Alte Bekannte

30 09 2014

„Aber ich kenne da doch keinen!“ Herr Breschke befand sich in einer durchaus verzweifelten Lage. Auf der einen Seite hatte er seiner Frau ein Versprechen gegeben; auf der anderen Seite war er eben Horst Breschke. Und dann war dort eben der Seniorenverein.

„Ich werde auf gar keinen Fall in dieses Seniorendings gehen!“ Er war sich bereits jetzt vollkommen sicher, dabei hatte er seiner Frau genau dies versprochen. Was freilich vor der Abreise geschehen war – die Gattin besuchte gerade ihre Schwester, während der Hausherr samt Dackel sein kärgliches Frühstück aus einer Tasse Kaffee und einem halben, aber trockenen Brötchen im Garten genoss. „Diese alten Leute, was soll ich denn mit denen? Ich kenne doch keinen!“ „Wissen Sie“, riet ich aus der hohlen Hand, „theoretisch könnten Sie doch bei der Gelegenheit mal jemanden aus der Nachbarschaft kennen lernen?“ Das war zu viel; er knurrte und murrte, aber war nicht zu einem Gespräch bereit. „Was soll ich denn dort? Sie werden nicht einmal Bismarck dulden, und wo soll ich ihn in der Zeit lassen?“ Der Hund, ein selten dämliches Exemplar seiner Art, schien nicht recht zu wissen, warum er zum Streitpunkt wurde. Er legte seinen Kopf auf die Pfoten und guckte gleichmütig.

Die Seniorenstation hatte sich herausgeputzt. Wenigstens waren diesmal die Papierkörbe geleert, der Rasen war einigermaßen frisch gemäht und die Beleuchtung funktionierte. „Nur Mut“, sprach ich dem Strohwitwer zu, „man wird Sie nicht gleich auffressen.“ Er war offensichtlich anderer Meinung. „Schauen Sie nur“, klagte er, „die kennen sich. Ich werde dort bloß unangenehm auffallen.“ Was allerdings ein wenig übertrieben war. Breschke fiel dort nicht unangenehm auf. Nicht einmal angenehm. Er fiel dort gar nicht auf.

„Junger Mann“, krächzte eine der Damen, „ich nehme noch so einen koffeinfreien Kaffee, aber die Hälfte bitte heißes Wasser!“ Ich schüttelte mich; Breschke, soweit das zu sehen war, schüttelte sich innerlich, vermutlich aber nur aus Zurückhaltung. „Holen Sie mich hier raus“, zischte der Pensionär, „das stehe ich nicht durch!“ „Ach wo“, tröstete ich ihn. „In einer Viertelstunde haben Sie sich daran gewöhnt.“ Die Damen an der Kuchentheke – beide sicher erst Mitte fünfzig, wenn nicht sogar noch deutlich jugendlicher – lächelten dezent herüber. Breschke war es sichtlich unwohl. Vielleicht hatte ich doch unrecht gehabt?

„Herr Schmidt?“ Eine grau gelockte Dame im grau gemusterten Kleid brüllte Breschke direkt ins Ohr. Er zuckte zusammen, doch mein Arm war noch in Reichweite. „Nein, Breschke!“ Was sie nicht abhielt, den Dialog fortzuführen. „Ich dachte schon, Sie sind es nicht selbst! Was macht Ihre Tochter!“ Der ehemalige Finanzbeamte drehte sich panisch zu mir. „Was weiß sie davon?“ „Bestens“, schrie ich. „Ausgezeichnet, sie ist gerade auf den Malediven!“ „Auch schön“, röhrte die Graue, „ich kenne die Gegend um Erfurt!“ Bismarck, der denkbar anspruchsloseste Dackel im weiten Umkreis, schien alles das nicht zu stören. Er stand ohne jede Regung zwischen Breschkes Beinen. Gut, dass er sich mit Hörgeräten nicht auskannte.

