Beraten und verkauft

22 10 2014

„Und Sie sind?“ „Der IT-Berater der Bundesregierung.“ „Oh, spannend. Und was machen Sie da so?“ „Eigentlich nichts. Die sind ja größtenteils beratungsresistent.“

„Sie haben diese tollen Produkte wie De-Mail erfunden?“ „Wir haben die Regierung nur beraten.“ „Hätten Sie die dann nicht so beraten können, dass Sie davon abraten?“ „Das ist ja eins der Probleme. Sie haben Berater, hören aber nicht auf sie.“ „Und warum haben sie dann überhaupt welche?“ „Warum hat Deutschland eine Verteidigungsministerin?“ „Weil in der Rüstungsindustrie zu wenig Verwaltungsjuristen arbeiten?“ „Guter Punkt. Aber mit uns ist das etwas anders. Wir müssen ja von der Materie etwas verstehen.“ „Weil die Regierung das von ihren Beratern erwartet?“ „Damit sie davon nichts verstehen muss.“ „Aber dann merken die doch nichts mehr, wenn Sie die beraten.“ „Deshalb hören sie auch nicht zu, wenn wir – ach, vergessen Sie’s einfach.“

„Und woran arbeiten Sie derzeit?“ „Wir haben diverse Projekte und so.“ „Also nichts Festes?“ „Eher nicht. Wir stellen nur manchmal fest, dass wir irgendwo nicht weiterkommen, und wenn wir bei einer Sache lange genug festgefressen sind, dann erklären wir den Ist-Zustand zum aktuellen Arbeitsergebnis.“ „Wie so eine richtige Denkfabrik, ja?“ „Nee, weder das eine, noch das andere.“ „Aber…“ „Wir sind eher wie so eine Küche, aber die eine Hälfte kann nicht kochen, die andere will nicht kellnern.“ „Und was kommt dabei raus?“ „Ein Ergebnis, das dem Niveau der Bundesregierung entspricht.“

„Geben Sie doch mal ein konkretes Beispiel, damit man sich auch etwas unter Ihrer Arbeit vorstellen kann.“ „Da hätten wir dann beispielsweise ein deutsches Internet, das nur für die Regierung zuständig ist.“ „Also ein Internet, das man nur in Deutschland benutzen kann.“ „Richtig.“ „Das ist doch Blödsinn.“ „Absolut korrekt.“ „Und das sagen Sie einfach so?“ „Warum denn nicht? Ihre Feststellung entspricht doch genau den Tatsachen, da gibt’s doch keinen Grund für eine Diskussion.“ „Aber erlauben Sie mal, das ist doch kein bisschen vernünftig. Das kann man doch als Berater nicht machen.“ „Oh, das hatte ich nicht gewusst.“ „Sie sollen doch die Projekte realisieren, die Ihr Auftraggeber Ihnen vorgibt, oder?“ „Richtig. Genau das mache ich ja.“ „Sie wollen mir jetzt allen Ernstes weismachen, die Bundesregierung habe ein deutsches Internet in Auftrag gegeben?“ „Das ist so nicht richtig.“ „Aha, dachte ich’s mir doch, dass Sie…“ „Es war nicht die gesamte Regierung. Federführend waren beispielsweise die Herren de Maizière und Pofalla.“ „Ich bitte Sie – ein Internet nur für Deutschland! Erstens ist das technisch absolut nicht möglich, zweitens ist es vollkommen sinnlos, und drittens…“ „Drittens?“ „Egal, das reicht doch, oder? Das ist absurd!“ „Haben Sie eine ungefähre Vorstellung dessen, wie die Autobahnmaut entstanden ist?“

„Was ist denn dran an den Gerüchten, dass der Geheimdienst alle Bürger überwacht?“ „Dazu kann ich nichts sagen, ich arbeite ja ausschließlich im Auftrag der Regierung.“ „Und das heißt?“ „Die Bundesregierung hat derzeit überhaupt keine Ahnung, wie es zu diesen Aktionen kommen konnte. Aber ich kann Sie wenigstens im Auftrag der Regierung beruhigen. Die Daten sind sicher.“ „Sie machen sich lustig über mich!“ „Nein, wir haben eine Kontrollfunktion erfunden im Auftrag der Regierung. Die Daten sind absolut sicher.“ „Wie können Sie das behaupten?“ „Sie wurden ja lediglich kopiert, deshalb sind die Originale alle noch da.“ „Und das Ergebnis?“ „Für Deutschland oder nur für die Regierung?“ „Für beide.“ „Ich würde sagen: beraten. Und verkauft.“

