Alles fließt

10 02 2010

Es rumpelte. Kurzfristig hörte es sich an, als hackte jemand mit einer Axt ein kleines Wäldchen in handliche Holzscheite, dann wieder meinte man, das dumpfe Schlurren lebloser Körper auf bebenden Dielenbrettern zu vernehmen, kurz: Sigune war zu Hause. Vermutlich schmiss sie die Stühle durch die ganze Wohnung. Erst das Schnarren der Türklingel weckte mich aus der meditativen Ruhe, die das leise Klirren des Geschirrs in meinem Küchenschrank erzeugt hatte. Ob ich ihr nicht helfen könne?

Immerhin hatte Sigune die gröbsten Arbeiten bereits erledigt, das Bett stand ordentlich in Nord-Süd-Richtung, Tische und Stühle waren nach den Wasseradern des Nachbargrundstücks verrückt worden, die ganze Wohnung vermittelte spontan den Eindruck von galoppierender Paranoia. „Es ist eigentlich bloß noch der Kleiderschrank“, teilte sie mir mit treuherzigem Augenaufschlag mit, „er soll nämlich an der Westwand stehen.“ Das Ding war ein altertümlich bemaltes Bauernmöbel, nur knapp übermannshoch (wenn man gut zwei Meter groß ist) und mit soliden Standfüßen ausgestattet, die den Transport über das wellige Parkett zur mühevollen Balance würden geraten lassen. Sigune machte sich zur Vorsicht klein und piepsig. „Ich glaube, der ist mir auch viel zu sperrig.“ Womit dann auch geklärt war, wie die Aufgabenverteilung aussehen würde.

Ich nahm Maß. Alleine, das stand bereits jetzt fest, würde ich das Monstrum nicht einmal quer durch das Schlafzimmer bewegen können, schon gar nicht, ohne das schmiedeeiserne Bettgestell wieder aus der kunstvoll eingenordeten Position zu verschieben. Das bekannte Schlurren setzte wieder ein. Misstrauisch schaute ich um die Ecke. Jetzt erst wurde mir klar, warum die komplette Flora – ungefähr der Gegenwert eines Gewächshauses an Schling-, Blüh- und sonstigen Grünpflanzen samt Zubehör stapelte sich in dieser Bude – verschwunden war. Alles war jetzt auf mehrere Etagen verteilt vor der Ostmauer des Wohnzimmers drapiert, genauer: von der Ostmauer aus zog sich eine größengetreue Kopie des Regenwaldes bis knapp vor die Türschwelle. Mein Blick fiel auf das kleine Beistelltischchen, das zwischen Tür und Angel klemmte. Feng Shui. Was auch sonst.

Sigune stakste durch eine Herde von Begonien und Schnittlauch, trat versehentlich in eine Azalee und entfernte einige Sukkulenten aus dem Genpool. „Eigentlich wollte ich den Zimmerbrunnen in die Reichtumsecke stellen, aber vielleicht könnte das zu schädlichen Energien führen, wenn sich die Wasserkräfte hier stauen.“ „Natürlich“, antwortete ich trocken, „zu viel Wasser ist mit Sicherheit nicht gut für die Zimmerpflanzen.“ Sie runzelte die Stirn. „Das ist nicht witzig!“ Ich widersprach durchaus nicht. „Es kommt doch darauf an, dass sich die verstockten Energien wieder in Bewegung befinden und dass das Chi ungehemmt fließen kann.“ Was dieses Verhau anging, wer es ausgeheckt hatte, musste sich beim Chisprung gewaltig die Birne gestoßen haben.

Ungefähr drei Dutzend Blumentöpfe später – „Und wieso sollen die Plastepötte jetzt die Energie weiterleiten?“ „Weil sie aus China kommen.“ – stelzte Sigune aus dem Raum und schob mich ins Schlafzimmer, den Schrankverschub zu vollenden. „Das Leidenschaftliche und Feinfühlige muss hier wieder ausgeglichen werden“, befand sie. „Wenn man sich die Anordnung ansieht, das ist schneidend und bedrohlich, diese beschleunigten Strukturen werden von den spitzen Kanten des Schrankes gebündelt!“ Offenbar war ich in eine natürliche Störzone hineingeraten, die jegliche Hirntätigkeit auszuknipsen schien; einmal den rechtwinkligen Holzschrank durch den Raum schieben, und schon würde er sich zu amorphem Pudding verwandeln, der absolut parallel zu Einzugsdatum, Erdstrahlen und Beziehungsdrachen an der Wand klebt. Fast war es, als würde der Kleiderkasten leise kichern, während mich eine Irre von nicht abschätzbarem Gefährlichkeitsgrad mit glasigem Blick anlächelte.

Ich schob, vielmehr wuchtete ich Zentimeter für Zentimeter den Trumm über die Bodenbretter, wobei sich der Schrank langsam, aber stetig um die Achse drehte. Ungefähr in der Mitte des Raums hatte ich den Eindruck, als wisperte ein Teufel mir aus dem Inneren der Kiste zu. „Du bist an eine Bekloppte geraten“, höhnte der Höllenfürst zwischen Batikkleidern und Hüftschmückern. Es muss die geballte negative Energie gewesen sein, redete ich mir ein. Und schließlich war es soweit; der Kasten stand an K’un, dem südwestlichen Ende der Wohnung, und verlieh mit dem Mordsgewicht seiner massiven Wände der Position der Mieterin einen gewissen Ausgleich. Wenigstens war sie jetzt für das Chi ihres Schlafzimmers nicht mehr zu übersehen. Zu übersehen war sie jetzt nur, weil der Schrank in voller Breite und Höhe das Fenster verdeckte. „Ich schließe eben den Lampion an“, beeilte sie sich zu sagen und griff nach der Schnur. Der detaillierte Überblick über die energetische Gesamtsituation des Schauplatzes zeigte mir, dass mit Energiedurchflüssen hier nicht mehr zu rechnen war; das mütterliche, Leben spendende Element, die einzige Steckdose des Raumes nämlich, sie befand sich hinter dem Schrank.

Wie ich wieder in meine Wohnung gelangt war, weiß ich nicht. Schweißnass und schwer atmend lag ich auf dem Sofa und goss zitternd eiskalten Wodka in mich hinein. Tief unter mir lauschte ich, wie jemand schreiend eine ganze Wohnung in ihre Einzelteile zerschlug. Gut, warum nicht. Es war ja nicht meine Energie.





Nur die Liebe zählt

9 02 2010

„Natürlich muss Ihnen beiden klar sein, dass solche Konflikte nicht ausschließlich auf einen Partner zurückgehen, sondern auf… Wenn ich dann auch mal ausreden darf, ja? also nicht auf einen, sondern möglicherweise auch auf die Interaktion und die… Herrschaftszeiten, reißen Sie sich doch zusammen! Ich mache das hier doch nicht zum Spaß, da hätte ich wirklich auch noch etwas Besseres zu tun!

Jetzt hören Sie aber auf, so kommen wir doch nicht weiter! Nein, das ergibt doch ein ewiges Hickhack, Sie können doch nicht gegenseitig… Ach, und wer soll dann Ihre ganzen Streitpunkte abarbeiten? Ich etwa? Sie sind wohl nicht ganz bei Trost! Ich bin Eheberater, aber kein Zauberer. Da hätten Sie sich eben einen anderen suchen müssen, wie heißt es doch so schön beim Schiller: ‚Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich noch was Bess’res findet‘, hahaha! Meine Güte, jetzt seien Sie doch nicht gleich so empfindlich – Sie sind mir ja auch nicht gerade ein Mustergatte mit diesem ständigen Genörgel. Ach? Dann schauen Sie doch mal in den Spiegel, Sie sind auch nicht gerade ein Adonis! Doch, das müssen Sie sich gefallen lassen, schließlich ist es Ihre Anspruchshaltung, mit der Sie immer wieder… Das ist doch alles nicht relevant, und außerdem kann Ihr Mann trotzdem… Sagen Sie mal, was wird das denn eigentlich hier? Wollen Sie sich am Ende bloß streiten?

