Zitterparty

27 07 2022

„Kalt duschen, am besten nur einmal am Tag, für den Frieden auch mal trockenes Brot essen, am besten auch nur einmal am Tag, damit wäre und schon viel geholfen. Also uns. Wenn Sie das tun.

Wir wissen auch noch nicht genau, was sich der Herr Bundespräsident ausgedacht hat, das Papier sollte aber in den nächsten drei Tagen fertig sein. Er hat mal wieder einen Anfall von Sozialphilosophie gehabt, sieben bis zehn Druckseiten, wir werden das gegenlesen und dann in eine Form bringen, in der die Veröffentlichung möglich ist. Erst wollte der Herr Bundespräsident eine öffentliche Rede halten, aber die Situation ist einfach zu ernst dafür.

Nur noch einen Raum beheizen, nachts die Heizung abdrehen, das wird zwar von den meisten schon beherzigt, von hart arbeitenden Menschen teilweise, das muss man den Bürgern zumuten können. Dass der Herr Bundespräsident von Härten spricht, weil wir diese Herausforderung gemeinsam und in Geschlossenheit angehen wollen. Irgendwo hatte er das schon mal gesagt, ich weiß nicht mehr, wo, aber es wird schon richtig gewesen sein. Wenn der Herr Bundespräsident solche Botschaften mit der Bevölkerung teilt, kann er auch nicht einfach irgendwas sagen. Also nicht immer.

Wir können beispielsweise mit dem Rad fahren oder den Bus nehmen, wenn das Neun-Euro-Ticket weg ist, damit wir alle wieder mit dem Auto fahren können wie bisher. Also wenn wir alle bisher mit dem Auto fahren konnten. Das ist eine sehr gute und durchdachte Maßnahme, die die Bevölkerung verbindet und vereint, weil daran alle teilnehmen können, die Autofahrer, die Radfahrer, Menschen ohne Rad, die sich nur ein Rad zu kaufen brauchen, damit sie mitmachen können – die oberste Priorität ist in dieser schwierigen Lage die Gemeinsamkeit, die uns verbindet. Ein Tempolimit würde sicher die Fußgänger ausgrenzen, das könnte ich mir vom Herrn Bundespräsidenten gar nicht vorstellen. Er denkt in dieser Situation gesamtgesellschaftlich, das heißt sozial, und das bedeutet: manche müssen halt rudern, wenn andere Wasserski fahren wollen. Das ist ein Naturgesetz, und die Politik kann ja nichts gegen Naturgesetze tun.

Die Freiheit wird in diesem Augenblick eben am Gashahn verteidigt, das ist die Zeitenwende. Wir haben die ersten Entwürfe gesehen, aber das hat der Herr Bundespräsident begriffen, dass wir auch auf symbolische Dinge, die uns lieb und teuer sind, vor allem teuer, dass wir darauf verzichten müssen, um innerlich gefestigt diese Lage zu überstehen, ohne uns nur auf die Politik zu verlassen, die zwar schon ihr Möglichstes tut, aber eben mehr eben auch nicht. Wir brauchen starke Zeichen, große Bilder, die um die Welt gehen und in Erinnerung bleiben, wie wir alle mit dieser Krise umgegangen sein werden, indem wir Alltagssorgen teilen, uns auch in der Distanz nahe sind Kerzen anzünden und… – Nee, das war ja Corona.

Ist ja egal, wir haben jetzt auch die Chance, die Krise als Chance zu sehen. Bisher war das meistens umgekehrt, also in der Politik, die uns das trotzdem als Chance verkauft hat, aber jetzt wird alles anders. Zeitenwende! Wir können diese Epoche, diesen Abschnitt unserer Geschichte mit dem Gefühl erleben, dass wir live dabei sind, wenn sich Dinge ändern! Das war bei der Wende, am 11. September, das sollten wir doch jetzt auch hinkriegen! Wir machen aus dieser Krisensituation eine Zitterparty – Party, nicht Zitterpartie.

Sie müssen das ja perspektivisch sehen, weil wir die Maßnahmen auch auf Nachhaltigkeit auslegen. Wenn wir jetzt sparen, dann geht es uns nachhaltig scheiße. Was wir jetzt nicht durch Schulden oder klug angelegte Investitionen für Bildung, Verkehr, für Digitalisierung und vor allem für Klimaschutz sichern, das kriegen wir in ein paar Jahren alles mit Schmackes aufs Maul. Gut, die meisten Dinge eher in ein paar Jahrzehnten, deshalb sollten sich diese Jugendlichen heute nicht auf der Straße festkleben, sondern möglich kalt duschen. Wenn die in unserem Alter sind, gibt’s keine Duschen mehr, vermutlich nicht mal mehr Trinkwasser. Aber wenigstens wird es dann so warm sein, dass man Heizkosten spart.

Also müssen wir in dieser Lage realistisch bleiben – es kann sich nicht jeder Bürger ein Kernkraftwerk in den Vorgarten stellen. Manche wohnen im Hochhaus, die haben keinen Vorgarten. Trotzdem müssen wir alle Debatten ergebnisoffen führen, das ist immer zu erwarten, wenn man keine Ahnung hat, und wer wüsste das besser als der Herr Bundespräsident. Das gilt im großen geopolitischen Maßstab, in der Familie, wenn es im Supermarkt wieder kein Klopapier gibt: uneingeschränkte Solidarität, nicht nur mit der Ukraine. Der ganz normale deutsche Millionär, der kann ja nichts dafür, dass er nicht in der Ukraine geboren wurde. Da müssen wir alle etwas tun, weniger ins Kino gehen, in Deutschland Urlaub machen, solange es noch Kurzstreckenflüge gibt, oder alle mal länger arbeiten oder… – Nee, das war ja Steinbrück.

Wir müssen das Volk vor der Spaltung bewahren. Also nicht vor der Spaltung in die, die die Party bezahlen, und die, die die Party feiern. Die wird es immer geben, und als Bundespräsident kann man schlecht tagespolitische Fragen wie das System kritisieren. Wir müssen zulassen, dass alle empfindliche Nachteile in Kauf nehmen – die, die die empfindlichen Nachteile in Kauf nehmen, und die, die das zulassen. Wir als Deutsche dürfen jetzt Solidarität nicht nur im internationalen Maßstab vorleben, das müssen wir auch national. Wir sind jetzt ja wieder wer. Sie werden sehen, diese Krise wird einfach großartig!“





Ausgleichende Gerechtigkeit

18 07 2022

„Verlassen Sie sich darauf, dass wir alles, was in unserer Macht steht, unter allen Umständen nicht tun werden. Also irgendwann doch, aber nicht jetzt, weil dann könnten unangenehme Nebenwirkungen auftreten, und das wollen wir ja nicht.

