Gernulf Olzheimer kommentiert (CCLXIII): Angeln

24 10 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Für bepelzte Vierbeiner muss das Pleistozän ganz okay gewesen sein. Kein Singvogel hat je etwas Negatives über diese Epoche berichtet. Dass jedoch der Hominide, und speziell das Geschlecht mit der Behaarungsattrappe im Gesicht, sich vor lauter Begeisterung in den ersten Kulturschock gestürzt hätte, kann man nicht sagen. Es war wohl auch nicht zu erwarten gewesen, so, wie er halt ab Werk veranlagt ist: da Zeitlichen, der Ablauf vom Morgengrauen bis zum Abendrot, ist noch immer in der embryonalen Seele verhaftet und wird als quasi organisch verzahnte Funktion des Stammhirns betrachtet. Der Frühmensch hockt in der dazu nicht gedachten Gegend und geht seiner bevorzugten Beschäftigung nach. Er guckt dann mal. Das entspannt die im Schädel kreiselnde Murmel ein bisschen und ist geeignet, den Tagesablauf wesentlich zu vereinfachen – falls man nicht im Schlaf von umherstreifenden Säbelzahntigern gerissen wird. Andere Kulturen hätten vielleicht die eine oder andere kopernikanische Wende, zumindest eine Reformation abgewartet, die Seinsphilosophie daraus konstruiert, was auch immer, nur der Troglodyt nicht. Er guckt. Wo immer er am Wasser guckt, und das lässt sich auch lange vor der hydraulischen Gesellschaft spielend erledigen, erfindet er eine neue Lebensform. Den Angler. Man hätte es wissen können.

Da sitzt an den Hafenbecken, lungert an Fluss und Teich, gammelt an jedem verfügbaren Rinnsal ein Depp mit ulkigem Hut voller bunter Bömmel herum, hält ein Stückchen Schnur in die Brühe und wartet darauf, dass nichts mehr geschieht – die Vorstellung, dass sich Elementarteilchen seit dem Urknall ohne behördliche Genehmigung bewegen, verursacht ihm Magenbluten. Wenn schon, dann Widerstand. Wenn man schon etwas zur Kunstform erheben muss, dann wenigstens den Stumpfsinn, und so sieht er auch aus, der aus der und in die Vegetation glotzende Bräskopf, die Inkarnation des farblosen Rauschens, wie er den Charme einer mittelgroßen Dachlatte versprüht. Angeln ist die angenehmste Form der sozialen Interaktion, die auf keinen Fall etwas mit Menschen zu tun hat, nicht unbedingt sozial zu sein braucht und mit etwas Glück keine Ähnlichkeit mit Interaktion hat. Der Angler existiert, wie seine Umgebung existiert. Wer sich vom Hintergrund abhebt, hat verloren.

Dabei ist das allgemein gepriesene Gefühl von Naturnähe, das sich der Angler als Legitimation für seine Flachwasserbeobachtung hinschwiemelt, nur ein billiges Etikett. Offensichtlich ist er gegen jede Zufuhr von Sauerstoff eh hochallergisch, denn warum sonst sollte er sich in Modder, Brackwasser oder aufgestauten Pfützen nach Flossern umtun, die ihm nicht wegschwimmen können, lebende Leichen mit Kiemen und Rückenflosse, nur für kulinarische Analphabeten als Eiweißquelle zu verwerten, und auch das nur, weil der Wurmbefall längst zwischen den Gräten haust. Wer Angst vor Tannen und Eichhörnchen hat und seinen maximalen Kick aus dem Adrenalinstoß zieht, die eine zwei Fingerbreit zu weit von der Sofaecke abgestellte Bierflasche hervorruft, der wird das Survivalerlebnis an Lache und Strom zu schätzen wissen. Falls er nicht zwischendurch vornüber in die ewigen Laichgründe kippt.

