Aufstiegsversprechen

15 06 2021

„Vielleicht müssten wir einfach mal wieder etwas wagen.“ „Etwas Sozialdemokratisches?“ „Für den Anfang würde ja reichen, wenn es irgendwie nur sozial ist.“ „Kennen Sie jemanden, der weiß was das ist?“ „Ich müsste mal fragen.“ „Das wissen die älteren Genossen noch.“ „Oder Olaf Scholz.“

„Man könnte sich mit Mieten beschäftigen.“ „Es gibt auch zunehmend prekäre Arbeitsverhältnisse.“ „Weshalb sich die Menschen die Mieten nicht mehr leisten können.“ „Sie meinen jetzt, da besteht ein Zusammenhang?“ „Das sind aber eher linke Ideen, mit denen wir nicht in Verbindung gebracht werden sollte.“ „Eben, dazu gibt es die Linken.“ „Und die Vermieter werden auch nicht wahrgenommen.“ „Das sind ja auch Steuerzahler.“ „Und das halten Sie für sozialdemokratisch?“ „Wenn es nicht total entgegengesetzt zur CDU läuft, dann könnt man das meinen, ja.“ „Und das mit dem Benzinpreis?“ „Das haben wir doch selbst so beschlossen.“ „Das muss ja nichts heißen, jetzt ist Wahlkampf.“ „Die Partei sollte insgesamt viel moderner werden.“ „Wir sollten klimabewusster sein.“ „Dazu muss sich das aber auch lohnen, so steuerlich und so.“ „Und die Autoindustrie sollte nicht plötzlich auf Gewinne verzichten müssen.“ „Überhaupt finde ich das echt ziemlich billig, Kurzstreckenflüge als das Böse schlechthin darzustellen.“ „Sie haben Lufthansa-Aktien?“ „Was hat mich verraten?“

„Jetzt machen Sie das nicht immer an solchen Kleinigkeiten fest, wir müssten uns mal mit einer ganz neuen, innovativen Linie von der Politik der vergangenen Jahrzehnte absetzen.“ „Man könnte bei öffentlichen Auftritten von Politikern zum Beispiel häufiger sagen: ‚Wir haben verstanden.‘“ „Das wäre kommunikativ sehr gut.“ „Wofür?“ „Für die Kommunikation.“ „Das macht dann wieder nur irgendein Bildungsreferent.“ „Oder Olaf Scholz.“

„Das hat bestimmt etwas mit den Strukturen zu tun.“ „Die sind ja eher unmodern.“ „Ich würde es eher als fortschrittsfeindlich bezeichnen.“ „Vor allem ist das unsozial.“ „Obrigkeitshörig.“ „Bis zu einem gewissen Grad auch klassistisch, aber eben nie klassenbewusst.“ „Entschuldigung, aber ich rede hier von der Partei.“ „Wenn es Sie tröstet: wir auch.“ „Wenn die SPD jemals wieder etwas werden soll, was sie in den letzten dreißig Jahren nie war, dann sollten wir uns von einer gewissen Menge an Führungskräften trennen, die den Niedergang dieser Partei bei sehr guten Gehältern organisieren.“ „In der freien Wirtschaft wären sie vermutlich über Arbeitslosengeld II nie hinausgekommen.“ „Daran sehen Sie, das Aufstiegsversprechen funktioniert.“ „Ich möchte es nicht dramatisieren, aber wir sind an der Misere selbst schuld.“ „Immerhin waren Schröder und Gabriel sozial integrativ, man kann doch das Großkapital auf Dauer nicht ausgrenzen.“ „Man könnte sie glatt für den Friedensnobelpreis vorschlagen.“ „Oder Olaf Scholz.“ „Der hat sicher längst vergessen, was er in Hamburg getan hat.“ „Vergangenheitsbewältigung kann hilfreich sein.“

„Sehen wir der Sache doch mal ins Auge: wir könnten ein Klimaschutzprogramm auflegen, das als ökologisch-sozialer Jobmotor und gleichzeitig als flächendeckende Wirtschaftsförderung für einen Aufschwung sorgt, der Deutschland wieder ganz nach vorne bringt.“ „Damit sich die Arbeitslosen Spargel leisten können?“ „Wir müssen und nun mal damit abfinden, dass wir unter Fachkräftemangel leiden und ohne qualifizierte Zuwanderung keinen wirtschaftlichen Aufschwung hinkriegen.“ „Und da die Deutschen sich lieber über die schleppende Konjunktur beschweren, als Zuwanderung in die Sozialsysteme zuzulassen, können wir das Dilemma gar nicht lösen.“ „Zumal dann ja nur die kommen würden, in deren Heimat angeblich nicht genug für den Klimaschutz getan wird.“ „Also nichts gegen Ihre Vorschläge, aber das können Sie in Amerika machen.“ „Eben, hier funktioniert das nicht.“ „man müsste ja die Partei neu erfinden.“ „Wissen Sie, dass das eine ganze Reihe altgedienter Sozialisten den Job kosten könnte?“ „Oder Olaf Scholz!“ „Und Sie reden hier von sozialer Gerechtigkeit!“ „Gehen Sie doch nach…“ „Nee, das war mal.“ „Schade.“

„Also gut, dann lassen Sie uns doch wenigstens mal einen Kompromissvorschlag suchen.“ „Okay, das können wir.“ „So innerparteilich ist das auch ein bisschen Neuland, finden Sie nicht auch?“ „Man muss es ja nicht gleich übertreiben.“ „Wir machen diese Benzinpreisdebatte nicht mehr mit, indem wir darauf verweisen, dass wir diesen Schritt aus staatspolitischer Verantwortung mit dem Partner CDU längst gemeinsam gegangen sind.“ „Das ist toll!“ „Wir würden seit langem mal wieder richtig empathisch wirken.“ „Naja, muss ja kein Nachteil sein.“ „Hat auch keiner gesagt.“ „Jetzt fangen Sie nicht an, unseren mühsam gefundenen Kompromiss gleich wieder zu hinterfragen!“ „Wir sollten in dem Zusammenhang aber stärker darauf hinweisen, dass wir als SPD hier eine entscheidende Rolle gespielt haben.“ „Den Klimaschutzaspekt, den sollte man auch viel stärker betonen.“ „Und Verantwortung für die künftigen Generationen.“ „Generell eine soziale Verantwortung, die sich auf viele Bereiche des gesellschaftlichen Zusammenlebens auswirkt.“ „Die Bildung nicht vergessen.“ „Und hier, die Digitalisierung!“ „Eine bürgerorientierte und nicht auf Profile ausgerichtete Gesundheitspolitik!“ „Die Städte!“ „Genau, also jetzt nicht nur vom Bau her denken, sondern den Verkehr menschengerecht in die Planung einbeziehen!“ „Das hört sich ja alles schon sehr schön an.“ „Finde ich auch.“ „Schreiben Sie das mal auf, wenn wir mit dem Konzept in den Wahlkampf gehen, dann haben wir exzellente Chancen als Koalitionspartner der CDU.“


Aktionen

Information

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.