„Gibt es denn überhaupt ein Projekt, das Sie mal ganz bis zu Ende gebracht haben?“ „Warten Sie mal – das Adressbüchlein.“ „Ein Adressbüchlein? Ah, verstehe, Internetadressen.“ „IP-Adressen.“ „Und wozu dient das?“ „Die Kanzlerin wollte sich ein paar IP-Adressen aufschreiben, hat sie gesagt.“ „Und Sie haben ihr erklärt, was das ist?“ „Kann gut sein, aber ich erinnere mich, wie gesagt, nicht, ob sie auch…“ „… zugehört hat?“ „… ein einziges Wort verstanden hat davon. Für sie sind diese ganzen Sachen ja Neuland, und deshalb hat sie auch nicht nachgefragt.“ „Dann hat sie es also doch verstanden?“ „Wohl eher nicht, aber um nachzufragen, muss man es doch wohl ein kleines bisschen verstanden haben.“ „Und Sie?“ „Keine Ahnung, ich glaube, wir haben das Projekt danach für zeitweilig beendet erklärt. Wie die Liste mit den E-Mail-Adressen, von denen sie nur die deutschen haben wollte.“ „Für das deutsche Internet?“ „Nein, aber wenn von denen Nachrichten geschrieben werden, muss das ja auf Deutsch sein – sind halt deutsche Adressen – und von denen muss man dann auch keine Daten mehr ins Ausland schicken.“ „Dann ist ihr Eintreten für mehr Datenschutz doch nicht so verkehrt.“ „Nee, die Amis hören halt nur das deutsche Internet ab, da muss man’s dann nicht mehr extra kopieren.“

„Haben Sie auch Zukunftsprojekte?“ „Mehrere. Momentan arbeiten wir an einer Regierungs-App. Wollen Sie mal sehen?“ „Gerne, zeigen Sie mal.“ „Na?“ „Wie jetzt, ist das alles?“ „Sieht doch super aus.“ „Macht aber überhaupt nichts.“ „Also die Auftraggeber sind sehr zufrieden. Wissen Sie was? Ich habe so den Eindruck, diesmal könnten sie etwas kapiert haben.“





Herbstlaub

21 10 2014

Annes Hände krallten sich ins Lenkrad. Sie war nervös. „Und dann hat er mir doch gesagt, er würde diese Maisonettewohnung sofort nehmen!“ Es mochte täuschen, doch sie war möglicherweise etwas verärgert. „Was fällt diesem verdammten…“ „Na“, beruhigte ich sie, „na, na – wer wird denn gleich in die Luft gehen?“ Gut, dass es sich nur um eine harmlose, kleine Streiterei handelte, wie sie Max, dieser Idiot, nun einmal in schöner Regelmäßigkeit auszulösen vermochte. Und gut, dass Anne gerade nicht mit 270 Kilometern in der Stunde unterwegs war, wie sonst, wenn ich in ihrem Wagen saß. Wir standen nur gegenüber dem großen Verwaltungsgebäude. Was schlimm genug war.

„Er hat sich also mit Absicht eine besonders schöne Wohnung ausgesucht“, konstatierte ich. Dass Anne sofort die Nerven verlieren würde, hätte ich mir denken können. „Sie ist eigentlich wie meine“, keuchte sie, „ganz genau wie meine: unten die Küche und oben das Bad, aber sie hat blonde Locken, und solche – solche Oberarme!“ Ich runzelte leichthin die Stirn. „Solche Oberarme! Das ist doch die reine Boshaftigkeit, und ich werde ihn ganz einfach aus meinem Leben streichen, Du wirst schon sehen.“ Ich seufzte. „Du wirst schon sehen! Diesmal ist es mir ernst!“

Davor hatte Anne Max Hülsenbeck in einer Tango-Bar entdeckt mit der Schreibkraft von Doktor Klengel. Für drei Wochen hatte sie den aufstrebenden Staatsanwalt vor die Tür gesetzt, danach hatte beide einen wundervollen Trip nach Schottland unternommen, der nur vor einer SMS unterbrochen wurde, zwar von Doktor Klengels Schreibkraft, aber das war hernach auch egal. „Ich rede kein Wort mehr mit diesem Schwein“, keifte Anne. „Er soll in seiner elenden Bude alt und grau werden und einsam vertrocknen, aber ich will nicht, dass er sie kriegt!“ Ich seufzte. „Diesmal ist aber wirklich, wirklich ernst. Ich werde das nicht mehr…“ Wuuuu! „… und auf gar keinen…“ Wuu-huuuu-huuuuu! „… Du mir überhaupt zu?“ Ich ließ die Seitenscheibe herunter und musterte den jungen Burschen, der sich mit seinem motorisierten Blasinstrument an den Parkplätzen gegenüber der Staatsanwaltschaft zu schaffen machte. „Meister“, sagte ich halbwegs freundlich, „das geht auch eine Nummer dezenter, oder?“ „Nee“, nuschelte der Gärtner, „hörnsema, dis krichich heute nichma feddich, un denn binnich freia Mitarbeita, dis muss in zehn Minuten durch.“

