Gesellschaftsabend

23 04 2014

„Endlich! Ich dachte schon, Sie kämen gar nicht mehr!“ Der Aufnahmeleiter war schweißgebadet, und nicht nur das verwirrte mich. „Nun mal schnell rein hier“, kaute die Maskenbildnerin an ihrem Gummi vorbei, „Sie muss ich ja trockenlegen, bevor ich den Puder raushole.“ Wo war ich nur gelandet, und vor allem: warum? Und in welchem Programm würden sie das senden?

„Sie sind doch der Politiker, oder war’s ein Politologe? egal, Ihr Schlips passt gut zur Deko, Sie kommen links auf die Couch.“ Drinnen schoben die Beleuchter ein paar Kulissen hin und her, das Publikum übte Klatschen, wenn das rote Licht anging, und irgendwo musste auch die Moderatorin sich versteckt haben. Ich hingegen hatte den falschen Fahrstuhl genommen, den nämlich, der mich auf dem Weg von Doktor Bernstörffer, Kultur und angewandte Philosophie, direkt in die Tiefgarage fuhr, statt im Erdgeschoss zu halten. Ihn hatte natürlich nur mein Exposé der zehn neuen Folgen Kochen wie die Azteken interessiert – „Großartig, mein Lieber, ganz großartig, und wenn die Bilder zu teuer werden, machen wir ein halbstündiges Radiofeature aus dem ganzen Mist!“ – und nicht meine persönlichen Befindlichkeiten. Das war so in seiner Redaktion. Dafür hatte irgendjemand den Aufnahmeleiter im Stich gelassen, und jetzt stand er da. „Uns fehlt der Populist.“ Ich sah ihn verständnislos an. „Richtig, uns fehlt heute der Populist. Die da hinten ist die normale Tante, und der da im Kammgarnanzug ist so ein Kirchenfunktionär, der ist zwar konservativ, muss aber leider auch immer wieder für Frieden und Gerechtigkeit eintreten.“ Er grinste. „Den können Sie heute so richtig auseinandernehmen. Er hat seit mindestens sechs Stunden keinen Tropfen Alkohol mehr bekommen.“

„Was ist in unserer Gesellschaft los?“ Die Gastgeberin warf einige überflüssige Fragen in den Raum und eine Moderationskarte gleich hinterher. Die abgeklärte Oppositionelle wackelte mit dem Kopf, der nicht ganz aufgeklärte, aber nicht mehr amtierende Regierungsparteimann auch, aber in eine andere Richtung. „Meiner Meinung nach ist das eine Frage des Blickwinkels, und das wird man ja nicht als Ideologie abtun können.“ Immerhin, das Niveau würde nicht weiter sinken können. Ob man stattdessen dafür ein paar Löcher in den Boden stemmen würde?

Der Kammgarnanzug verkündete, dass er an sich schon für eine offene Gesellschaft sei, in der jeder auch machen könne, was er wolle, sofern dem Gesetz Genüge getan werde. „Aber wir wollen auch nicht vergessen, dass die Familie als Fundament der Gesellschaft für, ich möchte mal sagen, normale Menschen…“ „Sie und Ihr Schweineverein“, fauchte ich dazwischen. Der Moderatorin entfiel gleich ein ganzer Stapel Kärtchen, weshalb die Kamera hastig auf mich schwenkte. Voll im Bild. Genau das hatte ich gewollt. „Sie setzen sich hier in den medialen Mainstream und tun so, als ob das die öffentliche Meinung sei, aber da haben Sie sich getäuscht.“ „Mir hat noch keiner widersprochen“, nörgelte das Männchen. „Natürlich nicht“, schrie ich, „das ist ja auch die schweigende Mehrheit, gegen die Sie mit Ihrer Meinungsdiktatur angehen wollen, aber da haben Sie sich geschnitten. Das kriegen Sie hier nicht durch!“

