Gernulf Olzheimer kommentiert (DCXXXVIII): Die Trägheit der Dummen

28 10 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die poröse Stelle an der Höhlendecke war Rrt schon seit längerer Zeit ein Dorn im Auge gewesen. Was, wenn der beständig herabtropfende Niesel die ohnehin brüchige Struktur herauslöste und in die Tiefe stürzen ließe? Natürlich war der Platz an der Feuerstelle begehrt, auch hatte der Sippenälteste wenig Lust, sich von der mit Jagdszenen anmutig geschmückten Wand zu entfernen, die gleichzeitig bei gutem Wetter ein laues Lüftchen und Wärme im Winter bot. Er machte also Gebrauch von seiner Richtlinienkompetenz und entschied, dass nichts geschehen solle. Satt und schläfrig lag er auf einer Lage Bärenfell, als leises Knistern einsetzte. Wenig später bollerten ein paar Tonnen Gestein und Reste von Anhydrit auf den Alten, der sich schon in den ewigen Jagdgründen befand. Nicht mangelhafte Kenntnisse der Mineralogie hatten die Katastrophe befördert, sondern die bräsige Ignoranz eines wie immer nicht an der Umwelt interessierten Deppen, der letztlich für sein eigenes Schicksal und das der gesamten Sippe verantwortlich war. Die Trägheit der Dummen hatte wieder einmal gesiegt.

Es gibt viele Arten, auf die Herausforderungen der Zukunft zu reagieren. Manche beglücken die wehrlose Menschheit mit Hysterie, mit tumben Lügen, mit aggressiver Verleugnung, abhängig von Erkenntnisfähigkeit und Interessenlage. Ab und zu schlägt auch eins Profit daraus, entweder aus dem drohenden Unheil oder aber aus der Tobsucht der Menge und viele sind schlicht gelähmt, weil sie die Angst vor dem Unbekannten und seinen Folgen in Haft nehmen. Nichts aber ist so unverständlich wie die dusselige Ignoranz, die Phlegma und weißes Rauschen zwischen den Ohren erzeugen. Ja, es ist Pandemie, aber wir haben jedes Jahr Weihnachten in der Großfamilie gefeiert. Sicher, man merkt im Sommer die klimawandelbedingte Hitze, aber wie kommen wir denn sonst nach Mallorca? Der in Denken und Handeln verfaulte Honk aus der Mitte der Gesellschaft hält sein Abwägen zwischen den Chancen und Risiken bereits geschehener Havarien gar für vernunftorientiert und beweist messerscharf, dass ein Tempolimit auf deutschen Straßen ja gar nicht durchzusetzen wäre, denn sonst hätte man es längst beschlossen. Er hat die Ruhe weg, hält er sie doch für die einzig notwendige Bürgerpflicht.

Diese Bequemlichkeit, die sich allerlei Gründe zurechtschwiemelt, um aus dem Bezugssystem auszusteigen, betrifft dabei nicht nur den Einzelnen, sondern im Zweifel die ganze Menschheit, die mit der trägen Masse wie mit einem Gewicht um die Füße laufen muss, weil einige offensichtlich zu behämmert sind, um die Kausalketten zu kapieren. Nicht wenigen reicht ein einziges Motiv, das sie mit gewohntem Hirnplüsch entkräften oder gleich in die Richtung des Verschwörungsgelabers drücken, denn wer will sich schon nachsagen lassen, dass er seine eigenen Interessen verriete.

Dabei ist ἀκήδεια, die negative Verknotung von Begehren und Zorn, genau diese Selbstzerstörung, die eine ganzheitliche Lähmung erzeugt, und so hocken die dünn gestrickten Nachtjacken auch nicht einmal mehr wie das Kaninchen vor der Schlange, sie legen sich zur guten Ruhe und hoffen, dass der Weltuntergang schon nicht so schlimm wird. Ist die Dummheit ohnehin selten eine löbliche Eigenschaft und versteckt sich gern hinter der Absonderung von verbalem Bauschaum, die Gruppendynamik in der Krise verträgt intentionstransparente Bremser nicht, die gerade die Mutlosen noch davon überzeugen, dass ein Schiff, das mit ordentlich Schlagseite im Eismeer trudelt, erst ab einem Neigungswinkel von mindestens soundsoviel Grad verlassen werden dürfe, da alles andere die Konfrontation mit kalter Seeluft nach sich zöge. Es ist die Unelastizität, die auch dieses System aus Politik und Technokratie in einen Betonklotz verwandelt, auf dem sämtliche Kackbratzen bis zum Erbrechen diskutieren, ob auch ja alle Interessen von Staat und Wirtschaft in ausreichendem Maße berücksichtigt worden seien, bevor der Meteroit diesen zweifelhaften Planeten aus der Umlaufbahn befördert.

Möglicherweise ist der gesellschaftliche Gehalt an Schnarchschaben unter den Querkämmern schon ein verlässlicher Indikator, wie weit es noch sein kann bis zum Aufprall. Man könnte sie nutzen wie einen Kompass, der beharrlich nach Süden zeigt. Aber es ist komplexer, denn sie sitzen oft an den Schlüsselstellen von Macht und Verantwortung, wo sich die Gleichgültigkeit auf die Überlebenschancen der restlichen Menschheit direkt auswirken könnte, wenn man ihnen nicht im entscheidenden Moment das Messer an die Kehle setzt. Und nicht einmal dann wäre klar, ob wir uns aus der festgefressenen Situation befreien könnten, die uns die Knalltüten eingebockt haben, weil ihnen eine Flasche Bier, ein schnelles Auto, der Fernsehabend wichtiger waren, die Umgehungsstraße, der Grillabend mit jüngst infizierten Nachbarn, die Gasheizung, ihre billige Entschuldigung, die Gläubigkeit an die Errettung in letzter Sekunde, Zweifel an der Selbstwirksamkeit, Skifahren, Charity, das neue Smartphone, Bioobst und zehn Euro im Monat für arme Waisenkinder in Bangladesch. Es ist uns allen scheißegal. Wenn es kippt, haben wir ja immer noch die Opferrolle.





Sintflut AG

20 10 2022

„Und mit einem Bausparvertrag ist da auch nichts zu machen?“ „Hat Ihr Kunde einen Bausparvertrag über fünfhundert Milliarden Euro abgeschlossen?“ „Keine Ahnung.“ „Dann sollten Sie sich besser kurzfristig von ihm trennen.“ „Irgendwo wollen die Leute doch wohnen.“ „Vielleicht hätten sie sich das vor hundert Jahren überlegen sollen, als wir das Klima noch nicht ruiniert hatten.“

„Also noch mal langsam: Sie wollen nach und nach Gebäudehaftpflichtversicherungen kündigen, weil Sie die Schäden nicht mehr bezahlen können?“ „Sie können Ihre Versicherungen gerne bei uns weiterlaufen lassen, aber gezahlt wird nicht.“ „Und Sie gehen aus dem Hypothekengeschäft?“ „Für die paar Kröten, die Sie für ein Einfamilienhaus noch kriegen, lohnt sich das nicht mehr.“ „Wie stellen Sie sich das denn vor?“ „Keine Ahnung, vielleicht ziehen demnächst alle in unterirdische Bunker, aber die saufen bei einer Überschwemmung auch ab.“ „Dann kann man bald nirgends mehr leben in Deutschland.“ „Mit dem nötigen Kleingeld haben Sie vielleicht noch Chancen auf ein Hausboot mit Liegeplatz, da ist der Anstieg des Meeresspiegels nicht ganz so bedrohlich.“ „Hochgebirge?“ „Falls wir in absehbarer Zeit die Alpen schneefrei kriegen, sinkt die Lawinengefahr natürlich beträchtlich, was sich aber auch im Preis niederschlagen dürfte.“

