Endstation Sehnsucht

13 03 2009

Doktor Kröschkes erwartete mich am Empfang. Der Therapeut war ein kleiner, drahtiger Mann mit kurz geschorenem Vollbart und Brille. „Kommen Sie, wir schauen mal, wo Leon gerade ist.“ Die Flure erinnerten an ein Kinderkrankenhaus. Gezwungen hell und von einer aufdringlichen Freundlichkeit, dabei an jeder Stelle abwaschbar. Hier also wurden jugendliche Suchtkranke therapiert.

„Die Diagnose ist ja immer dieselbe. Jeder Kinderarzt kennt inzwischen die Symptome. Zu den psychischen Faktoren, depressiven Verstimmungen und Angstzuständen, kommt eine ausgeprägte Veränderung im Bereich der rechten Hand.“ Das konnte ich bestätigen. Leons Mathematiklehrerin war auf die überaus trainierte Daumenmuskulatur aufmerksam geworden und auf die auffällige Hornhautbildung an der Fingerbeere. Schließlich hatte er über Schmerzen geklagt. Die Arthrose war bereits weit fortgeschritten, als die Eltern merkten, dass die Mobilfunkrechnung ihres Sprösslings höher war als ihre beiden Monatsgehälter.

„Natürlich haben sie dem Kleinen sofort sein Telefon weggenommen“, beruhigte ich ihn, „aber der kalte Entzug erwies sich dann doch als zu schwierig.“ Doktor Kröschkes runzelte die Stirn. „Sicher ist das erfolglos. Man sucht sich eben einen Ersatzreiz. Wir können ja schon froh sein, wenn sie nicht gleich auf Kokain umsteigen.“ Erstaunt sah ich einige Zwölfjährige. „Was erwarten Sie? Die Eltern leben es ihren Kindern vor.“ „Sie meinen die Kommunikationsabhängigkeit?“ „Nein“, erwiderte Kröschkes, „die Unfähigkeit, zwischen Trends und echten Bedürfnissen zu unterscheiden. Sie meinen, eins durch das andere befriedigen zu können. Das Ergebnis sehen Sie hier. Wir nennen diese Station intern unser SMS-Kinderdorf.“

Ich befragte ihn nach der Anamnese. „Die Sache ist paradox. Es geht an sich um Kommunikation, die allerdings – Sie wissen das sicher besser als ich – neben dem Sender, dem Empfänger und einem Kanal auch eine Botschaft braucht. Die Message, in diesem Fall die Kurznachricht, ist Träger der Kommunikation auf der Beziehungsebene. Sie kommunizieren, um ein soziales Netz zu knüpfen, und vermeiden so gleichzeitig den Kontakt mit der Außenwelt.“ Eine kognitive Dissonanz also? „Kann man sagen. Sinnloses Müll-Senden als Signalgeber. Nur, dass der Empfänger der 160 Zeichen nicht der Adressat ist. Schauen Sie sich das mal an.“

Wir waren inzwischen im Aufenthaltsraum, wo gut drei Dutzend Kinder und Jugendliche ihre Mittagsmahlzeit einnahmen. Sie tippten sinnlos mit dem Daumen auf Fischstäbchen herum und hielten sich die Löffel ans Ohr. Da saß Leon. Mit leerem Blick sprach er ins Essbesteck. „Esse gerade Fischstäbchen.“ „Typischer Fall“, stellte Doktor Kröschkes fest, „denn er sagt Offensichtliches, das für Sie keinerlei Informationswert hat. Belanglos. Außerdem hat sich der Sprachduktus bereits völlig angepasst.“ Ob das therapierbar sei? „Ja, Leon ist aber auch einer der leichteren Fälle. Ich werde Ihnen mal einen Jungen zeigen, der uns seit sechs Wochen die größten Sorgen bereitet.“

