Gernulf Olzheimer kommentiert (CCLVIII): Berater als Beruf

19 09 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Am Anfang war die Sache ja noch erträglich, abgesehen davon, dass es nirgends Internet gab, weil man die Schrift noch nicht erfunden hatte, folglich auch den elektrischen Strom nicht, geschweige denn Gleitsichtbrille, Schneebesen, faltbare Tischdecken oder Tische für jene. Wer nun also eine mutmaßlich essbare Frucht fand, musste schnell eine belastbare Antwort zur Verwendung des Dings beibringen, oder es war mutmaßlich bald nicht mehr essbar. Man erfand also Schrift und Gleitsichtbrillen, doch noch immer grinst Pilzen eine Grauzone des Wissens drein – wer sagt einem, was satt, was lustig, was tot macht? Der Hominide neigt zur Überreaktion, weshalb er zunächst den Berater erfindet und ihm dann auch noch erlaubt, den Mist hauptberuflich zu betreiben. Wir sind unterdessen nicht schlauer geworden.

Landauf, landab lauert ein Rudel Hyänen unter der nächsten Brücke, das sich mit unsortiertem Wortdurchfall in die innersten Angelegenheiten des Probleminhabers schwiemelt. Sie lassen ihm keine andere Wahl, als elend in seiner Zwangslage zu versuppen. Schließlich ist die der Umstand, dass sich die Totes-Tier-mit-Leichenflecken-Abnager an ihrer Beute gütlich tun können, denn sie haben weniger Gutmenschenmitleid als ein Arzt, der sich den Drittporsche verbaselt, weil er seine Patienten unangenehm früh ausheilen lässt. Notfalls darf das Opfer noch zucken. Dann sieht man wenigstens sein Problem noch.

Der klassische Berater, der qua ansatzweise genossener Ausbildung oder wenigstens durch en passant erworbener Innenschau die Materie von ihrem Ruf zu unterscheiden wusste, konnte immerhin noch die ehrlich arbeitende Schicht mit halbwegs akkreditiertem Faktenwissen ausbeuten. Wer bei der Serienreife des USB-Steckers noch nicht raffte, in welcher Polung man das Ding ins Gerät bömmelt – und aus hardwarenahen Verlusten an Wasch-, Schreib- und Mähmaschinen schon genug gestraft war – der holte sich den IT-Berater ins Haus. Ein erstaunlich gut frisierter, erstaunlich junger Vollprofi in einer erstaunlich dicken Benzinschleuder kachelte heran, hebelte seinen Rollkoffer auf den Parkplatz, überzeugte nach einer dreistündigen Powerpoint-Gehirnvollwäsche, dass die 5¼″-Tischdeckchen der hauseigenen Marke viel superer seien als die Wahl des letzten Experten, und verließ das Firmengelände mit dem höhnischen Grinsen eines Missionars, der einen indigenen Stamm in triebgestörte, aber bibelfeste Arschlöcher verwandelt und nebenbei die Tochter des Königs mit einer widerlichen Hautkrankheit infiziert hat. Niemand braucht diesen Schmadder, kein geistig gesunder Zeitgenosse holt ihn sich freiwillig ins Haus. Das Zeug taucht irgendwo auf, scheißt klug und erfreut sich an den Unmöglichkeiten eines allgegenwärtigen Immunsystems.

Sie wirken wie analytische Genies, weil sie einem Ertrinkenden, zu dem sie gerufen wurden, weil der gerade ertrinkt, meist schon kurz nach dem Ableben mitteilen können, dass er möglicherweise ertrunken sei. Ihre Kompetenz untermauern sie dadurch, dass die Kernbotschaft im Halbsatz einer Fußnote auf Seite 812 steht. Der Rest in halt verbaler Bauschaum, aber was erwartet man auch von jemandem, der es beruflich nicht einmal bis zum Schuhputzer geschafft hat.

