Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXIX): Krise und Populismus

18 06 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Seitdem sich die Hominiden auf das Konzept Zivilisation eingelassen hatten, waren sie eigentlich immer im Krisenmodus. Nicht immer haben sie es gemerkt, mit einer etwas pessimistischen Haltung kann man Fortschritt ja auch schon mal mit Krise verwechseln, und das schwiemelt sich durch die Geschichte wie Neigung des Menschen, immerzu recht haben zu wollen und anderen die Schuld zu geben, wenn es mal nicht stimmt. Ein Zeitalter ohne Postkutschen wäre vor zweihundert Jahren wie ein Alptraum erschienen, ohne Schreibmaschine aber war noch Leben möglich. Die Europäer, besser: das, was von ihnen noch übrig ist, sterben vermutlich in naher Zukunft aus, weil sie nicht in der Lage sind, ohne zweimal im Jahr auf die Balearen zu fliegen, diesen Kontinent weiter zu besiedeln. Das reicht für eine weitere Krise, die das eine oder andere Land bis kurz vor den Umsturz bringt. Man munkelt, das Volk sei bereits gerüstet, den Rasen zu betreten. Es folgt doch nur der Weisheit, dass jede Krise in den Populismus mündet, unweigerlich.

Dass sich eine Gruppe in Problemsituationen den starken Mann herbeiwünscht und dabei allem hinterläuft, was nur laut genug brüllt, ist nicht nur durch die Aufmerksamkeitsökonomie Konfliktstoff zwischen kurzfristigen Interessen und Vernunft. Das Paradox entsteht, wenn die Frustrierten zwar in ihrer Sorge nach denen suchen, deren Kompetenz sie vor den Konsequenzen einer nicht behobenen Gefährdung schützen könnte, aber nur die finden wollen, die gleich zur vollständigen Säuberung des Gemeinwesens antreten: missliebige Minderheiten marginalisieren, Feindbilder aufpusten, konstant im Opferrollenspiel den Präventivschlag gegen den Rest der Welt rechtfertigen. Die Krise verzwergt die Person und engt ihren Blick um den eigenen Nabel erheblich ein, bis sich jeder selbst der Nächste ist – und weil die Gesellschaft im Paradox lebt, lässt sie sich die Haltung als Ausweg verkaufen, die nur in der großen Gemeinschaft funktioniert. Natürlich nur für die, die man nicht vorher schon rauswirft.

Die rein ausweglose Lage, die bei rationaler Betrachtung gar nicht so ausweglos ist, spült einen Typus an die Oberfläche, der bereits vorher in der Politik reüssieren konnte, jetzt aber als Rolemodel taugt für den Ritt in die untergehende Sonne: den Ego-Shooter, der ein Land auch dann zur Beute und in Geiselhaft nimmt, wenn er sich schon die Justiz zum Feind gemacht hat und nur noch das Ziel sieht, mit heiler Haut aus der Nummer zu kommen. Er treibt das billige Einer-gegen-alle-Spiel, das sich auch nicht zu blöd ist, eine Minderheit als gefühlte Mehrheit zu adressieren, bis es die Mehrheit als gefühlte Minderheit weiter aufhetzen kann. Da die zum Auffalten kognitiver Dissonanzen, ohne die keine populistische Ideologie besteht, zwingend notwendigen Verschwörungsrauner das alsbaldige Ende der Welt verkündet haben, bleibt die Skepsis als unsicheres Terrain, auf dem sich die Zweifler bewegen müssen. Noch schwieriger wird es, wo die Auswirkungen der Krise sich im Rahmen hielten, während die populistischen Führer sich auf die Fahne schreiben, das unausweichliche Weltende verhindert zu haben. So schrumpft und verdichtet sich das Gefolge der Knalldeppen bei jeder Runde, Arbeitsmarkt und Euro, Pandemie und Klima, und radikalisiert sich.

Nach der Krise aber ist vor der Krise, erst recht in einem durchgängigen Tanz auf der Rasierklinge, dem sich der neoliberal geschärfte Konsumismus als Staatsreligion unterwirft. Und so schüttelt sich eine gebeutelte Gesellschaft, stellt fest, dass es noch einmal gut gegangen ist, jedenfalls haben sich die Schäden in Grenzen gehalten, und geht allmählich zur Tagesordnung über, wohl wissend, dass sich am Horizont die nächste Katastrophe zusammenbraut. Am deutlichsten sichtbar wird es in den Spätfolgen für die demokratische Teilhabe, wo man gelernt hat, dass es, wenigstens vorübergehend, auch mit dem starken Mann funktioniert hat. Und so sinkt die Zeit der einen Krise gemach in die rosige Erinnerung ab, die noch jeden Morast der Geschichte erträglich macht, wenn man ihn denn überhaupt erlebt hat.