Die Normaltante tendierte eher dazu, das als demokratischen Prozess aufzufassen. „Wir haben ja gar nichts gegen gesellschaftliche Strömungen“, informierte sie die Zuschauer, „ich kenne da beispielsweise einen Soziologen.“ Der Ex-Minister wollte das nicht gelten lassen, konnte ihre Meinung aber auch nicht als staatlich gelenkte Propaganda hinstellen; bis vor ein paar Wochen war er noch kein Ex-Minister gewesen. „Das ist durch zahlreiche Statistiken belegt“, beteuerte er. „Mir fällt hier nur gerade keine Zahl ein, aber mindestens dreiundsiebzig Prozent der Bevölkerung, und zwar aus allen Parteien, mehr als dreiundsiebzig Prozent sind genau dieser Meinung, und das ist die absolute Mehrheit.“ Beifall heischend blickte er um sich. Die Moderatorin hatte unterdessen ihr Kärtchen wieder aufgelesen und wandte sich mir zu. „Sie stellen in Ihrem neuen Buch die These auf, dass wir diese Entwicklung schon seit zehn Jahren ignoriert haben, und dass die Politik heute die Ergebnisse der damaligen Verfehlungen erntet.“ Ich richtete mich auf. „Genau das ist doch der Punkt“, ereiferte ich mich, „das wird ja auch viel zu selten in der Öffentlichkeit, und damit meine ich natürlich, dass wir da, wo wir keine Denkverbote, die darf es übrigens in einem Rechtsstaat gar nicht, und das wird man ja wohl noch sagen dürfen!“

Was mich etwas überraschte, war das Publikum. Nicht, dass sie besonders anspruchsvoll gewesen wären, sie verhielten sich wie dressierte Lemminge. Bei jeder Gelegenheit leuchtete die Lampe auf, und sie klatschten ausgiebig. Eigentlich hätte ich mich langweilen können. „Man muss doch die Wahrheit aussprechen können!“ Wahrscheinlich wussten sie es nicht besser. Sie applaudierten schon wieder. Oder immer noch. Ich holte zum letzten Schlag aus. „Wir sind komplett gehirngewaschen, weil wir uns die ganze Zeit irgendeinen Dreck im Fernsehen ansehen müssen. Und zwar in überflüssigen Sendungen wie dieser hier.“

„Na, hat ja geklappt.“ Der Aufnahmeleiter war zufrieden, schließlich hatte die Sendung kurz vor dem Kollaps ihr natürliches Ende gefunden. „Machen Sie das eigentlich öfter?“ Ich ließ ihn wissen, dass ich dem hauseigenen Populisten auf keinen Fall den Job wegnehmen wollte. „Er wird alt“, sagte der Fernsehmann mit leisem Bedauern, „wir werden ihn an die Börsennachrichten abgeben müssen oder in die Programmkommission. Einer muss diese Meinungsdiktatur ja herstellen, bevor wir sie kritisieren, oder?“





Roadshow

22 04 2014

„Spritpreis?“ „Bitte!“ „Ich meine ja nur.“ „Sprit geht gar nicht.“ „Echt jetzt!“ „Totale Schnapsidee.“ „Also Leute, jetzt macht mal zu. Wir müssen eine solide Finanzierung präsentieren, sonst ist unsere Glaubwürdigkeit bis zur Europa-Wahl endgültig im Eimer.“ „Und wenn wir eine solide Finanzierung haben?“ „Dann auch.“

„Jetzt labert hier nicht herum, das Problem ist bekannt: die Straßen in Deutschland sind im Eimer, und wir müssen etwas tun, damit uns die Autofahrer nicht als Wähler verloren gehen.“ „Das ist doch der größte Unsinn überhaupt: den Autofahrern noch mehr Geld abknöpfen, weil sie uns sonst…“ „Sparen Sie sich Ihre Spitzfindigkeiten für den nächsten Parteitag, dann können Sie Albig absägen. Jetzt arbeiten wir erst mal konstruktiv.“ „Das nennen Sie konstruktiv?“ „Meine Güte, irgendwo wird man den Leuten doch einen Hunderter aus den Rippen leiern können?“ „Betreuungsgeld?“ „Was ist damit, wollen Sie das besteuern?“ „Nö, ich will das abschaffen.“ „Vernünftiger Gedanke.“ „Hmja.“ „Kollege, das wollen wir alle abschaffen, aber wir haben im Wahlkampf oft genug gesagt, dass das dummer, reaktionärer Scheißdreck ist, und wir sind die SPD, also machen wir das jetzt trotzdem.“

„Hier, Rauchen!“ „Was!?“ „Rauchen für den Hindukusch. Hatten wir doch auch mal.“ „Ach so, das ist aber schon lange her.“ „Bier besteuern für die Fahrsicherheit?“ „Bloß nicht, sonst saufen sich ein paar CDU-Leute im Wahlkampf aus Solidarität die Birne dicht.“ „Wäre aber eine gute Sache, wenn wir die Brauereien als Sponsoring-Partner…“ „Leute, jetzt wird’s langsam albern.“ „Oder wir machen den Nürburgring wieder auf damit.“ „Big Albigs Roadshow!“ „Super!“ „Hmja.“ „Leute!“ „Oder Passivtrinken?“ „Haben die Passivrauchen auch besteuert?“ „Das wäre doch mal eine Idee gewesen.“ „Meine Güte, Ihr hängt wohl nicht an Euren Jobs?“ „Nö. Nach der Wahl sind wir ja eh alle wieder in Berlin.“