„Wo kriegen wir denn das ganze Geld her, und viel wichtiger: wozu?“ „Die Jahrhunderte werden kürzer.“ „Was?“ „Mit Jahrhundertkatastrophen ist künftig alle fünf bis zehn Jahre zu rechnen.“ „Dann hat man als Eigentümer gerade alles wieder neu aufgebaut, wenn die Flut kommt.“ „Wirbelsturm, Tsunami, Bodenerosion, irgendwas in der Art.“ „Ihre Versicherung zieht sich komplett zurück aus dem Bereich?“ „Wenn wir uns nicht mit riskanten Objekten überheben wollen, müssen wir diesen Schritt tun.“ „Und der Staat?“ „Keine Ahnung, wir könnten vielleicht nebenbei eine Airline gründen, die regelmäßig Subventionen einstreicht.“ „Als Mischkonzern?“ „Wir nennen uns ‚Sintflut AG‘.“

„Damit kollabiert die Immobilienwirtschaft.“ „Gut möglich, vorwiegend zieht es dem Markt den Boden unter den Füßen weg.“ „Weil die Preise ins Bodenlose fallen.“ „Der eine oder andere Pfiffikus wird zu den geschrumpften Bewertungen seiner Luxusbauten eine Versicherung abschließen, die ihm im Schadenfall nicht einmal die Gardinen ersetzt.“ „Dann sind viele Eigentümer pleite.“ „Wo sie vorher schon Kredite laufen hatten, bekommen sie dann keine neuen – falls sie die alten Kredite überhaupt werden abzahlen können.“ „Dann wird Immobilienbesitz zum Armutsrisiko.“ „Für Banken erst recht.“

„Ganze Landstriche werden entvölkert.“ „Die Industrie zieht natürlich nach, wer will schon seinen Arbeitern einen Anfahrtsweg von mehreren hundert Kilometern zumuten.“ „Dann haben wir noch mehr strukturschwache Gebiete.“ „Das wird auch den Steuerzahler freuen.“ „Weil der die ganzen Ausfälle ausgleichen darf.“ „Irgendwer muss schließlich für die Fehler der Politiker gerade stehen, also nimmt man die, die sie gewählt haben.“ „Hatten wir das nicht alles schon mal?“ „Eine Immobilienkrise, die das ganze Finanzsystem beschädigt und Millionen in Armut getrieben hat?“ „Genau.“ „Diesmal wird es ganz anders, weil wir diesmal vor dem Tunnel stehen und den Zug, der uns überrollen wird, schon von Weitem sehen.“ „Meine Güte, kann man denn da gar nichts mehr machen?“ „Um Gottes Willen, dazu müsste man sich ja bewegen.“

„Das wird uns viel Wohlstand kosten.“ „Das hoffe ich auch.“ „Was?“ „Bisher hieß eine Krise im Bankensystem immer, dass Kleinsparer sich ihre Altersvorsorge in die Haare schmieren konnten.“ „Die Kleinsparer haben ja kaum noch etwas, also im Vergleich zu Großaktionären.“ „Und wo haben die Großaktionäre ihr Kapital versenkt?“ „In den fossilen Konzernen.“ „Plus Automobilbauer, plus andere fossil ausgerichtete Transportmittel, plus Immobilien und Versicherungen.“ „Wenn jetzt die Banken wieder über die Klinge springen…“ „… ist eine Menge Geld weg.“ „Wen die Banken das tun würden, wäre das Selbstmord aus Angst vor dem Tod.“ „Wenn die Konzerne ihren Wert plötzlich um die Hälfte senken, haben die Banken nicht einmal mehr Zeit, sich für eine Todesart zu entscheiden.“ „Dann werden milliardenschwere Kredite wertlos, die ganze Volkswirtschaft schmiert ab…“ „… und wir haben Tag X, den die braune Brut herbeisehnt.“ „Ihre plötzlich verschwundenen Vermögen werden den Führerchen viel wichtiger sein als das darbende Volk.“ „Hoffentlich haben wir dann endlich kapiert, dass es kein wichtigeres Ziel geben kann, als die Klimakatastrophe aufzuhalten.“ „Abgesehen davon, dass wir sie höchstens ein bisschen eindämmen und verlangsamen können, haben wir eine derartige Wirtschaftskrise, dass wir zur Schadensbegrenzung schlicht kein Geld mehr zusammenkriegen.“ „Dann wird die FDP höchstwahrscheinlich mal über die Schuldenbremse nachdenken müssen.“ „Falls es sie dann noch gibt.“

„Andrerseits, warum malen wir immerzu diese Horrorszenarien?“ „Weil sich die Menschen nicht ändern.“ „Warum ändern sie sich nicht?“ „Weil sie noch zu wenig Jahrhundertkatastrophen erlebt haben und erst reagieren, wenn sie die Existenz und Wirkungsweise von Kipppunkten an ihrer eigenen Existenz feststellen.“ „Und der Staat?“ „Welcher Staat?“ „Ich sehe schon, es ist aussichtslos.“ „Das klingt plausibel.“ „Dann werde ich für mich die Konsequenzen ziehen, man muss ja irgendetwas tun, solange man noch lebt.“ „Und wie sieht das in Ihrem Fall aus?“ „Ich kaufe mir einen SUV.“





Flexible Richtwerte

10 10 2022

„… die Temperatur am Arbeitsplatz auf 19 °C regeln wolle, um die Energiekosten im Sommer auf ein erträgliches Maß zu beschränken. Es sei allerdings keine Einigung mit den…“

„… werfe der CDU-Vorsitzende der Regierung gezielte Sabotage an der deutschen Wirtschaft vor. Es sei so weit unterhalb der Wohlfühltemperatur nicht möglich, gute Arbeitsleitungen zu erbringen, die den Fortbestand der Mittelschicht garantieren werden. Dies könne überhaupt nur durch die totale Streichung sämtlicher Sozialleistungen und den…“

„… und keiner allein gehe. Scholz habe den Bürgerinnen und Bürgern versprochen, dass auch die Mitglieder der Bundesregierung sich solidarisch an der Mindesttemperaturregelung beteiligen würden. Er selbst werde in Zukunft weder warmes Bier trinken noch die Heizkörper im…“

„… da der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages sich ebenfalls für Maßnahmen zum Energiesparen ausgesprochen habe. Unionsenergieexperte Spahn sei von dieser Haltung tief enttäuscht, da seiner Ansicht nach mit rationalen und zweckmäßigen Anregungen eine für die CDU geradezu verheerende…“

„… durch technische Regelungen bestimmt seien, die jedoch auf flexiblen Richtwerten für die Temperaturuntergrenzen am Arbeitsplatz beruhen würden. So sei eine arbeitsgerichtliche Klage über Minusgrade bei einem Schneeräumdienst bisher in erster Instanz als vollständig…“

„… nicht zuzumuten sei, wenn man noch nie die Angriffe ostischer Ballastrassen auf das Deutsche Reich habe durchstehen müssen. Gauland fordere die sofortige Kapitulation der Feindmächte, um die uneingeschränkte Gasversorgung der Heimatfront wieder auf eine erträgliche…“

„… sei der mitfühlende Liberalismus in der Lage, die Situation der hart arbeitenden Menschen draußen im Land zu würdigen. Lindner wolle unter Einhaltung der Schuldenbremse sowie vorbehaltlich der Finanzierung eine Einmalzahlung in Höhe von zwei Euro prüfen, die dem Steuerfreibetrag für die Anschaffung eines Pullovers in der jeweiligen Größe sowie ein Paar Handschuhe aus…“

„… zusätzlich zu den gesundheitlichen Risiken der Pandemie erfolge. Merz werfe der Koalition vor, nicht genügend zum Ausbau der erneuerbaren Energien unternommen zu haben, durch die sich die Raumtemperaturen innerhalb weniger Tage auf ein sehr viel stabileres…“

„… nicht durchdacht sei. Weidel sehe bereits die schlimmsten Schäden für das Gemeinwesen, wenn die linksextremistische Einheitsregierung in den Kühlräumen für Lebensmittel oder Leichen die Temperatur auf identische 19 °C einstellen lasse, um den kalten Krieg gegen das Volk im Auftrag der afrikanischen Austauschindustrie zu…“

