Camera obscura

7 11 2009

Wer im Licht steht, wird geblendet.
Die im Dunkel sehen zu.
Alles, was im Finstren endet,
lässt der lieben Seele Ruh.
Unrat ekelt den Betrachter,
besser hält er und bedachter,
wenn man hielte Dreck und Ratten
    tief im Schatten.

Doch da bleibt’s nicht. Das Gelichter
zieht in alle Sphären auf.
Schert sich daran auch kein Richter,
lässt dem Ding er seinen Lauf.
Dieb bleibt Dieb. Auch diese Sorte
lügt und trügt sich Ehrenworte
und vernebelt die Debatten
    aus dem Schatten.

Kassen, Konten, feiste Beute
scheffelte so mancher Lump.
Einen ganzen Haushalt heute
schwindelt dieses Pack auf Pump.
Tritt sich fest in seinem Amte,
zeigen doch, woher es stammte –
haben, was sie immer hatten:
    einen Schatten.





Gernulf Olzheimer kommentiert (XXXII): Selbstverwirklichung

6 11 2009
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Zwei Dinge sind es, welche die Grenzen der Menschheit im Wesentlichen abstecken: einerseits die Endlichkeit des Möglichen, andererseits die Notwendigkeit, mit dem Gegebenen zu leben. Alle, ob Chefarzt, Bordellpianist oder aus Düsseldorf gebürtig, sind darin gleich, dass sie Bedürfnisse und Wertvorstellungen in Einklang zu bringen haben: erst kommt das Poppen, dann kommt die Moral. Allseits beschränkt wurstelt sich der Primatenkönig durchs Dasein, und als wäre Gleichheit innerhalb der Demarkationslinie nicht schon übel genug, verfällt der Nappel auf den hirnrissigen Gedanken, sich in der Spanne zwischen Presswehen und Madenbrunch eine Art Individualität zu basteln. Dazu bedarf es einiger geistiger Basics; wie es der Zufall will, strebt gerade die Vollbrezel unter den Inkarnationsmustern dies Ziel an.

Der Behämmerte gerät alsbald zwischen die Fronten, wenn sich sein übersteigerter Egoismus und eine Selbstüberschätzung von psychiatrisch interessantem Ausmaß brüderlich die Hand reichen. Meistens geht die Sache gut aus; zahlreiche Honks verlassen den Genpool mit Hilfe trendgerechter Sportgeräte, klatschen an senkrechte Felswände oder auf horizontal angebrachten Waschbeton und treten ab, bevor sie ihrer Umwelt über Gebühr auf die Plomben gehen konnten. Bisweilen jedoch, vor allem dann, wenn der Trottel sich Talent zumisst, wird die Sache unangenehm. Der Bekloppte wähnt sich schon in höheren Sphären, glaubt sich mit Charisma ausgestattet und belästigt ganze Scharen argloser Artgenossen mit eigenwilliger Auslegung dessen, was ausschließlich er selbst für Gesang, Tanz oder ästhetisch vertretbaren Körperwuchs hält. Davon leben ganze Fernsehsender.

Wäre dies noch zu ertragen, da man den intellektuellen Zahnbelag auf Mattscheiben und Zeitschriftentiteln schmerzfrei ausblenden kann, der entfesselte Egoismus zeigt noch weit widerlichere Formen, wenn er sich mit gefährlicherem Wahn paart: mit der absurden Vorstellung, die Historie dieses beschissenen Planeten sei auf das Auftreten dieses einen Nudelbiegers zurechtgeschwiemelt. Der Beknackte entdeckt eines Tages in sich die fixe Idee, im höheren Auftrage zu handeln, und beschließt folgerichtig, Politiker zu werden.

In jener Larve torkelt der Grützkopf quer durch die Gesellschaft, salbadert krude Thesen zur Weltrettung oder sondert gefährlichen Schwachsinn ab, nur um sein Gesichtsübungsfeld irgendwann auf Wahlplakaten mit Schuhbürstenbärtchen verziert zu entdecken. Mag er für die Machtübernahme oder die Ausrottung der internationalen Arbeiterschaft angetreten sein, immer verwechselt er seine rücksichtslose Ichliebe mit der Mission, die die Stimmen in seinen Hohlschädel schwafeln – eine unangenehme Erkrankung, die ihm doch jederzeit erlaubt, Ziele und Mittel auszutauschen, um sich bei den Mitdeppen kuschelig anzuwanzen.

Die reinste Form sinnbefreiten Handelns jedoch fördert das Gute, wenn es in falsche Hände gerät; aus der Existenzenge eines Hauptschulpädagogen oder anderswie lebensqualitativ Herausgeforderten führt ihn das Wirken im höheren Auftrage des ethisch Notwendigen. Exemplare von zarterer Raumkrümmung unter der Kalotte bevorzugen Bürgerinitiativen zur Rettung des Trauersteinschmätzers gegen den Individualverkehr. Wer’s robuster braucht, lebt als Gegenpol zur Sinnlosigkeit des Menschseins Mülltrennung als Religionsersatz aus. Hauptsache, man kann den Schmadder als Rationalisierung benutzen, und wenn es schief geht, gibt es immer noch die örtliche Selbsthilfegruppe für Betroffenheitsartikulation.

Manchmal bedarf es nicht einmal wirklicher Herausforderungen, um die Seele zu finden. Um nicht gleich Heim und Kinder zu verlassen, greift vorwiegend die Querköpfin auf das inzwischen industriell vorgefertigte Sortiment an Sedierungen zurück, welche die Talentsuche als Weg zum Ziel feilbieten: meditatives Makramee, therapeutisches Tantratöpfern und ganzheitliches Gabelhäkeln als angstfreie Alternativen zur Hirnbenutzung, gerne verbunden mit dem solidarischen Verscherbeln repressionsfrei geklöppelter Freundschaftsbänder auf dem Gutmenschenbasar im Frauenzentrum, damit ein paar afrikanische Militärdiktatoren mit dem Ausbau der Konzentrationslager schneller vorankommen und sich vom Rest der Kohle die Enddarmöffnung pudern können, statt sie für Schulen und Infrastruktur zu verbraten. Der Rest endet als Tussen vor dem Zerrspiegel, aufgerieben zwischen netzhautschädigendem Styling und dem dazu erforderlichen Powerkonsum an Kosmetik und Klamotten. Allein hier ist der Grad des Möglichen beliebig viel größer bemessen, als es die selbsteste Verwirklichung je erfordern könnte, und so sieht es auch aus: feudal getünchtes Elend, ein Brechmittel für die Betrachter des Bescheuerten.

Alles das, vom Modeopfer über den Moralisten bis hinab zur Ministerette, ließe sich bereits mit halbwegs von Vernunft getragener Berufswahl plus einem sinnvollen Hobby erledigen, wozu der Trottel tief in sein Inneres lauschen müsste. Doch wo nichts ist, was sollte da je werden?





Die Trümmerfrau

5 11 2009

„Aber doch nicht 2013!“ „Davon hat ja auch keiner etwas gesagt. Erst macht sie die Grünen fertig.“ „Und dann kommt die Ampel?“ „Eine andere Lösung kommt ja nicht in Frage. Oder glauben Sie ernsthaft, dass die Merkel mit der Linken koaliert?“ „Um Gottes Willen! Das lässt doch die SPD nicht zu!“ „Wenn es die dann noch geben sollte.“ „Wieso nicht?“ „Weil die Entsorgungsfachfrau an der CDU-Spitze bis dahin den Laden durchgekärchert hat. Alles Feind, alles weg.“ „Na, jetzt übertreiben Sie aber wirklich mal ein bisschen!“

„Durchaus nicht. Wenn Sie die Sache realistisch betrachten, müssen Sie zugeben, dass die Merkel alles zerstört, was sie in die Finger kriegt.“ „Jetzt geben Sie also ihr die Schuld, dass die SPD am Ende ist?“ „Die SPD war ein Kollateralschaden, der gut in die Agenda passte. Ich rede hier von ihrem System.“ „Aufbau Ost?“ „Eher Abbau West.“ „Wieso Abbau?“ „Wollen Sie ernsthaft behaupten, dass hier Arbeitsplätze entstehen? Bürgerrechte? Sehen Sie sich doch den Sozialstaat an. Oder das Gesundheitssystem.“ „Gut, so gesehen…“ „Und das wird noch schlimmer unter Schwarz-Grün. Noch viel schlimmer.“ „Schwarz-Grün auf Bundesebene, das halten Sie doch wohl selbst für unmöglich.“ „Es ist die logische Konsequenz. Und konsequent ist die Merkel.“ „Also jetzt nennen Sie doch endlich mal Ross und Reiter!“

