Gernulf Olzheimer kommentiert (CCLXIV): Krisenkulte

31 10 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

So war es wohl mit Uga, und Rrt war auch dabei. Das Korn wuchs nicht, der Fisch schwamm zwar noch, aber größtenteils mit dem Bauch nach oben, und das Wetter war beschissen. Hr-t’i, die kleine Dicke mit der Warze, hatte ihren Job als Sonnenpriesterin gründlich verfehlt; die hastig ausgedachte Dämonologie, die die Gemeinde bei der Stange halten und den Nachschub an Opfergaben sichern sollte, war für die Tonne, und die Versuche, einen rächenden Wolf für die rebellierende Meute zu instrumentalisieren – der über Jahre als Antipode eingeführte Mondwolf, der in der Abenddämmerung die Sonnenscheibe verschlingt und sie am nächsten Morgen wieder hochkotzt – blieben so erfolglos, als hätte der HSV die Meisterschaft im Moostreten gegen die anderen Dinos versucht. Nichts von Zivilisation war zu sehen, doch das hinderte die Höhlenbewohner nicht, die bewarzte Pfäffin einfach links liegen zu lassen, um sich flugs einen Götzen zu gießen, das bronzene Kalb, das blöd in die Gegend glotzte und zum Humbahumba der Devoten mit Pauken samt Schalmei genau das zu tun, was Druckgussgötter werktags zu machen pflegen: nichts. Das war auch Mist, aber spurenweise ehrlich, entlastete die Psyche der Troglodyten und führte zum durchaus zukunftsfähigen Modell einer Religion neuen Typus. Geboren ward der Krisenkult.

Wann immer der Zustand, der sich irgendwann auch gegen größere Mengen an Alkaloiden durchsetzt und grausam die Wunden berührt – im Fachhandel als Realität erhältlich – wieder die Oberhand behält, zeigt sich die Tragfähigkeit institutionalisierter Stereotype, die metaphysische und magische Vorstellungen einer Gesellschaft zu Ritual und Wille gegossen haben, vielmehr: sie zeigt sich eben nicht. Das irdische Paradies findet nicht statt, die Konfrontation mit der verdrängten Furcht beflügelt wirre Vorstellungswelten, die sich durch allerhand Öffnungen ans Tageslicht helfen. Das säkulare Verlangen, den alltäglichen Tinneff von der Backe zu kriegen, gebiert im Sekundenschlaf der Vernunft seltsame Systeme. Für eine Religion wundert das nicht, wohl aber bei einer Spannungsintervention.

Denn wo sich der Hominide ansonsten kühl und planmäßig verhielte, schaltet er nun um auf weißes Rauschen. Schmeißen die Amerikaner hübsche Sachen vom Himmel, Konserven und Klamotten, so schnitzen sich die Melanesier nach deren Abzug Klötzchen zu Kopfhörern und Dachlatten zu Flugzeugen, locken mit Motorenbrummsimulation imaginäre Flugzeuge herbei, basteln lebensgroße Landebahnen als Tempelanlage und wundern sich, dass außer Vögeln nichts aus der Stratosphäre kippt. Die nativen Amerikaner selbst locken mit Gleisen und Büffelgestampf die Ahnen herbei, die pünktlich mit dem Zehn-Uhr-Zug kommen sollen. Im amazonischen Urwald drechseln sich die Experten Ghettoblaster im Maßstab 1:1, weil sie den Geist der kapitalistischen Rasse und seine angeblich zur Transzendenz fähigen Manen darin blubbern zu hören glaubten. Der geneigte Strukturalist ahnt es leise, alles völlig verseift.

Nicht wenige Brauchtumsvereine der organisierten Hirnendablagerung schwiemeln ihr Geschäftsmodell auf subtil bis plump geschürter Panik, dass der für die kommende Kalenderwoche angekündigte Weltuntergang je nach Wetterlage eventuell doch schon drei Tage früher kommen könnte – oder auch nicht, wen interessiert’s. Sie machen aus der Not ihrer Klientel eine Sekundärtugend, meistens eine, die mit viel Barem, Gutem, Schönem zu tun hat, das man dafür anschaffen kann. Die eschatologischen Kulte sprechen jeder Logik Hohn, vor allem ihrer eigenen. Wenigstens nehmen sie eine gründliche Entrückung für sich in Anspruch, Zombies auf Speed, Kurzstreckendenker wie das intellektuelle Geröll, das ihnen folgt.