Man muss in dieser Gemengelage aus Krisen immer den Überblick behalten, sonst fängt man am Ende noch an zu handeln, und dann passieren die falschen Sachen. Die Bundesregierung muss das ganz klar auseinanderhalten, was an der Krise was außerhalb der Krisen verursacht, und dann kann man immer noch entscheiden, ob und wie man wo handelt, oder besser: nicht falsch handelt, weil es ja darauf ankommt. Verstehen Sie mich? gut, hatte ich auch nicht erwartet.

Ich gebe Ihnen mal ein Beispiel: wir haben in der Hitzewelle das große Problem, dass wir nicht genug Personal in den Kliniken für die Betroffenen abstellen können. Jetzt muss man das ganz klar analysieren: für Infektionsschutzmaßnahmen ist es zu spät, weil das Personal sich eh schon mit Corona angesteckt hat, wir haben auch nicht zu wenig Gas, deshalb ist das mit der Ukraine auch irrelevant, und für das Wetter können wir nichts, weil es nun mal Sommer ist. Die Bundesregierung dafür in die Verantwortung zu nehmen ist billiger Populismus, damit steht dann fest, dass wir bei dem Problem gar nichts machen können. Das werden wir auch so kommunizieren, dass wir fest entschlossen sind, die aktuellen Probleme der Klimakrise konsequent und entschieden zu bekämpfen, sobald wir nichts mehr machen können.

Sie verstehen das wirklich nicht? Stellen Sie sich doch mal vor, wir würden jetzt zum Beispiel auf die Schnelle eine rechtliche Regelung entwerfen zum Schutz besonders vulnerabler Gruppen in den Einrichtungen oder in den Privathaushalten, wir würden damit als Nebeneffekt vielen Menschen das Leben retten. Alten, chronisch Kranken, auch sehr vielen von Armut betroffenen Menschen, genau denen, die dann noch länger dem Sozialsystem auf der Tasche liegen würden. In der Statistik geht das unter, das hatten Sie sicher auch bei Corona schon gemerkt, weil es ja immer nur Einzelschicksale sind, und wie wollen Sie die messen?

Es liegt ja eben auch daran, dass wir die Folgen dieser Krisen nicht bedenken. Noch ein Beispiel: die Hitzewellen der vergangenen Wochen in den anderen Ländern hat man früher noch gar nicht so genau vorhersehen können, erst durch die ständige Beschäftigung mit dem Klima kam die Obsession, Rekordwerte zu messen und zu prognostizieren – daher reden wir jetzt von einer Hitzewelle, obwohl die ja überhaupt noch gar nicht stattgefunden hat. Wenn die Politik, und damit meine ich auch die Bundesregierung, in der Pandemie konsequenter die ständigen Tests ignoriert hätte, statt sie nur mit absichtlich veralteten Mitteln in irgendwelchen Ämtern zu sammeln, durch die Gegend zu faxen und damit den Eindruck zu erwecken, sie habe ein Problem erkannt und arbeite an der Lösung, dann hätten wir nicht diese Diskussionen um Inzidenzen gehabt, wir hätten nie über Hospitalisierung oder freie Intensivbetten geredet, und wir wären viel schneller da, wo wir heute sind. Nämlich bei der ganz normalen Politik, die an der Ausschaltung der unangenehmen Nebenwirkungen interessiert ist und die Pandemie nicht mehr bekämpft, weil das nur für Unmut in der Bevölkerung sorgt.

Es ist unfair, dass diese Bundesregierung die Fehler, die in 16 Jahren Regierungsverantwortung der Union aufgelaufenen Fehler beheben muss. Das haben die echt nicht verdient. Als ausgleichende Gerechtigkeit tut die Bundesregierung jetzt einfach nichts und erwartet, dass die nächste Regierung den ganzen Schlamassel beseitigt. Das nenne ich eine ressourcensparende Politik, daran können sich die anderen Länder mal ein Beispiel nehmen.

Überhaupt muss man doch auch mal konsequent handeln. Wir können doch nicht für den Winter die Einrichtung von Wärmeräumen planen, wenn wir jetzt Kälteräume brauchen – und da reden wir noch nicht einmal von Eigenverantwortung, am Ende muss man den Bürgern auch noch vorschreiben, dass sie im Sommer nicht in Wärmeräume gehen. Das grenzt doch schon wieder an Umerziehung!

Man könnte ja die Krankenhäuser auch mal an ihre Sorgfaltspflicht erinnern, dass sie mangelhafte Notstromaggregate reparieren müssen, damit nicht im OP plötzlich das Licht ausgeht. Meinen Sie, wir müssten heute den Leuten vorschreiben, auf jedes Hausdach Fotovoltaikanlagen zu montieren, damit wir wenigstens beim elektrischen Strom nicht mehr von den Rohstoffimporten abhängig sind oder die CO2-Bilanz verbessern? Das ist ein langwieriger Prozess, bei dem man am Anfang gar nicht abschätzen kann, was da am Ende rauskommt. Das müssen wir, das heißt: das muss natürlich auch die Bundesregierung sehr sorgfältig vorbereiten und gesetzgeberisch begleiten, damit wir irgendwann mit den Maßnahmen beginnen können, sobald es zu spät ist. Sollte Ihnen das aus der Pandemie bekannt vorkommen, dann wissen Sie ja, dass das in der Politik ein etabliertes Modell ist, mit dem wir schon seit längerer Zeit operieren. Ich meine, man kann doch nicht einfach handeln, Maßnahmen ergreifen und entscheidende Schritte veranlassen, und am Ende war’s dann gar nicht so schlimm. Das zerstört das Vertrauen der Menschen in die Politiker unter Umständen nachhaltig.

Maskenpflicht? Sie meinen die Maskenpflicht im Herbst, die dann aber auch nur in geschlossenen Räumen gilt? Das ist Freiheit. Davon verstehen Sie nichts.“





Zuzahlungspflichtig

14 07 2022

„Nehmen Sie Platz. Es tut mir leid, heute müssen wir über Geld reden, aber das macht mir nichts aus, weil es nicht mein Geld ist. Sie hatten da diverse Bedarfe angemeldet, und Sie haben ja auch recht, weil das für Sie äußerst wichtig ist. Wir hingegen müssen das finanzieren, und da merken Sie sicher schon den Unterschied, dass wir nicht allen einfach alle geben können, was sie wollen. Das heißt, Ihnen nicht. Sie können es sich nicht leisten.

Nein, nicht wir können uns das nicht leisten, Sie können das nicht. Wenn Sie sagen, Sie wollen das Neun-Euro-Ticket dauerhaft, weil Sie sich damit den Nahverkehr wieder leisten können, dann ist das zwar menschlich nachvollziehbar, aber politisch absolut irrelevant. Wir müssen das ja irgendwie im Griff haben, falls mal einer kommt und noch mehr Autobahnen durch Naturschutzgebiete haben will, weil er das dufte findet, da im Stau zu stehen, wo extra für ihn zwanzig Seevogelarten ausgerottet wurden.