Weil die Partnerschaftsfähigkeit nun mal nicht von alleine kommt. Warum nicht? Ja weil man das eben lernen muss, nicht wahr? Das ist Beziehungs-, also eine Form von Sozialkompetenz, und wenn man die nicht… Doch, das kann ich so sagen. Und ob! Schließlich haben Sie vor der Eheschließung selbst gesagt, Ihr Bräutigam sei… doch, das haben Sie gesagt! Da müssen Sie sich auch nicht wundern, wenn Ihre Familie sich jetzt beschwert. Da überlegt man sich die Sache eben vorher und fängt nicht mittendrin an, alles in Frage zu stellen.

Das habe ich gar nicht gesagt – nein, so habe ich das eben nicht gemeint! Es spricht doch gar nichts dagegen, wenn Sie Ihre Persönlichkeit entfalten. Nur kommt es darauf an, dass Sie es nicht ständig auf Kosten Ihrer Partnerin tun. Und dass Sie im Gegenzug nicht ewig diese ganzen alten Sachen… Und was soll das bringen? Sie machen hier großes Trara um die Partnerschaftsfähigkeit und erwarten von mir, dass ich Ihre Ehe kitte? Bei Ihnen piept’s wohl! Ich bin doch nicht der Weihnachtsmann!

Dann überlegen Sie sich doch im Gegenzug mal, ob Ihre Wahrnehmung nicht möglicherweise ein bisschen an der Realität vorbeiläuft. Es mag ja sein, dass Sie auf den Traumprinzen gewartet haben, aber wenn es ihn nun einmal nicht gibt? Und wenn Sie sich da beide in etwas hineingesteigert haben, das letztlich doch nur eine Illusion ist? Klar, das ist durchaus nicht selten. Sie bilden sich dann ein, dass alle anderen für die Krise verantwortlich seien – und nur Sie selbst nicht. Wie, eine Garantie für eine stabile Partnerschaft? Sie meinen, wenn Sie sich gemeinsam gegen die anderen abschotten mit Ihren Schuldzuweisungen, dann würden Sie das schon als Einheit überstehen? Dann warten Sie mal ab, was passiert, wenn die Krise durch unbedachtes Handeln plötzlich Eigendynamik bekommt. Dann sind Sie verloren. Und dann können Sie niemanden dafür verantwortlich machen.

Eben, deshalb sollten Sie ja auch gemeinsam… aber doch nicht so, ich rede hier von gemeinsamen Bemühungen, Ihre Autonomie zu stärken. Sie sollten nicht die Schuld immer wieder stereotyp auf den anderen schieben. Warum? Ja meine Güte, wollen Sie Ihre Ehe jetzt retten oder nicht?

Natürlich gibt es Fälle, in denen man um eine Scheidung nicht herumkommt. Wenn alles zerrüttet ist, hat es keinen Sinn mehr, sich an eine Ehe zu klammern, dann sollte man einen Schlussstrich ziehen und sich… Warum fangen Sie wieder mit diesen Schuldvorwürfen an? Habe ich Ihnen etwa unterstellt, eine Scheidung zu provozieren? Bitte? Die Unterhaltsfragen? Bin ich etwa Ihr Anwalt? Ach, Sie haben einen Ehevertrag? Warum machen Sie mich dann noch an? Meine Güte, Sie zanken sich wegen jeder Kleinigkeit und wollen, dass ich Sie ernst nehme? Und gleichzeitig tabuisieren Sie Ihre Spannungen und spielen Ihren Familien und den Nachbarn ständig eine harmonische Musterehe vor? Was versprechen Sie sich eigentlich von dieser Schmierenkomödie? und für wen spielen Sie sie?

Sie sollten sich eher einmal fragen, warum Sie mit diesen Schwierigkeiten nicht schon früher eine Beratung besucht und… Wie, Sie hätten das gleich gewusst? Das ist ein starkes Stück, Sie bezeichnen Ihren Mann als Dauerbelastung? Sagen Sie mal, warum haben Sie ihn dann eigentlich geheiratet? Ist da bei Ihnen etwa ein generationsübergreifender Konflikt im Spiel? Haben Sie sich vor der Hochzeit vielleicht schon vorgestellt, dass diese Beziehung doch nur eine Zugewinngemeinschaft sein soll? Wenn Sie schon jetzt Ihrem Mann die Schuld geben, dass sich Ihre Reputation verschlechtert, wenn Sie sich mit ihm in der Öffentlichkeit zeigen, warum wollen Sie das alles noch aufrecht erhalten?

Moment mal – Sie wollen also ernsthaft behaupten, Ihre Frau habe sich zum Zeitpunkt der Eheschließung in einer geistigen Störung befunden? Und Sie erklären mir, Ihr Mann könne nicht wirtschaften und sei sich über das Wesen der Ehe bis heute nicht im Klaren? Was rede ich mir hier den Mund fusselig? Dann lassen Sie Ihre Ehe doch annullieren! Frau Merkel, Herr Westerwelle – da ist die Tür! Es gibt weiß Gott Wichtigeres als Ihre hirnverbrannten Problemchen. Und jetzt raus hier, aber ein bisschen plötzlich!“





Eis? Ätsch!

8 02 2010

Die politische Großwetterlage, befanden Experten, sei gerade etwas unterkühlt. Die Binnenkonjunktur fröstele, die Stimmung im Gesundheitswesen sei geradezu eisig, und sollten die Verfassungsrichter Hartz-IV-Sätzen für Kinder ein Hoch bescheren, so begebe sich ganz Deutschland aufs Glatteis. Das Land, diagnostizierten die Fachleute, friere am Boden fest. Handeln sei jetzt dringend nötig. Darum beließ es der Bundesminister für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung bei Absichtserklärungen und fand vor dem Hintergrund kommender Landtagswahlen den Schuldigen: Peter Ramsauer machte den anhaltenden Winter verantwortlich für die Umfragewerte, die der Regierung miserable Arbeit bescheinigten. Da nun der Zusammenhang auf der Hand liege, müsse man schnell reagieren.

In der CSU-Parteizentrale bildeten sich alsbald drei Gruppen. Einige hatten die Wechselbeziehung von Winterwetter und Volksbefindlichkeit nicht recht kapiert und machten weiter, als sei nichts passiert; andere nannten die jähe Erkenntnis des Bayern-Kuriers grundsätzlich richtig, übten aber scharfe Kritik, dass man der FDP die geheimen Erkenntnisse koalitionären Regierens einfach so in die Hände spielen würde; die dritte, die größte Fraktion schließlich, hatte nichts mitbekommen, fand es vollkommen richtig und verbat sich jegliche Einmischung in die inneren Angelegenheiten der Christsozialen. Man war voll des Lobes; Edmund Stoiber hatte schon Stunden später einen Hauptsatz lebend überstanden, in dem er den analytischen Scharfsinn des Traunsteiners pries und stolz zum Ausdruck brachte, nur mit derartigem Sachverstand bringe man es zu Spitzenämtern in der Volkspartei. Auch außerhalb bayerischer Bierlokale nahm man sich des Politikers an. Schließlich wollte man sich die Chance nicht entgehen lassen, Ramsauer als den dastehen zu lassen, für den er im Bundesgebiet galt: ein Musterbeispiel dessen, was man von einem CSU-Minister intellektuell erwarten könne.

Die Debatte nahm an Fahrt auf, als man ihre inhaltlichen Bestandteile entdeckte. 16 Milliarden Tonnen Eis und Schnee seien eine große nationale Aufgabe, ließ sich Guido Westerwelle vernehmen. Man könne sie nur mit einer Kopfpauschale richtig in den Griff bekommen – wobei klar sei, dass die Leistungsträger dieser Republik gerne Verzicht zu üben bereit waren, ihre 200 Tonnen dürfe man auf die vaterlandstreuen Steuerzahler verteilen. Die SPD wies den Vorschlag glatt von sich. In einer flammenden Rede warf Parteichef Gabriel der Regierung soziale Kälte vor. Claudia Roth höhnte, bei Ramsauer habe der Nachtfrost eingeschlagen. Der deutsche Qualitätsjournalismus wähnte den Müllermeister in der politischen Tiefdruckzone gefangen. Nichts deutete auf außergewöhnliche Umstände hin.