„Ist doch schön hier“, heuchelte ich, während Horst Breschke panisch an seinem Schonkaffee schnüffelte. „Sie sind doch…“ „Wülstering“, bestätigte sie, „Emma Wülstering.“ „Er hat mir schon so viel Gutes von Ihnen erzählt.“ Die Dame im geblümten Kittelett kicherte ein bisschen, doch die Schlacht war noch nicht gewonnen. „Wer ist das“, flehte er verzweifelt. „Keine Ahnung“, gab ich ungerührt zurück. „Aber wir werden es bald herausfinden. Oder Sie, wenn es schiefläuft.“

Um Bismarck musste ich mir keine Sorgen machen, er saß längst aufmerksam auf einem Sessel und wurde von den Damen begutachtet. Breschke saß daneben, aber er wirkte irgendwie weniger glücklich. „Das muss da gewesen sein, die hatten diesen Apfelkuchen, und das war in dem Jahr, wo der Sommer so warm war.“ „Damals hatten Sie gerade die Ligusterhecke gepflanzt“, soufflierte ich, „oder war das die Zwergpflaume?“ „Mein Mann wollte ja damals immer Spalierbirnen“, berichtete Frau Wülstering, „aber der Platz zwischen den Hecken und der Hauswand – Sie kennen das doch auch, oder?“ Herr Breschke nickte. „Wir haben die Rasenkante um einen Meter nach innen versetzt, damit ich den Mäher da noch durchkriege. Der Nachbar hat sich zwar beschwert, aber da kennen Sie mich schlecht!“ Die Sache lief.

„Noch ein Tässchen?“ Die Ältere der beiden Jüngeren schwenkte ihre Kanne, doch ich hatte erst wenig von der hellschwarzen Plörre verdunsten lassen. „Er ist gut in Form“, grinste sie. Tatsächlich führte Breschke gerade in einem großen Monolog aus, wie er dem Nachbarn einen ganzen Eimer Laub über die Hecke gekippt hatte. „Und das, obwohl er verheiratet ist.“ Die Damen lauschten gespannt. „Ich glaube“, meinte er nonchalant, „ein Stückchen Butterkuchen könnte ich noch vertragen.“ So gefiel er mir. Und dann packte mich Breschke plötzlich am Arm. „Holen Sie mich hier raus“, sagte er hastig, „stellen Sie sich vor, die besuchen mich zu Hause – furchtbar!“ Bismarck hopste gleichmütig von seinem Sessel. Gut, dachte er sich, dass bald Frauchen wieder nach Hause käme.





Heimatfront

29 09 2014

„Kein Problem, Sie können natürlich gerne als freiwilliger Helfer bei der humanitären Intervention dabei sein. Uniform wird gestellt und Mütze und Stiefel. Dann müssten Sie sich bloß noch ein Hotelzimmer vor Ort besorgen. Fliegen kann die Bundeswehr derzeit leider nicht.

Es ist kompliziert, verstehen Sie? Notfalls könnten Sie erstmal bis Bulgarien trampen, und dann sammelt Sie da jemand ein und bringt Sie in den Nordirak. Vermutlich die Dänen oder die Türken, so genau weiß das noch keiner. Wir sind ja alle hoch leistungsfähig, das hat sogar die Verteidigungsministerin nochmals explizit so gesagt. Damit wir uns immer daran erinnern, falls uns der Laden gerade um die Ohren fliegt.

Waffenschein haben Sie? Das ist gut, weil wir nämlich auf Hilfe zur Selbsthilfe setzen. Vielleicht bringen Sie Ihre eigenen illegalen Waffen mit, das heißt, für den Einsatz wären die dann natürlich nicht mehr illegal. Wir würden das schon irgendwie geregelt kriegen. Hauptsache, Sie nutzen die nur zur Selbstverteidigung. Das ist ab jetzt unsere Mission: in fremde Länder fahren, Bundeswehrstandorte in der Wüste errichten und uns gegen die Bevölkerung in den fremden Ländern verteidigen. Also uns selbst verteidigen. Wir sind ja eine Verteidigungsarmee. Angreifen können Sie mit dem Zeug eh keinen.

Wir mussten ja damals aus Kostengründen den Wehretat herunterschrauben. Die Bankenkrise war irgendwie gerade relevanter – naja, Krieg? Doch, war schon irgendwie Krieg, aber wenigstens war’s an der Heimatfront. Dafür haben wir dann auch die Ausgaben gekürzt. Wir haben keine Ersatzteile mehr angeschafft. Also fast keine mehr. Nur noch so altes Zeug, aufgearbeitet, obwohl’s nur noch zum Wegschmeißen war. Ursula von der Leyen zum Beispiel.