Überhaupt, verbal. Wie Research entpriorisieren und den Added Value auf die GSP runterbrechen diese Flusenlutscherfressen anmacht. Wenn sie nur meanwhile ein supertight getaktetes Skip Level Meeting performen können. Wäre es nicht Tierquälerei, man müsste Amöben einkreuzen. Aber auch damit sind sie nicht mehr zu retten. Das Schlüsselmoment dieser Volksverdeppung liefert das Ausweichen der Berufs-Berater zunächst in die Versicherungs- und Bankenvorhölle, bis sie bei Besteck, Damenoberbekleidung und Möbeln in die Bodenregionen des Kundenfangs einsickerten. Das Sprachbild zeigt eine geradezu perfekte neoliberale Verquasung aus Wirklichkeit und Drogentraum: nur noch der Käufer ist schuld, wenn er sich eine Lebensversicherung für Scheintote aufschwatzen lässt, nur noch der Konsument muss den Arsch hinhalten, wenn die Hose kneift. Der Berater hat nur beraten, und ist der Kunde bedient, so ist er beraten und verkauft.

Doch die Zeiten bessern sich. Inzwischen kann ein Berater die Miete seiner Pressspanplattenbude nur noch aufbringen, wenn die Wirtschaft um ihn herum eh schon brummt; braucht sie dagegen einen kräftigen Anschub oder Problemlösungskompetenz, setzt das Management noch immer auf überprüfbare Methoden wie Pendeln, Frösche im Glas oder das Knochenorakel. Angenehm, dass so manche Hoffnung, das Volksvermögen durch Kasperade in die eigenen Taschen zu lotsen, im Hosenladen endet. Da ist’s ja, am Ende des Tages, sogar noch erträglich.





Deutschland, kleinlich Vaterland

18 09 2014

„… einen eigenen Staat zu gründen. Die katalanischen Separatisten seien bereit, eine unabhängige Republik als Mitglied der Europäischen Union zu…“

„… noch einmal klargestellt habe, dass es Disziplinlosigkeiten dieser Art nicht geben könne innerhalb der bundesrepublikanischen Struktur. Seehofer selbst wolle auf keinen Fall einen Freistaat als völkerrechtlich autonomen…“

„… unter der brandenburgischen Bevölkerung wahrnehmen könne, dass die Lösung von der Hauptstadt die vernünftigere Alternative sei. Viele Debatten hätten in der Zwischenzeit stattgefunden, die die gewachsene Tradition der Verbundenheit beschworen hätten, doch habe sich bereits eine deutliche Mehrheit für die Eigenständigkeit einer Reichsstadt Potsdam…“

„… so schnell wie möglich abspalten wolle. Das fränkische Volk könne es unter der Knute der bajuwarischen Machthaber nicht mehr aushalten, so die Wortführer der Freiheitsbewegung, weshalb man nicht den Weg über ein Referendum…“

„… zu Warnstreiks kommen könne, da nicht alle sächsischen Territorien mit dem Beitritt zum Überflugsgebiet auch eine einheitliche Regelung zur Vorruhestandsregelung der Piloten…“

„… erste Verhandlungen, ob ein autonomes Oldenburg in den Grenzen von 1866 die…“

„… könne der Vatikan aus Gründen der inneren Sicherheit durchaus einen Zusammenschluss mit dem Bistum Paderborn in Erwägung…“

„… sich eine Allianz der von Braunschweig geführten Landesteile andeute. Sollte sich bei der Teilung der niedersächsischen Stammlande keine Mehrheit für einen Anschluss an die englische Krone finden, so habe man immerhin…“

„… solange Regensburg sich nicht als Zufluchtsort für widerständige Mitglieder der Tübinger Allianz erweisen solle. Die Pläne der Alternative Hohenzollern, die Kaiserwürde an eine Gruppe rechtspopulistischer…“

„… endlich eine Maut realisieren könne, und zwar bei Ein- und Ausfahrt von und nach Schwaben, Oberbayern, Oberfranken und…“

„… habe Gabriel angekündigt, dass die SPD nur in Fürstentümern regieren wolle, die sich in ihrer Landesverfassung ohne Vorbehalte zu Mindestlohn und Hartz-Gesetzen…“

„… in großer Sorge, den Finanzplatz Frankfurt an eines der beiden hessischen Territorien zu verlieren. Die Börsenkurse seien bei dieser Nachricht zwar fest, aber durchaus geschlossen unter die Marke von…“