Wir könnten beispielsweise zwölf Milliarden für den Flugverkehr abziehen, das macht das Fliegen schlagartig sehr viel teurer, aber wir haben dann auch die finanziellen Mittel, um die Bahn so auszustatten, dass sich Inlandsflüge gar nicht mehr lohnen und die regionale Abdeckung verbessert wird. Das wird nur keiner in der Bundesregierung mitmachen, zumindest nicht, solange die meisten Regionalanbieter keine Aktiengesellschaften sind. Eigentlich würden dafür fast schon die acht Milliarden Dieselförderung ausreichen, die sowieso irgendwann obsolet werden, wenn keine Verbrenner mehr gebaut werden, aber das merken die Lobbyisten erst, wenn die Autokonzerne sie nicht mehr bezahlen. Sie merken, wir bieten Ihnen gerne eine Feuerversicherung an, aber erst fackeln wir Ihnen die Bude ab, weil so schön aussieht.

Zum Glück haben wir die fehlende Umsatzsteuer auf Kerosin international geregelt, so dass ein deutscher Alleingang hier schwierig wird. Gerade jetzt ist es wichtig, dass wir internationale Abkommen einhalten, damit die Verhältnisse gerade in Europa einheitlich sind. Also abgesehen vom Tempolimit, das sind Menschenrechte, die man den Deutschen nicht nehmen kann, ohne die innere Sicherheit zu gefährden.

Alle Lösungen, die wir Ihnen anbieten können, sind zuzahlungspflichtig, und zwar um mindestens dreihundert Prozent. Das heißt natürlich nicht, dass Sie für 36 Euro pro Monat ein 365-Euro-Ticket kaufen können – das wäre ganz schlimm, damit müssten wir zugeben, dass wie Sie ernst nehmen, und das wäre für Sie eine Gleichsetzung mit den Knalltüten, die Sie gewählt haben – weil das ja nicht nachhaltig wäre. Und da muss man auch die Pendlerpauschale berücksichtigen, die langt ja bald nicht mehr, wenn man täglich mit dem Panzer ins Büro fährt. Da muss man irgendwas machen, damit die Bevölkerungsmehrheit von etwa zehn bis zwölf Prozent sich nicht ausgegrenzt fühlt.

Wir können ja die politische Verantwortung für diese Gesellschaft nicht dem Staat überlassen, das Private ist auch politisch, und deshalb muss man die Politik privatisieren. Die Bürger können sich ganz gut um die Verantwortung kümmern, das umfasst übrigens auch die Ausgabenseite, und die Einnahmen bekommen traditionell die Politiker. Das muss nicht zwangsläufig die Regierung sein, zumal die sich an Maßnahmen wie beispielsweise Einsparungen im Sozialbereich gar nicht beteiligen können. Aber da müssen wir Sie in Haftung nehmen, Sie haben diese Typen in ihre Ämter gewählt, und jetzt muss es einen Konsens geben, wie wir das finanzieren, ohne dass Sie uns ständig auf die Nerven gehen.

Sie müssen auch mal die Summen in Relation sehen. Homöopathie als Kassenleistung zahlen, das Dienstwagenprivileg, das sind vielleicht nur ein paar Euro täglich, und so viel macht das auch nicht aus. Aber für ein Wahlgeschenk sind Subventionen für Energie und Verkehr nun mal zu kostspielig, und wir können Ihnen ja schlecht dasselbe Geld aus der Tasche ziehen, das wir Ihnen wieder auszahlen, zumindest nicht ohne eine Bearbeitungsgebühr. Ich würde vorschlagen, wir überlegen uns ein Modell, nach dem Sie wie bisher Ihre Privatkosten tragen, und wir geben Ihnen ein paar Tipps, wie Sie die reduzieren können. Kürzer duschen, Topfdeckel benutzen, nachts den Stecker vom Fernsehgerät ziehen. Da Sie das größtenteils schon kennen, wird sich für Sie nicht viel ändern, also ist das ideell gesehen schon mal ein großer Vorteil, der mit Geld gar nicht aufzuwiegen ist. Dagegen muss so ein Autofahrer, der jeden Morgen mit dem SUV die hundert Meter bis zum Bäcker zurücklegt, teilweise so viel mehr Spritkosten schultern, dass der Bestand der Bäckereien gefährdet ist, und da müssen wir eingreifen. Das müssen Sie verstehen, schließlich ist es auch in Ihrem Interesse.

Stellen Sie sich mal eine Welt vor, in der nachts die Schaufenster nicht mehr beleuchtet werden, weil die Geschäftsleute sich das nicht mehr leisten können. Das muss der Markt regeln, und da er das nicht ohne Unterstützung der Regierung tun kann, greifen wir eben ein und tun das für Sie. Ihre Stromkosten steigen sowieso an, dann verkraften Sie die paar Euro am Tag auch noch. Ratschlag unsererseits: Sie müssen nicht ständig mit dem SUV zum Bäcker fahren, Brot aus dem Supermarkt tut’s auch. Dann haben Sie auch noch ein bisschen Luft nach oben, wenn wir die Steuerbelastung für Leistungsträger etwas abmildern. Sie wollen in der Krise doch solidarisch bleiben, oder?“





Krisenwirtschaft

12 07 2022

„Es läuft momentan nicht alles nach Plan, das muss ich schon sagen. Aber es läuft beschissen, und das ist ganz fantastisch. Es läuft derart beschissen, wir können uns vor Aufträgen gar nicht mehr retten.

Wie gesagt, wir kriegen nicht alles hin. Aktuell ist das Personal in den Flughäfen weg, das heißt, die sind nicht weg, die sind nur woanders, weil die Flughäfen sie alle rausgeworfen haben, wie wir das ihnen empfohlen hatten. Kurzfristiges Ziel war eine steigende Arbeitslosigkeit, damit man die Löhne senken kann, und mit einer schnellen Erholung der Tourismusbranche konnte keiner rechnen. Darum können wir die Leute jetzt auch nicht umschulen, damit sie in den Kernkraftwerken genau das Zeug verfeuern, was es gar nicht gibt. Nicht mal, wenn sie vorher in der Pflege waren. Da ist einiges ganz schön schief gelaufen. Aber ansonsten haben wir die Krise sehr gut am Laufen gehalten.