Mit ausgeklügelter Langatmigkeit popelt der Querkämmer mit der Rute im Anschlag die Dellen aus dem Quantenschaum: nichts soll sich bewegen, und wenn schon, dann in vorhersagbar lahmer Gleichförmigkeit. Wer auch immer den Angelschein erfunden hat, er muss in der Gemeinde der meditativ das Wasser umrührenden Standbilder im Weichbild der Flusssiedlungen die Verehrung eines Nationalheiligen genießen. Kathedralen werden nach ihm benannt, nie endende Feiertage, Bußgeld- und Prüfungsfragenkataloge, die ein Priester mit monotoner Stimme in konzentrischen Kreisen herunterleiert, während sich die Mesonen, hätten sie Finger, alle von ihnen in die Ohren stopfen würden, um der Unerträglichkeit des Seins zu entgehen. Einmal nicht die Kampfbremse an der Stationärrolle gezogen, und zack! gibt’s eine aufs Maul. Artgerecht natürlich. Der Angelscheinheilige wacht schon darüber, denn was wäre der Bekloppte ohne eine Hausordnung, die alle andern auf sein Niveau zieht.

Wobei es noch niedriger geht. Der angeblich sportliche Angler simuliert eine Art Stierkampf für Waschlappen, in dem er sich zum Herrenmenschen der feudalen Klasse aufschwingt, vergleichbar dem Jäger, der sich von den Domestiken die Hirsche ankarren und vor die Wumme treiben lässt, um in seiner verpfuschten Inkarnation überhaupt mal zum Schuss zu kommen. Hätten die anderen Arten ihre Chance rechtzeitig ergriffen, sie würden den Deppen am anderen Ende des Keschers ohne zu zögern wieder in die Ursuppe kloppen. Die Natur würde den Abbauprozess locker verkraften. Für die paar Jahre.





Jägermeister

23 10 2014

„… das Bundesverwaltungsgericht entschieden habe, dass der Jäger seine Waffenbesitzkarte endgültig verloren habe, da er seine Schusswaffe im alkoholisierten Zustand…“

„… sich der scheidende BKA-Präsident Ziercke sehr zufrieden gezeigt habe. Das Urteil sei geeignet, die Gewalt im Straßenverkehr erheblich einzudämmen, da immer mehr Autofahrer unter dem Einfluss von Alkohol und Drogen am Lenkrad säßen. Nach der Leipziger Entscheidung müssten sie nun auf das Mitführen von Waffen verzichten, was eine merkliche Entspannung bei Kontrollen…“

„… habe eine Blitzumfrage unter deutschen Kneipenwirten zutage gebracht, dass der Ausdruck sich abschießen eine ganz neue Bedeutung…“

„… mit Bedauern zur Kenntnis genommen, dass das auch für Jäger im Freistaat Bayern…“

„… sich Steinmeier sehr zufrieden gezeigt, dass die Waffenlieferungen an die salafistischen Herrscher in Saudi-Arabien für mehr Stabilität im Nahen Osten sorgen würden. Da in muslimischen Ländern generell weniger getrunken werde, sei der Umgang mit Waffen und Munition viel mehr von Verantwortung geprägt und könne auch im internationalen Kontext…“

„… eine unerträgliche Bevormundung des Bürgers durch die EU-hörige Mainstream-Gutmenschenjustiz. Lucke wolle nach der Machtergreifung sofort das Rauchen im deutschen Forst erlauben und die…“

„… ab sofort auf eine kleine Schnapsflasche verzichtet werde, die man jeder Lieferung an Privatkunden beilege. Heckler & Koch werde fortan wieder Schokoladenpatronen…“

„… habe das Bundesjustizministerium darauf hingewiesen, dass man mit einer Schusswaffe unter Alkoholeinfluss lediglich einen Totschlag begehen müsse, strafmildernde Umstände statt der…“

„… der Kriminologe Christian Pfeiffer auch darauf hingewiesen habe, dass unter dem Einfluss von Rauschmitteln immer wieder sogenannte Killerspiele gespielt würden, in deren Folge sich verantwortungslose Jugendliche Schusswaffen besorgten und mit ihnen gezielt auf…“

„… werde das Unternehmen auf das Inkrafttreten des Freihandelsabkommens warten. Der Investorenschutz sei das Mittel der Wahl, um potenzielle Umsatzeinbußen, die durch einen verminderten Absatz von Jägermeister in der Bundesrepublik…“

„… darauf hingewiesen habe, dass der Kläger im waffenrechtlichen Sinne unzuverlässig sei, weil er eine Waffe im alkoholisierten Zustand zu Jagdzwecken benutzt habe. Nicht eruiert worden sei allerdings, ob er bei einem Raubüberfall eine rechtskonforme…“

„… einen halben Liter Rotwein auf ein einziges Tier. Dies sei nach Auskunft des Küchenchefs der Jagdgaststätte Hubertusstüberl eher eine viel zu knapp bemessene Menge an…“

