Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCI): Die Nichtnazis

28 08 2015
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Zu gerne wird als Generalabsolution, als das metaphysische Scheuermittel der pseudopolitischen Unkorrektheit die Einschränkung genommen, wie sie nur die Beschränktheit hervorbringt. Jene feucht-völkische Auskenneria, die sich aus dem Schmierkäse ihrer zu späten Geburt die überflüssige Entschuldigung für ihre soi-disant freie Meinung schnitzt, jenes meinungs- und ahnungs-, jedenfalls komplett wissensfreies Gelalle, dessen der Durchschnitt mit Leichtigkeit enträt, keiner hat darum gebeten, keiner würde dieses Pack nur eine Sekunde länger als nötig im Radius der eigenen Faust lagern lassen. Wieso eigentlich nicht? Sie sind doch keine Nazis?

Sie sind keine Nazis, aber: sie bestimmen das immer noch selbst. Kackbatzen, die Deutungshoheit über den eigenen Status als Kackbatzen verlangend. Bis zum 8. Mai haben sie sich keuchend das bisschen Schwellkörper hochgerubbelt, der übelste Faschistenscheißdreck zu sein, einen Tag später waren sie entweder verführte Lämmchen oder wild im Widerstand, größtenteils beides. Einen Teil des Untermenschenmaterials führte Nürnberg der Verwendung als Biomasse zu, der Rest machte Karriere in Baden-Württemberg. Oder in der FDP.

Natürlich waren das nicht alles Nazis. Wenn einer nach geltendem Recht Regimegegner an die Wand stellen ließ, die den Endsieg in Zweifel zogen: geschenkt, sonst wäre ja Hitler nie so groß rausgekommen, wenn nicht alle Menschen ihn unterstützt hätten, und da wir ja wissen, dass das nicht alles Nazis gewesen sein können – man frage seine Verwandtschaft, die Nachbarn, die Partei- und Stadt- und Pressearchive, und das mit dem Widerstand kommt noch hinzu – so gab es die eigentlich nie. Nicht mal zur Nazizeit. Nix da.

Nur danach, da müssen sie ex post eine Art virtuelle Existenz begonnen haben, wie ein zweites erfundenes Mittelalter in die Zivilisationsgeschichte eingeschwiemelt, passgenau zwischen Röhmputsch und Kapitulation, hermetisch abgepackt gegen alle Fingerabdrücke, die sakrosankte Hitlerei gegen die übergriffige Gegenwart geschützt. Das Nazisein als Nazisosein geht dem Nazihaften voraus als die Bewandtnis des Uneigentlichen. Es gibt den Nazi, denn es gibt ihn nicht, denn es gibt ihn.

Die typische Reductio ad Hitlerum ist und war schon immer eine grandiose Art, seine eigene erektile Dysfunktion auch im intellektuellen Sektor krachend unter Beweis zu stellen. Mit der Masche ließe sich jeder beliebige Vegetarier zum Drecksack par excellence erklären, nur weil der Bettnässer aus Braunau außer Eva kein Fleisch zu sich nahm. Das Entscheidende ist jedoch die Hinterseite; so lässt sich letztlich auch das Atmen als Sünde aburteilen (bei Pol Pot beobachtet), körperliche Ausscheidung (wurde Stalin so gut wie nachgewiesen), Herzschlag (gilt bei Nero als praktisch erwiesen). Wenn es eine Entwertung der Argumente gibt, dann im Umkehrschluss: jäh wird man sich bewusst, dass der Faschist auch nur ein Mensch aus Fleisch und Blut war, nicht etwa eine kosmische Seuche, die auf den Planeten herabgekotzt wurde. Auch Göring hatte Darmbakterien – gut möglich, dass sie den eigentlichen Teil seiner Intelligenz ausmachten, aber als gesichert gilt, dass er weder Gott noch Dämon war. Die Nazis waren Menschen.

Sie sind es noch, und was gleichfalls gilt: die Menschen haben noch immer dieselbe Anlage, Nazis zu werden. Und so gibt es das Nazihafte sehr wohl, und was leichter ist: man kann es entdecken. Wo immer Nazis die Entfernung Andersdenkender, Andersfarbiger, Andersstämmiger mit Sabber und Geprügel fordern, sind es Nazis. Wo immer Nazis Gebäude anzünden, um den Tod billigend in Kauf zu nehmen, sind es Nazi. Wo immer Nazis ihren eigenen zivilisatorischen Rotz, die Geburt in Taka-Tuka-Land samt der Heldenleistung, dreißig Jahre lang nicht herausgeschmissen worden zu sein, als Kristallisationspunkt der Evolution feiern, sind es Nazis. Und nicht Brauchtumskritiker, Lautsprecher, chronisch besorgte Schwurbelgurken, abendländische Wuthupen, Dumpfnulpen, Hasenhirne, Laberlurche, Querkämmer, es sind Nazis. Jeder, der den Begriff für masturbatorische Hütchenspielereien verbrennen will, ist lediglich in steter Panik um die Hörbarkeit seines Geplärrs.

Sie sind keine Nazis. Aber sie sind welche. Und wer sie so nennt, macht qua Hitlervergleich die alten Nazis, die ja keine waren, aber wenigstens auf ihre Art absolut schuldig, zu den wahren Nazis, mit denen man die neuen keinesfalls vergleichen dürfe, denn: es sind ja keine Nazis. Aber sie sind welche, und wer verkennt, dass rhetorisches Tischfeuerwerk alleine den Unterschied macht, in welcher Generation man schießt, abfackelt, hetzt und den Mord zur nationalen Befreiungstat hochjagt, der wird auch nicht begreifen, dass dem ethischen Versagen völlig wumpe ist, in welchem nationalen, historischen oder ökonomischen Setting man es aus dem Hut zieht. Wer sich wie ein Nazi verhält, ob auf dem Mars oder in Heidenau, ist ein Nazi. Und wer das verneint und jegliche Parallele mit dem Nationalsozialismus, der hat dazu in der Regel einen hinreichenden Grund.

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