Alternative Methoden

6 08 2013

Anne schloss das Fenster, das heißt: sie versuchte es. „Das Ding lässt sich nicht mehr hochdrehen“, schrie sie, während sie übergangslos das Gaspedal durchdrückte und auf 310 Kilometer in der Stunde beschleunigte. „Ich hasse es, wenn ich mein Auto nicht mehr unter Kontrolle habe.“

Üblicherweise warte ich immer, bis sie mit 180 in die Ausfahrt abbiegt. Dann öffne ich zaghaft die Augen, weil ich mir einbilde, man solle mit einem letzten Blick auf diese Welt dieselbe verlassen. Diesmal jedoch war es nicht das hakende Doppelkupplungsgetriebe, das Navigationsgerät mit der Stimme von Til Schweiger oder der falsch justierte Duftbaum. Die Druckluft bollerte gegen mein rechtes Ohr. „Kannst Du für diese paar Minuten nicht ausnahmsweise mal den direkten Weg nehmen?“ „Das wären drei Minuten mehr“, brüllte sie zurück. „Das geht über die Stadtautobahn viel schneller.“ Dass Anne gerne diskutiert, merkt man schnell. Dass sie dies auch beim Fahren mit schwungvollen, beidseitigen Armbewegungen unter Beweis stellt, führt unmittelbar zu klaren Entscheidungen. Beispielsweise zum Entschluss, nie mehr wieder ein Kraftfahrzeug zu benutzen, bis auf den Kombi, in dem man nichts mehr von der ganzen Fahrt merkt.

„Pass auf“, instruierte sie mich. „Ich habe keine große Lust, heute wieder alles zu erklären. Im Zweifelsfall rede ich mir den Mund in Fransen, weil ich eine Frau bin, und Frauen verstehen nun mal nichts von Autos, und dann erzählen sie Dir, was los ist, und Du verstehst noch weniger von Autos. Halt einfach die Klappe, ja?“ Ich schwieg. Selbstverständlich hätte ich etwas antworten können, aber sie wollte es ja nicht. „Das ist mal wieder typisch“, knurrte sie. „Kaum sagt man einmal ein Wort, kommt von Dir natürlich nichts mehr. Typisch Mann!“

Der Mechaniker klappte die Motorhaube hoch und verzog sofort schmerzvoll das Gesicht. „Das wird teuer“, sprach er bedeutungsschwanger. Anne wies ihn vorsorglich darauf hin, dass es sich um den Fensterheber handelte, ich gab ihm zu verstehen, dass die ganze Angelegenheit sowieso auf Garantie lief. Er murmelte etwas wenig Höfliches und hatte plötzlich viel wichtigen Papierkram zu erledigen, weshalb wir uns recht ausgiebig in der Werkstatt umschauen konnten. Wenige Augenblicke später – die Westsonne schien schon golden durch das Dachfenster – fragte uns ein junger Mitarbeiter, ob wir nicht vor drei Tagen schon einmal da gewesen seien. „Wenn ich es mir richtig überlege“, gab ich zurück, „dann sind wir vielleicht schon seit drei Tagen hier.“ „Warten Sie, unser Service ist gleich da“, dienerte er und ging ab. Immerhin hatte er nichts Falsches gesagt. Der Service würde schon irgendwann vorbeikommen. Wir warteten halt in der Zwischenzeit.

Da fiel mein Blick auf das Schild an der Wand. Es versprach eine ganzheitlich Autodiagnose nach Chi-Prinzipien. „Diese Ente“, stammelte ich, „ist das nicht die von Sigune?“ Anne biss sich auf die Unterlippe. „Dann hatte sie also doch recht.“ Meine esoterische Nachbarin. Warum musste ausgerechnet sie ihr diesen Tipp geben. „Sie hat mir neulich die Karten gelegt, ob ich das Revisionsverfahren um die Bohrschleck-Verträge bekomme. Es muss etwas meine Aura gestört haben.“

Der Praktikant reichte ein Formular herüber. „Haben Sie vorher die Spur ausgependelt? Ich meine nur, dann kostet das nichts extra.“ „Wir befinden uns in der Klapsmühle“, befand ich tonlos. Anne wühlte in ihrer Handtasche. Das Ergebnis einer offiziellen Auspendelung tauchte allerdings auch hier nicht auf. „Vielleicht magnetisieren Sie hier Dein Benzin“, überlegte ich. „Stell Dir vor, Du fährst immer hinter einem schnellen Wagen her, wirst durch Deinen magnetischen Tankinhalt angezogen und sparst jede Menge Sprit.“ „Das ist nicht witzig“, knurrte sie. „Oder sie stecken Hopi-Kerzen in den Auspuff. Oder sie wuchten den Wagen mit Klangschalen aus. Man kann es ja nie wissen.“ „Lass es einfach“, raunzte sie zurück. „So ein Auto ist doch auch nur ein Mensch“, verteidigte ich mich, „und was man bei Menschen ausprobiert, kann doch beim Auto auch helfen? Warum nicht mal alternative Methoden?“

Der erste Reparateur hatte sich wieder vor den Wagen gestellt und würdigte ihn mit kritischem Kennerblick. „Haben Sie ihn auch ganz vollgetankt? Wenn Sie ihn nämlich nicht ganz vollgetankt haben, fährt er möglicherweise nicht so schnell.“ Anne reagierte vernünftig; sie schaute ihn an wie einen Vollidioten. „Oder wir könnten erst das Scheibenwaschwasser mit Schüßler-Salzen…“

Da warf sie sich mit einem Schrei auf den Mechaniker. Mit der Linken hatte sie sich in seinen Stirnlocken verkrallt und schlug seinen Hinterkopf rhythmisch gegen die Fahrertür. „Fensterheber“, gurgelte Anne, „Du Blödmann reparierst jetzt den Fensterheber! Sofort! Fensterheber! Reparieren!“ Ich klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter. „Sie sollten ihr besser gehorchen“, informierte ich die Fachkraft. „Wenn sie plötzlich schlechte Laune bekommen sollte, dann kann ich sie nicht mehr zurückhalten.“ „Ich kann das nicht“, stammelte er. „Ich bin Heilpraktiker und helfe hier nur aus.“

Das Fenster ließ sich nicht mehr öffnen. Es ließ sich immerhin schließen, aber nicht mehr öffnen. „Genau einmal werde ich eine homöopathische Werkstatt noch aufsuchen“, fauchte Anne, und damit war alles gesagt. Sie trat das Gaspedal ganz durch, während sie auf der Stadtautobahn in Richtung Norden jagte. Wie gut, dass sie nichts bezahlt hatte. Obwohl vielleicht auch das schon zu viel gewesen war.


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