Ballermänner

29 07 2014

„… die Waffenexporte an Russland streng zu überwachen beschlossen habe. Die deutsche Politik sehe sich daher in der Pflicht, einen wesentlichen Teil ihrer Zusagen an ihre Kunden…“

„… würde die Bundesregierung sich zur Wahrung des internationalen Dialogs erst nach der Münchener Sicherheitskonferenz auf eine genau definierte Embargo-Linie festlegen wollen. Steinmeier sei zuversichtlich, mit seinem russischen Kollegen eine gemeinsame Lösung…“

„… müsse auch die Rüstungsausfuhr aus der EU gestoppt werden. Ausnahmen dürfe es nur geben, wenn die Waffenbestellungen bereits vor der russischen Intervention in der…“

„… auch auf längerfristige Kundenbindung Rücksicht nehmen müsse. So könne eine Neuorientierung des russischen Militärs in Richtung China nach der sicherlich schon bald erfolgenden Beilegung der Krimkrise das deutsche Wirtschaftswachstum für viele Jahre empfindlich…“

„… habe die Kanzlerin bereits energisch dementiert, dass es zu einer vorbeugenden Verstaatlichung der größeren Waffenkonzerne kommen könne, da sich die Banken noch nicht entschlossen hätten, die…“

„… die Verbraucherrechte gestärkt würden. Beispielsweise könne Russland auf eine Nachlieferung von Ersatzteilen bestehen oder den Ersatz im Falle einer Fehlfunktion trotz korrektem Einsatz in kriegerischen…“

„… ganz bestimmt nicht im Sinne einer gesamteuropäischen Stabilisierung sei, wenn die negativen Wachstumsbewegungen sich gegen eine Stärkung der Binnenmärkte…“

„… vor allem aus Bayern zu beziehen. Es müsse daher eine Sonderabgabe geben, um nicht einen Stellenabbau bei den Rüstungsbetrieben im Freistaat zur Sanierung der anderen Länder in…“

„… natürlich nicht verbieten könne, dass sie ihre deutschen Waffen in Katar oder Bahrain kaufen würden, da diese Staaten sich in der Region als Anker der Stabilität…“

„… laut SPD-Chef Gabriel um viele Familienbetriebe handele, die mit Recht stolz seien auf ihre lange Tradition im Waffenbau. Er habe zwar Krupp nicht allein als…“

„… könnte die Verringerung der Waffenexporte letztlich zu einer empfindlichen Schwächung der Eurozone…“

„… die deutsche Rüstungsindustrie als Innovationsmotor verstehe. Ohne deutsche Waffen gebe es keine Kriege, ohne die es wiederum keine deutschen Waffen…“

„… sei für Merkel auch eine Teilverstaatlichung nicht das Mittel der Wahl, wenn die Finanzierung keine ausreichende…“

„… fehle es laut Seehofer auch an Motivation für die technische Weiterentwicklung, wenn die Waffensysteme nicht mehr in Bayern geordert würden. Der Ministerpräsident fürchte daher, dass innerhalb weniger Jahre die Bombenhersteller genauso rückschrittlich sein könnten wie der Rest des bayerischen…“

„… vor den Auswirkungen auf die Zulieferer warne. Der Aufschwung sei vor allem bedroht, wenn sich nicht genügend zivile Ersatzprodukte zur Herstellung in den Waffenschmieden…“

„… auf die Völker verbindende Komponente der Rüstung hingewiesen habe, wie beispielsweise Krupp in vielen Kriegen sämtliche Parteien mit Wehrtechnik beliefert hätte. Gabriel sehe sich gerade in der Tradition der SPD als Friedenspartei im Jahr 14 verpflichtet, eine Zukunft im…“

„… die Kombination von Waffentechnik und Klimaschutz inhaltlich durchaus vermittelbar sei. Leider beschränke sich das auf Bereiche wie Management und PR, während die Herstellung noch sehr schleppend…“

„… dass Dobrindts Zitat ‚Ohne deutsche Waffen werden wir alle zu Griechenland‘ zwar wortgetreu und nicht aus dem Zusammenhang gerissen sei, jedoch mehr metaphorisch verstanden werden müsse, um den gesamteuropäischen…“

