Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLXVIII): Sozialer Funktionalismus

14 06 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Nein, einfach war es nie. Bürger betrinken sich, kaufen auf Kredit große Autos, um den Nachbarn zu imponieren – oft ist es auch nur die Nachbarin, die aber überhaupt nichts mit der Größe des Kfz zu tun hat und allenfalls als Randfigur einer aus dem Ruder gelaufenen Korrelation erscheint – oder fliegen im Ganzkörpersegelanzug mit Schmackes gegen Felswände. Sie tragen ästhetisch fragwürdige Kleider und flamboyantes Schuhwerk, und solange sie noch jugendlich sind, bewegen sie sich zu nicht minder problematischer Musik oder dem, was sie für solche halten. Nicht einmal für den nötigen Nachwuchs sorgen sie, entweder zu früh oder nicht mit dem korrekten Verantwortungsbewusstsein, dass die Frucht ihres Leibes komplett ungebenedeit werde ohne je einen Kita- und Studienplatz. Sie sind einfach nicht zu steuern, und genau das sehen sie als großen Vorteil, das macht sie zu Menschen. Und genau das nervt jeden, der den sozialen Funktionalismus propagiert.

Der Durchschnitt lebt, und sein Gesicht ist das der neokonservativen Trockenschwimmer, für die die Bevölkerung nur ein verschiebbares Potenzial störrischer Wähler ist. Das mahnt mit schneidender Stimme zu Vernunft und Verzicht und hat damit bereits der inneren Dialektik das Schnippchen in die Fresse geschlagen, den Verzicht nämlich auf jegliche Vernunft. Man darf es nicht verwechseln mit dem Homo oeconomicus, jenem alten Nutzenmaximierer, der zwanzig Jahre lang dünne Margarine in sein Knäcke kratzt, um sich vom Erlös die Mutter aller Kreuzfahrten zu gönnen. Der konsumiert mit idealer Rationalität und feiert sich selbst für seine Schmerzfreiheit. Allenfalls gerät er ins Grübeln, ob der Mensch rauchen sollte, aber er löst das pragmatisch, rettet Arbeitsplätze in der Tabakindustrie und Arbeitsplätze in der Medizin, wobei er so zeitig verstirbt, dass er auch wieder für freien Wohnraum sorgt, für einen freien Job oder einen unbelegten Heimplatz und einen vakanten Sessel im Lichtspielhaus. Leben ist für ihn stetes Entscheiden unter Risiko, und dem gemäß wählt er, womit er bisher immer gut fuhr, die Vernunft.

Doch die ist dem Funktionalismus wumpe, hier zählt allein Moral oder das, was er dafür ausgibt, in Form sogenannter Werte, gerne verbrämt mit dem Anspruch stabilisierenden Verhaltens, denn wenn das – was? das andere, was sich freie Menschen in ihrer wahnhaften Wahlfreiheit einbilden – jeder täte, dann täte das ja bald jeder, und das geht nicht. Für den Funktionalisten zählt nicht die Mitte, als die er sich selbst definiert, sondern die quasi nicht erscheinende Standardabweichung. Gleichförmig hat der Existenzteilnehmer zu sein, nicht eine Summe seiner Individualismen, und höchstens da, wo er sich die Sinnhaftigkeit seines eigenen Moralanspruchs zusammenschwiemelt, frönt er der verbotenen Lust oder doch nur dem, was sein gründlich Todestrieb davon gelassen hat. Viel ist es nicht, das meiste entschieden analfixiert. Und genau das kommt auch dabei raus.

Denn nicht eine Gesellschaft, die ihre Gärten als orthogonale Zwangshandlung gestaltet und rituell nachharkt, eine gänzlich im Habitus ubiquitärer Ordentlichkeit verstumpfte Masse nationaler Bullen ist das Ziel. Ihre Aggression richtet sich wenigstens scheinbar nach außen, denn jeder darf kontrollieren, ob der Nachbar auch brav den Rasen trimmt, wenn das am Samstag alle tun, und im Gruppendruck geriert sich eine seltsame Solidarität, als wären sie alle immer schon gerne KZ-Aufseher geworden und leben ihr kleines bisschen erlaubten Realsadismus dann wenigstens an denen aus, die sie als schwach vorgesetzt bekommen: als Randgruppen markierte Personen, die an ihrer Situation selbst schuld sind, weil sie sich nicht fest genug vorgenommen haben, als weiße Deutsche mit Facharbeiterbrief in eine heteronormative Familie mit arisiertem Grundbesitz geboren zu werden. So erhält ein Opfervolk von oben Generalabsolution, wenn es zur Tat gegen die devianten Ausreißer schreitet.

Für diese Zwangshandlungsgehilfen ist auch die Entscheidung zur Ehe für alle ein Angriff auf das Fundament des gesellschaftlichen Zusammenhalts und eine Ansage zum Kampf gegen schleichende Erosion. Wo Macht ist, keilt das nach unten, in aller Not selbst mit dem Verweis auf religiöse Tradition als Letztbegründung für Werte, die man eben dieser Religion kleinteilig abgetrotzt hat. Aller Groll auf die eigene Kleinbürgerlichkeit bläht sich dabei zu Stolz, Stolz auf die eigene Borniertheit, Stolz auf das reaktionäre Fundament, als hätte man es noch selbst gegossen. Frösche hocken im eigenen Sumpf und halten die eigene Perspektive für den Blick auf das ganze Universum, der Ereignishorizont ist knapp unter der Tümpelkante, aber sie sind alle kleine Herrscher, weil sie gerade keinen Fressfeind sehen. Im Grunde sollten sie genau jetzt aus Vernunft den Klapperstorch leugnen, der doch auf natürliche Weise für Bewegung sorgen würde. Und sie schaffen es auch, denn das Wasserloch gehört ihnen. Alles, was da draußen noch sein könnte, ist böse und muss notfalls bekriegt werden. Auch der eigene Glaube, auch dessen Ethik. Auch die Vernunft. Wo kämen wir denn sonst hin.

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