Eigentlich war sie mit diesem Kerl längst durch, und das, obwohl ich sie jedes Mal wieder vor ihm gewarnt hatte. „Er kann einfach nicht treu sein“, knurrte Anne. „Er erfindet wieder einmal absurde Geschichten, um mich zu hintergehen – ich kann das einfach nicht mehr mitmachen!“ Noch einmal: ich seufzte. „Wo ist das Problem?“ „Er muss wohl noch heute Vormittag dem Kauf zustimmen, sonst ist die Wohnung weg.“ Immerhin war diese Situation jetzt halbwegs klar, da wir beide nur eine Handbreit von Hülsenbecks Fenster mit dem Rücken an die Hauswand gepresst standen, zwei grauenvoll schlechte Geheimagenten ohne jedes Geheimnis, und das auch noch an der Straßenfront, wo uns die Passanten bereits kritisch beäugten. „Was willst Du denn jetzt?“ Sie schnaufte mit aller Entschiedenheit. „Ich will nicht, dass sie die Wohnung kriegt!“ Das war doch schon eine gute Grundlage. Weiß eine Frau, was sie will, steckt man in massiven Problemen; weiß sie, was sie nicht will, dann kann man mit einem komplizierten, aber nicht ganz unlösbaren Fall weiterarbeiten.

Hülsenbeck telefonierte, vielmehr versuchte er es. Am anderen Ende meldete sich niemand, und wurde er angerufen, so sprach er mit gepresster Stimme, als hätte er keine Zeit für ein ausführliches dienstliches Gespräch. „Er muss noch heute dem Kauf zustimmen“, frohlockte Anne, „sonst kann er sich diese Scheißbude in die Haare schmieren, und seine dumme…“ Ich wollte gerade seufzen, doch da nahte sich schon unser Bekannter aus dem städtischen Dienst. Sein lautstarkes Gerät bullerte gerade im Leerlauf vor sich hin. Ein durchaus interessanter Gedanke durchschoss mich. „Ich bin Dir wohl noch einen Gefallen schuldig“, sagte ich nonchalant und bückte mich, um unter dem Fenster durchzuschlüpfen. Geradewegs schritt ich auf unsere saisonale Entsorgungsfachkraft zu. „Zehn Minuten“, lockte ich und hielt ihm einen Schein unter die Nase. Er überlegte. Ich erhöhte. „Und die Jacke dazu. Und die Mütze.“

Jetzt hatte Hülsenbeck ein Freizeichen. „Hallo? Ich wollte wegen der…“ Wuuuuuu! „… nein, ich bin…“ Wuu-huuu! „… wegen der…“ Wuuuuuuu! „… nur fragen, ob die…“ Wuuu-huuu-huuuuuuuu! „… eventuell noch…“ Er verlor die Nerven und knallte den Hörer auf die Gabel. „Ruhe, verdammt noch mal!“ Ich pustete ihm die Krawatte und den größten Teil der Frisur beiseite. „Auch noch ’ne dicke Lippe riskieren, was? Wir sehen uns wieder, Kollege – wir sehen uns wieder!“ Wuu-huuuuuu!

„Fein“, freute sich Anne, während ihr Verflossener sein Zimmer zu zerlegen schien. „Wer jetzt kein Haus hat“, gab ich zu bedenken, „baut sich keines mehr, wer jetzt allein ist…“ Sie rieb sich die Hände vor Freude. Man musste zugeben: die Sache war gar nicht so schlecht gelaufen. Und ich hatte nicht geahnt, dass ein Laubbläser derart angenehm zu bedienen sei. Gleich am nächsten Tag, so beschloss ich, würde ich nachfragen, was so ein Presslufthammer kostete. Für alle Fälle.





Bundesgrenzschutz

20 10 2014

„Aber natürlich nicht, Herr Altmaier. Sie sind ein Staatsfeind. Und als solcher werden Sie nicht die Bundesrepublik Deutschland verlassen. Es sei denn, Sie möchten gerne spektakulär ableben. Kann man ja nicht wissen.