Da platzte die Bombe wie ein Wasserrohr im Permafrost: hatte Ramsauer, als er die Anerkennung der Oder-Neiße-Linie versagte, einen schweren meteorologischen Ausnahmefehler begangen? Waren die jahrelangen Kaltfronten aus dem Osten am Ende seine Schuld? Hatten sie vielleicht sogar die Linken wie eine Schneewehe aufgetürmt? So recht schien nichts mehr undenkbar. Es roch nach Entmachtung, der Winter übernahm das strenge Regiment; sogar die Behauptung, die Tigerenten machten ihre Politik für das ganze Volk, bekam nun einen gefährlichen Beiklang von Wahrheit.

Die Konsequenzen ließen nicht lange auf sich warten. Roland Koch schlug vor, Hartz-IV-Empfänger sollten sich durch Rundlutschen von Eiszapfen um die Wiedergesundung des Staates bemühen. In aller Eile erstellte Schneefiguren von Merkel, Westerwelle und Seehofer, die die Koalitionsspitzen mit jeweils heruntergelassener Hose zeigten, irritierten jedoch die Öffentlichkeit. Die Wetterfrösche in der Regierungsmannschaft schüttelten ein ums andere As aus dem Ärmel. Wirtschaftsminister Brüderle orakelte, wenn der FC Bayern München nicht das nächste Auswärtsspiel gewönne, fiele der DAX. Ursula von der Leyen brauchte mehrere Hähne, um durch Krähenlassen den todsicheren Wetterwechsel herbeizuhexen. Im Zorn riss sie den Mistkratzern meist vorher den Kopf ab, wie sie es auf den Voodoo-Abenden im FDP-Ortsverein kennen gelernt hatte.

Auch Ramsauer selbst begegnete dem kalten Grausen tatkräftig. Anlässlich des jährlichen Wasservogelsingens in Berchtesgaden hob der Hobbyklavierspieler hervor, die Bundesregierung habe sich ausländische Kompetenz ins Boot geholt, um der politischen Herausforderung zu begegnen. Die unter der Choreographie eines tungusischen Schamanen erarbeitete Wetterzauber-Performance des Wirtschaftsfachmanns hob die Laune der Betrachter flugs in frühlingshafte Hochstimmung. Es war auch zu putzig anzusehen, wie der Bayer zum Wohle des Souveräns in einem Baströckchen barfuß im Schneematsch herumhüpfte und kehlige Grunzlaute ausstieß. Mehrere westafrikanische Auslandskorrespondenten meldeten in ihre Heimatländer, in Europa hätten endgültig die Deppen die Macht übernommen.

Nur Angela Merkel konnte man es wieder nicht recht machen. Da hatte Kanzleramtsminister Pofalla bereits die Rede geschrieben, dass der fürchterliche Stimmverlust der christlich-liberalen Mitte an der ungebremsten Erderwärmung läge, und jetzt kam dieser Schneemensch ihr in Nordrhein-Westfalen dazwischen! Die Stimmung sank auf den Gefrierpunkt. Man befürchtete schon, sie wolle den Spitzenkandidaten der Schwesterpartei kaltstellen, doch die Regierungschefin bekam die Kuh vom Eis. Und Entschuldigungen für die Folgen des maroden Bahnverkehrs, das war auch ein angemessener Job für Peter Ramsauer.





Nationale Reserve

7 02 2010

Weil man davon ausgehen muss, dass man es nicht immer in ausreichenden Mengen zur Hand hat. Streusalz. Oder Reißnägel. Oder halbwegs kluge Antworten auf das, was an Suchmaschinentreffern in den Blog gespült wird. Hier sind die schönsten Exemplare der vergangenen zwei Wochen. Zum Aufheben für schwere Zeiten.