„… nach Ansicht von Psychologen im betrunkenen Zustand für Polizisten halten und ihre Schusswaffe dementsprechend als einen…“

„… immerhin mit einem einzigen Schuss einen Rehbock erlegt habe. Der Anwalt des Waidmannes habe dies als Nachweis betrachtet, dass das Führen einer Waffe mit erhöhter Blutalkoholkonzentration nicht nur nicht beeinträchtigt, sondern sogar…“

„… warne der Jagdverband vor Stichproben im Revier. Die Gefahr für Polizisten sei zu groß, besonders wenn Jäger sich durch Zufuhr von Heißgetränken…“

„… mit Waffen und Munition nicht vorsichtig oder sachgemäß umgehen könne. Der Kläger habe daraufhin mitgeteilt, dass er die notwendige Vorsicht überhaupt erst nach zwei Gläsern…“

„… bereits eine Warnadresse des ADAC an die Bundesregierung. Sollte der Gesetzgeber die Null-Promille-Grenze für den von Steuern, Abgaben und der Straßenverkehrsordnung zum Paria der Nation degradierten Kraftfahrzeugführer wieder in die Diskussion bringen, werde der Verband sofort mit einem Warnstreik…“

„… die Parlamentarier beruhigt habe. Von der Leyen sei davon überzeugt, dass von der Bundeswehr keine Gefahr ausgehe, da dort noch nie mit Jagdwaffen…“

„… der beschuldigte Jäger in einer Einlassung vor dem Gericht geäußert habe, er habe überhaupt nur geschossen, weil er zwei Rehböcke gesehen habe. Danach müsse er vor Schreck ein ganzes Glas Wodka auf dem Hochsitz…“

„… entschieden widersprochen habe. Da eine durch den Alkohol geminderte Reaktionsgeschwindigkeit auftrete, werde die Schusswaffe bestimmt nicht spontan abgefeuert und sei somit viel weniger gefährlich für den…“

„… nicht überzeugend. Die Bundeswehr stehe weiterhin in der Kritik, da die deutsche Armee nach Aussage vieler Insider nur im Vollsuff zu ertragen sei und sich…“

„… setze die waffenrechtliche Zuverlässigkeit die Fähigkeit und die Bereitschaft voraus, das Risiko der Schädigung Dritter strikt zu vermeiden. Es sei daher zu überlegen, ob dies nicht durch ein generelles Verbot von Waffen in Privatbesitz…“

„… sich mehrere Jäger anonym zu Wort gemeldet haben wollen. Offenbar sei nur unter dem Einfluss starker Spirituosen der Gedanke erträglich, auf Tiere zu schießen und ihre Kadaver danach…“





Beraten und verkauft

22 10 2014

„Und Sie sind?“ „Der IT-Berater der Bundesregierung.“ „Oh, spannend. Und was machen Sie da so?“ „Eigentlich nichts. Die sind ja größtenteils beratungsresistent.“

„Sie haben diese tollen Produkte wie De-Mail erfunden?“ „Wir haben die Regierung nur beraten.“ „Hätten Sie die dann nicht so beraten können, dass Sie davon abraten?“ „Das ist ja eins der Probleme. Sie haben Berater, hören aber nicht auf sie.“ „Und warum haben sie dann überhaupt welche?“ „Warum hat Deutschland eine Verteidigungsministerin?“ „Weil in der Rüstungsindustrie zu wenig Verwaltungsjuristen arbeiten?“ „Guter Punkt. Aber mit uns ist das etwas anders. Wir müssen ja von der Materie etwas verstehen.“ „Weil die Regierung das von ihren Beratern erwartet?“ „Damit sie davon nichts verstehen muss.“ „Aber dann merken die doch nichts mehr, wenn Sie die beraten.“ „Deshalb hören sie auch nicht zu, wenn wir – ach, vergessen Sie’s einfach.“

„Und woran arbeiten Sie derzeit?“ „Wir haben diverse Projekte und so.“ „Also nichts Festes?“ „Eher nicht. Wir stellen nur manchmal fest, dass wir irgendwo nicht weiterkommen, und wenn wir bei einer Sache lange genug festgefressen sind, dann erklären wir den Ist-Zustand zum aktuellen Arbeitsergebnis.“ „Wie so eine richtige Denkfabrik, ja?“ „Nee, weder das eine, noch das andere.“ „Aber…“ „Wir sind eher wie so eine Küche, aber die eine Hälfte kann nicht kochen, die andere will nicht kellnern.“ „Und was kommt dabei raus?“ „Ein Ergebnis, das dem Niveau der Bundesregierung entspricht.“