„Vielleicht könnte man das doch irgendwie aus den normalen Steuern…“ „Halten Sie den Rand, wir haben uns für einen Alleingang entschieden, um das parteipolitische Profil zu…“ „Eben deshalb ja. Wenn wir als SPD aus dem Mindestlohn…“ „Lassen Sie den aus dem Spiel, den haben wir im Wahlkampf als absolut unverhandelbares…“ „… die ganzen Ausnahmen rausstreichen, kriegen wir wieder viel mehr Lohnsteuern, und daraus können wir dann den Straßenbau finanzieren.“ „Hmja.“ „Das müsste man mal durchrechnen.“ „Sonst könnten wir ja den Mindestlohn vorerst so lassen und dann die Steuern in den Bundeshaushalt fließen lassen.“ „Und wo fließen die Ihrer Ansicht nach sonst hin, Herr Kollege?“ „Fragen Sie mich nicht, ich bin innenpolitischer Sprecher. Wenn ich mehr Geld haben will, erzähle ich der Fraktion wirre Lügenmärchen und erfinde eine Statistik dazu.“

„Und wer bezahlt diese Straßensonderabgabe jetzt?“ „Wir wollen das sozial gerecht regeln.“ „Moment, nur zur Sicherheit: sozial gerecht oder SPD-sozial-gerecht?“ „Wo ist da der Unterschied für Sie?“ „Das eine ist ohne Umverteilung von unten nach oben.“ „Wir haben da keine Zielvorgabe bekommen, aber für uns ist schon klar, dass wir unserer sozialen Verantwortung gerecht werden müssen.“ „Also zahlen vor allem die Autofahrer ihre eigenen Straßen?“ „Ja, so hatte sich die Partei das gedacht. Nutzer bezahlen ihre Verkehrswege.“ „Also die, die auf der Autobahn…“ „Auch.“ „Und auf den Bundesstraßen?“ „Selbstredend. Und Sie müssen ja als Sekundärnutzer…“ „Als was!?“ „Er meint so was wie Passivrauchen.“ „Wenn ich mir mit meiner Frau ein Auto teile? Dann zahle ich doppelt?“ „Ich dachte da eher an Busverkehr.“ „Aber das ist doch…“ „Naja, technisch gesehen stimmt’s schon. Wenn Sie im Krankenwagen liegen, benutzen Sie auch öffentliche Straßen.“ „Das erzählen Sie mal einem Steuerhinterzieher.“

„Auf der anderen Seite ist doch der Effekt gar nicht schlecht, wenn die Straßen so im Eimer sind.“ „Worauf wollen Sie hinaus?“ „Dann steigen mehr Leute auf die Bahn um.“ „Das Schienennetz ist doch auch marode.“ „Das ist doch gut, dann haben wir mehr Straßennutzung und unsere Reparaturen amortisieren sich viel schneller.“ „Sagen Sie mal, haben Sie Spaß an Ihrem Drogenproblem?“ „Ich sagte doch, ich bin innenpolitischer Sprecher.“

„Und wenn wir den Soli erhöhen?“ „Was hat das mit den Straßen zu tun?“ „Ich meine ja nur.“ „Hmja.“ „Also langsam werde ich aber…“ „Oder wir könnten Geldbußen bei Ordnungswidrigkeiten etwas höher machen.“ „Und wenn wir aus dem Bildungsetat etwas abzweigen?“ „Den zweigen wir doch eh schon von den Kosten für die HSH Nordbank ab.“ „Jetzt seid doch mal kreativ!“ „Mann, was denn noch!“ „Wir müssen den Wählern eben sagen, dass Autofahren auf intakten Straßen mehr wert ist.“ „Wie bitte!?“ „Ich meinte, dass…“ „Na also!“ „Was hat er denn jetzt schon wieder?“ „Hier, das ist doch unsere politische Logik. Passiv fahren – Passivrauchersteuer.“ „Verstehe ich jetzt nicht.“ „Können Sie mir das mal erklären?“ „Und dann?“ „Na? Haben Sie’s?“ „Worauf will er denn jetzt eigentlich hinaus?“ „Autofahren – mehr wert in Deutschland? Na!?“ „Hmja.“ „Hallo, Kiel? Ich glaube, wir haben da was für Ihren Wahlkampf.“