„Passen Sie auf: zuerst hat sie die SPD kaputtgespielt.“ „Na, der Schröder hat ja auch nicht schlecht dafür gesorgt, dass…“ „Der hat aber seinen ganzen Mist mit Hartz IV und den Schily-Gesetzen nur durchgekriegt, weil die CDU ihm in den Ohren gelegen hat. Denen ging’s ja alles nicht weit genug, da wollte sie selbst ans Ruder.“ „Hat sie ja auch geschafft.“ „Und dann hat sie sämtliche Profilpunkte der SPD übernommen.“ „Aber da kann doch die SPD nichts dazu.“ „Lassen Sie mich ausreden. Sie hat als Kanzlerin alles für sich reklamiert, was einigermaßen in Ordnung ging – den schäbigen Rest konnte sie der SPD in die Schuhe schieben. Die haben nach ihrer Pfeife getanzt.“ „Also bitte, Müntefering hat…“ „… den Schwanz eingezogen, dieser Feigling! Wo war die SPD bei der Änderung des Wahlrechts? beim Zugangserschwerungsgesetz? Hat die SPD diesen Schwachsinn von Urheberrechtsgesetz verhindert? Alles haben sie mitgemacht, nur: Mitregieren! Mitregieren! Die Merkel hat sie ausgelutscht wie eine Schwarze Witwe – wenn der Juniorpartner bei der Arterhaltung behilflich war, hat er seine Schuldigkeit getan.“

„Und die FDP?“ „Ja, jetzt demoliert sie eben die Liberalen. Sie haben’s ja gesehen. Steuersenkung, innere Sicherheit, Gesundheitswesen, Bürgergeld – ist davon noch etwas übrig? Hat die FDP irgendein Wahlversprechen auch nur annähernd durchgebracht?“ „Das ist doch noch gar nicht entschieden!“ „Eben – die Merkel kann es jetzt ganz locker aussitzen, vier Jahre, meinetwegen acht, wenn alles schief geht mit ihrem Unsinn. Der Buhmann bleibt die FDP. Die werden für alles das gerade stehen, was sie tut. Und erst recht dafür, was sie alles nicht tut.“ „Warum fällt Westerwelle auf dieses billige Theater überhaupt rein?“ „Lassen Sie mich raten: weil er ein eitler Dummkopf ist?“ „Ja, da könnte etwas dran sein.“

„Und wenn das vorbei ist, wenn auch die FDP nicht mehr genug Stimmen für eine Mehrheit bringt und die SPD sich noch immer in der Gruft wälzt, dann holt sie zu ihrem letzten Schlag aus.“ „Schwarz-Grün?“ „Alles weg, dann bleiben ihr nur noch die Grünen zum Zerlegen.“ „Aber wie soll sie da punkten? Soziales Profil, Wirtschaftkompetenz, meinetwegen, aber Umweltschutz?“ „Sagen wir mal 2017, das dürfte ein halbwegs realistischer Mittelwert sein; dann ist die FDP wieder im unteren einstelligen Bereich angekommen, die Grünen sind in der Opposition locker an der Sozialdemokratie vorbei und uns steht das Wasser bis zum Hals. Die Asse qualmt, der Sprit kostet zehn Euro, die soziale Schere klafft grotesk auf.“ „Und dann macht die Merkel auf Grün?“ „Die Grünen werden sich darum prügeln, endlich mit ihr zu koalieren. Sie werden sich nass machen vor Glück, dass nur noch 50 Jahre Restlaufzeit für neu gebaute Atommeiler vereinbart werden, und es als epochalen Sieg feiern, wenn die Verhandlungen über den EU-Beitritt vorerst weiterhin als ergebnisoffen bezeichnet werden dürfen. Und dann wird Claudia Roth sich hinstellen und lamentieren, man habe nur aus Staatsräson Arbeitslager für Hartz-IV-Empfänger gebaut.“ „Dann sind die Grünen erledigt.“ „Eben.“ „Und warum schafft sie sich die Gegner nicht einfach so vom Hals? Koalitionsbruch? Schnellverfahren?“ „Sie ist da wie die Schweinegrippe: sanft in der Vorgehensweise, den Wirt nicht gleich abmurksen, dann kann sie sich besser ausbreiten – wenn die Hysterie erst mal verflogen ist, findet man sie auch gar nicht mehr so schlimm wie befürchtet.“

„Hm. Glauben Sie, dass die Merkel diese Kohl-Masche wirklich durchzieht? Das kann sie doch nicht alleine.“ „Es gibt einen Unterschied zum Kohlismus: sie hat keine Ziehkinder, weil sie sich fürchtet, dass die sie irgendwann vom Thron schubsen könnten.“ „Deshalb beißt sie Wulff und Oettinger weg.“ „Wie sie Stoiber weggebissen hat, indem sie ihn ins Feuer schickte, als die Union noch chancenlos war.“ „Er hat es nicht einmal gemerkt.“ „Eben, sie merken es nicht, wenn die Merkel zuschlägt. Und wenn die Trümmerfrau mit ihnen fertig ist, bleiben nur noch Scherben.“ „Furchtbar, furchtbar. Wo hat sie denn das bloß her?“ „Aus dem Osten.“ „War denn da nicht alles besser?“ „Ach was. Da hat sie ganz andere Dinge gelernt: Macht ist, wenn man nichts mehr zu tun braucht, und die Apparatschiks sorgen dafür, dass das Pack auf der Straße keine Bananen kriegt.“





Stimmt so

4 11 2009

„Mein Name ist Lara Kroffsky und ich bin Ihre persönliche Service-Kraft!“ Abgesehen von ihrem Namensschild hätte ich das auch so bemerkt; schließlich hatte ich selbst die Kellnerin vor einem Jahr dem Landgasthof Bückler empfohlen. Anne schaute ratlos. Wir ließen uns zu Tisch geleiten.

„Kalbssteaks in Rosmarinbutter?“ Wir nippten am Aperitif und blätterten durch die Speisekarte. „Ich bin für Rotbarbe“, befand Anne. „Die ist sehr zu empfehlen“, ließ sich eine Stimme von unten vernehmen, „als Vorspeise passen dazu sautierte Jakobsmuscheln in Estragonsauce.“ Irritiert blickten wir uns an. Die Kroffskysche hakte ihr Kinn an der Tischkante fest. „Wir haben einen sehr schönen Riesling, Böckesheimer Rumpelkammer, 2004-er Kabinett, halbtrocken.“ Als sie sich mühevoll wieder aufrappelte, sah ich, dass sie auf quittegelben Plateaustiefeln stand. „Offensichtlich wird man hier als Gast auf Augenhöhe bedient“, spöttelte Anne. Wir bestellten. Mit einem geradezu manischen Grinsen stakste die Kellnerin ab. Erst jetzt fiel uns auf, dass um uns herum seltsam kostümierte Wesen Trank und Speise durch die Gegend trugen. Was hatte das zu bedeuten? Schon nahte sich unsere Aufwärterin. „Ich serviere Ihnen eine klare Tomatenessenz mit Kräuterklößchen“, deklamierte sie und servierte klare Tomatenessenz mit Kräuterklößchen.