„… würden die Waffenhersteller einer Verstaatlichung ohnehin nur dann zustimmen, wenn sie die daraus resultierenden Gewinne nicht an die Steuerzahler…“

„… eine Umstellung auf Friedensproduktion noch nicht annähernd Marktreife besitze. Der elektrisch betriebene Zweisitzer V-2, in der Entwicklungsabteilung liebevoll Ballermännchen genannt, werfe ein schlechtes Licht auf die Konzernleitung, die aus diesem Grund nur noch als Ballermänner…“

„… sei Deutschlands Rolle als führende Industrienation inzwischen auch geeignet, für den internationalen Waffenhandel mehr Verantwortung zu übernehmen, um das deutsche Verständnis von Wohlstand und Gerechtigkeit für den Rest der Welt nachhaltig…“

„… bereits so verzweifelt, dass sie Ilse Aigner zum Entwurf eines Zehn-Punkte-Plans für die…“

„… sei es nicht möglich, die vielen arbeitslosen Rüstungsarbeiter zu vermitteln. Vor allem bedauere von der Leyen die damit korrelierende Schließung der vielen Bundeswehr-Kitas, die nun keine Anschlussverwendung mehr für…“

„… warne auch die AfD vor dem Anwachsen asiatischer Waffensysteme, die ohne vernünftig übersetzte Gebrauchsanweisungen, ohne den Segen eines christlichen Geistlichen und ohne umweltgerechten…“





Lochfraß

28 07 2014

„Oder eine Eingreiftruppe gegen Alkohol.“ „Mit verdachtsunabhängigen Blutproben.“ „Ich wäre ja für Führerscheinentzug.“ „Kollege, es handelt sich um Minderjährige.“ „Dann müsste man den Eltern vielleicht…“ „Er macht das noch nicht so lange?“ „Ist sein erstes Sommerloch.“ „Na dann.“

„Dieses Handelsabkommen ist doch ganz interessant.“ „Machen wir nicht.“ „Wieso?“ „Bringt nichts.“ „Wieso nicht?“ „Werden Sie etwa dafür bezahlt, dass Sie gegen die Wirtschaft demonstrieren?“ „Wäre auch noch schöner, wenn die ihre eigenen Feinde bezahlen würden.“ „Aber da ist doch jede Menge Kritikpotenzial, könnte man da nicht auf den Zug aufspringen?“ „Wo wollen Sie das veröffentlichen?“ „Ich meine, wenn wir eine Talkshow damit…“ „Er macht das noch nicht so lange, hm?“ „Nee, anscheinend nicht.“ „Was denn?“ „Seit wann melden wir als Hinterbänkler die Themen an? Und seit wann sitzen wir in den Sendungen?“ „Vielleicht könnte man jetzt in den Sommermonaten mal eine neue…“ „Ich bitte Sie, das werden Sie mit der besten Idee nicht ändern. Das machen Bosbach, Oppermann und von der Leyen untereinander aus, wer wann wo welche Meinung hat.“ „Aber die Themen! die brauchen doch politische Themen, die man journalistisch gut aufbereiten und spannend für den…“ „Er macht das echt noch nicht so lange.“

„Oder irgendwas mit Autofahrern.“ „Das hat doch Dobrindt voll im Griff.“ „Aber bei denen geht’s nur darum, dass sie die Koalition scheitern lassen können, wenn sie wollen.“ „Kollege, Sie sind zum ersten Mal im Bundestag.“ „Woran merken Sie das?“ „Weil Sie das Prinzip noch nicht verstanden haben.“ „Er will doch seine Maut durchsetzen?“ „Sie haben es also nicht kapiert.“ „Schauen Sie mal, Sie kennen doch die CSU. Was zeichnet die denn aus?“ „Die wollen immer Extrawürste.“ „Richtig. Und wie kriegen sie die?“ „Indem sie zum Beispiel eine Autobahnmaut nur für…“ „Eben nicht. Die wissen doch genau, dass sie das mit geltendem EU-Recht nie hinkriegen.“ „Aber die Kanzlerin hat es ihnen versprochen.“ „Richtig.“ „Beziehungsweise, sie hat es kategorisch ausgeschlossen, und dann ist es ja klar, dass es schneller als erwartet auch kommt und erheblich teurer wird.“ „Sie scheinen es doch verstanden zu haben. Und was schließen Sie jetzt daraus?“ „Keine Ahnung.“ „Die CSU muss auf die Maut verzichten, und dafür kriegt sie jede Menge Extrawürste als Ersatz, die kein geistig gesunder Mensch in den Koalitionsvertrag gepackt hätte.“

