzentriert betrachtete er den kleinen Bildschirm. „Sehen Sie? Etliche der Kinder sind fünf, sechs Jahre alt. Die Kosten sind gut zu beherrschen, und wenn Sie die Arbeitskräfte in so jungem Alter bereits einsetzen, werden sie auch nie in größerem Umfang wegbrechen, weil sie einfach für nichts anderes zu gebrauchen sind.“ Auch über dem Kaffeeregal waren die Bilder zu sehen. „Aber wie gesagt, rein produktspezifisch. Kakao, Kaffee, Gewürze, Schnittblumen, wir haben für alles einen eigenen Erzeugerweg, die Produktionsbedingungen sind jeweils anders. Bei den Blumen haben wir noch echte Sklaverei, rechtlose Frauen in Kenia und Uganda, die für 500 Tonnen Blumen pro Tag bis zum Hals in toxischen Dämpfen stehen und bei einem Arbeitsunfall entsorgt werden wie ein Stück Einwickelpapier.“ Er zupfte die Plastikfolie um die billigen Rosensträuße zurecht, auf dem Monitor sah man, wie sich eine Frau in zerrissener Schürze in einem Gewächshaus heftig auf den Boden erbrach. Die Blumen waren heute Nacht aus der Kühlhalle des Flughafens in einen Großmarkt verfrachtet und mit reichlich Nachlass verkauft worden; in wenigen Stunden würde die Filialleiterin sie in den Müll schmeißen, weil sie nur noch einen Tag lang haltbar waren.

„Sie meinen, das hilft?“ Kennichkeit blickte mich verwundert an. „Haben Sie das Konzept auch wirklich verstanden?“ „Warum denn nicht“, gab ich zurück, „es geht doch um Verbraucheraufklärung, oder? Oder!?“ Sein Lächeln hatte etwas Hilfloses, mit dem ich gar nicht rechnen konnte. „Natürlich, das ist schon korrekt, nur haben wir eigentlich einen ganz anderen Ansatz.“ Er zog mich am Arm, und leicht widerstrebend folgte ich ihm an die Kassen. Hier lagen Zigarettenschachteln in großen Drahtkörben. Kennichkeit griff ein Päckchen heraus und hielt es mir ins Gesicht. „Und?“ „Verstehen Sie denn nicht?“ Vielleicht fehlte mir der Humor, aber ich begriff nicht, was er von mir wollte. „Wenn Sie rauchen“, fing er an, aber ich musste bedauern: ich rauche ja gar nicht. „Wenn Sie rauchen, dann ist es Ihnen irgendwann egal. Sie haben es so oft gesehen, dass es Sie nicht mehr interessiert. Wir setzen auf die Abstumpfung des Betrachters. Meinen Sie nicht, dass das funktioniert?“





Brrmmm-Brrmmm

14 08 2017

„Das ist da aber nur für den Tundra GLS und die Sondermodelle mit Sportfahrwerk. Der Rest ist im Stadtverkehr vorbildlich, im Stau hört man den kaum, und wenn Sie den Savanna XL mit Benziner bestellen, der ist fast noch besser, wenn er nicht zufällig schlechter ausfällt.

Sie können gerne mal reinhören, wie laut die Dinger im Stand sind, wir haben hier jede Menge auf dem Parkplatz stehen. Da können Sie dann gerne mal eine Probefahrt machen, natürlich nur bei Schrittgeschwindigkeit – regen Sie sich ruhig auf, aber das schreibt die Straßenverkehrsordnung vor, und wir haben nicht vor, aus Sicherheitsgründen unser Personal zu gefährden. In Deutschland gehen wir mit dem Thema sehr sensibel um.