„… empfehle der Arbeitssicherheitsfachmann der Union Spahn in Handwerksbetrieben oder Pflegeeinrichtrungen den kostenlosen Ausschank von Alkoholika. Dies sei seiner Erfahrung nach ein geeignetes Mittel, um in unangenehmen Situationen bei hoher Arbeitsverdichtung eine reibungslose…“

„… in erbarmungslosester Zernichtung des von Juden gesteuerten Widerstandes gegen die Ehre der Deutschheit vorgehen werde, um die Männlichkeit der arischen Herrenrasse, die dem ganzen Weltall überlegen sei, vor der baldigen Zerstörung durch die linksgrünen Volkfeinde zu erretten. Höcke selbst sei durch heimtückische Frostzustände, die er in seiner eigenen Hose habe, vor dem Genozid an der germanischen…“

„… sich Porsche-Vorstände mit dem Vorschlag auseinandergesetzt hätten, in ihren Büroräumen die Temperaturen auf 16 °C abzusenken. Es sei ihnen jedoch nicht plausibel geworden, wie die Arbeiter in der Automobilfertigung dieses Verhalten als vorbildlich wahrzunehmen, da das Management es als überflüssig empfinde, sich mit Arbeitern zu beschäftigen, die nicht in ihrer unmittelbaren…“

„… habe Precht in zehn deutschen Zeitungen einen Artikel veröffentlichen wollen, in dem er das Mitführen eines erwärmten Ziegelsteins als eine autonome, nicht vom linksautoritären Mainstream verordnete Handlung der Rebellion gegen die von den 68-ern als quasi übergesetzlichen Notstand befohlene Pseudofreiheit analysiere. Da der Essay nicht in Auftrag der Verlage entstanden sei, habe der Autor über diese konzertierte Zensuraktion ein Buch veröffentlicht, das inzwischen auf dem…“

„… bereits die Landesarbeitsgerichte erreicht habe. Zwar bestehe möglicherweise ein Anrecht auf Teilerstattung des Kaufpreises einer elektrisch betriebenen Heizdecke für den Fußraum unter dem Schreibtisch, doch könne der Arbeitgeber das im Homeoffice verwendete Gerät wegen Gefahren für den Brand- und Unfallschutz in seinen Büroräumen keinesfalls einfach…“

„… habe CDU-Sozialwissenschaftsspezialist Spahn keine Antwort auf die zu erwartenden stark steigenden Krankenstände. Es könne nur durch den vollständig wegfallenden Kündigungsschutz aller Erkrankten eine wirtschaftlich befriedigende…“

„… gebe es zwischen Union und AfD erste Gespräche, die langfristigen Bedingungen für die deutsche Wirtschaft zu planen. Durch nachhaltige Konzepte könne die Politik die Erderwärmung gezielt ausnutzen, um die Umgebungstemperaturen auch im Winter an die Erfordernisse anzupassen. Merz und Weidel seien sich einig, dass durch eine vermehrte Lüftung die Warmluft besser genutzt und die Infektionsgefahr vermindert werden könne, ohne die Arbeitgeber durch kostspielige, nur dem Wohl der Arbeitnehmer dienende Geräte oder…“





Verbales Sondervermögen

3 10 2022

„Und das heißt jetzt wirklich so?“ „Das hat der Bundeskanzler doch schon gesagt.“ „Aber das ist irgendwie komisch.“ „Meinen Sie komisch komisch oder doof komisch?“ „Geht beides?“ „Vielleicht ist das ja auch ganz anders gemeint.“ „Also wissen wir jetzt noch gar nicht, was sich dahinter verbirgt?“ „Trotzdem hatte ich etwas anderes erwartet als ausgerechnet Doppelwumms.“

„Wer denkt sich so was bloß aus?“ „Ich gehe davon aus, dass das Scholz eingefallen ist.“ „Das macht es auch nicht besser.“ „Was will er denn bloß damit kommunizieren.“ „Dass es wummst.“ „Hätte er nicht besser einen Bums nehmen können?“ „Weil der Bums wummst?“ „Bumst nicht eher der Wumms?“ „Aber doppelt?“ „Ich weiß ja nicht.“ „Wahrscheinlich ist der Bums nur die Vorstufe zum Wumms.“ „Nicht umkehrt?“ „Das hört sich nicht so seriös an.“ „Also wenn das für Sie seriös klingt, dann will ich lieber nicht wissen, was Sie als seriös empfinden.“ „Naja, Gasdeckel halt.“

„Gerade bei Gas wäre ich vorsichtig.“ „Weil das komisch ist?“ „Wenn das wummst, dann war’s das jedenfalls.“ „Das wäre ja glatter Selbstmord.“ „Ob die Ampel das hinkriegt?“ „Nicht ohne Hilfe der Union.“ „Jetzt bleiben Sie mal auf dem Teppich!“ „Also ich finde, Doppelwumms klingt irgendwie martialisch.“ „Naja, es ist halt Zeitenwende.“ „Sie meinen, wir befinden uns im Energiekrieg?“ „Es ist ja nur die Frage: gegen wen.“ „Da wummst der Kanzler dann eben zurück, wenn die Konzerne uns wegwummsen wollen.“ „Die werden ja auch nur von Putin angerummst.“ „Nicht angewummst?“ „Das ist mir jetzt zu hoch.“ „Das Niveau?“ „Meine Güte, der Mann will eben eine gute Schlagzeile in den Medien haben.“ „Und Sie meinen, da greift man schon mal nach unten?“ „Wenn Sie dieselben Medien meinen wie ich, dann ja.“

„Was ist denn jetzt mit Gasdeckel?“ „Wenn, dann müsste es ein Gaspreisdeckel sein.“ „Oder eine Gaspreisbremse.“ „Wir haben doch schon den atmenden Gaspreisdeckel vorgeschlagen bekommen.“ „Für die röchelnde Schuldenbremse?“ „Das wäre dann ein flexibler Deckel.“ „Der dann was genau deckelt?“ „Den Preis.“ „Und das heißt, dass der Deckel nur da deckelt, wo der Preis auch flexibel ist?“ „Dann deckelt der gar nichts mehr.“ „Das ist wie eine Konservendose, die sich nach und nach aufbläht.“ „Mit dem Gas können Sie nicht viel anfangen.“ „Aber der Deckel soll ja über dem Preis auf dem Weltmarkt liegen.“ „Weil die Erzeuger ihr Gas woanders verkaufen?“ „Weil die sonst nicht genug Gewinn machen.“ „Entschuldigen Sie mal, aber welche Knalltüte denkt sich so einen Bockmist aus?“ „Lindner natürlich.“ „Na dann…“

„Können wir nicht lieber das Guter-Gaspreis-Gesetz machen?“ „Ein Gasverbraucher-Stärkungs-Gesetz wäre auch okay.“ „Das macht die FDP nicht mit, weil da die Energiekonzerne diskriminiert werden.“ „Ach was.“ „Dagegen hört sich dieser Doppelwumms ja fast harmlos an.“ „Wir könnten es doch als Guter-Doppelwumms-Gesetz…“ „Sie sind mittlerweile auch im verbalen Sondervermögen angekommen, oder?“

„Warum macht man eigentlich so einen Mist?“ „Weil die Leute irgendwas brauchen, worüber sie sich aufregen können, nehme ich an.“ „Das heißt, wir regen uns nicht über die versaubeutelte Politik der Umverteilung nach oben auf, sondern nur noch über den Namen, den dieser Mist kriegt?“ „Ich halte das für durchaus glaubwürdig, dass Scholz mit dem Deckel die Belastung der Bürger vermindern will.“ „Warum gibt er dem ganzen Verfahren dann so einen bescheuerten Namen?“ „Man muss es doch irgendwie griffig benennen, dass es den Bürgern auch im Gedächtnis bleibt.“ „So, dass sie sich im nächsten Wahlkampf noch daran erinnern?“ „Eher so, dass Doofe es kapieren, aber gleichzeitig nicht die Politiker für bescheuert halten.“ „Steiles Ziel.“

