Gefahr erkannt

11 04 2019

„Also man muss doch jetzt endlich mal…“ „Das gefährdet Arbeitsplätze.“ „Sie wissen doch noch gar nicht, was ich Ihnen…“ „Egal. Das gefährdet sicher Arbeitsplätze. Alles, was Sie vorschlagen, gefährdet Arbeitsplätze. Das ist nun mal so in der Wirtschaft.“

„Dann können wir im Grunde genommen nichts tun, weil es sonst Arbeitsplätze gefährden würde.“ „Doch, können wir schon. Es darf nur halt keine Arbeitsplätze gefährden.“ „Dann verraten Sie mir doch mal, was heißt das denn, Gefährdung. Was bedeutet das konkret?“ „Dass so ein Arbeitsplatz nach Meinung eines Experten, manchmal auch nur eines Politikers, in Gefahr sein könnte, sobald es gesellschaftliche Bewegungen gibt, die diesen Arbeitsplatz gefährden.“ „Das ist ein Zirkelschluss, oder?“ „Das mag sein, aber ich möchte nicht darauf eingehen. Es könnte ja Arbeitsplätze gefährden.“

„Nehmen wir nur einmal den Energiesektor, es liegt doch auf der Hand, dass wir durch den Verbleib in der Kohle eine viel größere Anzahl an Arbeitsplätzen in der Erzeugung regenerativer Energie…“ „Nein.“ „Wie, nein?“ „Also erstens ist es diese linksgrüne Solarspinnerei, die die Jobs in der Kohleverstromung gefährdet, und dann kann es ja gar keine Gefahr geben für die Windkraft oder so.“ „Warum nicht?“ „Die Arbeitsplätze gibt es gar nicht, wie sollen die denn dann gefährdet sein?“ „Aber Sire sind doch immer für den technischen Fortschritt, wie können Sie denn dann den…“ „Das täuscht. Wir wollen nichts gefährden. Für eine Entwicklung ist immer noch Zeit genug, wenn alles zu spät ist.“ „Warum ist denn dann die Atomenergie keine Gefahr für die Kohleförderung?“ „Kernkraft ist doch selbst von diesen stalinistischen Schweinen bedroht, die die Sonne verstaatlichen wollen – Sie werfen hier mal wieder Äpfel und Birnen in ein Fass, das schlägt doch dem Boden die Krone aus!“

„Also ist neue Technologie niemals eine reale Gefahr für die Arbeitsplätze?“ „Das würde ich nie sagen, schließlich bringen neue Technologien auch immense Wachstumspotenziale, aus denen ganz neue Jobs entstehen können.“ „Also zum Beispiel die ökologische Landwirtschaft.“ „Naja, das ist nun etwas einseitig gewählt.“ „Weil die Menschen dann länger leben und die Bestatter nichts mehr zu tun haben, richtig?“ „Sie und Ihr Zynismus! natürlich nicht, es hängen Jobs in der Pharmaindustrie dran und bei den Düngemitteln.“ „Und bei der Chemie.“ „Ja, auch.“ „Und bei Onkologen, die den ganzen Krebs wieder wegoperieren dürfen.“ „Die Medizin ist auch ein Wachstumsmotor, vergessen Sie das nicht!“ „Deswegen wollen Sie auch Patienten, die so kerngesund sind, dass sie möglichst noch Organe spenden können, richtig?“ „Ach, lassen wir das.“

„Nein, mal im Ernst: wenn Sie so für neue Technologien sind, warum sträuben Sie sich dann derart vehement gegen den Netzausbau?“ „Tun wir gar nicht.“ „Weil das keine Arbeitsplätze gefährdet, aber Deutschland sämtliche Wettbewerbschancen vermasselt.“ „Das sehen Sie völlig falsch.“ „Ah, jetzt habe ich begriffen: Sie haben dieses uralte Netz noch immer in Betrieb, damit wir niemals mit Robotik und ähnlichen Produktionsinstrumenten konfrontiert werden.“ „Das ist ja nun ausgemachter Unsinn. Sie wissen genauso gut wie ich, dass es mit Robotern ganz neue und viel bessere Möglichkeiten gibt, dem Markt durch qualitative und quantitative Innovation einen eigenen Stempel aufzudrücken.“ „Aber im Bereich der Produktion selbst heißt das erst einmal, dass wir sehr, sehr viele Jobs in den untersten Lohnkategorien verlieren werden.“ „Das mag sein, aber die Politik steuert dagegen, indem sie Arbeitnehmern erlaubt, sich weiterzubilden.“ „Und das schützt Arbeitsplätze in der Produktion?“ „Zunächst einmal in der Weiterbildung. Und dann natürlich auch in der Politik.“