Also der Tundra GLS ist bei 50 Kilometern pro Stunde – und innerhalb geschlossener Ortschaften bewegen sich unsere Kunden auch nur mit dem Tempo, das wissen wir ganz genau, wir haben da nämlich zweimal nachgefragt in den letzten Jahren – bei 50 wie gesagt ist der gar nicht so laut. Der Eingriff in die Klappensteuerung und das mit den Rohren, die mehr oder weniger Störschall filtern, das kommt ja erst, wenn der Wagen schneller fährt. Aber das ist dann eben außerhalb geschlossener Ortschaften, und da frage ich Sie direkt mal: muss man in seiner Freizeit direkt an der Autobahn stehen und sich über die Geräusche aufregen? Das macht hohen Blutdruck, da atmen Sie am Ende noch zu viel Feinstaub ein, und niemandem ist damit geholfen. Außerdem stehen da eh schon die Lärmschutzwände, also können wir uns das auch sparen.

Klar, es gibt auch Grundstücke, die direkt an der Straße liegen, teilweise liegen die direkt an der Autobahn. Also wenn der Makler in der Anzeige etwas von optimaler Verkehrsanbindung schreibt, dann wollen Sie die Wohnung, und wenn auf der Straße aus Versehen Autos fahren, dann ist es Ihnen auch wieder nicht recht? Wie fliegen Sie eigentlich ohne Flugzeug? Und haben Sie keine Kinder, die mal auf den Spielplatz gehen? Reden Sie sich nur raus, das wird alles gegen Sie verwendet!

Jedenfalls ist das technisch gar nicht anders möglich, wenn Sie mit einem Auto, jedenfalls mit einem Kraftfahrzeug mit Verbrennungsmotor, wenn Sie da schnell fahren wollen, dann müssen Sie eine gewisse Geräuschentwicklung einfach mit in Kauf nehmen. Und die ist nicht vollständig unerwünscht, die ist im Zuge unserer Mobilitätsgesellschaft zu einem unverzichtbaren Teil öffentlicher Sicherheit geworden. Stellen Sie sich mal jemanden vor, der auf der Straße – da wird nicht nur gewohnt, da bewegen sich Menschen teilweise auch außerhalb der Fahrgastzelle – einem Auto begegnet. Als kleines Kind, als alleinerziehende Mutter über 30, das sind so Zielgruppen, die wir unter unseren Kunden eher selten antreffen, die wollen doch eine möglichst frühzeitige und sicherheitsspezifische Warnung haben, oder? Da hilft ihnen der sonore Sound eines Zwölfzylinders, den ignorieren Sie nicht. Kann sein, dass die Fahrweise auch innerhalb geschlossener Ortschaften das akustische Bild der Straßen prägt, aber zumindest weiß man: wenn da was bollert, dann ist es ein Auto. Ich möchte mir nicht vorstellen, wie die Unfallzahlen in einer vollständig auf Elektromobilität umgestellten Stadt aussehen.

Und dann natürlich das Fahrgefühl, das ist ja nicht nur das Lederlenkrad oder die elektronische Fahrdynamikregelung. Sie wollen auch dieses auditive Erlebnis, das mit Ihrem Auto kommt, dieses Brrmmm-Brrmmm, das ist wie ein Erkennungsmerkmal von Marke und Fabrikat, und das macht doch das Fahren erst zum Fahren, oder? Das geht bis zum Schallschwingungserlebnis, wenn Sie die Tür zuschlagen, da trennt sich Pappe von männlichem Stahl!

Das kann man auch regeln, wir hatten für den neuen Pampa Gran Tour ein ausgeklügeltes System mit Motoraufhängungsvarianten und zuschaltbaren Krümmern im Ansaugtrakt geplant, aber das Ding reagierte völlig falsch. An der Ampel macht das Teil einen Lärm wie eine Klimaanlage in Kabul, und auf der Schnellstraße müssen Sie alle paar Sekunden nachgucken, ob der Motor noch läuft. Schrecklich, sage ich Ihnen. Unsere Testfahrer hatten traumatische Erlebnisse, manche meinten, sie säßen auf dem Fahrrad. Das kann empfindliche Lücken in die Kundenbindung reißen, und wer erklärt dann dem Dobrindt, wo die Arbeitsplätze hin sind?