Wir würden Sie auch unterstützen, wenn Sie sich vor Ort selbst versorgen. Adressen vom Schwarzmarkt haben wir genug, und wenn Sie zusammenlegen, kriegen Sie sicher eine Haubitze und einen Kampfpanzer organisiert. Gute deutsche Ware, scheckheftgepflegt. Die Rebellen passen auf, dass die Sachen in Schuss sind. Bei denen können Sie auch sicher sein, dass man Ihnen da keinen billigen Amischeiß andreht, die haben Originalteile und sind richtig gut ausgebildet – deutsche Firmen, klar, wie bei den Peschmerga. Die sind so gut, die könnten eigentlich gleich bei uns im Heer anfangen.

Gucken Sie sich das an, 42 von den 109 Eurofightern sind sofort einsatzbereit. Gut, nicht sofort, aber irgendwann sind die einsatzbereit. Wir stehen in engem Kontakt mit der deutschen Diplomatie. Solange Steinmeier verhandelt, ist alles gut – der kriegt stündlich ein Update, ob wir gerade eher abwrack- oder abwehrbereit sind. Stündlich! Und für den Rest macht Mutti dann Telefondienst. Falls plötzlich Salafisten in Israel einmarschieren oder die Ukraine in Russland. Man steckt ja nicht drin.

Jetzt sehen Sie das mal positiv: seitdem Gauck weiß, dass die Armee nur noch aus Schrott besteht, kann der sich regelrecht mit der Verfassung anfreunden. Echt! Neulich hat er sogar gemeint, Angriffskriege nicht zu führen sei auch eine Art Freiheit, die Deutschland mal ausprobieren könnte. Der wird uns am Ende noch demokratisch!

Das ist doch das Gute, mit dem Schrott geht von deutschem Boden nie wieder ein Krieg aus. Oder haben Sie ernsthaft gedacht, wir kriegen den Mist irgendwie ins Ausland? Syrien? Afrika? Ukraine? Das Geraffel bricht Ihnen doch weg, wenn Sie das auf den Tieflader hieven wollen! Besser fürs deutsche Image kann’s doch gar nicht werden – das ist jedenfalls mal eine komplett neue Rolle des deutschen Militärs, wie sich das Gauck so in seinen feuchten Träumen vorgestellt hat. Gut, leider ist das grundgesetzkonform. Man kann nicht alles haben.

Oder denken Sie, der alte Zausel ist schon einen Schritt weiter? Die NATO befiehlt Aufrüstung, wir haben den ganzen Kram schon bestellt und sind innerhalb von sechs Wochen bereit wie nie zuvor? Wahrscheinlich haben diese Schlipsnazis von der AfD doch Recht: Deutschland darf nicht das Sozialamt der Welt werden. Immer nur Waffen exportieren, exportieren, exportieren, und dann haben wir selbst nichts zum Ballern, das geht nicht gut. Der Deutsche will nicht am Krieg in entfernten Ländern verdienen, der will nicht bloß Arbeitsplätze sichern. Der Deutsche will einmarschieren!

Seien Sie mal kreativ, im Fernsehen geht das doch auch immer! Neulich gerade erst, in dieser einen Sendung da, die haben fünfzig Freunde zusammengetrommelt – haben Sie nicht so viele Freunde? also wenn hier Sicherheitskonferenz ist, da kommt man einmal ins Foyer, da hat man aber sofort fünfhundert beste Freunde – und dann haben die ein ganzes Restaurant repariert, Wände gestrichen, Farbe haben die auch irgendwie umsonst gehabt, und plötzlich war der Backofen repariert, und dann haben die den Garten neu bepflanzt, naja, und alles in einer knappen halben Stunde. Rufen Sie doch mal ein paar Kollegen an, vielleicht hat da noch jemand einen Heli im Geräteschuppen. Oder eine Transall. Gerne auch gebraucht, wir nehmen auch Ersatzteile.