Russki Riot

21 04 2014

„… habe der Chef des Bundesamtes für Verfassungsschutz Maaßen gewarnt, dass die russischen Spione den Deutschen Bundestag übernehmen könnten, um die…“

„… als größten Blödsinn, die er je gehört habe. Seines Erachtens nach solle man jemanden wie Maaßen sofort seines Amtes entheben. Aus Gründen der Parteidisziplin befürworte Gabriel die Haltung jedoch und werde alles dafür tun, die russische Übernahme der Bundesrepublik zu…“

„… habe Arbeitgeberpräsident Kramer gleich vor der Kanzlerin aus dem Osten gewarnt. Sie stelle ihre stalinistische Gesinnung genügend zur Schau, indem die Unterschicht durch einen Mindestlohn in den offenen Krieg mit den…“

„… möglicherweise der NSU nur so weit gekommen, da der Verfassungsschutz auf eine Übernahme durch die Russen gewartet habe und abgelenkt gewesen sei. Beweise dafür werde man so schnell wie möglich…“

„… korrekt, dass Deutschland bereits seit 1949 von den Russen ausspioniert werde. Aus Gründen der internationalen Bündnispolitik habe man dies jedoch bisher nie öffentlich…“

„… sei es geradezu absurd, deutsche Politiker als käuflich zu bezeichnen. Westerwelle habe dies am Rande einer Tagung deutscher Hoteliers als…“

„… bestehe Dobrindt auf einem Einreiseverbot russischer Spione in den Freistaat Bayern, um…“

„… da der Russe nicht das Volk, sondern nur die Politiker ausspähe. Dies, so Kauder, sei der Beweis dafür, dass der Russe kein demokratisches…“

„… vor existenziellen Gefahren, sobald der russische Geheimdienst die von britischen oder US-amerikanischen Geheimdiensten ausgespähten Daten ausspähten, da dies nicht nur eine illegale Aktion, sondern auch ein Verstoß gegen Völkerrecht und die internationalen…“

„… berufe sich Maaßen auf Augenzeugen, die als ostukrainische Krankenschwestern getarnte russische Spione beobachtet hätten, die Säuglinge aus den Brutkästen…“

„… zur Mäßigung aufgerufen habe. Geißler bedaure die Entwicklung zutiefst und wolle die Konfrontation entschärfen; er habe auch schon darauf hingewiesen, dass die meisten russischen Spione in Wahrheit Tschetschenen und georgische Staatsbürger…“

„… viele russische Spione, die nun den deutschen Fachkräften die Arbeitsplätze…“

„… zwar dasselbe wie NSA und GCHQ, da der russische Geheimdienst jedoch geheim arbeite, sei dies eine ethisch besonders verwerfliche…“

„… lehne er ab. Auch eine Diskussion über mögliche außenpolitische Konsequenzen sei nicht mehr erwünscht, Pofalla habe Russland mit sofortiger Wirkung für beendet…“

„… der Verfassungsschutz bereits von russischen Spionen unterwandert worden sei, so dass ein Versagen bei der Aufklärung des NSU nur die logische Folge der personell ausgebluteten…“

„… warne Seehofer davor, die Russen als Freunde Europas zu betrachten, solange sie durch gezielte politische Einflussnahme weitreichende Entwicklungen auslösen könnten. Für ihn sei bereits die Wiedervereinigung ein alarmierendes Zeichen, welch große Zerstörungen die östliche Großmacht im vergangenen Jahrhundert…“

„… könne eine jährliche Anhebung der Abgeordnetendiäten um zwanzig Prozent die Mitglieder des Deutschen Bundestages vielleicht davon abhalten, gegen Geld für ausländische…“

„… habe Maaßen geprüfte Fakten dafür, dass zahlreiche russische Agenten in ihren Aktentaschen Massenvernichtungswaffen in den Reichtag…“

„… sogar verdächtigt, das Mobiltelefon der Bundeskanzlerin zu…“

„… gebe es immer wieder Gerüchte von verschwundenen Kindern. Eine russische Beteiligung könne nie nachgewiesen werden, doch sei dies für von der Leyen bereits ein Beweis dafür, wie gut getarnt die russischen Schwerverbrecher…“