  • wer war schon zum einstellungstest zum j: Die Justizbehörde wird Ihnen gerne den Container mit den Unterlagen in den Vorgarten stellen.
  • barbie bein reparatur kleber: Fein, dann hätten Sie’s ja endlich zusammen.
  • schweine im paradies cartoons: Ach, FDP zu sein, das ist schon schlimm genug. Darüber sollte man nicht auch noch Witze machen.
  • wieviel prozent haben die schnapsflasche: 8%, aber das wird noch weniger.
  • wikipedia fusspflegegeräte: Nein, hier ist nicht Wikipedia. Hier dürfen Sie nur lesen.
  • hund sondert fischgeruch aus: Mit welchen Würstchen trainiert man so was?
  • werner – gekotzt wird später: Warten Sie bis zu den Feiertagen.
  • selbstmord grillkohle: Lassen Sie sich bitte zur Sicherheit auf dem Rost festschrauben.
  • jobs im bundeskanzleramt küchenhilfe ode: Wenn ich Sie wäre, würde ich es doch lieber auf die herkömmliche Tour probieren…
  • verstopfung bei katzen was tun: Malzpaste. Oder den Korken rausziehen.
  • pantoletten barfuß freundin atombombe: Versuchen Sie es mit Fußpuder.
  • glasceran ohne arsen und antimon: Und dann meckern, dass es wie Aluminium aussieht.
  • neigung der erdachse fremdwort: Ich sagte doch: nicht Wikipedia.
  • psychosomatik “den arsch offen haben”: Ja, ich glaube auch, dass das bei Ihnen nervlich bedingt ist.
  • kroatien luxussteuer: Die gute alte Regelung: alles, was man für Geld kaufen kann, ist Luxus.
  • kautschukeimer: Der Klügere gibt nach.
  • oberstudienrat mittelschicht: Auch das wird irgendwann Vergangenheit sein.
  • bastelanleitung für panflöte: Bei Walter Moers gibt es da eine schöne Sache mit Bettflaschen.
  • tierfallen selber bauen: Versuchen Sie erst mal, ein Dutzend Stechmücken zu kriegen, dann reden wir weiter.
  • adresse von tine wittler: Wollen Sie da etwa renovieren?
  • wohnzimmerdecke: Vielleicht famgen Sie erst mal oben an mit der Suche.
  • laubsauger bandscheibenvorfall: Haben Sie schon Ursache und Wirkung festgestellt?
  • roy black songtexte gas in weiß: Sand in meinen Ohren.
  • wir stellen drehsymmetrische figuren her: Erst machen Sie hier mal die Rest vom therapeutischen Popeln weg.
  • landlust: Hüftschmücker. Allein das Wort schon.
  • sollte biedermann schmitz in sein haus a: Für Knechtling ist es ja schon zu spät.
  • deutsche rentensicherheit 2010: Vor NRW oder danach?
  • gibt es globuli die eine sterilisation r: Sie sollten wirklich mal einen Arzt sehen.
  • “ich bin crema purist”: Dann wollen wir mal hoffen, dass es dafür mildernde Umstände gibt.
  • entsorgung unbenutzter feuerwerksraketen: Ethanolkamine sind momentan unglaublich angesagt.
  • wurstfüllmaschine: Sind Sie schon fertig mit dem Schwein?
  • kirschmichel wie bei oma: Wenn Sie unbedingt zehn Jahre alte Mehlspeisen wollen, bitte…
  • kupferarmband bei gicht: Die neuen Multifunktionsarmbänder sind nicht nur bei Gicht wirkungslos, die versagen auch bei Rheuma und Arthrose.
  • bauanleitung hohlfiguren: Wie gesagt, diese Woche keine FDP-Witze mehr.
  • chaostheorie und börse: Und jetzt glauben Sie, Sie hätten den Zusammenhang alleine entdeckt?
  • wieviel verdient ein sargträger in nrw: Fragen Sie Herrn Pinkwart selbst. (Und das war jetzt echt der letzte FDP-Witz!)
  • trockengesteck: Wird im Freien zu schnell nass.
  • dreharbeiten das jüngste gericht: Das Dumme ist, dass keiner mehr zur Premiere kommen wird.
  • was muss man unterlassen bei paranoider: Fragen wie diese.
  • fasching fee wie sie im gesicht aussieht: Ich dachte immer, Sie sähen nur auf die Kniescheiben.
  • heisslufteinsatz.ch: Credit Suisse leistet sich halt auch nur eine mittelmäßige PR-Agentur.
  • portoerhöhung postwurf: Eins nach oben, eins nach unten.
  • selbständiger agenturpartner bäckereien: Backen Sie lieber kleine Brötchen.
  • hackepeter versalzen was tun?: Aha, Sie sind schon fertig.
  • bäuerin sucht mann fürs leben: Subventionslos glücklich.
  • welche globuli vor einer meniskus op: Sind noch welche von der Sterilisation übrig?
  • die alpen zeiger unter den murmansker: Alles in Ordnung mit Ihrer Kontinentaldrift?
  • welchen pfeffer wofür: Den weißen für die Tischdecke, da sieht man ihn nicht so.
  • fliesen suchmaschine: Wie bei der Wohnzimmerdecke, nur unten anfangen.
  • egozentrisches ich: Klingt logisch.
  • unterschied schrippe knüppel: Versuchen Sie mal, jemanden niederzuschrippen.
  • kallwass bei schmidt und pocher: Nötig hätten sie’s alle drei.
  • sprengstoff selber machen: Haben Sie den Job im Kanzleramt?
  • mann zu latexpuppe machen: Nach dem Eintauchen jede Schicht gründlich trocknen lassen. Nicht erhitzen. Trocken lagern.
  • wie nennt man das syndrom, wenn immer al: Möglicherweise ist es nur die Biermarke. Steigen Sie um.
  • husten nach bypass op: Dürfen Sie denn schon wieder rauchen?
  • deal or no deal startet nicht: Haben Sie ihm vor den Koffer getreten?
  • gehoben für dumm: mit individuellem Begabungsmuster ausgestattet.
  • waldeck polen name: Lag nicht Ovara immer schon in Estland?
  • classs du siehst aus wie gülcan: Verklagen Sie den Frisör.
  • scheibenwaschanlage tequila geruch: Lässt sich mit einem halben Liter Rum schnell beheben.
  • verzehr von öl bei chlorvergiftung: Wenn Sie in dem Zustand noch Öl runterkriegen: Glückwunsch.
  • kristallaschenbecher: Seitdem ich nicht mehr rauche, schmeiße ich mit Römern.
  • stromschwankung antene: Bei Ihnen schwankt offensichtlich noch mehr.
  • parkett heimle: Nicht mein Kunde. Nicht mal umgekehrt.
  • creme für nasenbruch: Der Trend geht zu Gips mit Aloe vera.
  • schlemmerschnitte: Und einen trockenen Rotwein.
  • plattentektonik zum ausschneiden: Also doch Schwierigkeiten mit den Alpen.
  • tatort kassensturz unterschicht: Erstausstrahlung 1. Februar 2009. Für die Leiche etwas spät.
  • levitiertes wasser selbst herstellen: Sagen Sie Bescheid, wenn Sie’s haben, dann kann ich meine Globuli bei Ihnen entsorgen.
  • wie krieg ich die mitesser weg?: Kochen Sie etwas mit Staudensellerie oder Fenchel, bei mir hilft das immer.
  • paravent mops: Ist Ihr Hund schüchtern?
  • yes we can vogelbein: Chicken Left Wings?
  • goebbels +gammelt: Hoffen wir’s.
  • nacktscanner strichmännchen: Hangmen also die.
  • bastelanleitung fdj mütze: Nicht mal das kann Angie jetzt noch helfen.
  • anzeichen nasenbruch: Als verhältnismäßig guter Ansatz kann immer gesehen werden, ob Sie sich selbst irgendwie beschädigt fühlen.
  • was bedeutet wer’s galubt wir seelig: Vermutlich leben Sie gerade in dem Glauben, es hätte bei Ihnen irgendetwas gebracht.
  • bourdieu glück: Eine Frage des Distinktionsgewinns.
  • gummischürze blutverschmiert bild: Was glauben denn Sie, woher das Suppenfleisch kommt? Vom Baum?
  • ritter leichtguss: Gerade aus. Wir hätten noch eine Kavallerie aus Thermoplast.
  • karnevalsprinzenpaar 2010: Jürgen I. bockt noch. Dabei kann er seine Rede doch schon auswendig.
  • wieviel wiegt ein storch: In der Luft oder in der Pfanne?
  • warum haben wir einen karnevalsprinz: Weil Sie genau das Personal bekommen, das Sie verdienen.
  • “berechnung der kopfpauschale”: Wenn Sie zu den Besserverdienenden gehören, machen Sie sich keine Sorgen. Die Arbeitslosen zahlen dann für Sie mit.
  • buggy hausflur gegenstandswert: Vertragen Sie sich mit Ihren Nachbarn. Lassen Sie lieber Ihre Kinder von der Leine.
  • der löffel da, der ist für dich: Dabei hatte ich meinen noch gar nicht abgegeben.
  • sicherheitsüberprüfung vorstrafe im bund: Also deshalb wollten Sie ins Kanzleramt. Hätte ich mir ja denken können.
  • ohrlurch warzige haut: Wenn Ihnen die nicht passt, kaufen Sie sich gefälligst einen Goldhamster.
  • wie nervenden nachbarn bekämpfen: Jetzt geben Sie endlich Ruhe, oder ich hole Ihren Buggy wieder.
  • selbstanzeige bauamt: Nanu, gibt’s da auch schon eine CD?
  • beinverlängerung: Soll’s ein Geburtstagsgeschenk für Ihren Pudel sein?
  • oberfinanzdirektion frankfurt korruption: Man sagt, hier sei so gut wie jede Schweinerei bekannt.
  • gummilippe lecken: Dann können Sie auch gleich Ihre Scheiben so säubern.
  • sicherheit im krieg: Auch die Existenz von Marsmännchen ist nicht auszuschließen.
  • kuckucksclan beitreten: Sollten Sie einen Vogel haben, dürfte das kein Hinderungsgrund sein.
  • totale sicherheit: Postmortal relativ gut zu bewerkstelligen.
  • rollmops aus korken basteln: Dürfte dem Geschmack nach mittlerweile das Standardverfahren geworden sein.
  • lackslipper frack: Sandalen sind sowieso stillos.
  • “gogo girls” aussteigerprogramm: Haben die Taliban überhaupt so was?
  • schizoid liebe: Das ist nur im ersten Moment so, wenn das Dopamin etwas überdosiert wird.
  • stövchen glaskanne geräusche: Polstern Sie es mit etwas Schaumstoff ab.
  • h1n1 karnevallskostüm: Out. Dieses Jahr geht man als Schweinegrippe.
  • arbeit macht frei cdu: Dafür gibt’s in Hessen keine nennenswerte NPD, ist doch auch schon was.
  • merkel trägt pempas: Wahrscheinlich in Aussitzgröße.




Kleiner Vorschlag zur Haushaltskonsolidierung

6 02 2010

Die Steuern sinken. Keiner zahlt. Seit Jahren
sind’s Schulden, die sich bergeshoch auftürmen.
Man sollte also, statt die Kassen stürmen,
das Geld zusammenhalten und dran sparen.

Vielleicht, so scheint mir, sollt man zum Behufe
des Sparens die Politiker ersetzen
und mit den dazu nötigen Gesetzen
verdrängen aus dem dümmsten der Berufe.

Man könnte dieses, wenn man es denn wollte,
mit Leiharbeitern tun, die uns der Osten
begierig liefert und die nicht viel kosten,
so dass alsbald der Rubel wieder rollte.

Sie sitzen aus. Sie schwadroniern im Kreise.
Nichts täte sich. Im Schlechten wie im Guten,
es bliebe alles gleich. Und wir vermuten,
es liefe gleich im altgewohnten Gleise.

