Es musste so kommen

23 12 2014

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

ja, es sieht etwas chaotisch aus, aber das kam so: Als Hildegard, und eigentlich war auch das nicht geplant, weil sie über die Festtage immer wegfährt, sie wollte wie gesagt Geschenkpapier mitbringen, Band hatte ich noch, und deshalb war das im Arbeitszimmer neben dem Schreibtisch, aber alles noch nicht eingepackt, und – nein, ich muss anders beginnen. Ich müsste überhaupt einmal beginnen, am besten ganz von vorne.

Mit den Geschenken, und eigentlich mit der Sitte des Schenkens. Weil wir inzwischen dazu übergegangen sind, einander mit großen, größeren, immer größeren Päckchen und Paketen und Kisten und Kästen zu überhäufen, die längst nicht mehr unter einen handelsüblichen Weihnachtsbaum passen. Was andererseits auch den handelsüblichen Weihnachtsbaum, nachfragebedingt sowie am Zeitgeist orientiert, wieder ein Stückchen größer macht, so dass inzwischen auch XXXXXL-Pakete darunter Platz haben, was die XXXXL-Päckchen eben zu klein aussehen lässt, mit dem Ergebnis, dass… – Was rede ich hier überhaupt, wir kennen das doch alle. Alle Jahre wieder. Bald werden wir alle in größere Häuser umziehen müssen, weil wir den Platz für die größeren Bäume brauchen, unter denen dann die größeren Pakete liegen können, die wir uns aber nicht mehr leisten können, da wir jetzt ja in größeren Häusern leben müssen.

Weihnachten ist, sehen wir der Sache ins Auge, vor allem ein betriebswirtschaftliches Problem.

Das fing damit an, dass Hildegard eben nur eine Sorte Geschenkpapier mitbrachte, ein durchaus sehr hübsches Muster mit roten Sternen auf goldenem Grund, dickes, voluminiertes Papier, das man knifft und klebt und zum Halten bringt, ohne sich die Finger daran aufzureißen, kurzum, das Verpacken würde dieses Jahr wirklich eine Freude sein. So dachte ich, und damit nahm die Sache ihren Lauf. Es waren auch die passenden Anhänger vorhanden, für jeden einen, um noch einen herzlichen Wunsch an den jeweils Beschenkten mitzuschicken, aber dafür muss man eben aufpassen und die Pakete nach dem Packen auch in der richtigen Reihenfolge verstauen, vorsortieren, ordnen, wenn man nicht, ich gebe es zu, zur komplizierteren, da einfacheren Lösung greift: ein Geschenk, beispielsweise graue Wollsocken im Doppelpack, liebevoll einschlagen, zukleben, mit Band und Schleife versehen, um eine traditionelle Verschnürung vorzutäuschen, den Anhänger zwecks eindeutiger Zuordnung an das Ding pfriemeln, dann das nächste Zeugs verpacken. Irgendwann verspürt man den Wunsch, das komplette Christfest einzutüten, um es en gros aus dem Fenster zu schmeißen, aber je nach Größe der Familie und Anzahl der Beschenkten ist es mit zwei oder drei Anfällen erledigt.

Dann aber nahm das Schicksal seinen Lauf. Hildegard, die das Konvolut vor dem Schreibtisch sah, montierte von links nach rechts die ihrer Ansicht nach passenden Anhänger an die Präsente. (Logisches Denken ist ihre Stärke, es sei denn, sie entscheidet sich unterwegs anders.) Und so fuhr sie getreu sämtliche Geschenke aus und gab sie ab, während ich je zwölf Flaschen 1995-er Wupperburger Brüllaffen und 1993-er Gurbesheimer Knarrtreppchen – die geneigte Leserin, der aufmerksame Leser wird beide als exzellente Tröpfchen kennen, weil sie schon öfters eine Rolle in meinem Salon gespielt haben – einlud und in den heimischen Keller spedierte. Ich also kam zurück, Senf hatte ich keinen dabei, dafür war auch noch nicht Heiliger Abend, und stellte fest, dass die Bescherung bereits stattgefunden hatte. Jeder hatte seine Gabe erhalten. Meinte Hildegard.

Die Bückler-Brüder, Küchenchef Bruno, den sie voller Respekt Fürst Bückler zu nennen pflegen, und sein Bruder Hansi, bedankten sich mit milder Ironie, da ich sie mit einer Nudelmaschine bedacht hatte. Endlich, teilte mir Bruno mit, würde er sich an komplizierte Gerichte wie Maultaschen wagen können, ohne dem Küchenjungen das äußerst gefährliche Wellholz erklären zu müssen. Aus dem Hintergrund hörte ich Petermann feixen, Entremetier und des Meisters rechte Hand, wie er sich zu Ostern ein Küchenmesser wünschte. Ich hatte den Schaden, der Spott folgte, und doch glaubte ich noch an einen dummen Zufall. Wie ich mich getäuscht haben sollte.

