Als die Welt noch warm war

12 03 2009

Wenn ich heute noch mal ganz von vorne anfangen sollte – nein, man kann das ja gar nicht. Tempora mutantur. Und sicher sind wir auch Kinder unserer Zeit. Denn die Zeit war unsere. Ob sie besser war? Jedenfalls will ich nicht noch einmal als Kind wieder von vorne anfangen müssen. Nicht heute.

Wie war das denn damals… da saßen wir im Hof, buddelten im Sand, spielten irgendwas, was wir gerade erfunden hatten. Eine Mutter kam und stellte ein kohlensäurehaltiges Erfrischungsgetränk mit naturidentischen Orangenauszügen hin. Wir sagten dazu Apfelsinenbrause und tranken das aus der Flasche. Aus einer Flasche. Alle. Einmal mit der Hand über die Öffnung wischen und gut. Heute würde Heidrun-Gerlinde Schwölm-Pannekoke einen Kreischkrampf kriegen. Halbliterfläschchen mit natriumarmen Wasser ohne Kohlensäure würde sie anschleppen, mit dem Textmarker die Grenzen zwischen Malte-Melvin, Tobias-Timon und Steve-Martin festschreiben und jedem Blag immerzu seine Buddel unter die Nase halten, als seien alle ihre eigenen Kinder. Derweil degeneriert deren Immunsystem proportional zur Frustrationstoleranz und wir klonen fleißig Sozialkompott.

Oder die Kindergeburtstage. Ich erinnere mich an einen brüllend heißen Julinachmittag, an dem wir – sieben Stöpsel so zwischen zehn und elf – in Reinmars Garten in einem wassergefüllten Schlauchboot saßen. Keine Ahnung, woher das Ding kam. Vermutlich ein ausrangiertes Kampfschiff, das die Rote Armee im Grenzgraben vergessen hatte. Groß. Schwarz. Es dauerte zwanzig Minuten, bis Onkel Vollert das Boot seetauglich hatte. Noch sehr viel länger, wenn sieben kleine Rabauken auf der Fußpumpe herumtraten. Eine Ewigkeit, bis das Gummiding voll Wasser war.

Aber es war unser Schlauchboot. Wir schrieen, planschten, sangen unsinnige Lieder in ohrenbetäubender Lautstärke, aßen zwischendurch Butterkekse mit Erdbeeren, alle aus einer Schüssel. Keine Supernanny hielt aus dem Off einen Vortrag über Seuchenmedizin. Kein Eventclown machte mit uns pädagogisch wertvolle Selbsterfahrungsspiele, bei denen jeder mal gewinnen musste, damit wir hinterher nicht bei Angelika Kallwass aufschlagen.

Es war, vorsichtig formuliert, heiß. So heiß, dass wir auch um halb sieben noch im Paddelbecken saßen. Vollerts kamen mit zwei Körben herunter, brachten Würstchen, Senf, Kartoffelsalat, absurde Mengen von Schokoladen- und Wackelpudding. Es dämmerte schon, da stiegen wir aus dem Schlauchboot. Behielten die Badehosen an und zogen Pullover über. Spielten Rugbyfußball, sechs Mann und ein Torwart. Irgendwann wurden unsere Eltern telefonisch zusammengetrommelt, aber nicht zum Kinderabholen. Sie trugen Klappstühle, Sitzkissen, auch eine Obstkiste muss dabei gewesen sein. Sie tranken Wein und Bier und Schnaps, redeten, lachten. Herr Stadler, Charakterbass an der städtischen Oper, sang auch unsinnige Lieder in ohrenbetäubender Lautstärke. Onkel Vollert rauchte Pfeife. Die Sonne sank. Es war Freitag, Ferien, und die Welt war warm.

Sie war immer warm. Auch wenn der Seewind pfiff, wenn der Regen rauschte. Lars oder Axel standen einfach so vor der Tür, oder Klaus und Uwe. Oder alle. Fielen ins Zimmer ein. Waren einfach da. Wir mussten keine Termine ausmachen zwischen Sprecherziehung, Ballett und Wirtschaftschinesisch. Manchmal kamen Axel und Uwe, und ich war nicht da. Dann schickte meine Mutter sie zu Klaus. Sie sandte vorher kein Fax zu seinen Eltern, um zu eruieren, ob der Besuch von Freunden ihres Sohnes heute wohl genehm wäre.