Aber wie gesagt, auch das nur diesseits unserer Grenzen. Sie müssen also nicht erst nach Syrien, um eine Kugel in den Kopf zu kriegen. Unsere Grenzen sind ab jetzt sicher, so sicher war nicht einmal die Rente. Und gleich als freundlichen Hinweis an Sie und Ihre Kollegen, das mit der Fußfessel können Sie knicken. Noch mal machen wir den Fehler nicht.

Behinderung eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses, Herr Altmaier. Nötigung. Sie sollten vielleicht ab und an mal die Urteile des Bundesverfassungsgerichts lesen. Im Gegensatz zu Ermittlungsbehörden besitzen Sie keine Narrenfreiheit. Noch nicht. Aber so ist das halt mit dem Terrorismus, Herr Altmaier. Einmal in der Staatsrechtsvorlesung nicht aufgepasst, und schwupps! ist man ein Feind der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Aber Sie haben Glück. Im Gegensatz zu anderen, die der Staat für Verfassungsfeinde hält, teilen wir es Ihnen wenigstens vorher mit.

Doch, Herr Altmaier, das ist wohl die richtige Reihenfolge. Erst denken wir uns eine Strafe aus, egal, ob sie verfassungskonform ist, und dann definieren wir uns irgendeinen Straftatbestand. Wehrkraftzersetzung, Rassenschande, wen kümmert das. Sie kennen die Reihenfolge doch zur Genüge. Seien Sie froh, wenn Sie niemand aus dem Amt kegeln will und Ihre Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung entdeckt.

Ich bitte Sie, Herr Altmaier. Was wollen Sie denn im Ausland? Wollen Sie bei der Regierung der Vereinigten Staaten nachfragen, ob einer Ihrer zahlreichen Innenminister etwas bei der NSA hat liegen lassen? Das ist doch gar nicht Ihr Zuständigkeitsbereich, Herr Altmaier. Ihrer zeichnet sich doch gerade dadurch aus, dass er gar nicht existiert. Natürlich bleibt es nicht bei Ihnen. Was glauben sie denn, wer sie sind? dass wir für jeden Idioten ein eigenes Gesetz machen? Der Rest der ganzen Blase bleibt jetzt eben auch hübsch zu Hause. Wird etwas unangenehm für den Kollegen Steinmeier, aber da muss er durch. Mitgefangen, mitgehangen.

Das ist doch das Schöne an der Prävention. Wir wissen nicht, was kommt, jeder darf irgendeine dümmliche Horrorvorstellung entwickeln, irgendein Minister sondert in der Presse Sachen ab, die gar nicht realisierbar sind – nehmen Sie das persönlich? gut, dann nehmen Sie das gerne persönlich – und dann werden für teuer Geld sinnlose symbolische Aktionen getätigt. Lebensmittelampel, Netzsperren, Glühlampenverbot, im Flugzeug darf man nur noch in Beton gegossene Zahnpasta mitführen, und dann stellen wir plötzlich fest, dass sich irgendwelche westafrikanischen Viren nicht ans Haustürwiderrufsgesetz halten. Aber daran sind dann ja die Arbeitslosen schuld oder Frauen in Führungspositionen.

Wir machen das rein präventiv, Herr Altmaier. Da wir nicht wissen, was Sie im Ausland alles so anstellen würden, und da wir andererseits auch eine ungefähre Vorstellung davon haben, wozu Sie in der Lage sind – meckern Sie nicht, Sie sind Teil der Bundesregierung und haben sich von dieser noch nicht ein einziges Mal distanziert, und was für muslimische Staatsbürger recht ist, wird doch für Sie auch nur billig sein, oder? – lassen wir Sie einfach nicht mehr ins Ausland. Wir haben das einfach so gemacht wie sie: irgendein Depp mit den Resten eines juristischen Staatsexamens zählt sich an den Knöpfen seiner Strickweste die Begründung ab, und dann beschließen wir etwas, was sich als Schlagzeile gut macht am Stammtisch. Lagerhaft für Flüchtlinge, Fußfessel für Muslime, Asylanten in Privathaushalten. Wir tun doch etwas gegen die Politikverdrossenheit, Herr Altmaier. Wenn wir damit die Bevölkerung erreichen, dann haben wir endlich wieder ein echtes Interesse an der Politik in diesem Land. Gut, nicht unbedingt für Ihre Partei. Aber das werden Sie als lupenreiner Demokrat sicher verschmerzen.