Und so lässt sich der gemeine Bekloppte auch nach der Sintflut von den folgenden Herrschern als dumpfer, materiell orientierter Armleuchter in jedes beliebige Bockshorn jagen, der nicht selbst denkt, es sich aber wenigstens einbildet. Die Normen der liberalen Gesellschaft haben sie irgendwann über Bord geworfen, das Andenken daran verblasst, bis die soziale Zusammenrottung sich selbst nicht mehr als Gesellschaft begreifen würde, wenn man es ihr nicht unaufhörlich sagen würde: zu Weihnachten, im Wahlkampf, vor dem Krieg. Wie der Populismus sich aus der Krise speist, gebiert er neue Krisen, die zunehmend den kleinen Mann auf der Straße treffen und es notwendig machen, ihm uniforme Meinung und konformes Verhalten vorzuschreiben. Was in einer Volksmasse ohne Pluralität auch recht einfach geht. Wenn erst einmal alles am Boden liegt, ist halt auch ein stabiler Zustand erreicht. Aber das ist dann halb so schlimm, denn dafür wird dann keiner mehr verantwortlich sein wollen, weshalb auch keiner mehr dafür verantwortlich sein wird. Und das geht auch erstaunlich gut. Bis zur nächsten Krise.





Und alle Fragen offen

22 08 2011

„Deshalb gleich zu Anfang unsere wichtigste Frage: Wie kommen wir aus der Krise?“ „Ja, das ist richtig und das muss man auch so sagen, wir haben das immer schon, und da können wir auch als die Partei, die sich von Anfang an ausgesprochen hat für eine stärkere und vor allem, dass wir jetzt endlich auch Maßnahmen ergreifen, die man dann aber auch umsetzen muss, denn es hilft ja nicht, dass man dann immer nur darüber redet, man muss dann endlich jetzt auch mal etwas ganz konkret, so wie wir das auf unserem letzten Parteitag im Juni beschlossen haben.“ „Ja, aber wie kommen wir aus der Krise?“

„Schauen Sie, wir können jetzt ja nicht so an die Märkte herangehen und sagen: ‚Wir gehen an die Märkte heran‘, und dann haben wir letztlich nichts erreicht, weil das eine internationale, und auch die Fiskalpolitik, Steuern und auch die gemeinsamen Finanzen in der Eurozone, wobei das ja noch gar nicht raus ist, ob wir hier eine Einigung erzielen, die die Märkte dann, wenn wir das – ich betone: wenn wir überhaupt ohne nochmaligen, ohne einen Rettungsschirm, der zum jetzigen Zeitpunkt natürlich auch vollkommen undenkbar, und da möchte ich dann noch mal die Kanzlerin zitieren, dass wir da so schnell wie möglich zu einer gemeinsamen Lösung finden werden, die wir auch als internationale Partner, hier in Europa und dann auch in der gemeinsamen Eurozone.“ „Und wie kommen wir dann aus der Krise?“ „Wir können jetzt zwei Wege einschlagen. Der eine Weg, das ist auch der, den die Kanzlerin, und die Koalition sieht ja im Moment so aus, dass das wieder nicht klappt, also werden wir noch ein paar Wochen länger warten, bis wir eindeutige Ergebnisse, die dann auch zehn bis maximal fünfzehn Milliarden mehr kosten, weil dadurch die Märkte leichter wieder Vertrauen fassen, dass wir es diesmal, und das hoffe ich sehr, dass wir es, diesmal wenigstens, auch ernst meinen, und diese fünfzig, maximal sind es dann vierhundert Milliarden Euro, die müssen dann auch reichen, weil wir ja sehen, dass wir das ohne eine entschlossene Regierung gar nicht können.“ „Gut, und wie kommen wir aus der Krise?“ „Weil wir als eins der Länder in der Eurozone, die auch mit dem Binnenkonsum, auch mit der Staatsquote und einem Anteil von, das sind aktuelle Zahlen, ungefähr genau, maximal bis zu mindestens 6.000 Punkte, und wir müssen auch sehen, dass wir die Märkte, die ja selbst abhängig sind von den Rohstoffen, vom Parketthandel an internationalen und teilweise sind es ja auch Handelsplätze außerhalb von Deutschland und London, und da müssen wir dann sehen, ob die Reaktion bei Offshore-Investments überhaupt etwas bringen, sonst ist das für uns keine Lösung, weil wir damit auch keinen deutschen Sonderweg riskieren.“