„Geben Sie doch mal ein konkretes Beispiel, damit man sich auch etwas unter Ihrer Arbeit vorstellen kann.“ „Da hätten wir dann beispielsweise ein deutsches Internet, das nur für die Regierung zuständig ist.“ „Also ein Internet, das man nur in Deutschland benutzen kann.“ „Richtig.“ „Das ist doch Blödsinn.“ „Absolut korrekt.“ „Und das sagen Sie einfach so?“ „Warum denn nicht? Ihre Feststellung entspricht doch genau den Tatsachen, da gibt’s doch keinen Grund für eine Diskussion.“ „Aber erlauben Sie mal, das ist doch kein bisschen vernünftig. Das kann man doch als Berater nicht machen.“ „Oh, das hatte ich nicht gewusst.“ „Sie sollen doch die Projekte realisieren, die Ihr Auftraggeber Ihnen vorgibt, oder?“ „Richtig. Genau das mache ich ja.“ „Sie wollen mir jetzt allen Ernstes weismachen, die Bundesregierung habe ein deutsches Internet in Auftrag gegeben?“ „Das ist so nicht richtig.“ „Aha, dachte ich’s mir doch, dass Sie…“ „Es war nicht die gesamte Regierung. Federführend waren beispielsweise die Herren de Maizière und Pofalla.“ „Ich bitte Sie – ein Internet nur für Deutschland! Erstens ist das technisch absolut nicht möglich, zweitens ist es vollkommen sinnlos, und drittens…“ „Drittens?“ „Egal, das reicht doch, oder? Das ist absurd!“ „Haben Sie eine ungefähre Vorstellung dessen, wie die Autobahnmaut entstanden ist?“

„Was ist denn dran an den Gerüchten, dass der Geheimdienst alle Bürger überwacht?“ „Dazu kann ich nichts sagen, ich arbeite ja ausschließlich im Auftrag der Regierung.“ „Und das heißt?“ „Die Bundesregierung hat derzeit überhaupt keine Ahnung, wie es zu diesen Aktionen kommen konnte. Aber ich kann Sie wenigstens im Auftrag der Regierung beruhigen. Die Daten sind sicher.“ „Sie machen sich lustig über mich!“ „Nein, wir haben eine Kontrollfunktion erfunden im Auftrag der Regierung. Die Daten sind absolut sicher.“ „Wie können Sie das behaupten?“ „Sie wurden ja lediglich kopiert, deshalb sind die Originale alle noch da.“ „Und das Ergebnis?“ „Für Deutschland oder nur für die Regierung?“ „Für beide.“ „Ich würde sagen: beraten. Und verkauft.“

„Gibt es denn überhaupt ein Projekt, das Sie mal ganz bis zu Ende gebracht haben?“ „Warten Sie mal – das Adressbüchlein.“ „Ein Adressbüchlein? Ah, verstehe, Internetadressen.“ „IP-Adressen.“ „Und wozu dient das?“ „Die Kanzlerin wollte sich ein paar IP-Adressen aufschreiben, hat sie gesagt.“ „Und Sie haben ihr erklärt, was das ist?“ „Kann gut sein, aber ich erinnere mich, wie gesagt, nicht, ob sie auch…“ „… zugehört hat?“ „… ein einziges Wort verstanden hat davon. Für sie sind diese ganzen Sachen ja Neuland, und deshalb hat sie auch nicht nachgefragt.“ „Dann hat sie es also doch verstanden?“ „Wohl eher nicht, aber um nachzufragen, muss man es doch wohl ein kleines bisschen verstanden haben.“ „Und Sie?“ „Keine Ahnung, ich glaube, wir haben das Projekt danach für zeitweilig beendet erklärt. Wie die Liste mit den E-Mail-Adressen, von denen sie nur die deutschen haben wollte.“ „Für das deutsche Internet?“ „Nein, aber wenn von denen Nachrichten geschrieben werden, muss das ja auf Deutsch sein – sind halt deutsche Adressen – und von denen muss man dann auch keine Daten mehr ins Ausland schicken.“ „Dann ist ihr Eintreten für mehr Datenschutz doch nicht so verkehrt.“ „Nee, die Amis hören halt nur das deutsche Internet ab, da muss man’s dann nicht mehr extra kopieren.“