Übrigens verfolgen wir nur die offizielle Politik der Bundesregierung, und unsere Kanzlerin ist nun mal Physikerin. Der können Sie nichts vormachen, die weiß nun mal, wie physikalische Prozesse eben so ablaufen. Uran strahlt? Haste nich gesehn! Aus der Braunkohle kommt Kohlendioxid? Wer hätte das gedacht! Ein Explosionsmotor funktioniert mit Explosionen, schon mal gehört? Die Kanzlerin hat das offensichtlich zur Kenntnis genommen und allem Anschein nach hat sie es auch verstanden. Der muss man das nicht erklären, die versteht das von sich aus. Das liegt bei ihr an der Geschichte. Die war mal real-sozial-istisch, sozial ist weg, und mit dem Rest kommt man ganz gut klar. Also wir als Industrie, und das zählt doch, oder?“





Mit beschränkter Haftung

8 06 2017

„Man könnte zum Beispiel Sponsoren anwerben.“ „Mathe mit Gummibärchen?“ „Wie kommen Sie auf Gummibärchen?“ „Die Frage sollte eher sein, wie kommt er auf Mathe?“ „Irgendwo muss man schließlich anfangen.“ „Aber doch nicht unbedingt bei Mathematik!“ „Sind Ihnen private Schulklos denn lieber?“

„Wir könnten es doch im ersten Schritt mit einer Teilprivatisierung versuchen.“ „Erstmal nur den Matheunterricht?“ „Erstmal nur die Schulklos.“ „Warum nicht den Mathematikunterricht?“ „Denken Sie doch mal nach, Kollege!“ „Weil man für die Toiletten viel einfacher Geld bekommt.“ „Und wenn man einfach den Mathematikunterricht kostenpflichtig machen würde?“ „Gute Idee.“ „Hm. Kann man.“ „Kann man?“ „Das ist gar nicht so schlecht, man könnte beispielsweise bestimmte Fächer kostenlos unterrichten und für andere Geld verlangen.“ „Sehr gut, dann bräuchten wir nur eine Schule und würden dann die einzelnen schulischen Ausbildungslaufbahnen durch finanziell gesteuerte Ausschlusskriterien definieren.“ „Und was haben wir jetzt?“ „Ach so.“ „Na, dann…“

„Diese öffentlich-privaten Partnerschaften, die stehen doch seit jeher in der öffentlichen Kritik.“ „Aber eben nicht in der privaten.“ „Stimmt auch wieder.“ „Es geht ja hier auch eher um funktionale Privatisierungen.“ „Ach so.“ „Na, dann…“ „Da sind wir ja noch mal davongekommen, oder?“ „Und was versteht man darunter?“ „Das weiß ich auch nicht.“ „Ach so.“ „Na, dann…“

„Nein, jetzt erklären Sie mal.“ „Also das ist wie eine Trennung.“ „Von öffentlichen und privaten Schulen?“ „Nein, wenn Sie sich scheiden lassen.“ „Dann kann ich doch trotzdem entscheiden, dass meine Kinder in eine private Schule gehen.“ „Ja, aber wer zahlt dafür?“ „Für die Schule?“ „Für die auch, aber eher für die Kinder.“ „Die sind doch eh privat.“ „Nicht alle.“ „Aber…“ „Nein, noch mal von vorne: Sie trennen sich, und dann sind Ihre Kinder…“ „Wo ist denn da jetzt das Funktionale?“ „… bei Ihrer Frau.“ „Ach so.“ „Na, dann…“ „Und Sie zahlen dafür.“ „Wofür?“ „Dass sie Ihre Kinder alle zwei Wochen einmal sehen.“ „Und für wen ist das jetzt ein Vorteil?“ „Für Sie natürlich. Sie dürfen sich immerhin an der Finanzierung Ihrer Kinder beteiligen. Das zeigt, dass Sie ein guter Vater sind.“