„… der restliche FDP-Landesverband Lippe-Detmold dafür plädiert, eine Teilung der hessischen Gebiete zuzulassen. Nur so könne man den internen Kritikern auch in Zukunft bedeuten, sie sollten doch ‚nach drüben‘ …“

„… für Empörung gesorgt habe. Da Göttingen aus Sorge um die Universität und die zugehörige Stadt eine Wiedervereinigung mit Niedersachsen kategorisch ablehne, solle nun der restliche Landesteil abzüglich der soeben für unabhängig erklärten Hauptstadt Hannover…“

„… ob Dortmund überhaupt in derselben Liga spielen müsse, da es als Stadt des preußischen Kerngebiets nun eine eigene…“

„… keine unmittelbare Gefahr bestehe, solange es im ehemals deutschen Staatsgebiet keine unterschiedliche Höchstbesteuerung…“

„… sei das Votum zwar überraschend deutlich ausgefallen, werde aber einen Tag nach der Befragung nur noch von knapp einem Viertel so gewollt, was zu einer weiteren Auseinandersetzung über die Zukunft Schottlands…“

„… habe der Protest des Verwaltungsbezirks Waldeck und Pyrmont (Herzogtum Pyrmont) ausgereicht, um sämtliche Vorwahlen des nun internationalen Rufnummernsystems durch eine…“

„… sich weitere Mautpläne nur durch einzelne Vignetten bewerkstelligen ließen, die jedoch zusammen größer als eine durchschnittliche Windschutzscheibe…“

„… hätten den Plan gehabt, die vorbildliche Sicherheitsinfrastruktur der DDR wieder zum Leben zu erwecken. Trotz eines Referendums habe sich noch keine Mehrheit gefunden, die Grenzen eines solchen Großherzogtums übereinstimmend zu…“

„… reiche es München aus, dass im Falle einer völkerrechtlichen Souveränität der Titel des Fußballweltmeisters an die…“

„… und könne Sondershausen seinem wirtschaftlichen Niedergang sehr gelassen zusehen, solange es die Regierung geschafft habe, sämtliche Asylbewerberheime ins Herzogtum Anhalt…“

„… zu Massenprotesten in der Oberpfalz gekommen sei. Die Bevölkerung habe nicht einsehen wollen, dass eine eigene Regierung aus den regional produzierten Rohstoffen nicht wie im Wahlkampf versprochen die doppelte Menge an Bier…“

„… Sachsen-Weimar-Eisenach als erstes Königreich den ermäßigten Steuersatz auf das Hotelfrühstück wieder abschaffe, dafür jedoch die Börsengewinne mit einem halben Prozentpunkt…“

„… die diplomatischen Beziehungen zwischen Mecklenburg-Strelitz und Russland sich stetig verbesser hätten. Die ehemalige Bundeskanzlerin sei bei der Durchreise folgerichtig des Landes verwiesen und auf…“





Stressregulierung

17 09 2014

„Richten Sie das Ihrem Chef aus, und schöne Grüße.“ Hurtz wühlte in seinem Papierstapel. „Ich würde gerne meine eigenen Richtlinien auf meinen Arbeitsplatz anwenden“, knurrte er, „aber wir sind noch im Aufbau. Und da wir seit Jahren nicht mehr mit der Unterstützung der Gewerkschaften rechnen können, müssen wir es eben alleine schaffen.“ Er schwitzte. Als Anti-Stress-Beauftragter der Bundesregierung hat man nun mal kein einfaches Leben.

„Alleine die dauernde Erreichbarkeit!“ Er hakte ein paar Listen ab. „Sie senden also an die Betriebe ein standardisiertes Schreiben, dass sich die Angestellten am Feierabend nicht mehr um die E-Mails kümmern müssen?“ Er nickte. „Damit wäre doch schon viel gewonnen.“ Ich warf einen Blick auf die Liste. „Aber das sind Produktionshelfer in einer Dosensuppenfabrik.“ Hurtz strahlte. „Super, nicht wahr? Wir haben sichergestellt, dass sich die Geschäftsleitung nach Feierabend nicht mehr per E-Mail bei Ihnen meldet. Sie müssen keine Meetings mehr vorbereiten, keine Quartalszahlen mehr asap rüberschicken, und wir haben das jetzt schwarz auf weiß.“ Sein gewinnendes Lächeln überzeugte mich: eine Regierung, die solche Verordnungen erlässt, hat wirklich ein Problem.