„Und wenn das ganze Ding schief geht?“ „Dann war’s wenigstens ein Wumms.“ „Mit einem Bums oder Wumms macht man sich als Regierung auch ganz schön angreifbar.“ „Die Union wird so oder so alles ablehnen, was sich dahinter verbirgt.“ „Auch wenn sie es vorher genau so gefordert haben?“ „Was hat bei Merz das eine mit dem anderen zu tun?“ „Stimmt auch wieder.“ „Vielleicht hätte er ja alles besser gemacht.“ „Sie haben auch zu viel Wumms abgekriegt, oder?“

„Bleiben wir doch mal bei der Frage: was ist denn, wenn der Wumms nun nicht wummst?“ „Weil sie den Preis nicht gedeckelt kriegen?“ „Es gibt ja nun mal auf dem Weltmarkt nicht ausreichend Gas für unseren Verbrauch.“ „Das war ja schon klar, dass wir trotz Deckel Gas sparen müssen.“ „Dann deckeln wir uns, während wir gedeckelt werden?“ „Dann haben wir den Doppeldeckelwumms.“ „Weil wir sonst Wumms unterm Doppeldeckel kriegen.“ „Und wenn dieser gedeckelte Deckel…“ „Was?“ „Der Verbrauch, der ja gedeckelt wird, der kann ja bei ungedeckeltem Deckel nicht…“ „Fangen Sie am besten noch mal ganz von vorne an.“ „Wenn wir nicht sparen, dann haben wir vielleicht noch genug Gas, aber bei einigen wird dann ja der Verbrauch über das gedeckelte Maß hinausgehen.“ „Wir reizen den Anreiz aus, obwohl der nicht mehr deckelt.“ „Die Industrie ist ja auch noch da.“ „Die muss sich dann irgendwie unter so den Rettungsschirm, der ja bestimmt…“ „Was!?“ „Also was machen wir, wenn es oberhalb des Deckeldeckels teuer wird, weil der Preisdeckel da über dem Deckelpreis liegt?“ „Sie meinen, was dann auf die Verbraucher zukommt?“ „Das kann ich Ihnen sagen: ein Doppelwumms.“





Im Schutz der Dunkelheit

29 09 2022

„… dazu aufgerufen habe, in diesem Jahr die Weihnachtsbeleuchtung zu reduzieren. Würde jede Gemeinde nur jeweils einen Baum beleuchten, so die Deutsche Umwelthilfe, könne ein erheblicher Mehrverbrauch an…“

„… klar ablehne. Die Union sehe es als die unumstößliche Freiheit sämtlicher Kommunen an, Form und Größe der festlichen Beleuchtung selbst zu bestimmen, weise aber darauf hin, dass die aus einer übermäßigen Ausschmückung mit Lichtern resultierenden Mehrkosten nicht durch die…“

„… hätte Wirtschaftsminister Habeck das Land nicht in diese katastrophale Lage gebracht, wenn er in den letzten zehn Jahren die erforderlichen Kernkraftwerksneubauten vorangetrieben hätte. Söder verlange eine sofortige Umkehr, um die kulturelle Identität Deutschlands und insbesondere Bayerns in eine zukunftsfähigere…“

„… es auch innerhalb der Koalition zu keiner Einigung gekommen sei. Lindner habe den Effekt des Konsumanreizes hervorgehoben, der sich auf das anstehende Weihnachtsgeschäft nur positiv auswirken könne, und wolle keine gesetzlichen Regelungen zum Stromsparen in den privaten…“

„… nichts damit zu tun habe, aber weiterhin notwendig sei. Kretschmer wolle sich auch ohne eine Weihnachtsbeleuchtung in Sachsen für die Öffnung von Nord Stream 2 und sämtliche…“

„… von mindestens einer Million 100-Watt-Glühlampen anbringen lasse. Kubicki wolle die Lichtinstallation, die aus dem Weltraum zu sehen sein werde, direkt im Vorgarten seines…“

„… es zu den westlichen Werten gehöre, die deutschen Innenstädte mit Illuminationen in der Weihnachtszeit auszustatten. Weidel sehe in der Verbotsdebatte ein klares Anzeichen der von den Grünen geförderten Zwangsislamisieriung, die daneben auch für die Dunkelheit sorge, in deren Schutz nordafrikanische Messerstecher sich an deutschen Frauen und…“

„… für weitere Insolvenzen sorgen werde, wenn sich Schausteller auf den Weihnachtsmärkten die Beleuchtung nicht mehr leisten könnten. Lindner sehe immerhin die Möglichkeit, durch eine Steuersenkung für Spitzenverdiener die Kaufkraft etwas zu erhöhen, wenn im Gegenzug der Betrieb von Atomreaktoren bis mindestens…“

„… zu einem Kompromiss in der Versorgung mit Elektrizität bereit sei. Giffey könne sich zur Entlastung des Berliner Haushalts eine temporäre Abschaltung des Stromnetzes in der Hauptstadt vorstellen, die auch während der Feiertage eine…“

„… es nicht der Markt sei, der die Strompreise regele, sondern eine Marktverzerrung, die höheren Verbrauch durch komplizierte Mechanismen mit höheren Kosten beantworte. Lindner habe gute Erfahrungen mit der Spritpreisbremse gemacht, die er auch hier für ein geeignetes Mittel halte, die in den Weihnachtstagen entstehenden Belastungen der Energiekonzerne mit einem deutlichen…“

„… nicht mehr sein Bayern sei, wenn dieser linksfaschistische Terror der Bundesregierung per Gesetz über die Menschheit hereinbreche. Alle mit dem christlichen Glauben verbundenen Bräuche wie Winnetou, das Oktoberfest und die straffreie Vergewaltigung in der Ehe würden für Aiwanger untrennbar zum weihnachtlichen Fest in der…“

„… Merz darauf hingewiesen habe, dass durch die Abwärme der Straßenbeleuchtung auch ein entscheidender Teil des Beheizungsproblems in den Wohnungen gelöst werden könne. Er werfe der Regierungskoalition vor, nicht nachhaltig genug zu denken und keine technologieoffenen Ansätze in…“

„… bestehe für Weidel Verdunkelungsgefahr im Verzuge. Der Bundeskanzler müsse augenblicklich von seinem Amt zurücktreten und sich vor dem Volksgerichtshof dafür verantworten, dass er die Zerstörung der BRD GmbH mit dem…“

„… die Feuerwehr insbesondere vor den selbst gebauten Alternativen zur elektrischen Beleuchtung warne. Es müsse daher weiter erlaubt bleiben, seine Wohnung mit handelsüblichen Lichterketten zu dekorieren, da die brandbedingte Übersterblichkeit sonst ein erhebliches Maß an…“

„… zu einem innerparteilichen Zerwürfnis gekommen sei. Anders als andere AfD-Führer sei für Gauland eine abgedunkelte Innenstadt durchaus angenehm, da sie ihn an die größte Zeit im Reich erinnere. Dazu halte er es für einen großen Vorteil, durch Lichtabschaltung die alliierten Flieger über dem deutschen Luftraum in die Irre zu…“

„… in einem offenen Brief gegen diesen Akt staatlicher Bevormundung protestieren wollten. Zeh, Precht und Schwarzer hätten zwar keinerlei argumentative Basis, es sei ihnen aber wichtig, dass ihre Namen in einem offenen Brief gegen die…“

„… habe Gauland seinen Standpunkt vor der AfD-Führung verteidigt. Er halte eine Aufhebung der Beleuchtung rund um die Wintersonnenwende für kulturell geboten, werde als Ehrenvorsitzender die Inszenierung eines Fackelzugs durch Berlin, einen Aufmarsch auf dem Reichsparteitagsgelände in Nürnberg und eine gemeinsam mit Querdenkern und PEGIDA geplante…“

„… insgesamt elf Geldauszahlungsautomaten in Schleswig-Holstein durch Gaseinleitung gesprengt worden seien. Die Polizei habe Kubicki auf frischer Tat ertappt. Er habe neben den Beschaffungskosten für die Leuchtmittel eine Nebenkostennachzahlung sowie eine Stromrechnung in Höhe von…“





Schnaps und Kippen

28 09 2022

„Aber gucken Sie sich doch mal die Preise an! Das ist doch alles nicht mehr normal, ich meine, wer soll das denn noch bezahlen? Und dann dürfen Sie natürlich nicht den Fehler machen und sagen, die Nudeln sind aber nur fünfzig, sechzig Cent teurer geworden – die prozentuale Steigerung, das ist der entscheidende Punkt! Wie soll man denn sonst die Inflation verstehen, wenn nicht in der prozentualen Steigerung? Das bildet doch die Kaufkraft ab!