„Man kann das doch als Gesellschaft mit beschränkter Haftung aufziehen.“ „Genau!“ „Schließlich kann man von einem privaten Träger, der eigentlich nur für die Gewinne zuständig ist, nicht auch noch erwarten, dass er sich mit der Haftung abgibt.“ „Das sind ja auch staatliche Kompetenzen, gerade in Hinblick auf Schulen.“ „Außerdem, die Preisstabilität.“ „Die was, bitte!?“ „Preisstabilität. Sie können doch nicht erwarten, dass die Eltern jährlich mehr bezahlen für die Schulbildung ihrer Kinder.“ „Das wäre ja fast wie bei Steuerzahlern!“ „Geht gar nicht.“ „Eben!“ „Es könnte doch auch positive Effekte haben, wie wir das bei den Autobahnen erwarten.“ „Sehr richtig!“ „Die Preise für die Nutzung steigen kontinuierlich an, die Bürger können sich das Autofahren nicht mehr leisten, die Umweltbelastung sinkt, kein Feinstaub, weniger Unfalltote, alles paletti.“ „So macht man vernünftige Verkehrspolitik!“ „Wie sieht es aus bei verschmutzungsbedingten Krankheiten?“ „In Bezug auf die Schulen?“ „Für Dienstleistungen ist das gar nicht schlecht.“ „Sie meinen, wenn man das Gesundheitswesen eh privatisiert…“ „… dann kann man’s auch gleich in die Schulen integrieren.“ „Je nach Zuzahlung halt.“ „Logisch, das würde ja die natürliche Auslese unterstreichen, die bisher im Bildungssystem immer zu kurz kam.“

„Und wie sollte man das jetzt verfassungsmäßig machen?“ „Verstehe ich nicht.“ „Ist denn überhaupt wichtig?“ „Bleiben Sie doch mal auf dem Teppich.“ „Wir haben ja noch nicht die Justiz privatisiert.“ „Würde ich sowieso erst nach der Privatisierung der Gefängnisse in Angriff nehmen.“ „Wegen der Schulklos?“ „Er meint sicher Mathematik.“ „Ach so.“ „Na, dann…“

„Außerdem belebt Konkurrenz das Geschäft.“ „Wir könnten uns beispielweise einen Schulzweig leisten, der Evolution und Klimawandel beibringt.“ „Und einen, der darauf verzichtet.“ „Sehr gut, das stärkt die Meinungsvielfalt in der demokratischen Gesellschaft.“ „Wobei wir natürlich gewisse Minimalanforderungen haben sollten.“ „Wie sollten die denn sein?“ „Naja, minimal eben.“ „Das sollten wir wohl hinkriegen.“ „Andererseits haben wir in den Vereinigten Staaten schon 125 Millionen Analphabeten.“ „Das wird in Deutschland nicht passieren.“ „Woher wollen Sie das wissen?“ „Wir sind nur 82 Millionen.“ „Auf der anderen Seite, sind Sie sich ganz sicher, dass wir nicht irgendwann auch so einen Präsidenten bekommen?“ „Das werden wir nicht mehr erleben.“ „Stimmt auch wieder.“

„Aber ich muss Ihre Euphorie doch ein bisschen dämpfen.“ „Was soll da schon passieren?“ „Wir machen das halt zu einem Anlageprodukt.“ „Mit Derivaten.“ „Und Leerverkäufen.“ „Ungedeckt?“ „Logisch.“ „Super!“ „Die ganze Sache ist komplett durchgeplant…“ „Das wollten wir auch so gehofft haben.“ „Ist doch wohl das Minimalziel.“ „… von Alexander Dobrindt.“ „Bitte!?“ „Na, dann…“





Recht auf Arbeit

23 05 2017

„… ein Recht auf Arbeit als Grundrecht in der Verfassung verankern wolle. Der Bundestag habe diesen Vorstoß als nicht…“

„… bereits in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte erscheine. Die SPD sehe daher keine Chance, dies auch in Deutschland zu…“

„… jedem Deutschen das Recht auf Arbeit zugestehe. Eine freie Berufswahl sei dagegen mit den verfassungsrechtlichen Rahmenbedingungen der Agenda 2010 nicht mehr zu…“