Nein, das war jetzt kein Versprecher. Sie haben auch schon davon gehört, dass eine Menge Firmen in den vergangenen Jahren ihre Dividenden enorm steigern konnten, ohne dass wir die Arbeitnehmer mit höheren Löhnen belästigen mussten. Dazu muss man eine sehr gute Unternehmensberatung haben, nämlich uns. Wir sorgen dafür, dass Güter knapp und teuer werden, und im Gegenzug erschweren wir Ihnen, von ihren sinkenden Löhnen zu viel zu kaufen, so dass für die genug übrig bleibt, die es sich noch leisten können. Das ist ein sehr feines Gleichgewicht, und wir sind wirklich stolz darauf, dass wir das so gut hinkriegen.

Deshalb heißt unsere Branche Krisenwirtschaft – wir machen keine Wirtschaftskrisen, wir machen die Krisen für die Wirtschaft. Das klingt zunächst wie eine Verschwörungstheorie, aber wenn Sie mal genau hinschauen, dann werden Sie merken, es ist gar keine Theorie. Wir setzen das schon praktisch um. Nur so funktionieren groß angelegte Strategien, wenn man den Markt richtig unter Kontrolle haben will. Eine Kleinigkeit übersehen, Start-ups, neue Technologien oder ein Gesetz, das versehentlich das tut, was es soll, und Sie haben enorme Turbulenzen, die man kaum noch in den Griff kriegt. Stellen Sie sich mal vor, die Autoindustrie macht ernst und will keine Verbrenner mehr bauen – die Ölkonzerne sind das eine, aber die Erderwärmung könnte irgendwie ins Stocken geraten, und dann haben wir Jahrzehnte mit einer Lügenkampagne zugebracht, die sich im Endeffekt nicht auszahlt.

Wenigstens den Fachkräftemangel haben wir durch ein gutes Beratungspaket so hingekriegt, dass eine Krise haben, die sich selbst am Laufen hält. Das hätte durch die Migrationswellen auch ziemlich in die Hose gehen können. 2015 konnten wir noch gegensteuern, die Bildungsabschlüsse werden zum Teil bis heute nicht anerkannt, da uns die staatlichen Akteure unterstützen, und wir haben auch da eine ganz gute Balance hinbekommen. Es muss für die konservativen Kräfte in der Politik immer genug Abschiebepotenzial vorhanden sein, weil sonst die nächsten Wahlen gefährdet sind. Dazu braucht man natürlich Einwanderung. Wen wollen Sie sonst abschieben? Momentan haben wir ein ganz stabiles Gleichgewicht, aber gerade der unvorhergesehene Angriff auf die Ukraine bringt das in ein gefährlich aussehendes Ungleichgewicht. Das sind diesmal keine aggressiven jungen Männer, die man als feige Deserteure und potenzielle Vergewaltiger framen kann. Außerdem ist es sehr schwierig, wenn wir von Kriegsflüchtlingen behaupten, sie kämen nur für Geld nach dem Asylbewerberleistungsgesetz in die Bundesrepublik. Das macht die Sache schwierig und zwingt uns, bei einigen Dingen die Wahrheit zu sagen. Ich hätte nicht gedacht, dass wir einmal so tief in der Scheiße stecken würden.

Aber zum Glück gibt in der Politik Kunden, die die Nerven behalten. Die Mineralölkonzerne haben uns schon mit Preisverfall gedroht, noch bevor wir ausgerechnet haben, um wie viel das die Kaufkraft der arbeitenden Bevölkerung steigern würde. Das hätte eine Katastrophe werden können, aber zum Glück kam dann der Tankrabatt, wir haben uns mit einer Marktanalyse durchgesetzt, mit der wir den Kraftstofffirmen klarmachen konnten, dass es nur um den Verkaufspreis geht. Nicht um Rohstoffe, Produktions- oder Lagerkosten, von Personalkosten sowieso mal ganz zu schweigen. Das könnte eine der klassischen Win-Win-Situationen werden, in denen wir als Organisatoren der Krise mehr als genug von den Übergewinnen der Konzerne abkriegen. Wenn das beim Benzin so gut klappt, sehe ich keine Probleme, dass wir dieselbe Nummer im nächsten Quartal mit Gas noch mal durchziehen, und da empfehlen dann 1.500% Preisanstieg. Wenn sich gute eine Million Leute erhängen, aus ihren Wohnungen rausfliegen oder pleite gehen, weil sie ihre Heizkosten nicht mehr bezahlen können, dann haben wir ja letztlich auch der Wohnungswirtschaft eine kleine Gefälligkeit getan, die man bei nächster Gelegenheit einfordern könnte. Die Politik kommt in letzter Zeit auf ganz komische Ideen. Gut, nicht in Berlin. Aber sonst halte ich nichts für unmöglich.

In Klinikkonzerne würde ich jetzt allerdings investieren, das lohnt sich. Wir haben die ersten richtig heißen Sommertage vor uns, die kommende Dürreperiode wird auch mindestens so gut wie im Strategiepapier, und irgendwo müssen die Opfer des schönen Badewetters, wie die Medien das gerade nennen, ja medizinisch versorgt werden. Vielleicht bringt uns das ja wieder Zuwanderung aus Afrika, die sind solche Temperaturen ja gewohnt, und dann sinken die Löhne mit den Wasserständen um die Wette. Hört sich richtig beschissen an? Wird es auch. Außer für Sie natürlich. Sie haben ja Geld.“





Fassware

12 05 2022

„… von katastrophalen Zuständen in Deutschland spreche und ein sofortiges Nothilfeprogramm der Bundesregierung fordere. Für CSU-Chef Söder stehe durch den drohenden Anstieg des Bierpreises eine nationale…“

„… gehe der Deutsche Brauerbund bis zum Ende des Jahres von einer Steigerung um 30% des Verkaufspreises aus. Dies könne durch saisonale Ereignisse wie Ernteausfälle noch weitere Folgen haben und einen erheblichen Einfluss auf die Produktionsmengen in den…“

„… zunächst regionale Auswirkungen haben werde, wie Wirtschaftsminister Habeck mitgeteilt habe. Es sei je nach Preisanstieg und Verbrauch an den Bundesländern, eine Obergrenze für den Preis durch politische Steuerungsmaßnahmen und…“

„… zahlreiche Gründe zur Verteuerung der Brauereiprodukte führen würden. Das durch den Holzmangel verursachte Fehlen von Paletten könne etwa durch vermehrten Bierkonsum in Gaststätten, Kneipen und Clubs teilweise aufgefangen werden, es sei denn, es werden durch den Glasmangel und die Knappheit von Weißblech, was zu einer stark eingeschränkten Produktion von Kronkorken und…“

„… dass der Biergarten zum Internationalen Weltkulturerbe der Menschheit erklärte werden müsse. Söder verbürge sich dafür, dass der Bayer als solcher eher auf Brot oder Weißwurst verzichte als auf den Verbrauch von täglich mindestens zwei bis drei…“