Es könnte natürlich passieren, dass Sie leichte Schwierigkeiten bekommen. Sagen wir mal so: den Alltagsrassismus, den die Bundesregierung, so entschieden bestreitet, den kriegen Sie jetzt ein bisschen stärker ab. Falls Sie mal ein Päckchen auf der Post abholen und nur Ihr Ersatzdokument zur Hand haben, kann es natürlich passieren, dass Sie von einem verfassungstreuen Mitbürger richtig eins aufs Maul kriegen.

Da wir grundrechtsbeschränkende Maßnahmen ab sofort auch im Verdachtsfall anwenden, werden Sie selbstverständlich schon jetzt Ihren Ausweis abgeben, Herr Altmaier. Das ist eben so in diesem Staat, daran sollten Sie sich doch längst gewöhnt haben – was der Richter nicht weiß, macht den Richter nicht heiß, nicht wahr? Das wird jetzt einfach mal so beschlossen, die Justiz hat genug zu tun, und was meinen Sie, wie sich so ein einfacher Polizist freut, wenn er mal Richter spielen darf. Der freut sich ein Asylbewerberheim in den Vorgarten, dass er mit so einer Machtfülle ausgestattet wird. Bei dem Gehalt. Wie gesagt, schon beim Verdacht ist Ihr Personalausweis weg. Wir lassen einfach nicht zu, dass deutscher Staatsterrorismus in andere Länder exportiert wird.

Repression und Prävention, so funktioniert eine vernünftige Doppelstrategie. Wir rechnen ganz fest damit, dass Sie einsichtsfähig sind. Oder haben Sie etwa irgendwas zu verbergen? Ach nichts, ich frage aus Routine. Aber wenn, dann wäre es doch ganz gut, wenn diese Informationen nicht die Grenze überschreiten würden.

Stellen Sie sich locker, Herr Altmaier. Sie bekommen so ein Papierding aus der Steinzeit, nicht mal maschinenlesbar. Und durchaus nicht fälschungssicher. Sie sollen doch bis zur Grenze immer merken: das ist Deutschland hier.“





Doppelt vermoppelt

19 10 2014

Da guckste – Hilde war schon Braut,
doch Lenchen, die hat Locken.
Die Hochzeit hast Du schön verbaut
mit zwischen Stühlen hocken.
Am liebsten wär’s Dir und genehm,
Du hättest einfach beide.
Das wäre wirklich sehr bequem
und eine wahre Freude.
    Ja, Kuchen. Beide kriegst Du auch.
    Die eine klopft Dir auf den Bauch.
    Die zweite ist auch gar nicht faul
    und gibt Dir richtig was aufs Maul.
    Zwei zuckersüße Frauen.
    Wem soll man noch vertrauen?

Bei Puschmann kostet Schnaps zwei zehn,
bei Klimpner nur eins achtzig.
Der Unterschied, der lässt sich sehn.
Du denkst, die Sache macht sich.
Dazu ist Puschmanns Schnaps recht gut,
von Klimpners kann man trinken.
Schon greifst Du nach dem großen Hut,
willst in die Kneipe winken –
    das Zeug von Puschmann: ein Skandal.
    Wie kalte Füße. Eine Qual.
    Und Klimpners Plörre: jetzt bei drei.
    Und schmeckt zum Brechen noch dabei.
    Es ist das nackte Grauen.
    Wem soll man noch vertrauen?

Beim einen Gang war’s SPD.
Dafür bekamst Du Qualen.
Die Daumenschrauben taten weh.
Das wolltest Du bezahlen.
Beim nächsten Mal war’s CDU.
Du stimmtest zwar nur grimmig,
doch das Ergebnis fandest Du
am Ende auch nicht stimmig.
    Jetzt hast Du beides, das sich fügt,
    in beide Taschen fleißig lügt,
    Dich schindet, bindet, schmäht und schröpft.
    Jetzt wirst Du von Rechts-Links geköpft
    mit den besonders Schlauen.
    Darauf kannst Du vertrauen.





In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (CCXIV)

18 10 2014

Man wusste, dass Gábor in Bár
sich kümmerte um jedes Haar.
„Ich schaue – ich schwöre! –
wie alle Frisöre
auf Geld nie, wie ich dann verfahr.“

Herrn Sterckx traf man, der in De Panne
verkaufte schon Tanne um Tanne.
„Ja, Weihnachten naht schon,
da ist man auf Draht schon,
und bringt jeden Baum jedem Manne.“

Herrn Balogh, den fragt man in Füle
nach einer balltauglichen Hülle.
„Ich rate bei Bällen
und ähnlichen Fällen
zur Kombination bunter Tülle.“

Man fragte Yo in Ndoffane,
wie er seine Kunden denn mahne.
„Ich rufe zehnmal an
und sage: so zahl dann,
dann schreib ich es auf eine Fahne.“

Es ärgert sich György, der in Pécs
verlor gegen Karl Match um Match.
„Ich werde trainieren,
haushoch werd ich führen,
bevor ich ihn schließlich zerquetsch!“

Wenn Jaime in Praia do Norte
der Kürbis im Garten verdorrte,
war er ganz bekümmert.
Was alles verschlimmert:
er pflanzte ihn doch an der Pforte!