„Im Grunde ist ihr Weltbild doch nichts anderes als permanentes Gejammer, dass es früher besser war.“ „Das kann man so natürlich auch nicht sagen. Es braucht halt immer ein gewisses Korrektiv, aber man tut gut daran, wenn man nicht zu früh alle Überzeugungen über Bord wirft.“ „Wann tun Sie das?“ „Normalerweise warten wir damit, bis es zu spät ist.“ „Es gab noch vor fünfzig Jahren in den USA Verbände, die finanzielle Hilfe vom Staat bekamen, weil die Postkutsche abgeschafft wurde.“ „Der Verbrennungsmotor hat es da in gewisser Hinsicht besser. Den kann sich heute auch der Durchschnittsbürger leisten.“ „Und wenn es eine technologische Entwicklung gäbe, die das Auto überflüssig machen würde?“ „Das wird niemals passieren. Es gefährdet zu viele Arbeitsplätze.“

„Wir sollten mal über die Rüstungsindustrie…“ „Das gefährdet Arbeitsplätze!“ „Ohne Rüstung oder Waffenexporte gäbe es weltweit viel weniger Kriege oder Konflikte.“ „Das würde natürlich viele Arbeitsplätze in der Bundeswehr gefährden.“ „Aha, und das bei der miesen Ausstattung.“ „Und die Berater! was meinen Sie, wie viele Berater ihren Job los sind, wenn einer das Ruder herumreißt.“ „Das heißt, bei einer einigermaßen vernünftigen Führung wäre eine komplette Branche plötzlich total überflüssig?“ „Es gibt keinen Beweis für diese Behauptung.“ „Und wenn Sie nicht diese vielen Auslandseinsätze hätten, könnte man auch die vielen Kampfeinsätze des…“ „Die steigern das Bruttosozialprodukt!“ „Und die Menschen in…“ „Jeder Flüchtling, der dadurch zu uns gelangt, braucht eine Wohnung, Brot, Kleider, eine Versicherung, einen Fernseher, ein Auto, eine…“ „Wissen Sie was? Ich möchte Ihnen so gerne eins aufs Maul geben.“ „Nur zu. Machen Sie ruhig.“ „Gefährde ich da nicht einen Arbeitsplatz?“ „Ich bin Politiker. Das wächst einfach nach.“

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Do ut des

7 04 2019

für Erich Kästner

Die ganze Welt wird arm an Deutschlands Waffen.
Das stört uns nicht. Wir werden damit reich.
Wenn hier moralisch auseinander klaffen
die Dinge, ist uns das im Zweifel gleich.

Die Welt ist schlecht. Das können wir nicht ändern.
Man nimmt halt, was man kriegt, und wird’s auch schwer.
Auch dazu gibt es nun in vielen Ländern
als Unterstützung schnell ein Schießgewehr.

So dienen wir pflichtschuldig dem Gewissen,
wir geben vom Gewinn ein bisschen ab.
Ein kleines bisschen können wir schon missen.
Es kommt ja was zurück, und nicht zu knapp.

Wobei uns lieber wäre, wenn die Spenden
den Armen hülfen, und sie blieben dort.
Was wir verstehen, alle Not zu wenden,
ist zuverlässig deutsch: ein Mann, ein Mord.





Beratespiel

11 03 2019

„… in Zukunft vermehrt auf externe Berater setzen wolle. Die Bundesregierung habe im Bereich Verteidigung bereits einige Erfahrungen sammeln können, die nun auch im Gesundheitswesen für…“

„… es entgegen der angekündigten privaten Beratungs- und Unterstützungsleistungen auch um Bereiche gehe, die sich an Kassenpatienten…“

„… nicht geplant sei, ganze Gesetzespakete von Beraterstäben schreiben zu lassen. Spahn wolle vorerst nur einzelne Berater mit einzelnen Gesetzen beauftragen und verstehe daher nicht, warum die damit verbundenen Haushaltsmittel nicht im…“

„… auch als Kombi-Pakete anböten. Da das Ministerium an einer generellen Kostensteigerung arbeite, um wirtschaftliche Mittel effizienter für einen schlanken Gesundheitsbereich einzusetzen, seien Berater wesentlich schneller in der Lage, den Kostensteigerungsbedarf beispielsweise bei den Beratern zu lokalisieren und durch beschleunigte Prozesse auch eine erheblich effizientere…“

„… es im Kern um eine bessere Versorgung im Gesundheitswesen gehe. Spahn könne jedoch nicht ausschließen, dass es dabei um die Versorgung der Berater in finanzieller und…“

„… seien Beratungsunternehmen besser geeignet, besondere Problemstellungen in der Verwaltung zu erkennen, da sie gleichzeitig damit beauftragt würden, diese Problemstellungen eigenständig zu definieren. Dies bedeute eine doppelte Entlastung der…“