„… werde es keine Anhebung der ALG-II-Sätze geben, da der Verzehr alkoholischer Getränke nur Arbeitnehmern zustehe, nicht aber den…“

„… rechne das Bundesverkehrsministerium für den Sommer mit einer sinkenden Anzahl schwerer Autounfälle. Da sowohl Kraftstoff als auch Bier teurer würden, könne man mit einer geringeren Quote an alkoholisierten Fahrern rechnen, die in…“

„… lasse die Bayerische Landesregierung die Möglichkeit eines regionalen Ausschanks in den Brauereien prüfen, um etwaige Schwachstellen in der Lieferkette auszugleichen. So könne wenigstens die preisreduzierte Abgabe in eigenen Gefäßen und zum zeitnahen Verbrauch eine…“

„… durch den Verzicht auf Alkohol einen unfairen Vorteil gegenüber der Volksgemeinschaft habe. Gauland wolle daher die Muslime zu einer Strafsteuer, die der Brauereiwirtschaft zufließe, und zum Zwangskonsum von mindestens…“

„… die Gefahr bestehe, dass die Kunden das ab Werk bezogene Bier gleich an Ort und Stelle verzehren und damit inoffizielle Volksfeste veranstalten könnten. Der Umweltschutz fürchte zusätzlich eine erhöhte Belastung der Gewässer mit unsachgemäß entsorgten Resten, die sich auf das Grundwasser und die angrenzenden…“

„… davor gewarnt werde, dass Gaststätten die Bierpreise übermäßig erhöhen könnten. Dies sei in der Vergangenheit bereits mehrfach ein Anlass für gewaltsame Aufstände der…“

„… mit dem Tankwagen beschicken werde. Die von der Bayerischen Landesregierung festgelegten Fahrtrouten und Ausgabetermine müssten allerdings durch einen Online-Terminservice unterstützt werden, um größtmögliche Planungssicherheit für Bürger und Brauereien zu…“

„… eine Bierpreisbremse für die FDP nicht in Betracht komme. Wer nicht verzichten wolle, dürfe auch auf deutsche Weinen zurückgreifen, falls diese nicht durch die Exportsteigerung vom Markt…“

„… Fassware an den Endverbraucher abgeben müsse. Für die CSU-Landesgruppe bestehe im stark gesteigerten Bierverbrauch eine nationale Aufgabe, die zur Stabilisierung der Volkswirtschaft sowie des…“

„… sich für eine Aufhebung der Umsatzsteuer auf Brauereierzeugnisse ausgesprochen habe. Söder werde es nicht zulassen, dass die Mehrheit der deutschen Bevölkerung durch steigende Bierpreise kein Geld mehr zur Ernährung der Kinder mit…“

„… hätten die Brauereien keinen Anlass, den traditionell hohen Preis für eine Maß auf dem Oktoberfest in diesem Jahr merklich zu senken. Es gebe Brauchtum, so der Verbandssprecher, das sich seit langer Zeit etabliert habe und deshalb keiner…“

„… die Aufnahme eines Menschenrechts auf Versorgung mit Bier ins Grundgesetz schreiben lassen wolle. Söder verspreche, dass er gleich nach seiner Wiederwahl im Jahr 2023 eine entsprechende Anfrage beim…“

„… dass die Preiserhöhungen bereits im Herbst 2021 beschlossen worden seien und mit dem Krieg in der Ukraine nicht zu tun hätten. Als Folge des pandemiebedingten Personalmangels seien alle Lieferketten geschwächt, es komme außerdem durch die klimatisch verursachten Ernteausfälle an Hopfen und einen allgemeinen Wassermangel vor allem in den…“

„… rate Habeck zu einer Beschleunigung der Energiewende, um wenigstens die Stromkosten der Brauereibetriebe zu senken. Als Sofortmaßnahme halte er die Ausstattung aller bayerischen Betriebe mit Fotovoltaik für eine machbare…“

„… eine klare Abfuhr erteilt habe. Merz rate der Bevölkerung, wie alle normalen Deutschen auch Champagner zu trinken, der auf Mehrwegflaschen ebenso wenig angewiesen sei wie auf Bierfilze, Kronkorken oder…“





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXIX): Krise und Populismus

18 06 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Seitdem sich die Hominiden auf das Konzept Zivilisation eingelassen hatten, waren sie eigentlich immer im Krisenmodus. Nicht immer haben sie es gemerkt, mit einer etwas pessimistischen Haltung kann man Fortschritt ja auch schon mal mit Krise verwechseln, und das schwiemelt sich durch die Geschichte wie Neigung des Menschen, immerzu recht haben zu wollen und anderen die Schuld zu geben, wenn es mal nicht stimmt. Ein Zeitalter ohne Postkutschen wäre vor zweihundert Jahren wie ein Alptraum erschienen, ohne Schreibmaschine aber war noch Leben möglich. Die Europäer, besser: das, was von ihnen noch übrig ist, sterben vermutlich in naher Zukunft aus, weil sie nicht in der Lage sind, ohne zweimal im Jahr auf die Balearen zu fliegen, diesen Kontinent weiter zu besiedeln. Das reicht für eine weitere Krise, die das eine oder andere Land bis kurz vor den Umsturz bringt. Man munkelt, das Volk sei bereits gerüstet, den Rasen zu betreten. Es folgt doch nur der Weisheit, dass jede Krise in den Populismus mündet, unweigerlich.

Dass sich eine Gruppe in Problemsituationen den starken Mann herbeiwünscht und dabei allem hinterläuft, was nur laut genug brüllt, ist nicht nur durch die Aufmerksamkeitsökonomie Konfliktstoff zwischen kurzfristigen Interessen und Vernunft. Das Paradox entsteht, wenn die Frustrierten zwar in ihrer Sorge nach denen suchen, deren Kompetenz sie vor den Konsequenzen einer nicht behobenen Gefährdung schützen könnte, aber nur die finden wollen, die gleich zur vollständigen Säuberung des Gemeinwesens antreten: missliebige Minderheiten marginalisieren, Feindbilder aufpusten, konstant im Opferrollenspiel den Präventivschlag gegen den Rest der Welt rechtfertigen. Die Krise verzwergt die Person und engt ihren Blick um den eigenen Nabel erheblich ein, bis sich jeder selbst der Nächste ist – und weil die Gesellschaft im Paradox lebt, lässt sie sich die Haltung als Ausweg verkaufen, die nur in der großen Gemeinschaft funktioniert. Natürlich nur für die, die man nicht vorher schon rauswirft.