Dabei geht’s uns doch noch gut. Die macht doch nur das, was sie bisher auch gemacht hat. Wenn sie etwas technisch nicht kapiert, dann sondert sie zur Ablenkung irgendeinen verwaltungsrechtlichen Dünnpfiff ab, verkalkuliert sich, weiß alles besser, sagt den Fachleuten, dass sie keine Ahnung haben, und am Ende ist der schuld, der nicht genug Geld hat. Nur das Ministerium wechselt. Und jetzt stellen Sie sich mal vor, dieser Schmierlappen von und auf und zu Dings, der wäre noch im Amt. Na!?“





Äs wärd Doitsch gäsprochän

28 09 2014

Die an Narrenspossen nicht arme Rechtsprechung dringt in Bereiche vor, in denen das menschliche Gehirn bisher nicht besonders viel verloren hatte. Oberstaatsanwalt Hagemann (Berlin) bekämpft Wirtschaftskriminalität dergestalt, dass er jegliche Ermittlungen ablehnt, wenn mögliche Beweismittel in englischer oder spanischer Sprache vorliegen. Weil Gerichtssprache in der deutschen Hauptstadt Deutsch sei – oder das, was er als Berliner dafür hält. Gut, dass mal jemand Standards formuliert. Nicht auszudenken, lernten syrische Salafisten plötzlich Arabisch, um der Strafverfolgung zu entgehen. Falls sie mal ihre Unternehmensgewinne nicht versteuert haben sollten, diese Kapitalisten. Alle weiteren Hinweise auf Rechts-Schutz im Justizwesen wie immer in den Suchmaschinentreffern der vergangenen 14 Tage.

  • bartagame drehwurm krankheit: Lagern Sie das Tier nicht im Trockner.
  • fressmechanismus bei hasen: Angeblich haben sie sogar Zähne.
  • tundra freeze download abschiessen: Alternativ können Sie sich auch mit einer Papiertüte unkenntlich machen.
  • pilzerkrankung nase: Das kommt davon, wenn man sie überall reinsteckt.
  • salbe mit passiermühle: Probieren Sie es mit Kartoffelbrei als Grundlage.




In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (CCXI)

27 09 2014

Felipe erfand in Tepic
zum Karneval den Zaubertrick:
er lieh sich zehn Piepen
und ließ Hasen fiepen
aus seinem Hut. Welch ein Geschick.

Tumelo fand in Qacha’s Nek
im Rinnstein Papier – einen Scheck,
der reichlich befleckt war,
doch auch ungedeckt war.
Am Ende blieb ihm nurmehr Dreck.

Rolando strich in Tlaquepaque
im Sommer die ganze Baracke
in Silberlamé ein.
Das glänzte im Lichtschein,
und jeder weiß: der hat ’ne Macke.

Es fragt Amadou sich in Bla,
was seiner Schildkröte geschah.
Sie war schon seit Stunden
ganz heimlich verschwunden.
Dann sah er hin. Und sie war da.

Alberto buk in Jiutepec
in tiefem Schmalz fettes Gebäck.
Das Zeug war zwar greulich,
auch roch es abscheulich:
kaum war es gar, war es auch weg.

Melake sucht in Segheneyti
beim Umzug in Krethi und Plethi
in allem Geschlampe
nur die Nachttischlampe.
Er atmet auf. Dort unten steht sie.

Belinda spielt Lotto in Ures.
Auf Grund eines uralten Schwures
erhält nun der Bruder
den Schein. Dieses Luder
brennt durch. Lange her. Man erfuhr es.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCLIX): Gurus

26 09 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Mehr oder weniger die ganze Evolution basiert auf Nachahmung. Der Wurm krümmt sich, der Käfer dreht fleißig Pillen, der Fisch kommt bereits im Wasser zur Welt – praktischerweise, mag man sagen, wer würde ihm das Schwimmen beibringen. Mit der Steigerung der Intelligenz, genauer: der Bandbreite dessen, was eine Art als jeweils intelligent ansieht, wächst auch der Radius dessen, was derjenige Phänotyp noch als sinnvolles Handeln einstuft. Bei manchen mag regelmäßiges Nachtanzen des bürgerlichen Namens die Schwelle zum Hirnschmerz nicht überschreiten, bei anderen sind kollektiver Singsang, Teilnahme an nationalen Erweckungsmythen oder synchrones Lutschen von Globuli (unter Meditationsmusik) nicht umstritten. Sie sind glücklich, sie sind froh. Wo der Hominide intellektuell seinem Vorfahren über den Weg humpelt, da finden wir ein schönes Beispiel reiner Beknacktheit, wie sie nur selten getriggert wird durch grobe Reize. Der Beknackte macht alles nach, was sein Guru ihm gebietet. Aus welchem Grund auch immer.