Dazu kommt noch, man müsste es nicht hören,
nicht dies Geschwätz, Geplärr und Großgetue.
Versteht man’s nicht, dann hat man seine Ruhe.
Sie würden uns – und Deutschland – nicht mehr stören.





Gernulf Olzheimer kommentiert (XLIII): Hypochonder

5 02 2010
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Wenn die Tage langsam kürzer und die Nächte kühler werden, wenn der seit dem Spätsommer in den Kaufhallen angestaute Spekulatius zur Neige geht, wenn es fast weihnachtlich zu werden droht und langsam der November auf dem Kalender sich zu zeigen anschickt, kurz: wenn in europäischen Gefilden endlich wieder heimeliges Scheißwetter den Aufenthalt in geschlossenen, überdachten, beheizten Räumen zum erstrebenswerten Zustand macht, dann holt eine Armee zum grausamen Vergeltungsschlag an der restlichen Welt aus – das Heer der Hypochonder. Nur konsequente Inzucht, frühzeitiges Abtrainieren der Hirnzellenverwendung sowie monomanisches Herumvegetieren auf einer quasi punktförmigen Fläche dieser existenziellen Abschussrampe formerly known as Dasein kann den introspektiven Vollidioten zu diesen Höhen führen, die jeden anderen längst in die Regionen des großen Kopfaua geführt hätten.

Wann und wie die Hypochondrie ausbricht, ist bislang ungeklärt. Manche Beobachter gehen von naturbelassener Beknacktheit aus, die TV-Shows über die Schweinegrippe in die fatale Richtung triggern. Andere heben zwanghaftes Stöbern in Gesundheitslexika hervor, wobei eine Mehrheit den Konsum von Apothekenzeitschriften als Anfixe nicht vollkommen auszuschließen gewillt ist – Farbberichte über Ekzem, Reizblase und Gasbrand heben die verzweifelte Stimmung in der Krankheitsherde und füttern die imaginären Leider mit Hoffnung auf ekelhaftes Siechtum, Gebrechen im Endstadium, Auszehrung, Verfall und Schwund für die Galerie. Der professionelle Wahnkranke hakt im Laufe eines Tages routiniert ein komplett ausgebildetes Karpaltunnelsyndrom und ein besonders schönes Hirnödem ab, um dann, einer plötzlichen Eingebung folgend, kurzfristig an Milchschorf zu verscheiden. Flexibilität ist der zweite Vorname dieses Bescheuerten, er ist in der Lage, Spitzenleistungen der Symptomatik zu vollbringen: aus beliebigen Krankheitszeichen wie trockenem Husten, leichtem Ziehen in der Hüfte oder spontanen Schädelfehlbildungen schwiemelt er neue Seuchen, die fast immer wenigstens ein Opfer fordern – den Arzt, der sich das dünn angerührte Kasperletheater des Behämmerten antun muss.

Chronische Fälle sind sogar in der Lage, mit ihren darstellerischen Fähigkeiten einen Grand mit Viren auszuspielen und, obzwar gesund, ein ganzes Wartezimmer mit Schweinegrippe zu infizieren. Überhaupt liegt der Verdacht nahe, Hypochonder pflegten ein unnötig enges Verhältnis zu den Präparatproduzenten. Denn sind Krankheitskomiker ohnehin schon die geborenen Vollopfer, machen sie sich auch noch freiwillig zu Versuchskaninchen der Pillendreherkonzerne. Als wäre diese Form von Beklopptheit noch medikamentös zu bekämpfen.

Man könnte sie ja ignorieren, wenn sie nur geschwächt darniederlägen und verzweifelt ihr Lebensende abwarteten – doch sie tun uns den Gefallen leider nicht. Stattdessen toben Kompanien herzrhythmusgestörter Schlaganfallpatienten von einem unschuldigen Gesunden zum nächsten, um allen mit chirurgischer Präzision die Einzelheiten von Nachtschweiß, Blutzuckergehalt und neuropathologischen Ausfällen vorzuschwallen. Selten verstirbt einer der Wahrnehmungsgestörten, eher handelt sich die geplagte Umwelt ein Burnout-Syndrom mit einer Extraportion Ohrenkrebs ein.

Was einen richtig in die Nähe der Hirnembolie treibt, ist die egozentrische Selbstverständlichkeit, mit der die psychosomatischen Nervbeulen sich ihre Vorzugsbehandlung unter den Hohlpflöcken dieser kranken Gesellschaft herausnehmen. Denn wer ist dafür verantwortlich, dass der Hausarzt nach stundenlangem Geschwätz mit dem Jammerbeutel gepudert zusammenklappt und keine Luft mehr für andere Erkrankte hat? Wer organisiert Busreisen, um gleich als Hundertschaft den Verkaufsraum der Apotheken zu verstopfen, damit Rheumapflaster und Kopfschmerztabletten gegen Pest, Pocken und Plattfüße die Nasszellenschränkchen aufpolstern? Vielleicht erwarten sie, für die das Leben Schmerz und schlechte Verdauung, Masern und Juckreiz ist, Ziel und Zweck der ganzen Aktion sei, irgendwann gewaltig eins aufs Maul zu kriegen und endlich einen handfesten Grund zur Beschwerde zu haben.

Doch inzwischen haben sie die Heilpraktiker entdeckt; hoffen wir das Beste, dass sie sich mit den Hundertsassas unter den Scharlataneriefachkräften kurzschließen und den perfekten Deal aushandeln, eingebildete Therapeutika gegen eingebildete Krankheiten, um den anderen Mitgliedern der kranken Kassen nicht mehr auf den Senkel zu gehen. Bald werden die Homöopathen nachziehen, man ahnt schon, wie sie reinen Luftsauerstoff in destilliertem Wasser aufquirlen und Zuckerperlchen gegen geträumtes Rheuma drehen – die Hirnazubis sind wieder unter sich, die einen geben sich ihrer eingebildeten Krankheit hin, die anderen der kranken Einbildung, ihre Placebojonglage sei sinnvoller als Schmeißfliegendressur. Wer weiß, ob dies nicht eine der Geschmacklosigkeiten ist, mit denen uns die Evolution nachhaltig zeigen will, wie überbewertet doch die Vernunft ist.





Lebensecht

4 02 2010

„Sie hier?“ „Und nicht in Hollywood“, kalauerte Siebels, ließ sich in den Regiestuhl fallen und fingerte nach seinem Kaffeebecher. „Hatten Sie nicht einmal gesagt, Sie würden nie eine Seifenoper drehen? Und jetzt sehe ich Sie hier? Beim Dreh von Rosen des Schicksals?“ „Wenn schon, denn schon!“ Der Meister der Fernsehunterhaltung grinste. „Schließlich ist das das Flaggschiff auf der deutschen Mattscheibe.“

Der dickliche, grauhaarige Darsteller des Schreibwarenhändlers Benno Beutler sah in Wirklichkeit noch viel dicklicher aus und hatte noch weniger graue Haare als auf den Fotos in der Programmzeitschrift. Dafür fluchte er wie ein Droschkenkutscher, dass seine TV-Gattin penetrant nach Knoblauch roch. Siebels seufzte. „Immer dasselbe. Er weiß doch genau, dass er die nächsten 800 Folgen noch abdrehen muss. Scheidung ist nicht drin.“ „Aber die Serie ist doch für ihre wirklichkeitsgetreue Darstellung berühmt“, wandte ich ein, „was spräche denn dagegen, dass Beutler seine Frau verließe?“ „Die CDU.“ „Die CDU? Was hat denn die CDU in einer Seifenoper zu suchen?“ „Raten Sie doch mal, wer die Drehbücher schreibt. Bei den Privatsendern wäre ja vieles einfacher, aber hier im Öffentlich-Rechtlichen, da müssen wir ein bisschen aufpassen in moralischen Fragen.“ „Licht ist noch okay“, brüllte der Beleuchter, während das Continuity-Girl dem Taxifahrer die Zigarette in der Mitte durchschnitt. „Damit kein Anschlussfehler passiert“, informierte mich Siebels, „sonst hat sie in einer Szene eine halb aufgerauchte Kippe, und in der folgenden Einstellung ist sie wieder neu. Wobei uns diese Einflussnahme auf das Drehbuch schon vor große Herausforderungen stellt.“ „Die EU mit ihren Rauchverboten?“ Siebels verzog schmerzlich das Gesicht. „Die Regierung hat uns dazu noch die Tabakindustrie auf den Hals gehetzt. Jetzt muss in geraden Nummern geraucht werden.“ „Wo ist das Problem?“ „Wenn jemand mit brennender Zigarette aus der Badewanne auftaucht, führt das zu leichten dramaturgischen Verwerfungen.“ „Und was machen Sie dann?“ „Wir lassen im Hintergrund eine brennende Zigarette qualmen“, gab der Produzent zurück, „laut EU gilt das schon als Rauchen.“