„Wie werden wir aus der Krise kommen?“ „Ich weiß nicht, was die Kanzlerin und Herr Sarkozy da im Einzelnen verabredet haben, damit diese Titel so schnell abstürzen, aber es war ja auch ein Schritt in die richtige Richtung, weil wir jetzt sehen, dass wir ohne eine vorgefertigte Lösung für die Probleme, die sich aus einem weiteren Rettungsschirm, den wir von Anfang an nicht ohne eine Einigung mit den EU-Ländern, mit den Partnern in der Eurozone, aber auch mit der EZB und den Kreditgebern, weil wir die Zinsen da nicht bestimmen, dazu müssten sich die Märkte bewegen, und es sieht im Moment nicht aus, als würde hier nur eine internationale, von allen angestrebte Lösung, die auch die Partner in der Eurozone, und auch die EU-Ländern, aber das wird sich letztlich zwischen Herrn Sarkozy und der Kanzlerin abzeichnen.“ „Wie kommen wir aus der Krise?“ „Lassen Sie mich da einen Aspekt ganz bewusst hervorheben, den seit der Kreditklemme der deutschen Banken, und das betrifft ja auch unsere eigene Finanzpolitik, die Zinspolitik, Basel III, weil auch der Stresstest nicht immer so, wie wir uns das gewünscht hätten, wenn die Anleger hier das Sagen hätten, aber das können wir nicht mit der Politik regeln, das sind Eingriffe in Regulierungen, die die Märkte dann so regulieren, dass wir wieder in eine Krise kommen, weil wir die Regulierung, für die die Anleger ja den Staat, der hier mit Recht eine Schutzfunktion, die wir brauchen.“ „Konkret: Wie kommen wir aus der Krise?“ „Wie gesagt, das sind die Aufgaben, die jetzt anstehen, für die Koalition, aber auch die Kanzlerin muss jetzt Farbe bekennen – und das auch in der Eurozone, in den bilateralen, in den trilateralen und in multilateral-internationalen Gesprächen innerhalb der EU und Europa, was die gemeinsame Haushaltspolitik mit sich bringen wird.“ „Wie kommen wir aus der Krise?“ „Dazu brauchen wir drei Dinge, erstens das Vertrauen der Märkte, die uns mit täglich neuen Hiobsbotschaften versorgen, dass wir im Moment auch eine leichte Rezession haben, solange der Aufschwung noch anhält, und zweitens, weil wir die Sache schnell entscheiden müssen.“ „Wie kommen wir aus der Krise?“ „Indem wir das nicht überstürzen, sondern uns auf dem kommenden EU-Gipfel mit allen internationalen Partnern in der EU, aber auch die Eurozone, soweit wir eine Union nicht als Transferunion, die sie faktisch ist, für eine effektive Stärkung, die dem Nullwachstum etwas entgegensetzen könnte.“ „Und wie kommen wir aus der Krise?“ „Mit diesen Mechanismen im Gepäck dürfen wir nicht weiter warten, die Kanzlerin als Regierungschefin muss jetzt handeln, und es gibt hier, und die Koalition weiß das, und sie müsste es auch wissen, nur eine Frage: Wie kommen wir aus der Krise?“ „Vielen Dank für das Gespräch.“ „Bitte, keine Ursache.“





Die Trümmerfrau

12 06 2010

Die Pferde: scheu, das Volk: verhetzt,
der Karren: an die Wand gesetzt.
Das Volk sei schuld! der Kutscher flucht
und eilig er das Weite sucht.
Die Garde aber, Mann für Mann,
lässt keinen an den Dieb heran,
und schon ist Deutschland – Schuft, nun lauf! –
    im Ausverkauf.

Die Armen hat man vorgeknöpft,
dass man Gewinn und Vorteil schöpft.
Man presst das Volk. Man senkt den Lohn,
man schüttet Spott aus, Hieb und Hohn,
denn wieder zahlt nur, wer nichts hat,
und macht die faulen Hunde satt,
auch wenn das Land – wie Ihr es seht –
    schon Pleite geht.

Die Blase wächst, Kredit! Kredit!
Wer schuldig war, der rennt und flieht.
Nur eine bleibt, schon angezählt,
da sich der Michel glatt verwählt.
Sie schmeißt das Geld zum Fenster raus,
sie lädt Vasallen sich zum Schmaus
und leugnet tapfer – hört nur hin! –
    noch den Ruin.

Schon kehrt das wieder, samtverhüllt
samt Pack, das sich den Beutel füllt.
Verpflichtung? Haftung? Schuldigkeit?
Die Herrschaft hat dafür kaum Zeit.
Wo andre mutig geradestehn:
blasiertes, eitles Prahlgetön
als Festmusik – Tschinell, Fagott –
    zum Staatsbankrott.