„Hier, ist die Krokodilverordnung eigentlich noch aktuell?“ „Welche Krokodilverordnung?“ „Er meint sicherlich dieses Ding da von 2004.“ „Nee, das war noch in der Kiste von Kabinett Kohl II.“ „Lebensmittelskandal?“ „Wir sollten mal ein Krokodilschutzgesetz fordern, also ein Gesetz zum Schutz vor Krokodilen.“ „Dabei müssten wir eigentlich eher die Krokodile vor den Menschen…“ „Kollege, es ist Sommer, da zieht Umweltschutz nicht an den Stammtischen.“ „Aber im Sommer sind überall Leguane in den Baggerseen.“ „Sie haben da etwas verwechselt, das sind…“ „Ich bin Arzt und kein Zoologe.“ „Deshalb sitzen Sie auch im Verkehrsausschuss.“ „Also ein Gesetz zum Schutz von…“ „Ist doch alles in den Gesetzen über die öffentliche Sicherheit und Ordnung enthalten.“ „Dann fordern wir halt nochmals eine Verordnung zu…“ „Gut jetzt, Kollege!“ „Hat mal einer eine Tasse Kaffee?“ „Wir hätten ihm das weiße Pulver nicht wegnehmen sollen.“ „Aber damit kommen wir ganz nach vorne in die Schlagzeilen!“ „Kollege, das ist Landesrecht. Lesen Sie Ihre verdammten Referentenentwürfe, und fertig!“

„Wieso machen wir das denn eigentlich?“ „Für die Medien natürlich.“ „Für die Medien? Was haben denn die davon?“ „Lochfraß.“ „Lochfraß?“ „Von irgendwas müssen die sich ja ernähren. Also im Sommerloch.“ „Ach so.“

„Wir sollten die diplomatischen Bezeihungen zum Vatikan überdenken.“ „Wegen Schavan?“ „Da können Schwule keine Kinder adoptieren.“ „Geht hier auch nicht.“ „Das spielt doch keine Rolle.“ „Also funktioniert da die Adoption nur, wenn der Vater…“ „Ach, vergessen Sie’s einfach.“ „Internet-Verbot für notorische Falschparker.“ „Oder für Schulschwänzer.“ „Dann machen die aber keine Hausaufgaben mehr.“ „Machen sie doch so auch schon nicht. Meine Güte, bei Ihnen dauert das aber echt lange.“ „Entschuldigung, ich versuch’s noch mal: Umsatzsteuerermäßigung für Drohnen.“ „Aber hallo!“ „Donnerwetter, Sie sind mir aber einer!“ „Oder hier: Warnschussarrest für Migranten, die sich keine Lehrstelle suchen.“ „Also nein, das ist doch verfassungsrechtlich gar nicht…“ „Lassen Sie mal, der Kollege hat es begriffen.“ „Oder keine Herdprämie, wenn ein Elternteil keine Ausbildung…“ „Au nee!“ „Wissen Sie, wie viele CSU-Granden dann sofort die Scheidung einreichen müssten?“ „Na, dann lieber Fingerabdruckkontrolle für Demonstranten.“ „Und Arbeitslosengeld kürzen bei Drogenmissbrauch.“ „Selbstverständlich auch Fahrverbot für Arbeitslose.“ „Und wie kommen die dann zum Vorstellungsgespräch, wenn sie keine…“ „Egal, wir haben jetzt genug.“ „Die Ferien können kommen!“ „So, Ruhe jetzt. Hallo? Bitte die Chefredaktion. Guten Morgen, Herr Diekmann. Hier ist Ihr Deutscher Bundestag.“





Versuch einer Anweisung die Flöte traversiere zu spielen

27 07 2014

Der Mächtige will Kunst. Er kann sich’s leisten.
Das ist als Gunstbezeigung schon vertraut.
Nur trifft der Ruhm in jenem Fall am meisten
den, der im Grabmal liegt, nicht den, der’s baut.