Es orderte Rezső in Kács
zwei Zentner abgepackten Matsch.
„Das Heilen ist einfach,
man kauft zuvor fein flach
gebügelten, billigen Quatsch.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCLXII): Coaches

17 10 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Zweimal hat sich Uga den Gesichtsschädel im Materialkaltverformungsverfahren modifiziert, da beschloss er, fürderhin den Schwager zu fragen, wie das mit dem Wurfspeer geht. Nggr schritt zur Tat. Am praktischen Beispiel zeigte er dem Lernenden, wie man das Jagdgerät führt, die ballistischen Feinheiten im Angesicht des brüllenden Bisons bewältigt, vor allem: wie man es vermeidet, mit dem Teil in der Hand immer wieder aus voller Fahrt auf die Fresse zu fallen. So ziehen Monde hin, und die beiden versäumen, einen Sport aus der Sache zu machen. Eine Muschel pro Unterrichtseinheit schuldet Uga jetzt dem Unterweisenden, und so schnell, wie der Unterwiesene lernt, verlernt er auch alles wieder. Es wird eine langwierige, nutzlose Beschäftigung, aus deren Verquickung keiner sich mehr zu lösen vermag. Immerhin, Nggr hat neben der Fleisch- und Beerenbeschaffung einen neuen Job. Er ist Coach. Womit das Elend seinen Lauf nimmt.

Alles lernt man in dieser von Sinnlosigkeit durchschwiemelten Welt in Kursen, Volks- und anderen Hoch- oder Volksschulen, bei Päda- und Demagogen, auf Kranken- oder nur zum Schein, aber Hauptsache Bildung, und sei es Einbildung. Vom perfekten Spiegelei bis zum Schuheputzen, nach dem zweistufigen Rotweinseminar hockt sich der Beknackte durch den Computer-Führerschein, lernt Bauch- und Standardtänze, vegetarisches Tapezieren, Rückentraining für Singles mit Sprach- und Flüchtigkeitsfehlern, Kraulen für bekennende Nichtschwimmer, was auch immer der Hirnpfiff der Bildungsträger in den Raum schlenzt, um die Klasse und Kasse voll zu kriegen. Die Gesellschaft ist voll in ihre bildungsbürgerlichen Traditionen integriert, in der ein Staatsbürger erst seine Blumen gießen darf, wenn er ein Diplom dafür im Keller hängen hat. Der Boden ist bereitet für Herden von Hohlschwätzern, die sich klebrig in den Ecken der Befindlichkeit festsetzen, um in die Masse zu tentakeln.

Hinter der ganzen Grütze lauert nicht viel mehr als der erfolgsbekiffte Hirnsiff, durch reinen Willen sämtliche Hindernisse, Hemmnisse, Naturgesetze hinter sich lassen zu können, weil man bis zum Anschlag motiviert ist. Besser telefonieren, besser aufrecht gehen, erfolgreich mit Messer und Gabel essen. Nach zwei bis neun Lektionen in einfach zu erlernenden Kulturtechniken – Ein- und Ausatmen, Tischdecken, Massenmord – ist der Schützling so gestählt, dass er zum einen gar nicht mehr bemerkt, wie eng er sich bereits im Geschirr seines Kutschers befindet, den er durch die schwankende Landschaft zieht, ein torkelnder Fronknecht, der nichts zu tun hat, als seinen Herrn zu bezahlen. Auf der anderen Seite ist jegliches Programm, das gewöhnlich auch ein gelangweilter Schimpanse absolvieren könnte, mit einer suggestiv steilen Lernkurve versehen, das noch dem größten Knalldeppen solide gebürstetes Selbstbewusstsein verleiht. Fasziniert stellt der Teilzeitgnom fest, dass er schon alleine aus dem Bus gucken kann. So fügt sich eins ins andere.