„… auch das Gesetz, das Berater berechtige, eigene Beratungsleistungen vorzuschlagen, von Beratern vorgeschlagen und ausgearbeitet worden sei. Spahn lege aber sehr großen Wert darauf, dass diese Vergünstigungen nicht nur den Beratern, die das Gesetz initiiert hätten, zugute kämen, sondern auch Beratern, die er erst danach in den Stab des…“

„… die Leistungen aus einer Hand beziehen könne. Die Beratungsgesellschaften seien in der Lage, den von ihnen erkannten Bedarf selbst zu erzeugen und würden in stetiger Kooperation mit Krankenkassen und Gesundheitsbetrieben eine lückenlose Fortschreibung der…“

„… sich nicht selbst um die Kosten der Beratungsleistungen kümmern könne, da er mit der Rekrutierung neuer Berater zu viel zu tun habe. Spahn sei immerhin einen ganzen Tag pro Monat im Ministerium und könne sich nicht mehr als dreißig bis maximal Sekunden um fachliche…“

„… nicht korrekt dargestellt werde. Spahn habe die meisten der Chefberater aus seinem engsten persönlichen Freundskreis eingestellt, da er derart verantwortungsvolle Positionen nicht einfach über eine Ausschreibung oder aus dem Telefonbuch…“

„… nicht genug von der Materie verstehe, um die Preise für Beratungsdienstleistungen korrekt einschätzen zu können. Spahn vertraue darauf, dass die Berater ihre veranschlagten Kosten immer nach ökonomisch korrekter und vernünftiger…“

„… eine Verbesserung der Ergebnisqualität sicherstellen könne. Sollte die Ministeriumsarbeit mittelfristig komplett in die Obhut von Beratern gelegt werden, so könne die Beraterbranche von sich sagen, dass sie viel mehr Ergebnisse als die…“

„… für einige Prüfungen Spezialkenntnisse im IT-Bereich nötig seien. Da das Ministerium in diesem Bereich keine eigenen Ressourcen vorhalte, müsse man auch keine zusätzlichen Computer anschaffen, die dann ohnehin nicht im…“

„… dass Prüfungen von Betriebsabläufen bei börsennotierten Krankenhauskonzernen erheblich beschleunigt werden können, wenn man sie ausfallen lasse. Die notwendigen Vorarbeiten könne der Beraterstab selbsttätig durchführen, um keine weitere Arbeit in den ministeriellen…“

„… keinen Mitarbeiter einsetzen wolle, der die veranschlagten Kosten vorab prüfe und nur nach Rücksprache mit dem zuständigen Fachreferat bewillige. Spahn habe sich von einem Berater die dafür anfallenden Personalkosten in einem groben Überblick zusenden lassen und könne diese Überschreitung des Budgets nicht mit seinem…“

„… die Prüfdauer in Genehmigungsverfahren stark herabgesetzt werden könne, indem auf eine Prüfung generell verzichtet werde. Dies beeinflusse letztlich auch die Ergebnisqualität, die sich wiederum positiv auf Berater und…“

„… strategisch verwertbares Insiderwissen auf die Beratungsfirmen übergehe, das sich schnell monetarisieren lasse. Spahn weise diese Kritik zurück, da die Berater ihrerseits eine Gegenleistung in Form von Beratungen und…“

„… keine Schwierigkeit darin sehe, dass die Beratungsfirmen auch für Krankenkassen und Pharmakonzerne arbeiteten. Die Bundesregierung freue sich über konzentrierte Wirtschaftskompetenz in einem Gebiet, das ansonsten kaum den…“

„… dass er für die Personalkosten für eine interne Revision von dreieinhalb Vollzeitstellen einschließlich Krankheitsvertretung ausgegangen sei, die für die nächsten fünfhundert Milliarden Jahre mit einer jährlichen Gehaltssteigerung von hundert Prozent angestellt würden. Dies stehe in Anbetracht der verfügbaren Mittel in keinem Verhältnis zu den Preisvorstellungen der…“

„… alle hinreichend inkompetenten Mitarbeiter durch Berater ersetzen wolle. Damit werde das Gesundheitsressort künftig nicht mehr von einem Minister, sondern von einer renommierten Agentur aus dem…“





Goldene Worte

7 03 2019

Ich nickte leicht zur Begrüßung. Er hatte mich wohl nicht erkannt, ließ es sich aber nicht anmerken. „Wir haben Sie erwartet.“ Ein recht unmöbliertes Büro mündete in eine Art Lagerraum, in dem eine Couch stand, daneben ein Schreibtisch und eine Tafel. „Es wirkt alles noch ein wenig improvisiert“, druckste er heraus, und in der Tat, das war nicht zu übersehen. Immerhin war ich richtig.