Es pfeift sich leichter, malt sich unbeschwerter,
wenn man das Werk auf andern Namen tauft.
Dann scheidet sich’s daran, ein höchst Verehrter,
ob er die Kunst – ob er den Künstler kauft.





In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (CCII)

26 07 2014

Es schälte Norberto in Belas –
natürlich mit Hilfe des Schälers –
das Obst. Und er fletschte
die Zähne und quetschte –
im Ruf eines Ananasquälers.

Haroun, der schlägt um sich in Sarh
und trifft kaum die Insektenschar.
Die ist zwar nicht niedlich,
doch ausnehmend friedlich.
Dass er sich stößt, ist die Gefahr.

Es kam Bruder Mo in Lousal
im Kirchlein gewaltig zu Fall.
Sein Bauch, der gerundet,
war sofort gegrundet.
Noch tagelang hört man den Hall.

Dambudzo schlief fest schon in Hwange,
er hat unterm Kissen die Zange
stets griffbereit liegen.
Es gibt dort nur Fliegen,
man findet dort fast keine Schlange.

Joaquim, der spielte in Ade
im Mittelfeld. Nur seine Wade,
die war ihm beschwerlich.
Der Trainer war ehrlich.
Jetzt steht er im Aus. Wirklich schade.

Mekubo, der schmückte in Pate
mit Fundstücken gern seine Kate.
Das Meiste war schmutzig,
und dann war man stutzig:
im Flur, da hing eine Granate.

Helena, die hatte in Paul
’nen Hund, und der hielt stets das Maul.
Er lag nur zum Dösen,
und statt des Nervösen,
so pflegt er den Schlaf. Er war faul.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCL): Bahnfahren

25 07 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Des Menschen Wille, häufig eine seltsam strukturierte Angelegenheit voller Widersprüche und nichtlinearer Erscheinungsweisen, schrammt nicht selten direkt am Himmelreich vorbei und landet zielsicher in der Grütze, wie uns schon die ersten, noch zaghaften Versuche der frühen Hominiden zeigten. Zwei Sack Korn und im Schnitt anderthalb Kinder kriegte der frühe Ackermann auf seinen Ochsen. Das Vieh ging gemächlich, so dass man nach dem Transport die Gesamtlast noch gut verbrauchen konnte. Eile kannte der Bewohner von Steppe und Runddorf nicht, seine Uhr war der Jahreslauf, sein Sekundenzeiger der Sonnenstand. Die neumodischen Einwanderer, die schon zwei Jahrhunderte früher vom Baum heruntergekommen waren, überzogen das Tal mit einer Innovation, die nicht bei jedem gut ankam: Ochsenkarren. Vielen galt es als purer Schnickschnack, und doch, man konnte damit richtig etwas wegschaffen. Mehr Korn, mehr Kinder (die Monogamie hatte sich mehr und mehr durchgesetzt und die Erbfolge wurde immer schwieriger), notfalls die Alte, die wegen Kind und Kegel moserte. Es spitzte sich zu. Die Moderne würde nur noch eine Frage der Zeit sein, das begriff der Bekloppte im Nu. Ob er die Eisenbahn vorausgeahnt hat, wissen wir nicht, aber das Bahnfahren wird er sich ganz anders vorgestellt haben.