Die rein ausweglose Lage, die bei rationaler Betrachtung gar nicht so ausweglos ist, spült einen Typus an die Oberfläche, der bereits vorher in der Politik reüssieren konnte, jetzt aber als Rolemodel taugt für den Ritt in die untergehende Sonne: den Ego-Shooter, der ein Land auch dann zur Beute und in Geiselhaft nimmt, wenn er sich schon die Justiz zum Feind gemacht hat und nur noch das Ziel sieht, mit heiler Haut aus der Nummer zu kommen. Er treibt das billige Einer-gegen-alle-Spiel, das sich auch nicht zu blöd ist, eine Minderheit als gefühlte Mehrheit zu adressieren, bis es die Mehrheit als gefühlte Minderheit weiter aufhetzen kann. Da die zum Auffalten kognitiver Dissonanzen, ohne die keine populistische Ideologie besteht, zwingend notwendigen Verschwörungsrauner das alsbaldige Ende der Welt verkündet haben, bleibt die Skepsis als unsicheres Terrain, auf dem sich die Zweifler bewegen müssen. Noch schwieriger wird es, wo die Auswirkungen der Krise sich im Rahmen hielten, während die populistischen Führer sich auf die Fahne schreiben, das unausweichliche Weltende verhindert zu haben. So schrumpft und verdichtet sich das Gefolge der Knalldeppen bei jeder Runde, Arbeitsmarkt und Euro, Pandemie und Klima, und radikalisiert sich.

Nach der Krise aber ist vor der Krise, erst recht in einem durchgängigen Tanz auf der Rasierklinge, dem sich der neoliberal geschärfte Konsumismus als Staatsreligion unterwirft. Und so schüttelt sich eine gebeutelte Gesellschaft, stellt fest, dass es noch einmal gut gegangen ist, jedenfalls haben sich die Schäden in Grenzen gehalten, und geht allmählich zur Tagesordnung über, wohl wissend, dass sich am Horizont die nächste Katastrophe zusammenbraut. Am deutlichsten sichtbar wird es in den Spätfolgen für die demokratische Teilhabe, wo man gelernt hat, dass es, wenigstens vorübergehend, auch mit dem starken Mann funktioniert hat. Und so sinkt die Zeit der einen Krise gemach in die rosige Erinnerung ab, die noch jeden Morast der Geschichte erträglich macht, wenn man ihn denn überhaupt erlebt hat.

Und so lässt sich der gemeine Bekloppte auch nach der Sintflut von den folgenden Herrschern als dumpfer, materiell orientierter Armleuchter in jedes beliebige Bockshorn jagen, der nicht selbst denkt, es sich aber wenigstens einbildet. Die Normen der liberalen Gesellschaft haben sie irgendwann über Bord geworfen, das Andenken daran verblasst, bis die soziale Zusammenrottung sich selbst nicht mehr als Gesellschaft begreifen würde, wenn man es ihr nicht unaufhörlich sagen würde: zu Weihnachten, im Wahlkampf, vor dem Krieg. Wie der Populismus sich aus der Krise speist, gebiert er neue Krisen, die zunehmend den kleinen Mann auf der Straße treffen und es notwendig machen, ihm uniforme Meinung und konformes Verhalten vorzuschreiben. Was in einer Volksmasse ohne Pluralität auch recht einfach geht. Wenn erst einmal alles am Boden liegt, ist halt auch ein stabiler Zustand erreicht. Aber das ist dann halb so schlimm, denn dafür wird dann keiner mehr verantwortlich sein wollen, weshalb auch keiner mehr dafür verantwortlich sein wird. Und das geht auch erstaunlich gut. Bis zur nächsten Krise.





Und alle Fragen offen

22 08 2011

„Deshalb gleich zu Anfang unsere wichtigste Frage: Wie kommen wir aus der Krise?“ „Ja, das ist richtig und das muss man auch so sagen, wir haben das immer schon, und da können wir auch als die Partei, die sich von Anfang an ausgesprochen hat für eine stärkere und vor allem, dass wir jetzt endlich auch Maßnahmen ergreifen, die man dann aber auch umsetzen muss, denn es hilft ja nicht, dass man dann immer nur darüber redet, man muss dann endlich jetzt auch mal etwas ganz konkret, so wie wir das auf unserem letzten Parteitag im Juni beschlossen haben.“ „Ja, aber wie kommen wir aus der Krise?“

„Schauen Sie, wir können jetzt ja nicht so an die Märkte herangehen und sagen: ‚Wir gehen an die Märkte heran‘, und dann haben wir letztlich nichts erreicht, weil das eine internationale, und auch die Fiskalpolitik, Steuern und auch die gemeinsamen Finanzen in der Eurozone, wobei das ja noch gar nicht raus ist, ob wir hier eine Einigung erzielen, die die Märkte dann, wenn wir das – ich betone: wenn wir überhaupt ohne nochmaligen, ohne einen Rettungsschirm, der zum jetzigen Zeitpunkt natürlich auch vollkommen undenkbar, und da möchte ich dann noch mal die Kanzlerin zitieren, dass wir da so schnell wie möglich zu einer gemeinsamen Lösung finden werden, die wir auch als internationale Partner, hier in Europa und dann auch in der gemeinsamen Eurozone.“ „Und wie kommen wir dann aus der Krise?“ „Wir können jetzt zwei Wege einschlagen. Der eine Weg, das ist auch der, den die Kanzlerin, und die Koalition sieht ja im Moment so aus, dass das wieder nicht klappt, also werden wir noch ein paar Wochen länger warten, bis wir eindeutige Ergebnisse, die dann auch zehn bis maximal fünfzehn Milliarden mehr kosten, weil dadurch die Märkte leichter wieder Vertrauen fassen, dass wir es diesmal, und das hoffe ich sehr, dass wir es, diesmal wenigstens, auch ernst meinen, und diese fünfzig, maximal sind es dann vierhundert Milliarden Euro, die müssen dann auch reichen, weil wir ja sehen, dass wir das ohne eine entschlossene Regierung gar nicht können.“ „Gut, und wie kommen wir aus der Krise?“ „Weil wir als eins der Länder in der Eurozone, die auch mit dem Binnenkonsum, auch mit der Staatsquote und einem Anteil von, das sind aktuelle Zahlen, ungefähr genau, maximal bis zu mindestens 6.000 Punkte, und wir müssen auch sehen, dass wir die Märkte, die ja selbst abhängig sind von den Rohstoffen, vom Parketthandel an internationalen und teilweise sind es ja auch Handelsplätze außerhalb von Deutschland und London, und da müssen wir dann sehen, ob die Reaktion bei Offshore-Investments überhaupt etwas bringen, sonst ist das für uns keine Lösung, weil wir damit auch keinen deutschen Sonderweg riskieren.“