Eine Sachbearbeiterin reichte einen Stapel Papier rein. „Ah, die Luftqualität – wir haben da ganz genau nachgemessen.“ Es handelte sich um Proben aus der Kabine, wie die gelben Zettel es auswiesen. „Sie messen den Luftdruck in einem Passagierflugzeug?“ Hurtz blickte verständnislos. „Der Gesetzgeber macht da keinen Unterschied, wir haben auch auf die ungesunden Temperaturen in unmittelbarer Nähe eines Hochofens hingewiesen. Das hätte die Gewerkschaft längst mal tun sollen, aber Sie wissen ja, die kümmern sich um nichts mehr, seitdem wir ihnen gesagt haben, dass das auch nichts bringt.“ Das interne Strategiepapier sah vor, Arbeitnehmer zur Hälfte im Kühlhaus und zur anderen Hälfte in der Gießerei zu beschäftigen. „Dann haben wir im statistischen Mittel eine angemessene Temperatur, und mehr können wir arbeitsrechtlich sowieso nicht durchsetzen.“ Er bekam fast etwas Unterwürfiges, wie er seine Hände knetete; das musste ihm nun wirklich unangenehm sein. „Immerhin, wir sind nur der Gesetzgeber und nicht die Wirtschaft. Denken Sie nur an die…“ „Arbeitsplätze?“ „… Börsenkurse, wollte ich sagen. Die Börsenkurse.“

Wie ich dem dunkelrosa Formular entnahm, musste die Anzahl der Schreibtische in einem Großraumbüro künftig je nach Branche berechnet werden. Das sah nicht nur sehr kompliziert aus, in der Berechnung gab es auch Ungereimtheiten. „Das gleicht sich mit den vielen Ausnahmeregelungen dann wieder aus“, befand Hurtz. „Beispielsweise haben wir hier den Flächenschlüssel für Call-Center, der ist natürlich ganz anders als in einem Versicherungsunternehmen.“ „Wo genau ist der Unterschied?“ Er blätterte vor. „Im Call-Center erwarten Sie es nicht anders.“

Das Maßnahmenpaket des Beauftragten war durchaus differenziert zu nennen; Teile davon sorgten für massiven Unfrieden in den Betrieben, andere verpufften gleich. „Man muss ja auch mal definieren, was die Leute so unter Stress verstehen, und da haben wir uns eine gemeinsame Lösung einfallen lassen.“ Ich musste unwillkürlich das Gesicht verzogen haben. „Jedenfalls ist das eine sehr flexible Sache, weil die Unternehmen selbst festlegen können, was sie als Stress empfinden.“ „Die Unternehmen?“ Hurtz hatte sich nicht versprochen, ich hatte mich nur verhört. „Genau, die Unternehmer. Das ist doch nicht realistisch, dass an jedem Arbeitsplatz derselbe Grad von Stress auftritt.“ „Denken Sie nur an die vielen Manager, die verzweifelt ihre Abfindungen retten, wenn sie den Laden vor die Wand gefahren haben.“ Er stimmte mir zu. „Was ist das schon im Vergleich mit einem Beruf, wo Sie jeden Tag eine ruhige Kugel schieben. Müllmann beispielsweise. Oder Krankenschwester.“

„Wie gehen Sie konkret vor?“ Hurtz wusste es bestimmt, konnte es nur nicht konkret benennen. „Es sind manchmal schon Kleinigkeiten, die bedeutsame Veränderungen hervorrufen. So haben wir beispielsweise erforscht, ob ein firmeninternes ‚Du‘ nicht zu maßgeblichen Veränderungen führen könnte.“ Ich nickte mitfühlend. Mir fielen jede Menge Firmen ein, in denen das den Stress enorm in die Höhe treiben würde. „Außerdem“, und Hurtz blätterte wieder, „aber ich glaube, das hatten wir schon. Die Müllmänner müssen nach ihrer Arbeitszeit keine E-Mails mehr beantworten.“ „Ist bisher denn wenigstens geregelt, wie viele sie während ihrer Arbeitszeit lesen müssen?“ Er wusste es nicht. Aber er wusste es wenigstens ganz genau nicht. Das war schon besser als von der Regierung geplant.