„Haben Sie auch Zukunftsprojekte?“ „Mehrere. Momentan arbeiten wir an einer Regierungs-App. Wollen Sie mal sehen?“ „Gerne, zeigen Sie mal.“ „Na?“ „Wie jetzt, ist das alles?“ „Sieht doch super aus.“ „Macht aber überhaupt nichts.“ „Also die Auftraggeber sind sehr zufrieden. Wissen Sie was? Ich habe so den Eindruck, diesmal könnten sie etwas kapiert haben.“





Herbstlaub

21 10 2014

Annes Hände krallten sich ins Lenkrad. Sie war nervös. „Und dann hat er mir doch gesagt, er würde diese Maisonettewohnung sofort nehmen!“ Es mochte täuschen, doch sie war möglicherweise etwas verärgert. „Was fällt diesem verdammten…“ „Na“, beruhigte ich sie, „na, na – wer wird denn gleich in die Luft gehen?“ Gut, dass es sich nur um eine harmlose, kleine Streiterei handelte, wie sie Max, dieser Idiot, nun einmal in schöner Regelmäßigkeit auszulösen vermochte. Und gut, dass Anne gerade nicht mit 270 Kilometern in der Stunde unterwegs war, wie sonst, wenn ich in ihrem Wagen saß. Wir standen nur gegenüber dem großen Verwaltungsgebäude. Was schlimm genug war.

„Er hat sich also mit Absicht eine besonders schöne Wohnung ausgesucht“, konstatierte ich. Dass Anne sofort die Nerven verlieren würde, hätte ich mir denken können. „Sie ist eigentlich wie meine“, keuchte sie, „ganz genau wie meine: unten die Küche und oben das Bad, aber sie hat blonde Locken, und solche – solche Oberarme!“ Ich runzelte leichthin die Stirn. „Solche Oberarme! Das ist doch die reine Boshaftigkeit, und ich werde ihn ganz einfach aus meinem Leben streichen, Du wirst schon sehen.“ Ich seufzte. „Du wirst schon sehen! Diesmal ist es mir ernst!“

Davor hatte Anne Max Hülsenbeck in einer Tango-Bar entdeckt mit der Schreibkraft von Doktor Klengel. Für drei Wochen hatte sie den aufstrebenden Staatsanwalt vor die Tür gesetzt, danach hatte beide einen wundervollen Trip nach Schottland unternommen, der nur vor einer SMS unterbrochen wurde, zwar von Doktor Klengels Schreibkraft, aber das war hernach auch egal. „Ich rede kein Wort mehr mit diesem Schwein“, keifte Anne. „Er soll in seiner elenden Bude alt und grau werden und einsam vertrocknen, aber ich will nicht, dass er sie kriegt!“ Ich seufzte. „Diesmal ist aber wirklich, wirklich ernst. Ich werde das nicht mehr…“ Wuuuu! „… und auf gar keinen…“ Wuu-huuuu-huuuuu! „… Du mir überhaupt zu?“ Ich ließ die Seitenscheibe herunter und musterte den jungen Burschen, der sich mit seinem motorisierten Blasinstrument an den Parkplätzen gegenüber der Staatsanwaltschaft zu schaffen machte. „Meister“, sagte ich halbwegs freundlich, „das geht auch eine Nummer dezenter, oder?“ „Nee“, nuschelte der Gärtner, „hörnsema, dis krichich heute nichma feddich, un denn binnich freia Mitarbeita, dis muss in zehn Minuten durch.“

Eigentlich war sie mit diesem Kerl längst durch, und das, obwohl ich sie jedes Mal wieder vor ihm gewarnt hatte. „Er kann einfach nicht treu sein“, knurrte Anne. „Er erfindet wieder einmal absurde Geschichten, um mich zu hintergehen – ich kann das einfach nicht mehr mitmachen!“ Noch einmal: ich seufzte. „Wo ist das Problem?“ „Er muss wohl noch heute Vormittag dem Kauf zustimmen, sonst ist die Wohnung weg.“ Immerhin war diese Situation jetzt halbwegs klar, da wir beide nur eine Handbreit von Hülsenbecks Fenster mit dem Rücken an die Hauswand gepresst standen, zwei grauenvoll schlechte Geheimagenten ohne jedes Geheimnis, und das auch noch an der Straßenfront, wo uns die Passanten bereits kritisch beäugten. „Was willst Du denn jetzt?“ Sie schnaufte mit aller Entschiedenheit. „Ich will nicht, dass sie die Wohnung kriegt!“ Das war doch schon eine gute Grundlage. Weiß eine Frau, was sie will, steckt man in massiven Problemen; weiß sie, was sie nicht will, dann kann man mit einem komplizierten, aber nicht ganz unlösbaren Fall weiterarbeiten.

