Gernulf Olzheimer kommentiert (CXXVII): Paternalismus

11 11 2011
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Ontogenese macht es sich einfach. Weil sie es kann. Seit Anbeginn hat sich der Hominide dem Erfolgsmodell angeschlossen und wird längst in industriellem Maßstab aus der Eizelle zum Embryo promoviert, darf vegetative Stadien durchlaufen, in denen er überspannte Musik hört und patzige Antworten gibt, und versucht sich schließlich mit mehr oder weniger Erfolg zu reproduzieren. Was nach diesem Durchgang wieder von vorne beginnt – mit Ausnahme der Generation, die erst die Seneszenz erlebt und dann in den Bereich Biomasse wechselt. Zuvor aber gibt er ungefragt Ratschläge, hält langwierige Reden über moralische Aspekte von Schuhwerk und Nahrungsaufnahme, fordert Respekt und Kostgeld oder erzählt Anekdoten aus dem letzten Krieg. Die junge Generation steckt die Füße unter seinen Tisch, lässt das Gefasel an sich abperlen und zieht alsbald hinaus ins Leben, wo sie rebelliert, die Verhältnisse zum Tanzen bringt und dann altert unter schmerzhafter Imitation der Väter. Sie bieten das beste Vorbild für den Staat und seine paternalistischen Wahnvorstellungen.

Der Beknackte lässt ja alles mit sich machen; er lässt sich auf Nusspäckchen vor möglicherweise enthaltenen Nüssen warnen und auf Bügeleisen vor technisch bedingter Hitze; er zahlt Strafsteuern auf Butter, obwohl Margarine nicht weniger Fett enthält; er lässt sich vom Staat vorschreiben, ob er in seinem eigenen Immobilienbesitz Tabakwaren konsumieren darf; er lässt sich einreden, jede seiner Handlungen und/oder Unterlassungen sei zugleich und zwingend schadhaft für die ganze Population – die gute alte Du-bist-nichts-Dein-Volk-ist-alles-Nummer, mit der Sonderabgaben auf Bratwurst von büromanischen Fehlinkarnation durchgepeitscht, Rotwein und Champagner aber als systemrelevante Alkoholika quasi entschuldigt werden, solange der Pöbel seine Griffel von ihnen lässt. Die Macht des Guten scheppert dem Volk lieber präventiv eins in die Zinnen, denn Macht ist nun mal Macht. Und Macht ist allemal gut.

Wie verdübelt diese Gesellschaft wirklich sein kann, demonstriert der Fürsorgestaat, das Imperium der bezahnten Übermutterung. Vordergründig ist das paläokonservative Gemeinwesen die Rückentwicklung über die Kuschelecke des unmündigen Kindes ohne Verantwortung direkt in den etatistischen Uterus des Nabelschnursauger, die den Souverän mit immerwährender Kontrolle seiner Vitalfunktionen in Schach hält. Das Volk ist längst zu oft mit der Achse des Blöden an den Schädel geraten, die Vollverdeppung liegt hinter ihm, und so ergibt er sich dem Staat, der allumfassend seine Bürger schützt, und wo gäbe mehr Schutz als in Schutzhaft. Das Vater-unser-Land verbietet folglich Quecksilber in Barometern, untersagt dem gesetzlich krankenversicherten Masochisten, sich freiwillig auspeitschen zu lassen, und stellt den Genuss von Kaugummi unter Strafe, da man das Mastix auf den Boden spucken kann. Es braucht wenig Hirnleistung, um zu sehen, dass der paternalistische Staat in Wirklichkeit lediglich eine Beschäftigungstherapie für charakterlich verschwiemelter Politproletten auf Sozialentzug ist, die ihre eigenen kranken Fantasien auf den unschuldigen Bürger projizieren. Hinter dem Gutmenschenreich keucht eine Diktatur.

Längst weiß diese Verwertbarkeitsmaschinerie besser als wir, was gut ist für den Erhalt des Systems. Längst verbietet sie in vorauseilendem Gehorsam, was ihren Lobbylurchen nicht in den Kram passt. Politisch hatten wir uns aus dem Äon der bröckelnden Weltreiche befreit, jetzt haben wir den Kolonialisierung im eigenen Land: wie man den dummen Wilden nur oberflächlich mit dem Gebrauch der Donnerstöcke vertraut macht, so braucht auch der Bekloppte nicht zu wissen, dass Protektionismus und Dirigismus nur ein Schutzlack über der Staubschicht sein sollen, um der herrschenden Klasse ihre Fieberträume vom funktionierenden Postkutschenzeitalter zu retten. So ist der Vorsorgestaat auch nicht mehr als die Knute gegen die Selbstorganisationskraft in Produktion, Gesellschaft und Politik.

Der Staat regiert in alles hinein, meistens kostenpflichtig – nur da aber, wo er tatsächlich regulierend und aktiv eingreifen müsste, verschanzt er sich hinter dem Mantra freier Märkte und schwabbert sein geblümeltes Liedlein von der Eigenverantwortung der Bürger, die kollektiv und landesweit ihre Wasserleitungen nach Keimbefall durchpusten lassen dürfen, nur da nicht, wo er überhaupt möglich wäre, und selbstredend auf eigene Rechnung. Er fordert das Tragen unsinniger Helmplacebos für Nierenspender auf dem Tretrad, lehnt aber ein generelles Tempolimit für Autos ab. Wäre der paternalistische Staat nicht nur ein billiger Deckmantel, er verböte Popscheiße und Trash-TV und alles das, was uns an Grütze in Hirn gepfropft wird, er rächte lappende Sporthosen an schmerbäuchigen Transpiranten mit alttestamentarischen Körperstrafen und verarbeitete Barbara Salesch, Britt Hagedorn und Jürgen Fliege vor laufender Kamera zu Dämmmaterial. Er sollte sich vorsehen, der Patriarch. Ödipus wartet.


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