„Als nächsten Schritt“, meinte Hurtz, „definiert die Verordnung selbstverständlich eine ausreichend rechtssichere Fassung von Arbeitszeit. Sonst müsste am Ende der Feierabend noch als Vorbereitung auf die Arbeit gelten, und dann könnte man jederzeit wieder E-Mails…“ „Was“, und ich schlug mit der Hand auf den Tisch, dass er sich erschrak, „was tun Sie selbst dagegen? Was?“ Hurtz lehnte sich zurück. Ja, er lächelte sogar. „Wir haben der Nahles Hausverbot erteilt. Inzwischen geht’s ganz gut.“





Zufrieden?

16 09 2014

„Und dann wüsste ich gerne, wie gut Sie finden, dass wir Kernkraftwerke haben. Nein, falsch – ich will nicht wissen, ob Sie das überhaupt gut finden. Ich will wissen, ob Sie das sehr gut, überwiegend gut, ganz gut, eigentlich doch gut oder nur gut finden. Weil, dass Sie das gut finden, das kommt ja raus. Bei der Umfrage. Wenn das nicht rauskommt, dann müssten wir ja nicht die Umfrage machen.

Die Kanzlerin macht das häufiger. Also ich kann ganz gut davon leben, das ist ja ein Vollzeitjob. Und wir werden auch leistungsgerecht bezahlt. Meistens jedenfalls. Meistens kommt ja auch raus, was die Kanzlerin gerne rein hätte.

Ab und zu haben wir ein paar Probleme mit dem Bundesrechnungshof. Weil der das für nicht so ganz in Ordnung hält, wenn wir die Interessen der CDU-Vorsitzenden durch eine Umfrage bestätigen lassen. Wir sagen dann meist, wir haben jetzt bestätigt, dass die Interessen der CDU-Vorsitzenden durch eine Umfrage bestätigt wurden, und deshalb ist das auch im Sinne des Wählers. Wir geben also ganz offen zu, dass wir die Interessen der Wähler, wie sie die Bundeskanzlerin interessieren, bestätigen. Oder bestätigen lassen, meinetwegen. Das nenne ich mal Transparenz!

Sie hatten hier gesagt, dass Sie ein Auto haben? Naja, warten Sie bis zur nächsten Benzinpreisrunde ab, dann sprechen wir uns wieder. Was? nein, ich rede manchmal mit mir selbst, das ist eigentlich ganz normal, wenn man für die Bundesregierung arbeitet. Ich bin der einzige, der mir noch zuhört. Aber gut, Sie haben also ein Auto. Wie würden Sie die Chancen einschätzen, dass Sie sich die Maut, die zwar nicht kommt, aber man weiß ja nie, und wenn man dann Ihr Kraftfahrzeug zugrunde legt, also würden Sie das finanziell überhaupt packen? Ich kreuze mal für Sie an – kein Problem, Sie müssen gar nichts sagen. Sie wissen ja, ich höre Ihnen zu, aber was ich dann ankreuze, ist nicht unbedingt das, was Sie… –

Das ist ein testtheoretisches Problem. Wir brauchen hier Rohmaterial, das sich für mehrere Stufen der politischen Willensbildung eignet. Also bevor sich bei der Kanzlerin ein Wille gebildet hat, währenddessen, dann noch einmal in die andere Richtung, dann müssen wir eine Gewichtung vornehmen, damit es auch zum jeweiligen Koalitionspartner passt, und dann für später. Damit sie sagen kann, sie wollte das ja eigentlich gar nicht, aber der Wähler hat sich so entschieden, und dann hat sie halt das Gegenteil gemacht. Aus alter Gewohnheit.