Wir haben seit gefühlt drei Jahren eine einzige Krise, die immer mehr an der Lebensgrundlage der Mittelschicht knabbert. Das muss doch die Politik endlich mal einsehen! Und wir reden hier nicht von einem herbeigeschriebenen Wohlstandsverlust, das sind die Grundbedürfnisse der Bevölkerung. Die Leute wollen zur Arbeit und wieder nach Hause kommen, eine warme Mahlzeit am Tag, Heizung, Strom, und da reden wir noch nicht einmal über solchen Luxus wie einmal im Monat ins Kino, ins Restaurant oder regionales Bio-Gemüse. Wenn Sie sich ausrechnen, was alleine Grundnahrungsmittel inzwischen kosten, dann muss Ihnen doch klar sein, dass es hier nicht mehr über Jammern auf höchstem Niveau geht – ich möchte nicht wissen, wie sich der Einzelhandel beschwert, wenn in diesem Jahr zu Weihnachten kaum hochpreisige Parfüms oder Schmuck gekauft werden, weil die Leute lieber satt ins Bett gehen wollen, solange sie noch nicht im Dunklen hocken. Der Binnenkonsum geht den Bach runter, das hat offensichtlich keiner von diesen Finanzgenies in der Regierung kapiert!

Deshalb sehe ich das auch nicht ein, dass der Staat unter Druck gesetzt wird, die Stromrechungen von Arbeitslosen zu übernehmen. Die bekommen ja zweihundert Euro einfach so, weil angeblich die Kosten so gestiegen sind – die warme Mahlzeit war in den Regelsätzen bisher auch schon drin, und ich kann mir einfach nicht erklären, wozu man denen auch noch Mobilität bezahlt, als müssten die zur Arbeit und wieder nach Hause kommen. Und Kino, Restaurant, regionales Bio-Gemüse, das kann doch kein Staat ernsthaft der Mittelschicht erklären, dass man sich das jetzt leisten können soll, wenn man bisher keinen Anspruch darauf hatte. Dass die sich von den Kosten für Bildung und Haushalt Schnaps und Kippen kaufen, das kann man ja aus deren geistigem Horizont noch nachvollziehen, aber wenn ich jetzt sehe, dass die vom Geld für Strom ins Kino gehen, dann frage ich mich schon, ob Arbeitslager nicht die bessere Alternative wären.

Es hat ja in der Pandemie schon angefangen, da gab es nicht genug Waren, die preiswerten waren schneller ausverkauft, und dann kamen die sozialen Verwerfungen, weil die Leute aus völlig irrationalen Gründen alles gehamstert haben, was sie kriegen konnten. Das kann man nicht bekämpfen, wenn die Situation eh schon aus dem Ruder gelaufen ist, aber man kann doch jetzt gegensteuern, wo die Politik die ganzen Mechanismen kennt und weiß, wie sich der Energiemarkt, die Lieferketten und nicht zuletzt die Verschränkung der ganzen Krisenbestandteile auf die Volkswirtschaft auswirken. Wenn wir jetzt schon wissen, wie sich die Energiekonzerne in der komfortablen Lage der Spritpreisbremse verhalten haben, dann wird die Politik es hoffentlich auf die Kette kriegen, sowohl den Gaspreisdeckel als auch eine Strompreisobergrenze so zu gestalten, dass die Wirtschaft nicht auf Kosten des Staates Dividenden mit Goldrand raushaut. Ich meine, das ist doch schließlich und endlich immer noch eine soziale Marktwirtschaft, oder hatte ich irgendwas verpasst?

Deshalb sollten wir das mit dem Bürgergeld auch nicht übertreiben. Wenn der Abstand zwischen Lohn und Transferleistung kaum noch sichtbar ist, dann brauchen wir hier auch keine künstlich in der Presse aufgeblasenen Rechenexempel, wie wenig das doch prozentual ist – das sind fünfzig Euro, die einfach mal so rausgehauen werden für alle, die die Arbeit nicht erfunden haben. So muss man das nämlich rechnen, und wenn man es gleich richtig macht, dann muss man auch ausrechnen, wie viele Leute in diesem Land – Menschen will ich das gar nicht nennen! – dieses Geld ohne Gegenleistung Monat für Monat, Jahr für Jahr einfach ausgezahlt bekommen. Und dann überlegen Sie sich auch, was diese fünfzig Euro für einen Unterschied machen. Das sind ja aufs Jahr gerechnet sechshundert Euro, das macht also ungefähr das Doppelte von dem, was der Staat den Rentnern zahlt, wobei die es auch nur einmal erhalten. Sie merken das hoffentlich selbst, hier wird mit zweierlei Maßstab gemessen: die Rentner sind offensichtlich für diese Regierung nicht mehr viel wert, weil sie nicht produktiv in der Arbeitsgesellschaft sind, und dass in der Generation dieser sogenannten Boomer eine ganze Reihe von Leuten leben, die dieses Land aufgebaut und durch ihren persönlichen Einsatz erhebliches Vermögen erworben haben, das wird ausgeblendet. Und das ist ganz, ganz ungerecht.

Nein, jetzt mal Butter bei die Fische – ich will nicht so tun, als seien wir alle wohlhabend und wüssten nicht, wohin mit dem Geld. Das war in der DDR vielleicht so, aber das waren ja völlig andere Voraussetzungen, und das wissen auch die Idioten, die dies System hier als Sozialismus beschimpfen, weil die Wirtschaft durch staatliche Eingriffe vor dem Kollaps bewahrt wird. Aber ich kann es schon verstehen, wenn die Mittelschicht sich erst einmal in Konsumverzicht übt. Und das ist jetzt gar nicht als übertriebene Solidarität mit dem Prekariat zu verstehen, das ja angeblich kaum noch über die Runden kommt, weil die Nudeln plötzlich fünfzig Cent teurer sind. Oder sechzig. Wer nicht arbeitet, der soll eben auch nicht essen. Meine Meinung!“





Deckel

15 09 2022

„Also doch kein Kostendeckel?“ „Weil das ja sonst eine Preisbremse wäre.“ „Also statt Preisstopp?“ „Ich dachte, das wäre eine Obergrenze?“ „Das ist dann aber Marktverzerrung.“ „Wenn die Ausgaben steigen?“ „Wenn die Einnahmen nicht steigen können, weil das der Markt regelt.“

„Ich habe das nicht ganz verstanden.“ „Da sind Sie auf einem guten Weg, das geht der Regierung auch so.“ „Irgendwie müssen die doch die Kosten reduzieren.“ „Ich dachte, das machen die Bürger?“ „Nein, die Industrie.“ „Sie meinen Unkosten.“ „Das sind andere Kosten als Kosten?“ „Also ich habe noch nie von einem Unkostendeckel gehört.“ „Da werfen Sie mal einen Blick auf die Steuererklärung eines Mittelständlers mit Privatjet.“ „Haben die denn irgendwo eine Obergrenze?“ „Für Flugbenzin bestimmt, sonst hätten sie ja keinen Privatjet mehr.“

„Bleiben wir doch erst mal beim Strom.“ „Da könnte man die Atomkraftwerke…“ „Das ändert ja nichts an den Preisen.“ „Aber an den Kosten.“ „An den Kosten, die dann den Preis ausmachen?“ „Ist das nicht umgekehrt?“ „Das eine zahlt ja nicht der Verbraucher.“ „Dann müssen wir uns nur überlegen, ob das für die Wirtschaft gut ist.“ „Die soll ja durch die hohen Kosten…“ „Ich dachte, die Wirtschaft zahlt die?“ „In den Kosten stecken ja schon die Gewinne mit drin.“ „Man müsste also die Gewinne deckeln?“ „Das geht ja nicht.“ „Weil das sonst der Markt deckelt?“ „Sie meinen: regelt.“ „Oder so.“ „Man kann ja vorher nicht sagen, wo die Kosten aufhören und wo der Gewinn anfängt.“ „Ich dachte, das steht in der Bilanz?“ „Also wenn ich etwas einkaufe, dann weiß ich doch auch, wie teuer das war.“ „Vielleicht sollte man die Kosten für den Einkauf deckeln.“ „Sie meinen die Unkosten.“ „Die habe ich ja dann nicht mehr, wenn ich sie an den Verbraucher weiterreiche.“ „Aber der hat dann ja auch Unkosten.“ „Deshalb kann man ja nicht die einen Unkosten deckeln und die anderen nicht.“ „Weil das eine keine Unkosten sind?“ „Warum deckelt man dann nicht nur die Kosten?“ „Vielleicht wachsen dann die Unkosten?“ „Das klingt total bescheuert.“ „Dann könnte das wirtschaftlich sogar richtig sein.“

„Dann sollte man das mit den Deckeln vielleicht wirklich mal probieren.“ „Und auf welchem Niveau soll man dann die Preise einfrieren?“ „Wo war denn der Preis vor dem Krieg?“ „Sie meinen jetzt den Krieg gegen erneuerbare Energien in Deutschland, richtig?“ „Damals war das aber auch nicht für jeden bezahlbar.“ „Aber die Wirtschaft hat nicht ständig gesagt, dass die Kosten zu hoch sind.“ „Deshalb sollte man jetzt als erstes der Wirtschaft helfen.“ „Weil die sonst ihre Kosten an die Verbraucher weiterreichen?“ „Ich dachte, die reichen nur ihre Unkosten…“ „Fangen Sie schon wieder mit dem Unsinn an?“ „Wenn Unkosten Unsinn sind, machen dann die Kosten Sinn?“ „Wenn Sie Unsummen mit den Unkosten verdienen?“ „Das muss dann eben gedeckelt werden.“ „Deshalb ja die Preisbremse.“ „Das ist ja auch nur ein anderer Name dafür.“ „Dann kann man’s aber machen, obwohl es nicht im Koalitionsvertrag gestanden hat.“ „Stand der Krieg denn drin?“ „Die Grünen haben vorher so viel darüber geredet, deshalb konnte man das nicht ernst nehmen.“ „Vielleicht hätte man in dieser Regierung noch ganz andere Sachen deckeln sollen.“ „Hätte das Unkosten vermieden?“ „Auf jeden Fall hätten wir dann jetzt mehr Gewinne.“

„Warum haben wir uns diese ganzen Fragen eigentlich nicht damals gestellt?“ „Damals?“ „Als die Union, die jetzt radikale Maßnahmen von der Regierung verlangt, alles getan hat, um das Land in diese Scheiße zu reiten?“ „Da mussten die Minister dafür sorgen, dass die Verantwortung gedeckelt werden konnte.“ „Außerdem brauchten wir damals auch unbedingt Fachleute aus dem Mittelstand, die dafür gesorgt haben, dass der Besitz eines Privatjets jemandem als Wirtschaftskompetenz angerechnet werden konnte.“ „Und es ging damals auch schon um Unkostenvermeidung.“ „Allerdings bei den Parteien.“ „Und dann bei den Energiekonzernen.“ „Weil die ja auch irgendwie Wirtschaft sind.“ „Und theoretisch Steuern bezahlen könnten.“ „Die dann im Bundeshaushalt landen.“ „Und die kann man dann wieder für die Wirtschaft ausgeben.“ „Könnte man, theoretisch.“ „Wenn sie die nicht gedeckelt hätten.“ „Weil sie eben keine Steuern zahlen wollten.“ „Was als Wirtschaftskompetenz gilt.“ „Zumindest bei den Politikern, die das mitgemacht haben.“ „Um sich dann einen Privatjet leisten zu können.“

„Andererseits werden ja die Energiepreise auch wieder fallen.“ „Die Wirtschaft setzt jetzt schon auf erneuerbare Energien.“ „Und in der Zwischenzeit?“ „Müssten wir das deckeln.“ „Die Preise?“ „Die erneuerbaren Energien natürlich.“ „Weil sonst die Wirtschaft…“ „Also die Energiekonzerne?“ „Das ist doch dasselbe!“ „Jedenfalls haben die dadurch eine Menge Unkosten.“ „Aber auch Gewinne.“ „Die könnte man ja jetzt deckeln.“ „Damit die Unkosten für die anderen Energiekonzerne nicht mehr so hoch sind.“ „Und das verkaufen wir dann als Preisstopp?“ „Ich dachte, das sei eine Obergrenze?“ „Natürlich nicht für die Preise, die bleiben ja gleich.“ „Und was wird dann verteilt?“ „Die Gewinne selbstverständlich.“ „Warum nur die Gewinne?“ „Weil erneuerbare Energien zu wenig Unkosten abwerfen, um sie zu verteilen.“ „Das ist natürlich ein Nachteil.“ „Deshalb ist die Verteilung ja auch so gerecht.“ „Und der Deckel?“ „Welcher Deckel denn bitte?“ „Für die Gewinne?“ „Was meinen Sie wohl, wer den nicht zahlt.“





Das Zeitalter der Bananen

7 09 2022

„Ich habe das nicht ganz verstanden – wofür gehen diese Leute da gerade auf die Straße?“ „Sie wollen ihr normales Leben zurück.“ „Aber es hat sich doch noch gar nichts verändert.“ „Sie haben eben schon ein Problem damit, dass es sich ändern könnte.“ „Und was wollen sie damit erreichen?“ „Keine Ahnung, vermutlich ihr Problem lösen?“ „Also das klingt wirklich gut durchdacht: um ein Problem zu lösen, muss man nur dagegen demonstrieren.“

„Möglicherweise haben diese Leute Angst.“ „Wovor genau?“ „Es ändert sich so vieles.“ „Ich will jetzt nicht von diesem Winnetouquark reden müssen oder von Waschlappen, die beim Gendern weinen: wovor genau?“ „Die Menschen wollen ihr gewohntes Leben nicht ändern.“ „Was heißt denn für diese Leute Normalität, ist das ein Wert?“ „Sie wollen eigentlich nur weiterhin billiges Bier, billige Wurst und möglichst billig überall hinfliegen.“ „Das klingt angesichts des geistigen Horizonts der Deutschen ja schon fast nach einem Wertmaßstab.“ „Sie sind es eben gewohnt, dass es immer so war – jetzt wollen sie, dass es auch immer so bleibt.“ „Mit den Folgen ihrer Wünsche haben sich die Leute eher nicht auseinandergesetzt.“ „Naja, die Politik sagt ihnen, dass man das irgendwann sicher mit einer neuen Technologie in den Griff kriegt.“ „Das klingt eher nach Kleinkindern, die sich schreiend auf dem Boden wälzen, weil sie nicht mehr im Wägelchen herumgefahren werden.“ „Manche sicher auch das noch, oder was denken Sie, woher solche Politiker kommen?“

„Wir haben es mit der Bananenzucht gründlich übertrieben, die genetische Vielfalt der Pflanze aus Verkaufsgründen vorsätzlich zerstört und sehen nun dem Ende der ganzen Art entgegen – was machen diese Leute, wenn sie keine Bananen mehr kaufen können?“ „Wahrscheinlich wird es irgendwo noch ein paar Bananen geben, für teures Geld natürlich.“ „Das ist für den Handel unbedeutend.“ „Es wird irgendeine Lösung geben.“ „Aber keine Bananen mehr. “ „Das heißt, wir werden ein Zeitalter haben, in dem es normal ist, dass es keine Bananen gibt.“ „Gegen diese Normalität wollen die Leute dann mit Kundgebungen vorgehen?“ „Die sind ja eher für den Normalzustand und nicht dagegen.“ „Sie reden sich nicht nur ein, sie wüssten, was normal sei, sie verstehen offensichtlich nicht einmal, was diese Normalität ausmacht.“ „Also die Gründe, die zu dem geführt haben, was sie Normalität nennen.“ „Nicht die Gründe, der Preis.“