„… habe Russland dem US-amerikanischen Verbrecher Snowden Asyl gewährt. Dies, so de Maizière, sei ein hinreichender Beweis dafür, dass den Vereinigten Staaten kein unrechtes handeln vorzuwerfen…“

„… als blinder Alarm herausgestellt habe. Der Verdächtige sei nach seiner Festnahme zwar als Spion enttarnt worden, besitze aber die chinesische Staatsbürgerschaft. Außenminister Steinmeier habe dazu geäußert, dies sei ein guter Tag für die…“

„… massive Kritik an Maaßen geübt. Er habe es versäumt, die NSA ausdrücklich zu fragen, ob es gesicherte Erkenntnisse über Anwerbeversuche russischer Agenten in der Bundesrepublik…“

„… durchaus Anzeichen, dass der NSU eine Erfindung der russischen Spione gewesen sei, die so getan hätten, als seien sie in Wirklichkeit doch ganz normale Deutsche, was die Deutschen sehr verwirrt habe, die so getan hätten, als seien sie russische Spione, die sich in Wirklichkeit als…“

„… Hunderte vertraulicher Dokumente aus dem deutschen Behördenverkehr an die Russen geliefert habe. Aller Wahrscheinlichkeit sei so auch die Steuerfahndung an Hoeneß’ Bankdaten …“

„… die russische Staatsführung unter anderem am Vietnamkrieg, an der Rassentrennung und am 11. September schuld, da sie ihn nicht verhindert habe. Mißfelder besitze außerdem Beweise, dass Adolf Hitler in Wirklichkeit ein geklonter Roboter aus dem sowjetischen Industriekomplex…“

„… dürfe nicht zu Irritationen im Verhältnis zu den Freunden in den USA führen. De Maizière habe nochmals betont, auf Vorschlag der amerikanischen Geheimdienste bewahre man die deutschen Staatsgeheimnisse vorsorglich in den Vereinigten Staaten auf, um sie nicht versehentlich in die Hände russischer…“

„… fordere Axel E. Fischer eine Ausweitung der Vorratsdatenspeicherung auf Dateien mit kyrillischem…“

„… die Erwartungen gedämpft. Deutsches Know-how sei für Russland keine begehrte Ware, da die Firmen noch nicht auf dem Stand einer hoch technisierten…“

„… außerordentlich bedauert. Die in Berlin aufgeflogene Nachrichtendienstlerin sei wie befürchtet eine Mitarbeiterin des ukrainischen…“

„… derzeit kein Interesse. Putin selbst halte nicht viel vom Deutschen Bundestag, dessen Mitglieder kaum den Mindeststandards für den KGB…“





Eierlei

20 04 2014

Frühling lässt die Sonnenstrahlen
durch den Garten schimmern licht,
will mit blauen Bändern malen,
lacht aus Blütenangesicht.
Finchen, Tinchen, Minchen suchen
dort ein kleines Stündchen bald.
(Vatern hört man leise fluchen,
schließlich ist es scheußlich kalt.)
Oh, sie schauen unter Büschen,
um ein Nestchen zu erwischen,
jauchzen in die Frühlingsfeier:
  „Ostereier!
    Ostereier!“

Leise geht das Frühlingsrauschen
auch über den großen Teich.
Dort will man dem Rauschen lauschen
und macht alle Menschen gleich.
Alles liest und alles hört man,
Kanzlerin und Depp und Schaf,
ab und an ist zwar empört man,
und wird wieder treu und brav.
Wichtig ist, die großen Brüder
kaufen bei uns immer wieder.
Dafür ist uns nichts zu teuer!
  Ostereier!
    Ostereier!

Horch, was stapft dort durch die Gräser?
Wenn man die Regierung lässt,
friedlich wie Posaunenbläser
treten sie ins bunte Nest.
Wacker, ohne auszuruhen
wandert’s über Tal und Berg,
Eierschale an den Schuhen,
Knickebein und Zuckerwerk.
„Alles habt Ihr falsch verstanden,
Volk, in allen deutschen Landen,
glaubt uns! Ja, Ihr kennt die Leier:
  hier gibt’s keine
    Ostereier!“





In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (CLXXXVIII)

19 04 2014

Mercedes und Cathy in Felton,
die sich Frühstückseier bestellten,
die salzten die Schale
(ja, mehrere Male),
bevor sie sie endlich abpellten.

Camillo, der wartet in Ne
verzweifelt auf den ersten Klee.
Er wartet seit Wochen
und starrt ungebrochen
zum Fenster hinaus – auf den Schnee.