Da sah sie zu, die Kanzlerin,
nahm alles kuhgesichtig hin,
worum sich keiner kümmerte,
bis man den Rest zertrümmerte.
Ja schau, die Bonzenrotte lacht,
wie unser Muttchen Männchen macht
und hüpft im Takt – wenn man sie lässt –
    zum letzten Rest.





Literatur de force

2 07 2009

Es war soweit. Ich hatte es geschafft. Sie luden mich ins Fernsehen ein. Die Kulturredaktion trug mir an, als Gast in der Musiksendung Allegro parlando aufzutreten. Eine Stunde lang würde ich mit Bierbichler, dem Großmeister der Konzertkritik, und dem Ex-Intendanten Fritschekau über Mozart und Moderne plaudern. Das Publikum würde mich lieben. Jede Platte, die ich bejubelte, würde sich verkaufen wie geschnitten Brot, und was noch viel schöner war: jeder Tenor, den ich verreißen würde, könnte sich einen Strick kaufen. Ich sagte postwendend zu.

Fieberhaft sehnte ich den Schluss der Sendung herbei, wenn der Stargast drei Interpreten nennen darf. Voller Vorfreude war ich auf die Rubrik, in der der Besucher drei Alben verrät, mit denen er auf der einsamen Insel stranden wolle. Nonchalant würde ich sagen: „Sex Pistols und eine Talking-Heads-Scheibe. Und Mahler. Bin ja nicht so altmodisch, wie ich aussehe.“ Hach, was würde das ein Spaß!

Etwas ernüchternd war das Fax, das mich am kommenden Morgen erreichte. Die Sekretärin sei in der Spalte verrutscht. Nein, keine Absage. Ich sei nur stattdessen bei Literatur heute vorgesehen. Bis Mittwoch also.

Das würde ein Spaß sein. Ich sollte mich mit einer als Moderatorin getarnten Verlagsagentin über Neuerscheinungen unterhalten, die weder ich noch sie gelesen hat. Zahlt man dafür etwa Gebühren?

Also Recherche. Doch wo bloß anfangen? Die Leserkommentare diverser Online-Grabbeltische halfen mir nicht weiter. Zumal ich bezweifelte, dass man Eckart von Hirschhausen auf Ansätze von Widerspiegelungstheorie abklopfen kann. Hier ist der Fachmann gefragt. Ich betrat die Buchhandlung von Onkel Böhlke. Der ältere Herr, der mich durch alle Lesealter von Lindgren über Tucholsky bis zu Schopenhauer begleitet hatte, bedauerte, dass er nichts über Neuerscheinungen zu sagen wisse. Literatur ja. Bücher seien nicht so sein Gebiet. Im ersten Drucksachensupermarkt schaffte ich es immerhin, drei Stunden lang unauffällig die Regale nach Frischware zu durchstöbern und mir Klappentexte einzuprägen. Ab und zu las ich eine Passage. Irgendwann ließen sich die Verkäuferinnen nicht mehr abschütteln. Revierwechsel also.

Drei Läden weiter war ich erschöpft, aber kaum klüger. Was nicht wundert, da alle Sortimenter doch letztlich dasselbe anbieten. Ich schlug eine andere Taktik an. Einer Buchhändlerin machte ich weis, auf der Suche nach anspruchsvoller Lektüre zu sein. Sie bemühte sich rührend um mich, gab jede Menge Waschzettel zum Besten. Doch blieb ich ratlos. Ich wusste nun alles. Leider über das Sortiment, das überall feilgeboten wurde.

In höchster Not rief ich einen Studienkollegen an, der im Feuilleton der FAZ saß. Er konnte mir auch nicht weiterhelfen, da er ins TV-Ressort abgeschoben worden war – er klagte, er habe seit 2004 kein Buch mehr in der Hand gehabt.

So harrte ich aus, bis die Visagistin fertig war und das Mikrofon saß. Der Aufnahmeleiter klopfte mir ermunternd auf die Schulter. Die Übertragung begann. Heidrun Schwörke-Ploßmann begrüßte das Publikum und führte mich als Experten für die deutsche Postmoderne ein. Was für mich auch neu war, aber sollte ich die Sendung mit einem Eklat beginnen lassen?

