Armutszeugnis

12 10 2009

„… und betrachtete die ihr gemäßen Aufgaben stets als Herausforderung, der sie sich voller Zuversicht stellte. Ah, da sind Sie ja!“ Hornbostel legte das Diktiergerät auf den Schreibtisch und gab mir die Hand. „Es ist alles etwas chaotisch momentan, aber das sehen Sie ja selbst.“ Ich nahm Platz und schlug die Mappe auf. „Ich habe Ihnen hier einmal ein paar Muster mitgebracht.“ Er strahlte. „Nein, dass Sie das so rasch hinbekommen haben! Da wollen wir gleich anfangen – je eher daran, desto eher davon!“

Hornbostel blätterte in den Akten. Er zog einen rosa Deckel hervor und klappte ihn auf. „Wollen Sie mir bitte die einzelnen Übersetzungen geben? Ich trage sie dann gleich ins richtige Formular ein.“ „Gut“, meinte ich, „wenn es so schneller geht?“ „Also die erste Kandidatin ist, sagen wir mal: nicht mehr so ganz mittelmäßig, eher schlecht, ich würde sogar sagen, sie war eigentlich eine Katastrophe.“ „Sie hat unseren Erwartungen im Wesentlichen entsprochen“, übersetzte ich, „um wen geht es denn überhaupt, wenn ich fragen darf?“ „Frau Zypries“, replizierte Hornbostel, „und wir müssen bei diesem Zeugnis sehr genau aufpassen, dass es korrekt formuliert ist. Am Ende kommt die uns noch als Verfassungsrichterin in die Quere, dann sehen wir alt aus – also noch älter als sie, hähähä!“ „Was schreiben wir über ihre Kompetenz?“ „Warten Sie mal, wie wär’s mit: auch bei genauerem Hinsehen war eine fachliche Qualifikation bei ihr nicht zu entdecken. Das heißt jetzt wie?“ „Wir bestätigen gerne, dass sie pünktlich an die ihr übertragenen Aufgaben heranging.“ „Na, das hört sich ja mal gut an. Weiter! Ihren eklatanten Mangel an Fachwissen hat sie durch dämliches Geschwätz zu vertuschen gesucht, und wenn sie nicht mehr weiter wusste, hat sie gelogen.“ „Sie verfügte über Fachkenntnisse und ein recht gesundes Selbstvertrauen.“ Er sah mich ungläubig an. „Dass man das alles so in eine ganz harmlose Formulierung packen kann – ich bin immer wieder erstaunt über Ihren Beruf. Na, weiter! Die Frau galt im Ministerium als Obernulpe, weil sie nur vollkommen hirnrissigen Quark abgeliefert hat – nichts davon war brauchbar, wir haben quasi jeden Abend ihren ganzen Papierkram geschreddert. Es wäre gar nicht aufgefallen, wenn sie nicht da gewesen wäre.“ „Sie zeichnete sich insbesondere dadurch aus, dass sie viele innovative Vorschläge zur Verbesserung der Arbeitsabläufe einbrachte.“ „Und das sagt aus, dass sie eine Niete war?“ „Das sagt aus, dass sie bereits mit dem aufrechten Gang überfordert ist.“ „Großartig!“

Der blaue Aktendeckel war für den nächsten Abgang bestimmt. „Also jetzt nur präventiv, weil wir ja nicht wissen, ob Frau von der Leyen nicht doch bleibt – aber wir leben ja auch ihretwegen in einem Präventivstaat, hähä!“ „Dann lassen Sie es uns knapp fassen, man kann das ja gegebenenfalls noch auf andere Bereiche ausdehnen.“ „Hm, ja. Das passt zu ihr. Also: Riesenklappe, nur Getöse, im Endeffekt null Leistung.“ „Sie hat die ihr aufgetragenen Arbeiten mit Interesse erledigt.“ „Müsste es da nicht heißen: ‚stets mit großem Interesse‘?“ „Keinesfalls“, dozierte ich, „diese Abtönungen vermitteln hier ein völlig falsches Bild. So könnte man denken, sie habe sich tatsächlich nur um Dinge gekümmert, die sie etwas angingen, und habe dabei auch immer gewusst, was sie da täte.“ „Ja natürlich“, befand Hornbostel, „den Eindruck wollen wir natürlich nicht vermitteln. Dann muss da auch noch rein, dass sie eigentlich außer Tamtam in der Presse nichts gemacht hat – und auch das nur als Aufmerksamkeitsjunkie.“ „Sie wusste ihre eigenen Auffassungen intensiv zu vertreten.“ „Na, das klingt doch mal positiv! Das kann sie sogar als Pressemeldung rausbringen.“

Der gelbe Aktendeckel klatschte auf den Tisch. „Ulla Schmidt – na, da kommt ganz schön etwas zusammen in der Zeit! Also zunächst mal war sie die klassische Umfallerin…“ „Zeigte sich bei allen auftretenden Problemen stets kompromissbereit.“ „… und von Autorität auch keine Spur…“ „Ihren Mitarbeitern war sie jederzeit eine verständnisvolle Vorgesetzte.“ „… und was das Schlimmste ist: sie kam nie in die Socken. Der musste man jeden Mist hinterher schleppen, und dann kam doch wieder nur halbgares Zeugs raus.“ „Sie war bemüht, Aufgaben auch pflichtbewusst zu erledigen.“ Hornbostel kratzte sich am Kopf. „Wie drückt man aus, dass jemand so überhaupt keine Ahnung von der Sache hat und der ganze Laden aus dem Ruder läuft, weil keine Abteilung mehr weiß, was die andere macht?“ „Sie zeigte ihr Talent in der Koordinierung der Mitarbeiter.“ „Ja, das klingt vernünftig. Und dass sie belehrungsresistent war?“ „Sie fand viele Gelegenheiten, sich das erforderliche Fachwissen anzueignen.“ „Das hieße aber doch, dass sie über Fachwissen verfügte.“ „Nein, das heißt bloß, dass sie genug Gelegenheiten dazu fand – und keine einzige genutzt hat.“ Er überlegte einen Moment. „Doch, jetzt, wo Sie es sagen – ja, das nehmen wir.“ Und er tippte eifrig weiter am Beurteilungsbogen.

„Aber nun sagen Sie mal“, fragte ich, während Hornbostel die letzten Unterschriften leistete, „was macht man eigentlich mit so einem Zeugnis?“ „Damit haben Sie unserem Land einen sehr großen Dienst erwiesen, von den Ministerinnen einmal ganz abgesehen.“ „Wie bitte? Daraus geht doch eindeutig hervor, dass sie dumm, unfähig, vorlaut und faul waren – so ein Zeugnis kann man sich doch ins Klo hängen!“ „Wo denken Sie hin“, beschwichtigte Hornbostel, „gerade das wird doch dringend gebraucht!“ „Gebraucht? Wo das denn?“ „Na, wo wohl – im Management natürlich!“


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2 responses

12 10 2009
Tante Jay

Sooooooooooooooo wahr. *seufz*

12 10 2009
bee

Es ist die einzige Branche, in der man wegen Geschäftsschädigung in den Vorstand versetzt wird.

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