Gernulf Olzheimer kommentiert (DXLIV): Kolonialismus

11 12 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Bei Rrt waren die Verhältnisse noch recht einfach. Die Jagdgründe reichten von der großen Felswand bis zum Fluss, der beim unvorsichtigen Überqueren einen fantastischen Blick über die große Steppe im Tal bot – allerdings nur so lange, bis man am Fuße des Wasserfalls auf den felsigen Klippen aufschlug. Was sich am anderen Ufer befand, interessierte nur am Rande. Natürlich sah man auch dort Jäger, die mehr oder weniger freundlich mit ihren Speeren herüberwinkten. Aber es kam nie zu größeren Auseinandersetzungen, zu politischen Gesprächen schon gar nicht. Das Gebiet eines jeden Stammes wurde von einer Generation an die nächste übergeben, die friedliche Koexistenz der Gruppen galt als gesichert. Zumindest bis zu dem Tag, an dem der findige Schwager eine Art Pontonbrücke ersann, mit der sich die ganze Rotte auf die andere Seite des Stroms bewegen und die erbeutete Säbelzahnziege wieder an die eigenen Gestade schleppen konnte. Krieg lag in der Luft. Die Macht spürte eine Erschütterung. Aber wo war ihr Zentrum, und warum brauchte es unbedingt mehr Land? Und brauchte es unbedingt mehr Land?

Der Kolonialismus beruhte auf der wahnhaften Vorstellung, der weiße Mann sei mehr wert als der sogenannte Wilde – jene Menschen außerhalb des europäischen Dunstkreises, motiviert durch den religiösen Unfug, eine Entität mit Rauschebart hätte sie als Arbeitstiere zum höheren Ruhme der Altweltrassen erschaffen. Seitdem die blindwütige Expansionssucht der Renaissance den Protzköpfen das Wetteifern um widersinnigste Statussymbole geradezu befahl, fuhren ihre Eroberer um die ganze Welt und ballerten an jeder Küste auf alles, was sich bewegte, um den Einwohnern ihre Länder zu stehlen, oder besser: ihnen auf Latein zu erklären, dass sie sowieso den Adelshäusern in Spanien und Portugal gehören würden. Die also aus Kopfschrott zusammengeschwiemelten Rechtsakte waren ad hoc gültig und blieben es für lange Zeit. Nur wozu?

Um Europa nicht mehr in Verruf zu bringen, als es unbedingt noch nötig wäre, nicht nur dieser Kontinent hat sich die Erde mit der Knute untertan gemacht. Ein halbes Jahrtausend haben ägyptische Pharaonen andere Völker ausgebeutet, für mehrere Jahrhunderte hielten Perser und Römer ein Reich mit Außenposten am Leben, länger als die Gebilde der Neuzeit. Eins der größten Konstrukte war das Osmanische Reich, gegen das selbst Wilhelm II. ein blasses Bürschchen blieb. Dass der Sklavenhandel in seiner brutalsten Form für zwölfhundert Jahre die Domäne der Araber war, nur ganz am Rande.

Aber es gab Gold und Silber zu holen. Der Handel mit Öl, Kohle und Bananen wurde erst mit dem Niedergang der Kolonialmächte wirtschaftlich relevant, während die meisten Rohstoffe unter den europäischen Ländern getauscht wurden. In einem Zeitalter, das ohnehin vom Bestreben nach Autarkie geprägt war, kamen die sich industrialisierenden Staaten bestens ohne Einfuhren zurecht, und was Kohle anging, die konnten sie sogar exportieren. Der Krieg, der 1914 das mit heißer Nadel genähte System fragiler Trutzbündnisse explodieren ließ, schnitt auch die Einfuhr dieser Waren noch ab, was zur schnellen Entwicklung von Ersatzprodukten führte. Waren also alle Exportweltmeister?

Etwa acht Prozent der Ausfuhren gingen in die europäischen Kolonien, gemessen am BSP etwas mehr als ein halbes Prozent. Die Täuschung beruht auf der Sicht der Kolonialisten, die vom Außenposten aus die Exporte als Einfuhren wahrnahmen. Von 100.000 Traktoren gingen etwa 500 in die Ländereien, die damit ihren Bedarf auch vollkommen decken konnten; aus der Sicht des Farmers in Deutsch-Südwest kam also die gesamte Technologie aus dem Kaiserreich, die nach dem Verlust der Kolonien durch das übliche Wachstum die Produktion innerhalb weniger Jahre wieder in der alten Größe aufnahm. Es kann also nur am Wirtschaftswachstum gelegen haben.

Was ebenso falsch ist, denn im Gegenteil hatten die großen Kolonialmächte wie Großbritannien und Frankreich durch ihre überseeischen Gebiete nichts als Nachteile. Selbst Belgien, ökonomischer Musterschüler des späten 19. Jahrhunderts, brach nach der Annexion des Kongo fast zusammen. Erst nach dem Verlust der indonesischen Gebiete kam in den Niederlanden so etwas wie ein Aufschwung zustande. Die Verschwendung unternehmerischer Energie bei gleichzeitigem Stillstand der Innovation und der Wahn, einen hervorragend bezahlten, aber komplett überflüssigen Bürokratieapparat auf die Kolonien zu übertragen, wo Oberbeamten mit einer erklecklichen Clique von Unterbeamten über je eine Harke im Urwald regieren durften, selbstredend in fürstlichen Palästen mit Schnaps und Käse aus der Heimat, diese Großmannssucht kostete Europa Jahr für Jahr eine Stange Geld. Die Kolonien waren der SUV der Nationalstaaten, überflüssig wie ein drittes Nasenloch, schlecht zu steuern, schweineteuer, als Statussymbol untauglich, sobald jeder sich dasselbe in den Vorgarten klotzen kann, und am Ende fährt einen die Karre an die Wand. Nur ins All kommt man mit den Dingern nicht. Aber dafür leisten wir uns ja heute die Raumfahrt.


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