Windspuren hieß der erste Titel, auf dem Schutzumschlag als Roman zu identifizieren. Während der Redakteur hinter der Kamera sich konzentriert die Fingernägel säuberte, verfiel ich in einen Dämmerschlaf, aus dem mich die Worte „Und wie haben Sie das empfunden?“ rissen. Gut, es hilft ja nichts. „Dies ist, wenn man so will“, begann ich krächzend, „nicht der erste Versuch, sich mit diesem Komplex zu befassen, und ich würde sagen, ein gelungener. Ich hätte zuerst nicht gedacht, dass ich mich auf diese Gefühlstiefe würde einlassen können, aber im Duktus der Erzählsprache gibt es doch so Einfühlsames, dass ich mich darin auch ein Stück weit wiederfand.“ Geschafft. Es geht also.

Der nächste Kandidat war der zweite Teil einer Trilogie. Schwörke-Ploßmann schlug auf den am Boden liegenden Verfasser ein. Schon der Erstling sei mau gewesen, saftlos, blass. Ich fuhr ihr in die Parade. „Blass? Dieser Minimalismus hat mich schon im ersten Band von Peter Puttelheimer fasziniert! Diese zurückgenommene Perspektive, dies feine Auffalten von Details, das ist doch die Kunst!“ Und jetzt, meine Guteste, lasse ich Dich leiden. „Wer hat das denn im ersten Teil überhaupt bemerkt? Die Literaturkritik? Der bornierte Haufen, der zu blöd ist, die Nuancen der Tempuswahl auch nur zu kapieren?“ Während die Leseratte ein bisschen Unsinn stotterte, blickte ich den Redakteur an. Er lächelte aufmunternd zurück.

Dann widmeten wir uns der Kinder- und Jugendliteratur. Dem Schwachkopf, der dazu Schnuffibärchens lustige Abenteuer in den Stapel geschmuggelt hatte, gebührt mein höchster Respekt. Die Bücherhexe wollte gerade zu der üblichen Kaufempfehlung ansetzen, ich ließ sie nicht zu Wort kommen. „Das hier ist eine bodenlose Frechheit! Solche Bücher gehören in den Reißwolf, aber nicht in Kinderhände!“ Irritiert fragte sie, was denn daran auszusetzen sei. Doch das stachelte mich erst recht an. „Das ist doch sein Papier nicht wert! Schnuffibärchen – meine Güte, das baut man doch gleich ganz anders auf! Die Exposition ist ja schon völlig versaubeutelt, und was ist mit einem Erzählstrang, in dem man den Eisbären-Hype mit dem feigen Mord an einem unschuldigen Bären kontrapunktiert, der nur zum Problembären wurde, weil die Verwaltung jedem Vollidioten Unterschlupf gewährt? Klimaschutz, Artenschutz, Tierrechte – was hätte man da alles thematisieren können!“ Heidrun Schwörke-Ploßmann hyperventilierte, versuchte aber, mich zurückzuhalten. „Das ist doch nur ein Kinderbuch, das…“ „Nur? nur ein Kinderbuch!?“ Ich verlor sehr kontrolliert die Beherrschung. „Sie stecken doch mit dieser ganzen Bagage unter einer Decke! Sie wollen das Heile-Welt-Geschwafel im Kinderzimmer! Und das sorgt dann dafür, dass Kinder sich jeden Dschungeldreck in der Glotze reinziehen, statt Proust zu lesen. Frau Schwörke-Ploßmann“, und ich betonte jede Silbe einzeln, „wollen Sie mir weismachen, Sie hätten in Ihrem Leben auch nur eine einzige Zeile Proust gelesen?“ Sie röchelte, während sie vom Stuhl glitt. „Nein, ich…“ „Da haben wir’s doch“, höhnte ich, „dreieinhalb Semester Sozialpädagogik an der Volkshochschule Blödelheim, nie eine Zeile Proust gelesen, und Sie wollen hier der Nation erzählen, was Literatur ist? Gehen Sie mir aus den Augen!“ Brüsk stand ich auf und lief auf die Kamera zu. Das Lämpchen erlosch.

Der Aufnahmeleiter verließ das Studio nicht, ohne mich vorher noch einmal breit anzugrinsen und den Daumen in die Höhe zu strecken. Der Redakteur drückte mir kraftvoll die Hand. Er rang sichtlich nach Worten. Ein großer Moment und sicherlich der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie der Notarzt Entwarnung gab. Heidrun Schwörke-Ploßmann würde durchkommen. Halb so schlimm.

Am nächsten Tag hatte ich den Vertragsentwurf für Literatur heute in der Post. Je eine Folge zu sechzig Minuten pro Woche, angedachte Laufzeit drei Jahre. Studiogäste nach Absprache. Noch schwanke ich. Muss ich jetzt etwa anfangen, Bücher zu lesen?