Sichtlich verdrossen linste Bruno in den Gastraum, er, der Lenker von Töpfen und Pfannen, der als Fürst Bückler seinem Haus den tadellosen Ruf sicherte. Er hatte uns entdeckt und wollte schon in der Küche verschwinden, doch ich winkte ihn an unseren Tisch. „Es ist rein zum Weglaufen“, stöhnte er, „hier geht mal wieder alles drunter und drüber.“ Ich warf ihm einen forschenden Blick zu. „Hansi?“ „Hansi“, knurrte er. Seine Faust ballte sich „Dieser Trottel von meinem Bruder hat einen Verkaufstrainer engagiert, um das Servicepersonal zu schulen. Eine Schnapsidee!“ „Aber was soll das denn bringen? Es ist fast immer ausgebucht, Du brauchst Dir keine Sorgen zu machen.“ Bruno seufzte auf. „Die Trinkgelder.“ „Trinkgelder? Wo liegt denn das Problem?“ „Dieser Fatzke hat Hansi den Floh ins Ohr gesetzt, dass man aus den Gästen noch mehr rausholen könnte. Dann bräuchten wir die Gehälter nicht zu erhöhen.“ Ich lächelte. „Und darum laufen hier alle in bunter Karnevalsmontur herum und kauern am Tisch?“ „Das soll angeblich Individualität schaffen“, bestätigte er, „und Kundennähe – sie wiederholen deshalb auch die Bestellung. Manche verteilen Bonbons und malen bunte Bilder auf die Rechnung, weil die Gäste das lustig finden sollen. Das ging gestern in die Hose.“ „Nicht lustig?“ Bruno knirschte mit den Zähnen. „Wir hatten gestern die Beerdigung vom alten Pinschelmann, da hat dieser Möppel doch… Augenblick mal!“ Und schon war er wieder in der Küche.

Es klackerte auf dem Parkett. Der Ober im grün glitzernden Frack steppte einmal um den Tisch herum. „Hier kommt Fischchen auf Ihr Tischchen“, trällerte er, „die Baharbe von roter Faharbe!“ Anne verfolgte entgeistert, wie der Mann die Teller vor ihr absetzte und seinen Zylinder zog. „Mein Name ist Hubertus Möppel und ich wünsche Ihnen einen guten Appetit!“ Ein knatterndes Stakkato folgte ihm durch den Raum. Anne rang nach Luft. „Was war denn das?“ „Fred Astaire hat soeben den zweiten Gang aufgetragen“, replizierte ich trocken. „Er holt inzwischen die Salzkartoffeln – nein, er wird sie vermutlich bis an den Tisch jonglieren.“ „Lass den Quatsch“, fauchte sie zurück, „ich will in Ruhe essen!“ „Gönn ihnen doch das bisschen Spaß“, witzelte ich, „für sie ist das Erlebnisgastronomie.“

Ein Tumult unterbrach uns. „Herr Senator“, rief Hansi quer durch den Saal, „aber Herr Senator! So bleiben Sie doch!“ Anne glotzte. „Das ging in die Hose“, kicherte ich. „Was ist denn passiert?“ „Er hat vermutlich Order bekommen, alle Gäste mit Namen anzusprechen. Nur, dass dieses blutjunge Ding nicht Senator Plötzmeiers Frau ist – er kommt wochentags immer gerne inkognito her.“ Gleich nebenan begrub die Kroffsky sich selbst unter Tischwäsche, Blumenschale und zwei Portionen Filetsteak. „Diese Hocknummer will geübt sein“, kommentierte ich. „Sie sollte einen Melkschemel benutzen, meinst Du nicht auch?“

Inzwischen hatte sich Möppel von hinten angeschlichen und legte Anne seine Hand auf die Schulter. Sie zuckte zusammen. „Welch zarte Haut, unter der ein fühlend Herz doch pocht!“ Anne gefror; sie krächzte einige unverständliche Worte. Möppel beugte sich weit herab. „Wie meinen?“ „Sie will damit zum Ausdruck bringen“, half ich ein, „dass Sie besser jetzt sofort Ihre Pfoten von ihr nehmen, ansonsten wird sie ein bisschen böse.“ Er grinste überlegen. „Die Damen mögen das aber, wenn man ihnen…“ Weiter kam er nicht. Annes Ellenbogen war ein bisschen ausgerutscht. „Das Dessert“, sagte sie mit einem beunruhigend sanften Unterton in der Stimme.

Auf Rollerblades sauste Möppel heran und balancierte dabei die Mousse au chocolat. „Sühüßes zum Ahabschluhuss!“ Wie von Zauberhand rutschte Annes Handtasche von der Stuhllehne. Möppel bremste abrupt und flog mit einem weiten Satz in den Beistelltisch mit der gebratenen Gans. Geschirr splitterte. „Wenn der Kassenclown wieder stehen kann“, teilte sie mir ungerührt mit, „sag ihm doch bitte, er soll abziehen.“ Maliziös lächelnd zückte Anne ihre Kreditkarte. „Das stimmt so. Und dann lass uns gehen, bevor er Bonbons verteilt.“





Stockholm-Syndrom

3 11 2009

Salten kauerte in der Ecke des weißen Zimmers. Er fror. „Das ist typisch“, konstatierte die Ärztin, „sie sind in einer Art Katalepsie. Starke Verlangsamung des Denkens. Oft stellen sich Halluzinationen ein. Sie sehen immer dieselben Bilder, hören immer dieselben Stimmen.“ Sie schloss die Jalousien und wir gingen den langen, kalt erleuchteten Flur hinab.

Während sie sich nervös im Nacken kratzte, zog sie Zigaretten aus der Tasche ihres weißen Kittels. Ich nahm eine und gab ihr Feuer. Der Wind fauchte heftig über das Dach. Unter den Füßen knirschte krümelige Dachpappe. Wie eine Vogelscheuche torkelte die Antenne auf dem dürren Schornstein im Herbststurm, unablässig und stumpf nickte der Draht, als sei ihm alles ohnehin gleichgültig. Sie schlug den Kragen hoch. Ihr war kalt. „Meistens können wir nichts mehr für sie tun. Wir können sie medikamentös ruhigstellen. Aber mehr geht nicht. Und es ist ja auch einerlei, denn keiner fragt mehr nach ihnen.“ Warum nicht? „Sie sind offiziell aus dem Verkehr gezogen. Weg.“ Sie sog den Rauch tief ein und ließ ihn in langen Schwaden in die Luft wehen. Sie sprach leise und hastig. „Sie wissen ja, worum es geht.“ „Nicht genau“, antwortete ich, „man sagte mir lediglich, Sie würden die Beamten im Sicherheitshauptamt neurologisch betreuen.“ „Ich beobachte die Kranken. Sie sind alle nicht mehr zu bessern. Es fing an mit der gemeinsamen Personendatenbank – ein zentrales Register für die gesamte Bevölkerung, alles vernetzt, wir konnten alles nachweisen. Wenn Sie mit Ihrem Mobiltelefon eine E-Mail bekommen, wissen wir noch vor Ihnen, was drinsteht, und haben Sie schon in ein neues Risikoraster überführt.“ „Risikoraster?“ „Wenn der Absender jemand ist, der in demselben Haus wohnt, in dem mal jemand gewohnt hat, der denselben Nachnamen trägt wie einer, der im selben Flugzeug saß wie der Nachbar eines Terrorverdächtigen, dann wird Ihr Score automatisch verändert. Ab einer bestimmten Punktzahl sind Sie dann ein feindliches Subjekt.“ „Das Stockholm-Protokoll.“ „Ja, das waren die ersten Auswirkungen. Später kamen noch die standardisierten Online-Durchsuchungen. Die Einteilung in Migrationsrassen. Und dann der paneuropäische Geheimdienst, dessen Zentrale der Einfachheit halber nach Washington verlegt wurde.“ „Haben Sie den Crash erlebt?“ „Es war furchtbar. Letztlich nur eine Stromschwankung, die zu Datenverlusten geführt hatte. Und in ihrer Hektik konnten sich die Staatssekretäre nicht einigen, welchem Land sie zur Ablenkung den Krieg erklären sollten.“