Doch das Muster bleibt produktiv. Auch die jähzornige Anrufung der Ersatzgottheiten, Arbeit, Wachstum, Buchgeld, um sich gegen die letzten Reste von Wirklichkeit zu immunisieren, wie man im Dunkeln pfeift, damit dem Teufel die Ohren abfallen, auch dies ist hysterisches Gebet aus reiner Aussichtslosigkeit. Man erfindet neue Schemen und Schablonen, Symptome der Beknacktheit, wie sie das anberaumte Armageddon mit etwas Glück an den Rand definieren, um ein Quartal verzögern oder dem anderen Stamm in die Schuhe schieben, den eigentlich Schuldigen, weil die kleinere Ohren haben oder die falsche Muttersprache oder einen Kaiser oder keinen oder zwei. Nichts wirkt. Wie auch. Denn der Kult ist nur intellektuelles Glutamat und die zum Scheitern verurteilte Gewissheit, dass man durch ostentatives Geplärr Dinge wieder zum Leben erweckt – Bisonherden, Vollbeschäftigung – die längst im Stadium fortgeschrittener Verwesung sind. Zwar erst ganz zuletzt, aber: sie stirbt, die Hoffnung, und mit ihr der letzte Funke Zuversicht, dieser Scheiße heil zu entrinnen. Die kleine Dicke mit der Warze wäre heute Kanzlerin. Auch nur eine Messiasmarionette. Und der Marsch ins Verderben hätte nicht amüsanter sein können.





Social Freezing

30 10 2014

„Suuuper Idee! ganz tolle Sache, das ist mindestens an die, ach was: noch mehr ist das wert – suuuper, das versetzt den Vorstand in Ekstase, und dann das Controlling erst! Die sind ja für Abbau immer zu haben. Sonst würden sie nicht immer diese Hirnschlagopfer bei uns entsorgen.

Das ist natürlich eine geniale Sache, so eine Zeitschrift so ganz ohne verwertbare Inhalte. Das ist echt voll total Kultur und so: nichts reinstecken, aber alles rausholen. Finde ich echt suuuper, das. Und wenn wir das jetzt noch durch alle Bereiche durchdeklinieren, dann kann man das echt zum Modellfall machen. Ist doch das, das liegt ja wohl voll total auf der Hand: keine Redakteure mehr, dann hat man keine Personalkosten mehr, und dann hat man auch nie wieder Personalprobleme! Das ist so voll suuuper, das wird viel besser als erwartet!

Ach so. Gut, wir hatten das schon bedacht. Der eine da, dieser Typ aus dem, nee, nicht aus dem Controlling, der hatte einen Schulabschluss. War wohl ein Praktikant. Der meinte dann so, wenn wir alle Redakteure rauswerfen, haben wir auch keine Redaktion mehr. Haben wir natürlich als linke Hetzpropaganda von Gewerkschaftstypen abgetan. Aber irgendwie müssen wir das transparent machen. Falls die Aktionäre kritische Fragen stellen, muss man doch vorbereitet sein.

Wir haben die Lösung, aber sie ist viel einfacher als erwartet – sage ich jetzt nur, weil das der Vorstand bei solchen Sachen auch immer sagt: wir kaufen die Texte einfach. Ist doch suuuper, was? Finde ich jedenfalls. Finden wir alle. Und das wird voll der Gewinn, weil: wenn man die Texte kauft, dann bestimmt der Markt den Preis! Das doch so suuuper, das ist schon echt voll total suuuper, oder? Oder!?

Das wagen die nicht. Das würden die echt nicht wagen, auf einmal alle arbeitslos zu sein. Ich meine, soziale Verantwortung, das ist keine Einbahnstraße. Nur weil wir diese Arschlöcher alle auf die Straße setzen, werden die doch nicht plötzlich arbeitslos. Das wagen die doch nicht! Ich meine, es gibt doch für alles einen Markt – aber doch nicht für Arbeiter, oder? Die können doch nicht alle arbeitslos sein und dann plötzlich ins Callcenter gehen oder zu Schlecker. Geld ist doch nicht alles im Leben, das müssen die doch wissen!

