Erster

15 04 2013

„Und was soll das jetzt für einen Effekt haben?“ „Naja, Wettbewerb halt.“ „Was Sie nicht sagen. Das Ding heißt Pakt für Wettbewerbsfähigkeit, und am Ende kommt dann der Wettbewerb. Diese Kanzlerin ist ja näherungsweise genial.“ „Sparen Sie sich Ihre Ironie, das ist tatsächlich wichtig.“ „Warum?“ „Es hätte am Ende ja auch um Wettbewerbsfähigkeit gehen können.“ „Jetzt verstehe ich immer, warum alle Merkel für eine fähige Kanzlerin halten.“

„Jedenfalls hat die Bundeskanzlerin damit wieder einmal beweisen, dass sie die richtigen Ideen für Europa hat.“ „Nämlich welche?“ „Dass Europa mehr Wettbewerbsfähigkeit, mehr Wettbewerb, also wir brauchen mehr Fähigkeit zum Wettbewerb.“ „Das würde ich als Problem sehen, aber nicht als Lösung.“ „Den Wettbewerb?“ „Den auch, aber zu sagen, dass wir mehr Wettbewerb in Europa haben müssen, führt uns auch nicht viel weiter.“ „Aber es ist schon mal kein Rückschritt. Damit ist doch bereits viel gewonnen.“ „Es mangelt es uns demnach also an Wettbewerb.“ „Wir müssen wettbewerbsfähiger werden.“ „Uns fehlen die Fähigkeiten – ja, dem würde ich im Falle der Kanzlerin durchaus zustimmen.“ „Möglicherweise war damit aber auch schon der Fachkräftemangel gemeint. Man weiß es nicht, die Kanzlerin hat sich noch nicht dahin gehend geäußert.“ „Klingt logisch, sie weiß ja immer erst, was sie denkt, wenn sie hört, was sie sagt.“

„Auf jeden Fall muss man Europa wettbewerbsfähig machen.“ „Also fähig für den Wettbewerb?“ „Sage ich doch.“ „Gegen wen?“ „Ich sagte doch: für den Wettbewerb.“ „Aber gegen wen treten denn die europäischen Staaten an?“ „Im Wettbewerb.“ „In der Forschung, in der Produktion, in der Verkehrsinfrastruktur?“ „Auf dem Markt, oder was hatten Sie gedacht?“ „Markt ist alles.“ „Sagt ja die Kanzlerin auch immer.“ „Warum sollte sie auch intelligenter sein als diese Regierung.“ „Deshalb machen wir Europa ja auch fit für den Wettbewerb.“ „In Europa.“ „Ja sicher. Wieso?“ „Weil es einen freien europäischen Markt gibt, zumindest sollte es den geben.“ „Ist das nicht gut so?“ „Das heißt dann, wir wollen mehr Wettbewerb auf dem europäischen Markt.“ „Das ist doch auch gut so.“ „Wir wollen also mehr Konkurrenz, und wenn wir endlich mehr Konkurrenz haben, sinken die Preise.“ „Ja, das ist doch…“ „Und mit sinkenden Preisen haben wir sinkende Umsätze.“ „… endlich mal eine…“ „Und damit haben wir dann auch wieder sinkende Beschäftigungszahlen.“ „… gute Nachricht.“ „Und noch mehr Arbeitslose sind also gut für die Wirtschaft?“ „Weiß ich nicht, ich habe die Kanzlerin noch nicht gefragt. Klingt aber logisch.“

„Wettbewerb, das heißt doch: jeder sollte besser sein können als der andere.“ „Würde ich sagen.“ „Und wer am Ende besser ist, gewinnt.“ „Würde ich sagen.“ „Und deshalb schließt man einen Pakt in Europa.“ „Würde ich… – worauf wollen Sie jetzt eigentlich hinaus?“ „Die europäischen Nationen schließen einen Pakt und wollen sich dann gegenseitig auf dem Binnenmarkt ausbooten?“ „Das sagen Sie. Ich würde meinen, die Kanzlerin setzt da viel mehr auf die europäische Solidarität.“ „Wegen des gemeinsamen Paktes.“ „Richtig.“ „Das klingt vernünftig. Alle Bundesligamannschaften legen zusammen und bezahlen denselben Trainer, damit sie hinterher alle gegen die anderen gewinnen und Fußballmeister werden.“ „Sie sehen doch selbst, dass dieser Vergleich hinkt.“ „Warum?“ „Die Kanzlerin ist doch gar nicht am Geld interessiert.“

„Das mit dem Angebot hätten wir ja jetzt geklärt. Was ist eigentlich mit der Nachfrage?“ „Wieso Nachfrage?“ „Haben Sie eine andere Definition von Markt?“ „Wir als Exportnation müssen natürlich zunächst sehen, den Bedarf der anderen Nationen zu befriedigen.“ „Und wenn die sich durch die aktuellen Entwicklungen gar keine deutschen Produkte mehr listen können?“ „Müssen sie aber. Selbst produzieren können sie ja längst nicht mehr, weil sie keine Kredite für Investitionen mehr bekommen.“ „Deshalb werden sie trotzdem nichts mehr aus Deutschland kaufen.“ „Müssen sie. Es gibt ja nur noch deutsche Exporte.“ „Ich nehme an, sie meinen Arbeitslosigkeit.“

„Trotzdem müssen wir im globalen Maßstab viel wettbewerbsfähiger werden.“ „Müssen wir?“ „Wir sind ein rohstoffarmes Land, deshalb ist uns das geistige Eigentum wichtig.“ „Die Presseverlage retten Europa? interessante Ansicht, muss ich schon sagen.“ „Nein, ich meine ja nur, dass man mit Forschung und Patenten und…“ „Sind wir dann in Europa nicht viel wettbewerbsfähiger, weil wir uns die tollen Produkte ausdenken, die in China billig nachgebaut werden?“ „Sie verstehen das nicht, wir müssen Europa doch insgesamt…“ „Und dann treten wir gegen den Rest der Welt an? Auch gut. Ich würde trotzdem gerne mal wissen, warum wir dann einen Wettbewerb innerhalb der Eurozone brauchen.“ „Einer muss schließlich erster werden. Wie sieht das denn sonst aus?“

„Die Kanzlerin schlägt uns also einen Pakt vor, damit wir alle gemeinsam gegeneinander antreten, um zusammen im Wettbewerb gegen Drittländer zu bestehen.“ „Kann ich mir nicht vorstellen.“ „Warum nicht?“ „Naja, wir brauchen schließlich europäische Solidarität. Lohnkosten senken, Renten dezimieren, Sozialleistungen schleifen. Wir wollen doch zu einer gemeinsamen Lösung finden, oder?“


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