Sie hatte die Zigarette auf dem schmalen Geländer ausgedrückt und wir waren wieder ins Stockwerk getreten. „Natürlich haben sie nur die besten Leute dafür rekrutiert. Harte Hunde. Sie wurden anderthalb Jahre lang für ihre Aufgabe gedrillt. Und dann saßen sie da in ihren Büros und hatten die Daten auf ihrem Schirm. Manchmal wechselte es alle paar Minuten, Migranten, die unweigerlich in ihrer Bewertung hochgestuft wurden, je länger sie sich in einem Land aufhielten oder aber ihren Standort wechselten – beides war ja verboten worden – und dann Dauerüberwachungen. Zufällige Zielpersonen. Sie sehen erst nur Zahlen, ein paar Lebensdaten, vielleicht schon ein Passbild. Am zweiten oder dritten Tag erfahren Sie dann, dass Ihre Zielperson gerade telefoniert. Sie hören, wie sie sich verabschiedet und auflegt. Sie sehen am Bewegungsprofil, wie sie in den Supermarkt geht. Sie sehen am Chip, was sie einkauft. Sie wissen durch die GPS-Ortung, dass sie kurz vor einem Blumenladen stehen bleibt, und entscheiden anhand des Kontostandes, den Sie einsehen können, ob Sie diese Person als leichtsinnig einstufen.“

Inzwischen hatte Salten begonnen, mechanisch hin und her zu wippen. Vor und zurück. Wie ein Betender. „Hospitalismus“, konstatierte sie, „er ist vollkommen depraviert. Manche beginnen, am Daumen zu lutschen.“ Ich sah sie an, wie sie Salten beobachtete. „Er hat eine Belastungsstörung, weil er dem Druck nicht mehr standhalten konnte. Es waren die Entscheidungen, die ihn zermürbt haben, oder?“ Sie schüttelte den Kopf. „Nein, nicht darum. Wir nennen es unser Stockholm-Syndrom.“ „Stockholm-Syndrom? Aber das tritt doch bei Entführungsopfern auf?“ „Eben. Er hat diese Situation fast zehn Monate lang erlebt. Er wusste alles über seine Zielperson. Er kannte sie, er wusste es schon im Voraus, wenn sie ins Kino gehen, wann sie abends mit ihrer Mutter telefonieren, ob sie im Internet nach einem Kuchenrezept suchen würde. Er kroch in ihr Leben hinein. Die Zielperson blieb immer ein virtueller Schatten für ihn, aber ein überdimensional großer. Jede ihrer Handlungen hat er erlebt, als hätte er sie selbst vollbracht; es mündet fast immer in der Identifikation mit der Zielperson. Jäger und Gejagter sind für einen Augenblick eins – wenn beide die Spiegelfläche wieder verlassen, haben sie ihre Rollen getauscht. Der, der einmal Jäger war, wird nun die Beute. Sie können den Kontrollverlust nicht mehr verkraften. Und dann empfinden sie eine vollständige Lähmung, weil sie die Maßnahmen als gegen sich selbst begreifen – was, politisch betrachtet, ja auch durchaus so gedacht war. Sie sitzen in der Falle.“

Salten war zur Seite gesunken und dämmerte vor sich hin. „Eine zerstückelte Persönlichkeit“, murmelte sie. „Aber was wird jetzt aus ihnen“, fragte ich, „es muss sich doch jemand um sie kümmern.“ „Was erwarten Sie?“ Sie zuckte die Schulter. „Die Revolution frisst ihre Kinder.“





Ruhe sanft

2 11 2009

„’türlich, machen wir alles. Gar kein Problem. Und wir richten uns da ganz nach den Wünschen des geschätzten Verstorbenen. Klar. Volles Programm, mit allem Drum und Dran. Was immer Sie wollen, wir erledigen das schon für Sie.

Ungewöhnlich? Och, finde ich jetzt nicht so. Ja, ist sicher ziemlich neu, aber auf der anderen Seite muss man auch mit der Zeit gehen, nicht wahr? Das Geld liegt nicht auf der Straße, da haben Sie mal Recht! Und ich komme nun mal aus dem Bereich, mein Vater hatte so ein kleines Bestattungsinstitut, Pietät Möckenburger, sagt Ihnen das was? Na, muss ja nicht. Also aus der Branche, und da dachte ich mir so, Erwin, dachte ich mir, da musst Du doch mal etwas machen. Neue Sachen? Da wird ja allerhand angeboten, wissen Sie, da gibt es Tierbestattungen und Weltraumbestattungen, und bunte Särge kriegen Sie jetzt und eine Urne, die wie ein Fußball aussieht, und Firmenbestattungen gibt’s inzwischen auch. Ja, können Sie sogar im Internet buchen, schwuppdiwupp, da ist der ganze Laden schon abgewickelt. Ja. Ist ja auch ganz praktisch, ich meine, wenn das Ding sowieso schon fast tot ist und… Nein, das machen wir nicht. Ausgeschlossen, also wissen Sie, als Bestatter macht man die alten Leutchen auch nicht… Da muss man schon warten können, bis so ein Laden insolvent ist.

Ach, schon eine ganze Zeit. Aber ging nicht mehr so gut, jetzt ist überall Kurzarbeit. Da mussten wir natürlich umsatteln. Und der Oskar, was mein Schwager ist, sagt er doch zu mir: Parteien. Ich wusste erst nicht, was er will, aber dann habe ich’s kapiert. Ja, und seitdem machen wir eben auch Parteienbestattungen.

Aber ja doch, das geht schon. Müssen Sie sich gar keine Gedanken machen. Ungewöhnlich? Wissen Sie, wenn eine Partei in die Jahre kommt, wenn’s nicht mehr richtig klappt – am Anfang werden sie alle etwas bockbeinig, passt dies nicht, passt das nicht, dann wollen sie nicht mehr hören, dann können sie auch nicht mehr hören – na, und irgendwann, wenn’s dann gar nichts mehr ist, nur noch eine Qual und wird und wird nicht, dann ist es ja wohl auch besser, wenn sie… Noch mal geregt? Ach, das sieht nur so aus. Manche denken ja, die sind dann nur scheintot, aber glauben Sie mir, das sind bloß noch Reflexe. Da ist nichts mehr.

Wie Sie das wollen. Kleines Programm, großes Programm, machen wir ja alles. Ich sag ja nur: der Kunde ist König, und gestorben wird immer. Ach was, das rechnet sich. Da machen Sie sich mal keine Sorgen. Wissen Sie, irgendwie muss man ja unter die Erde kommen, und wenn Sie dann so letzten Endes… Und ob Sie die Mahagonitruhe nehmen oder Schlichtsarg, verdienen tun wir doch.

Ja, man muss in Übung bleiben. Da machen wir natürlich so manches. Gerade haben wir da einen Trauerfall reingekriegt, also ein Trauerfall ist es jetzt nicht, aber immerhin… Deutschland AG, kennen Sie? Das ist natürlich eine große Nummer, da brauchen wir schon ein ganzes Gräberfeld. Familiengruft reicht da nicht aus. Und dann natürlich piekfein, Sie, das sage ich Ihnen! Alles mit Marmor. Und die Sargträger, das sollen Sie mal sehen, der Ackermann ist auch dabei. Lässt er sich nicht nehmen. Obwohl er ja schon einen Nebenjob hat. Als Totengräber.

Na, das mit dem Einbalsamieren ist eher so eine Mode. Haben sie früher mit Lenin gemacht. Mit den anderen Päpsten, glaube ich, auch. Und heute? Da bröselt er so vor sich hin. Wie die KPD. Wissen Sie, diese ganzen Sachen, die man heute so macht, Plastinieren, das ist ja alles nichts. Ich frage Sie, wer stellt sich das hin? Das ist ja auch nur fürs Museum. Oder wollen Sie diese Grauen Panther bei sich haben? Im Wohnzimmer? Ich bitte Sie, das muss doch streng riechen! Und dann bröselt das und Sie kriegen das nicht mehr aus dem Teppich…

Da haben Sie Recht, Verbrennen und gut. Da hat man nur einen kleinen Grabstein, oder Sie nehmen ein bisschen Bodendecker, so Gestrüpp, das man nicht ständig… Ach wo, das ist alles machbar. Wir haben da schon die neuen Dinger aus Salz und Maisstärke und Flüssigholz, die packen Sie einmal in die feuchte Erde und das Zeug gammelt wie… Für die NPD dürfte eine Kleinurne ausreichen. So viel Asche ist da ja auch nicht mehr zu erwarten.

