Gernulf Olzheimer kommentiert (DCXIX): Listicles

17 06 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Irgendwann muss irgendein Redakteur derart gründlich verschlafen haben, dass der für mittags fällige Einspalter ohne Bild ihn in die Nähe der ordentlichen Kündigung gebracht haben wird – es sah nach purer Arbeitsverweigerung aus, dass er nicht einmal die sommerlochtypischen Causerien ohne Tiefgang oder Geist aus der Rübe zu rattern verstand, wie das von einer routinierten Tippkraft zu erwarten war. Hatte er sonst die wichtigsten Punkte des Beitrags auf den Spiralblock geworfen, um sie dann geschmeidig in Form zu kneten, so waren es diesmal ein paar kryptische Krakel auf der Rückseite der Kopfschmerztablettenschachtel, was mit dem Anlass seiner körperlichen Beschwerden auffällig korrelierte. Statt nun aber in einem kurzen Prozess den Schmodder runterzukloppen, möglichst unkreativ und deshalb wasserdicht, verfiel er auf den Gedanken, die Materialsammlung einfach als Endprodukt zu verkaufen, ohne sich erst einen Text zurechtzuschwiemeln. In einfache Form gepfropft erschien das Zwischending aus Liste und Artikel, kurz: der Listicle.

Wer sich im Online-Journalismus tummelt – oder dort, wo sich alles irgendwie für Journalismus hält, was aus aufgeschaufelten Buchstaben besteht – kennt diese Klickfängerklebestreifen, die meist aus subjektiven Gründen entstehen und gelesen werden, wobei im Gegensatz zum Erzeugnis herkömmlicher Machart der Sachverhalt vernachlässigbar ist. Ob es um die lustigsten Katzenvideos im Internet geht oder um die zehn angesagtesten Hirnerkrankungen, die angebliche Würze der Kürze wird durch allerlei künstliches Gedöns aufgehübscht. Zum einen steht die Frage im Raum, welchen Nutzwert das Elaborat über zwölf Dinge, die eins schon immer über Fußnägel wissen wollte, für den schmerzbefreiten Leser haben sollte, falls er sich überhaupt für derlei Thematik interessieren sollte, zum anderen bleibt im Ungefähren, ob aus dem Müllbeutelinhalt je ein Artikloid hätte entstehen können, den der Textchef ohne Antesten des fabrikneuen Schlagrings hätte durchrutschen lassen.

Die journalistische Hybridsau hat seither nichts an ihrem schlechten Ruf eingebüßt, noch immer ist sie Verbalgerümpel auf Sinnsuche im bodennahen Niveau der Junkerzeugnisse, wie sie als Füllmasse schon im Totholzgewerbe weiße Flächen zwischen der bezahlten Reklame zu stopfen hatten. Was an Aufplusterung für moderne Schreibzwecke in den Hirnplüsch hineingeheimnist wird – Storytelling, Literarizität, Edutainment – ist letztlich nicht mehr als der Versuch, sich einer tiefgründigen Erörterung des Dingsbums an sich auf Elementarschulhöhe zu entledigen, gleichzeitig Haha-Humor anzutäuschen und sich mit der bereits genannten Manier von Widerstand gegen Arbeitsverträge sorgfältig zu disqualifizieren.

Irgendwelchen Schmalz in die weichen Formen suchmaschinenfreundlichen Marketings zu kippen war noch nie Kunst im engeren Sinne; die Nepper, Schlepper, Bauernfänger, die sonst vorwiegend für Drückerkolonnen in aufstrebenden EU-Ostgebieten tätig sind, nutzen den angeblich rechercheintensiv aus dem Sack geknüppelten Krempel, um sich in der Suchmaschine gelenkig nach oben zu schleimen und geistig weniger gesegnete Günstlinge dabei zu beeindrucken. Tatsächlich eignet sich das Stakkato aller fünf Gründe, warum man sofort einen neuen Heizkessel in die Butze schieben sollte, am besten fürs Verkaufsgespräch, nicht aber für ein Blättchen, das überwiegend von Hochhausmietern gelesen wird, die den ganzen Spaß bezahlen dürfen.

Wahrscheinlich existiert schon eine virtuelle Art der Inhaltsvermittlung, die Redaktionen als NFT oder Cyber-Content anbieten: fünf hingerotzte Punkte auf einem Stadtplan, aus denen der geneigte Rezipient sich eine Sightseeing-Tour auswürfeln darf. Die ideale Bikini-Figur in nur sieben Schritten (einer enthält die Adresse eines Fettabsaugers). In zehn leicht fasslichen Schritten Superstar werden. Spätestens hier wird klar, dass die Zehn Gebote so unbeliebt sind, weil sie die Rechenleistung eines durchschnittlichen Hasenhirns überschätzen, das sich nicht einmal wundert, warum Du sollst nicht töten nicht unter den Top 3 steht. Außerdem sind ungerade Zahlen eh attraktiver, was die Strukturierung noch nicht verarbeiteter Daten angeht – bei fünfzig Dingen, die man vor seinem Ableben unbedingt getan haben sollte, wirft der Bekloppte spontan die Flinte ins Korn, weil er noch etwas Besseres zu hat.

Spätestens in ein paar Jahren wird keiner mehr seinen Einkaufszettel von den sieben wichtigsten Kafka-Texten unterscheiden können, es sei denn, die Dinger gehören zu den 25 überflüssigsten Items in der Kohlenstoffwelt, haben sich den Ruf der effektivsten Vergrämungsmethode für Hipster im Netz erarbeitet und führen nur noch ein bisschen Schattendasein, bis die Boomer sie entdecken und endgültig ins Aus katapultieren. Ab dann muss man die elf schönsten Städte der Toskana wieder an den Fingern abzählen, bis irgendjemand etwas Neues entdeckt, um nicht schon wieder Prosa schreiben zu müssen. Dabei gibt es gute Gründe, die für den klassischen Fließtext sprächen. Mindestens fünf.


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