Um sechs teilten Eltern mit, dass Klaus’ und Reinmars Mütter soeben den Rückzug der Söhne angeordnet hatten. Dann gingen sie. Zu Fuß. Kein SUV wartete vor der Tür, damit man nicht lausige fünf Minuten durch den Nieselregen tapern musste.

Oder um halb sieben klingelte das Telefon. Die Gespräche verliefen immer gleich. „Hallo, Frau Vollert! Nein, Reinmar ist nicht hier. Rufen Sie mal bei Hartmanns an. Danke, gleichfalls. Ja, richte ich aus. Tschüß!“ Ob die Mobilfunkbetreiber die Elternparanoia vor Kidnapping nur ausnutzen oder sie erst schüren, weiß man nicht. Sicher ist, dass heute kein Hosenmatz mehr ohne drahtlose Fangleine der Höhle entkommt. Wer da nach Afrika ausreißen will, um den ganzen Mammiwahn hinter sich zu lassen, hat mein Verständnis.

Ja, wir haben im Matsch gespielt, ohne dass eine Lazarettschwester von der Desinfektionstruppe hinter uns stand. Wir sind über Zäune geklettert und ohne Stahlhelm auf Fahrrädern ohne Gangschaltung und Gelsessel gefahren. Immer den Berg runter. Wir haben Eis und Pflaumen aus Hartmanns Schrebergarten gegessen und gleich danach Mineralwasser mit Kohlensäure getrunken. Wir hatten keinen eigenen Fernseher, wir hatten eine Rodelbahn.

Natürlich haben wir auch Klavier und Fagott und Hockey gespielt. Ging nicht anders. Aber zwischendurch auch Milchtütenfußball und Halma und Fangen. Wir hatten keine Gouvernante und keinen Personal Trainer. Bei uns gab es keinen Schulpsychologen, weil wir keinen brauchten. Wir litten nicht unter chronischer Aufmerksamkeit hyperaktiver Talentscouts. Wir litten, wenn die Ferien zu Ende waren.

Und keiner von uns ist je aufgewacht und hatte plötzlich ein Ich-war-als-Kind-schon-scheiße-T-Shirt an.


Aktionen

Information

20 responses

12 03 2009
blog.unkreativ.net » Als die Welt noch warm war

[…] Dinge aber sind unbezahlbar. Dazu gehört ohne Zeifel dieser Beitrag. Jedes Wort ein kleines Vermögen wert. Wörtlich […]

12 03 2009
+.

Ja, da war die Welt noch warm.
Es gibt seit der Pubertät nicht einen einzigen Tag, den ich als Ganzes noch einmal erleben möchte. Aber Kindertage, auf Streif- und Erkundungszügen, neugierig und dauererstaunt, verschrammt und verdreckt, verboten weit und zu verbotenen Orten, Gefahren mißachtend und genießend, durch Stacheldraht und auf Bäume, in einem Steinbruch drei Tage lang 20 Gramm Pyrit geschürft und die Ausbeute bis heute als Schatz bewahrt, die erste Mark, prägefrisch, mit Seife und Bürste geschrubbt und die ganze Nacht voller Stolz schlaflos im Mund behalten. Teile der Welt gehörten nur mir.
Es war immer warm damals.

12 03 2009
blog.unkreativ.net » Als die Welt noch warm war

[…] Leave a comment Ich fand den Link von Ingo so beeindruckend, dass ich Bee gefragt habe, ob ich seinen Beitrag als Gastbeitrag veröffentlichen […]

12 03 2009
12 03 2009
AnjinSan

Das ist so wahr, so echt, als wenn es meine Kindheit gewesen wärs.
Ungefragt einfach bei mir verlinkt.

12 03 2009
bee

Herzlichen Dank 🙂

12 03 2009
+.

Ich bin immer noch in meiner Kindheit unterwegs, im Augenblick mit einer Kerze in der Hand vor Uromas unbeleuchtetem Backofen (der Herd hatte noch Kohleanschluß) Ewigkeiten auf einen Bratapfel wartend.