„Was soll das jetzt werden?“ Die beiden Arbeiter räumten eine verwahrloste Kulisse mit Bierflaschen voll und verstreuten Dreckwäsche über den ramponierten Möbeln. „Das sind unsere beiden Langzeitarbeitslosen“, teilte Siebels mir mit. „Die Junge Union war sehr daran interessiert, dass die jungen Leute innerhalb einer einzigen Folge alkoholabhängig waren.“ Ich war entgeistert. „Die haben versucht, Sie zu beeinflussen?“ „Keinesfalls, man hat uns nur daran erinnert, dass die Serie für ihre wirklichkeitsgetreue Darstellung bekannt sei. Und Herr Koch hat es sich nicht nehmen lassen, uns persönlich einige kleine Aufmerksamkeiten zu senden. Dabei sind wir gar nicht beim ZDF.“

„Mein Sohn? Diese Schande!“ Herbert Holm zerlegte das Wohnzimmermobiliar in überschaubare Stücke. Seine Frau riss sich die Perücke Strähnchen für Strähnchen aus. „Ist er…“ „Schwul?“ Siebels guckte mich über den Rand seiner Brille hinweg an. „Nein, er hat nur den Kriegsdienst verweigert, und das in einem katholischen Elternhaus. Dafür wird er in einer der kommenden Folgen zur Strafe in einen bewaffneten Konflikt mit einigen Islamisten verwickelt, wie es das Bundesinnenministerium bestellt hatte. Was das andere angeht, die FDP hat schon für 1,1 Millionen Euro einen schwulen Hausarzt in die Besetzung reinschreiben lassen, die CDU dringt jetzt darauf, dass er Kinderpornografie sammelt, weil er durch eine perfide Bekanntschaft aus den Tiefen des Internet angefixt wurde – bei der Hausdurchsuchung raubt er einem Polizisten die Dienstwaffe und schießt sich mehrmals in den Hinterkopf, damit es so aussieht, als habe ihn der Beamte ermordet. Nach einer längeren Diskussion mit Herrn Bosbach haben wir uns darauf geeinigt, dass er nicht auch noch zwischendurch das Magazin wechselt. Es würden sonst Probleme mit der Beleuchtung auftreten.“

Während der Familienvater sich eine Dose Bier einpfiff, blätterte ich im Skript der Schmonzette. „Und das hier soll die geistig-politische Wende der Medienpolitik darstellen?“ Siebels lachte meckernd. „Geistig-politische Wende? Ich würde das eher Realsatire nennen.“ Der Fachmann für farbenfrohes Flimmern bekam einen stechenden Blick. „Sie glauben doch wohl nicht, dieses Rührstückchen oder irgendeine andere Sendung auf diesem Kanal sei politisch unabhängig? Haben Sie sich nie gewundert, warum in jeder Talkshow das Pack von der INSM hockt und Ihnen einredet, unter einer Million im Jahr seien Sie ein Sozialschmarotzer? Ist Ihnen nie aufgefallen, dass Journalisten plötzlich verschwinden, wenn sie Roland Koch oder Jürgen Rüttgers sattelfest nachweisen konnten, dass sie gelogen haben? Na, klingelt’s bei Ihnen? Das einzige, wo Sie klar erkennen, dass es Propaganda ist, sind die Wahlwerbespots. Da redet Ihnen keiner ins Drehbuch rein, und die Zuschauer wissen wenigstens, dass sie das Gewäsch nicht zu sehen brauchen.“

Herbert Holm riss die Tür auf und torkelte in die Dekoration. Er mimte den Betrunkenen. „Unsere Super-FDP“, lallte der Malermeister, „die steckt’s den Hoteliers und den Ärzten hinten und vorne rein. Aber wir vom Handwerk, wir sind die Dummen.“ Voller Entsetzen blickte ich Siebels an, aber der beschwichtigte mich. „Das ist in Ordnung. Das hat die CSU genau so bestellt.“





Scheibchenweise

3 02 2010

„Nein, der Chef hat’s ja noch nicht entschieden, gell? Noch nicht endgültig. Da müssen wir alle ein paar Tage noch warten, bis wir wissen, ob wir die Steuersünder zu fassen bekommen. Ja, ich kann mir vorstellen, dass das schwierig ist für Sie. Wie meinen? Neutralität? Können wir nicht garantieren, das macht der Herr Doktor Schäuble selbst.

Da können wir jetzt leider noch keine Rücksicht nehmen, tut mir Leid. Besteht denn bei Ihnen ein rechtlicher Klärungsbedarf?

Aber sicher, das kann schon ein richtiges Strafverfahren werden mit Gefängnis und so weiter, das muss Ihnen klar sein. Es ist ein Vergehen, das hat Ihr Anwalt Ihnen schon ganz richtig erklärt, aber trotzdem mit Freiheitsstrafe bis zu zehn Jahren… Dafür gibt es eben das Legalitätsprinzip, da kommen Sie in einem Rechtsstaat nicht drum herum. Ja wollen Sie das denn? So toll ist es doch auch nicht, für die paar Millionen den ganzen Rechtsstaat… Wieso Datenschutz? Sagen Sie mal, auf welcher Seite stehen Sie eigentlich?

Ein Problem? Guttenberg? Mal ganz davon abgesehen, dass seine Probleme hier so gut wie keinen mehr interessieren, welches Problem hat denn der Verteidigungsminister mit den Daten? und mit dem Rechtsstaat? Weil die Ermittlungen sich nicht an den Datenschutz halten? Sagen Sie mal, wo leben Sie denn eigentlich? Seit wann haben sich Ermittlungen unter dieser Regierung an den Datenschutz zu halten und der Datenschutz an den Rechtsstaat und der Rechtsstaat an… Hallo? Ist Ihnen nicht gut? Lockern Sie mal die Krawatte, das hört sich ja gefährlich an, wie Sie schnaufen!

Natürlich kennt sich der Herr Guttenberg mit Schwarzgeldkonten aus. Schließlich hat er ja als Anlageberater gearbeitet.

Aber denken Sie mal an das Preis-Leistungs-Verhältnis! Zweieinhalb Millionen für 1.500 mutmaßliche Steuersünder, da lassen Sie mal jeden dritten einen Treffer sein, da kostet Sie ein überführter Bösewicht nur 5.000 Euro! Haben Sie überhaupt eine Ahnung, wie viel Geld der Herr Doktor Schäuble seinerzeit in Videoüberwachung und Abhörtechnik und Computerviren gesteckt hat, und dann wollte und wollte doch dieser verdammte Bombenanschlag nicht kommen! 5.000 Euro für so viele böse Verbrecher, denen man alles in die Schuhe schieben kann, was die Bundeskanzlerin in den letzten Jahren… Keine Geschäfte mit Kriminellen? Du liebe Güte! Wir hätten doch sonst kaum den Herrn Doktor Schäuble gefragt, gell?