Wir haben ja schon mal geguckt, aber wo dieser Internet-Oettinger die wieder heißmacht mit dem Urheberrecht, wir werden uns die Texte echt irgendwie besorgen müssen. Schülerpraktika? Kann man machen. Da müssten wir die Rechtsabteilung fragen. Die wird nicht gekündigt, keine Angst. Ohne die wären wir echt aufgeschmissen!

Klar, wir wollen die Vielfalt und Kreativität des modernen Lifestyles irgendwie auch widerspiegeln, und das möglichst auch in medialen Inhalten. Aber das sagt ja noch nichts über die Produktion, da sind wir im Prinzip ja erstmal ohne Vorgaben, oder? Gut, die erwartete Umsatzsteigerung sollten wir nicht unbedingt um fünfzig Prozent unterschreiten, aber das kriegen wir schon hin. Mehr als vierzig, oder sagen wir mal: fünfundvierzig werden es nicht. Vorerst.

Aber suuuper, das machen wir doch sofort! Das mit den Leserreportern ist natürlich eine suuuper Idee, das greifen wir bei uns doch sofort auf! Was die reportieren sollen? Mir doch wumpe, Hauptsache ist doch: kostenlos! Es kostet nichts, das ist der Punkt!

Vielleicht mal eine Kooperation mit so einem Rezeptblog. Beauty. Was die moderne, emanzipierte Frau heute so interessiert. Schminken, Kochen, Schuhe, Kinder. Was man ohne große Aufbereitung halt so hinkriegt, damit es schon jetzt so aussieht wie der Qualitätsjournalismus von morgen.

Aber dafür wird ja die Führungsebene unseres Magazins aufgestockt! Ist das nicht eine Nachricht? Suuuper! Wir schaffen Topjobs im Mediensektor, und damit das klar ist: es liegt nicht am Geld, denn was diese paar Tussen da in der Redaktion nicht mehr reingesteckt kriegen, das reicht doch noch lange nicht, um die Spitzenmanager zu bezahlen, die ab sofort unser Magazin ganz nach vorn in den Auflagenzahlen der – Quote? Sind Sie noch ganz frisch in der Birne!? Wir holen uns doch keine Frauen in die Chefetage, was sollen wir denn mit denen anfangen? Social Freezing? so viele Eier kann man ja gar nicht einfrieren, und am Ende kommt noch eine von den Muttis auf die Idee und adoptiert am Arbeitsvertrag vorbei so ein afrikanisches Baby! Da kriege ich doch die Krätze!

Das ist unerlässlich – wir sind schließlich eine deutsche Zeitschrift. Auf einen Schreiber kommen dann zahlenmäßig zweieinhalb Vorstände. Damit wir eine gute Work-Life-Balance haben. Falls sich einer von denen um die Schreiber kümmern will. Wir sind ja jetzt bei Bertelsmann so sozial, wir stellen das so lange frei, bis wir aus Versehen eine Stiftung dafür gegründet haben. Die kümmert sich dann darum, dass die Honorare der Schreiber kontinuierlich minimiert werden, damit mehr von den Schreibern von ihrem steigenden Einkommen leben können. Suuuper Sache, aber das wollte ich Ihnen eigentlich noch gar nicht… –

Ich!? Aber ich bin doch seit fast zwanzig Jahren bei Ihnen… Sie können mich nicht einfach… Das glaube ich jetzt nicht! Nur, weil ich damals freiwillig die Leitung für das Online-Ressort übernommen habe, wollen Sie mich…“





Der Kommissar

29 10 2014

„… ein EU-weites Gesetz durchsetzen wolle, mit dem die Urheberrechte im Internet…“

„… keine technischen Schwierigkeiten zu erwarten seien. Oettinger habe darauf hingewiesen, dass der Luftraum der EU ja auch exakt an den Grenzen der EU aufhöre, was definitiv rechtssicher und absolut millimetergenau zu überwachen…“

„… dass möglicherweise von Italienern erstellte Internetinhalte, die Nichtitaliener abrufen können, ordnungsgemäß vergütet würden. Die EU-Kommission wolle diese Schutzlücke alsbald…“

„… eine deutsche Suchmaschine erfinden solle, die nur auf Inhalte des deutschen Internets…“