Ich brauchte nur aus dem Haus zu gehen und war, da wir kein Telefon hatten, schon um die nächste Ecke außer Rufweite frei, absolut frei. Ich habe das damals nicht geschätzt, weil ich es nicht anders kannte. Erst jetzt weiß ich, was das bedeutete, und erst jetzt geht mir auf, daß es vielleicht diese Erfahrung von Freiheit war, die mich heute so empfindlich auf ihren jeden kleinsten Verlust reagieren läßt.

Ich habe meine Nichte immer dafür bedauert, daß sie als Kind weiße Weihnachten und wochenlangen Schnee mit selbstgebauten Rodelbahnen, die bis zum Frühjahr nicht wegtauten, nicht kannte (war ja auch mal ‚kalt‘ damals 😉 ). Heute weiß ich, daß sie, die sonst alles im Überfluß bekam, etwas viel Wichtigeres nie erleben durfte und niemals erleben wird: die absolute Freiheit. Und ich könnte ihr nicht einmal erklären, was das ist.

12 03 2009
bee

In diesem Zusammenhang denke ich gerade an ein Ferienerlebnis. Wir waren vier, zwei Jungen und zwei Mädchen, die sich auf diesem Bauernhof im Hohenzollernschen angefreundet hatten. Irgendwas zwischen elf und dreizehn. Morgens brachen wir mit einem Ruderboot auf, das wir stundenlang den Fluss hinab einfach treiben ließen. Wenn wir nicht zwischendurch Hunger bekommen hätten, wären wir vermutlich irgendwann auf der Donau gelandet. Natürlich wurden wir nass. Natürlich reichten die Brote nicht aus. Natürlich waren wir erst am späten Nachmittag zurück, obwohl wir alle wie verrückt gegen die Strömung angerudert haben. Aber ich erinnere mich nicht, dass es großes Gerede gab. Wir waren wieder da, und das war’s.

12 03 2009
Felix

Ich erinnere mich noch lebhaft daran, wie wir im Wald Buden gebaut haben… mit groben Sägerestbrettern, die Opa als Abfall vom Sägewerk holte… und die Nägel waren nicht verchromt, sondern verrostet… und öfters mal wurde nicht nur der Nagel, sondern auch der Finger erwischt, egal, kurz abgelutscht und weitergehämmert… und wenn die Bude dann in 4 Metern Höhe in der Astgabel des morschen alten Apfelbaums (der aber schon 30 Jahre morsch war und genauso lange als Grundgerüst für Buden diente) hing, dann waren wir stolz auf unser selbstgeschaffenes Reich. Und alle Anfriffe mit Wasserbomben und Äpfeln auf unsere Festung wurden standhaft abgewehrt! Nur einen Angriff hat die Bude nicht überlebt – die moderne Technik. Als die Playstation und der Computer in die Zimmer einzog, war der alte Apfelbaum uninteressant… er trägt jetzt schon seit weit über 10 Jahren keine Bude mehr…

12 03 2009
bee

Trotzdem muss ich mal vernünftige Eltern hervorheben wie beispielsweise einen meiner Großcousins. Sein Kurzer hat einen Waldkindergarten besucht, ist bei keinem Wetter in der Wohnung zu halten und in der Grundschule grundsätzlich der Anführer der Räuberbande, weil es ihm weder an Selbstvertrauen fehlt noch an Sozialkompetenz. Sie haben bei ihm alles richtig gemacht.

12 03 2009
J

Ein Traum von einem Beitrag. Ging mir richtig ans Herz.
Habe ihn verlinkt.

12 03 2009
bee

Vielen Dank 🙂

12 03 2009
M.

Danke….Das ist sowas von wahr…

12 03 2009
bee

Moment, Du gehörst doch schon zur Generation Piercing? Ach nee, Du warst ja im letzten Leben Erzieherin :mrgreen:

12 03 2009
Ivy

Ach Bee…

12 03 2009
bee

Keinen Tag zu früh 😉

13 03 2009
M.

Generation Peircing mit fast 32? Ich hau dir gleich mal eine du Vogel*gg

13 03 2009
bee

Hase, bilde ich mir das Altmetall in Deinem Gesicht immer nur ein? :mrgreen:

13 03 2009
M.

Das Metal und ich sind seit 15 Jahren gut befreundet… DAS war eindeutig vor Generation Piercing und Arschgeweih…

13 03 2009
bee

Wie ich sagte… Altmetall 😉

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..




%d Bloggern gefällt das: