Gernulf Olzheimer kommentiert (CCXXXV): Die Büroküche

28 03 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

In der Sippenhöhle war die Sache noch einfach. Wer sein Mammut nicht aufaß, ließ es liegen. Was die Hunde nicht für sich beschlagnahmten, nagte schließlich der Nachwuchs von den Knochen. Kam Besuch, so flog die Karkasse zu den übrigen Knochen in den Kessel. Was das Tagwerk brachte, das wurde alsbald verzehrt. Ungebrochen war noch der Zusammenhang zwischen Nahrungserwerb und Nahrungsverbrauch, nicht einmal der immer öfter einsetzende Versuch, die Dinge genießbar zu machen, entfremdete den Hominiden von seinem täglichen Protein. Wie anders muss es heute sein, wo sich millionenfach Menschen und andere Leidtragende in den Stätten der Degeneration bewegen müssen, wo technisches Gerät und hochwertige Speisen auf die Mängel der sozialen Zusammenrottung treffen. Es gibt nur wenige Wege, eine Büroküche zu überstehen.

Der Anknüpfungspunkt für die biochemische Bandbreite einer Büroküche ist in etwa die durchschnittliche Wohngemeinschaft. Das Laissez-faire zahlreicher Individuen, deren Lebenswege sich nur notgedrungen an einem Ort zu recht unterschiedlichen Zeiten und aus vollkommen unterschiedlichen Gründen kreuzen, bietet die denkbar günstigsten Voraussetzungen für die Schöpfung eines Lebens aus dem Nichts: das komplette, umfassende, ja absolute Chaos. Wo sich mittelalter Gouda mit einer linksdrehenden Erdbeerquarkspeise unter subtropischen Luftfeuchtigkeitsbedingungen begegnen, springt zwingend der Funke neuen Lebens über, meist in diversen pelzigen Phänotypen, langsam und dennoch kaum weniger aggressiv. So wie auch ganze Kontinente sich in Zeitlupe bewegen und allmählich untergehen, vermag der Pinselschimmel sein flauschiges Werk zu vollbringen. Für Ordnung sorgt eine Differenzierung der Grüntöne: das Dunkle rinnt die Wand herunter, das Helle schon wieder hinauf.

Ähnliche Verhältnisse herrschen in der Materieverteilung. Während sich bis auf wenige interstellare Teilchen in der Geschirrspülmaschine nichts befindet, was ein Vakuum auf Dauer abwenden könnte, ballt sich die Dunkle Energie über dem Ausguss. Tonnen von Steingut und ehemaligen Senfgläsern, Messer, Gabel, Löffel, diverse gründlich benutzte Aschenbecher und anderer Behältnisse für den Konsum von Nervengiften ballen sich dort zusammen, wo der anlagenmechanisch sinnvolle Frischwasserzufluss nicht mehr viel retten würde. Bereits ein kurzes Schwappen der Flüssigkeit sorgt für Überschwemmungen, es sei denn, ein dienstbarer Geist – und zwar nicht der, der den ganzen Kram in die Spüle geklömpert hat – topft die Menagerie wieder um, damit der seuchenmedizinisch angezeigte Aufwasch die Lebenserwartung der Belegschaft verdoppeln kann. Was Art und Dichte der Geschirragglomeration angeht, scheint die Fülle historisch verwertbarer Kloaken ähnlich angewachsen zu sein, wenn auch aus archäologischen Funden noch keine Kuchengabeln gesichtet wurden, die seit der vorvorvorigen Weihnachtsfeier in der drittuntersten Schicht des Faultürmchens genügend Babylonisch gelernt haben, um eine Kreuzigungsszene für Mel Gibson zu produzieren.

Doch auch die Eigentumsverhältnisse der bürgerlichen Gesellschaft spiegeln sich wider in der subtilen Grenzziehung der Subjekte. Da personifiziert sich ein Fleischsalat als Jenny, zumindest steht das auf dem Klebeschildchen, das von schwitzigen Fingern auf die Plasteschale geschwiemelt wurde, während jenseits der Demarkationslinie ein Sojadrink Schmidt heißt. Der flüchtige Betrachter ahnt, warum in diesem Millennium ein Double Ding Dong Lattofrappo ohne auftätowierten Namen quasi unverkäuflich ist. Ich habe Dich bei Deinem Namen gerufen, nölt der Bekloppte, Du bist mein. Und wer seine Pfoten in mein Zeugs steckt, dem verkeime ich die Kopfplatzwunde mit Fertigsalat.

Eines Tages wird diese Lebensform sich über alles erheben. Die Fruchtfliegen werden das Regiment übernehmen und hinter einem Panzer aus angetrocknetem Milchschaum, Ketchupresten und rhythmisch blubberndem Obstpüree die Buchhaltung eliminieren, den Vertrieb entsorgen, den strategischen Einkäufer mit dem Personaldisponenten aus der Etage fegen, das in mühevoller Evolution geklöppelte Raumschiff aus Biomasse hinter dem Küchenschrank hervorziehen und mit Warp-Antrieb in den nächsten Superhaufen zoschen, der aus den Hinterlassenschaften eines schlecht gewarteten und vor der Zeit explodierten Kaffeevollautomaten besteht. Womit jetzt auch klar wäre, woher der Urknall kam. Und dass wir bis heute nicht geklärt haben, wer den ganzen Mist eigentlich hätte wegwischen sollen.

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