Eine amorphe Masse ist in Sitze geschwiemelt, die man sadistisch veranlagten Ergotherapeuten zur gepflegten Erheiterung vorführt. Alle halbe Stunde bleibt das Gefährt auf freier Strecke stehen, die Motoren gehen aus, während deutsche Rapmusik mit abgrundtief peinlichen Texten durch die Gänge puckert. Die Steckdosen gewinnen den Deutschen Mimikry-Wettbewerb in der Kategorie „Selbst schuld“. Spackvolle Müllbehältnisse lassen per Geruchsoutput eine leichte Ahnung von Ewigkeit durch die Großraumabteile wehen. Schmerzen hat hier niemand mehr, und die Hoffnung auf einen Anschluss nach Bebra auf Gleis 3 verkrümelt sich leise und hässlich. Zeitgemäße Namen wie ICE oder RegioExpress fallen sowieso nur dem ein, der professionell Kantinenspeisekarten betextet und aus anheimelnd zusammengewucherten Gemüseresten noch einen lockenden Arbeitstitel zu kitzeln vermag. Der Rest schweigt. Und das nicht ohne begleitendes Leiden.

Der Aufenthalt in einem Zug ist die perfekte Analogie zur handelsüblichen Vorstellung von der Hölle. Es ist verdammt heiß, verdammt eng, man ist von widerlichen Gestalten umgeben, es ist die reine Gegenwart der Unerträglichkeit, aber dafür weiß auch keiner, ob und wann dieser Mist je enden wird. Das Inferno mit einem Purgatorium namens Straßenbahn oder Überlandbus zu vergleichen ist nicht zielführend; wer könnte bei einem Zug jemals beherzt auf die Bremse treten, die Insassen an die Frischluft kippen und sie fröhlich ihrer Wege ziehen lassen? Wer sich in einen Waggon begeben hat, sollte mit seiner bisherigen Existenz wenigstens abgeschlossen haben, ob auch im Guten, hängt von Saison, Strecke und Fahrgastaufkommen ab.

Nur ein Schwarzes Loch könnte die Situation zwischen Gepäcknetz und Klapptischchen besser beschreiben. Obwohl alles scheinbar von endloser Dauer ist, passiert exakt gar nichts, da die Zeit sich im Innenraum des Ereignishorizonts blubbernd zusammenkrümmt und nichts aus dem ewig kreisenden Radius nach außen dringt. Das Ding ist von außen nicht weiter gefährlich – immer vorausgesetzt, man fühlt nicht den jähen Drang, es von innen anzusehen – und bringt dabei doch zahlreiche physikalische Paradoxa zustande, die ein an Newton geschulter Naturwissenschaftler nicht leckfrei in die eigene Birne gehievt kriegt. Wie lässt sich eine derartige Masse so in ein Raumkontinuum ballen, dass sich selbst Subquarks quantengleiche Koordinaten teilen müssten? Und wer ist dafür verantwortlich, dass ein Haufen Elementarteilchen einen energetischen Zustand annimmt, gegen den der absolute Stillstand wie eine Orgie auf dem Gaspedal aussähe? Fragen über Fragen. Die Antworten, wie immer, pfeifen im Fahrtwind.

Sicher kann man viele logische Überlegungen zum Bahnfahren anstellen. Es muss einen Grund dafür geben, dass der Zug immer da hält, wo man den weitesten Weg zur Treppe hat. Keiner weiß, warum die Reservierungen immer verschwinden; wo bleiben, weiß eh kein Schwein. Letztlich bleibt man immer im Schwarzen Loch hängen. Die Masse klumpt gnadenlos. Vergessen wir den Anschluss nach Bebra. Man wäre ja froh, käme dieser marode Klumpen Stahl überhaupt dort an.

Die Expedition zu den Sternen, ein beliebtes Gedankenexperiment, fußt auf der generellen Reproduzierbarkeit des Beknackten. Wir betreten feuertrunken das Raumschiff und lassen uns in die Weiten der Galaxie pusten, unsere Kindeskinder werden eines Tages – degenerierte Fachidioten zwar und keinesfalls eine Blaupause der Zivilisation – für uns die Lokale Gruppe bereisen. Der Kostenrahmen entspräche etwa einer Rückfahrkarte Bremen Hauptbahnhof – Durlesbach. Was uns rettet, wird die Tatsache sein, dass wir die genaue Verspätung nie erfahren werden.





Gesprächsstoff

24 07 2014

Die Räume hatten eine anheimelnde Sauberkeit, nicht gerade medizinisch, aber doch weit mehr als besenrein. Die Morgensonne schien durch das Oberlicht und warf einige bläuliche Schatten auf die frisch gestrichenen Wände. Alles atmete Ruhe und Frieden. Schüppenhauer war verzweifelt.

