Crash’n’Cash

26 05 2014

„Roter Kombi, habe ich. Könnten Sie vielleicht noch so eine Deutschland-Fahne ins Fenster klemmen? Jetzt ist zwar eh bald WM, aber dann findet unser Außendienst Ihren Wagen schneller, und das ist ja auch in Ihrem Sinne. Es soll doch ein Totalschaden werden, oder?

Man muss das Geld nur aufheben, das liegt auf der Straße. Doch, wir schaffen das noch ganz gut. Die Personaldecke intern sind je nach Tageszeit drei bis fünf Telefonisten, und dann haben wir einen Mitarbeiter für Kundentermine und Recherche, und dann wie gesagt unseren Außendienst. Aber das sind halt freie Mitarbeiter, die ordern wir immer nur projektbezogen. Das macht die Sache für Sie als Auftraggeber transparent und flexibel.

Ja, habe ich notiert. Zwanzig Meter. Ganze Front Uhlandstraße bis Ecke Lessingstraße. Und Sie sind bis 29. im Urlaub? Dann sorgen Sie bitte dafür, dass in der Zeit die Zuwegung geräumt ist, wir müssten sonst Aufpreis berechnen. Das gilt auch für die Mülltonnen, ja. Machen Sie sich keine Gedanken, wir haben schon ganz andere Sachen erledigt. Das haut hin. Sie können Ihren neuen Jägerzaun schon mal bestellen.

Wir leben in einer Dienstleistungsgesellschaft, da gehört so ein Service dazu. Schauen Sie mal, Ihre Bank erledigt heute die Steuerhinterziehung für Sie, da wollen Sie doch nicht mehr selbst Ihre Versicherung betrügen, oder? Das ist wie Fußball. Jeder Volkssport macht noch mehr Spaß, wenn man ihn passiv betreiben kann.

Wissen Sie, als ich damals angefangen habe – das muss, warten Sie mal, da war ich noch nicht mit dem Studium fertig, also um die Ecke 1980 oder so, auf jeden Fall ist das schon eine ganze Weile her, und da war das auch nur ein Nebenjob. Aber durchweg rentabel, können Sie mir glauben. Wobei, es war ja nur ein Kleinunternehmen, für richtig große Aufträge hatte ich damals überhaupt keine Kapazitäten. Aber die Mundpropaganda, und mein Prinzip war ja immer, bezahlt wird nur bei Erfolg, und irgendwann sitzen Sie dann drin im Geschäft. Das war mein Einstieg in die Branche.

Wir hatten damals ja gar nichts. Alles musste man selbst machen! War aber eine schöne Zeit, das muss ich schon zugeben. So ein Garagentor eindellen am Wochenende, oder dann beim Renovieren mit dem Schrubber eine Deckenlampe beschädigen, die Hausratversicherung zahlt, der Kunde ist zufrieden, und schon hat man den nächsten Job für ein zerkratztes Auto in der Tasche, das hat schon mächtig Spaß gemacht. Aber naja, das waren andere Zeiten damals. So was macht Ihnen ja heute ein Ex-Bundestagsabgeordneter von der FDP, der sein Arbeitslosengeld aufbessern muss. Die Preise? Miserabel natürlich. Genau wie die Qualität.

Entglasung? Wir erstellen Ihnen da gerne ein Angebot. Wenn Sie vielleicht mehrere Ladenlokale haben, bieten wir Ihnen auch Mengenrabatt an. Oder wir erledigen das nebenbei, wenn wir gerade einmal im Einsatz sind. Fassade beschmieren geht extra. Oder Schaufenster ausräumen. Natürlich, wir dokumentieren immer alles auf Video. Sollte Ihr Geschäft am Morgen leer sein, dann wissen Sie garantiert, wo die Ware liegt. Auf uns können Sie jederzeit vertrauen.

Lachen Sie jetzt nicht, das ist wirklich Vertrauenssache. Der Kunde ist ein ganz normaler Einzelhändler, aber stellen Sie sich mal vor, Sie wollen als Juwelier unsere Dienstleistung in Anspruch nehmen. Sie müssen höllisch aufpassen, was Sie nachts in die Vitrine legen – müssen Sie so auch schon, das stimmt allerdings – und dann brauchen Sie auch noch einen operativen Partner, der sich millimetergenau an die Anweisungen hält. Millimetergenau! Sie können nicht einfach eine billige Uhr klauen, und die teuren Objekte links und rechts bleiben einfach liegen. Da ist Präzision gefragt. Dazu brauchen Sie gutes Fachpersonal. Geschulte Leute. Das kostet natürlich. Aber Sie müssen das dem Kunden bieten. Was soll der denn sonst tun? sich versichern?

Bedaure, dass ich Ihren latenten Rassismus nicht beflügeln kann, aber unser Personal beziehen wir durchaus nicht aus Osteuropa. Alles deutsche Fachkräfte. Vor allem Investmentbanker. Was denen an Praxis fehlt, gleichen die durch ihre kriminelle Energie locker aus. Und es gibt genug von denen, da fällt eine Kraft mehr oder weniger gar nicht auf, die man den Finanzkonzernen entzieht.

Möchten Sie nur das kleine Paket? Hm, da muss ich mal sehen – nur Autoradio? eventuell zur Tarnung noch ein paar Sitzbezüge beschädigen oder die Karosserie zerkratzen? Nein, das ist ganz ausgeschlossen. Unsere Mitarbeiter wissen immer, ab wann die Vandalismusklausel greift. Mein Tipp: lassen Sie doch gleich noch die Antenne mit abknicken, dann kriegen Sie da auch noch eine neue Ausstattung in Ihren Wagen. Na, sehen Sie. Wir wissen doch, was unsere Kunden wünschen. Dann einmal unser Special Crash’n’Cash für Sie, Kennzeichen nimmt unsere Service-Hotline auf und informiert Sie dann über den Standort.

Sehen Sie, Kundenfreundlichkeit ist alles. Wir verstehen, was Sie versichern. Und wir sind immer für Sie da. Auch in den schwierigen Fällen von –

Brandsätze? Das können wir machen, aber es braucht schon Vorbereitung. Detonationen gehen extra, wir rechnen pro Stück ab. Natürlich können wir Ihre Materialien verwenden, Zünder müssten wir sowieso erst besorgen. Und dann müssten Sie das Papier fürs Bekennerschreiben auch liefern, wir haben da keine Bezugsquelle. Preis kommt per Fax, okay? Selbstredend, das sieht so echt aus, nicht einmal das BKA wird den Unterschied merken. Gerne. Und wie immer drei Prozent Skonto bei Vorauskasse, Herr Innenminister.“


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