Wer sich bisher nicht aufraffen konnte, nach der Synapsenkomplettabsaugung mit Schmackes den Dumpfdrall der Getöseproduzenten zu realisieren, auf den wartet die Mutter aller Fehlgeburten, der Motivationscoach – ein sozialer Kollateralschaden, der den immer noch denkfähigen Schlaffis in den Sitzmuskel tritt, damit sie zu leistungsfähigen Schafen werden. Vermutlich treten sich die Weichstapler turnusmäßig gegenseitig in den Hintern, um sich durch diverse Aggregatzustände der Beklopptheit wieder auf ihr angestammtes Niveau in der Intelligenzpyramide zu begeben: ganz tief unten.

Mittlerweile leistet sich der ohne Initiative und Selbstbewusstsein broschierte Hominide einen Personal Coach für die wirklich wichtigen Fragen im Leben. Wie esse ich gesund, wie manage ich meine Karriere, wie gewinne ich mehr Zeit? Eine flankierende Maßnahme, die sorgfältige Planung mit einigermaßen strukturierter Vorgehensweise zu unterstützen weiß, könnte beispielsweise die Anschaffung eines Wurfspeers sein, mit dem man sich Coaches vom Hals hält, Erfolgstrainer, Laberlullis, die in stundenlangen Vorträgen nichts anderes erklären, als dass sie der einzige Weg sind, um dereinst ohne Coach zu vegetieren. Angesichts dieses Verdeppungsterrors glaubt man kaum, wie unsere Ahnen Amerika entdeckt, den Mond betreten und die Büroklammer erfunden haben, ohne sich nur ein einziges Mal im Führungskräfteseminar den nächsten Burnout einreden zu lassen. Tröstlich, dass diese Luschen in den billigen Polyesteranzügen von ihrem Mundgeruch nicht einmal leben können. Was die Fauna durchjodelt, sind im Regelfall Versager, die ihrer Klientel einreden, jeder könne, ja jeder müsse besser sein als sie selbst, und die dabei nicht viel mehr verdienen, als würden sie der Kundschaft die Haare schamponieren. So konsultieren sie selbst Coaches, lassen sich weiter coachen, werden mit jedem Aufbauseminar befähigt, Binsenweisheit an die zahlenden Honks zu verpulvern – meist eben nur ihresgleichen – und drehen sich in einem ewig weiter Geld verzehrenden Kreislauf um sich selbst, wie ein schwarzes Loch mit dem eigenen Nabel in der Mitte, Coaches, die Coaches, die Coaches, die Coaches coachen, die Coaches coachen. Zum Coachen. Zum Kotzen. Das Elend eben, aber man kann ja draußen bleiben und der Sache beim Scheitern zusehen. An der frischen Luft hat das seinen ganz eigenen Reiz.





Putz-Hilfe

16 10 2014

„Immer muss sie heiraten!“ Anne war außer sich vor Zorn. „Ich war seit drei Wochen kaum zu Hause und es sieht aus, als hätte ich die Fenster nicht geputzt und…“ „Du hast die Fenster nicht geputzt“, korrigierte ich sie, „was übrigens daran liegen könnte, dass Du drei Wochen lang nicht zu Hause gewesen bist.“ Anne knirschte mit den Zähnen. Sie hatte ihre Wohnung nicht mehr im Griff, und es war ausnahmsweise einmal nicht meine Schuld.

Sofia Asgatowna, ihre langjährige Perle, hatte sich just wieder verehelicht – die Eheschließungen kamen so plötzlich und unerwartet wie andernorts die Lottogewinne, nur das Glück kam seltener – und fiel bestimmt für ein halbes Jahr aus. „Ein Heizdeckenverkäufer“, informierte sie mich. „Diesmal ist es die große Liebe, wie schon bei dem polnischen Kellner und dem Gewichtheber aus Tirol.“ Die Perle war sprunghaft, grundehrlich und doch anstrengend, aber glücklicherweise nicht für mich, denn ich kannte sie nur vom Sehen. „Ich brauche eine neue Putzfrau, für mindestens drei Monate. Und sie sollte sofort verfügbar sein.“ „Lass mich machen“, beruhigte ich sie. „Morgen ist die Anzeige geschaltet.“

Die Dame war pünktlich. Zumindest war sie noch am Mittwoch erschienen, auch noch am Vormittag, wenn man die späte Teestunde als verlängerte Mittagszeit gelten lassen wollte. „Ist dunkel hier“, mokierte sie sich. „Bei so wenig Licht, wer soll hier putzen?“ Sie hatte ja recht, und dass sie so spät kam, lag sicher auch nur am Feierabendverkehr. „Erst neue Glühbirnen“, befand sie. „Wenn nicht genug Licht, wer soll putzen?“ Sie natürlich, aber so deutlich wollte ich das nicht sagen. Außerdem, wozu sollte sich die ganze Raumpflege lohnen? Bei mangelhafter Beleuchtung würde nie jemand einen Blick in die Ecken werden.