Als Timothy heimkam nach Proctor,
kam es seinem Dad wie ein Schock vor.
Der war Straßenkehrer,
sein Sohn jedoch Lehrer
und baute jetzt auch noch den Doktor.

Es wartete Shahin in Teheran
beim Schneider. Dort saßen zwei Näher dran,
den Anzug zu ändern
an den Hosenrändern.
Das dauert. So brachte man Tee heran.

Als Zack Zucker fehlte in Morgan,
sprach er: „Dann will ich den besorgen,
das heißt: geh ich heute,
seh ich viele Leute –
ach nein, ich kauf ihn lieber morgen.“

Es war Estéban in Linares
enttäuscht. „Ach, dies Fahrrad, da war es!
Es stand dort im Fenster!“
„Du siehst ja Gespenster“,
der Vater sprach, „hast Du Geld: spar es.“

Es ekelte Elton in Y,
die Frau tischte auf: lauter Brei,
nach langem Gestöhne
um die Weisheitszähne.
„Verzeih“, sagt er, „wenn ich jetzt spei.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCXXXVII): Pflichtbewusstsein

18 04 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Das Dasein in der Steppe ließ nicht viele Möglichkeiten übrig. Die arbeitsteilige Gesellschaft kündigte sich an – die einen feilten die Speere, die anderen jagten das Mammut, der Rest vergrub, was von den Jägern übrigblieb – und damit die Tendenz, im Rahmen seiner Möglichkeiten tätig zu werden, durchaus beschränkt, aber dank der Spezialisierung auch mit dem guten Gefühl, absolut notwendig zu sein. Mit eiserner Disziplin hält sich der Hominide am Stützkorsett der keimenden Zivilisation fest, immer dessen eingedenk, dass er zu funktionieren hat. Schon wird er verantwortlich für den Abtransport der Knochen, seine Personalauswahl lenkt die wirtschaftlichen Geschicke der Höhlen westlich des Fischteichs, und nach der großen Fusion der Gewerkschaft Feuerstein Erde Bims mit dem Gesamtjagdverband sieht er sich als kritisches Korrektiv der Nachhaltigkeit: wenn die Horde weiter so an der Evolution teilnimmt, wer wird dann in wenigen Millionen Jahren noch satt von den Beutelratten diesseits der Schlucht? Das Dasein in der Steppe lässt ja, wie bereits angemerkt, nicht viele Möglichkeiten übrig. Eine davon, und nicht die unbekannteste, ist das Pflichtbewusstsein.

Die Pflicht, sagen die grimmigen Gebrüder, lehre das Fortführen von etwas, das einmal begonnen wurde, bis es vollendet sei. Wozu, das lassen sie offen. Vielleicht ist es die Vorstufe zum Schwefelbad, in dem wir alle irgendwann landen, nachdem wir diesen Durchgang nicht wirklich gerafft haben, vielleicht ist es einfach nur der Beweis, dass das Leben für die unbehaarten Zweibeiner intellektuell zu komplex ist. Wir versuchen es, aber die Ergebnisse sind traditionell gründlich verschwiemelt, und die meisten Exemplare brauchen nicht einmal Rückgrat, um ihren Auftritt steifleinern abzureißen. Eine gründliche Dressur reicht aus, wahlweise auch der obligate Stock im Arsch.

Das Pflichtbewusstsein, jene zu Menschen-, Massen- und Selbsttötung geeignete Waffe, hat sich mit schuppigen Extremitäten ganz ins Zentrum unserer unkritischen Vernunft gearbeitet. Mit etwas Sorgfalt und der nötigen Triebkraft bauen Völker Blumengärten und Folterlager, Sauerkrautfabriken, Schützengräben und Kanonengießereien, auf dass es uns wohl gehe und wir lange lebten auf Erden. Aus den Sonntagspredigten der Kapläne und Kanzletten nehmen wir die Moralsäure entgegen, montags wieder die Segnungen der Tatkraft zu preisen. Einer muss es ja tun, lautet das Mantra, und tut es der Beknackte, so bekommt er wenigstens noch ein paar bunte Scheinchen dafür, die den Marionetten in der Junta die Wiederwahl sichern.

Welch bewundernswertes Geschick legt der Bürger an den Tag, da er vergisst, dass er auch Mensch ist. Als Bürger leistet er sich Präsidenten und andere Laiendarsteller, die von Freiheit lallen, mit heruntergelassener Hose auf den Grundfesten der Gesellschaft thronen und ansonsten den selbstbestimmten Menschen solange loben, wie sie ihn nirgends zu Gesicht bekommen. Nirgends ist er frei, der Funktionierer, nicht einmal in der Mitte des Lebens und nicht einmal da, wo er seinen antifatalistischen Schutzwall aufmauern kann.