„Kann man das einfach so bezeichnen?“ „Jede Konsequenz, ob sozial oder ökologisch, ist ein Preis, nur zahlen wir ihn nicht selbst.“ „Müsste man nicht den Preis für unsere Vorstellung von einem normalen Konsum auf die Dinge drucken, damit man überhaupt merkt, welche Konsequenzen er hat?“ „Hat uns das jemals interessiert?“ „Wir haben die Chance, die ersten zu sein.“ „Abgesehen davon, dass wir das alles schon wissen, wollen wir es nicht mehr hören, und zu spät ist es auch.“ „Und das fasst diese Gesellschaft dann als normal auf?“ „Wie sie alles als normal auffasst, was sie nicht anders sehen will.“

„Warum erklären Betreiber von Kreuzfahrten und Flugreisen den Kunden nicht, dass sie riesige Schäden anrichten?“ „Aus demselben Grund, aus dem die Produzenten von Halbleitertechnik weder von Umweltzerstörung noch von Kinderarbeit reden: sie haften nicht für den Mist.“ „Und moralisch?“ „Da haben wir uns den ökologischen Fußabdruck aufschwatzen lassen als Abzeichen eines porentief reinen Gewissens.“ „Ist das noch normal?“ „Während der Normalbürger mit seiner Pinkeltaste und dem Verzicht auf exotisches Obst die Ressourcen und sein Seelenheil schont, jubeln ein paar Superreiche mit irgendwelchen Dingern zu Wasser oder im Weltraum eine Menge an Giften in die Atmosphäre, die andere nicht im ganzen Leben produzieren können.“ „Weil sie die Konsequenzen nicht fürchten müssen.“ „Und weil wir es dann für normal halten.“ „Und weil es die Wirtschaft ist.“ „Die nur die richtige Rechtsform für ihren Konzern braucht, damit keiner mehr für niemanden haftet.“

„Aber wie kann man es den Leuten beibringen, die dafür auf die Straße gehen?“ „Gar nicht.“ „Ich dachte, Lernen sei ein Zeichen von Zivilisation?“ „Hätten die Leute Zivilisation, sie gingen gar nicht erst auf die Straße.“ „Wir können ja schlecht auf eine Generation warten, die keine Bananen mehr kennt, um ihnen irgendwann zu verraten, wo sie die findet.“ „Es wird keine mehr geben.“ „Haben wir falsch gerechnet?“ „Wir sind gierig.“ „Das ist ein evolutionärer Vorteil.“ „Nur bei stark begrenztem Nahrungsangebot – Aggression ist auch ein evolutionärer Vorteil, bringt aber nichts, wenn Ihr Gegenüber eine Schusswaffe besitzt.“ „Also setzt sich die neue Erkenntnis nicht durch?“ „Ihre Gegner werden mit der letzten Generation sterben.“ „Aber dagegen kann man doch auf die Straße gehen!“ „Machen Sie das, dann werden Sie entweder gleich auf der Straße von einem SUV-Fahrer zusammengeschlagen, oder ein Amtsrichter bedauert es, dass er Sie zu einer Bewährungsstrafe verurteilen muss, weil Sie die Normalität mutwillig gestört haben.“ „Was meinen Sie, wann werden die Erdölraffinerien brennen und die Gastanks?“ „Nicht mehr lange, dann haben wir auch das.“ „Und die Natur?“ „Sie protestiert nicht, sie pegelt unsere Spezies dann da ein, wo wir seit längerem unseren Platz in diesem Ökosystem beanspruchen: normal Null.“





Zitterparty

27 07 2022

„Kalt duschen, am besten nur einmal am Tag, für den Frieden auch mal trockenes Brot essen, am besten auch nur einmal am Tag, damit wäre und schon viel geholfen. Also uns. Wenn Sie das tun.

Wir wissen auch noch nicht genau, was sich der Herr Bundespräsident ausgedacht hat, das Papier sollte aber in den nächsten drei Tagen fertig sein. Er hat mal wieder einen Anfall von Sozialphilosophie gehabt, sieben bis zehn Druckseiten, wir werden das gegenlesen und dann in eine Form bringen, in der die Veröffentlichung möglich ist. Erst wollte der Herr Bundespräsident eine öffentliche Rede halten, aber die Situation ist einfach zu ernst dafür.

Nur noch einen Raum beheizen, nachts die Heizung abdrehen, das wird zwar von den meisten schon beherzigt, von hart arbeitenden Menschen teilweise, das muss man den Bürgern zumuten können. Dass der Herr Bundespräsident von Härten spricht, weil wir diese Herausforderung gemeinsam und in Geschlossenheit angehen wollen. Irgendwo hatte er das schon mal gesagt, ich weiß nicht mehr, wo, aber es wird schon richtig gewesen sein. Wenn der Herr Bundespräsident solche Botschaften mit der Bevölkerung teilt, kann er auch nicht einfach irgendwas sagen. Also nicht immer.

Wir können beispielsweise mit dem Rad fahren oder den Bus nehmen, wenn das Neun-Euro-Ticket weg ist, damit wir alle wieder mit dem Auto fahren können wie bisher. Also wenn wir alle bisher mit dem Auto fahren konnten. Das ist eine sehr gute und durchdachte Maßnahme, die die Bevölkerung verbindet und vereint, weil daran alle teilnehmen können, die Autofahrer, die Radfahrer, Menschen ohne Rad, die sich nur ein Rad zu kaufen brauchen, damit sie mitmachen können – die oberste Priorität ist in dieser schwierigen Lage die Gemeinsamkeit, die uns verbindet. Ein Tempolimit würde sicher die Fußgänger ausgrenzen, das könnte ich mir vom Herrn Bundespräsidenten gar nicht vorstellen. Er denkt in dieser Situation gesamtgesellschaftlich, das heißt sozial, und das bedeutet: manche müssen halt rudern, wenn andere Wasserski fahren wollen. Das ist ein Naturgesetz, und die Politik kann ja nichts gegen Naturgesetze tun.

Die Freiheit wird in diesem Augenblick eben am Gashahn verteidigt, das ist die Zeitenwende. Wir haben die ersten Entwürfe gesehen, aber das hat der Herr Bundespräsident begriffen, dass wir auch auf symbolische Dinge, die uns lieb und teuer sind, vor allem teuer, dass wir darauf verzichten müssen, um innerlich gefestigt diese Lage zu überstehen, ohne uns nur auf die Politik zu verlassen, die zwar schon ihr Möglichstes tut, aber eben mehr eben auch nicht. Wir brauchen starke Zeichen, große Bilder, die um die Welt gehen und in Erinnerung bleiben, wie wir alle mit dieser Krise umgegangen sein werden, indem wir Alltagssorgen teilen, uns auch in der Distanz nahe sind Kerzen anzünden und… – Nee, das war ja Corona.

Ist ja egal, wir haben jetzt auch die Chance, die Krise als Chance zu sehen. Bisher war das meistens umgekehrt, also in der Politik, die uns das trotzdem als Chance verkauft hat, aber jetzt wird alles anders. Zeitenwende! Wir können diese Epoche, diesen Abschnitt unserer Geschichte mit dem Gefühl erleben, dass wir live dabei sind, wenn sich Dinge ändern! Das war bei der Wende, am 11. September, das sollten wir doch jetzt auch hinkriegen! Wir machen aus dieser Krisensituation eine Zitterparty – Party, nicht Zitterpartie.

Sie müssen das ja perspektivisch sehen, weil wir die Maßnahmen auch auf Nachhaltigkeit auslegen. Wenn wir jetzt sparen, dann geht es uns nachhaltig scheiße. Was wir jetzt nicht durch Schulden oder klug angelegte Investitionen für Bildung, Verkehr, für Digitalisierung und vor allem für Klimaschutz sichern, das kriegen wir in ein paar Jahren alles mit Schmackes aufs Maul. Gut, die meisten Dinge eher in ein paar Jahrzehnten, deshalb sollten sich diese Jugendlichen heute nicht auf der Straße festkleben, sondern möglich kalt duschen. Wenn die in unserem Alter sind, gibt’s keine Duschen mehr, vermutlich nicht mal mehr Trinkwasser. Aber wenigstens wird es dann so warm sein, dass man Heizkosten spart.