Glücklich ohne Gluten, fleischlos fröhlich, jeden Tag einen Kilometer auf dem Einrad durchs Eiswasser. Nur so ist diese beschissene Existenz überhaupt einer Erwähnung wert, wenn Swami Rømpømpøm uns die Seligkeit vortrommelt. Wir haben bedingungslos zu folgen, sonst wird’s Essig mit dem Paradies auf diesseitiger Ackerkrume.

Nicht die großen Geister der Menschheit, Siddharta, Mahatma oder Madiba, üben ihren Einfluss auf die potenziell erwerbsfähige Menge der Konsumenten aus; es sind durchschnittliche Volksschulversager mit anderthalb Semestern Ökotrophologie und einem Wochenende Stilseminar im Hermine-Bumskötter-Institut für angewandtes Häkeln, die unserer gesellschaftlichen Mitte perfide in die Knie treten. Knochenaufbau dank Brötchenjonglage, mehr Durchblick dank Nachtschlaf im Liegen, Lohnsteuerjahresausgleich für Nebenerwerbsterroristen – alles geht, man muss es nur wollen. Unter den Steinen ploppt es hervor, Hirnprinzen und Dumpfschlümpfe, Hohlschwätzer allesamt, die aber wissen, wie man sofort die Hälfte des Körpergewichts verliert, im Schlaf Tennis lernt und seine Thrombose in die Tonne tritt. Je nach Vorleistung und Beklopptheit schafft der normale Depp es mit Orangenschale, Kniebeugen oder der Zauberformel des Osiris, die bis zur Zahlung von neunundvierzig Öcken geheim bleibt und hernach aus Orangenschale und Kniebeugen besteht. Die Gurus sind unter uns, und sie haben auf alles eine Antwort.

Vor allem erhellen die Methoden der Schwachstromerleuchter das denkende Publikum nur in Maßen. Wer zufällig weiß, dass der von den Massenmedien hochgespülte Getöseproduzent als Erbe eines Klobürstenkonzerns zwanzig Jahre lang Motorboot gefahren ist, bevor er in stillem Gebet die einzig wahre Technik erfuhr, Autolack von eingetrockneten Insekten zu befreien, der ordnet die Absonderungen der Hohlschwätzer ganz anders ein. Die wenigsten, die eine Flachzange zu kultischer Handlung in die Griffel nehmen, haben vorher damit gearbeitet; ihre verschwiemelten Ansichten über kardiovaskuläre Vorkommnisse, quanten- und ähnliche mechanische Zusammenhänge oder den baulichen Zustand von Nasszellen sind ähnlich belastbar. Allein das stört das Publikum nicht. Es ist dankbar für jede Verstörungstheorie, ahmt nach, turnt auf Anweisung und freut sich hübscher Anregungen, wie man sich schnell und schmerzfrei die Birne entkernt.

Langsam und leise driftet es ab in den allgemein akzeptierten Fetischismus, Laktose- und ähnliche Intoleranzen nicht mehr mit kassenärztlich erprobten Maßnahmen zu bekämpfen, sondern zu Heilseminaren zu pilgern, die zunächst dem Erkrankten die Schuld geben – er musste in dieser Inkarnation ja unbedingt mit einem Ekzem an den Start gehen – und dann die ganze Grütze auf seinem Rücken abladen. Leiden mit System und Spaß dabei verspricht die Methode; dreimal täglich handgerührtes Dingdong mit Trallala, dazu ein schamanisches Ruffduffduff, unbedingt Sonne und schlunzstängeliges Bocksfeuerkraut vermeiden, wenn man im Frühjahr wieder gesund werden will, und dann klappt’s auch mit den Nachfahren, die einen nach Depression, Mangelerkrankungen und Pickelbildung von der Klippe kippen wollen.

Gurus machen das Leben leicht und gut. Und wahrlich, Leicht- wie Gutgläubige haben einen Religionsersatz gefunden, wo die Popelpriester sich an vorgekauten Seelen austoben können, weil es keinen stört, wenn sie in geistigem Brachland holzen und bolzen. Wahrscheinlich ist der Vatikan selbst schuld, wenn er kein organisiertes Heilfasten mit Kardinal Klöbenspeck anbietet, inklusive Video, Blog, Buch, Wochenendkurs und lebensgroß gefertigtem Starschnitt für die Wohnküche. Die Identifikationsmuster lassen nach. Kein Wunder, wenn die Gesellschaft sich von innen zersetzt; kein Wunder, wenn ihr Kniebeugen und Orangenschale ausreichen, um den Krieg zu gewinnen. Auf der anderen Seite steht ja nicht mehr viel.