Sie hatten die klassische Erdbestattung in Erwägung gezogen? Gute Wahl, das wird ja gerne genommen. Katafalk? Und hatten Sie schon eine Vorstellung vom Blumenschmuck? Ganz schlicht, natürlich, das muss man ja auch nicht übertreiben. Haben Sie ganz Recht, das macht Ihre werte Verstorbene auch nicht wieder lebendig, und dann hat man ja auch… Nelken, geht klar. Und bei den Schleifen haben Sie auch sehr großen Spielraum. Unvergessen, ach wissen Sie, man soll nicht schon da mit dem Lügen anfangen. Wie wär’s denn mit In dankbarer Erinnerung, das trägt nicht ganz so auf – eben, man muss sich ja nicht gleich festlegen, wie lange. Das hätte sie selbst bestimmt auch so gewollt, nicht wahr?

Kondolenzbuch, habe ich, Kandelaber, dann die Orgel, wollen Sie Kinderchor? Ja, Kinderchor ist immer so hübsch traurig, dazu kann man so gut weinen. Und alles ganz schlicht, aber furchtbar ergreifend. Trauerrede? Sind Sie konfessionell gebunden? Ich meine natürlich die Verstorbene. Nein, Sie brauchen sich wirklich keine Sorgen zu machen! Wir kriegen das schon hin. Lebendig begraben? Kann ich mir nicht vorstellen. Machen wir’s doch so: Sie rufen mich noch mal an, wenn die SPD wirklich hinüber ist, ja?“





Parallelwälzer für alle!

1 11 2009

Ich meine, das musste jetzt mal gesagt werden. Auch und gerade in dieser Deutlichkeit. Liebe Bundesbürgerinnen und Bundesbürger, ansonsten war’s das dann für heute auch. Gut, da wären noch die Suchmaschinentreffer der vergangenen zwei Wochen. Wenn’s denn sein muss…