„… speziell zwei Gesetze zu schaffen, die testweise italienische Internetinhalte urheberrechtlich schützen könnten, wenn sie a) von Dänen und b) von Bulgaren abgerufen würden, so dass es für italienische Internetinhalte nur noch zwei rechtssichere Regelungen…“

„… nicht kontrollieren könne, ob deutsche E-Mails im deutschen Internet an deutsche Empfänger gesandt würden, die zwar im deutschen Internet ihre E-Mails abriefen, tatsächlich aber Ausländer und teilweise aus Drittstaaten…“

„… werde die EU der Idee Oettingers von einem geistigen Binnenmarkt folgen und im Regierungsbezirk Arnsberg zugelassene Patente ausschließlich für den Regierungsbezirk Arnsberg…“

„… müsse eine Suchmaschine zwar nicht genau wissen, ob ein deutschsprachiger Inhalt von einem in Deutschland lebenden Deutschen, einem Schweizer in Österreich, einem Österreicher in…“

„… dadurch schwieriger würde, dass italienische Internetinhalte möglicherweise im nichtitalienischen Internet von Bulgaren oder Dänen…“

„… das Abrufen deutscher E-Mails zuvor mit einem Post-Ident-Verfahren zu verifizieren, das den Empfang der Daten binnen drei, höchstens zehn Werktagen…“

„… das Suchgebiet des deutschen Algorithmus einfach analog zu den Grenzen der Lufträume an den Steckverbindungen der Kabel, die an den Grenzen zwischen Deutschland und Österreich, Österreich und der Schweiz, der Schweiz und Luxemburg, Deutschland und…“

„… zusätzliche Gefahren für das nichtitalienische Internet, das außerhalb von Italien unter Umständen von Nichtitalienern mit nicht eindeutig italienischen Inhalten in…“

„… auch Wettbewerbsnachteile nach sich ziehen würde. Daher habe die EU-Kommission angeregt, den Versand von Briefen mit mindestens zehn, von Postkarten mit mindestens zwanzig, höchstens fünfzig Werktagen…“

„… stehe auch die Möglichkeit im Raum, internationale Konzerne zu verbieten, die Internetverbindungen zwischen den einzelnen EU-Staaten ohne Genehmigung des…“

„… ein gesetzlich verpflichtender Hinweis, dass es sich um nichtitalienische Inhalte handele, vor allem bei von spanischen Rechteinhabern in Malta für estnische Nutzer erstellte…“

„… sich Oettinger rasch von dem Attentat erholt habe. Die magentafarbene Tätowierung T-ODGEWEIHT auf seiner Stirn sei zwar noch gewöhnungsbedürftig, doch könne man sich…“

„… sobald französische Nichtitaliener ungarische Internetinhalte in einem spanischen Internet für Ungarn, Spanier oder nichtitalienische Franzosen…“

„… dass afrikanische Internet zu sperren, um Raubflüchtlingskopieneinwanderung zu unterbinden. Der Digitalkommissar habe zunächst vorgeschlagen, eine nach Nichtitalien führende Leitung zu suchen und den Stecker bei Lampedusa zu…“

„… zusätzlich erschwert, dass das deutsch-französische Programm auch spanisch-dänische Koproduktionen zeige, die von nichtitalienischen Nutzern im italienischen…“

„… die Ausstrahlung des deutschen Internets begrenzen müsse. Dies sei auch dem Westfernsehen gelungen, weshalb die DDR vierzig Jahre lang ohne jeden Kontakt zur Realität…“

„… nicht rechtlich geklärt sei, ob nichtspanische Nichtitaliener, die nichtitalienische Zugangsprovider zum Zugriff auf nichtitalienische Internetinhalt im nichtitalienischen Internet in Nichtitalien – desgleichen nichtportugiesische Nichtitaliener, die nichtitalienische Zugangsprovider zum Zugriff auf nichtitalienische Internetinhalt im nichtitalienischen…“

„… könne auch durch einen hohen Maschendrahtzaun verhindert werden. Daneben schlage der Ausschuss für Fischereiwirtschaft vor, die Datenübertragung durch Hupkonzerte, evangelische Gebete und…“

„… seien gerade Internetinhalte aus italienischen Quellen für nichtitalienische Nutzer im Nicht-Italien-Netz, das noch immer wettbewerbswidrig von nichtitalienischen Providern beherrscht werde, obwohl die nichtitalienischen Inhalte auf nichtitalienischen Seiten den Nichtitalienern nicht von italienischen Webhostern zur Verfügung gestellt…“