Denn kaum hatte ich die Tischreservierung bestätigt und eingehängt, da klingelte es schon wieder. Siebels, die graue Eminenz unter den TV-Produzenten, meldete sich vom Flughafen, da er zwischen den Jahren wieder einmal schnell dreizehn Folgen Traumklinik im Ozean oder ähnlichen Schrott abdrehte, um die Gebühren des laufenden Jahres zu verballern. Er war sehr angetan von seinem Geschenk, bedauerte aber, es aus Sicherheitsgründen hier deponieren zu müssen. Ob ich das nicht bedacht hätte. Ich war verwirrt. Bis mir auffiel, dass er das Schweizer Armeemesser bekommen hatte. Es passte, und das war noch das einzig Gute an der Sache.

Schon stichelte Hildegard. Dass ich auch keine individuellen Weihnachtsgeschenke zu machen bereit wäre, dass bei mir immer alles gleich aussähe und über einen Kamm geschoren würde. Kurz bevor ich dem Kristallaschenbecher ausweichen konnte, hatte ich noch gefragt, wer denn auf die Idee mit der einheitlichen Sorte Geschenkpapier gekommen war, aber da war die Sache schon so gut wie gelaufen. Sie hatte sich auf meinen Fehler mit den nicht genau gekennzeichneten Geschenken kapriziert, mir eine quasi sozialistisch anmutende Gleichmacherei unterstellt – „Rote Sterne! Du wirf mir noch einmal schlechten Geschmack vor, rote Sterne! Zu Weihnachten!“ – und schon nach einer Viertelstunde jede weitere Diskussion abgelehnt.

Was allerdings noch lange nicht meine Rettung war. Mandy Schwidarski, die noch immer höchst erfolgreich ihre Agentur Trends & Friends durch die Wogen der öffentlichen Aufmerksamkeit fuhr, teilte mir per SMS mit, dass sie sich schon immer einen Motorradkalender gewünscht hatte. Dass sie ohne die ansonsten typischen leicht bekleideten Damen, im Fachjargon als Fahrerzubehör bekannt, auskommen musste, monierte sie nicht. Ich hätte es wissen können.

Wir gut, dass ich mein inzwischen nicht mehr so halbwüchsiges Patenkind Maja mit regelmäßigen Zuwendungen bedenke und im Dezember die Zahlung leicht anpasse. Sie hat das Studium der Mathematik aufgenommen und bekommt wie zuvor mein Großneffe Kester, der gerade in theoretischer Physik promoviert wird, ihr Geschenk in guter Dosierung. So wird die Dankbarkeit auch nicht auf den Weihnachtstag beschränkt.

Sofia Asgatowna, Annes Perle, bekommt gleichfalls ihr Geschenk. Sie putzt zwar nicht bei mir, sorgt aber für Ruhe bei der Freundin und hat sich dafür eine Flasche vom guten, ja sehr guten Champagner verdient, den auch Staatsanwalt Husenkirchen nebst Gattin und Tante Elsbeth am letzten Adventssonntag erhalten. Da ist Ordnung.

Aber Anne, ach! fühlt sich schon wieder tödlich beleidigt. Ihr in hübsches Halbleinen gebundenes Handbuch des Königsgambit empfand sie als böse, ja bitterböse Geste, da sie sich mit dem Schach so gar nicht auskenne und diese Anspielungen auf ihren Beruf – sie ist nun mal Juristin, wenngleich eine sehr gute – strengstens verbitte. Ich habe es versucht. Ich habe alles versucht. Es half nichts, sie wird mich nicht mehr kennen. Sie fährt mit Hülsenbeck in den Weihnachtsurlaub, dieses Jahr in die Seealpen, und wird nicht vor dem zweiten Festtag mitten in der Nacht heulend vor meiner Tür stehen. Die Schokolade liegt schon bereit.

Trends & Friends rief noch einmal zurück, diesmal war es Minnichkeit, der sich brav, aber etwas verklemmt für die Heine-Gesamtausgabe bedankte (und fragte, wie lange er zum Lesen bräuchte). Ich habe keine Hoffnung, dass er sie je aus der Verpackung nimmt, und ich bereue, dass ich nicht die Lenin-Ausgabe in Kunstleder zum Bruchteil des Preises gekauft habe. Nicht gelesen ist nicht gelesen, und nur das Ergebnis variiert. Vielleicht ist das bei Heine sogar schlimmer.