„Die wichtigeren Arbeiten werden ja ohnehin vom Stab erledigt“, stellte er fest. „Deshalb sind wir auch froh, dass wir immer wieder Fachleute finden, die wir als Sachverständige in Ausschüsse senden können, in Gremien und teilweise sogar in die Arbeitskreise.“ Ich nickte anerkennend. „Das sind schwierige Einzelfallentscheidungen, die wir nur den Experten anvertrauen, und wir hoffen, dass Sie sich mit dieser Aufgabe identifizieren können.“ „Ich werde mein Bestes tun“, versicherte ich, „auch wenn ich noch nicht so genau weiß, worum es hier eigentlich geht.“ „Das sehen wir später“, beruhigte er mich. „Wir müssen das Problem erst einmal sehr gründlich analysieren, damit wir auch eine Lösung erarbeiten können, die sich juristisch trägt und für die Öffentlichkeit akzeptabel ist.“ Ich nickte. „Wie“, fragte er vorsichtig, „würden Sie denn diese Problematik nun im Einzelnen angehen?“

Möglicherweise hatte ich mich in der Tür geirrt, denn eigentlich hatte mich ein Fernsehsender mit der Planung einer Samstagabendshow über alle Schweizer Kantone beauftragt. Hier aber schien es sich um eine weniger bedeutsame Angelegenheit zu handeln, an der höchstens ein paar Ministerien zu hängen schienen. „Wir müssen die Fakten klar aus den zur Verfügung stehenden Materialien ziehen“, begann ich. „Vorher würde sich eine Reaktion in der Öffentlichkeit als ungeschickt erweisen, Sie wissen ja, wie die Medien reagieren.“ Er schreib eifrig mit. „Vor allem lege ich großen Wert auf ein akkurates Framing – wir leisten immer und überall Aufklärungsarbeit, der Gegner ist nur bestrebt, die Tatsachen zu verdrehen.“ „Bedenken Sie“, wandte er fast schüchtern ein, „wir haben es hier mit einem Oberstaatsanwalt zu tun, der sich gegen die…“ Mit einer heftigen Bewegung wischte ich den Satz vom Tisch. „Ich werde das nicht zulassen, wir sind als Träger der Handlung immer in der Verantwortung und wollen uns das nicht nehmen lassen.“

Die Tür ging auf. Er tuschelte kurz mit dem Kollegen und entschuldigte sich; so saß ich alleine, bis ein Mitarbeiter hineinsah, um einen großen Stapel Akten auf dem Tisch abzuladen. „Schön“, ätzte ich. „Halb elf durch, und wir sind auch schon da.“ „Das sagt der Alte auch immer“, knurrte er, „aber was soll ich denn machen, wenn Berlin den Scheiß immer zu spät schickt? Ich kann doch auch nicht hexen!“ Mit einer weitläufigen Bewegung hieß ich ihn niedersetzen. „Sie wissen“, hub ich an, „dass wir die Abteilung sehr genau strukturiert haben, damit die Informationsflüsse genormt sind.“ Er nickte. „Deshalb brauchen wir auch ein System, das auf drei Säulen beruht: kein Kompetenzstreit, keine sich überdeckenden Wissensbereiche, und eine sehr genaue Planung des Zeitplans mit Hilfe eines Plans, der die Zeit plant. Können Sie mir folgen?“ Eifrig nickt er; immerhin hatte er bereits begonnen, sich Notizen zu machen. Er tat recht daran, so schnell würde er nicht wieder goldene Worte hören. „Dazu bedarf es einer genauen Planung der einzelnen Komplexitätsstufen – können Sie mir folgen?“ „Komplexitätsstufen.“ Noch schrieb mein junger Freund mit, aber ich war nicht mehr so ganz davon überzeugt, dass er auch genügend bei der Sache war.

„Kommen Sie jetzt erst?“ Der Abteilungsleiter hatte offensichtlich nicht mich gemeint. Dennoch regte mich die Frage auf, mit der er plötzlich in die Besprechung geplatzt war. „Ihnen ist es also lieber“, stellte ich leicht indigniert fest, „wenn wir ohne ein personelles Konzept in die erste Projektphase starten und die Implementierung notwendiger Kontrollen irgendwann zwischendurch erledigen?“ Sein Gesicht rötete sich. Darauf konnte ich jetzt aber keine Rücksicht mehr nehmen, wer hatte denn die ganze Zeit die Koordination zwischen Stab und Ministerium schleifen lassen? „Ohne eine vorherige Machbarkeitsstudie müssen wir doch das ganze Änderungsmanagement in Frage stellen.“ Sie nickten. So schwer war es also doch nicht, mit ein bisschen Vernunft war der Laden offenbar zu retten. „Machen Sie mir bis morgen eine Kosten-Risiken-Matrix und dann schicken Sie das an den Stab. Ich werde immer in CC: gesetzt, auch bei finanziellen Umstrukturierungen unterhalb einer Milliarde.“ Sie schluckten, aber was sollte ich denn machen. Einer musste es ihnen doch beibringen.

