Gernulf Olzheimer kommentiert (DLX): Verhandeln mit der Natur

16 04 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

In den alten Erzählungen schien es geholfen zu haben, wenn der Schamane seinen Speer schüttelte und die Wetterdämonen lange genug anbrüllte. Man berichtete von wahren Wundern: Regen kam auf Befehl, der Sturm ließ nach, die Buntbeeren blühten termingerecht. Die saisonale Schneeschmelze im Hochgebirge schien das wenig zu beeindrucken, in jedem Jahr kam mehr Wasser den Abhang herab, durchnässte das Tal an der westlichen Felswand und ließ die eine oder andere Höhle absaufen. Die in gemeinsamer Abstimmung beschlossenen Opfer von Feldfrucht und Jagd halfen nicht, auch eine kunstvoll aus einem Baumstamm getriebene Figur des Vegetationsgeistes blieb wirkungslos. Der von der Natur ausgehenden Kraftentfaltung waren die Hominiden schlicht egal. Jede Verhandlung mit ihnen war schlicht vergeudete Zeit.

Andere Völker, die sich bereits in arbeitsteiliger Gesellschaft an der Umwelt vergangen hatten, sahen sich mit denselben Ergebnissen konfrontiert. Die Hybris des Menschen, sich scheinbar über die Grundlagen der Biologie, der Physik und Chemie hinwegsetzen zu können, da eine Generation nicht lange genug lebte, um die Rechnung für den ganzen Murks präsentiert zu bekommen, ermutigte ihn zu nur noch mehr dümmlicher Zerstörung. Kulturen löschten durch kunstvoll herbeigeführten Mangel an Wasser und Nährstoffen sich selbst aus, so dass nur noch imposante Architektur von der maßlosen Ichbezogenheit ihrer Erbauer irgendwo in dichten Urwäldern zeugt. Die Maya verstanden es trefflich, die durch Krieg und Überbevölkerung aus dem Ruder geratene Bevölkerungspolitik durch Raubbau an den Ressourcen und eine geradezu klassischen Fehlallokation der Maisernte verhungern zu lassen. Wie viele zuvor ernährten sie ein paar ohnehin Reiche, die zu spät den Ernst der Lage einsahen.

Nichts davon ist neu, nichts davon hat in einem globalen Maßstab stattgefunden oder in der heute zu beobachtenden Geschwindigkeit, nichts davon war zuvor das Business der vor sich hin popelnden Politkaste, die auch schon den Generationswechsel im Hinterkopf hat – noch dreimal Wiederwahl, dann sind die Schäfchen sowieso im Trockenen – oder sich ein Häuschen auf dem Berg leisten kann, wenn der Meeresspiegel steigt. Es ist, als würden die Minions der Existenzverwaltung auch schon aus Sperrholz Götzenbilder schwiemeln, um überhaupt irgendetwas zum Vorzeigen zu haben, auch wenn es nicht hilft. Der Kipppunkt, der das endgültige Tauen der Permafrostböden anzeigt, lässt sich nicht durch drei Grad mehr, zwei Grad mehr, ein Grad mehr verwirren. Die Natur würfelt nicht – für die Vertreter des theistischen Weltbildes eine groteske Verkehrung ihrer eigenen Überzeugungen, aber was erwartet man auch von Wahlbeamten, die Beten als Entscheidungsersatz klassifizieren – und verzichtet auf die bigotte Bizarrerie solcher Denkmodelle. Sie mag in ihrer Wirkweise erschreckend komplex erscheinen, beruhigt aber immer noch durch das Versprechen, dass jede Handlung Folgen hat. Wenn es auch nicht immer die gewünschten sind.

So nimmt es auch nicht wunder, wenn glitschige Provinzfürsten angesichts abhebender Zahlen erst dann exponentielles Wachstum wahrnehmen wollen, wenn es den Rest der bräsigen Mannschaft unter sich begräbt. Auch im Umgang mit einer medizinischen Bedrohung schieben sich geistige Heckenpenner lustig einen Deal nach dem anderen zu in der Hoffnung, vielleicht die Größe der nahen Katastrophe noch ein bisschen wegzufiltern – als würde einen auf dem langsam wegsackenden Deck der Titanic der einsetzende Nieselregen stören. Das politische oder technische Handwerk ist nur die Jonglage mit Wahrscheinlichkeitswerten. Lustig Qualm in die Atmosphäre zu pusten, obwohl die Reaktionen aus dem naturwissenschaftlichen Unterricht bekannt sein dürften, Plastikschredder in die Meere zu leiten, atomaren Müll in Salzstöcke zu füllen, die sich innerhalb der vorgesehenen Zeit während der Endlagerung mehrmals heben und senken werden, ist kein Glücksspiel, sondern der untaugliche Versuch, mit magischem Denken ein immenses System aufhalten zu wollen, als würde man gegen ein ganzes Gewitter nur einen Schirm aufspannen müssen.

Letztlich hilft nur noch Mythenbildung beim Aufschub der Folgen. Irgendwer muss Schuld sein am Erdrutsch, irgendeinen muss der Volkszorn ja treffen. Die mesoamerikanischen Reiche hatten stets einen bösen Feind in der Hinterhand, den man für Rache, Reichtum oder eine Gottheit bestrafen konnte. Gegen den Klimawandel hilft es, die jugendlichen Protestierer als linke Spinner auf dem Kreuzzug gegen den kapitalistischen Wohlstand zu diffamieren. Früher oder später schlägt man in der Realität auf. Immerhin wissen wir jetzt, dass wir von Berufsirren geführt werden, denen es um die kurzfristige Erledigung eines Jobs geht: sich aus jeder Verantwortung rauszuhalten. Bestimmt sind sie in der Lage, die Botschaften der Natur zu hören. Was auch immer man hört, wenn man die falschen Pilze einwirft.


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16 04 2021
Umleitung: AfD, Verschwörungsgläubige, Union, Pandemie, Corona-Warn-App, Streit um die deutsche Geschichte, Nachruf auf einen Museumsdirektor und Popcorn-Kino gegen den Corona-Blues. | zoom

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