Aber wenn Sie jetzt sagen, dass Sie als konservative Landbevölkerung die Infrastruktur der umliegenden Gemeinden nicht nutzen, weil es da eh keine mehr gibt, dann macht das hier oben mit der Kinderbetreuung auch wieder Sinn. So denken die Wähler. Nein, das war jetzt nicht korrekt – die Kanzlerin glaubt, dass sie so denkt, wie die Wähler denken, dass sie denken, nein: dass sie denkt, die Wähler würden denken wie die Kanzlerin, nee, ich hab’s gleich – sie denkt, der Wähler würde denken, sie würde denken. Oder? Nageln Sie mich jetzt bloß nicht fest!

Ich habe Sie hier mal in die Befragungsgruppe der Landbevölkerung genommen, weil Sie ja mit einem Kleinwagen eher auf die Mobilität angewiesen sind, und da – Neukölln? doch, das würde ich als ländlich ansehen. Absolut.

Im dritten Teil haben wir Verteidigungspolitik und nationale Sicherheit. Sind Sie der Ansicht, dass wir gegen die finsteren Mächte der – Moment, ich muss umblättern – internationalen Kriegsparteien – Sie haben gedacht, jetzt kommt was Islamfeindliches, aber nee, das macht mein Kollege, der interviewt heute für die AfD – dass unsere Armee auch genug ausgerüstet ist? Und würden Sie lieber das Arbeitslosengeld dafür kürzen oder die Maut etwas bis etwas sehr anheben? Sagen Sie mir das bitte mit einer Schulnote.

Natürlich haben Sie keine Gewähr, dass das so oder ähnlich in die Regierungserklärung kommt. Etwas Spannung muss ja sein, wozu haben Sie hier Eintritt bezahlt, was?

Wenn Sie jetzt nämlich als Landbevölkerung mit Kindern – ein Kinder? gut, angekreuzt – gar nicht die Infrastruktur der Ballungsräume, wo die CDU ja weniger gewählt wird, weshalb man das mit dem Kindergeld, oder nee, Sie haben ein Auto, da darf ich das gar nicht fragen, dann gelten Sie für die nächsten beiden Seiten automatisch als Besserverdiener, so dass wir bei Haushalten mit mehr Nettoeinkommen als einer Million – ja, aber im Jahr. Natürlich im Jahr, oder glauben Sie, die Bundeskanzlerin hätte plötzlich die Bodenhaftung verloren?

So, und dann noch eine letzte Frage. Eine letzte, wobei, die kann ich auch nur stellen, wenn Sie – Schulabschluss? nee, ich habe aufgepasst, Sie hatten gesagt, dass Sie aus Neukölln kommen. Das steht ja hier auf dem Deckblatt. Oder irgendwo. Aber wie gesagt, es geht um Ihre Zufriedenheit mit der – Sie sind ja über vierzig, das sehe ich Ihnen an, und da wollte ich – aua! Auweh, das war mein… –
Blöde Schlampe! Für wen mache ich das hier eigentlich?“





Volksborn

15 09 2014

„… gegen die Gefahren des demografischen Wandels aktiv angehen werde, um den Bestand des deutschen Volkes zu wahren. Lucke werde jetzt Maßnahmen ergreifen, um die…“

„… und als Alternative zur parlamentarischen Demokratie nicht weniger rührig sei. Die zunächst auf zwei Jahre bis zur Regierungsbeteiligung ausgeschriebene Stelle eines Bundeszuchtwarts sei nur der erste Schritt in die richtige…“

„… sich die deutsche Akademikerin in herausragender Weise zur Zuchtwahl eigne, da ihre genetische Disposition die besten Anlagen…“

„… einen Index der Studienhauptfächer zu schaffen, da sich Studentinnen der Soziologie oder Politikwissenschaft in eine Richtung entwickelten, die dem gesunden Volksempfinden oft nicht…“

„… eine gesetzliche Grundlage geschaffen werden müsse, um der deutschen Qualitätsmutter Geburt und Aufzucht von drei Kindern zu…“

„… dass Beatrix von Storch die Stelle der Bundeszuchtbeauftragten nicht wegen ihrer fachlichen Qualifikation, sondern ausschließlich wegen ihres Namens…“

„… regelmäßige Alkohol- und Drogentests für notwendig erachte. Da das Studentenleben noch immer durch Rauschgiftexzesse und nächtliche Orgien mit lauter Musik nichtarischer Sänger geprägt sei, müsse wenigstens in den größeren Universitätsstädten eine Moral-Polizei durch unangekündigte Kontrollen für die Einhaltung…“