„Sie haben schon Anschluss gefunden“, sprach mich die Empfangskraft an, als ich gerade vor den Lieferantenmanagern in der Lobby die generelle Neuverhandlung aller Qualitätsprozesse anregte. Er störte, aber das nahm ich in diesem Augenblick hin; schließlich muss man qualifizierte Kräfte auch mit neuen Entwicklungen alleine lassen können, ohne gleich an eine Katastrophe zu denken. „Haben Sie sich schon entschieden?“ Ich blickte einen Moment in die Ferne. „Was ich mir vorstellen könnte“, sagte ich mit Tatkraft, „das ist eine Restrukturierung der Entscheidungsprozesse. Ich werde Ihre Berater beraten.“ Bewundernd blickte er mich an, die große Erkenntnis des Moments begreifend. Wir schieden als strategische Partner mit einer großen Sache, die Geschichte schreiben würde. Jetzt müsste ich nur noch herausfinden, worum es ging. Aber man kann sich eben nicht mit jeder Kleinigkeit aufhalten.





Freiwillige Selbstkontrolle

5 03 2019

„… die Ausbeutung der Paketboten nicht mehr länger hinnehmen wolle. Heil habe angekündigt, dass er gegen die schlechten Arbeitsbedingungen in der Paketbranche mit einer gesetzlichen…“

„… nichts mit dem Mindestlohn zu tun habe. Das Ministerium habe in diesem Zusammenhang nochmals klargestellt, dass dessen Zahlung sowieso schon gesetzlich geregelt sei und nicht durch weitere Kontrollmaßnahmen durch eine…“

„… die Großunternehmen ab sofort verpflichtet seien, nur Unternehmen zu beschäftigen, die sich an die gesetzlichen Mindeststandards hielten. Heil wisse zwar nicht, ob dies auch für Subunternehmer, Subunternehmer von Subunternehmern, Subunternehmer von Subunternehmern von…“

„… es weiterhin erlaubt bleibe, Überstunden und Mehrarbeit durch das einzelvertraglich bestimmte Gehalt abzugelten. Sollten Paketdienste durch zunehmenden Einsatz von Überstunden diese Regelung aushebeln, seien die Arbeitsgerichte für die Angestellten immer eine richtige…“

„… würden sehr oft Langzeitarbeitslose in der Paketlogistik beschäftigt, die keinen Anspruch auf einen Mindestlohn hätten, weil sie viel zu schnell wieder entlassen werden müssten, da sie zu lange arbeitslos gewesen seien, da sie als Paketfahrer beschäftigt worden seien und keine qualifizierte…“

„… auf eine strikte Kontrolle setze, die alle in der Bundesrepublik angestellten Paketfahrer regelmäßig in Augenschein nehmen würden. Sobald ein Fahrer den Kontrolleuren bestätige, dass er keine Beanstandungen habe, dürfe er weiterhin…“

„… dass Arbeitnehmer vereinzelt bis zu 13 Stunden am Tag beschäftigt, aber nur für fünf Stunden im Rahmen einer Teilzeitstelle bezahlt würden. Der Dienstleister habe eine sofortige Prüfung des Einzelfalls angeordnet, die allerdings nicht mehr in diesem Jahr mit den…“

„… kritisch gegenüberstehe. Ein Arbeitskampf sei zwar grundsätzlich durch die Verfassung gedeckt, die Paketboden müssten dabei jedoch bedenken, dass sie damit ihre Jobs gefährdeten, was durch den Fachkräftemangel sofort zum totalen Niedergang der Branche in der…“

„… für alle Paketfahrer zuständig seien. Das Ministerium habe aber bestätigt, dass die Task Force von drei auf vier Teilzeitstellen aufgestockt werde, sobald sich die ersten Ergebnisse der…“

„… zwar korrekt sei, dass der Paketbote sowie mehrere Hundert seiner Kollegen täglich acht nicht bezahlte Überstunden ableisteten. Die Regionalleiter wiesen jedoch darauf hin, dass das Entgelt für die verbleibenden fünf Stunden um fast zwanzig Cent über dem allgemeinen Mindestlohn liege und damit ungefähr an die Bezahlung als Leiharbeiter heranreiche, die man nur aus organisatorischen Gründen noch nicht im…“

