Total Recall

24 02 2009

Ich traute meinen Augen nicht. Diese faltige Haut. Der jämmerliche Haarschnitt. Diese billigen Klamotten. Eine Körperhaltung wie ein Mehlsack im Halbschlaf. Das also war er? Siebels war stolz auf sich. „Wir haben den Pop-Titanen gleich für drei Staffeln verpflichtet.“

Und wirklich, er konnte stolz sein auf sich. Auf so eine Idee muss man erst mal kommen: zur besten Sendezeit versägte der Superstar-Terminator Investmentbanker im Minutentakt. Gebannt hörte ich ihm zu. „Das ist keine Ruhe, das ist Leichenstarre. Da gucke ich doch lieber Fußpilz beim Wachsen zu! Das ist wie ’ne Kläranlage. Außen Beton, innen Scheiße.“ Noch hielt sich der Geldhai über Wasser, doch Bohlen legte nach. „Das Ding heißt hier nicht: ‚Deutschland sucht Naturkatastrophen‘.“ Da soff der Finanzfisch ab.

Siebels gab rasch ein paar Zeichen, und schon betrat der nächste Rechenkünstler die Szene. Sofort knallte Bohlen ihm die Breitseiten entgegen. „Eher heiratet Dich der Papst, als dass Du ein Bankkaufmann wirst.“ Zack, das hatte gesessen. „Persönlichkeit wie ’ne Bockwurst. Du bist die personifizierte Talentfreiheit aus Deutschland!“ Schon bekam der Hinrichtungskandidat rote Ohren. Möglicherweise hatte er es für ein Lob gehalten. Und da zog sich schon die Schlinge zu. „Vielleicht hast Du ja bei Dir im Ort zwei Frauen flachgelegt und glaubst jetzt, Du bist der große Stecher.“

Ich setzte mich zu Siebels ans Regiepult. „Gut, ich denke auch, dass man das einmal oder zweimal laufen lassen könnte. Als DSDS-Spinoff gewissermaßen. Aber glauben Sie ernsthaft, dass man daraus drei komplette Staffeln stricken kann?“ Siebels gab sich zuversichtlich. „Sehen wir’s doch mal so: die Leute gucken diesen ganzen Schwachsinn doch nicht, um irgendwelche Gina-Lisas stöckeln zu sehen oder zu erdulden, wie sich die Küblböcks dieser Nation zum Affen machen. Sie wollen erleben, wie Bohlen dieses halbgare Kroppzeug von der Bühne wischt.“

„Und Sie fürchten keine Kompetenzproblematik bei diesem Sendekonzept?“ Siebels verstand nicht gleich. Ich erläuterte ihm, das Publikum von Wirtschaftssendungen könnte unter Umständen Bohlens Sachverstand in Finanzdingen in Frage stellen. Er beruhigte mich. „Solche Sendungen werden ja nicht unbedingt nur wegen Wirtschafts- oder Sozialkompetenz eingeschaltet. Sogar in der Börsenanalyse treten ja meist die auf, die die schönsten Sprechblasen absondern können.“ Er lächelte. „Außerdem müssen Sie wissen, Herr Bohlen ist studierter Betriebswirtschaftler. Diese ganzen Vollspaten haben ja meisten schon Probleme, die Grundrechenarten zu unterscheiden.“ Das allerdings war eine schlagende Argumentation, der ich mich nicht entziehen konnte. Welch ein kluger Kopf doch Siebels war. Wirklich bis ins letzte Detail hatte er alles durchdacht.

„Du hast einfach nichts drauf, außer vielleicht Zahnbelag“, röhrte der Musikproduzent, „weißt Du, was der Unterschied zwischen Dir und einem Eimer Scheiße ist? Der Eimer!“ Der kleine Anzugträger stand noch heldenhaft im Sturm der Injurien, da klatschte die nächste Woge auf ihn ein. „Der Nachteil bei Dir ist, dass Du keinen Vorteil hast. Ich kann Dir nur einen superguten Tipp geben: lass das für alle Zeiten. Verschon die Menschheit!“ Und auch er versank und wurde mit der Strömung fortgespült. Bohlen hatte sich immer noch nicht gefangen. Wie im Fieber drosch er auf dem Banker ein, der sich bereits auf dem Bühnenboden krümmte. „Leidest Du an Intelligenzallergie oder was hast Du an dreimal Nein nicht verstanden? Du siehst so aus, als hätte man irgendwo bei Euch in der Familie einen Seehund eingekreuzt.“ Ich lockerte ein wenig den Kragen und verließ das Studio.

Auf dem Gang wand sich die Schlange geschniegelter Investitionsfüchse. Ich zog mir einen Kaffee zum Mitnehmen, da stand auch Siebels wieder hinter mir. „Na, wie gefällt es Ihnen bisher? Finden Sie nicht auch, dass das ganz exzellent läuft?“ Ich meldete neue Bedenken an. „Verstehen Sie mich nicht falsch, aber kann man nicht wenigstens den Ton ein bisschen mäßigen? Das ist doch auch sozialethisch desorientierend, wie Sie hier Ihre Kandidaten verheizen. Insgesamt sieht es für mich eher wie eine Spaßveranstaltung aus – Sie produzieren hier doch nur jede Menge Witzfiguren, die sich nicht wehren können. Dient das nicht der massiven Konfliktverschärfung im öffentlichen Diskurs?“ „Nein, es dient der Psychohygiene. Alle diese Investmentbanker haben sich jahrelang durchs Leben geschnorrt, unschuldige Anleger um ihre Ersparnisse gebracht und waren sowieso immer unschuldig, wenn alles schief ging. Herr Bohlen projiziert nur den Zorn der Bevölkerung auf diese Versager. Sie verdienen es nicht anders. Er sorgt in den Augen der Zuschauer für Gerechtigkeit.“

Drinnen hatte die Popplaudertasche bereits die nächste Null in der Mangel. „Dich haben sie bei der Mülltrennung offenbar auf den falschen Haufen getan! Geh nach Haus und lass Dich löschen.“ Siebels war zufrieden. „Du stehst da wie ein Schwanz in der Hochzeitsnacht. Aber am Ende kommt auch bei Dir nichts raus.“ Ich lehnte mich zu ihm herüber. „Und was machen Sie nach der dritten Staffel?“ „Wir sind schon am Verhandeln. Wenn wir den Vertrag mit Herrn Bohlen verlängern können, lassen wir ihn auf Politiker los. Ich sage Ihnen, das wird der Bringer überhaupt!“


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