  • sahra wagenknecht in high heels: Nur mit roten Socken erhältlich.
  • glücksbärchis leggins: Es gibt Sachen, die fasse ich nur mit Diddl-Gummihandschuhen an.
  • monika hohlmeier hat wahlbetrug begangen: Naa, dös woar fei die CSU.
  • dauerwelle in der ddr: Dauerwellenflüssigkeit gab’s im Fünfjahresplan genug, aber keine Wickler.
  • laubsauger: Hauptsache, man hat etwas zum Spielen.
  • popeia: Verlorene Eia?
  • gelegenheitslyrik: Gelegentlich reimt es sich auch.
  • wohnhaus von dieter bohlen: Kündigen Sie Ihren Einbruch an, damit er rechtzeitig vorher bei BILD anrufen kann.
  • gartenzwerg zum aufblasen: Legen Sie sich nicht mit ihm an, er ist jetzt Verteidigungsminister.
  • wie muss bill kaulitz traumfrau sein?: Gut durch, in dicke Scheiben geschnitten.
  • privilegierte partnerschaft: Siegfried & Roy?
  • ave maria rückwärts: Airam eva. Darauf hätten Sie aber auch selbst kommen können.
  • schlüpfer basteln: Pressspanplatte ist momentan sehr trendy.
  • kaffeereim: Haferschleim.
  • weihnachtsmann mit schreibtisch stuhl am: Irgendwo muss der Mann ja arbeiten.
  • gebrchte schleif böden maschine trio in: Lassen Sie Schwarz arbeiten. Gelb weiß nicht, wie das geht.
  • πολλἀ τἀ δεινἀ κοὑδἐν δεινὁτερον πἐλει: Wir sollten das mal zweistimmig probieren.
  • mann als female latexpuppe: Aufblasen und dann anschnippeln… nee, is klar.
  • die bartagame hinten an den füßen nicht: Ich hoffe, das Tier beißt Sie.
  • abmahnwahn jack wolfskin: Über Lernbehinderte macht man keine Witze.
  • ephraim kishon rote haare interpretation: Hatten Sie schon mal genetische Gründe in Erwägung gezogen?
  • gegen kniescheibe gehauen: Nö. Für den Friedensnobelpreis möchte ich schon ein bisschen mehr sehen.
  • woher kommt der name wagenknecht?: Vom Standesamt.
  • holzhocker treibgut: Warten Sie, bis ein Containerschiff voller Holzhocker vorüberfährt. Und dann ziehen Sie einfach den Stöpsel.
  • arbeitsamt köln beschwerdestelle: Hat man Ihnen wieder keinen ordentlichen Job angeboten, Frau Merkel?
  • spruch zöpfe und kniestrümpfe: Lassen Sie Herrn Plötzke doch, der läuft gerne so herum.
  • putzfrau stellen: Was hat sie denn verbrochen?
  • wasserzuleitung aussen: Bietet sich an, wenn man nicht gerade über der Zisterne zeltet.
  • gebrauchte fußpflegegeräte: Käme auf eine Nagelprobe an.
  • selbstmordattentat bekennervideo israel: Das nennt man dort Kabinettskrise. Kein Grund zur Sorge.
  • westfälischer schlabberkappes: Trifft sich gut, der schlesische ist gerade aus.
  • hendrik wüst freundin linda: Fragen Sie Herrn Rüttgers, der kennt sein Personal.
  • jürgen dreß Übergrössen: Der Jürgen-Möllemann-Gedächtnis-Fledermausanzug sieht nur so aus, wenn nicht genug heiße Luft drin ist.
  • erhabenheit design: Mir wär’s ja lieber, ich könnte Zitronen pressen.
  • holzschredder: Raten Sie mal, wo der Analogkäse herkommt.
  • küchenstuhl birke: Ist im Container neben den Holzhockern.
  • handschrift nachmachen: Und wenn Sie’s können, lügen Sie dann auch wie gedruckt?
  • verfallsdatum pfifferling: Bei Aufbewahrung im Wald nahezu unbegrenzt haltbar.
  • kosten kastration katze: Anatomische Unmöglichkeiten gehen aufs Haus.
  • „eat drink man woman“ rezept: Brauchen Sie das Drehbuch oder reicht Ihnen die Zutatenliste?
  • aalrauchwurst name?: Große heißen gerne Herbert.
  • ein schräger wunschzettel: Deshalb hat Guido ja auch nichts bekommen.
  • „weinberg“ „jeden tag sehen“ „sprichwort: „Siehst Du täglich einen Wein-/berg, wirst Du wohl Winzer sein.“
  • erklären kinder monsun: Das ist da, wo der Onkel Bill absäuft.
  • klingelton märsche mein heimatland: Auf der Heimseite des Reichsmobilfunkamtes.
  • bongoneger: Herr Pofalla hält eben gerne Bodenkontakt.
  • musterputz: Zwingende Einstellungsvoraussetzung für Raumpfleger.
  • anleitung zur penisverlängerung: Herr Diekmann möchte nicht mehr so gerne darüber sprechen.
  • katze hat sich mit tattoo farbe beschmie: Gut einreiben.
  • armutszeugnis: Immer noch gerechter als die Bürgerpauschale.
  • baurecht hessen dachfenster: Seien Sie vorsichtig, Transparenz kommt nicht gut an.
  • glasscheiben verkauf: Nehmen Sie sie so mit oder soll ich sie Ihnen einschlagen?
  • pharmareferent kohl: Wiedervereinigung ungültig – Kohl war gedopt!
  • paletot hölderlin: Trägt sich sehr schön zum Schillerkragen.
  • paprikaallergie zahnfleisch: Gutes Vitamin C bekommen Sie bei der Drogenberatung.
  • adobe encore stürzt bei jeder gelegenhei: Deshalb heißt es ja auch so.
  • vater staat am bettelstab: Hirnverbrannt, oder?
  • stottern und chaostheorie: Ist wie Sozialismus und Stachelbeerkompott.
  • laubsauger geräusche: Es saugt und bläst der Heinzelmann…
  • kieler sprotten sprüche: Danke für den Fisch.
  • wann sind kapern im glas schlecht: Bei längeren Flugreisen.
  • gewinnwarnung: Die Versicherungswirtschaft weint schon leiser.
  • slavko arsenik: Die Rache der Karpaten.
  • boeuf bourguignon versalzen: Noch kein eigener Straftatbestand.
  • die ersten magazinsendungen des westfernsehens: Im Vergleich zu heute relativ gut produziert.
  • westie ohren tapen: Warum tackern nicht Sie sich die Fresse zu?
  • ladenmaus gedicht: Haben Sie das mit dem Personalrat abgesprochen?
  • hubbelt, münster: Kotzt Köln?
  • kaffeefahrt im sauerland: Bei Heizdecken hört die Freundschaft auf.
  • bekloppte esoterik: Wecken Sie mich, sobald die unbekloppte erfunden wurde.
  • lied plattdeutsch krankenschein: Sie wollen doch bloß die Praxisgebühr raushaben!
  • straßenverkehrsordnung tourbus: Immer schön links fahren, dann winken die Leute von selbst.
  • steißprellung kind: Lässt sich beides verhüten, wenn man aufpasst.
  • nippes ,krimskram,schnickschnack: Alles Killefit.
  • sparbirne stinkt: Auch dort ist Staub, wo Sie es nicht sehen wollen.
  • paprikaallergie ersatz: Wollen Sie die gegen eine Tierhaarallergie tauschen?
  • erdkommunion: Ist mit der Lynchjustiz bedauerlicherweise aus der Mode gekommen.
  • lachkonserve (diese menschen sind bereit: So sind sie nun mal, unsere FDP-Parteitage…
  • ein/euro/job: Warten Sie bis zum Bürgergeld, dann können Sie auch noch die Striche verkaufen.
  • die weihnachtspyramide erzählt: Worum dreht es sich denn?
  • samenspender ausweis: Wollen Sie sich den ans Goldkettchen hängen?
  • mann schiebt sich eine tomate in den ars: Kein Grund zur Sorge, Naturdarm ist lebensmittelecht.
  • wie kann ich aus alufolie und klo reinig: Danke, ich brauche keine Deko-Tipps mehr.
  • pressglas zwickau: Das Modell 601 hatte doch Plastescheiben?
  • wie macht man schlagsahne selber: Der Erwerb von Milchprodukten wäre schon mal ein guter Anfang.
  • pommestüte deko: Ist Ihnen etwa schon die Alufolie ausgegangen?
  • gallertartige masse tucholsky: Das hören die Liberalen gar nicht gerne.
  • steinschlagkoffer: Wie Dieter Bohlen: wenn Sie es hören, ist es schon zu spät.
  • negative energie durch ficus benjamin?: Wenn Sie daran glauben, mit Sicherheit.
  • schwindelfrei fachwort: Anvertiginös.
  • xavier naidoo nicht ganz dicht: Erzählen Sie mir was Neues.
  • freiheitsstatue westerwelle pispers: Gibt der sich jetzt schon mit Hohlfiguren ab?
  • nasenbruch globulis: Ich würde mit Watte stopfen, aber bitte…
  • armbrust mit korken anleitung: Spucken ist Ihnen zu anstrengend?
  • guido westerwelle kinderhasser: Dafür hat er ein Herz für reiche Eltern.
  • wie lange muss mann wachteleier kochen: Genauso lange, wie das Frauen auch täten.
  • hokuspokus pudelzucht: Dreimal schwarzer Kater.
  • max streicher deggendorf bilder (asphalt: Der einzige Pflastermaler, den ich kenne, ist Hans A. Plast.
  • hanftinktur selber machen: Vergessen Sie’s, die 0,2%-ige Lösung macht nicht higher als schwarzer Tee.
  • soziale hängematte, phantasie oder wahrh: Ihr Investmentbanker weiß das auch nicht?
  • kleiner rabe socke torrent: Seit ich Diddl kenne, bin ich geheilt.
  • katja ebstein lippen geschminkt: Just another Verschwörungstheorie, Baby.
  • codenamen für nervensägen: Sag Hasi zu mir, Liebes.
  • geheime tricks um „nachbarn loswerden“: Wenn ich Ihnen die verrate, sind sie ja nicht mehr geheim, waswas?
  • bundeskanzleramt sog. waschmaschine foto: Steinmeier hat bestimmt noch unbenutzte Autogrammkarten herumliegen.
  • größte pradasammlung: Ach, sie haben einen Teil der Firmen schon wieder abgestoßen.
  • nägel und haken in der brust und dazu no: Das passiert, wenn man in Binnengewässern angelt.
  • dna bastelvorlage: H1N1 zum Ausschneiden?
  • 9live rätsel baby lein fehler: Dranbleiben, es lohnt sich! (Zumindest für 9Live.)
  • chemie entdecken 2009 lösungen ananas: Kommt jetzt auch noch die Analogananas?
  • kreuzfahrt mit lobpreis: Man nennt das nicht umsonst christliche Seefahrt.
  • bilder der kinder sprache: Seien Sie froh, dass Ihre Blagen noch nicht reden.
  • gueldner loeffel: Hat er Ihnen das Tafelsilber verkauft?
  • wo kauft vera int veen ein: Wo Verkäufer lügen können, ohne rot zu werden.
  • seiche deutsche frau nackt: Mir egal, aber ich putze hinterher nicht!
  • frau glöß pudelzüchterin: Das tut mir Leid.
  • spinnenblut fleckentfernung: Wischen Sie’s mit einem Pudel auf, hier laufen gerade genug herum.
  • erklären sie den unterschied zwischen ei: Ja, mache ich.
  • jung mädchenröte: Und wir müssen das jetzt auslöffeln.
  • v-effekt: Sagen Sie nicht, Sie wüssten noch nicht, was da auf Sie zukommt?
  • die kleinen leute von swabedoo gekürzte: Ich sammle seitdem Steine.
  • hamster kiste: Eine Tüte Mäuse dazu?
  • welches ist die beste passiermÜhle: Nehmen Sie Abstand vom Erwerb eines Modells aus Schichtholz.
  • schwarze plateaustiefel bill kaulitz: Läuft Berlusconi jetzt barfuß?
  • geheimnummer für handy: Ich rufe Sie sowieso nicht zurück.
  • kaffeeweißer auf rechnung: Und Dosenmilch klauen Sie sonst immer?
  • 1, 2 da sagten die leute hau ab so jetzt: Sie hatten wohl ihre Gründe.
  • standort des büros von peter zwegat: Google Maps ist aber auch wieder unzuverlässig!
  • schiebetürenselber bauen: Selberschiebetüren? Wie geht das denn?
  • wann muß ich nach einer bypas op wieder: Sie müssen gar nicht, aber wenn Sie wieder rauchen wollen, bitte.
  • wie kann man zucker in schinken nachweis: Die kleinen weißen Würfel unterhalb der Schwarte sind nicht aus Fett.
  • käpt iglo klingelton: Das war jetzt der mit dem Blubb, oder?
  • guido westerwelle körpergröße: Er ist halt gerne groß…
  • reime zu plattentektonik: Es war einmal ein Kontinent, der samstags bis Timbuktu rennt.
  • vor und nachteile derbyschnitt: Umgekehrt wird ein Schuh daraus.
  • organischer haarschnitt: Ist dem Polyesterfiffi natürlich um Haaresbreite überlegen.
  • kann mann als raumfplegerin im kindergar: Nach der OP: ja.
  • kein hände geben schild: Die Industrie hielt Impfungen für einfacher.
  • gesicht seifenschnitzen: Milde Waschlotion schmeckt besser.
  • gender mainstreaming übermannen: Schützt das vor Effemination?
  • büroinformationselektronikerin was macht: Nägel lackieren, Kaffe trinken und die Mittagspause überziehen.
  • katze darmstadt: Hessisch Drahthaar?
  • wachtelbrüstchen mit kürbiswürfel: Meinen Sie, ein Würfel Kürbis reichte als Sättigungsbeilage?
  • sportschützenschmuck: Gerne getragen werden Westen mit Zielscheibe als Rückenaufdruck.
  • „zwergflamingos abzugeben“: Stehen die sich bei Ihnen schon die Beine in den Bauch?
  • krüppelkiefern+musik: Ihr Feng-Shui-Berater ist noch nicht so lange im Geschäft, oder?
  • müllsack hexe deutsche bastelanleitung: Ach, die Hosenanzüge werden doch langsam erträglich!
  • laubsauger auf kiesweg: Alternativ: Laubsauger gegen Kiesweg.
  • paravent für wendeltreppe: Nageln Sie zwei übereinander. (Paravents, nicht Treppen.)
  • rückwärts reden krawatte: Wenn’s komisch klingt, könnte auch der Kragen eine Nummer zu eng sein.
  • trockenes auge therapie: Frische Zwiebeln. Oder eine aktuelle Arbeitsmarktprognose.
  • cordovan geschäfte: Bleiben Sie doch bitte bei Ihrem Leisten!
  • sitzordnung bundeskabinett: Alle auf dem Geld.
  • meniskus spaltung: Sie arbeiten grundsätzlich schmerzorientiert?
  • martinsgans basteln: Gemischtes Hack. Und viel Sekundenkleber.
  • wickeltisch für praxen: Müssen unsere armen Ärzte mal wieder gepampert werden?
  • kardinal ratzinger fasching: Ich dachte, bei den Jungs sei jeden Tag Karneval im Oberstübchen?
  • cartoon hochwürden titanic: Gernhardt?
  • bedeutung des geldes fur kinder: Passen Sie gut auf, sonst will das Blag Bankster werden!
  • wir haben immer telefoniert alles war so: Und jetzt hat Ihnen der Therapeut offenbart, dass es da ein richtiges Leben gibt?
  • kunst-obstgesicht: Fragen Sie ihren Bio-Galeristen nach Arcimboldo.
  • orakel paranoia: Das eine muss das andere nicht ausschließen.
  • alk lötkolben meindle: Ergibt einen sehr hübschen Glühwein.
  • wie formuliert man im zeugnis einen erbs: Erbschleicher? Erbsenschaden? Oder sind Sie erbsgeschädigt?
  • golfschläger aus marzipan basteln: Geht voll auf die Nüsse!
  • mein hund knickt mit der rechten vorders: Solange er hinten kackt, ist alles im Lot.
  • laterne kölner dom bastelanleitung: Haben die überhaupt noch alle Lampen am Brennen?
  • eric idle wehrmacht uniform: Auf Seite 143 in George Perrys legendärer Monografie. (Genau genommen tragen alle Wehrmachtsuniformen, bis auf Graham Chapman.)
  • erfinder durchsichtige halskrause hunde: Freie Sicht für Flöhe!
  • gelbe löffelerbsensuppe: Bei diesem Wetter sollte man bis zum Äußersten gehen.
  • zimmer frei: Wir hatten angefragt, aber Martin Sonneborns Schlafcouch war uns zu unbequem.
  • sprechpuppe veb: Das Pofalla-Modell hat bereits westliche Technik eingebaut.
  • ehemann muss pvc schürze tragen: Haben Sie da ein Aktenzeichen?
  • bahlsen lagerverkauf: Gehen Sie mir nicht schon wieder auf den Keks!
  • ne connaît pas: Was weiß denn ich!
  • mops-weihnachtspyramiden: Möpse sind nur bis zur Schulter stapelbar.
  • schlechte speisekarte: Dafür stehen dann ja Salz und Pfeffer auf dem Tisch.
  • höllenparty liedern 2009 flyer: Wurde auf dem CDU-Parteitag auch gesungen?
  • hamburger schnitzel rezept: Wenn das Schwarze langsam grün anläuft, schnell servieren.
  • montage wasserhahn: An der Biegung des Wasserrohrs.
  • hallo taxi bremen 2009 videoüberwachung: Freuen Sie sich, dass Ihr Innenministerium zur Volksbelustigung beiträgt.
  • symbole auf pfandflaschen: Das Prozentzeichen bezieht sich meist auf die Umdrehungsgeschwindigkeit.