„Diese Idioten haben nicht einmal Holzleisten angebracht“, stöhnte der Galerist. „Wo soll ich denn nur die Bilder aufhängen?“ Mit einem ironischen Lächeln – nicht schadenfroh, auch wenn durchaus ein Grund dazu vorhanden gewesen wäre – drehte ich mich einmal um die eigene Achse. „Ach ja, richtig. Die Bilder.“ Es gab keine Bilder, hatte nie welche gegeben. Nicht hier, und vermutlich nicht anderswo. Der windige Unternehmer, dem der frisch gebackene Kunsthändler sein Geld anvertraut hatte, war genauso schnell verschwunden wie die besagte Barschaft. Jetzt stand er da, ohne Bilder, mit einem immerhin sauberen Lokal in bester Lage und mehreren Zusagen für die Eröffnung. Dass sie noch am nämlichen Abend stattfinden sollte, traf sich weniger gut.

„Machen Sie etwas“, wimmerte er. „Irgendwas, brechen Sie in ein Museum ein und stehlen Sie die Mona Lisa, aber lassen Sie mich nicht im Stich.“ „Das wird schwierig“, befand ich, „die Dame ist ja recht freizügig, wird aber gerade im Ausland aufbewahrt, und in einer Papiertüte bekomme ich sie garantiert nicht durch den Zoll. Wir müssen uns eine andere Sache überlegen.“ Schüppenhauers Verzweiflung ging in Fatalismus über. „Dann setze ich mich in die Ecke und lasse mich mit faulen Eiern bewerfen, damit kommt man ja auch ins Feuilleton.“ „Bloß nicht!“ Der Gedanke war nun zu schockierend. „Das macht doch in New York seit zwanzig Jahren keiner mehr.“ Die Lage war ernst. Schüppenhauer zündete sich eine neue Zigarette an. „Suchen Sie mich nicht“, sagte er müde, „Sie werden mich früh genug finden.“ „Seien Sie bitte pünktlich“, wies ich ihn an. „Und lassen Sie freundlicherweise den Schlüssel da.“

Die Gäste kamen mit ortsüblicher Verspätung. Das oval in der Mitte des Raums aufgehäufte Zeug wurde zunächst stumm betrachtet, mit gemessenem Schritt erlaufen und wurde schließlich Objekt einer recht angeregten Diskussion. „Möglicherweise“, mutmaßte ein älterer, kritisch aussehender Gast „hat der Künstler eine Botschaft darin versteckt.“ „Sie könnten ja mal nachsehen“, riet ich, „und übrigens, es ist eine Künstlerin.“ Auf dem Boden klebte ein quadratisches Schildchen, auf das niemand trat, das aber offensichtlich auch keiner gelesen hatte.

Schüppenhauer war nicht richtig betrunken, ob noch nicht oder schon nicht mehr, ließ sich in der Kürze der Zeit nicht feststellen. „Wo kommen die Leute her?“ Ich klopfte ihm beruhigend auf die Schulter. „Durch die Tür, die meisten jedenfalls. Einige sehen aus, als hätte man sie versehentlich über dem Dach abgeworfen, aber das täuscht. Die anderen sind auch nicht weniger bekloppt.“

Immerhin war das Ensemble aus Dachlatten, teilweise aufreizend angekokelt, teilweise mit Nägeln und Krampen verziert, alles zusammen in der Zimmerecke an die Wand gelehnt, auch nicht ohne Aufmerksamkeit geblieben. Eine nervöse Dame schob sich durch die Besucher, stellte ihr Champagnerglas auf einen Klappstuhl und sprach mich ohne zu zögern an. „Ich komme gleich zur Sache: wie viel?“ „Ich auch“, antwortete ich. „Das Glas verschwindet sofort von diesem Stück Objektkunst, oder Sie haben ein Problem.“

Eine Viertelstunde später erfuhr ich vor dem Studenten, der den Kellner spielte, dass das aus Paris, Köln und Tokio stammende Künstlerduo bereits die Eröffnung verlassen habe. Die nervöse Dame hatte mehrere Fotos von ihnen gemacht, die sie in den führenden Kunstzeitschriften zu veröffentlichen gedachte. Ich war sehr gespannt, ob ich sie erkennen würde.

