Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXXI): Politik als Kasperletheater

2 07 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Man stelle sich das vor: Ugas Sippe beklagt das Ableben des Häuptlings im gesegneten Alter von 29 Jahren, organisiert die rituelle Entsorgung und trifft dann die Entscheidung in Übereinstimmung mit der von den Ahnen überlieferten Direktive. Sie prüfen die geistige Leistungsfähigkeit ihrer Truppe – noch muss sich keiner die Schuhe zubinden oder einen Schraubendreher bedienen können, das Pleistozän bietet ganz andere Herausforderungen – und dann entscheiden sie sich für den Tumbklumpen, der das Aussterben der Art geradezu erstrebenswert macht. Er aber hat fortan den Hut auf, darf bestimmen, wer mit welchem Gerät auf Säbelzahnziegen geht, und kriegt die besten Buntbeeren. Man lebt gefährlich unter solchen intellektuellen Aufstockern, die wirre Antworten liefern auf Fragen, die sie nicht verstehen. Mit dem heutigen Personal hätte sich der Hominide schon vor dem Ende der Steinzeit sauber von der Bildfläche entfernt.

Der Selbstdarstellungsdrang des modernen Vertreters einer Kaste zwischen Gestaltung und Verwaltung hätte für einen ganz passablen Mimen gereicht, nicht aber sein Talent; so zieht es ihn nach oben auf die Bühne, um wenigstens zum Volke zu schwatzen, ohne sich mit Sachverstand zu belasten, und es glauben zu machen, der verdübelte Clown da sei schon irgendwie brauchbar, solange nichts Besseres um die Ecke kommt. Die Abwärtsspirale der vergangenen Jahrzehnte hat den Beruf des Politikers zu einem Auffangbecken für Hirnschrott und soziale Glitschigkeit verkommen lassen. Der große Auftritt als Ministrant ist für die Darsteller eine Heldenrolle, die meist nicht mehr hergibt als eine schmierige Knallcharge – aber man steht auf der Bühne, wenn auch Lakaien den Jubel liefern.

Natürlich darf man Politik, zumal die auf der nationalen Ebene betriebene mit internationaler Verantwortung, nicht einfach mit Entertainment verwechseln; Unterhaltung bedarf der minutiösen Vorbereitung, einer kritischen Reflexion und vor allem der Begabung, die geistige Fallhöhe gegenüber dem Publikum sehr genau einschätzen zu können. Das politische Geschäft wird oft nur betrieben zur Befriedigung persönlicher Eitelkeiten, zur Bereicherung und anschließend zum Schutz vor der Strafverfolgung, während man sich die Fettzellen im Chefsessel breitsitzt, notgewassert im Abklingbecken der Behämmerten.

Wie auch sollte eine Rotte stromlinienförmiger Deppen, die nie in der Wirtschaft gearbeitet haben, weil man sie da nicht einmal als Hilfshausmeister beschäftigen würde, da die Verbindung zwischen Führungsansprüchen und Intellektdefizit selten eine gute ist, mit den Niederungen einer tatsächlichen Arbeit konfrontieren. Das schwiemelt sich lieber eine Parallelwelt mit einem Paralleljob neben der Abgeordnetentätigkeit, der ihnen fürs Nichtstun und die Verwendung offizieller Kontakte eine hübsche Rendite verschafft. Und so geriert sich der schlicht ausgestattete Vogel am Ende noch als erfolgreich und schiebt es auf seine Gabe, vor seinesgleichen sämtliche Aggregatzustände von Beklopptheit zu durchlabern. Die Inszenierung gesellschaftlicher Verhältnisse ist günstigerweise beschränkt auf die Außensicht, bei der nur das Plenumsgeschwätz als Kerngeschäft des Parlamentarismus öffentlich ins Bewusstsein dringt. Nichts ist so attraktiv wie ein Job, in dem der gemeine Koksgnom bar jeglicher Verantwortung als Abrissbirne über einem Staat pendeln dürfen, ohne je mit den Konsequenzen konfrontiert zu werden.

Was aber leistet dieser Zirkus aus Korruption, Schnappatmungsgeplapper und Intrigantenstadl für die Allgemeinheit? Symbolpolitik, die vor allem auf die Wiederwahl schielt, um die demokratische Fassade nicht bröckeln zu lassen, so wie auch nach dem Auftritt Kasperle, Krokodil und Schutzmann wieder im Kasten verschwinden, und nichts hat sich geändert, nicht einmal bei den Laiendarstellern. Sie bleiben bei ihrer arttypischen Beratungsresistenz, die sie sämtliche Belange außerhalb ihres eigenen Körpers gründlich ignorieren und ausblenden lässt, bis auf die Wirtschaft – wobei auch diese letzte Bastion inzwischen fällt, wenn die Konzernlenker begreifen, dass ihnen die Politik die komplette Umwelt um die Ohren fliegen lässt, teils aus Wirklichkeitsblindheit, teils aus Angst, tatsächlich einmal Entscheidungen treffen zu müssen, die die eigene Amtszeit (und damit die Chance auf eine gesicherte Wiederwahl) überdauern. Dazu braucht’s dann eine zivile Gesellschaft, die sich von den Stars nicht blenden und sie ruhig in den Kulissen irren lässt, während die Arbeit an anderer Stelle getan werden kann. Es sei denn, die Histrionen brennen gleich das ganze Theater nieder, weil sie nicht oft genug alleine auf der Bühne stehen können. Und nicht in der Rolle, die ihnen passt.

Jeder ist so lange ein Narr, bis er begreift, dass er ein Narr ist. Aber wir haben uns als Gesellschaft wohl schon so an diese Kasperade gewöhnt, dass wir bei ernsthaften Politikern, die lenken und leiten können, zurückschrecken und hoffen, dass wir es mit den Knalltüten irgendwie überleben, wenn sie uns nicht alle vernichten. Notfalls sind wir es, die die Buntbeeren besorgen. Oder eine Badewanne.


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3 07 2021
Umleitung: Kunst, Fotografinnen, Gendern, Wow Wau, Deutschland mal in Eile und mal mit Weile, Gendern, Bauern, Kartoffeln und mehr. | zoom

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