Unverrückbar

31 10 2009

Der Affe geht in Seide,
er dünkt sich als Baron,
behängt sich mit Geschmeide
und hockt auf einem Thron.

So geht’s in allen Ländern,
so ging’s zu aller Zeit
und wird sich niemals ändern
und bleibt in Ewigkeit.





Gernulf Olzheimer kommentiert (XXXI): Comedians

30 10 2009
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Nicht allen ist es gegeben, die Wonnen der Muße in Genügsamkeit auszukosten; während der eine stille Freude empfängt bei der Betrachtung eines Grashalms, stolpert der andere bereits in eine existenzielle Krise beim Malen nach Zahlen, weil er sich die Reihenfolge zehn komplexer Krickel seit dem Schulabbruch nie hat einprägen können. Wo Heiterkeit übergangslos in Spaß mündet, sind doch noch Menschen, die fidel Skat spielen, verbissen Picassos Guernica im Originalformat aus handgeknüpften Knoten benutzter Zahnseide nachempfinden, Minigolf spielen. Suum quique. Von den Abhängen der Allotria nun klatscht der Beknackte in die Schlucht der passiven Bespaßung, die ihm Fun verschafft – die Gefilde des Amorphen bleiben aus guten Gründen so ungefeudelt wie das Herrenklo einer Autobahnraststätte, deren Odeur nur mit Hilfe einer Abrissbirne zu begegnen ist.

Als Prototyp der Bespaßungsspezies hat sich der Animateur als Berufsbild für den Vollkontakt mit Minderbemittelten herausgemendelt. Wer mühelos lebergeschädigte Grützbirnen mit Männertitten dazu bringt, sich gegenseitig rhythmisch auf die Gesäßmuskulatur zu schlagen, ohne homophobe Panikattacken in ihnen auszulösen, hält sich im Geschäft. Die erfolgreichsten Arbeitnehmer dieser Branche profitieren davon, dass sie der Mischpoke aus Besoffenen und Beschränkten intellektuell durchaus das Wasser reichen kann, wenngleich von ganz weit unten. Manche entfliehen nicht und scheitern sich langsam, aber todsicher in den noch erbärmlicheren Aggregatzustand rein, der die Nahrungskette im Boden verankert: Comedians.

Was so harmlos, beinahe ulkig klingt, ist nichts anderes als die Stellenbeschreibung für Pfleger, die denselben Dachschaden haben wie ihre Patienten. Abend für Abend verrenken zappelnde Zombies ihre Resthirnwindungen, um mit Brachialgewalt die Debilitätsgrenze im Zuschauerraum auszuleiern. Bietet Malen nach Zahlen dem naiven Pinsler, dem jegliche Vorstellungskraft abgeht, noch das Staunen bei der mählichen Genese von Blumenstillleben, so ist die Symbiose von Bühnenbrülltüte und die Sessel einnässendem Klatschvieh bis tief in die niedermolekulare Ebene von Überraschungen frei – die Parkettparasiten reagieren mit stumpfer Ablehnung auf jeglichen Ansatz einer Pointe im engeren Sinne, weil ihre Zwerchfellresonanz nur bei sorgfältig ins Stammhirn eingefrästen Reizen die Arbeit aufnimmt. Witze, die man erklären muss, sind per se scheiße, und der Begriffsstutzige braucht eine Menge Erklärungen.

So hampeln flächendeckend die Statisten des Humorrecycling an die Rampe, ohne Beipackzettel direkt ins Programm der Unterschichtensender geschwiemelt, um Besucher der Hirnrückgabestelle zu beglücken, die Atze Barths und Ingo Mittermeiers dieser Republik, die mit jedem mühsam unterkellerten Scherz zwanghaft zeigen, dass sie nicht alle Rillen auf der Erbse haben, Eigenwitzlacher, denen kein Gag zu platt und kein Schelmerei zu müffelig ist, als dass sie ihn nicht zur lustigen Leichenschändung ausbuddelten.

Was da als Zotenwiederaufbereitungsanlage über die Bretter humpelt und dem Betrachter seine eigene Hirnverdübelung vorturnt, genießt bisweilen Kultstatus – Säle und Stadien voll sabbernden Gesocks, prustende Prolls goutieren konvulsivische Auswürfe von Gossenvokabular, das die widerliche Wirklichkeit ihrer verpfuschten Lebensentwürfe abbildet. Antiproportional zur Bodenhaftung, die der immerwährende Niveaulimbo rausmöllert, steigt das Ansehen der Schwachstromclowns, die für ihren gesellschaftlichen Selbstmord auf der Mattscheibe immense Summen an Schmerzensgeld kassieren; jeder abgekupferte Unflat, jeder in Verwesung übergehende Schülerulk wird für die Spezialisten der Zasterfahndung nutzbar gemacht, bis in die Niederungen des Sekundärschmonzes, wenn Olli seine jeweilige Bettunterlage noch einmal für die Galerie pochert.