„Wie werden wir aus der Krise kommen?“ „Ich weiß nicht, was die Kanzlerin und Herr Sarkozy da im Einzelnen verabredet haben, damit diese Titel so schnell abstürzen, aber es war ja auch ein Schritt in die richtige Richtung, weil wir jetzt sehen, dass wir ohne eine vorgefertigte Lösung für die Probleme, die sich aus einem weiteren Rettungsschirm, den wir von Anfang an nicht ohne eine Einigung mit den EU-Ländern, mit den Partnern in der Eurozone, aber auch mit der EZB und den Kreditgebern, weil wir die Zinsen da nicht bestimmen, dazu müssten sich die Märkte bewegen, und es sieht im Moment nicht aus, als würde hier nur eine internationale, von allen angestrebte Lösung, die auch die Partner in der Eurozone, und auch die EU-Ländern, aber das wird sich letztlich zwischen Herrn Sarkozy und der Kanzlerin abzeichnen.“ „Wie kommen wir aus der Krise?“ „Lassen Sie mich da einen Aspekt ganz bewusst hervorheben, den seit der Kreditklemme der deutschen Banken, und das betrifft ja auch unsere eigene Finanzpolitik, die Zinspolitik, Basel III, weil auch der Stresstest nicht immer so, wie wir uns das gewünscht hätten, wenn die Anleger hier das Sagen hätten, aber das können wir nicht mit der Politik regeln, das sind Eingriffe in Regulierungen, die die Märkte dann so regulieren, dass wir wieder in eine Krise kommen, weil wir die Regulierung, für die die Anleger ja den Staat, der hier mit Recht eine Schutzfunktion, die wir brauchen.“ „Konkret: Wie kommen wir aus der Krise?“ „Wie gesagt, das sind die Aufgaben, die jetzt anstehen, für die Koalition, aber auch die Kanzlerin muss jetzt Farbe bekennen – und das auch in der Eurozone, in den bilateralen, in den trilateralen und in multilateral-internationalen Gesprächen innerhalb der EU und Europa, was die gemeinsame Haushaltspolitik mit sich bringen wird.“ „Wie kommen wir aus der Krise?“ „Dazu brauchen wir drei Dinge, erstens das Vertrauen der Märkte, die uns mit täglich neuen Hiobsbotschaften versorgen, dass wir im Moment auch eine leichte Rezession haben, solange der Aufschwung noch anhält, und zweitens, weil wir die Sache schnell entscheiden müssen.“ „Wie kommen wir aus der Krise?“ „Indem wir das nicht überstürzen, sondern uns auf dem kommenden EU-Gipfel mit allen internationalen Partnern in der EU, aber auch die Eurozone, soweit wir eine Union nicht als Transferunion, die sie faktisch ist, für eine effektive Stärkung, die dem Nullwachstum etwas entgegensetzen könnte.“ „Und wie kommen wir aus der Krise?“ „Mit diesen Mechanismen im Gepäck dürfen wir nicht weiter warten, die Kanzlerin als Regierungschefin muss jetzt handeln, und es gibt hier, und die Koalition weiß das, und sie müsste es auch wissen, nur eine Frage: Wie kommen wir aus der Krise?“ „Vielen Dank für das Gespräch.“ „Bitte, keine Ursache.“





Die Trümmerfrau

12 06 2010

Die Pferde: scheu, das Volk: verhetzt,
der Karren: an die Wand gesetzt.
Das Volk sei schuld! der Kutscher flucht
und eilig er das Weite sucht.
Die Garde aber, Mann für Mann,
lässt keinen an den Dieb heran,
und schon ist Deutschland – Schuft, nun lauf! –
    im Ausverkauf.

Die Armen hat man vorgeknöpft,
dass man Gewinn und Vorteil schöpft.
Man presst das Volk. Man senkt den Lohn,
man schüttet Spott aus, Hieb und Hohn,
denn wieder zahlt nur, wer nichts hat,
und macht die faulen Hunde satt,
auch wenn das Land – wie Ihr es seht –
    schon Pleite geht.

Die Blase wächst, Kredit! Kredit!
Wer schuldig war, der rennt und flieht.
Nur eine bleibt, schon angezählt,
da sich der Michel glatt verwählt.
Sie schmeißt das Geld zum Fenster raus,
sie lädt Vasallen sich zum Schmaus
und leugnet tapfer – hört nur hin! –
    noch den Ruin.

Schon kehrt das wieder, samtverhüllt
samt Pack, das sich den Beutel füllt.
Verpflichtung? Haftung? Schuldigkeit?
Die Herrschaft hat dafür kaum Zeit.
Wo andre mutig geradestehn:
blasiertes, eitles Prahlgetön
als Festmusik – Tschinell, Fagott –
    zum Staatsbankrott.

Da sah sie zu, die Kanzlerin,
nahm alles kuhgesichtig hin,
worum sich keiner kümmerte,
bis man den Rest zertrümmerte.
Ja schau, die Bonzenrotte lacht,
wie unser Muttchen Männchen macht
und hüpft im Takt – wenn man sie lässt –
    zum letzten Rest.





Literatur de force

2 07 2009

Es war soweit. Ich hatte es geschafft. Sie luden mich ins Fernsehen ein. Die Kulturredaktion trug mir an, als Gast in der Musiksendung Allegro parlando aufzutreten. Eine Stunde lang würde ich mit Bierbichler, dem Großmeister der Konzertkritik, und dem Ex-Intendanten Fritschekau über Mozart und Moderne plaudern. Das Publikum würde mich lieben. Jede Platte, die ich bejubelte, würde sich verkaufen wie geschnitten Brot, und was noch viel schöner war: jeder Tenor, den ich verreißen würde, könnte sich einen Strick kaufen. Ich sagte postwendend zu.

Fieberhaft sehnte ich den Schluss der Sendung herbei, wenn der Stargast drei Interpreten nennen darf. Voller Vorfreude war ich auf die Rubrik, in der der Besucher drei Alben verrät, mit denen er auf der einsamen Insel stranden wolle. Nonchalant würde ich sagen: „Sex Pistols und eine Talking-Heads-Scheibe. Und Mahler. Bin ja nicht so altmodisch, wie ich aussehe.“ Hach, was würde das ein Spaß!

Etwas ernüchternd war das Fax, das mich am kommenden Morgen erreichte. Die Sekretärin sei in der Spalte verrutscht. Nein, keine Absage. Ich sei nur stattdessen bei Literatur heute vorgesehen. Bis Mittwoch also.

Das würde ein Spaß sein. Ich sollte mich mit einer als Moderatorin getarnten Verlagsagentin über Neuerscheinungen unterhalten, die weder ich noch sie gelesen hat. Zahlt man dafür etwa Gebühren?