Steve saß alleine im Raum und trommelte mit allen Fingern auf der Tischplatte herum. Er nahm nicht einmal Notiz von uns, als wir schon neben ihm standen. „Er chattet. Er hält inzwischen auch das Tippen auf dem Tisch für virtuelle Realität. Steve, wie geht es Dir?“ Der Junge wandte kaum den Kopf. „FUBAR!“ Ich nickte Kröschkes zu. „Er meint sicher ‚furchtbar‘, oder?“ „Nein“, korrigierte er, „er meint ‚Fucked Up Beyond All Repairs‘, oder auf Deutsch: total im Arsch. Er äußert sich in Chat-Abkürzungen. Manchmal reagiert er schon gar nicht mehr auf Sprache.“ Ich zog mir einen Stuhl unter dem Tisch heraus. Plötzlich schrie Steve mich an. „PLONK!“ Ich setzte mich und sah direkt in sein Gesicht. „STFU“, antwortete ich, „2F4U, NOOB!“ Steve schaute auf. „SRY!“ Doktor Kröschkes zog mich heraus. An der Tür rief er Steve zu: „TTYL!“

Wir wanderten den Flur hinunter. „Sie sehen das Grundproblem: die Sache isoliert, und sie macht narzisstisch.“ Ich erinnerte mich, wie amerikanische Kongressabgeordnete jüngst nicht Barack Obamas Wirtschaftsanalyse zugehört, sondern dumme Witze getwittert hatten. „Genau“, nickte er, „mit dem Sinken der Schamgrenze setzt der Schwachsinn ein, wie Freud es ausdrückt. Die Depersonalisation setzt sich auf der sozialen Ebene fort.“ Ich fragte ihn nach der Erfolgsrate. „Sie werden lachen, wir haben etwas entdeckt, das wir patentieren lassen konnten. Der Erlös fließt ins Therapiezentrum zurück.“ Er zog ein uralt anmutendes Telefon aus der Tasche. „Genau das Gegenteil von einem Statussymbol. Das zeigt man nicht freiwillig unter Gleichaltrigen. Keine SMS-Funktion. Man kann damit niemanden anrufen.“ Wozu dann überhaupt das Ding? „Man kann Anrufe empfangen. Sie sind rund um die Uhr erreichbar. Mehr braucht es nicht, um mit der Droge geregelt umzugehen, wenn man sie nicht verbieten kann. Mobiles Methadon.“

Inzwischen hatten wir einen Behandlungsraum erreicht. Durch ein Sichtfenster schaute ich hinein und sah einige Heranwachsende, die konzentriert in ihre Bücher schauten. „Der Konzentrationstest. Wenn es ihnen gelingt, eine Kurzgeschichte ohne Entzugssymptome zu lesen und zusammenzufassen, können wir sie entlassen.“

Am Ausgang gab mir Doktor Kröschkes die Hand. „Grüßen Sie Leons Eltern.“ Er druckste, und ich blickte ihn fest an. „Obwohl es mir lieber gewesen wäre, sie selbst kennen zu lernen. Sie haben nur so wenig Zeit. Verstehen Sie?“


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6 responses

13 03 2009
+.

Es gab verschiedene Dinge, die ich niemals haben wollte, weil mich deren Gebrauch bei anderen so viele Nerven kostete oder ich ganz einfach nicht verstand, warum man das nun unbedingt brauchte. Obwohl an Technik laienhaft schwerst interessiert und zeitweise grundsätzlich auf dem neuesten Stand von Funktionalität und Design, gab es eine Liste von Dingen, die niemals besitzen zu wollen ich wild entschlossen war: einen Computer, ein Faxgerät, ein Mobiltelefon.

Das Faxgerät wurde kurzfristig beruflich zur Notwendigkeit. Bei meinem ersten Computer, einem Laptop in der Preisklasse einer Eigentumswohnung mit zwei Garagenstellplätzen, und bei meinem ersten und einzigen Mobiltelefon, edel und vollverchromt, erlag ich schlicht und ergreifend dem Design. Ich hielt sie für vollendet und mußte sie haben.