„… entgegen der ursprünglichen Idee der Kommission um reine Bürotätigkeiten handele. Die Kontrolleure befänden sich im Arbeitsministerium und würden von dort aus versuchen, in brieflichen Kontakt mit den Fahrern zu treten, da eine Telefonbefragung wegen datenschutzrechtlicher Bedenken nicht im…“

„… werde die SPD als Digitalpartei dafür sorgen, dass nicht mehr so viel im Internet bestellt werde, so dass die Paketfahrer vorwiegend regional gekaufte Güter in den…“

„… im Zuge einer freiwilligen Selbstkontrolle ihre Angaben zur arbeitsrechtlichen Situation machen würden. Die Arbeitgeber würden diese dann in anonymisierter Form einmal jährlich an das Bundesministerium weiterleiten, wo nach einer eingehenden Prüfung durch das…“

„… Werkverträge, die mit Subunternehmern ausgehandelt worden seien, nicht vom Mindestlohn tangiert würden. Heil habe zwar schon von dem Unterschied gehört, müsse sich aber erst juristisch beraten lassen, bevor er eine…“

„… stelle man den Fahrern immerhin ein Auto zur Verfügung, das diese in ihrer Freizeit waschen und auftanken dürften. Mehr Zugeständnisse wollten die Arbeitgeber nicht machen, da sich in Deutschland sonst der Sozialismus wieder im…“

„…sich wegen Terminschwierigkeiten nicht an der Sitzblockade gegen Unternehmen beteiligen, die keine Sozialversicherungsbeiträge entrichteten. Heil habe aber angekündigt, in Gedanken ganz fest an die…“

„… feste Untergrenzen pro Paketlieferung in die Gesetzesvorlage aufnehmen wolle. Eine Sendung koste den Vertragnehmer etwa drei Euro, so dass mit einer Pauschale von einundzwanzig Cent ein guter Kompromiss für alle…“

„… ein Gesetz zu erlassen, nach dem illegale Dinge verboten seien. Die Bundesregierung werde zwar nicht alle Straftatbestände des Steuer- und Sozialversicherungsrechts im Entwurf berücksichtigen können, weise aber gleichzeitig darauf hin, dass auch dieser nur ein Vorschlag sei, der frühestens…“

„… die Kritik der Gewerkschaften an den freiwilligen Maßnahmen zurückweise. Heil sehe auch bei der Landwirtschaftsministerin, dass viele Ideen, auf die sonst keiner gekommen wäre, sehr schnell bekannt und…“

„… einen guten Konsens gefunden habe. Da die Konzerne jetzt beispielsweise auch die Auslieferung kompletter Windkraftanlagen mit einundzwanzig Cent (einschließlich Umsatzsteuer) abrechnen könnten, sei die Wirtschaftlichkeit ihrer Arbeit und damit die Garantie auf viele befristete Jobs im…“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLIII): Homeoffice

1 03 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Im Mittelalter war die Organisation noch verhältnismäßig schlicht. Einen Teil des Tages hockte der Fleischer, Grob- oder Hufschmied in der Werkstatt, in der restlichen Zeit erklärte er den Bereich einfach zur Wohn-, Schlaf- und Kranken-, Koch-, Wasch- und Lagerräumlichkeit. Hei, was jubilierte da der Sozialismus – kaum aus den Federn, schon konnte der Töpfer in den Ton greifen und die Volkswirtschaft ankurbeln. Kein Stau auf der Gasse zwischen Domplatz und Misthaufen, keine überteuerten Mieten in der City, weil die Patrizier ihren Grund und Boden um harte Taler an die Steuerberatungsgesellschaften zur Pacht gaben, um fünfstöckige Protzbauten aufzustellen mit Büros in bester Lage, groß genug, dass man sich darin um die eigene Achse drehen konnte. Zwischendurch sah man dem Nachwuchs beim Ableben zu, machte zum Ausgleich in der Mittagspause neuen, ließ die Milch sauer werden und führte auch ansonsten ein gottgefälliges Leben. So jedenfalls stand es in der Gebrauchsanweisung der Gesellschaft. Wie gut, dass noch keiner von ihnen das Homeoffice genannt hat.

In der schnöden neuen Welt hängt uns die Möhre vor der Nase: nehmt Euch einfach die Arbeit mit nach Hause, dann kommt der Berg auch zum Propheten, und natürlich sind es wieder die halb sozialistischen Kräfte, die den Rückfall in die Vorwelt als Fortschritt verkaufen will. Da freut’s die Chirurgieschwester und sie jubelt, weil sie sich am Feierabend fürs Wochenende noch mal schnell zwei Patienten in den Kofferraum packen darf, der Chefarzt hat’s abgesegnet. Der Anlagenmechaniker überlegt nicht lang, er sitzt mit Zange und Hanf auf dem Sofa und schraubt Heizungsrohre. Wie genau er den Schmodder in den Flughafenneubau in die Pampa Brandenburgs verlasten soll, hat ihm der Bundesminister für Selbstdarstellung und Arbeit nicht verraten. Aber es ist ja bald Wahlkampf, und da können wir jeden so behandeln, als sei er ein strategischer Einkäufer im Tapetengroßhandel, Eigenheim und Zweitwagen, Schrebergarten, aus.