Hülsenbeck telefonierte, vielmehr versuchte er es. Am anderen Ende meldete sich niemand, und wurde er angerufen, so sprach er mit gepresster Stimme, als hätte er keine Zeit für ein ausführliches dienstliches Gespräch. „Er muss noch heute dem Kauf zustimmen“, frohlockte Anne, „sonst kann er sich diese Scheißbude in die Haare schmieren, und seine dumme…“ Ich wollte gerade seufzen, doch da nahte sich schon unser Bekannter aus dem städtischen Dienst. Sein lautstarkes Gerät bullerte gerade im Leerlauf vor sich hin. Ein durchaus interessanter Gedanke durchschoss mich. „Ich bin Dir wohl noch einen Gefallen schuldig“, sagte ich nonchalant und bückte mich, um unter dem Fenster durchzuschlüpfen. Geradewegs schritt ich auf unsere saisonale Entsorgungsfachkraft zu. „Zehn Minuten“, lockte ich und hielt ihm einen Schein unter die Nase. Er überlegte. Ich erhöhte. „Und die Jacke dazu. Und die Mütze.“

Jetzt hatte Hülsenbeck ein Freizeichen. „Hallo? Ich wollte wegen der…“ Wuuuuuu! „… nein, ich bin…“ Wuu-huuu! „… wegen der…“ Wuuuuuuu! „… nur fragen, ob die…“ Wuuu-huuu-huuuuuuuu! „… eventuell noch…“ Er verlor die Nerven und knallte den Hörer auf die Gabel. „Ruhe, verdammt noch mal!“ Ich pustete ihm die Krawatte und den größten Teil der Frisur beiseite. „Auch noch ’ne dicke Lippe riskieren, was? Wir sehen uns wieder, Kollege – wir sehen uns wieder!“ Wuu-huuuuuu!

„Fein“, freute sich Anne, während ihr Verflossener sein Zimmer zu zerlegen schien. „Wer jetzt kein Haus hat“, gab ich zu bedenken, „baut sich keines mehr, wer jetzt allein ist…“ Sie rieb sich die Hände vor Freude. Man musste zugeben: die Sache war gar nicht so schlecht gelaufen. Und ich hatte nicht geahnt, dass ein Laubbläser derart angenehm zu bedienen sei. Gleich am nächsten Tag, so beschloss ich, würde ich nachfragen, was so ein Presslufthammer kostete. Für alle Fälle.





Bundesgrenzschutz

20 10 2014

„Aber natürlich nicht, Herr Altmaier. Sie sind ein Staatsfeind. Und als solcher werden Sie nicht die Bundesrepublik Deutschland verlassen. Es sei denn, Sie möchten gerne spektakulär ableben. Kann man ja nicht wissen.

Aber wie gesagt, auch das nur diesseits unserer Grenzen. Sie müssen also nicht erst nach Syrien, um eine Kugel in den Kopf zu kriegen. Unsere Grenzen sind ab jetzt sicher, so sicher war nicht einmal die Rente. Und gleich als freundlichen Hinweis an Sie und Ihre Kollegen, das mit der Fußfessel können Sie knicken. Noch mal machen wir den Fehler nicht.

Behinderung eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses, Herr Altmaier. Nötigung. Sie sollten vielleicht ab und an mal die Urteile des Bundesverfassungsgerichts lesen. Im Gegensatz zu Ermittlungsbehörden besitzen Sie keine Narrenfreiheit. Noch nicht. Aber so ist das halt mit dem Terrorismus, Herr Altmaier. Einmal in der Staatsrechtsvorlesung nicht aufgepasst, und schwupps! ist man ein Feind der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Aber Sie haben Glück. Im Gegensatz zu anderen, die der Staat für Verfassungsfeinde hält, teilen wir es Ihnen wenigstens vorher mit.