Längst bezahlen die Ratten ihren Fängern vergoldete Flöten, schärfen den Kosaken des Klamauks die rostigen Schwerter. Längst wird auch das kollektive Ablachen zu auswendig gelernten Witzmustern eine quasi-rituelle Handlung, die Identität stiftet, wo vorher nur Satzkonstruktionen aus der Arbeiterfachpresse an den Innenseiten des Zwischenohrhohlraums sich ansaugen konnten. Was an Intelligenz beim Empfänger nicht vorausgesetzt werden kann, vergrößert den Resonanzraum, der über das Reizleitungssystem in direktem Kontakt mit dem Beckenboden steht. Sie zahlen, damit man ihnen auf die Eier geht.

Und doch haben diese Jammerlappen eine reinigende Wirkung. Wie die Losung des sanften Rindes myriadenweise Schmeißfliegen anlockt und hält, die ansonsten ihre Kackstelzen in harmloser Leute Heißgetränk tunken, so hält der geistlose Saukram die Rüpelgarde wenigstens davon ab, Streichquartettabende, griechische Tragödie und Tanzkunst mit ihrer Anwesenheit zu beleidigen. Tiefer Trost wohnt dieser Vorstellung inne. Wie unerträglich peinlich müsste es sein, würden die Volltrottel dabei an der falschen Stelle lachen.





Der Kämmerer des Schreckens

29 10 2009

Der Fahrstuhl ruckelte und zuckelte – plötzlich schoss er in die Höhe, obwohl es mich an die Decke zu drücken schien. Wie in Trance sah ich, dass der Anzeiger auf 9¾ stehen blieb. Die Türen öffneten sich. Da stand Fählske. „Pünktlich auf die Minute“, lobte er, „treten Sie gleich herein, junger Freund!“ Kisten und Kästen verstopften die Korridore des Bundesministeriums der Finanzen. Sicher war noch Zeit, dass Peer Steinbrück einpacken könne. „Das kann er in der Tat“, bestätigte der Ministerialrat, „aber das hier gehört schon der neuen Führung. Wir stellen um.“ Umstellung? Würde es Aktendeckel in neuen Grautönen geben? ordentliche Buchführung? Was sollte das bedeuten? Fählske druckste herum. „Kommen Sie mit. Sie glauben es mir doch nicht, wenn Sie es nicht mit eigenen Augen sehen.“

Wir durchschritten die ministeriellen Korridore. Zwei Handwerker waren damit beschäftigt, eine Menge neuer Schilder an die Türen zu nageln. Ich stutzte. „Raum der Wünsche? Was hat denn das nun wieder zu bedeuten?“ Fählske zeichnete mit der Schuhspitze Kreise auf das Linoleum. „Es ist ja so: der Haushalt ist momentan, wie soll ich sagen… also es sieht gar nicht so gut aus, genauer gesagt, wir wissen eigentlich noch gar nicht, wie groß die Katastrophe ist. Und da muss man vorbeugen.“ „Sie wollen ernsthaft behaupten, dass Sie Ihren ganzen Laden jetzt nach dem Harry-Potter-Prinzip… nein, sagen Sie mir, dass das nicht wahr ist!“ „Ich weiß es doch selbst“, jammerte der Fiskalbeamte, „aber wir konnten nichts machen. Der Chef hat ja schon vorher einen Schatten gehabt, aber jetzt dreht er komplett durch!“ „Und was wird hier gemacht?“ „Nicht viel. Der Chef sitzt hier herum und murmelt stundenlang etwas von Aufschwung oder beschwört Wirtschaftswachstum von zwanzig Prozent herauf. Was sollen wir denn machen?“ Ja, was sollte man?

Weiter ging’s, rechts lag die Heulende Hütte für die Planungskommissionen des Koalitionsvertrags, links führte eine Tür zu Zonkos Scherzartikelladen, wo sich ein Team von Unternehmensberatern neue Steuern ausdenken sollte. „Die Rückwärtslauf-Abgabe, den progressiven Montag-bis-Mittwoch-Spitzensteuersatz und den Schluckauf-Freibetrag haben wir schon durchgekaut, aber der Verbotene Wald sagt, das ginge alles nicht.“ „Der Verbotene Wald?“ „Das Bundesverfassungsgericht natürlich. Ich vergaß zu erwähnen, dass wir auch einige neue Sprachregelungen eingeführt haben.“

Die Tür zur Magischen Menagerie war abgeschlossen. Fählske bedauerte: „An sich gar nicht so schlimm, es sind in Wirklichkeit nur kleine Puschelkätzchen und Wauwaus, die als reißende Raubtiere verkleidet werden. Völlig harmlos.“ Ich blieb skeptisch. „Und warum leisten Sie sich nicht richtige Giftschnecken?“ „Ich bitte Sie! Echte Steuerprüfer bei den Industrieunternehmen – das kann man der Wirtschaft ja nun wirklich nicht zumuten!“

„Cheffe? Wo stell ick’n Deluminator hin?“ Der Möbelpacker schleppte einen gewaltigen Karton die Treppe hinauf. Ich sah ihm interessiert zu. „Sie benutzen das Ding als Ortungsgerät, wenn Sie auf Sicht fahren?“ „Keinesfalls“, korrigierte Fählske, „wir setzen es seiner eigentlichen Bestimmung gemäß ein: als Verdunkelungsapparat.“ Das wollte ich nun genauer wissen: „Warum dies?“ „Wissen Sie eigentlich, wie lästig der Bundesrechnungshof sein kann?“ Ich begriff. „Und sicher haben Sie irgendwo auch ein Denkarium versteckt?“ „Das steht im Büro vom Herrn Minister. Wir wollten es eigentlich mit der Vorratsdatenspeicherung koppeln, aber die fällt jetzt ja nicht mehr in Schäubles Ressort. Und da mussten wir uns eben einiger anderer Mittel bedienen, wie Sie sehen.“

Das Zimmer am Ende des Flügels war mit schwarzem Samt ausgeschlagen; kryptische Zeichen an den Wänden ließen es wie einen Tempel erscheinen. „Das hier“, erklärte Fählske stolz, „wird der Durchbruch sein! Ab sofort gibt es keine Steuerausfälle mehr – das Problem ist für alle Zeit gelöst!“ „Online-Überwachung?“ „Viel besser“, warf er sich in die Brust, „ein Spickoskop! Ab jetzt gibt es keine Heimlichkeiten mehr. Wir erkennen jeden Steuerhinterzieher!“ „Na, das wird ja die Kollegen im Wirtschaftsministerium freuen. Oder wie handhaben Sie das mit den Steuergeschenken für die Großkonzerne?“ Fählske schlug eine Portiere zu einem Schränkchen auf. „Für unsere Leistungselite haben wir selbstverständlich noch an ein Verschwindekabinett gedacht. Bei genügend hohen Umsätzen sind Sie dabei – oder bei genügend hohen Schulden, je nachdem.“

Beschwingt lief er vor mir her. „Sogar die Kantine hat sich völlig verändert. Gut, der Bohneneintopf mit Ohrenschmalz ist nicht jedermanns Sache, aber Sie sollten einmal die Schokofrösche kosten – einfach zauberhaft!“ Und schon standen wir am Ende des Flurs. Die Tafel an der Wand verzeichnete alle Abteilungen des Finanzministeriums. „Magische Strafverfolgung“, las ich, „Internationale Magische Zusammenarbeit, Mysteriumsabteilung – das dient wohl auch Ihrer Verschleierungstaktik?“ „Ganz recht“, bestätigte er, „aber wir haben die Abteilung noch nicht besetzt. Vorerst brauchen wir alle im Deluminationsressort.“ „Und was machen Sie mit diesem Fachbereich?“ „Wir bereiten uns darauf vor, dass man den ganzen Mist, den wir hier produzieren, nicht merkt. Haushaltslöcher, Milchmädchenrechnungen, die ganzen Schuldenberge.“ Fassungslos blickte ich ihn an. Er legte mir tröstend seine Hand auf die Schulter „Na, halb so schlimm. In vier Jahren ist der ganze Zauber ja sowieso vorbei.“