„Sie haben mir eine Viertelmillion für diese Holzdinger angeboten“, keuchte Schüppenhauer. „Was soll ich denn jetzt tun?“ „Fordern Sie eine halbe“, riet ich, „und verkaufen Sie damit auch gleich die Option auf die kommenden beiden Teile der Installation.“ Er war nachhaltig verwirrt, aber damit war zu rechnen gewesen. Bedauerlicherweise konnte ich mich nicht um ihn kümmern, da die exzentrische Kuratorin für ihre Verhandlung mit der städtischen Kunsthalle immer wieder Details von mir wissen wollte. „Es heißt Gesprächsstoff“, erläuterte ich, „und es ist innen mit einem Holzgerüst versehen, damit es formstabil bleibt.“ Sie machte sich Notizen. Schüppenhauer suchte seine Zigaretten.

„Sie haben das alle gefressen“, sagte er, noch immer ungläubig und diesmal deutlich betrunkener als zu Beginn des Abends. „Die haben es Ihnen alle abgenommen! Aber wie haben Sie das so schnell geschafft?“ Ich lächelte vor Bescheidenheit. „Zwei alte Paletten, ein wenig Plastikplane und ein Altkleidercontainer der Heilsarmee. Und dann muss dem Vorbesitzer der Geräteschuppen im Garten abgebrannt sein. Sie sehen das in der Ecke.“ Er drehte sich kurz um. „Es ist noch eine alte Harke da und ein paar Schaufeln und etwas Altmetall, und neben der Kellertreppe stehen noch die restlichen Klappstühle. Denken Sie an die halbe Million, Schüppenhauer. Sie wollen doch den Kunstmarkt nicht wegen so einer Kleinigkeit gegen sich aufbringen.“





Integrationskurs

23 07 2014

„Natürlich ist das eine ehrenvolle Aufgabe für Sie als Staatsbürger mit Migrationshintergrund. Wenn ich an Ihrer Stelle wäre, ich wäre stolz, meinem Vaterland so einen Dienst erweisen zu dürfen. Abgesehen davon bin ich ziemlich froh, dass Sie das tun. Ich bin ja zum Glück keiner von diesen Scheißausländern.

Bitte nennen Sie das nicht Missbrauch, das könnte letztlich dazu führen, dass wir unsere doch verhältnismäßig integrationsfreundliche Haltung Ihnen gegenüber nochmals gründlich überdenken. Sie müssen doch zugeben, Sie haben es nicht schlecht hier. Sie sind zwar ein Scheißausländer, aber man lässt Sie größtenteils in Ruhe. Hat man Sie in den letzten vierundzwanzig Stunden auf der Straße angespuckt? Dann sollten Sie wissen, was Sie zu tun und zu lassen haben, damit das so bleibt.

Sehen Sie das nicht als Diskriminierung an, das ist es gar nicht. Eher als eine Art exklusives Angebot, das wir nur Ihrer Bevölkerungsgruppe unterbreiten. Wie eine Art Sprachunterricht zum Beispiel, den brauchen ja echte Deutsche auch nicht. Gut, in Sachsen vielleicht oder in Bayern. Aber die echten Deutschen nicht.

Sie haben ganz direkt die Chance, die Wirtschaft zu verbessern. Nicht nur die deutsche, also im Grunde genommen ist es eigentlich gar nicht so sehr die deutsche, aber es ist die Wirtschaft, und wir haben viele Verbündete, beispielsweise die USA. Die haben herbe Rückschläge hinnehmen müssen in letzter Zeit. Sogar von höchster Stelle hört man, dass wir denen gar nicht mehr so richtig helfen können. Keine Drohnen, keine Nacktscanner, und dies Verfassungsgericht macht denen ständig alle Investitionspläne kaputt. Unser Verfassungsgericht, wenn man es genau nimmt. Da muss man doch mit seinen Verbündeten einschreiten, oder?