Allenthalben quarrt die Politik nun nach der quasimessianischen Komplettlösung einschließlich Masern und Feiertag, denn sonntags, grinst der spätkapitalistische Sklavenhalter, gehört Eure Mutti mir. Spätestens wenn die Firma die zuschlagfreie Nachtschicht in der Lohnbuchhaltung als Wellness verkauft, hat sich die Rechtslage leicht nach rechts gelegt, mit der Ausweitung der Arbeitskampfzone auf das Gästeklo gehen dann auch die Betriebsräte sang- sowie klanglos unter, weil es sie nicht mehr geben wird. Allein deren Wahl dürfte zur Monty-Python-Nummer verkommen, weil im ausgeweiteten Teilzeitsyndrom kein Mensch mehr den Kollegen über den Weg gelaufen ist. Vielleicht erkennt er deren sinkende Lider noch über das zwangsangeschaffte Bildtelefon, mit dem nun regelmäßig der Zuchtmeister das Wohlbefinden der Truppe kontrolliert. Aber Zusammenhalt schafft das nicht. Und so war es auch gedacht.

Es ist vielmehr Kontrolle an der langen Leine, die uns verborgen bleibt, denn was dort rechtlich zusammengeschwiemelt wurde, ist nicht mehr als die mit Bausparerabitur und Paketband hastig in Form gequetschte Kostenkontrolle für manchen Unternehmer, der nun keine Büros mehr zahlen muss, keine Fahrtkostenzuschüsse, keine sanitären Anlagen und keine Mitarbeiterküche. Arbeitszeiten lassen sich leichter durchdrücken, das Ausloggen am Firmenlaptop zwecks Gang in die Keramik wird fluffig von der Sollzeit subtrahiert, und in naher Zukunft wird die Fachkraft für Arbeitssicherheit die Nasszellen kontrollieren und Arbeitsunfälle im Vorfeld verhindern, weil auch hier das Private rein politisch wird. Mit dem Homeoffice reißt der Arbeitnehmer (m/w/d) sämtliche Mauern seines Hauses nieder und macht aus der Bude eine Panoptikum, das Foucault die Schuhe ausgezogen hätte. Vermutlich werden bald die ersten Drohnen – die Anschaffung zum vorgeschlagenen Preis ist freiwillig, Zuwiderhandlungen führen jedoch zum Verlust des Arbeitsvertrages – zwischen Küche und Kinderzimmer surren, um die zwischenmenschliche Nähe zu suggerieren, weil der Boss sich immer mal wieder meldet. Meistens, wenn die Blagen krank sind und Vati deshalb nicht von seinem Recht auf Kinderbetreuung Gebrauch machen muss. Es wird keinen Absentismus mehr geben, und wer ein bissel hustet, kann sich gerne von der Couch aus mit dem neuen Finanzkonzept befassen, statt die Abteilung M&A mit seinem Rotz anzuschmieren. Sie lieben doch alle, alle Menschen.

Im Mittelalter wurde der Besuch von Nachbarn und Verwandten nebenbei erledigt, und wenn es hart war, ließ der Schneider die Gesellen schon mal ein Stündchen länger an der Hosennaht zurren, weil sie ohnehin unter der Werkbank pennten. Die Arbeitsbelastung stieg kontinuierlich, an Schlaf war nicht zu denken, aber das war für die Zeitgenossen kein Problem. Schlafen konnten sie, wenn sie tot waren. Als Arbeitszeitmodell für die digitale Gesellschaft eine verlockende Vorstellung, die der Deutsche schnell verinnerlichen wird. Es sei denn, das Internet bleibt so mittelalterlich, wie es ist.





