Das Ende der Arbeit

20 08 2015

Vermutlich hatten sie einen Choreografen für meinen Empfang engagiert. Der eine Mann öffnete die linke Tür, während der andere Mann die rechte Tür öffnete. Dann verbeugte sich der dritte, während der vierte mich begrüßte. Ein fünfter geleitete mich zum sechsten, der hinter dem Tresen saß und dem siebten winkte, der den Aufzugsknopf drückte. (Der achte sah nur zu, vermutlich lernte er gerade, wie man den Aufzug in die Halle holte.) Zu meinem Erstaunen war Schrumpeter selbst im Fahrstuhl.

„Ich hätte wenigstens eine Fußballmannschaft erwartet“, kicherte ich, doch er ließ sich nichts anmerken. „Wenn Sie damit auf unsere aktuellen Personalprobleme anspielen“, antwortete er, „die sind rein vorübergehender Natur. Die Leute arbeiten halt irgendwas, uns stehen derzeit zu wenig zur Verfügung.“ Gerade in diesem Institut, das sich ganz dem Ende der Arbeit verschrieben hatte, fiel das natürlich ins Gewicht; umso mehr erstaunte mich der Andrang im ersten Stock. Schrumpeter winkte ab. „Das ist, wie gesagt, nur der erste Stock. Oben steht der Seitenflügel leer, hier haben wir teilweise in jedem Zimmer nur eine Person sitzen, wir sind also längst nicht vollzählig.“

Anders in diesem kleinen Durchgangsraum, in dem exemplarisch zwei junge Damen sich konzentriert mit einer Beschäftigung beschäftigten. „Eine Abstraktion von Arbeit“, befand ich. Schrumpeter nickte entschieden. Die eine junge Dame stempelte Formulare und kreuzte hier oder da auf dem Papier ein Kästchen an, bevor sie den Bogen der anderen jungen Dame herüberreichte. Die andere junge Dame nahm es in Empfang, quittierte in einer Liste und schob dann das also in Empfang genommene Blatt in einen Aktenwolf. Nach jeweils dreißig Formularen war die Liste voll, und das Blatt wanderte zur ersten jungen Dame hinüber. Auch diese hatte einen elektrischen Vernichter unter dem Schreibtisch stehen und wandelte die soeben abgeschlossene Aufstellung in feine Papierstreifen. „Man muss erstmal sehen, ob und wie man diese Vorgänge wissenschaftlich beschreiben kann. Dann können wir immer noch sehen, ob man daraus seine Schlüsse ziehen soll.“ Ich kratzte mich am Kopf. „Vielleicht wäre das ein Vorhaben für ein verwaltungswissenschaftliches Experiment“, schlug ich vor, doch Schrumpeter war skeptisch. „Zu konkret“, kritisierte er, „und am Ende könnte es zu greifbaren Ergebnissen führen.“

Das Ziel der Institution, so hatte mich das Bulletin des Beirats informiert, war durchaus hoch gesteckt. Hier sollte die Arbeit abgeschafft werden, ein für alle mal und ganz endgültig. Warum aber mühten sich die beiden jungen Damen, und warum hatte man eine ganze Garde von Empfangskräften aufgeboten, um mich in den Fahrstuhl zu geleiten? „Der Mensch braucht eine Beschäftigung“, dozierte Schrumpeter. „Die meisten, denen man das Ende der Arbeit in Aussicht stellt, sind überzeugt, dass sie selbst natürlich weiterarbeiten würden. Die meisten könnten nicht die Hände in den Schoß legen, sie müssten etwas Produktives tun.“ Ich betrachtet die beiden jungen Damen, wie sie etwas Produktives taten – und es kam doch nichts dabei heraus. Das, begriff ich, war sicherlich Arbeit im reinsten Sinne.

Im nächsten Zimmer setzte Oberregierungsrat Splettstößer mit bloßen Fingern kleine Kappen auf winzige Stifte. „Sein Soll liegt bei zehn Hubbeln pro Minute“, informierte mich Schrumpeter. Ich war irritiert. „Warum sagen Sie Hubbel zu den Nupsis?“ „Weil das Pinökel sind.“ Wie gut, dass sich hier Fachleute um die Materie kümmerten. „Der Versuch wird auch irgendetwas ergeben, ich weiß nur noch nicht, was. Vielleicht kriegen wir heraus, dass man gewisse Menschen mit jeglicher Art von Tätigkeit beschäftigen kann, ohne sie mit Arbeit zu langweilen.“ Ich nickte. „Er ist immerhin Oberregierungsrat.“

Wie ich erfuhr, hatte man bereits eine Reihe von Beobachtungen gemacht, mit denen noch niemand etwas anfangen konnte. Eine ganze Mannschaft saß angestrengt in einem kleinen Saal auf Holzstühlen herum, seit Tagen schon, und um sich die Zeit zu vertreiben, begannen einige von ihnen, Kartoffeln zu schälen. „Allerdings nur nebenbei“, Schrumpeter betonte dies, „als Nebenbeschäftigung und nicht im Sinne einer Arbeit. Es zeigt eine Flexibilität, die man vielleicht ausnutzen könnte: sie sind in der Lage, gleichzeitig zu sitzen und noch etwas anderes zu tun.“ Ich war begeistert. „Dergleichen ist mir bisher noch nicht untergekommen, vor allem nicht in deutschen Behörden.“ Schrumpeter nickte. „Das könnte die Verwaltung komplett umkrempeln. Wir müssen damit sehr vorsichtig umgehen.“

Der Personalabbau hatte offensichtlich noch nicht stattgefunden, denn ein gutes Dutzend sehr beschäftigter Männer half mir in den Mantel, hielt die Türen auf, drückte Lichtschalter und die Knöpfe des Aufzugs, der mich wieder in die Halle bringen sollte, wo die Empfangskraft von einem weiteren Mitarbeiter flankiert war, der darauf hinwies, dass es sich um eine Empfangskraft handelte. Beide Türflügel öffneten sich. Und schlossen sich wieder. Wie gut, dachte ich, dass sich hier keiner mit Arbeit von den wirklich wichtigen Dingen abhalten ließ.

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6 responses

20 08 2015
Shhhhh

Ich würde mich bereit erklären, die Pöppel wieder von den Stiften zu hubbeln, falls also noch Personalbedarf besteht. Um dieser Freizeitbeschäftigung nachzugehen, schicke ich gerne mal meine Bewerbungsunterlagen hin.

20 08 2015
bee

Die setzen bestimmt eine sichere Beherrschung der Zehn-Finger-Gnubbeltechnik (Stiftspitzenprüfung) voraus. Plus Stöpselpraktikum.

20 08 2015
buchstaeblich

Wenn ich keine Atheistin wäre, würde ich jetzt annehmen, dies sei eine Beschreibung der Hölle. So nehme ich an, es geht um die Institution eines Trägers der Freien Wohlfahrtspflege.

20 08 2015
bee

Ich fürchte, auch in einer ganz normalen Wohngeldstelle, im Grünflächenamt und im Landesamt für Denkmalpflege wird nicht wesentlich anders verfahren.

Natürlich mit anderen Formularen. Da könnte ja jeder kommen.

20 08 2015
buchstaeblich

So kann man auch Menschen damit beschäftigen, sich individuelle Formulare und Extra-Stempel auszudenken. Es wollen doch alle beschäftigt sein..

26 08 2015
bee

Womit wir wieder beim Thema Religion wären.

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