Es sickert so nachhaltig ins Leben ein, dass sich die meisten Grützbirnen nicht einmal dagegen wehren, wenn sie den Teufel vor der Tür sehen. Sie joggen aus Pflichtbewusstsein, spielen Klavier aus Pflichtbewusstsein, gehen aus Pflichtbewusstsein spazieren und pflegen ihren Garten, waschen das Kraftfahrzeug und vermehren sich aus lauter Pflichtbewusstsein. (Vermutlich werden sie es ihrem Nachwuchs irgendwann beibringen, dass er nicht ungewollt war, da er ja aus Pflichtbewusstsein in die Welt gesetzt worden wurde.) Der gemeine Bürger verwechselt sein Lebensideal mit dem eingeimpften Vorsatz, möglichst als erster über die Ziellinie zu torkeln, sterbend, aber als erster. Denn er hat längst vergessen, dass man auch aus intrinsischer Motivation Blumen züchten und Marathon laufen kann, dass es keine Karmapunkte gibt für eine Topplatzierung im Kollegenmobbing, dass diese Existenz sich nicht schneller drehen lässt, und wenn ja, dann mit den bekannten medizinischen Effekten. Der verbohrte Wunsch nach effizienter Verrichtung fräst wie ein beklopptes Ungeziefer Luftlöcher ins Hirn, die klinisch Matsch in der Birne machen oder es mit Hilfe rezeptpflichtiger Substanzen bewerkstelligen. Wer das noch für Leben hält, kann sich nur damit trösten, dass er den Schlussgong noch nicht zur Kenntnis genommen hat.

Was aber ist der Mensch, und wenn ja, warum eigentlich nicht? Er ist frei geboren und deshalb schuldig, gründlich gesetzlos, muss seine Wäsche waschen und die Stromrechnung bezahlen, er muss letztlich nur wollen, und darin liegt das Problem: zu wollen, was er muss, und sei es freiwillig. Alles das passiert, während wir nicht einmal wissen, wer sich diesen ganzen Quark eigentlich ausgedacht hat, ob er notwendig ist und was wäre, wenn es nicht so wäre. Tun wir so, als wäre dies kein Verrat an einer Idee, sondern an uns selbst, und widerstehen wir, vielleicht nur einmal. Lassen wir die Pflicht rufen. Der Anschluss ist vorübergehen nicht besetzt. Hier wird gerade gelebt.





Notaufnahme

17 04 2014

Noch nie hatte ich einen Menschen gesehen, der sich so gegen sein Schicksal wehrte. Ich hatte Kälber gesehen, die dunkel ahnten, dass ihre Reise sie ins Verderben führen sollte, vierschrötige Kerle, die beim Anblick eines Zahnarztstuhls grün im Gesicht wurden, und jenen dicken Juristen, der vor der Tür zum Rigorosum zusammenbrach, aber noch nie hatte jemand sich mit derartiger Verzweiflung gesträubt, durch eine Tür zu gehen. „Sein Pech“, bemerkte Siebels und nippte am Automatenkaffee. „Er wollte ins Fernsehen, jetzt ist er im Fernsehen.“

Tatsächlich zerrten zwei kräftige Türsteher den sich windenden Jugendlichen ins Studio, wo eine johlende Menschenmenge auf ihn wartete. Fast hätte ich Mitleid mit ihm empfunden. „Lassen Sie es gut sein“, winkte der Produzent ab. „Er hat sich das hier redlich verdient – das Opfer wird vermutlich noch ein halbes Jahr lang an Krücken gehen, und das Urteil ist rechtskräftig. Sparen Sie sich Ihr Mitleid. Er hat es nicht anders verdient.“

Natürlich hatte er, wie meistens, recht. Der junge Mann, ein Heranwachsender aus bildungsfern anmutender Umgebung, so viel war an seiner Bekleidung schon ersichtlich, er hatte noch am Vormittag geprahlt. Einerseits damit, wie der den Rentner für ein angebrochenes Päckchen Zigaretten in der U-Bahn zusammengeschlagen hatte, und andererseits war er sich noch im Angesicht der Probeaufnahmen sicher, als großer Star aus der Aufzeichnung herauszukommen. „Das scheint sich bei den meisten festgesetzt zu haben“, argwöhnte ich. Siebels nickte. „Es sitzt nur noch fester, dass sie ja alle furchtbar begabt sind.“ Lauter Rapper, Tänzer, Moderatoren saßen dort im Warteraum, der Strafprozessordnung folgend meist in Handschellen und von zwei Polizisten bewacht. „Und es ist ganz normal, dass sie das bis zum Schluss glauben?“ Er grinste schief. „Manche merken es nicht einmal hier.“