Und genau so ein Verbündeter sind Sie jetzt. Als Staatsbürger mit sichtbarem Migrationshintergrund. Jetzt haben Sie sich doch nicht gleich so, man sieht doch, dass Sie aus der Wüste kommen. Merkt man am Namen. Typisch muslimisch. Ach, sind Sie gar nicht? Erzählen Sie das dem Papierkorb. Für alle, die Sie nicht kennen, sind Sie halt einer von diesen Scheißausländern. Sie können sich gerne dagegen wehren, es nützt Ihnen nur leider nichts.

Ich will Ihnen gegenüber ganz offen sein: wir brauchen Sie. Ja, wir brauchen Sie wirklich! Sie sind für uns unverzichtbar, weil nur Sie diese so wichtige Rolle ausfüllen können, die unsere wirtschaftliche und politische Zusammenarbeit mit den Verbündeten stabilisiert und nachhaltig fördert. Sie sind das fehlende Puzzlestück. Ohne Sie wären wir aufgeschmissen. Wir brauchen Sie wirklich. Und Ihre Herkunft, Ihr Aussehen, das, was wir alle von Ihnen denken und halten und als was wir Sie betrachten, macht Sie zu etwas ganz Besonderem.

Sie sind doch ein gesellschaftliches Nichts. Sie sind eine Last für den Sozialstaat, weil sie faul und ungebildet und – tatsächlich? Na egal, dann nehmen Sie eben einem deutschblütigen Chefarzt seinen Job weg. Sie sind ein Scheißausländer, aus der Nummer kommen Sie nicht mehr raus. Tun Sie sich doch selbst einen Gefallen und opfern Sie sich auf. Für eine sichere Gesellschaft. Für ein besseres Miteinander. Und dafür, dass wir in unseren Sonntagsreden immer wieder gerne betonen, wie weit die Integration vorangeschritten ist und dass die meisten Fremden gar nicht so schlimm sind, wie sie auf den ersten Blick scheinen.

Wir brauchen Sie als Personifikation des Bösen. Schauen Sie, einer muss doch der Terrorist sein. Einer muss es machen. Und glauben Sie mir, wir haben schon viele Alternativen ausprobiert. Nazis aus dem Verfassungsschutz, deutsche Konvertiten und jugendliche Computerspieler mit Zugang zu schlecht verschlossenen Waffenschränken – können Sie alles in die Tonne treten. Der gute alte Muslim mit Migrationshintergrund, der ist einfach nicht zu schlagen. So einer wie Sie. Gut, dann eben einer, der so aussieht, wenn man aussieht, wie Sie aussehen, ist doch egal. Ihnen traut man eine Flugzeugentführung oder eine Kofferbombe am Bahnhof nun mal eher zu als einem bärtigen Kölner mit roten Haaren, der etwas Hokuspokus veranstaltet. Sie haben halt diese gewisse Glaubwürdigkeit, die man für so etwas braucht.

Zahlen können wir Ihnen nichts, das ist richtig. Aber darum geht es doch auch gar nicht. Zumindest uns nicht. Ihnen bietet sich hier die einmalige Gelegenheit, die Sicherheitsindustrie zu stärken. Wir brauchen Sie als Buhmann. Die Innenpolitik braucht Sie. Die Medien nicht zu vergessen – Ihr Gesicht in einer Boulevardzeitung, da ruft doch der anständige Deutsche sofort nach den Arbeitslagern. Freuen Sie sich. Sie stabilisieren Deutschland. Das kann man von den vielen echten Deutschen, die nicht die Bildungsvoraussetzungen dazu haben, nicht immer behaupten. Fühlen Sie sich gebraucht. Sie sind es nämlich.

Also denken Sie auch mal an Ihre Familie. Ihre Kinder sollen es doch einmal besser haben als Sie, oder? Gut. Dann sind Sie bitte morgen pünktlich beim Einsatz, bringen Sie den Zünder mit, widersetzen Sie sich bei der Festnahme, und dann könnten wir bei der Vergabe einer Lehrstelle ein paar Beziehungen spielen lassen. Denken Sie an Deutschland. Sie wollen doch dazugehören.“








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