Gernulf Olzheimer kommentiert (CCII): Die Drogen der Leistungsgesellschaft

5 07 2013
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Leicht ist das Leben nicht für die trinkende Klasse. Wer den Stoff wirkungsorientiert in die Birne bembelt – und wer täte das nicht in unserer Zeit, die von Effizienzwahn geplagt und mit wenig Geduld gesegnet ist – könnte auch E10 in die Vene drücken, denn es kommt ja auf die Leistung an. Auch bei Drogen. Warum nicht, wir trimmen unsere Säuglinge zweisprachig zu philosophierenden Bodybuildern, schaffen uns neben dem Drittjob in der Frittenbude noch einen Staplerschein drauf und konstruieren Waschvollautomaten mit Überschall; was da aus dem Flusensieb suppt, war früher mal Textil, aber die Kiste ist nach dreißig Sekunden fertig. Warum sollen dann nicht auch unsere Drogen an die Leistungsgesellschaft angepasst sein.

Dass die Gesellschaft etwas als Droge auffasst, fällt nicht vom Himmel. Was das Bewusstsein gravierend verändert – man denkt, man könne fliegen, Börsenkurse vorhersagen oder sei als Bundesaußenminister geeignet – ist der gewünschte Effekt, weshalb man sich Sachen reinbimmelt, die der offiziellen Moral nicht zuträglich sind, was aber nicht trennscharf mit der Gesetzeslage kongruiert. So ist der Alkohol noch immer das beliebteste Hirnlösungsmittel der westlichen Hemisphäre, wenngleich in Form von Grand Cru und vergleichbaren floralen Stimmungsdestabilisatoren aus der zivilisierten Hochkultur nicht mehr wegzudenken. Nichtsdestoweniger resultiert der größte Anteil an Todesopfern im Straßenverkehr auf C-Abusus. Daneben würde jeder konservative Kommunalpolitiker in den genetisch eng verschränkten Alpentälern sofort Phenylpropanoide unter Androhung von Höllenstrafen vom Markt bannen, unwissend, dass Zimt und Muskatnuss die Stoffgruppe in höherer Konzentration erhalten als künstlich zusammengepappte Hipsterlollies. Und nichts bleibt gleich. Galt die Modedroge Kaffee im frühen 17. Jahrhundert noch als gefährlich und verrohend, wird sie heute im Discounter vertickt, wobei der Staat kräftig mitverdient, nicht anders als beim Tabak, heute verteufelt, früheren Jahrzehnten galt die qualmende Schlundöffnung geradezu als letztes verbliebenes Lebenszeichen. Den Hanf trieben die US of A und ihre europäischen Schoßhündchen den Verbrauchern aus, weil Nylon auf den Markt drängte: Schmoren im eigenen Saft war in den Zeiten der Wirtschaftskrise angesagter als nachhaltiger Anbau. Doch so einfach, wie es kompliziert aussieht, ist es nicht.

Es gibt gute Drogen, es gibt schlechte Drogen, wie es nach herrschender Doktrin auch nützliche und weniger nützliche Mitglieder der Population geben muss, und nicht zufällig hat es etwas mit der Stoffdynamik zu tun. Schlechte Drogen versprechen Entspannung, Transzendenz und Depersonalisation, sie hemmen letztlich das Funktionieren des Rädchens im Getriebe, denn wer würde einen kichernden Freestyleturner in sozial verantwortlicher Position tolerieren; am Ende ruft er noch zum Denken auf oder nimmt sich das Recht auf Tiefschlaf. Für den Zappelkasper reicht das bordeigene Adrenalin nicht mehr, aus der Tube gibt’s das Zeug auch nicht, also wird angekurbelt. Mit guten Drogen.

Gute Drogen, das sind die Zäpfchen fürs limbische System. Sie animieren uns zu noch mehr hektischer Aktivität, als wären unsere Fäden am Marionettenkreuz unzerreißbar. Sie wurden als Pervitin den Fliegern reingedrückt, die für den Bettnässer aus Braunau den Feind coventrierten, als Crystal Meth ballern sie nun dem Zimmermädchen die Marmel zu, damit sie ihren Drecksjob für die Leiharbeitszuhälter durchsteht. Als Ausgleich hauen sich die Sprallos den Stoffwechsel auf Halbmast, indem sie sich für den Freizeitstress Amphetamine reinschwiemeln. Die kognitive Dissonanz sagt uns, nicht alle dieser Teilchen werden in der Königsklasse gehandelt, aber ihre grobe Richtung zeigt eindeutig nach oben.

Denn nicht zuletzt sind Pillen und Pülverchen auch Geltungskonsum, die man wie überteuerten Schampus unter elitären Döödeln anbietet, um sich den Ruf einer elitären Mitgliedschaft im Club der Verdeppten zu erhalten. Die niederen Chargen popeln mit der feingehopften Sterbehilfe langsam die Synapsen zu, während die Oberschicht sich modische Moleküle in den Kreislauf kübelt – man gönnt sich ja sonst nichts. Schmeckt die Fluppe vom Bahndamm (Südseite) auch täuschend ähnlich, die mit silbern eingeschlagenem Filter aufgedrallte zieht sich eleganter, vor allem aus der Packung in der Tasche. Und nicht eben deshalb verbirgt sich hinter der einfachen Dialektik, im Würgegriff der Substanz eine größere Freiheit zu verspüren, auch gleich die nächste, die da heißt: natürlich ist man mit chemisch induzierten Rosinen in der Rübe erheblich viel leistungsfähiger. Muss man ja auch, denn wer nicht mit dem Messer im Rückgrat hyperaktiv, superkreativ und megainnovativ wird, warzt ab. Und hat ein Problem, weil er sich den nächsten Schuss nicht mehr leisten kann.

Am schönsten, am reinsten zeigt sich doch die Misere beim Doping. Auch das ist letztlich nur eine Droge, deren Verbot bloß kein lebensbejahender Bürokrat durchsetzen würde, weil er sonst drei Tage später Biomasse mit Madenbefall wäre. Jede Gesellschaft braucht ihre Vorbilder, kaputte Vorbilder sind wie geschaffen für eine Gesellschaft, deren Status der Zerstörung als Wert an sich betrachtet werden soll. Was wäre in einer von Bekloppten und Bescheuerten dominierten Welt auch mehr Vorbild als eine Rotte Mehlmützen, die einen kompletten Adventskalender von Ratiopharm durch die Lande radeln. Wir verdanken den Koksnasen die Krise und das eine oder andere Arschloch in höheren Regierungskreisen, das sonst als freischaffender Wanzenzüchter rasch abgetreten wäre. Wer will da behaupten, dieses System hätte ein Problem mit Drogen?


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