„… sich die Bundesregierung vehement gegen die Einschätzung wehre, sie habe bisher auch nur eine einzige verfassungswidrige…“

„… anders konstruiert werden müsse. Zwar gebe es ein Recht auf Arbeit, die Bürger müssten aber, wenn sie dieses Grundrecht nicht wahrnehmen wollten, sofort mit Sanktionen dazu…“

„… führe ein Recht auf Arbeit dazu, dass alle Menschen dasselbe Recht auf eine selbstbestimmte Erwerbstätigkeit bekämen. Lindner habe diese von sozialistischen Parasiten inszenierte Neiddebatte als schlimmsten Angriff auf die Menschenwürde seit der Einziehung des NSDAP-Vermögens im…“

„… zunehmend wahrgenommen werde, obwohl es nicht den eigentlichen Absichten entspreche. Der Gesetzgeber könne gegen das Recht, ohne einer Gewerkschaft anzugehören, in Deutschland…“

„… ende die Einführung eines derartigen Rechts nur damit, dass niemand mehr arbeiten wolle. Nahles fordere daher ein bedingungsloses Recht auf Leistungsbereitschaft, das nicht in der…“

„… in der DDR auch praktiziert worden sei. Dort habe man unqualifizierte Arbeitskräfte im Politbüro des…“

„… nicht die Mindestkörpergröße von Beamten im Polizeidienst berühre, die für den…“

„… die Hälfte in Finanzdienstleistungen sowie in der allgemeinen Verwaltung tätig sei. Für diese Beruf gelte höchstens das Recht auf Beschäftigung, was im Gegensatz zum…“

„… sich ein Recht auf Arbeit bereits in der staatlichen Finanzierung der Arbeitslosigkeit verwirkliche. Da es kein Recht auf Arbeit geben könne, wolle Nahles auch die Arbeitslosigkeit nicht mehr staatlich…“

„… die Bundesvereinigung Ehemaliger Deutscher Schreibmaschinenmechaniker sich entschieden für eine verfassungskonforme…“

„… staatsrechtlich nicht möglich sei. Sobald alle Bürger ein Recht auf Arbeit besäßen, hätten die Mitarbeiter der Bundesagentur für Arbeit kein derartiges Recht mehr, was sich wiederum als…“

„… man auf der anderen Seite Politiker mit einer Arbeitspflicht belegen könne. Dies sei jedoch nicht als allgemeine…“

„… die FDP nur dann einer verfassungsrechtlich bindenden Regelung zustimmen würden, wenn es ein Recht auf Erbschaft, Steuerhinterziehung und betriebswirtschaftlichen…“

„… es einen anhaltenden Fachkräftemangel im Postkutschenbau gebe, der durch das Recht auf Arbeit sofort…“

„… ad hoc im Grundgesetz verankern könne. Im Gegenzug sei ein Recht auf Lohn natürlich kein verfassungsrelevanter…“

„… zustimmen würde. Lindner halte eine Aufnahme ins Grundgesetz für sinnvoll, wenn im Gegensatz das aus der DDR-Justiz bekannte asoziale Verhalten wieder im…“

„… eine Arbeitsrechtsschutzversicherung vorschlage, die zur Hälfte von den Arbeitnehmern finanziert werden solle. Sie schütze zwar Bürger ohne Arbeit nicht vor der Willkür der JobCenter, sei jedoch ein guter Weg, mehr sozialdemokratische Politik in die…“

„… nicht direkt mit den Freidemokraten in Verbindung gebracht habe. Asoziales Verhalten sei zwar Wesenskern der Partei, beziehe sich aber weder auf den Arbeitsmarkt noch…“

„… nur Deutschen einräumen könne. Da das Grundgesetz nach Ansicht der Christsozialen ohnehin nur für Staatsbürger gelte, könne man mit einer Obergrenze das Recht bis zur letzten Patrone…“

„… dass kein Recht auf Vollbeschäftigung gelte. Man könne die geleisteten Arbeitsstunden daher proportional auf die verfügbare Bevölkerung umschlagen und von einem bereits vollumfänglich gültigen…“

