Gernulf Olzheimer kommentiert (CXVIII): Klappentext

26 08 2011
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Dialektik ist, wenn’s zur Entscheidung wieder nicht ganz gereicht hat – Rübe dran oder Rübe ab, schwarz oder mit Milch, lässt sich der Leser lieber überraschen oder bescheißen? Was als Ausweg gerade noch durchgeht, das ist der Appetitverderber im literarischen Magerquarkformat, die Leimrute zum Kundenfang, der Hinterhalt im Papierkniff. Was wäre ein Buch für ein wunderbares Objekt der intellektuellen Begierde ohne den Klappentext.

Klappentext ist ungefähr das, was ein halbwegs unfähiger Verlagskaufmann für tauglich hielte, ein Stück Kernseife zu bewerben – mit dem Unterschied, dass man die Seife mit derartigem Schunder nie losbekäme. Zielt die Seife als das Massenprodukt par excellence auf die allgemeine Gebrauchsfähigkeit, die der Konsument allenfalls am Markennamen zu unterscheiden weiß, bedarf das Buch einer individuellen Klassifizierung, die sich erst erschließt, wenn man sich mit ihm auseinandersetzt, sprich: jenseits des Schmutztitels.

Früher, als die Gummistiefel noch aus Holz waren, als richtige Autoren noch richtige Bücher für richtige Leser schrieben, nagten richtige Lektoren an richtigen Bleistiften und dachten sich kurzes, nährstoffreiches Gedankengut im Brühwürfelformat aus, um die Bedürfnisse der literaturkundigen Elite zu befriedigen. Grass klang noch nach Grass und Tolstoi nicht wie ein in den besten Augenblicken fünftklassiges Harry-Potter-Surrogat, wenn man den Reklameschmonzes weggefeudelt hat. Kurze, grammatisch wohlgeformte Sätze zeigten, dass außer dem Setzer noch eine zweite Person das Opus zur Kenntnis genommen hatte. Motivische, stoffgeschichtliche, tiefenpsychologische Versuche unternahmen die Lohnschreiber zum Papierabsatz, mittelmäßig im Ergebnis, nichtsdestoweniger ehrenwert im Ansatz. Wer sich Effi Briest und ähnlichen Damen von vorne näherte, war noch kein verworfener Mensch.

Anders heute. Nichts lässt den Seifenhandel vor dem Jahrmarktsgeplärr zurückschrecken, aus billigem Konservengemüse schwiemelt der Laden seinen Eintopf: ein in seiner Menschlichkeit menschliches Buch, das die gesellschaftlichen, politischen und künstlerischen Probleme unserer Zeit mit philosophischer Tiefe, aber auch mit Humor und Musikalität in einer brillanten, sprachgewaltigen Erzählung beschreibt, in einer Fabel, die das pulsierende Leben in London, Paris und Gudensberg-Obervorschütz schildert mit psychologisierender Gestaltungskraft des erfahrenen Romanciers, packend, berührend, voller Sprachwitz, von filigranem Sinngeflecht durchzogen, mit abwaschbarem Schutzumschlag.

Der verbale Abnutzungseffekt, wie ihn Mode, Journaleska oder Werbeschmadder vorturnen, gibt das Vorbild ab, warum die dem Analphabetismus knapp entronnenen Konsumenten sich entscheiden müssen zwischen Teufel und Beelzebub. Hie das Tal der Doofen, die Bücher nur für zum unterm Küchentisch nehmen, wenn die Beine wackeln, dort das Plüschproletariat der verbal beflauschten Pauschalgutfinder, die auch bei existenziellen Horrornoveletten und Betroffenheitsgeplärr aus der konservativen Parteizentrale nicht einmal im Hirn zucken, bevor sie den Propagandawisch an die Hinterseite führen. Sie werden dressiert wie Pawlows Hunde, dem Blabla zu folgen. Nur Reizworte aus dem Kauderwelschkonvolut werden ihnen zum Speicheln angeboten, paradigmatische Verbi8ndungen keinesfalls. Sie würden auch rudimentäres Nachdenken erfordern.

Die Vertriebsorganisationen setzen indes beharrlich auf die Standardisierung der Ware, als sei es Dosengemüse. Keine Liebreizgeschichte ohne ihre poetische (wenn man nur wüsste, was das hieße) Kraft oder die (uh, postmodern!) verstörende Wirkung. Wer noch nicht vom Hocker kippt, darf im Sessel schmelzen. Kein Wirklichkeitsbuch, das von Angeln in Vietnam handelt, über Familien im Dreißigjährigen Krieg greint oder den mählichen Niedergang der Dackelzucht im Ostfälischen mit vollem Ernst nachzeichnet, käme ohne Präzision aus, ohne Wucht, ohne die auf sechs Bände zu je siebenhundert Seiten samt Farbtafeln gedrängte Lakonie, wo die Kulturgeschichte des Brötchens auch immer sich breit zu machen drohte. Käme in einer dieser Materialvergeudungen auch nur eine einzige Büroklammer an dramaturgisch wichtiger Stelle vor, der Warmluftspeier aus der Sektion Buchstabenproduktion würde sofort einen Gruß in Richtung Schundliteratur absondern und sich ans Werk machen. Hauptsache, das Klischee sitzt.

So stellt es sich der unterernährte Kulturnappel vor: der Autor, vorgebildet, erzählerisch geplagt und zu keinem bürgerlichen Broterwerb in der Lage, fühlt sich gewaltig geschmeichelt, dass eine Nachtjacke aus dem Vertrieb eine Spalte Borgis hochkotzt, dabei zwei falsche Konjunktive mit abenteuerlicher Interpunktion vermatscht und die Reputation der Gegenwartskunst auf Ramschstatus einebnet. Für solche Vollausfälle – vielleicht eine der sprachgewaltigsten Geschichten der deutschen Literatur, packend in ihrer metaphysischen Art, von welthaltiger Dimension und durchaus zeitlos in der Gestaltungskraft – hätte auch Goethe sein Gerät nachgeladen. Sprachgewaltig.


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