Zugzwang

25 09 2014

„… weitere Millionenverluste bei der Deutschen Bahn AG zu verhindern. Die Streichung von Nachtzügen sei betriebswirtschaftlich angebracht, um eine…“

„… sich besser auf die Zukunft vorzubereiten. Pofalla habe die BahnCard für beendet erklärt und den kommenden Winterfahrplan als eine abolut alternativlose…“

„… sei zu erwarten gewesen. Die Bahn habe den Nachtzugverkehr durch massive Werbung populär gemacht, eine jetzige Abschaffung sei nur die logische Folge aus der Restrukturierung des…“

„… eine Verbesserung der Verkehrsqualität zu erwarten sei. Im Gepäcknetz vergessene Kleidungsstücke würden heute schon die Freude am Zugverkehr merklich schmälern, der komplette Ausbau von Gepäcknetzen in sämtlichen Zügen sei daher eine Steigerung um…“

„… den Autoreisezug als umweltpolitisch völlig falsches Ziel verstehe. Das Zusatzgewicht der Kraftwagen führe zur einer Mehrbelastung der Waggons, die einen starken Abgasausstoß…“

„… wolle man auf gar keinen Fall die Zugfrequenz um die Hälfte ausdünnen, da dies bei einem Transportmittel zu beträchtlichen Verlusten an Fahrgästen führen könnte. Dass die Anzahl der Waggons halbiert werde, erfolge dagegen nur aus wirtschaftlichen…“

„… habe sich das Unternehmen die Entscheidung nicht leicht gemacht. Gerade weil die Nachtzüge im Regelfall gut ausgelastet seien, bedaure man den Schritt, der weitere…“

„… man sich von den Autoreisezügen auch aus Gründen der Imagepflege verabschieden müsse. Man nähme sonst billigend in Kauf, dass Reisende auf den Transport eines Passagierfliegers bestehen oder ihre Fahrräder mit in den…“

„… ergebe sich aus unterschiedlichen technischen Schwierigkeiten. Die Bahn könne nicht ständig mit Zügen fahren, deren Gewicht durch Fahrgäste künstlich erhöht werde, so dass erhebliche Mengen an zusätzlicher Energie in…“

„… vor allem saisonale Probleme. Der Vorstand habe die posttraumatische Belastungsstörung, die winterliche Schneefälle und Sommertage mit Außentemperaturen oberhalb des Gefrierpunktes verursacht hätten, noch nicht ganz verarbeitet, müsse sich aber dem nächsten Schock stellen und Personen, die aus privaten Gründen wie Urlaub oder Verwandtenbesuchen Reisezüge benützten, als eine tatsächliche Gefahr für die…“

„… die Bordbistros zu streichen, um die Zuglaufzeiten zu optimieren. Vor allem Fahrgäste, die in den Restaurants große Portionen konsumierten, würden zusätzliche Transportlast…“

„… ergebe sich die Notwendigkeit, Nachtzüge zu streichen, nicht nur aus den ins Unermessliche steigenden Personalkosten für Lokführer und Zugbegleiter, sondern auch aus den immens hohen Stromkosten, die durch zusätzliche Beleuchtung…“

„… den Liegewagen abzuschaffen, da die horizontale Position der Fahrgäste im Gegensatz zu früheren Vermutungen keinen höheren cw-Wert der Reisezüge…“

„… sich um eine gezielte Ausdünnung handeln werde. Der Bahn-Vorstand erhalte anders als in den internen Papieren dargestellt sein bisheriges Streckennetz, doch würden kleinere Städte wie Erfurt und Paderborn nicht mehr…“

„… die Reisedauer viel zu stark ausgeweitet werde. Die Bahn könne nur noch kostendeckend arbeiten, wenn die Fahrgäste ihre Fahrten in konzerneigenen Hotels unterbrechen würden, die die Mehrkosten eines Nachtzugs…“

„… die Vereinheitlichung des Pendelverkehrs zu einer einfacheren Preisstruktur führen könne. Zwar sei bisher nur die Verbindung Hamburg – München geplant, eine Ausweitung von Pendelzügen auch im ICE-Bereich sei jedoch bis 2021…“