Also müssen wir in dieser Lage realistisch bleiben – es kann sich nicht jeder Bürger ein Kernkraftwerk in den Vorgarten stellen. Manche wohnen im Hochhaus, die haben keinen Vorgarten. Trotzdem müssen wir alle Debatten ergebnisoffen führen, das ist immer zu erwarten, wenn man keine Ahnung hat, und wer wüsste das besser als der Herr Bundespräsident. Das gilt im großen geopolitischen Maßstab, in der Familie, wenn es im Supermarkt wieder kein Klopapier gibt: uneingeschränkte Solidarität, nicht nur mit der Ukraine. Der ganz normale deutsche Millionär, der kann ja nichts dafür, dass er nicht in der Ukraine geboren wurde. Da müssen wir alle etwas tun, weniger ins Kino gehen, in Deutschland Urlaub machen, solange es noch Kurzstreckenflüge gibt, oder alle mal länger arbeiten oder… – Nee, das war ja Steinbrück.

Wir müssen das Volk vor der Spaltung bewahren. Also nicht vor der Spaltung in die, die die Party bezahlen, und die, die die Party feiern. Die wird es immer geben, und als Bundespräsident kann man schlecht tagespolitische Fragen wie das System kritisieren. Wir müssen zulassen, dass alle empfindliche Nachteile in Kauf nehmen – die, die die empfindlichen Nachteile in Kauf nehmen, und die, die das zulassen. Wir als Deutsche dürfen jetzt Solidarität nicht nur im internationalen Maßstab vorleben, das müssen wir auch national. Wir sind jetzt ja wieder wer. Sie werden sehen, diese Krise wird einfach großartig!“





Ausgleichende Gerechtigkeit

18 07 2022

„Verlassen Sie sich darauf, dass wir alles, was in unserer Macht steht, unter allen Umständen nicht tun werden. Also irgendwann doch, aber nicht jetzt, weil dann könnten unangenehme Nebenwirkungen auftreten, und das wollen wir ja nicht.

Man muss in dieser Gemengelage aus Krisen immer den Überblick behalten, sonst fängt man am Ende noch an zu handeln, und dann passieren die falschen Sachen. Die Bundesregierung muss das ganz klar auseinanderhalten, was an der Krise was außerhalb der Krisen verursacht, und dann kann man immer noch entscheiden, ob und wie man wo handelt, oder besser: nicht falsch handelt, weil es ja darauf ankommt. Verstehen Sie mich? gut, hatte ich auch nicht erwartet.

Ich gebe Ihnen mal ein Beispiel: wir haben in der Hitzewelle das große Problem, dass wir nicht genug Personal in den Kliniken für die Betroffenen abstellen können. Jetzt muss man das ganz klar analysieren: für Infektionsschutzmaßnahmen ist es zu spät, weil das Personal sich eh schon mit Corona angesteckt hat, wir haben auch nicht zu wenig Gas, deshalb ist das mit der Ukraine auch irrelevant, und für das Wetter können wir nichts, weil es nun mal Sommer ist. Die Bundesregierung dafür in die Verantwortung zu nehmen ist billiger Populismus, damit steht dann fest, dass wir bei dem Problem gar nichts machen können. Das werden wir auch so kommunizieren, dass wir fest entschlossen sind, die aktuellen Probleme der Klimakrise konsequent und entschieden zu bekämpfen, sobald wir nichts mehr machen können.

Sie verstehen das wirklich nicht? Stellen Sie sich doch mal vor, wir würden jetzt zum Beispiel auf die Schnelle eine rechtliche Regelung entwerfen zum Schutz besonders vulnerabler Gruppen in den Einrichtungen oder in den Privathaushalten, wir würden damit als Nebeneffekt vielen Menschen das Leben retten. Alten, chronisch Kranken, auch sehr vielen von Armut betroffenen Menschen, genau denen, die dann noch länger dem Sozialsystem auf der Tasche liegen würden. In der Statistik geht das unter, das hatten Sie sicher auch bei Corona schon gemerkt, weil es ja immer nur Einzelschicksale sind, und wie wollen Sie die messen?

Es liegt ja eben auch daran, dass wir die Folgen dieser Krisen nicht bedenken. Noch ein Beispiel: die Hitzewellen der vergangenen Wochen in den anderen Ländern hat man früher noch gar nicht so genau vorhersehen können, erst durch die ständige Beschäftigung mit dem Klima kam die Obsession, Rekordwerte zu messen und zu prognostizieren – daher reden wir jetzt von einer Hitzewelle, obwohl die ja überhaupt noch gar nicht stattgefunden hat. Wenn die Politik, und damit meine ich auch die Bundesregierung, in der Pandemie konsequenter die ständigen Tests ignoriert hätte, statt sie nur mit absichtlich veralteten Mitteln in irgendwelchen Ämtern zu sammeln, durch die Gegend zu faxen und damit den Eindruck zu erwecken, sie habe ein Problem erkannt und arbeite an der Lösung, dann hätten wir nicht diese Diskussionen um Inzidenzen gehabt, wir hätten nie über Hospitalisierung oder freie Intensivbetten geredet, und wir wären viel schneller da, wo wir heute sind. Nämlich bei der ganz normalen Politik, die an der Ausschaltung der unangenehmen Nebenwirkungen interessiert ist und die Pandemie nicht mehr bekämpft, weil das nur für Unmut in der Bevölkerung sorgt.

Es ist unfair, dass diese Bundesregierung die Fehler, die in 16 Jahren Regierungsverantwortung der Union aufgelaufenen Fehler beheben muss. Das haben die echt nicht verdient. Als ausgleichende Gerechtigkeit tut die Bundesregierung jetzt einfach nichts und erwartet, dass die nächste Regierung den ganzen Schlamassel beseitigt. Das nenne ich eine ressourcensparende Politik, daran können sich die anderen Länder mal ein Beispiel nehmen.

Überhaupt muss man doch auch mal konsequent handeln. Wir können doch nicht für den Winter die Einrichtung von Wärmeräumen planen, wenn wir jetzt Kälteräume brauchen – und da reden wir noch nicht einmal von Eigenverantwortung, am Ende muss man den Bürgern auch noch vorschreiben, dass sie im Sommer nicht in Wärmeräume gehen. Das grenzt doch schon wieder an Umerziehung!

Man könnte ja die Krankenhäuser auch mal an ihre Sorgfaltspflicht erinnern, dass sie mangelhafte Notstromaggregate reparieren müssen, damit nicht im OP plötzlich das Licht ausgeht. Meinen Sie, wir müssten heute den Leuten vorschreiben, auf jedes Hausdach Fotovoltaikanlagen zu montieren, damit wir wenigstens beim elektrischen Strom nicht mehr von den Rohstoffimporten abhängig sind oder die CO2-Bilanz verbessern? Das ist ein langwieriger Prozess, bei dem man am Anfang gar nicht abschätzen kann, was da am Ende rauskommt. Das müssen wir, das heißt: das muss natürlich auch die Bundesregierung sehr sorgfältig vorbereiten und gesetzgeberisch begleiten, damit wir irgendwann mit den Maßnahmen beginnen können, sobald es zu spät ist. Sollte Ihnen das aus der Pandemie bekannt vorkommen, dann wissen Sie ja, dass das in der Politik ein etabliertes Modell ist, mit dem wir schon seit längerer Zeit operieren. Ich meine, man kann doch nicht einfach handeln, Maßnahmen ergreifen und entscheidende Schritte veranlassen, und am Ende war’s dann gar nicht so schlimm. Das zerstört das Vertrauen der Menschen in die Politiker unter Umständen nachhaltig.

Maskenpflicht? Sie meinen die Maskenpflicht im Herbst, die dann aber auch nur in geschlossenen Räumen gilt? Das ist Freiheit. Davon verstehen Sie nichts.“