Gernulf Olzheimer kommentiert (CCI): Das Bio-Etikett

21 06 2013

Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer


Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Da steht er, der Verbraucher, wie immer bar jeder Reflexion sowie meist neben sich und selten über den Dingen, aber schon mal taktisch günstig am Supermarktregal. Tiefkühlwasserleiche hätte er gerne, doch welche? Die delfinfrei gefangenen Quastenflosser im filetierten Stadium? Oder doch den von der Evolution praktischerweise als Kubus geformten Knochenfisch samt Zierpanade? Der Papper auf dem Plastpack informiert kurz, dass ein aus Fischfängern bestehendes Gremium sich dazu herabgelassen hat, die Belange der Fischfänger im Kontext allgemeiner Umweltaspekte sowie der aktuellen Ausrottung noch vorhandener Arten so zu gewichten, dass der Verbraucher ganz sicher sein kann, etwas Reelles für sein Gewissen zu kriegen. Jede Plakette nämlich. Oder existiert in den Weiten dieser mit Behämmerten nicht gerade sparsam ausgestatteten Galaxie jemand, der mehr verlangt hätte als dieses popelige Bio-Etikett?

Das Biest drückt zunächst nur aus, dass sich im Laufe vergangener Erdzeitalter eine wirre Zusammenrottung gut bezahlter Heckenpenner auf den zu diesem Behufe unten angebrachten Muskel gehockt haben, um mit großer Lärmentfaltung ansonsten nichts zu tun, was die Entropie erhöhen könnte. Allenfalls ist der im Beisein ihrer Bezugsperson aus Vollkorn geschwiemelten Hand, die die Überreste der Schöpfung durchgrabbelt, noch in einer 0,25-Punkt-Unterschrift in Gelb auf Violett zu entnehmen, dass es sich um eine Tochtergesellschaft der staatlich peruanischen Tempeltänzerfabrik handelt, die uns jene Form von Ablasshandel andient. Kauf mich, greint der Sticker den Honk an, ich bin nicht ganz so bäh wie der Mist neben mir! Kauf mich, dann drehe ich Dir das Fegefeuer um anderthalb Grad runter – das ist gut für die Ökobilanz!

Öko-Siegel, Umwelt-Engel, Recycling-Fleck, jeder Murks muss inzwischen mit dem Nachweis sachzwangreduzierter Nachhaltigkeit aufgebrezelt werden, und ja, es funktioniert: man kann bei jedem Ding irgendeine supidupi Umweltschutzmasche einstricken. Elektromäher? Jawoll, da braucht’s keinen knatternden Dieselrasierer im Garten. Benzinmaschine? Brillant, der spart ja fast im Alleingang ein Kernkraftwerk ein! Notfalls erfindet die Marketingabteilung irgendeinen Killefit, um die Grütze zu vergolden. Diese Tranfunzel hat beim versehentlichen Herunterfallen die Ökobilanz eines lecken Ölfasses im Naturschutzgebiet? Hurra, es ist eine Energiesparlampe! Man kann dem Auto an der Bahnschranke den Motor abwürgen – gut, konnte man vorher auch schon, kann man eigentlich mit jeder Karre, aber mit dem Superspritstoplogo an der Karosseriebacke geht das Teil doch viel besser weg. Da stört es dann auch keinen großen Geist, dass die Bio-Hähnchen im Gegensatz zu konventionell eingeknasteten Zuchtkadavern aus dem Bio-Hähnchen-Gulag kommen, mehr nicht.

Denn meist ist der Bio-Aufkleber eben nur dies: ein Aufkleber, der jenseits der Produktion in den Schmadder gepfropft wird, Made in Ökoland, hübsch und auffällig und daher hübsch auffällig, wie das penetrante Krokodil, mit dem Parias demonstrieren, dass sie sich nur Kinderarbeit aus Bangladesch leisten können. Vermutlich ist es jenes Insiderwissen, das die Angehörigen dieser sozialen Randgruppe als Monstranz der Komplettverkalkung vor sich hertragen. Wahlweise leistet man sich den breiteren Wagen für den tiefergelegten IQ, der gemäß Herstellerangabe auf 100 Kilometer einen Fingerhut Sprit spart, vorausgesetzt, man fährt mindestens die Hälfte der Strecke bergab mit Rückenwind, oder man tankt gleich den guten Biokraftstoff für den doppelten Nachhaltigkeitsheiligenschein, denn die Bimbos, die dank E10 verrecken, pusten ja auch kein Kohlendioxid mehr in die Atmosphäre. So ist doch allen geholfen.

Erkennbar wird der Grad der Verdeppung, wo aus dem esoterischen Biotop nebenan meist derselbe Bubber aufquillt – nicht eben wenige huldigen dem Betrug in Gestalt frommen Geseiers, um sich danach über die nächsten als Bioeier verkloppten Batteriebollen besser echauffieren zu können. Da kommt doch die Ideologie gerade recht, und wie ließe sich die besser verscherbeln als ad hoc zusammengerührtes Religionssurrogat. Längst steuern Konzerne mit anthroposophischem Leitbild die Vermarktung der Pampe, Homöopathiker und Informationswasserköpfe, die über Hebammen und Teilzeittierheiler ihre Realitätsverweigerung in klingende Münze umsetzen: Quantenscheuermittel, Hautpflege aus energetisiertem Luftsauerstoff und in Trance verschüttelte Tütensuppen. Die vom Konsumenten gewünschte Erleuchtung kommt als sanfte Blendgranate, hinterlässt mittelschwere Schmauchspuren an der Schädelinnenseite, zeitigt aber keine erkenntnistheoretischen Langzeitfolgen. Bald werden sie herausfinden, dass das Bio-Obst in Wirklichkeit aus einer Garage in Bad Gottleuba-Berggießhübel stammt, wo es Apfel für Apfel und Birne für Birne auf den Fußboden geworfen wird, um Schmuckdellen in der Schale zu erzeugen, bevor eine geringfügig Beschäftigte der Aufkleber 100% Öko ankleistert. Sie werden es mit gutem Gewissen tun, denn es ist unbehandelter Naturholzfußboden. Mit Bio-Etikett.


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5 responses

21 06 2013
Erbloggtes

Jetzt weiß ich auch, woher mir das Olzheimer-Intro immer so bekannt vorkam:

21 06 2013
bee

Richtig, das Logbuch. Wie ich damals schrieb, war Wischmeyer die Anregung, die ich von einem guten Bekannten erhielt, um den Leser mit einer Figur direkt anzusprechen.

21 06 2013
Erbloggtes

Großartig!

21 06 2013
lamiacucina

Bioaufkleber bilden mit dem Lebensmittel eine untrennbare Einheit. Sie lassen sich weder ablösen, noch sind sie biologisch 100% abbaubar. Deshalb isst man sie am besten gleich mit und hat damit die Gewissheit, etwas für die Umwelt getan zu haben.

21 06 2013
bee

Das klingt logisch, schließlich ist man ja nach dem Verzehr selbst auch recyclebar.

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