Wieso Erpressung? Der Herr Doktor Schäuble erpresst doch keinen. Ach so meinen Sie das. Ja, das ist doch Unsinn. Wissen Sie, wenn Sie illegal Giftmüll entsorgen oder eine Fahrerflucht begehen und werden dabei beobachtet und es erpresst Sie damit jemand, glauben Sie denn, dass Sie schon straffrei ausgehen, nur weil Sie das Opfer einer Straftat geworden sind? Ach, was schwätzen Sie denn da! Das ist doch bloß zur Vertuschung, damit können Sie uns nicht kommen. Außerdem kennt sich der Chef mit so was ganz genau aus. Vor allem, wenn es um höhere Beträge geht.

Jetzt sagen Sie schon, gehören Sie dazu? Sind Sie in den Daten drin? Wollen Sie denn nun oder wollen Sie nicht? Und was wollen Sie eigentlich?

Man munkelt ja, dass es schon eine ganze Reihe anderer Scheiben auf dem Markt waren. Sozialhilfe und Schwarzarbeit und solche Sachen, verstehen Sie? Wir sind ja froh, dass noch keine CD aufgetaucht ist mit den Finanzen der CDU. Nein, da müssen Sie bestimmt etwas verwechselt haben. Wenn unsere amerikanischen Verbündeten alle unsere Kontobewegungen sehen wollen, dann dient das der internationalen Sicherheit, und die muss Vorrang haben. Auch vor der Verhältnismäßigkeit, natürlich. Nein, ich sage doch, da verwechseln Sie etwas. Die Schweiz ist noch kein Schurkenstaat.

Wie kommen Sie darauf? Das ist doch absurd! Die Geheimdienste und der Verfassungsschutz halten sich selbstverständlich immer streng an die Gesetze! Wie kommen Sie bloß auf den Gedanken, hier würde mit zweierlei Maß gemessen? Zelle? Ach so, Celle. Aber weshalb Celle? Ich weiß nicht, worauf Sie da anspielen. Sind Sie ganz sicher, dass Sie nicht etwas auszusagen hätten?

Freilich, wir haben da längst einen Plan. Alles in der Schublade. Abrufbereit. Dem Herrn Doktor Schäuble werden wir nämlich sagen, dass mit den hinterzogenen Steuern möglicherweise Terroristen unterstützt werden. Da schaltet der sofort um auf erkenntnisunabhängige Generalkriminalisierung und kauft alles, was er kriegen kann. Wenn wir dem Guttenberg dann erklären, auf so einer CD könnte der ganze Sommerspielplan der Taliban drauf sein und das komplette Organigramm von al-Qaida, meinen Sie, der würde hier noch von Datenschutz anfangen? Na? ist das nicht genial?

Das dürfte nicht das Problem sein. Wir haben dem Herrn Doktor Westerwelle erzählt, die CD enthalte ein Best-of-Leistungsträger, da wollte er sie natürlich sofort… hallo? Sind Sie noch dran? Hallo? Merkwürdig. Da stimmt doch etwas nicht – und warum wollte der eigentlich wissen, ob der Preis noch gilt?“





Der Maulkorb

2 02 2010

Der Winter hatte Deutschland fest im Griff. Schneewehen fegten übers Glatteis, hier und da fuhren Zeitarbeitsfirmen mit der kompletten Belegschaft Schlitten, manche munkelten sogar etwas von sozialer Kälte. Ursula von der Leyen nagte an ihrem Kugelschreiber und zerbrach sich den Kopf. Wo sollte das alles noch hinführen? Würde es ihr gelingen, eine Klimakatastrophe abzuwenden und das wichtigste Ziel der christlich-liberalen Koalition: ein gutes Wirtschaftsklima zu erreichen? Die Ministerin grübelte lange, da fiel ihr die Lösung ein. Hei, wie war doch Regieren leicht, wenn man sich auf seine Kernkompetenzen verließ!

Gleich anderntags verkündeten die Zeitungen den Erlass aus dem Arbeitsministerium: Hartz IV müsse weg, so schnell wie möglich. Man habe da einen schweren Fehler begangen, schlimmer noch: man habe den Dingen ihren Lauf gelassen, nur zugesehen, nicht eingegriffen, die Entwicklung wider besseres Wissen nicht gestoppt, sondern eher noch verschärft – man habe die Falschen für Fehler und Versagen verantwortlich gemacht, Unschuldige bestraft, schließlich das Ansehen Deutschlands im Ausland so schwer geschädigt, dass man die Folgen für die internationalen Beziehungen noch gar nicht absehen könne. Hartz IV sei nach allem, was gewesen sei, nur als Irrweg zu bezeichnen.

Wer das BMAS-Bulletin gelesen hatte, wusste, es handelte sich um den Namen. Nur darum.

Natürlich war man in der Wilhelmstraße auf Nachfragen gut vorbereitet und freute sich auf die Pressekonferenz. Eine bessere Sprachregelung, so die Ministerin, sei geeignet, das Wirtschaftklima in Deutschland endlich angenehm zu gestalten. Die Frage eines niederländischen Journalisten, wem die Annehmlichkeiten denn gelten sollten, beantwortete von der Leyen mit der Auskunft, sie vertraue auf sich selbst, da sie ja auf sich selbst vertraue.

Erste Irritationen traten auf, als in den ARGEn einige Leistungsempfänger nach stundenlangem Schlangestehen herausgeworfen wurden. Sie hatten den ab sofort verbotenen Begriff ausgesprochen und arbeitsmarktpolitische Wachstumshoffnungen damit nicht ausgehebelt, aber doch verletzt. Auf einer nordrhein-westfälischen Kaffeefahrt gab die Ministerin ihrer Überzeugung Ausdruck, dass sich das Bild der Bevölkerung durch einen neuen Namen zum Besseren wenden könne. Man müsse vor allem die armen Kinder im Auge behalten, die sich ausgegrenzt fühlten, wenn sie den anderen Kita-Insassen erzählten, Papa sei ein Hartz IV.

Kaum eine Woche verging, der Gesetzesentwurf lag dem Kabinett vor und wurde eifrig diskutiert. Kristina Köhler, die noch genug von der Amtsvorgängerin aufzuarbeiten hatte, meldete neue Begehrlichkeiten an. Gerade für gewisse Senioren sei es ratsam, auch die Jugend in einem anderen Licht zu sehen; Rentenkürzungen seien mit den Pflichtbezeichnungen Maid und Bursche besser zu verkraften, die obligate Pluralform Jungens gebe sogar heimelige Wärme. Von der Leyen mahnte einen achtsamen und wachen Umgang miteinander an; der Boykotthetze der jungen Generation könne man derzeit mit rechtsstaatlichen Mitteln begegnen.

Die Junge Union Paderborn fragte an, ob man im Zuge der neuen Kommunikationstransparenz nicht Homosexuelle wieder als Schwuchteln, Schwarzafrikaner als Bimbos und die Ehe mit nicht katholischen Frauen als Rassenschande bezeichnen dürfe. Die christliche Partei lehnte Stellungnahmen vor Jürgen Rüttgers Wahlsieg allerdings ab. Im Gegenzug biss die Bürgerinitiative auf Granit, die per Petition anregte, Korruption statt Parteispende, Schmiergeld für Reiche statt Kopfpauschale und Krieg statt Militäreinsatz zu sagen. Immerhin stellte die Kanzlerin eine gemeinsame Lösung in Aussicht. Mehrere Hersteller erwogen den Rückzug vom deutschen Schokoriegelmarkt, um langwierigen Rechtsstreitigkeiten wegen der ständig wechselnden Markennamen zu entkommen.

Beobachter monierten, zwar sei der Begriff Hartz IV nicht mehr gestattet, es mangele aber an Gegenvorschlägen. Die Ministerin ließ ausrichten, sie wisse, wie Gesetze gemacht würden. Das hatte nichts mit der Frage zu tun, fiel aber im Qualitätsjournalismus nicht weiter auf.