„… für alle gelte. Von Storch wolle das Kinderrecht auf Arbeit vorerst allerdings nur für rassefremde Invasoren und…“

„… gebe es nun offiziell keine Arbeitslosen mehr, da die Bezeichnungen arbeitslos und erwerbslos in der Statistik als Synonyme geführt würden. Damit sei das Recht auf Arbeit nun endlich auch auf verfassungsrechtlicher Ebene…“





Börsencrash

1 05 2017

„Fußball ist jetzt eher raus. Vielleicht können Sie einen Handballschiedsrichter umfahren oder einen Tennistrainer, aber ansonsten würde ich aus dem Sport erstmal die Aktivitäten abziehen. Das ist nach der letzten Aktion nicht wirklich anzuraten. Am Ende kriegen Sie Stress mit der Borussenmafia.

Wenn Sie wirklich mit terroristischen Mitteln die Börse beeinflussen wollen, müssen Sie schon ein bisschen kreativer vorgehen. Natürlich können Sie Sprengsätze verwenden, das hat gegen den Reichstag ja auch geholfen. Nein, ernsthaft, Sie brauchen schon eine geeignete Vorgehensweise mit Management-Erfahrung. Warum sollten wir sonst einen Einzeltäter ernst nehmen? Schauen Sie, das ist das Geheimnis von al-Qaida: großes Netzwerk, sehr gute Organisation, wahrscheinlich zertifizierte Prozesse in der Attentatsdurchführung, Leitbild mit strengen metaphysischen Richtlinien – was sind dagegen die Nazis? Wirrköpfe, Einzeltäter, alles nicht ordentlich organisiert, der NSU beispielsweise hatte nicht einmal ein vernünftiges Organigramm, da wusste keiner, wer da die Hausfrau und wer die Waffenmeisterin war – also die Islamisten sind da den entscheidenden Schritt weiter. Sie verteilen die Bekennerschreiben einfach frei nach Schnauze, das kann doch nicht gut gehen! Und dann auch noch von links nach rechts verstreut, haben Sie denn gar kein Gespür für Börsenwerte?

Überlegen Sie mal: ein linksradikaler Angriff auf Luxuslimousinen oder eine Attacke besorgter Mitbürger auf landfremde Elemente mit negroider Hautfarbe, wer büßt denn da Rendite ein? Eben, mit einem Brandsatz in einer Kuffnuckenbaracke ist doch nichts passiert, da wacht heutzutage nicht mal die Lokalpresse auf. Aber wenn Sie eine S-Klasse in Brand stecken, nur weil der Besitzer wegen Steuerhinterziehung auf freien Fuß gesetzt werden musste angesichts der vielen, vielen überbelegten Knäste, das schafft eine Option nach der anderen. So schnell können Sie gar nicht nachordern.

Oder nehmen Sie die alternative Energieszene. Sie brauchen bloß eine Wagenladung polnische Zuchtgänse in die Windräder rauschen zu lassen, und schon sind die rot-grünen Knalltüten gegen ihre eigenen Ideen. Vielleicht testen Sie das mit einer Tüte Wellensittiche an, wenn Sie vorab nur ein paar Optionen geshoppt haben. Aussteigerprogramme gibt es ja eher in der rechtsradikalen Szene, in der marktradikalen Szene aber ein Einsteigerprogramm zu suchen, das ist echt Arbeit. Nein, wir kriegen das hin, dafür habe ich die Drecksäcke jahrlang beraten. Westerwelle, Niebel, Möllemann. Hätten Sie einen Acker mit Aufschlagversicherung in Nordrhein-Westfalen, Sie wären ein gemachter Mann.