Doch, Herr Altmaier, das ist wohl die richtige Reihenfolge. Erst denken wir uns eine Strafe aus, egal, ob sie verfassungskonform ist, und dann definieren wir uns irgendeinen Straftatbestand. Wehrkraftzersetzung, Rassenschande, wen kümmert das. Sie kennen die Reihenfolge doch zur Genüge. Seien Sie froh, wenn Sie niemand aus dem Amt kegeln will und Ihre Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung entdeckt.

Ich bitte Sie, Herr Altmaier. Was wollen Sie denn im Ausland? Wollen Sie bei der Regierung der Vereinigten Staaten nachfragen, ob einer Ihrer zahlreichen Innenminister etwas bei der NSA hat liegen lassen? Das ist doch gar nicht Ihr Zuständigkeitsbereich, Herr Altmaier. Ihrer zeichnet sich doch gerade dadurch aus, dass er gar nicht existiert. Natürlich bleibt es nicht bei Ihnen. Was glauben sie denn, wer sie sind? dass wir für jeden Idioten ein eigenes Gesetz machen? Der Rest der ganzen Blase bleibt jetzt eben auch hübsch zu Hause. Wird etwas unangenehm für den Kollegen Steinmeier, aber da muss er durch. Mitgefangen, mitgehangen.

Das ist doch das Schöne an der Prävention. Wir wissen nicht, was kommt, jeder darf irgendeine dümmliche Horrorvorstellung entwickeln, irgendein Minister sondert in der Presse Sachen ab, die gar nicht realisierbar sind – nehmen Sie das persönlich? gut, dann nehmen Sie das gerne persönlich – und dann werden für teuer Geld sinnlose symbolische Aktionen getätigt. Lebensmittelampel, Netzsperren, Glühlampenverbot, im Flugzeug darf man nur noch in Beton gegossene Zahnpasta mitführen, und dann stellen wir plötzlich fest, dass sich irgendwelche westafrikanischen Viren nicht ans Haustürwiderrufsgesetz halten. Aber daran sind dann ja die Arbeitslosen schuld oder Frauen in Führungspositionen.

Wir machen das rein präventiv, Herr Altmaier. Da wir nicht wissen, was Sie im Ausland alles so anstellen würden, und da wir andererseits auch eine ungefähre Vorstellung davon haben, wozu Sie in der Lage sind – meckern Sie nicht, Sie sind Teil der Bundesregierung und haben sich von dieser noch nicht ein einziges Mal distanziert, und was für muslimische Staatsbürger recht ist, wird doch für Sie auch nur billig sein, oder? – lassen wir Sie einfach nicht mehr ins Ausland. Wir haben das einfach so gemacht wie sie: irgendein Depp mit den Resten eines juristischen Staatsexamens zählt sich an den Knöpfen seiner Strickweste die Begründung ab, und dann beschließen wir etwas, was sich als Schlagzeile gut macht am Stammtisch. Lagerhaft für Flüchtlinge, Fußfessel für Muslime, Asylanten in Privathaushalten. Wir tun doch etwas gegen die Politikverdrossenheit, Herr Altmaier. Wenn wir damit die Bevölkerung erreichen, dann haben wir endlich wieder ein echtes Interesse an der Politik in diesem Land. Gut, nicht unbedingt für Ihre Partei. Aber das werden Sie als lupenreiner Demokrat sicher verschmerzen.

Es könnte natürlich passieren, dass Sie leichte Schwierigkeiten bekommen. Sagen wir mal so: den Alltagsrassismus, den die Bundesregierung, so entschieden bestreitet, den kriegen Sie jetzt ein bisschen stärker ab. Falls Sie mal ein Päckchen auf der Post abholen und nur Ihr Ersatzdokument zur Hand haben, kann es natürlich passieren, dass Sie von einem verfassungstreuen Mitbürger richtig eins aufs Maul kriegen.

Da wir grundrechtsbeschränkende Maßnahmen ab sofort auch im Verdachtsfall anwenden, werden Sie selbstverständlich schon jetzt Ihren Ausweis abgeben, Herr Altmaier. Das ist eben so in diesem Staat, daran sollten Sie sich doch längst gewöhnt haben – was der Richter nicht weiß, macht den Richter nicht heiß, nicht wahr? Das wird jetzt einfach mal so beschlossen, die Justiz hat genug zu tun, und was meinen Sie, wie sich so ein einfacher Polizist freut, wenn er mal Richter spielen darf. Der freut sich ein Asylbewerberheim in den Vorgarten, dass er mit so einer Machtfülle ausgestattet wird. Bei dem Gehalt. Wie gesagt, schon beim Verdacht ist Ihr Personalausweis weg. Wir lassen einfach nicht zu, dass deutscher Staatsterrorismus in andere Länder exportiert wird.