„… die Hotelunterbringung bereits im Preis pauschal enthalten sei, wenn eine mindestens zehn Kilometer lange Fahrt nach achtzehn Uhr…“

„… nicht rechtlich geklärt sei, ob die Deutsche Bahn AG neben ihren Aufgaben als Aktiengesellschaft in Vorbereitung des Börsengangs überhaupt verpflichtet sei, Fahrzeuge zum Transport von Personen bereitzuhalten. Dies setze das Unternehmen in erheblichem Maße unter Zugzwang, was die Verschlechterung der…“

„… und härter gegen Leistungsmissbrauch vorgehen. Die Bahn AG werde nun jeden Fahrgast vor Antritt einer Bahnreise fragen, ob dieser Zusatznutzen wie Sitzen im Zug oder Mitführen von Taschen und Koffern in Anspruch nehme, um das Unternehmen damit möglicherweise gezielt in den Ruin zu…“

„… werde die Hotelpauschale nun schon fällig, wenn die Fahrt nach zwölf Uhr…“

„… das Wegfallen der 1. Klasse erhebliche Kostensenkungen mit sich bringen werde. Man könne jedoch deren Fahrpreise beibehalten, um den Kunden einen hochwertigen Transport…“

„… nichts dagegen spreche, die Hotelpauschale (einheitliche Gruppengröße I für zehn Personen, Doppelzimmer, mindestens drei Übernachtungen) schon beim Betreten des Bahnhofsgeländes…“

„… eine bessere Auslastung garantiert sei. Da durch die Abschaffung der Sitzbänke auch deren Reinigung und Reparatur im Falle von Vandalismus oder Materialermüdung nicht zu Buche schlage, bleibe von der angekündigten Fahrpreiserhöhung ein wesentlich höherer Prozentsatz…“

„… dadurch zu kompensieren, dass die Bahn AG aus Gründen der Effizienz nur noch bergab…“

„… werde bis zur Fertigstellung noch einige Jahre in Anspruch nehmen. Zwar könne mit dem geplanten Stuttgarter Tiefbahnhof ein erstes Teilstück in Betrieb gesetzt werden, den gesamten Bahnverkehr aus aerodynamischen Gründen unter Tage zu bringen sei jedoch noch nicht ganz…“

„… dass die Bahn nicht mehr wirtschaftlich fahren könne, da ihr durch noch nicht genau analysierte Umstände in den letzten Monaten immer weniger zahlende Fahrgäste…“





Markenkern

24 09 2014

„Meine Güte, es ist doch zum Schreien!“ „Lassen Sie sich nicht stören. Suchen Sie da etwas Bestimmtes?“ „Hören Sie doch auf, Sie stecken doch mit denen unter einer Decke!“ „Ich würde das nicht direkt abstreiten, ich wüsste nur gerne, worum es eigentlich geht.“ „Ich finde ihn nicht. Ich finde das verdammte Scheißding nicht!“ „Haben Sie Ihren Autoschlüssel verloren? Ihre Unschuld? Den Lottoschein?“ „Nein, den Markenkern der CDU!“

„Nehmen Sie’s locker, die Merkel weiß doch auch nicht mehr, wie das Teil aussieht.“ „Das ist doch der Punkt. Ich darf mir hier die Beschwerden von der untersten Parteiebene reinziehen, die wissen alle nicht mehr, was eigentlich der Markenkern der CDU ist, aber wenn ich denen sage, sie sollen halt auf die Kanzlerin hören, dann kann ich froh sein, wenn nicht die Hälfte der Besucher am selben Abend direkt austritt.“ „Oha!“ „Die wollen von mir wissen, warum sie in der CDU sind!?“ „Warum sind Sie denn in der CDU?“ „Weil dieser Laden mir das Gehalt zahlt.“ „Das käme ja an der Parteibasis nur so semidufte an, verstehe.“

„Aber mal ganz ehrlich, warum wollen die den Markenkern der CDU erfahren?“ „Eine Partei mit echter Perspektive auf die Zukunft? eine, die wirklich aus der DDR gelernt hat und erst recht aus dem Turbokapitalismus?“ „Ja,warum?“ „Eine Partei mit Gleichberechtigung und Nachhaltigkeit und sozialer Gerechtigkeit und ganz viel spirituellem Überbau?“ „Das sind wir?“ „Nein, das ist die KPD. Schaffen Sie sich einen Markenkern an, dann müssen Sie nicht immer dieses Abgrenzungsgedöns hochwürgen.“ „Wollen wir doch gar nicht!“ „Und genau da fängt Ihr Problem an.“