„… sich auch Sarrazin lobend über die von der AfD angedachten Maßnahmen geäußert habe. Als Fachmann für politische Reproduktionsmedizin habe er bereits am Beispiel China gezeigt, dass bei der Ein-Kind-Politik nur Ausländer produziert würden, was für Deutschland absolut nicht…“

„… ganz entschieden zurückgewiesen habe. Die designierte Bundeszuchtbeauftragte habe dagegen auf einer Podiumsdiskussion verkündet, deutsche Kinder würden besser auf natürliche Weise hergestellt als in einer Petry-Schale zu…“

„… andererseits keine wirkliche Perspektive für die Betroffenen biete. Der aktuelle Arbeitsmarkt biete Akademikerinnen lediglich Positionen an, die zur Finanzierung eines einzigen Kindes…“

„… im ersten Schritt um die Offenlegung der Vaterschaft handeln könne. Erst in einer Novelle sei es möglich, die Vaterschaftserlaubnis auf in dritter Generation deutsche Männer gesetzlich zu…“

„… dass die durchschnittliche deutsche Akademikerin fiskalpolitisch zu der Schicht gehöre, der die AfD einen Zugang zur Gesellschaft nicht…“

„… lasse es auf ein Urteil in Karlsruhe ankommen. Auch wenn ein Elternteil, das in dritter Generation deutsch, erbgesund und christlich versippt sei, beispielsweise durch seine Hautfarbe nicht zur Erhaltung der…“

„… wolle man vorerst nicht die Geburt eines Kindes durch finanzielle Anreize begünstigen, da dies zu erheblichen Fehlallokationen auf dem…“

„… sei die Vermittlung von in der Unterschicht geborenen Kindern an Akademikerhaushalte nicht zielführend. Diese seien für eventuelle Schäden durch Fehlzucht haftbar zu machen, was sich sehr negativ auf die Bevölkerungsprognose…“

„… andererseits die Möglichkeit nicht mehr ausschließe, eine voraussetzende Verpflichtung zur Mehrlingsgeburt zu schaffen, um jungen Frauen Zugang zu Universitäten und Fachhochschulen…“

„… bestehe das AfD-Präsidium nicht mehr auf der Maßgabe, akademischen Haushalten das Vorrecht der Kindeserziehung zu gewähren. Die Partei wolle vornehmlich finanziell gut gestellte Partnerschaften für ihre demografischen…“

„… klage bereits heute schon jede zweite studierende Mutter, dass Betreuungsmöglichkeiten für Einzelkinder nicht in ausreichendem Maße vorhanden seien. Eine dreifache Mutter könne nicht innerhalb der Regelstudienzeit eine universitäre…“

„… sich Lucke für mehr finanzielle Flexibilität ausgesprochen habe. So könne man die steuerliche Belastung für Besserverdiener deutlich senken, um damit die studierenden Mütter in eine bessere…“

„… übersehen, dass studierende Mütter zum überwiegenden Teil nicht zu den Besserverdienern gehörten. Lucke versprach, dies umgehend zu ändern, indem er durch die Abwertung des Euro…“

„… werde sich die Einweihung der zentralen Bundeszuchtanstalt wegen baulicher Mängel nur um wenige Wochen verzögern. Die in Eva-Braun gehaltene Fassade sei nach Anbringung eines AfD-Logos sehr schnell abgebröckelt, was niemand zur Kenntnis…“

„… auf heftigen Widerstand, diesmal jedoch bei den Besserverdienern. Drei von fünf Paaren hätten bei der Befragung angegeben, sie seien nur deshalb wohlhabend, weil sie ihr Geld weder für Kinder noch für…“

„… stehe das privatwirtschaftlich geführte Haus auch anderen Paaren zur Verfügung. Das parteieigene Romantikhotel Volksborn könne außerdem durch seine medizinische Versorgung als wegweisende Anstalt zum…“

„… stehe das Modell einer Berufsmutterschaft im Raum. Jede deutsche Akademikerin könne sich nach der Geburt eines Kindes bewerben und ein Vollzeitstipendium bis zur Schulreife der dritten Leibesfrucht erhalten, wenn bestimmte genetische und bevölkerungspolitisch positive Faktoren in…“