Doch wie nun weiter? Sprachforscher der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main äußerten sich pikiert, Hartz IV stehe überhaupt nicht zur Debatte; die Rechtsgrundlage heiße Viertes Gesetz für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt, die daraus entstehende Sozialleistung Arbeitslosengeld II oder Grundsicherung für Arbeitssuchende. Die nach dem rechtskräftig verurteilten Straftäter Peter Hartz benannte Hilfe zum Lebensunterhalt sei hingegen reine Schöpfung des Volkes und ein Maulkorb nichts weiter als Sprachlenkung.

Von der Leyen hatte nicht gleich geschaltet, aber dann begriff sie es doch. So einfach ließ sich das gesunde Volksempfinden nicht durchsetzen. Wieder musste sie in sich gehen und fand einen kleinen Wink, als sie mit der Kinderschar lustig Verstecken spielte: wenn man ganz fest die Augen zumacht, sind alle anderen plötzlich weg. Schnell beschloss sie, einen Kreativwettbewerb im Ministerium auszuschreiben, um ihren Einfall als fremden Geistesblitz verkaufen zu können. Doch die Zweifel blieben. Und würde Roland Koch seinen Namen wirklich dafür hergeben?





Wer’s glaubt, wird selig

1 02 2010

„Und Sie haben sich das ernsthaft überlegt? Keine Zweifel?“ „Nein, wir sind uns vollkommen sicher. Zumal wir auch unseren Anhängern damit eine gute Perspektive geben.“ „Eine Perspektive?“ „Ja, eine Perspektive. Das Bedürfnis nach Spiritualität, nach kultischer Durchdringung des ganzen Lebens und nach einer höheren Macht, nach einem Fundament, das wohnt doch dem Menschen inne. Es mag wohl die geben, die nicht an Geister oder Götter glauben, die keine höheren Wesen anbeten, aber selbst die wollen doch einen Sinn in ihrem Dasein sehen.“

„Nehmen Sie es mir nicht übel – Sie ahnen ja nicht, wie die Amtskirchen und ihre politischen Unterorganisationen sich gegen die Konkurrenz abzuschotten versuchen, ich könnte Ihnen da so manche Sache erzählen – aber ich muss doch noch mal genauer nachfragen: Sie wollen also wirklich Terrorismus als Religionsgemeinschaft eintragen lassen?“ „Ja, das haben Sie richtig verstanden. Wir glauben an den Terrorismus.“ „Sie beanspruchen, ein vollkommen konsistentes weltanschauliches Lehrgebäude zu besitzen?“ „Keinesfalls. Soweit ich weiß, kann das keine der bekannten Weltreligionen. Warum sollten ausgerechnet wir das besitzen?“ „Aber eine Religion muss doch eine bestimmte Logik verkörpern.“ „Wozu? Haben nicht bereits die Vorsokratiker die Mythologie in ihrer gefährlichen Lückenlosigkeit als Menschenwerk entzaubert?“ „Wie dem auch sei – jedenfalls muss das Hand und Fuß haben, was Sie den Leuten verkaufen!“ „Warum denn verkaufen? Wir sind keine billige Sekte wie Scientology oder der Laden von dieser Barbiepuppe mit dem Dachschaden, wie heißt sie doch gleich – wir sind eine Glaubensgemeinschaft, die ihren Anhängern Trost und Halt gibt.“

„Welchen Gott beten Sie an?“ „Keinen. Auch keine Geister, Engel oder sonstige Jenseitswesen.“ „Und Sie wollen eine Religion sein? Ich bitte Sie!“ „Und der Totemismus? der Buddhismus? Zen? Daoismus?“ „Jaja, ist ja gut. Ich habe es kapiert. Was lehren denn Ihre Priester, wenn Sie…“ „Es gibt keine.“ „Jetzt erzählen Sie mir nicht, es gäbe keine Priester – was für einen Hokuspokus veranstalten Sie da? Das ist doch keine Religion!“ „Verzeihung, sehen Sie auch das Judentum nicht als Religion?“ „Was hat das damit zu tun?“ „Wie Sie wissen dürften, ist ein Rabbiner ein Kenner und Interpret der Tora, aber kein Priester.“ „Wen haben Sie denn dann? Heilige?“ „Verehrungswürdige Personen.“ „Und wer ist das?“ „Beispielsweise Polizisten.“

„Es muss doch aber einen Gott geben in Ihrer Vorstellung. Oder etwas Göttliches.“ „Also jenes höhere Wesen, das wir verehren, nicht wahr?“ „Genau. Das muss doch irgendwo sein.“ „Warum denn? Für Stoßgebete?“ „Beispielsweise.“ „Also eine Funktionalität, wenn menschliche Erkenntnis an ihre Grenzen stößt? wenn der Mensch versagt und in seiner an sich logisch durchdachten Welt nicht mehr zurechtkommt?“ „Sie sagen das so despektierlich.“ „Durchaus nicht. Ich beschreibe nur den deus ex machina, den jedes dieser Systeme aus dem Hut zaubert.“

„Aber mal im Ernst: Sie müssen doch mit Ihrer Religion einen Zweck verfolgen. Das ist sonst Kokolores.“ „Wir haben einen ethischen Kodex. Gebote, Verbote.“ „Sie meinen, wie man sich bei einer Sicherheitskontrolle verhält?“ „Exakt. Der Zwang ist für uns ein verbindendes Element, er gibt dem Leben Struktur. Daraus entsteht dann ein Symbolsystem.“ „Lohn und Strafe?“ „Richtig. Wir sehen unser Leben als kontinuierliche Motivation, wir sind geistig durchdrungen vom Terrorismus und können daraus eine ganz neue Ordnung unseres Daseins schöpfen.“ „Das Leben als permanenter Sicherheitscheck? Sie haben doch nicht mehr alle Tassen im Schrank!“ „Diese Beleidigung gilt auch dem Innenminister, wenn ich Sie darauf aufmerksam machen darf. Außerdem ist das der entscheidende Punkt, der eine Religion von einfacher Ideologie trennt; ein Glaubensgebäude integriert auch völlig unsinnige Ansichten oder Direktiven, wenn man sie nur als transzendente Notwendigkeit ansieht.“ „Das müssen Sie mir erklären.“ „Warum sollen Frauen bis zur Eheschließung unberührt bleiben, warum darf man keine Langusten essen?“ „Es ist nicht anständig, wenn Frauen…“ „Sehen Sie? Sie haben die symbolischen Vorschriften Ihrer Religion schon komplett als Ihre eigenen verinnerlicht.“ „Und wozu dann diese Sinngebung im Unsinn?“ „Um aus dem Zwang eine Struktur zu erzeugen. Dass der Verzehr von Langusten irgendeine negative Folge zeitigen könnte, ist irrelevant; es zählt der Glaube, dass es Gott oder wem auch immer nicht gefällt. Es geht um die Dogmen: Du darfst nicht – Du musst – das ist so. Die Ansichten sind streng auf den Glauben bezogen, so dass Faktizität entsteht und alles als wirklich gilt. Wer’s glaubt, wird selig.“

„Was steht denn im Mittelpunkt Ihrer religiösen Vorstellungen?“ „Wir sind eschatologisch. Uns ist der Terroranschlag verheißen, er komme, sein Wille geschehe. Wann, wie und wo, wissen wir nicht. Wir wissen nichts. Nicht einmal, ob er überhaupt stattfinden kann, aber das ist unwichtig. Wichtig ist, dass wir trotzdem an seine Ankunft glauben.“ „Das ist doch vollkommen widersinnig!“ „Richtig. Aber wir glauben eben daran.“ „Und bis dahin…“ „… leben wir in panischer Angst, lassen uns demütigen und erniedrigen, damit er nie passiert, und beten darum, dass er passiert und uns aus dieser Angst und Erniedrigung erlöst.“ „Und dann?“ „Sind alle vernichtet, die dagegen sind. Oder anders. Oder nicht daran geglaubt haben.“ „Und Sie selbst?“ „Wir auch. Es ist ja schließlich der Weltuntergang, nicht wahr?“ „Stimmt, ich vergaß. Welche Perspektiven haben Sie?“ „Mal sehen. Als zukünftige Staatsreligion der westlichen Welt könnte da einiges möglich sein.“