Sicher könnten Sie auch mit Derivaten arbeiten. Sie müssten nur in aufliegende Immobilienfonds investieren, dass sich auch genug Investoren in der Einflugschneise der Windräder niederlassen – die wissen natürlich vor dem Grundstückskauf, was Ihnen blüht, aber nach dem Hausbau können Sie sich nicht mehr erinnern, etwas unterschrieben zu haben – Deutschland, außerdem finden Sie hier immer einen Rechtsanwalt, der Sie vertritt, obwohl er weiß, dass Sie nicht alle Rillen auf der Erbse haben. Das können wir unter der Königsdisziplin abhaken, und das heißt Rendite, Rendite, Rendite!

Vielleicht probieren Sie es mal mit einzelnen Sportlern. Hauen Sie Kerber die Kniescheiben weg, oder Greipel, oder brechen Sie Neuer den – hat er schon? schade, das wären mindestens zehn Punkte gewesen. Man kann ja nicht vorsichtig genug sein. Buchmesse? nee, da kommen Sie als Randnotiz im Feuilleton, wenn überhaupt. Einen Nobelpreisträger über die Wupper bringen wäre schon ganz okay, aber Bob Dylan kriegen Sie nicht. Keine Chance.

Vor allem müssen Sie sich von einer eingeübten Sichtweise befreien. Die Menschen, die Sie hier beurteilen, stehen in keinem Bezug zu ihrem Leben, also müssen Sie auch keine Bedenken tragen. Einen Börsencrash kriegt man ja nicht nur hin, indem man die Börse in die Luft jagt, obwohl – irgendwie ist das auch eine ganz interessante Idee, das würde in den Abendnachrichten an erster Stelle, ach was sage ich: diese völlig überflüssigen Börsennachrichten davor, die Aktienhändler interessieren sich nicht für dieses Amateurgefasel, die Zuschauer verstehen nicht einmal, worum es eigentlich geht, diesen Murks könnten Sie mit einem sauberen Attentat vollkommen aushebeln! Traumhafte Quoten in der Nachrichtensendung, und erst die Schlagzeilen! Das ist Medienmusik, ja? Vergessen Sie die Bundesliga, gehen Sie nach Frankfurt, da wird die Wurst warm! und dann rocken wir da mal ordentlich das Parkett, da bleibt aber kein Auge trocken!

Natürlich können Sie mit dem Anschlag auch bis zum nächsten AfD-Parteitag warten, aber da werden Sie Volksheld. Höchstens. Und jetzt sagen Sie mir nicht, dass das für Sie ausreicht!“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXVI): Home Office

24 03 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Früh am Abend stand brüllend der Bulle vor dem Eingang zur Eigentumshöhle. Auf der Jagd war wieder etwas schief gegangen, natürlich nicht zum ersten Mal, und die züchtig waltende Hausfrau hatte wieder den ganzen Schlamassel. Immer dasselbe. Ständig brachte sich Ngg Arbeit mit nach Hause. Vermutlich entstand so das Home Office.

Während die Milch überkocht, darf Mutti die Quartalszahlen aufbügeln und auf den Rückruf des subalternen Controllingfuzzis warten, der noch nicht einmal bemerkt, wann die Kollegin außer Haus ist, und ihr gewohnheitsmäßig einen Festmeter Papier auf den Schreibtisch klotzt, den sie bei wöchentlicher Rückkehr mit steigendem Interesse an Zimmerbränden mustert. Seine externe Duftmarke setzt der Betrieb jeden Tag, und sei es durch unsinnige Kontrollaufträge, die die Fernkraft wie gewohnt abarbeitet. Wann immer der Piepser anschwillt, pfeift proportional der Blutdruck durchs Innenohr der externen Angestellten. Doch hier draußen hört einen keiner schreien.

Das Urbild der Werkstatt, da der Meister mit Familienanschluss zünftig schafft, es geistert noch durch dumpfe Schädel der bis heute amtierenden Vergangenheiten – das Einbrechen industrieller Produktion, den Wandel vom staubigen Kontor zum aseptischen Großraumgulag verdrängen sie, wo es in den Kram passt – und wird mit ebenso nebulösen Vorstellungen von technischem Fortschritt zu einem Brei von daher notwendiger sozialer Progression verschwiemelt. Sie ist im Grunde jedoch nicht viel mehr als die Verlagerung von Machtstrukturen ohne den notwendigen Ausgleich.