„… sich Oettinger mit einem Gesetzesvorstoß für das totale Internetverbot innerhalb der Grenzen der Europäischen Union einsetzen wolle. Die Kanzlerin habe ihrem ehemaligen Minister bereits das uneingeschränkte Vertrauen…“





Jeder gegen jeden

28 10 2014

„Also keine Demos mehr gegen Salafisten?“ „Das hat doch keiner verlangt.“ „Aber hier steht doch ganz klar, dass keine Demonstration von…“ „Lesen Sie doch bitte mal genauer.“ „… gewaltbereiten Hooligans gegen Salafisten zugelassen werden sollte?“ „Eben. Extremisten gegen Extremisten, das geht gar nicht.“

„Wenn jetzt also die Salafisten selbst eine Demonstration anmelden…“ „Kein Problem, solange sie noch nicht verboten sind.“ „… und dann beispielsweise gegen Dieter Nuhr…“ „Finden Sie das nicht ein bisschen lächerlich?“ „… oder irgendeinen anderen prominenten Islamfeind eine Kundgebung abhalten, dann ist das auch weiterhin gestattet?“ „Sicher. Wir haben schließlich Versammlungsfreiheit.“ „Und da dürfen sich diese Salafisten rein theoretisch…“ „Sogar praktisch dürfen die das.“ „… friedlich und ohne Waffen…“ „Wenn sie sich daran halten, dann ja.“ „… versammeln und unter freiem Himmel…“ „Das unterliegt zwar einigen gesetzlichen Einschränkungen, aber generell ist auch dies erlaubt.“ „… demonstrieren, wogegen sie wollen?“ „Nein.“ „Wieso nicht?“ „Wenn Salafisten dagegen demonstrieren, dass in Deutschland immer noch das Grundgesetz gilt, dann dürfen sie es nicht. Wenn Nazis dagegen demonstrieren wollen, ist das auch nicht erlaubt.“ „Moment, warum tun sie es dann immer wieder?“ „Sie sagen es vorher halt nicht so deutlich. Außerdem müssen Sie bedenken, wenn die erst mal am Demonstrieren sind, da kann man dann meistens nicht mehr viel machen.“ „Also wenn die schon einen Polizeibus umgeschmissen haben?“ „Da können Sie beten oder Helene Fischer dudeln. Wahrscheinlich ist Beten sogar sinnvoller.“

„Aber wenn jetzt ganz normale Bürger…“ „Was bezeichnen Sie denn als ganz normale Bürger?“ „Naja, die damals gegen den Stuttgarter Bahnhof demonstriert haben, das waren doch ganz normale Leute.“ „Und warum ist es dann zu solchen Eskalationen gekommen?“ „Keine Ahnung.“ „Weil eine Seite sich halt extremistisch verhalten hat.“ „Ja, das würde ich auch so sehen.“

„Dann haben Sie das Prinzip jetzt verstanden?“ „Es darf nur maximal eine Seite extremistisch sein, ansonsten wird die Versammlung gleich im Vorweg verboten.“ „Richtig.“ „Und wenn die Linken…“ „Meine Güte, Sie können einem ja den letzten Nerv rauben!“ „… jetzt gegen die Salafisten…“ „Dann ist eine Seite extremistisch, fertig, aus.“ „Eben haben Sie doch noch gesagt, wenn die Salafisten ganz friedlich demonstrieren…“ „Sie haben das gesagt, nicht ich!“ „… dann ist das alles kein Problem und sie…“ „Das glauben Sie doch selber nicht!“ „… verhalten sich verfassungskonform.“ „Ich bitte Sie, das ist doch Kokolores – Salafisten und friedlich demonstrieren? Wer hat Ihnen denn das Märchen erzählt? Haben Sie wohl in Tausendundeiner Nacht gelesen, was?“ „Das sind doch gar nicht die Salafisten, die da demonstrieren, das sind doch die Linken.“ „Da haben wir’s doch: Linke. Die sollen ja ab und zu auch schon mal antisemitische Töne angeschlagen haben.“ „Das hat doch mit den Salafisten nichts zu tun.“ „Wer solche Parolen haben könnte, der hat auch noch ganz andere, merken Sie sich das!“