„Steckdosen“, fragte die angehende Pflegekraft. „Wo sind Steckdosen?“ „Hier und da“, beeilte sich Anne. Die Aufwärterin winkte ab. „Zu kurz.“ Ich verstand nicht. „Schnur zu kurz, wenn Staubsauger richtig arbeitet, braucht lange Schnur.“ „Sie können es ja ausprobieren “, erwiderte Anne angesäuert. „Meine Staubsaugerschnur reicht normalerweise von hier aus bis ins Schlafzimmer.“ Doch hier prallte die Bewerberin zurück. „Wie, Sie saugen?“ Angewidert hob sie die Hände vors Gesicht. „Geht gar nicht! Ein Haushalt wird nur von der Putzfrau geputzt, und basta! Wer sich einmischt in meine Putzarbeit, ist gefeuert!“ Ich glaubte, mich verhört zu haben, doch sie stampfte energisch mit dem Fuß auf die Dielenbretter. „Gefeuert, jawohl! In meinem Haushalt dulde ich keine Einmischung! Basta!“

„Wenigstens hat sie klare Vorstellungen“, flüsterte Anne. „Allerdings“, raunte ich zurück, „würde ich gerne ein paar Referenzen sehen. Ich wüsste gerne, wer sich diese klaren Vorstellungen bisher hat gefallen lassen.“

Das Arbeitszimmer traf offenbar nicht ihren Geschmack. „Rollen“, mäkelte sie. „Stuhl muss Rollen haben!“ Bevor Anne auch nur nachfragen konnte, schrammte sie den Sessel an der Lehne über das Parkett. „Ich kann doch nicht ständig den Stuhl durchs ganze Zimmer tragen, wenn ich sauge! Der Stuhl muss Rollen haben, sonst können Sie hier alleine fegen!“ Anne war sprachlos, was selten vorkam, doch was noch seltener vorkam: mir fiel auch nichts mehr ein. „Ich lasse Ihnen eine Übergangsfrist von vier Wochen“, verkündete die Raumpflegerin gnädig, „bis dahin haben Sie sicher einen schönen Bürostuhl gefunden. Und bitte keine Kunststoffrahmen, die ziehen den Schmutz ja an. Metall bitte, und nicht schwarz beschichtet. Die muss ich sonst mit Spezialreiniger abwischen, und den zahlen Sie bestimmt nicht, oder Sie regen sich hinterher wieder künstlich auf, dass ich den Preis nicht halten kann, und dann erzählen Sie überall herum, dass ich zu teuer bin, und wenn Sie deshalb Flecke auf Ihrem Bürostuhl haben oder Kratzspuren im Lack, dann bin wieder ich schuld, das kennt man schon. Also was jetzt?“

Die Steckdosen im Schlafzimmer waren erstaunlicherweise okay, nur waren die Steckdosen in der Einzahl und diese befand sich neben der Tür. „Was soll das werden“, kreischte sie theatralisch, „saugen Sie denn nie hier? Staubsauger braucht immer kurze Schnur, immer, sonst muss ich doch ständig das Kabel aufwickeln.“ „Außer einem Bett und einem Wandschrank befindet sich hier aber nichts“, knurrte ich, „und die Steckdose ist direkt neben der Tür, also was jetzt?“ Sie stemmte entrüstet die Hände in die Hüften. „Und das Zimmer ist so groß, so viel Platz, warum räumen Sie nicht die restlichen Möbel hier ein, statt die ganze Wohnung so vollzustellen!?“

Anne schnappte bereits nach Luft. „Ich platze gleich“, wimmerte sie. „Aber was soll ich denn machen? Man kriegt doch in der ganzen Stadt keine Putzfrauen mehr, und ich kann ja schlecht auf Sofia Asgatowna warten.“ „Dann reden wir mal vom Preis“, wandte ich mich an die Ambientefachkraft, „was schwebte Ihnen denn so vor?“ Sie rümpfte die Nase. „Beim Geld lasse ich ja noch mit mir reden, aber ich arbeite doch nicht überall. Hier ist es viel zu dreckig!“ Meine Faust musste sich irgendwie in ihrem Kragen verheddert haben. „Putz“, zischte ich, „sonst frage ich Dich nach der Lohnsteuerkarte!“

Übrigens war Sofia Asgatowna nach zwei Wochen zurück. Die Hochzeitsreise war ein Fiasko gewesen. Vermutlich lag es an den Steckdosen.








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