Mief

17 11 2021

„Gucken Sie mal eben nach, ob der noch lebt, und wenn er noch nicht tot ist, dann fragen Sie mal, ob er auftreten kann. Aha. Seit wann? Dann hat sich das wohl erledigt. Müssen wir die nächste Sendung mit Gottschalk irgendwie anders hinkriegen.

Sie wundern sich vielleicht, wo wir den ganzen alten Kram her haben, wir wundern uns, dass das jetzt erst wieder jemand haben will. Die Schlager aus den letzten zwanzig Jahren, das macht doch Zahnschmerzen, wenn man nur daran denkt. Die aus den Siebzigern, die wollen die Leute hören. Die meisten sind inzwischen ja längst in den Siebzigern, Gottschalk auch, da fällt das dann nicht so auf, und die ganzen Hupfdohlen sowieso. Vermutlich eine Art Regression, dass die Leute sich wieder jung vorkommen wollen. Innere Konflikte, Klimawandel oder Alte-weiße-Männer-Mimimi, keine Ahnung. Wir beraten ja nur, aber wir haben hier Dutzende von Anfragen, ob wir die Uhr nicht zurückdrehen können, bis wohin und für wie lange. Geld spielt da offenbar keine Rolle.

Hier, dieser andere Typ, der mal die Sendung mit dem Dings gemacht hat, tritt der noch auf? Aha. Und nach so einem Schlaganfall kann man nicht mehr moderieren? Ich meine ja nur. Wie gesagt, an der Gage soll’s nicht scheitern, aber der kann nicht mehr sprechen? Nee, kann man nicht machen. Das gibt nur negative Vibes. Dann lieber noch mal den Eumel, der bei der Rateshow immer so genuschelt hat, den konnte auch keiner ausstehen, aber der ist wenigstens noch nicht tot. Oder sieht nicht tot aus, so genau kommt es ja heute nicht mehr darauf an. Die Leichen werden halt auch immer jünger.

Wenn wir Schäuble da reinrollen, wäre das okay? Der verbreitet zuverlässig schlechte Laune, man erinnert sich sofort an die CDU-Spendenaffäre, das wäre eine großartige Besetzung. Rufen Sie den ruhig mal an, für Geld macht der alles. Vielleicht kriegen wir den sogar für eine Ratesendung, zehn braune Briefumschläge, und er muss rauskriegen, welcher in seinem Schreibtisch gelegen hat. Das ist super, schreiben Sie das mal gleich auf. Wir warten noch ein paar Jahre, bis Spahn und seine Pappnasen in der Versenkung verschwunden sind, und dann machen wir mit dem eine Rateshow – ‚Wer wird Millionär‘. Doofe Frage, Spahn natürlich.

Im Grunde könnte man heute schon die Fragen schreiben, vielleicht erinnert sich in dreißig Jahren keine Sau mehr an diese Arschgeigen, weil sie irgendwann in den Klimawirren gewaltig aufs Dach gekriegt haben. Wenn wir diesen Carpendale jetzt aus dem Verkehr ziehen könnten, hätten wir auch gleich den passenden Sänger. Der macht immer mal wieder eine Abschiedstour, dann gibt es Abschied vom Abschied, dann Abschied vom Abschied vom Abschied, und so weiter, und wenn wir den auf die Schnelle ausstopfen oder einfrieren, dann läuft die Sache. Den Schmodder können Sie auch noch in fünfzig Jahren singen, das fällt nicht auf.

Der Witz ist ja, selbst dieser ganze Retrokram ist nicht neu. Alles schon mal da gewesen, und viel schlimmer als jetzt. Vor hundert Jahren, da mussten Sie sich nur irgendwo auf eine Bühne stellen und greinen: ‚Unter dem Kaiser hätte es das aber nicht gegeben!‘ Wenn Sie Nazi sind, erzählen Sie halt irgendwas mit dem Führer, DDR kommt im Osten auch gut an, ansonsten war früher grundsätzlich alles besser. Wahrscheinlich war vor fünfzig Jahren das Internet schneller oder im Sommer war es nicht so warm, aber es gab noch die D-Mark, die Mauer und die Sowjetunion, Sendeschluss im Fernsehen und zwei Sorten Brause und Magnetseife und ein Sandmännchen Ost und ein Sandmännchen West, und heute kann man mit dem Frauenbild der Fünfziger noch locker Karriere in der deutschen Bundespolitik machen. Das ist wie Toast Hawaii, irgendwann kommt alles wieder. War damals schon scheiße, aber jetzt will das keiner zugeben.

Schreiben Sie mal auf: Rechercheprojekt über ersten Jahre nach Merkel. Was haben die Leute da gedacht, gesehen, gehört, Mode, Musik, Zeitgeist, der ganze Mief halt, den wir in den nächsten zehn bis dreißig Jahren verdrängen. So als Zeitkapsel. Das könnte man jetzt schon als Sendereihe planen, mit O-Tönen und Kommentaren, und wenn wir Glück haben, können wir dann die Originale mit ihren Kommentaren von heute, also dann: von damals, konfrontieren. Gut, ist jetzt auch irgendwie dialektisch, aber ich glaube nicht, dass in dreißig Jahren noch irgendwer diesen Ansatz intellektuell nachvollziehen kann, also hoffen wir mal, dass es dann noch irgendwie witzig ist.

Andererseits könnte man das psychoanalytisch aufarbeiten und den ganzen Knalltüten eintrichtern, die unbedingt ihr Deutsches Reich ohne Ausländer wiederhaben wollen und diskriminierende Namen für Schokoladenküsse und Paprikaschnitzel, weil das immer schon so war. Wir müssten mal über eine Einrichtungssendung nachdenken, in der wir die Wohnungen von diesen Leuten mit dem Sperrmüll ihrer Großeltern vollschaufeln, mit Nierentischen, Räuchermännchen, Musiktruhen, mit Tütenlampen und Cocktailsesseln und diesem ganzen kulturellen Rückwärtsgang, der irgendwo in den embryonalen Nullpunkt will, wo es keine Verantwortung gibt, der optimale Safe Space für alle, die die Nase voll haben vom Erwachsensein. Ich glaube, wir haben hier ein gutes Konzept, arbeiten Sie das bitte mal aus, wir bräuchten sechs Sendungen, Moderation, Einspieler, thematische Schwerpunkte, und eine Kulisse, voll Retro-Style. So, und ich will jetzt für die nächsten beiden Stunden bitte nicht gestört werden, gleich kommt Friedrich Merz.“


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18 11 2021
Umleitung: Dürkopp, die fünfte Welle, Corona-Warn-App, Energiewende, ein Denkmal für Gastarbeiter:innen, Juristenwahn, Mief und das Leben ist kein Wunschkonzert. – zoom

[…] Mief (Satire): Gucken Sie mal eben nach, ob der noch lebt, und wenn er noch nicht tot ist, dann fragen Sie mal, ob er auftreten kann. Aha. Seit wann? Dann hat sich das wohl erledigt. Müssen wir die nächste Sendung mit Gottschalk irgendwie anders hinkriegen … zynaesthesie […]

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