Auf Kaperfahrt

1 10 2009

Ich knotete mir die Schürze um und begutachtete die Vorräte, Butter, Essig, Pfeffer. Da entdeckte ich das kleine Gläschen im Kühlschrank und stellte es sogleich auf den Küchentisch. Die Kartoffeln dampften sachte aus, ich wog Mehl ab und fingerte nach den Eiern. Anne steckte den Kopf zur Küche herein. Sie war entsetzt. „Um Himmelswillen“, schrie sie, „Kapern? Du kannst doch keine Kapern nehmen!“ Und eilig räumte sie die Knospen weg.

„Moment mal“, begehrte ich auf, „Du hast Dir die Gnocchi in meiner Senfsauce gewünscht, also wirst Du mir jetzt bitte auch die Kapern wieder rausrücken.“ Schließlich hatte sie wie immer darauf bestanden, dass ich nach meinen Originalrezepten koche – zum Dank dafür, dass ich das neue Schuhregal ins Obergeschoss befördert und unter Zuhilfenahme einer aus dem Altchinesischen ins Volapük übersetzten Anleitung aufgebaut hatte, durfte ich auch ihre Küche dazu benutzen. Nur die Passiermühle und einen Rührlöffel, die Muskatreibe und den roten Pfeffer hatte ich aus eigenem Fundus mitbringen müssen. Denn in vertrauter Atmosphäre arbeitet es sich doch gleich viel einfacher.

Der Kartoffelteig schmiegte sich sanft an die Schüssel, ein wenig Salz noch – ich öffnete den Schrank und sah elf Gläschen Kapern. Nonpareilles in Lake. Gut, Anne würde sie vielleicht übersehen haben. Eine Frau, die siebenunddreißig Lippenstifte besitzt, muss man mit Nachsicht betrachten. Und so stellte ich das angebrochene Gläschen wieder auf den Tisch zurück. Offenbar hatte sie nur darauf gewartet. „Du kannst doch nicht einfach an die Kapern gehen! Die bekomme ich nur einmal im Jahr!“ Das wollte ich genauer wissen. „Ich habe da diesen Gewürzhändler“, informierte sie mich, „der hat jedes Frühjahr diese Kapern. Unglaublich günstig! Ich decke mich immer gleich mit einem Dutzend Gläsern ein.“ „Aber Du hast neulich erzählt“, bemerkte ich, während ich rührte und knetete, „dass Du für Deinen Bruder und seine neue Freundin ein Steak Tatar zubereiten wolltest.“ „Habe ich auch“, wandte sie ein. „Ohne Kapern?“ „Natürlich mit Kapern, also bitte!“

Das machte mich skeptisch. Für ihren Bruder, der einmal pro Quartal mit einer neuen Lebensabschnittsgefährtin bei ihr auftauchte, sie anpumpte und eine warme Mahlzeit verlangte, ging sie an ihre Küchenschätze, mir aber, und was noch viel schlimmer war: sich selbst gestand sie diese kleine, würzige Ingredienz nicht zu. Wie passte denn das zusammen?

„Natürlich gibt es auch im Supermarkt Kapern im Glas“, erläuterte sie mir, „und die sind auch gar nicht so schlecht. Wenn man mal schnell eine Portion Puttanesca kochen möchte oder…“ „Du willst doch jetzt nicht behaupten“, schnitt ich ihr das Wort ab, während ich den Teig mit dem Messer ähnlich bearbeitete, „dass Du Deine kapriziösen Kapern je nach Rezept verwendest?“ Ich wusste zu gut, welche Schwierigkeiten Anne mit der Küche hatte; nicht umsonst galt sie für eine herausragende Juristin, was sich unter anderem darin äußerte, dass sie ohne eine schriftliche Anleitung nicht einmal dazu in der Lage war, Wasser aufzukochen. „Aber es sind besondere Kapern“, sagte sie trotzig, „die sind sehr frisch und aromatisch. Man muss sie sich gut einteilen. Sie halten auch nur ein Jahr.“

Der empirische Weg wäre es gewesen, so überlegte ich, während die Kartoffelteigstückchen über den Gabelrücken rollten, den Kapernverbrauch während einer Periode von zwölf Monaten zu beobachten und danach den Einkauf auf drei Gläser zu reduzieren oder aber – was wahrscheinlicher war – auf zwanzig Gläser auszudehnen. Aber ich wand mich davor, logische Erwägungen ins Spiel zu bringen. Wer zweieinhalb Regalmeter an Schuhen in unterschiedlichen Schwarztönen besitzt und die Strafprozessordnung kennt, würde mehr Hintertüren kennen, als ich Vordereingänge sah.

Gemächlich wiegte das Messer über die Schalotten hin. Butter und Mehl bekamen einen kleinen Schuss Sahne ab. „Sag mal“, nahm ich beiläufig den Faden wieder auf, „wie viel brauchst Du eigentlich im Jahr?“ „Wenn ich nur einmal in Urlaub fahre und die Schuhe…“ „Kapern“, bremste ich Anne aus. „Drei Gläser, manchmal vier.“ „Und die anderen?“ „Manchmal sind sie über dem Verfallsdatum“, gestand sie kleinlaut. „Aber es gibt sie ja nur einmal im Frühjahr frisch! Ich kann doch nicht einfach alle aufbrauchen!“ Ich hielt ihr den Schneebesen vor die Brust. „Mit anderen Worten: Du könntest das hier auch mit einer Reserve bewerkstelligen, beispielsweise mit Gläschen aus dem Supermarkt?“ Anne grübelte einen Moment. „Das könnte man mal probieren. Dann müsste ich nur noch schauen, dass ich immer ein Glas Kapern vorrätig hätte, um… nein, das geht nicht.“ „Was geht nicht?“ „Ich würde“, antwortete sie mutlos, „wahrscheinlich gar keine Kapern mehr verwenden, wenn ich nur dies eine Glas aus dem Supermarkt hätte. Und hätte ich mehrere, würde ich nur die nehmen.“ Ein beherzter Griff in den Abfall, und ich hatte eine leere Mehltüte in den Fingern, die ich in sechs Stücke zerriss und zu unförmigen Klumpen zusammenknüllte. „Sechs Gläser“, erklärte ich ihr, „und Du brauchst sie erst anzubrechen, wenn die Kapern von Deinem Gewürzhändler zur Neige gehen sollten.“

Nach der dritten Portion schob Anne den Teller von sich. „Köstlich“, befand sie, „Du musst mir das Rezept für die Senfsauce unbedingt aufschreiben! Hast Du übrigens am Wochenende Zeit? Ich lade Dich ein, und Du darfst kochen. Was hältst Du von Königsberger Klopsen?“


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