„In dem Fall sind doch aber die Salafisten gar nicht…“ „Die haben hier gar nichts zu melden, merken Sie sich das!“ „… in der aktiven Rolle, weil die Linken demonstrieren.“ „Ja und? Stellen Sie sich mal vor, Sie sind ein Ausländer.“ „Hm, ja. Okay.“ „Und da marschiert so ein Trupp Nazis auf, so richtig übles Schlägerpack, dumme Arschlöcher, die am liebsten ihren Hitler sofort zurückhaben wollten.“ „Und?“ „Erzählen Sie mir doch nichts, da würden Sie sich in Nullkommanichts radikalisieren, oder? Oder!?“

„Dann haben wir die potenzielle Extremisierung als Versammlungshindernis verfassungsrechtlich abgesichert?“ „Keine Ahnung, aber für die Polizei wäre das eine enorme Arbeitserleichterung, und für die Innenministerien auch.“ „Und die Gerichte?“ „Ach so, ja. Fragen Sie das mal, wenn die gerade Zeit haben.“

„Irgendwie bin ich mir trotzdem gerade nicht ganz sicher.“ „Was die verfassungsrechtlichen Gründe angeht?“ „Nein, die finden sich schon. Ist doch immer so.“ „Und was ist es dann?“ „Wenn jetzt diese Hooligans nicht mehr als gewaltbereite Fußballfans auftreten, sondern wieder ganz normal als Nazis, wie ist das denn dann?“ „Wie immer halt, eine Einzelfallentscheidung.“ „Aber das kann doch nicht sein, wenn die jetzt beispielsweise gegen die Linken…“ „Dann ist doch alles klar.“ „Weil die Nazis immer extremistisch sind?“ „Weil bei den Linken immer Gewaltpotenzial vorhanden ist, wenn man sie als Nazi angreift. Deshalb sollte man die gar nicht mitlaufen lassen. Denken Sie doch mal an die innere Sicherheit, Mann!“

„Also ich versteh’s nicht.“ „Wir trainieren das jetzt mal.“ „Na gut.“ „Normale Bürger gegen Salafisten?“ „Erlaubt.“ „Richtig! Salafisten gegen evangelikale Fundamentalisten?“ „Verboten.“ „Auch richtig! Und warum?“ „Religiöse Fanatiker, die das Grundgesetz abschaffen wollen.“ „Stimmt, und die Salafisten dürfen gegen die nicht demonstrieren.“ „Langsam habe ich es kapiert.“ „Linke gegen Bauvorhaben?“ „Hm, wird erst erlaubt und dann zusammengeknüppelt?“ „Eine Möglichkeit, kann man aber genauso gut verbieten. Salafisten gegen de Maizière.“ „Erlaubt.“ „Verdammt noch mal, hören Sie doch mal zu! Extremisten nur auf einer Seite, wann lernen Sie das endlich!?“





Grüße von Morpheus

27 10 2014

„Meine Frau hält es einfach nicht mehr aus, und da wäre eine neue doch für alle die beste Lösung.“ Er war fest entschlossen, hatte den ersten Schritt auch schon getan, und doch: ohne mich wollte er nicht mehr gehen. „Zweimal war ich im Matratzenladen“, seufzte Herr Breschke, „aber keinmal hat mich die Verkäuferin auch nur gefragt. Wie soll ich denn da die richtige Matratze finden?“

„Laut Prospekt müsste es Härtegrad 1 sein, weil es fürs Gästezimmer ist, aber meine Frau hat ja ein eigenes Bett, und ich habe bisher immer auf der Couch gelegen, die ist eben deutlich härter, und unsere Matratzen im Schlafzimmer sind auch recht weich, und deshalb – ach, ich weiß es doch auch nicht!“ Gemeinsam stapften wir die Platanenallee hinunter durch das feuchte Herbstlaub. „Wir wollen mal sehen“, besänftigte ich den Pensionär. Er regte sich zwar schnell auf, doch er beruhigte sich auch schnell wieder. Falls er sich nicht wieder aufregen musste. „Sprechen Sie mit ihr“, bat Breschke. „Die Mittagsruhe ist in Gefahr.“

