Sicherheitsverwahrung

14 12 2016

„Er hat mir gesagt, ich kann mich an Sie wenden!“ Der alte Mann mit dem kleinen karierten Hütchen zeigte mit dem Finger auf mich, als stünde er schon vor Gericht und ich sei sein einziger Zeuge. Anne seufzte tief auf. „Dann kommen Sie mal mit.“

„Es geht jetzt bloß um eine Kommode“, erklärte Herr Nussbaum umständlich, „die ist geerbt, also vererbt hat sie Onkel Paul, das wissen wir ganz sicher, aber dann wird’s schwierig.“ Anne las den Schriftsatz des Junganwalts, der seine Mandantin vor ungerechtfertigtem Zugriff auf jenes Möbel zu verteidigen suchte. „Onkel Paul war nämlich meiner, das heißt, er war mein Onkel, aber er hat die Kommode trotzdem mir vererbt.“ „Das klingt bisher recht vernünftig“, stimmte ich zu. Doch Herr Nussbaum schüttelte den Kopf. „Nix mit Vernunft, das ist meine Frau. Sie besteht darauf, dass Onkel Paul ihr die Kommode vererbt hat, und deshalb will sie sie jetzt nicht im Schlafzimmer stehen haben, und wenn ich nicht zustimme, dann verkauft sie sie, und – ach, ich weiß doch auch nicht mehr weiter!“

Nussbaum war im Viertel recht wohlgelitten als ehemaliger Ladenbesitzer für Heimtextilien. Sein kleines Geschäft hatte drei Generationen lang gute Gewinne abgeworfen, vor gut zehn Jahren aber war es ihm genug gewesen, und so ging er in Rente. „Sie hat mir seither beständig das Leben schwer gemacht, jeden Tag aufs Neue.“ Hatten die beiden zuvor in ehelicher sowie auch Gütergemeinschaft ein ruhiges Leben geführt, seine Gattin entwickelte sich zur Furie. „Und jetzt verklagt sie mich“, sagte der Alte mit tonloser Stimme. „Ich weiß gar nicht, woher sie das hat.“ Anne ließ den Brief sinken. „Dieser Nickel meint tatsächlich, er könne mit dem Unsinn vor Gericht ziehen.“ Offensichtlich hatte Nussbaum schon zu viel erlebt, um die Abwegigkeit dieses Gedankens zu begreifen. „Aber machen Sie sich keine Sorgen“, tröstete Anne. „Den Kollegen falte ich zusammen, und dann kann Ihre Gattin sich gerne…“ „Nein“, unterbrach sie Nussbaum, „nein! Sie müssen diesen Prozess unbedingt verlieren! Es muss auf die Höchststrafe hinauslaufen!“

Von Vorhängen und Sesselbezügen hatte der gute Mann Ahnung, vor den Schranken eines Gerichts war er jedoch noch nie erschienen. „Ich wäre mit allem zufrieden“, stöhnte er, „wenn Sie es so hindrehen, dass ich Lebenslänglich bekäme!“ Anne tastete nach der Tischplatte. „Jetzt bleiben wir alle ganz ruhig“, sagte sie in leise beschwörendem Ton, „wo ist denn Ihre Frau gerade?“ „Keine Ahnung“, antwortete er verwirrt. „Eigentlich wollte sie zum Frisieren, aber sie ist bestimmt danach noch in die Konditorei gegangen.“ Anne sank in ihrem Sessel zurück. „Auch gut“, sagte sie trocken. „Dann ist Lebenslänglich schon mal nicht drin.“

„Aber Sicherheitsverwahrung?“ Nussbaum sah geradezu flehentlich auf seine Anwältin. „Es heißt erstens Sicherungsverwahrung“, erläuterte Anne, „und zweitens hieße es, dass Sie gemeingefährlich wären.“ „Ich dachte an die Kommode“, murmelte der alte Mann, „aber bitte, Sie sind vom Fach.“ Ich hatte da einen Gedanken. „Du kennst doch diesen Gerichtsvollzieher – wenn jetzt Herr Nussbaum eine Menge Schulden hätte, könnte man das Corpus delicti nicht einfach pfänden lassen?“ „Sie leben nicht in Zugewinngemeinschaft“, gab Anne zurück, „das heißt, dass ein Zugewinnausgleich nach §1363 nur im Fall eines… also: nein.“ Ich nicke befriedigt. „Das wollte ich wissen.“

Doch was sollte geschehen mit der Nussbaum-Kommode? Anne fiel nichts ein. „Wenn wir eine Gütergemeinschaft als vertraglichen Güterstand, der in die…“ Der alte Herr hob abwehrend die Hände. „Kein Vertrag“, wimmerte er, „ich unterschreibe nichts mehr!“ Ich winkte ab. „Vielleicht geben wir uns besser geschlagen, lassen ihr das Möbel und haben unsere Ruhe.“ Nussbaum rieb sich an der Nase. „Sie sind doch schlank“, begann er mit einem Seitenblick in meine Richtung, „wenn Sie über die Terrasse, also die Tür, die kann man einen Spalt offenlassen, und dann verschwinden Sie mit dem Ding durch den Garten?“ Von der Tür erklang ein leises Räuspern. Luzie Freese, klein und blond und die Vorzimmerkraft der Kanzlei, die Papiere ihrer Chefin stets schwungvoll mit luziefr abzeichnete, klopfte an den Türrahmen. „Kleinen Moment.“ Schon war sie wieder an ihrem Tresen verschwunden, schob den Schrank zu und kam ins Büro zurück. In der Hand hielt sie ein kleines, handliches Beil. Anne riss die Augen auf. „Nein“, beeilte sich Luzie, „nicht das, was Sie denken: ich wollte heute nach Feierabend noch schnell ein Tannenbäumchen schlagen. Aber man kriegt damit sicher auch eine Kommode klein.“ Nussbaums Augen funkelten. „Kommen Sie!“ Er packte mich sogleich beim Ärmel. „Kommen Sie, die Alte ist bestimmt schon beim zweiten Kännchen Tee – das verdammte Ding ist Kleinholz, wenn wir uns jetzt beeilen!“ Und er zog mich nach sich, aus dem Zimmer, an Luzie vorbei, direkt zum Ausgang. Und da drehte er sich noch einmal um, lief ein paar Schritte zurück, wo Anne schon fassungslos in der Tür stand. „Sagen Sie mal“, fragte er atemlos, „machen Sie auch was mit chinesischen Vasen?“

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