Also Recherche. Doch wo bloß anfangen? Die Leserkommentare diverser Online-Grabbeltische halfen mir nicht weiter. Zumal ich bezweifelte, dass man Eckart von Hirschhausen auf Ansätze von Widerspiegelungstheorie abklopfen kann. Hier ist der Fachmann gefragt. Ich betrat die Buchhandlung von Onkel Böhlke. Der ältere Herr, der mich durch alle Lesealter von Lindgren über Tucholsky bis zu Schopenhauer begleitet hatte, bedauerte, dass er nichts über Neuerscheinungen zu sagen wisse. Literatur ja. Bücher seien nicht so sein Gebiet. Im ersten Drucksachensupermarkt schaffte ich es immerhin, drei Stunden lang unauffällig die Regale nach Frischware zu durchstöbern und mir Klappentexte einzuprägen. Ab und zu las ich eine Passage. Irgendwann ließen sich die Verkäuferinnen nicht mehr abschütteln. Revierwechsel also.

Drei Läden weiter war ich erschöpft, aber kaum klüger. Was nicht wundert, da alle Sortimenter doch letztlich dasselbe anbieten. Ich schlug eine andere Taktik an. Einer Buchhändlerin machte ich weis, auf der Suche nach anspruchsvoller Lektüre zu sein. Sie bemühte sich rührend um mich, gab jede Menge Waschzettel zum Besten. Doch blieb ich ratlos. Ich wusste nun alles. Leider über das Sortiment, das überall feilgeboten wurde.

In höchster Not rief ich einen Studienkollegen an, der im Feuilleton der FAZ saß. Er konnte mir auch nicht weiterhelfen, da er ins TV-Ressort abgeschoben worden war – er klagte, er habe seit 2004 kein Buch mehr in der Hand gehabt.

So harrte ich aus, bis die Visagistin fertig war und das Mikrofon saß. Der Aufnahmeleiter klopfte mir ermunternd auf die Schulter. Die Übertragung begann. Heidrun Schwörke-Ploßmann begrüßte das Publikum und führte mich als Experten für die deutsche Postmoderne ein. Was für mich auch neu war, aber sollte ich die Sendung mit einem Eklat beginnen lassen?

Windspuren hieß der erste Titel, auf dem Schutzumschlag als Roman zu identifizieren. Während der Redakteur hinter der Kamera sich konzentriert die Fingernägel säuberte, verfiel ich in einen Dämmerschlaf, aus dem mich die Worte „Und wie haben Sie das empfunden?“ rissen. Gut, es hilft ja nichts. „Dies ist, wenn man so will“, begann ich krächzend, „nicht der erste Versuch, sich mit diesem Komplex zu befassen, und ich würde sagen, ein gelungener. Ich hätte zuerst nicht gedacht, dass ich mich auf diese Gefühlstiefe würde einlassen können, aber im Duktus der Erzählsprache gibt es doch so Einfühlsames, dass ich mich darin auch ein Stück weit wiederfand.“ Geschafft. Es geht also.

Der nächste Kandidat war der zweite Teil einer Trilogie. Schwörke-Ploßmann schlug auf den am Boden liegenden Verfasser ein. Schon der Erstling sei mau gewesen, saftlos, blass. Ich fuhr ihr in die Parade. „Blass? Dieser Minimalismus hat mich schon im ersten Band von Peter Puttelheimer fasziniert! Diese zurückgenommene Perspektive, dies feine Auffalten von Details, das ist doch die Kunst!“ Und jetzt, meine Guteste, lasse ich Dich leiden. „Wer hat das denn im ersten Teil überhaupt bemerkt? Die Literaturkritik? Der bornierte Haufen, der zu blöd ist, die Nuancen der Tempuswahl auch nur zu kapieren?“ Während die Leseratte ein bisschen Unsinn stotterte, blickte ich den Redakteur an. Er lächelte aufmunternd zurück.

Dann widmeten wir uns der Kinder- und Jugendliteratur. Dem Schwachkopf, der dazu Schnuffibärchens lustige Abenteuer in den Stapel geschmuggelt hatte, gebührt mein höchster Respekt. Die Bücherhexe wollte gerade zu der üblichen Kaufempfehlung ansetzen, ich ließ sie nicht zu Wort kommen. „Das hier ist eine bodenlose Frechheit! Solche Bücher gehören in den Reißwolf, aber nicht in Kinderhände!“ Irritiert fragte sie, was denn daran auszusetzen sei. Doch das stachelte mich erst recht an. „Das ist doch sein Papier nicht wert! Schnuffibärchen – meine Güte, das baut man doch gleich ganz anders auf! Die Exposition ist ja schon völlig versaubeutelt, und was ist mit einem Erzählstrang, in dem man den Eisbären-Hype mit dem feigen Mord an einem unschuldigen Bären kontrapunktiert, der nur zum Problembären wurde, weil die Verwaltung jedem Vollidioten Unterschlupf gewährt? Klimaschutz, Artenschutz, Tierrechte – was hätte man da alles thematisieren können!“ Heidrun Schwörke-Ploßmann hyperventilierte, versuchte aber, mich zurückzuhalten. „Das ist doch nur ein Kinderbuch, das…“ „Nur? nur ein Kinderbuch!?“ Ich verlor sehr kontrolliert die Beherrschung. „Sie stecken doch mit dieser ganzen Bagage unter einer Decke! Sie wollen das Heile-Welt-Geschwafel im Kinderzimmer! Und das sorgt dann dafür, dass Kinder sich jeden Dschungeldreck in der Glotze reinziehen, statt Proust zu lesen. Frau Schwörke-Ploßmann“, und ich betonte jede Silbe einzeln, „wollen Sie mir weismachen, Sie hätten in Ihrem Leben auch nur eine einzige Zeile Proust gelesen?“ Sie röchelte, während sie vom Stuhl glitt. „Nein, ich…“ „Da haben wir’s doch“, höhnte ich, „dreieinhalb Semester Sozialpädagogik an der Volkshochschule Blödelheim, nie eine Zeile Proust gelesen, und Sie wollen hier der Nation erzählen, was Literatur ist? Gehen Sie mir aus den Augen!“ Brüsk stand ich auf und lief auf die Kamera zu. Das Lämpchen erlosch.

Der Aufnahmeleiter verließ das Studio nicht, ohne mich vorher noch einmal breit anzugrinsen und den Daumen in die Höhe zu strecken. Der Redakteur drückte mir kraftvoll die Hand. Er rang sichtlich nach Worten. Ein großer Moment und sicherlich der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie der Notarzt Entwarnung gab. Heidrun Schwörke-Ploßmann würde durchkommen. Halb so schlimm.

Am nächsten Tag hatte ich den Vertragsentwurf für Literatur heute in der Post. Je eine Folge zu sechzig Minuten pro Woche, angedachte Laufzeit drei Jahre. Studiogäste nach Absprache. Noch schwanke ich. Muss ich jetzt etwa anfangen, Bücher zu lesen?