Es handelte sich offiziell um ein Gästezimmer, das jedoch mangels Gästen nie seiner eigentlichen Bestimmung gemäß genutzt wurde – Breschkes Tochter, die als Übernachtungsgast vorgesehen war, wohnte eine knappe halbe Stunde Fußweg entfernt, so dass sie jederzeit ihre Eltern besuchen konnte, was sie zwar nicht tat, aber das machte diesen Raum nicht weniger überflüssig. Ein vor gut vierzig Jahren als annehmbar modern geltender Schrank sowie ein merklich verblichener Cocktailsessel mit gelblichem Kunststoffschonbezug komplettierten das Ensemble um das einfache Liegemöbel, das bis dato eine Auflage hatte, die nun jedoch aus reiner Materialübermüdung gefährliche Warnlaute von sich gab, sobald Frau Breschke sich daraufsetzte, um Blumentöpfe einen nach dem anderen abzustauben. Des Gatten nachmittägliche Pause vor der Gartenarbeit, die er inzwischen größtenteils schnarchend verbrachte – den Mittagsschlaf, nicht die Gartenarbeit – hatte den Ausschlag gegeben; der täglich einen mittelgroßen Fichtenwald sägende Schläfer musste weg, musste hinter verschlossene Türen, nur nicht auf die Wohnzimmercouch, wenn Frau Breschke Rosen der Liebe schaute oder mit ihren Bridgekameradinnen telefonierte. „Eine Viertelstunde Liegen“, klagte er, „und Sie können Ihre Schulter nicht mehr bewegen. Das ist furchtbar, wir brauchen unbedingt eine neue!“

Das Fachgeschäft war gut besucht, so dass wir eine Weile warten mussten. „Das ist sie“, flüsterte Breschke heiser und ging hinter meinem Rücken in Deckung. Eine junge Verkäuferin mit durchaus festem, elastischem Schritt kam auf uns zu. Sie musste gut ausgeschlafen sein. „Sie hatten sich bereits umgeschaut?“ „Nein“, gab ich höflich zurück, „aber wenn ich gewusst hätte, dass dies Ihre komplette Beratung ist, hätte ich es schon getan.“ Anscheinend war ich durchsichtig, denn die Blicke trafen eindeutig Herrn Breschke,der sich hinter mir wand. „Sie suchen also eine Matratze“, befand die Fachfrau. Ich nickte. „Ich würde Ihnen das Modell Schlummerlust empfehlen, Taschenfederkern mit atmungsaktiver Versteppung und waschbar und geeignet für Allergiker.“ „Das ist gut“, freute ich mich, „ich reagiere sehr heftig auf Kiwis und Blumenkohl.“ Sie war irritiert. „Ich bin Allergiker“, präzisierte ich, „und wenn ich das umgehen könnte, indem ich den Blumenkohl im Bett esse, wäre mir das auch recht.“ Sie verzog ihr Gesicht zu etwas, was einer Interpretation bedurfte und sich doch einer solchen hartnäckig zu verweigern schien. „Macht nicht“, tröstete ich sie, „die ist eh zu weich. Zeigen Sie mir mal eine aus dem härteren Sortiment.“

Das Produkt Süße Träume war zwar nur als Ausstellungsstück in Härtegrad Watte vorhanden, aber innerhalb einer Woche lieferbar. „Eine Mehrzonenmatratze mit Taschentonnenkern“, belehrte mich die Verkäuferin. Ich schaute auf das Schild. „Tonnentasche“, korrigierte ich, „und das wäre dann eine Matratze mit Tonnentaschenkern, der auf Zonen verteilt ist?“ Sie musste gerade eine Antwort gefunden haben, aber sie hatte nicht mit mir gerechnet. „Die da drüben hat sieben Zonen, ist das nicht ein bisschen viel? Ich meine, so eine Zeitzone dauert ja eine Stunde, und wenn man nur mal kurz mittags die Füße hochlegen will, Sie verstehen?“