Hackedicht

5 02 2019

„… es um nicht weniger als die Identität der deutschen Rasse ginge, die aus Überlegenheit gegenüber minderwertigen Personen wie Negern und Arbeitslosen das Recht habe, volltrunken mit dem Auto zu fahren. Scheuer werde bis zum…“

„… überhaupt noch nicht geklärt sei, dass eine erheblich gesteigerte Blutalkoholkonzentration für tödliche Autounfälle verantwortlich sei. Zahlreiche Besucher des Oktoberfestes seien nach dem Genuss von sechs bis sieben Maß nicht in der Lage, den Motor zu starten und kämen damit nicht für eine…“

„… die Drogenbeauftragte der Bundesregierung nicht gefragt habe. Mortler sei einerseits eine Frau und andererseits CSU-Mitglied, was nach Scheuers Aussage die Grenze zur geistigen Behinderung mehr als deutlich…“

„… nationalen Widerstand leisten wolle. Der ADAC werde sich mit einer Aktion in den Fußgängerzonen solidarisch an der letzten Rettung von Deutschlands Autoverkehr…“

„… dürfe man in Deutschland erst mit 18 Jahren Alkohol konsumieren und ein Auto lenken. Scheuer sehe nicht ein, warum deutsche Bürger einerseits wie Erwachsene am Straßenverkehr teilnehmen und auf der anderen Seite als Unmündige nicht in den Genuss von…“

„… hätten Fachärzte nicht feststellen können, dass ihre Patienten unter dem Einfluss von Alkohol ihr Fahrverhalten verändern würden. Die drei vom Bundesverkehrsminister befragten Kinderärzte seien sich drin einig, dass dies ein ausreichender wissenschaftlicher Beweis für die…“

„… sei es für den Bundesverkehrsminister Pflicht eines jeden mündigen Bürgers, sich einer Alkoholkontrolle zu entziehen. Der Widerstand gegen die Terrorherrschaft der Gutmenschen sei notwendig, um den Wirtschaftsstandort nicht zu…“

„… schenke der ADAC Gratisproben von reinem Alkohol aus, um das Bewusstsein der Bürger für die nationale Notsituation zu wecken. Der Verein lege dabei großen Wert, dass nur, wer auch einen Führerschein Klasse B vorlegen könne, von den kostenfreien…“

„… gehöre Alkohol in Deutschland zur Ordnung, weshalb nach Artikel 20 Absatz 4 des Grundgesetzes gegen jeden, der es unternehme, diese Ordnung zu beseitigen, alle Deutschen das Recht hätten zum…“

„… die Messmethoden nicht einheitlich seien. So komme es in der EU zu unterschiedlichen Werten, die sich nachteilig auf deutsche Trinker im Straßenverkehr…“

„… auch andere Ursachen haben könne. Die Gefahr einer Ablenkung durch das Einstellen des Autoradios sei jenseits von 220 Stundenkilometern nicht zu unterschätzen und viel gefährlicher als die alkoholbedingten…“

„… in Pirmasens ein mehrfach wegen Trunkenheit im Verkehr vorbestrafter Angeklagter mit 3,5 Promille zum Gericht gefahren sei. Er habe laut Scheuer keine Strafe mehr zu erwarten, da er sich schon seit langem nicht mehr im Besitz einer gültigen…“

„… könnten sich internationale Mediziner nicht einigen, ob nicht vom Autofahren eine Gefahr für den Alkoholismus ausginge. Dieses müsse vorab in einer Studie geklärt werden, bevor die Regierung den weiteren Verlauf des…“

„… ein internes Papier der BILD beweise, dass das Projekt als ‚Volk-Saufstand‘ geplant worden sei und der ADAC Fördergelder des Bundeslandwirtschaftsministeriums erschlichen habe, um die deutschen Städte mit…“

„… eine reine Neiddebatte darstelle. Poschardt warne vor dem arbeitsscheuen Schmarotzerpack, das jährlich Milliardensummen vom Staat erhalte, um seinen anstrengungslosen Reichtum zu finanzieren, da diese Personen meist nicht in der Lage seien, sich anständige Alkoholika zu…“

„… den Richtervorbehalt bei der Entnahme einer Blutprobe wesentlich zu stärken. Scheuer schlage vor, zwischen der Feststellung des Verdachts der Fahruntüchtigkeit durch dreimal mindestens vier Polizisten im Abstand von jeweils drei Stunden und der Blutentnahme durch einen Arzt der Wahl eine Frist von zwei Tagen, die durch einen Richter eines anderen…“

„… dass es vor allem in den Ländern des Ostblocks ein totales Alkoholverbot gebe. Die CSU warne ausdrücklich vor einer Angleichung an dieses Politik, die den Sozialismus auch in der…“

„… sich nicht um Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte handeln könne, da die Polizei in der Verfassung gar nicht als Organ der Exekutive erwähnt werde. Scheuer wisse als studierter Nichtjurist genau, dass dies staatsrechtlich absolut keine…“

„… es für einen richtigen Deutschen Freiheit bedeute, hackedicht mit seinem Porsche in eine Bande von Scheißrentnern reinzubrettern, die durch ihre Weigerung des börsenverträglichen Ablebens nur zur Destabilisierung der wirtschaftlichen…“

„… überraschend Werbeplakate an den Bundesautobahnen aufgestellt habe, auf denen Scheuer mit einem Bierglas für die Rettung des deutschen Regenwaldes…“