„… dass das Rahmenprogramm der Eröffnung neben Xavier Naidoo auch eine Festrede von Eva Herman zum Thema…“

„… habe die Befürchtungen zerstreut, überproportional viel akademischer Nachwuchs sei geeignet, die Volkswirtschaft auf einem nicht mehr balancierten Arbeitsmarkt in Schieflage zu bringen. Lucke habe auf dem Bundesparteitag dafür plädiert, niedere Tätigkeiten vermehrt von Arbeitsmigranten ausführen zu lassen, die außerdem vor den Folgen des drohenden demografischen Wandels…“





Terroristenvignette

14 09 2014

Karl Ernst Thomas de Maizière, der Öffentlichkeit bislang nicht bekannt als Hirnspendenempfänger, zeigt uns, dass er recht hatte. Wir müssen nämlich nur Personalausweise kennzeichnen, da sieht man dann sofort, dass ein Islamist vor einem steht. Fusselbärte sind doch zu unsicher, möglicherweise kommt Mutti gerade von der Steinigung – aber steht da Erika Fatima Mustermann, dann ist alles gut. Alternativ tut’s auch ein kleiner grüner Halbmond. Und ganz bald schon wird das Bundesministerium des Innern durchsetzen, dass auch Syrien, Honduras und der Vatikan die Terroristenvignette aufkleben. Wie gesagt, de Maizière hatte recht. Diese Hirnspende wäre für die Tonne gewesen. Alle anderen Symptome innerer Sicherheit wie immer in den Suchmaschinentreffern der vergangenen 14 Tage.

  • lochfrass geschirrspüler löten: Sollte er an Porzellantassen auftreten, haben Sie ein Problem.
  • bauanleitung korkenarmbrust: Verzichten Sie für ein Jahr auf Wein aus dem Tetrapak.
  • fahrstuhl zum schafott unlogisch: Ich fand ja auch die Harry-Potter-Filme schwer mit der Realität in Einklang zu bringen.
  • basteln mit luftpostpapier: Schwalben.
  • notfallration bundesregierung: Den Notfall kann’s gar nicht geben, in dem ich eine Portion von diesem Mist bräuchte.
  • wie verkleide ich eine waschbetonmauer: Fasching? Oder soll’s doch zu Halloween sein?
  • läuse dauerwellenflüssigkeit: Stehen die Viecher nicht eher auf Kurzhaarfrisuren?
  • caroline beil botox: Die Marke ist mir bisher unbekannt.
  • einschub zahnprothese: Kenne ich, meistens zwischen Vorabendserie und Nachrichten.




In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (CCIX)

13 09 2014

Regīna begann in Aiswicken
schon früh, Deckchen bunt zu besticken.
Ein Pech für die Letten,
man durft sie nicht plätten,
sie ließ ihre Decken nicht knicken.

Ruairí versprach sich in Glin
vom Weinhandel manchen Gewinn.
Er musste den Posten
natürlich verkosten.
Zuletzt war da nicht mehr viel drin.

Wenn Nauris ein Pferd kauft in Rönnen,
denkt er, ihm will niemand was gönnen.
So geht er verdrießlich
einher und sagt schließlich
zu allen: „Was Sie mich wohl können!“

Wenn Zvonimir witzelt in Omiš,
dann ist das meist fad und nicht komisch.
Kein Schalk sitzt im Nacken,
der Scherz ist altbacken.
Er selbst ulkt, das sei ökonomisch.

Es ließ sich Antons in Edwahlen
für den Hausanstrich gut bezahlen.
Man sah seine Finten,
sah man nur nach hinten –
er pflegte nur vorne zu malen.

Jean-Jacques hat zur Nachtzeit in Hure
ein rätselhaft gutes Gespür
für Räume, für Ecken
und alle zu wecken:
sein Zeh findet blind jede Tür.

Man sieht Voldemārs, der in Stackeln
durchs Dorf geht mitsamt seinen Dackeln,
und fragt sich alltäglich
so oft wie nur möglich:
wer kann mit dem Kopf besser wackeln?








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