Bereits die Überwucherung der Arbeitswelt mit Teilzeitstellen schafft eine Form von Ausgrenzung, die jeden vernünftigen Betriebsablauf in ein Fest des Getriebesands verwandelt. Wer nichts vom Kollegen auf der anderen Schreibtischseite erfährt, weil er nachmittags nicht mehr im Büro ist, hemmt die reibungslose Kommunikation und ist nach Ansicht der meisten Unternehmensberater auch noch selbst schuld an seinem Dilemma – er könnte ja acht Stunden lang den Drehstuhl wärmen und jeden Atemzug des Vorgesetzten im Nacken spüren. Durch die Auslagerung auf entfernte Kontinente ist die Verständigung endgültig gekappt, unerreichbar weit hockt ein einzelner Mensch am Küchentisch und liest schütteres Wortkompott, muss sich jede Nachfrage über den Fernsprecher erkämpfen – daher Telearbeit – und harrt aus in verröchelnder Motivation, von der bald nur noch karger Schatten bleibt. Horden von Fachkräften kauern im fleckigen Feinripp, in unfarbenen Pyjamas oder kratzigen Bademänteln vor ihren digitalen Endgeräten, tippen die Apokalypse ein und wissen, dass sie niemals aus der Isolationshaft herauskommen werden.

Natürlich freut sich die Wirtschaft über den Segen am anderen Ende der Leitung. Billige Arbeitskraft zu schlechten Konditionen wird als gut verkauft, wo immer Löhne nicht ausufernd steigen, das heißt: gar nicht. Die Politik ist entschlossen, den Schmodder noch zu fördern, vor allem da, wo sie damit gleichzeitig fordern kann. Dumpfdüsen jeglicher Couleur aus dem Regierungslager jodeln jahrein, jahraus das Loblied von noch mehr, immer mehr Fernarbeit, wohl wissend, dass nur die wenigsten Gewerke überhaupt Arbeit in die eigene Butze mitschleppen können. Macht aber nix, für den Wahlkampf reicht dann die launige Mär von der geplanten Steigerung, meist mit ausgedachter Quote derer, die angeblich unbedingt und sofort eine komplette Registratur im Bügelzimmer aufbauen wollten. Die Work-Life-Balance, jene Drahtseilnummer für hoffnungslose Romantiker, kippt aus reiner Gerechtigkeit auf die Restfamilie, die mit einer Halbgestalt zurechtkommen muss und nur widerwillig akzeptiert, dass Vati auch samstags nicht dem Nachwuchs gehört. So werden schon in jungen Jahren unschuldige Kinder Komplizen des übergriffigen Outsourcing, das sich bis ins traute Heim tentakelt. Samstags gehört Vati eben doch dem Controlling, und wenn nicht, ist er bald noch viel öfter tagsüber zu Hause. Aus dem einfachen Spagat wird mählich eine Doppelbelastung, die alle Knochen bricht.

So verausgabt sich ein selbstausbeuterischer Teil der Schäfchenherde in vorauseilendem Gehorsam für eine Arbeitgeberschaft, der das völlig wumpe ist. Ehen werden zerschmirgelt unter den Steinen der Freiheit, die sich andere nehmen, Karrieren im Morast des beharrlichen Schweigens versenkt, das sich spiralförmig ausweitet bis in den Schlaf der Vernunft. Früher gab es noch Kriegerwitwen die im Schlafraum Kugelschreiber schraubten, heute pinnt die Zielvereinbarung den Erfolg am Horizont fest. Wer hier allein ist, wird es lange bleiben. Wie an der Nabelschnur hängen seufzend die Erniedrigten an der Netzwerkstrippe, allein dies ist Hoffnung für die Schlachtopfer der technischen Machbarkeit. Denn angesichts der verhunzten Digitalisierung weiß der gemeine Mann: ohne vernünftiges Internet wird das sowieso nichts. Alles richtig gemacht.