„Haben wir denn einen Markenkern?“ „Momentan ja.“ „Na, dann ist ja alles…“ „Leider ist es gerade der sozialdemokratische.“ „Und die SPD?“ „Hat sich gerade den von den Grünen geborgt.“ „Die haben keinen mehr?“ „Sie wollten den von Kohl.“ „Ach.“ „Und der war dann schon weg, also haben sie den von der FDP genommen, oder eher: was davon noch übrig war.“ „Und die FDP?“ „Wozu braucht die einen Markenkern?“

„Wo kriegen wir denn jetzt einen Markenkern her?“ „Was fragen Sie mich? Ihre Kanzlerin ist doch mal sozialliberal und mal reaktionär und mal realsozialistisch. Die muss doch schließlich wissen, wie’s geht.“ „Was soll das denn werden? Immerhin haben wir einen hervorragenden Wert für die CDU, die weit oberhalb der sozialdemokratischen…“ „Sie haben vierzig Prozent, das ist ungefähr so viel, wie eine Opposition zum Ignorieren benötigt.“ „Und die SPD?“ „Ist nicht mal Opposition.“ „Aber die haben doch auch bald so viel wie die FDP vor ein paar Jahren.“ „Kein Wunder, die haben halt keinen Markenkern mehr.“

„Schauen Sie mal, wir haben doch die Kompetenz in Sachen Wirtschaft.“ „Das war die FDP, und das war entweder keine Wirtschaft oder keine Kompetenz.“ „Und wir haben die Bildung wesentlich…“ „… abgeschafft, stimmt. Das ist ein hübscher Schritt in Richtung Kernkompetenz, hat aber noch nicht viel mit der Marke zu tun.“ „Und die Abschaffung der Wehrpflicht?“ „Das war Markenkern.“ „Klasse!“ „Zerstörung des Markenkern, um’s genau zu sagen.“ „Und Mindestlohn?“ „Das war auch Markenkern.“ „Ja, ja, ja. Markenkern der SPD, wenn Sie’s genau sagen wollen.“ „Quatsch, das ist Markenkern der Linken. Wenn die SPD sich etwas ins Wahlprogramm schreibt, kann man doch davon ausgehen, dass sie es um jeden Preis verhindern will.“

„Was sollen wir denn machen? die Bürgerinnen und Bürger sind doch so anders geworden.“ „Das ist nur ein Problem. Das zweite ist, Sie haben es erst jetzt gemerkt.“ „Ach so.“ „Und das dritte: es ist Ihnen eigentlich auch egal.“ „Aber wir sind doch sehr für Klimaschutz und den Atomausstieg!“ „Aber Sie sind auch dafür, dass keine Windräder in Omi Müllers Vorgarten kommen, weil das fast so schlimm wäre wie ein Minarett.“ „Aber…“ „Aber wenn da nebenan ein Deutscher mit türkischem Vornamen einziehen würde, wäre das auch nicht schlimm, es sei denn, er würde sich nicht integrieren wollen, weil er schon seit seiner Geburt einen deutschen Pass hat.“ „Aber das…“ „Ich weiß, man kann das nicht vergleichen. Muss man aber.“

„Wie sollen wir uns denn jetzt ausrichten? Wir können doch nicht immer wieder das mit den Vertriebenen machen.“ „Muss ja auch nicht.“ „Also doch wieder nur freie Marktwirtschaft?“ „Warum so negativ?“ „Also, was machen wir jetzt?“ „Wissen Sie was? machen Sie es paradox.“ „Paradox?“ „Zeigen Sie den Leuten, dass Sie nur einen leeren Hut haben, das erhöht die Spannung und verstärkt das Zutrauen in eine positive Erwartungshaltung.“ „Wie soll das denn funktionieren?“ „Zeigen Sie den Leuten, dass Sie genau das nicht haben, worauf es ankommt, und dann werden sie Ihnen alles abkaufen.“ „Warum das denn?“ „Weil es nur besser werden kann.“ „Was zeige ich denen denn? Was haben wir denn?“ „Merkel.“








Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 5.362 Followern an