Langsam verlor sie ein bisschen die Nerven, aber das machte nichts. Wenigstens nicht mir. „Bewegen Sie sich denn viel im Bett?“ Ich runzelte die Stirn. „Das hängt davon ab, was ich gerade mache.“ Die Verkäuferin schnappte zurück. „Wenn ich beispielsweise gerade Blumenkohl esse, kann es schon mal vorkommen, dass ich mich bewege.“ „Und Sie transpirieren auch stark?“ „Möchten Sie es ausprobieren? Ich hätte heute Abend noch Zeit.“ Sie suchte nach dem Matratzenkatalog, um den doppelt vergüteten Qualitätsfederkern mit mehrfach verstärkter Mittelzone zu finden, bekam aber nur die atmungsaktive Komfortkaltschaumliegestatt Duo Vital zu fassen. „Kaltschaum“, grübelte ich, „und dann im Winter – nein, das ist ja nichts.“ „Wo ist eigentlich Ihr Begleiter?“ Ich blickte um mich herum. Nichts. Sie fasste panisch einen der vorbeieilenden Kollegen am Ärmel. „Kunde“, japste sie, „Kunde weg! Wo? Kunde!“ „Ich habe ihn nicht“, ächzte der, entwand sich ihrem Griff und vergrub sich zwischen Kissen und Schaumstoffauflagen. „Wo ist er“, wimmerte sie, „wo?“ Da vernahm ich ein leises Schnaufen. „Hier entlang“, führte ich die Verkäuferin, und richtig lag dort, selig im Schlummer, Herr Breschke. „Modell Super Siesta“, keuchte sie. „Mit Komfortzonen für Schulter- und Beckenbereich.“ Ich nickte. „Sehr gute Wahl. Die nehmen wir.“





God’s Own Country

26 10 2014

Es reicht, an einer Schule mehrfarbige Schuhe zu tragen. Die US-amerikanische Polizei übt auch Minderjährigen gegenüber und bei lächerlichen Vergehen inzwischen eine rigide Politik von Verhaftung und Gewahrsam aus. Damit der Bürger gründlich lernt, dass er ein Stück Dreck ist, sind inzwischen ungefähr ein Drittel von ihnen beim Federal Bureau of Investigation aktenkundig. Man wird geboren und ist schuldig, oder wie die Theologie es nennt: Erbsünde. Es handelt sich wohl doch um God’s Own Country. Genauere Hinweise, welche Theokratie aktuell welche andere als Theokratie bezeichnen und dafür von der Landkarte bomben darf, wie immer in den Suchmaschinentreffern der vergangenen 14 Tage.

  • kutschenhersteller postkutsche: Fischgeschäft Fischstäbchen?
  • st. firminus-kirche nationalismus: Ihr passendes Predigtangebot erfragen Sie bitte beim Erzbischöflichen Ordinariat.
  • häkelschwan: Ist dann aber nicht rosa.
  • chlorvergiftung globuli: Findet jedoch auf niedermolekularer Ebene statt.
  • hamsterkiste: Das Gemüse von letzter Woche?
  • bastelvorlage solarium: Nehmen Sie Alufolie. Viel Alufolie.
  • damencatchen in deutschland: Formerly known as CDU-Bundesvorstand.
  • betaisierter mann: Vermutlich Kohl.




In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (CCXV)

25 10 2014

Jadwiga, die kaufte in Zittel
fürs Putzen sich je einen Kittel,
Handschuhe, ein Häubchen –
da blieb wohl kein Stäubchen?
Zum Putzgerät fehlten die Mittel.

Als Meritxell damals ins Prats
den Brief bekam, da war Rabatz.
Man setzte die Steuer
herauf. Halb so teuer
wurd alles. Das war für die Katz.

Es ließ sich Tadeusz in Strehlen
gern goldene Uhren empfehlen.
Doch tat er stets gehen,
um nichts zu erstehen –
er kam später wieder zum Stehlen.

Calisto, der ahnte in Bite,
dass er bald ins Schlingern geriete.
Sein Geld ging zur Schenke,
solange man denke.
Das reichte nicht mehr für die Miete.

Es wartete Andrzej in Scharre
auf Szymon. „Je öfter ich harre,
wird es immer später.
Er fährt hundert Meter,
und schon schmiert sie ab, seine Karre!“

Man wusste, dass Colby in Brant
zur Feuerwehr zählt, und man kennt
den Zug jener Helden:
beim Fehlalarm-Melden
sind’s alle. Nicht Colby. Der pennt.

Eugeniusz, der pflegte in Reppen
im Hausflur am Abend zu steppen,
und zwar ob des Halles,
wobei eines Falles
gewahr er war dicht bei den Treppen.








Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 5.398 Followern an