Auf der anderen Seite hatte ein Wachmann den lässig tänzelnden Autoknacker im billigen Kunstseidenanzug bereits in den Monitorraum gebracht. Gleich würde der Moment der Wahrheit stattfinden. „Er glaubt immer noch, dies sei eine ganz normale Casting-Show.“ Der Delinquent wurde nicht einmal misstrauisch, als man ihm die Kopfhörer fixierte; er würde sie nicht mehr ohne fremde Hilfe absetzen können, doch das wusste er noch nicht. Auf dem Bildschirm sah er nun sich selbst, wie er eine Stunde zuvor das Aufzeichnungsstudio betreten hatte, überheblich lächelnd, bereits in Siegerpose, obwohl er noch so gut wie nichts geleistet hatte. Noch wusste er nicht, was ihn gleich erwarten würde, viel mehr: er wusste es eigentlich schon, machte sich aber ein völlig falsches Bild davon. „Jetzt“, flüsterte Siebels. In diesem Moment setzte der Gesang ein.

Der Mann wand sich vor Schmerzen, vielmehr: er schämte sich beinah zu Tode. Der Wachmann kümmerte sich nicht um ihn; vollkommen ungerührt blieb er in der Tür stehen und sah zu, wie der Delinquent sein eigenes Geräusch erduldete. „Er hört sich zum ersten Mal im Leben selbst singen“, stellte ich fest. Siebels zog die Stirn in Falten, ironisch. „Ich würde das nicht unbedingt als Singen bezeichnen“, witzelte er, „aber sonst würde ich Ihnen nur ungern widersprechen.“ Dieses peinliche Gejammer, als hätte man dem Autodieb bereits hier alttestamentarische Strafen angetan, löste auch bei mir körperliches Unwohlsein aus. Dem jungen Mann da unten würde es nicht viel besser gehen als mir, aber immerhin hatte auch er sich seine Lage selbst zuzuschreiben. Wie alle anderen hier.

„Man kann über Prangerstrafen denken, was man will, aber dies hier hat durchaus eine heilsame Wirkung.“ Siebels notierte sich etwas auf dem Klemmbrett, bevor er wieder an seinem Kaffee nippte. „Warnschussarrest, Erlebnispädagogik, kreative Strafen, das ist ja alles Quatsch.“ Ich war geneigt, ihm zuzustimmen; der Missetäter in seinem bunten Strampelanzug wand sich wimmernd auf dem Boden. Und noch war ihm nicht klar, dass das Studiopublikum auf der gegenüberliegenden Seite gerade zwei Dinge sah: seinen Auftritt und die Art, wie er selbst darauf reagierte. „Wir holen ihn wieder auf den Boden der Tatsachen zurück, ganz offiziell und im Auftrag des Justizvollzugs. Die Casting-Show, die an sich schon ihren Hauptzweck darin hat, fehlgeleitete Charaktere dem Spott der Menge auszusetzen, dies Instrument wird nun zu einem psychohygienischen Korrektiv. Kein Straftäter wird jemals wieder an die Öffentlichkeit gehen.“

Auf der anderen Seite humpelte der Jugendliche linkisch auf die Bühne, wo er ein paar unsichere Tanzschritte unternahm. Das Publikum feuerte ihn unerbittlich an. Sie hatten gerade gesehen, wie er gesehen hatte, was aus seiner Bewegungseinlage im ersten Durchgang wurde. Er hatte sich zuvor in diversen Talentsuchformaten angemeldet, das kam erschwerend hinzu. „Und das Ganze geht live über den Sender“, setzte Siebels hinzu, „aber das weiß er natürlich noch nicht. Er merkt es schätzungsweise nächste Woche. Das ist früh genug.“ Nochmals trank er einen Schluck Kaffee. „Und bevor Sie mir mit moralischen Einwänden kommen: sie arbeiten an einer Gesetzesnovelle. Ein Dschungelcamp für Politiker.“ Ich stutzte. Er leerte den Plastikbecher. „Für die, denen Amtseid und Verfassung nicht viel bedeuten.“








Follow

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 5.346 Followern an