Das Faxgerät ist nach wie vor fester Bestandteil meines kommunikationstechnischen Equipments, allerdings nur optischer. Es geht um die Symmetrie aller aneinandergereihten Geräte.
Das Handy verlieh ich und bekam es nie wieder, unternahm allerdings auch nichts, um es wiederzubekommen. Irgendwie war ich froh, das Ding los zu sein, und es kommt mir auch keines mehr ins Haus. Inzwischen habe ich auch seinen Verlust als Kunstobjekt verschmerzt. Es gibt geklaute Überraschungsei-Figuren, die ich mehr vermisse.
Der Computer jedoch, der Computer…

Allerdings besitze ich keine einzige Kreditkarte und habe auch noch nie eine besessen. Der Gedanke, mir zum Bezahlen erst mein eigenes Geld kaufen zu müssen, geht über meine intellektuellen Verarbeitungsmöglichkeiten.

13 03 2009
+.

Hm. Mir fällt gerade ein, daß ich, wenn ich ehrlich bin, als Kind oft genug für jede Sekunde dankbar war, die meine Eltern KEINE Zeit für mich hatten. Heute sage ich mir, daß ich meine Großväter gerne kennengelernt und mit ihnen etwas unternommen hätte. Als Kind jedoch habe ich sie nicht vermißt.

Mir ist auch keine einzige Situation in Erinnerung, in der ich mir als Kind einmal ein Telefon gewünscht hätte, um irgendetwas unglaublich Wichtiges brandheiß erzählen zu können. Vielleicht war es schöner, an diese Möglichkeit gar nicht denken zu müssen, weil es sie einfach nicht gab, und die Neuigkeiten bis zur Ankunft zuhause sich noch größer und noch bedeutender auszumalen und zurechtzulegen, als sie in Wirklichkeit waren. Vielleicht.

Aus zwei Plastikdosen und einer Schnur haben wir uns eine Telefonanlage gebastelt und uns über drei Meter Entfernung so weltbewegende Dinge gesagt wie „Ich höre dich!“…

13 03 2009
bee

Mir ging es bei Computern und Mobiltelefonen ähnlich – ich habe mir diesen Taschenwecker erst angeschafft, als ich beinahe täglich nach einer Nummer gefragt wurde, unter der ich ständig erreichbar sei. Tatsächlich habe ich das Telefon mehr als einmal einfach zu Hause vergessen und lasse es jetzt meistens in der Jackentasche; meine Mobilität besteht also vorwiegend darin, bei Piepsignalen durch die Wohnung zu laufen.

Das einzige, worauf ich nicht mehr verzichten möchte, ist das schnurlose Festnetzgerät, das ich mir gerne unters Kinn klemme, um nebenbei zu kochen oder im Bücherregal zu wühlen. Dafür lasse ich das Ding dann gerne mal irgendwo liegen, manchmal auch in der Küchenschublade.

Bisweilen bin ich allerdings auf beide angewiesen. Ohne das Festnetzgerät, das sich mühelos über die Pagertaste orten lässt, kann ich schließlich nicht mein Mobiltelefon anrufen 😉

13 03 2009
Ivy

Du machst mich glücklich… Ehrlich.

Ich dachte nur ich würde den Umweg über die Pagertaste und das seltsamerweise meist im Hundekörbchen – das Bermudadreieck elektronischer Geräte – liegende Mobilteil nehmen, um das verfluchte Handy in meiner Handtasche zu finden… das dann aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wegen notorischer Vergesslichkeit hinsichtlich Ladezuständen gar nicht mehr klingeln kann…

13 03 2009
bee

Ich nehme an, dass Du kein Notebook besitzt? Ich schiebe die Anschaffung eines (an sich erforderlichen) Gerätes unter anderem auf, weil ich das Ding vermutlich irgendwo beim Kunden liegen lassen würde 😉

13 03 2009
Schonzeit

ein wirklich schön geschriebener Beitrag. Ich mag den Satz in dem darauf hingewiesen wird, dass man gern mal Trends mit Bedürfnissen verwechselt. Das sollte ich mir merken um nicht im Zuge meiner eigenen Unzulänglichkeiten Opfer dieses Irrtums zu werden.

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