Repression und Prävention, so funktioniert eine vernünftige Doppelstrategie. Wir rechnen ganz fest damit, dass Sie einsichtsfähig sind. Oder haben Sie etwa irgendwas zu verbergen? Ach nichts, ich frage aus Routine. Aber wenn, dann wäre es doch ganz gut, wenn diese Informationen nicht die Grenze überschreiten würden.

Stellen Sie sich locker, Herr Altmaier. Sie bekommen so ein Papierding aus der Steinzeit, nicht mal maschinenlesbar. Und durchaus nicht fälschungssicher. Sie sollen doch bis zur Grenze immer merken: das ist Deutschland hier.“





Doppelt vermoppelt

19 10 2014

Da guckste – Hilde war schon Braut,
doch Lenchen, die hat Locken.
Die Hochzeit hast Du schön verbaut
mit zwischen Stühlen hocken.
Am liebsten wär’s Dir und genehm,
Du hättest einfach beide.
Das wäre wirklich sehr bequem
und eine wahre Freude.
    Ja, Kuchen. Beide kriegst Du auch.
    Die eine klopft Dir auf den Bauch.
    Die zweite ist auch gar nicht faul
    und gibt Dir richtig was aufs Maul.
    Zwei zuckersüße Frauen.
    Wem soll man noch vertrauen?

Bei Puschmann kostet Schnaps zwei zehn,
bei Klimpner nur eins achtzig.
Der Unterschied, der lässt sich sehn.
Du denkst, die Sache macht sich.
Dazu ist Puschmanns Schnaps recht gut,
von Klimpners kann man trinken.
Schon greifst Du nach dem großen Hut,
willst in die Kneipe winken –
    das Zeug von Puschmann: ein Skandal.
    Wie kalte Füße. Eine Qual.
    Und Klimpners Plörre: jetzt bei drei.
    Und schmeckt zum Brechen noch dabei.
    Es ist das nackte Grauen.
    Wem soll man noch vertrauen?

Beim einen Gang war’s SPD.
Dafür bekamst Du Qualen.
Die Daumenschrauben taten weh.
Das wolltest Du bezahlen.
Beim nächsten Mal war’s CDU.
Du stimmtest zwar nur grimmig,
doch das Ergebnis fandest Du
am Ende auch nicht stimmig.
    Jetzt hast Du beides, das sich fügt,
    in beide Taschen fleißig lügt,
    Dich schindet, bindet, schmäht und schröpft.
    Jetzt wirst Du von Rechts-Links geköpft
    mit den besonders Schlauen.
    Darauf kannst Du vertrauen.





In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (CCXIV)

18 10 2014

Man wusste, dass Gábor in Bár
sich kümmerte um jedes Haar.
„Ich schaue – ich schwöre! –
wie alle Frisöre
auf Geld nie, wie ich dann verfahr.“

Herrn Sterckx traf man, der in De Panne
verkaufte schon Tanne um Tanne.
„Ja, Weihnachten naht schon,
da ist man auf Draht schon,
und bringt jeden Baum jedem Manne.“

Herrn Balogh, den fragt man in Füle
nach einer balltauglichen Hülle.
„Ich rate bei Bällen
und ähnlichen Fällen
zur Kombination bunter Tülle.“

Man fragte Yo in Ndoffane,
wie er seine Kunden denn mahne.
„Ich rufe zehnmal an
und sage: so zahl dann,
dann schreib ich es auf eine Fahne.“

Es ärgert sich György, der in Pécs
verlor gegen Karl Match um Match.
„Ich werde trainieren,
haushoch werd ich führen,
bevor ich ihn schließlich zerquetsch!“

Wenn Jaime in Praia do Norte
der Kürbis im Garten verdorrte,
war er ganz bekümmert.
Was alles verschlimmert:
er pflanzte ihn doch an der Pforte!

Es orderte Rezső in Kács
zwei Zentner abgepackten Matsch.
„Das Heilen ist einfach,
man kauft zuvor fein flach
gebügelten, billigen Quatsch.“








Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 5.392 Followern an