Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXIII): Die Warteschlange

11 05 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Ob Zellalterung, Säbelzahnziege oder ein Blitz aus heiterem Himmel für die Rückführung in die majestätisch schweigende Biomasse sorgen, am Ende ist alles sterblich. Vor allem der Hominide, der seinen eigenen Verfall zwar nicht direkt mit einem Datum versehen kann, aber dessen generelle Existenz auch nicht bestreiten wird – eben das macht ihn zu der herausgehobenen Affenart, die ihr Erbgut und ihre architektonischen Verwirrungen in die Zukunft klotzen, als gäbe es diese überhaupt – er fühlt die Zeit, wie sie dem Sande gleich zwischen den Fingern ins Ungewisse rinnt, rasch im Wind verteilt und körnchenweise zu Entropie verklappt, die alles, was je zuvor war, zunichte macht. So stand Rrt vor der Höhle der potenziellen Partnerin, die nur noch eben die Nagerzahnkette suchen und ein Pfund Beeren sortieren wollte, und vor ihm war nur noch der Vater einiger ihrer Kinder an der Reihe, die Keule lässig in der Hand, um einige familiäre Kleinigkeiten abzuklären. Momente wie diese lassen die Philosophie entstehen, das Ding zur Bewältigung des Sinnlosen, die Sprache, vielleicht Kunst und Poesie als spielerischen Zeitvertreib im losgelassenen Hier und Jetzt. Oder eben die Warteschlange.

Der Mensch sitzt, und damit fängt der Mist an. Die einzig erträgliche Position des Verharrens, die stehende, bietet im Regelfall den direkten Blick auf das Ersehnte, den Aufzug, der langsam aus dem dreizehnten Stockwerk eintrullert, den Verkäufer am Postwertzeichenschalter, der mit zentauglicher Zeitlupe den Stempel von ganz links nach links und dann nach rechts stellt, seinen Sekundenschlaf der Vernunft absolviert, den Stempel von rechts nach links und dann wieder nach ganz links schiebt und dabei in akzentfreiem Dialekt der Belegschaft zu wissen gibt, wie das am letzten Wochenende war, als er sich die Nasenhaare blondiert hat. Ist man als Kunde, als natürlicher Feind der Kreaturen auf der anderen Seite des Schalters, als Verurteilter in der Reihe gefangen, so sieht man trotz aller sich im Ablauf verschwiemelnden Hemmnisse, trotz der Mehrzahl der Mitarbeiter, die den Raum bloß als optische Störsignale bevölkern, doch das Ziel sich nähern. Schon steht es vor Augen. Da ist es.

Was nun im Sitzkreis, der amtlichen Form des Gruppenstrafvollzuges auf verkeimtem Mobiliar, völlig anders sich verhält. Hier ist die Tür zu, sie bliebe auch verschlossen, wenn Kafkas Torwächter beim Gang in die Mitarbeiterkantine noch einmal umkehren und den Kloschlüssel holen wollte. Es gibt hinter dieser Barriere keinen Ereignishorizont. Starr schwitzt der Verängstigte in der Sitzschale aus schlagfester Widerwärtigkeit, ob er für die Ein- und Ausfuhrgenehmigung schwedischer Schildläuse in Hessisch-Kappadokien auch die nötigen Papiere mit Siegel und Zehenabdruck eingesteckt hat. Jeder Überlebende, der aus der Kammer des Schreckens entweicht und die Flucht antritt, nährt in ihm eine quasireligiöse Hoffnung, jede Mistmade, die vorher eine Nummer gezogen hatte, den Wunsch zu töten. Auch hier schleicht beschäftigungslos eine amorphe Masse dienstunbarer Geister über staubige Flure, doch die Verwaltung ist gewarnt. Kein operierender Honk mit Aktendeckel gerät versehentlich in das Gesichtsfeld der Wartenden, spontan aufflammende Gewalt wird dadurch auf ein unvermeidbares Maß reduziert – der Büroschlaf ist noch einmal gerettet.

Die Steigerung dieser Zumutung ist die Warteschleife, jene intellektuelle Nahtoderfahrung, die hin und wieder für Massenmorde oder den Ausbruch militärischer Konflikte sorgt. Während dem Bekloppten die Trommelfelle mit schmieriger Konservenmelodei zugeschwallt werden, klemmt sich in Dreißig-Sekunden-Intervallen eine joviale Schleimstimme dazwischen und verkündet dem längst aus allen Ventilen vor Adrenalin pfeifenden Maniaken, dass die Wartezeit drei Stunden lang nur noch acht Minuten beträgt. Wer diese Flegelei wegen eines falsch oder gar nicht gelieferten Pakets oder der komplett verwarzten Rechnung seines Telekommunikationsanbieters über sich ergehen lässt, ist ohnedies geneigt, Konflikte mit physischen Mitteln zu bearbeiten, kann aber gerade keinem eine reinhauen, bis die Durchblutung aussetzt. Jede Kontrollmöglichkeit ist durch die technischen Gegebenheiten genommen, das anonyme Opfer in der virtuellen Reihe wähnt sich verraten, verkauft und verarscht, als wäre der Bittsteller der einzige, der nicht wüsste, dass alle anderen sich nach Lust und Laune vordrängeln könnten, nur eben nicht der entnervte Anrufer. Während Verbitterung und Pläne zur Vernichtung dieses Rotationsellipsoiden sich noch die Waage halten, dudelt Saccharinpop mit höhnischem Frohsinn aus dem Endgeräteloch. Das macht die Sache nicht besser.

Bald, wenn wir alle legale Schusswaffen haben, um gegen Arschlöcher mit legalen Schusswaffen in Stellung zu gehen, wird in einem Callcenter die Tür auffliegen, ein völlig verseifter Attentäter wird sich den Weg bis in die letzten Fress-Lüge-Boxen frei ballern und tobsüchtig fordern, dass er in acht Minuten endlich seinen verdammten Mitarbeiter an der Strippe hat. Sie werden es ihm versprechen. Hoch und heilig. Stundenlang.

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