Zwischendurch klingelte Sigune, die leicht unzurechnungsfähige Nachbarin. Sie musste wohl zwischen der Sprechstunde mit den Topfpflanzen und Feng-Shui-Möbelrücken eine freie Minute gefunden haben, jedenfalls freute sie sich über die exotischen Räucherutensilien. Dass es sich bei den chinesischen Pfeffern, Sumach und spreizender Melde nicht um Lufterfrischer handelte, kam gar nicht erst zur Sprache. Es würde in den nächsten Wochen nach kokelndem Kurkuma riechen. Was sollte ich nur tun.

Gerade plante ich einen längeren Aufenthalt am Südpol, da meldete sich Jonas. Er, der unter allen Umständen jung bleiben wollte, meckerte recht deutlich über meine Idee, ihm eine gebundene Gesamtausgabe des Teckelzüchter-Almanachs (1997 ff.) zu schenken. Ob ich noch alle Tassen im Schrank hätte. Und überhaupt. Gut, dass Herr Breschke mit begeistertem Lob die Situation wieder rettete. Bismarck, der vierbeinige Freund des pensionierten Finanzbeamten, hatte die Leckerchen erst gar nicht anrühren wollen, doch Horst Breschke probierte eins und fand sie sehr schmackhaft. Seine Frau ebenso. (Seine Frau die Süßigkeit, damit hier keine Missverständnisse auftreten.) Gut so, die Mangobonbons waren nicht für sie bestimmt gewesen, aber immerhin hatte Breschkes Tochter sie auf einem Landausflug in Tunesien besorgt. Zollfrei.

Doktor Klengel bedankte sich für die Krawatte. Es klang wie ein auf den Anrufbeantworter gesprochener Formbrief.

Die Szene des Abends jedoch lieferte – als ob ich es noch betonen müsste – Hildegard. Als Lehrerin benötigt sie natürlich ab und zu eine Gedächtnisstütze, sie verfügt über einen dieser Ringbuchkalender, die man jährlich mit neuen Blättern befüllt, um sie in der Handtasche mit sich zu führen. Vermutlich war es das karierte Papier. Hätte ich sie je in einem unvorsichtigen Moment geheiratet, dies wäre die Scheidung gewesen. Was für ein Donnerwetter. Wenigstens war ich sie danach los, denn sie setzte sich sofort in den Wagen und fuhr. Es musste so kommen, und dass es so kam, macht die Sache nicht angenehmer.

Aber auch nicht unangenehmer. Reinmar, der beste Freund, der aus Kindertagen, der auch wieder für eine Partie Schach vorbeischauen wird, für einen Abend, an dem keine zehn Worte gesprochen werden müssen, fand die asiatischen Heilsteine sehr schön. Er meinte, er würde sie wohl in seinem Garten als Schmuck auf den Beeten einsetzen. Oder im Aquarium. Oder in einer Blumenschale. Ein gutes Geschenk erreicht immer den Menschen, dem es gilt.

Nur mein Kollege Gernulf Olzheimer, mein störrischer Gefährte, der noch immer Äxte sammelt und mit knirschender Feder seine Tiraden schreibt, der wollte nichts. Wir schenken uns nichts, und das gilt in jeder Hinsicht. Er bleibt mir ein weiteres Jahr verbunden. Das ist mir Geschenk genug.

Erschöpft sinke ich zurück. Was für ein Jahr, was für Sitten. Hätte ich das vorher gewusst ich hätte… – nein, ich hätte es nicht anders gemacht. Nichts davon. Sonst kann man das gar nicht machen. Und so soll es auch bleiben. Weshalb ich kurz Luft holen will, um ab Montag, den 5. Januar 2015, einen neuen Jahrgang zu beginnen.

Allen Leserinnen und Lesern, die dies Blog fast oder fast ganz immer und regelmäßiger als unregelmäßig oder doch nur manchmal oder aus Versehen gelesen, kommentiert oder weiterempfohlen haben, danke ich für ihre Treue und Aufmerksamkeit und wünsche, je nach Gusto, ein fröhliches, turbulentes, besinnliches, heiteres, genüssliches, entspanntes, friedvolles und ansonsten schönes Weihnachtsfest, einen guten Rutsch und ein gesundes, glückliches Neues Jahr.

Beste Grüße und Aufwiederlesen

bee

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